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5. August

HERR, höre meine Worte, merke auf mein Seufzen!
Vernimm mein Schreien; denn ich will zu dir beten.

Psalm 5,2.3

Wie oft beten Sie? Das schweizerische Bundesamt für Statistik
wollte es vor einiger Zeit ganz genau wissen. 44,8 Prozent
gaben an, dass sie in den letzten zwölf Monaten nicht
gebetet haben. Fast gleich viele Befragte, nämlich 43,4 Prozent,
gaben an, dass sie mindestens einmal im Monat beten,
24,1 Prozent davon täglich. Was bedeutet Ihnen das Gebet?
Wird Ihr Seufzen vernehmbar oder gar Ihr Schreien? Kann
vielleicht zumindest Gott es hören?
Vor zwanzig Jahren ist Dorothee Sölle gestorben. Sie fehlt.
Denn es gibt nicht viele Menschen wie sie, die uns weiterhin
zum Beten ermutigen. Die uns die Schönheit und
die Menschlichkeit, das Dialogische und das Politische des
Betens zeigen. Dorothee Sölle sagte: «Beten bedeutet, nicht
zu verzweifeln. Beten ist Widerspruch gegen den Tod. Es
bedeutet, Wünsche zu haben für uns und unsere Kinder.»
Für die Statistik wäre Dorothee Sölle ein klarer Fall gewesen:
Täglich (…) gott um die gabe der tränen bitten
täglich salz und scham
täglich frei werden
täglich gott
Dorthin möchte ich gerne. Und Sie?

Von: Matthias Hui

4. August

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass
dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott;
denn Gott ist im Himmel und du auf Erden;
darum lass deiner Worte wenig sein.
Prediger 5,1

Wir wissen nicht, wer genau der Verfasser des Kohelet, des
Predigerbuchs, ist. Hier tönen seine Worte so, als ob sie aus
einem Kurs für kirchliche Mitarbeitende stammen würden.
Sie sind aber etwa ums Jahr 200 vor Christus entstanden!
Was hier und im ganzen (kurzen) Abschnitt gesagt wird,
gilt heute genauso wie damals: Entscheidend ist nicht, was
getan oder was gesagt wird – entscheidend ist, dass zunächst
gehört wird (vorangehender Vers)! Tempeldienst – wir können
ihn hier und heute ruhig als Gottesdienst verstehen –
beginnt mit einer hörenden Haltung. Das bewirkt, dass
das eigene Wort, das dann gesagt wird, mit Zurückhaltung
gesagt wird. Es geht nicht um mich, es geht um Gott! Und
um meinen Respekt vor ihm/ihr. Diesen zeige ich durch
einen bedachten, achtsamen Umgang mit der Art, wie ich
rede. Es ist geradezu rührend, wie ausführlich der Prediger
hier ist, wie genau er seine Anweisungen gibt, wie direkt er
spricht und wie eindeutig er Hören, Denken, Reden und
Handeln (rituelles Tun) in eine Reihenfolge bringt; das Reden
folgt erst an dritter Stelle! Weil der Prediger jedoch kein
Kursleiter ist, gelten seine Mahnungen schlicht allen und
jederzeit.

Von: Hans Strub

3. August

Eure Liebe ist wie der Tau, der frühmorgens vergeht!
Hosea 6,4

Hosea ist der Prophet der harten und radikalen Sätze! Er
sieht es als seinen prophetischen Auftrag, dem Volk klipp
und klar zu sagen, wo es steht und wie es sich verhält. Er tut
das hier, indem er ein Bild umdreht, das vertraut ist und das
auch in Liebesgedichten in vielen Variationen verwendet
wird, zum Beispiel: Meine Liebe ist wie der Morgentau, der
sich sanft auf dich legt. Eben gerade nicht bei euch, sagt
Hosea, er löst sich auf, verdunstet, verschwindet. So ist es mit
eurer Liebe, mit eurer Treue (die Zürcher Bibel bleibt etwas
zurückhaltender): Sie hält nicht. Sie trägt nicht. Man kann
ihr nicht vertrauen. Man kann euch nicht trauen. Ihr macht
zwar den Anschein, als ob ihr Liebe und Treue hättet, aber
wenn man genauer hinschaut, ist da nichts. Leere. Also Lieblosigkeit,
Treulosigkeit. Das «richtige Gegenteil sind Wahrhaftigkeit
und glaubwürdiges Sein und Tun!» (Verse 5–6)
Darauf kommt es an, damals am Ende des Nordstaates Israel
wie heute. Hoseas heftige Worte stellen auch uns Fragen –
aber sie geben auch Hinweise auf Antworten. Nicht wie wir
uns geben, ist recht, sondern wie wir sind. Im Verhältnis zu
Gott und im Verhältnis zueinander. Nicht flüchtiger Tau,
sondern nährendes Wasser. Nicht frommer Schein, sondern
demütiges Sein. Hosea versteht sich als Prophet, der das
sagen muss, was nicht geht. Denen, die ihn hören, kommt
es zu, die richtigen Konsequenzen zu leben.

Von: Hans Strub

2. August

Paulus schreibt: Unsre Hoffnung steht fest für euch,
weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt
ihr auch am Trost teil.
2. Korinther 1,7

Wir stehen am offenen Grab. Sie haben ihr Kind verloren.
Ihre Trauer kann man nicht messen. Erschüttert bewegen
wir uns Richtung Kirche. In der Predigt suche ich nach einem
Bild für die Hoffnung. Wie sie in der Bibel steht. Ich finde,
was ich suche, in einem Gedicht. Emily Dickinson schreibt:
«Die Hoffnung ist das Ding mit den Federn, das sich in der
Seele niedergelassen hat.»
Nach der Trauerfeier lassen wir Ballone steigen. Viele kleine
weisse Punkte, die im Blau des Himmels verschwinden. Da
beginnt überraschend ein Raunen und Staunen. Hoch oben
fliegen zwei Störche vorbei.
Ich bleibe mit den Eltern in Kontakt. So vernehme ich einige
Monate später, dass sie guter Hoffnung sind. Zwillinge sind
es, stell dir vor, wirst du sie dann taufen?
Die Hoffnung ist das Ding mit den Federn. Zwei Namen auf
der Geburtsanzeige. Und vorne ein vertrautes Bild: die beiden
fliegenden Störche am Himmel.
Im Taufgespräch haben mich die Eltern gebeten, Patin für
ihre Kinder zu werden. Das Ding mit den Federn hat sich
eingenistet. Die Hoffnung macht aus uns allen Verwandte.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. August

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte
und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN, dass
ich verkündige all dein Tun.
Psalm 73,28

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte. Oder im
Wortlaut der Zürcher Bibel: «Mein Glück aber ist es, Gott
nahe zu sein.» Ein schöner Satz. Eine klare Botschaft. Ganz
und gar nicht sperrig. Als ob es denn so einfach wäre. Das
mit dem Glück. Und das mit Gott. Dass dem nicht so ist, das
weiss der Psalmbeter nur allzu gut. Er kennt den stechenden
Schmerz in den Nieren, der ihn überfällt bei Bitterkeit. Wenn
es andern viel besser geht als ihm.
Mein Glück ist es, Gott nahe zu sein. Auch wenn mir Gott
manchmal sperrig erscheint. Ich kann Nähe spüren, ohne
alles zu wissen. Mein Glück hängt nicht vom Verstehen ab.
Mich zu freuen, kann eine Entscheidung sein.
Fragte man meine Mutter, wie es ihr gehe, so sagte sie stets:
«Danke, ich bin zufrieden.» Auch in Zeiten, die schwierig
waren. Und sie waren oftmals schwierig. Es war ihre Entscheidung,
zufrieden zu sein. Weil sie vom Glauben getragen
war, dass Gott in ihrer Nähe sei. Nie sprach sie davon,
es gehe ihr super. Nie: «Ich bin so glücklich, ich platze vor
Freude.» Nein, ihre Freude war leise. Beständig. «Danke,
ich bin zufrieden.» – Danke, liebe Mutter. Je länger, je mehr
beginnt sie zu wirken. Auch in meinem eigenen Leben. Diese
leise Beständigkeit.

Von: Ruth Näf Bernhard

Mittelteil Juli / August

Bolderntexte – das sind wir!
Die Autorinnen und Autoren stellen sich vor
:

Kathrin Asper
Geboren 1941, wuchs ich in Küsnacht auf
und besuchte da die Primarschule. Es folgten
Gymnasium und Studium, das ich in
Literatur und Pädagogik abschloss. Heirat
und Familiengründung. Nach einer Ausbildung
zur Psychotherapeutin führe ich seit
1975 eine eigene Praxis in Meilen. Nunmehr teilpensioniert,
darf ich mich unter anderem dem Garten, den Bolderntexten
und der Malerei widmen. Kirche, religiöse Ikonografie und die
Bibel haben mich immer interessiert und mir viel gegeben.


Heidi Berner
Während meines Biologiestudiums
faszinierte mich die Formenvielfalt
von Rädertieren, Hüpferlingen
und Kieselalgen. In einer kirchlichen
Frauengruppe entdeckte ich später eine ebenso reiche Welt,
die oft im Widerspruch zu meinem naturwissenschaftlichen
Weltbild stand. Ich begann meine Gedanken zu notieren
und mit anderen zu teilen.
Schon zehn Jahre lang bin ich im Team der Bolderntexte,
dankbar für die Herausforderung, in den oft sperrigen, aus
dem Zusammenhang gerissenen Losungstexten etwas zu
entdecken, das zu mir, zu uns heute spricht. Seit Ende 2022
redigiere ich die Bolderntexte – eine Aufgabe, die ich mit
Respekt und Freude übernommen habe.


Rolf Bielefeld
Ich bin 64 Jahre alt und lebe mit meiner
Frau seit gut 20 Jahren in Berlin
bin aber nach wie vor Fan vom BVB
aus meiner Geburtsstadt Dortmund.
Nach Jahren als Vorstand/Geschäftsführer
diverser nationaler und internationaler Unternehmungen
bin ich seit vielen Jahren selbständig als Berater für
Non-Profit-Organisationen unterwegs (www.accitare.de). Ich
bin Mitglied der Iona Community (www.iona.org.uk) und
engagiere mich auch bei Religious for Peace (www.rfp.org) in
Europa. Ausserdem freue ich mich auf meinen Ruhestand in
gut einem Jahr.


Annegret Brauch
Seit vielen Jahren schreibe ich Bolderntexte.
Es ist für mich eine geistliche Übung, eine
Freude und manchmal auch eine Herausforderung.
Im Gespräch mit der mir zugefallenen
Tageslosung oder dem Lehrtext
entdecke ich oft überraschend Neues,
unerwartete Verknüpfungen, Trost und
Kraft des Gotteswortes.
Beruflich habe ich als Pfarrerin in der Gemeinde, im Schuldienst,
in der Erwachsenenbildung, der Frauenarbeit und
zuletzt als persönliche Referentin des Landesbischofs gearbeitet.
Seit April 2022 bin ich im «Ruhestand».


Markus Bürki
Ich bin Vater von drei Kindern, Sozialdiakon,
Erwachsenenbildner, Coach und Supervisor
bso, Umweltberater und Musiker. Ich liebe
Gespräche zwischen Bibel, Bier und Gesang!
Darum habe ich unter anderem ein Buch
geschrieben und veröffentlicht: «Bibel, Bier,
Gesang – das volle Leben!».
Mit viel Freude schreibe ich für die Bolderntexte. In Muttenz
bin ich für die reformierte Kirche als Sozialdiakon in der
Seniorenarbeit angestellt. Daneben bin ich in der Männer- und
Väterarbeit unterwegs.


Dorothee Degen
Meine geistliche Heimat ist die Baptistengemeinde
Zürich. Seit ich in der Mittelschulzeit
den Weg in die Bibelgruppe (VBG)
gefunden habe, gehört die Bibel zu meinem
Leben als sättigendes, manchmal auch
sauer aufstossendes Brot.
Auch das Schreiben gehört zu mir: Artikel,
Bücher, Redaktionsarbeit – und nun eben Bolderntexte.
Ich lebe seit über fünfzig Jahren in Zürich und schätze
mich glücklich, dass unsere drei Söhne, drei Schwiegertöchter
und acht Enkelkinder in guter ÖV-Reichweite wohnen.


Andreas Egli
Als pensionierter Pfarrer und Spitalseelsorger
wohne ich mit meiner Frau in Schaffhausen.
Unsere drei erwachsenen Kinder leben
in Zürich und in der Region Schaffhausen.
Gerne sind wir für unsere vier kleinen Enkelkinder
da. Schon lange beschäftige ich mich
mit der Hebräischen Bibel. Nun habe ich Zeit, die moderne
hebräische Sprache besser kennenzulernen. Die Bibel
betrachte ich als ein «Buch des Lernens» (Ingo Baldermann).
Die Texte dokumentieren, wie Menschen in einer bestimmten
Situation daran waren, etwas Wichtiges zu lernen. Bei späteren
Lesern kann wieder ein Lernprozess stattfinden.


Andreas Fischer
Ein Nichtwissender werden – von diesem
Ziel aller mystischen Wege würde ich mir
wünschen, dass es meinem Leben die Richtung
wiese. Und auch meinem Schreiben
von Bolderntexten. Neugierig warte ich
jeweils auf die mir zugespielten Losungen
und versuche, wenn sie mir dann vorliegen, besonders auf
Unbekanntes zu achten. Einkehr in die Stille und Rückkehr
zum Urtext helfen mir, den Kopf von den eigenen Konzepten
zu befreien. «Giess aus, damit du erfüllt wirst!» (Meister
Eckehart)


Chatrina Gaudenz
Ich bin gebürtige Rätoromanin
und in Lavin im Unterengadin aufgewachsen.
Ich studierte Vergleichende
Religionswissenschaften
mit Schwerpunkt Judentum in Zürich, Luzern und Jerusalem.
Unterdessen bin ich Pfarrerin in der reformierten Gemeinde
Zürich-Fluntern und gehörte von Herbst 2020 bis Herbst
2022 zum Team der SRF-Sendung «Wort zum Sonntag».


Dörte Gebhard
Ich wuchs in der ehemaligen DDR auf,
absolvierte das Abitur nach dem Mauerfall.
Danach studierte ich Theologie in Kiel und
Tübingen; war wissenschaftliche Assistentin
und im Pfarramt in Deutschland. Seit
2010 bin ich Privatdozentin für Praktische
Theologie an der Universität Zürich und seit 2012 Teilzeitpfarrerin
in Schöftland AG mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung.
Ich veröffentlichte «Menschenfreundliche Diakonie», «Glauben kommt vom Hörensagen». Regelmässig
Onlinepredigten, die das Komische am Christentum nicht
verschweigen.


Barbara Heyse-Schaefer
Ich bin Pfarrerin in der evangelischen Pfarrgemeinde
Wien-Währing & Hernals, ab
2024 werde ich im Ruhestand sein. Zuvor
war ich Studentenpfarrerin an den Wiener
Hochschulen und danach viele Jahre
Leiterin der Evangelischen Frauenarbeit in
Österreich. Ehrenamtlich habe ich als Präsidentin des Europäischen
Projekts für Interreligiöses Lernen den Dialog zwischen
christlichen und muslimischen Frauen mitgeprägt,
aber auch den Austausch zwischen Frauen in verschiedenen
Ländern Europas. Ich bin Mutter von drei Kindern.


Matthias Hui
Aufgewachsen bin ich im Zürcher Oberland.
Dort, wo die Reformation für kurze
Zeit viel radikaler umgesetzt wurde als in
der Zwinglistadt. Solche Verbindungslinien
zwischen dem Religiösen, dem Politischen
und dem Privaten haben mich stets interessiert.
In Zürich, Bern und Berlin/DDR studierte ich Theologie.
Unsere Patchworkfamilie in Bern, eingebettet in eine
Wohngemeinschaft in einem grossen Genossenschaftshaus,
ist mein Zuhause. Ich arbeite bei der Menschenrechtsorganisation
«humanrights.ch» und als Co-Redaktionsleiter
der Zeitschrift «Neue Wege» mit Wurzeln im Religiösen
Sozialismus.


Esther Hürlimann
Das Schreiben der Bolderntexte ist für
mich eine spirituelle und kreative Aufgabe,
die ich als Bereicherung empfinde. Meine
Bibelfestigkeit ist sehr selektiv, dafür aber
innig-kritisch – beeinflusst durch mein
Aufwachsen in einem landeskirchlich-liberal
geprägten Pfarrhaus im Kanton Zürich. Die Faszination
für die poetische Kraft der Bibel wurde genährt in meinem
Studium der Geschichte, Germanistik und Judaistik.
Beruflich war ich nach meinem Universitätsabschluss einige
Jahre im Tagesjournalismus tätig, bis ich vor 25 Jahren mit
dem Herausgeben und Schreiben von Büchern begann. Als
Sachbuchautorin habe ich mich auf Firmen- und Familiengeschichten
spezialisiert. Zudem leihe ich meine Feder für
historische Festreden und schicksalhafte Lebensgeschichten
aus.


Ralph Kunz
Es gehört zu den Privilegien meines Berufs,
dass ich mich beinahe täglich mit biblischen
Texten beschäftigen darf. Ich lehre
Praktische Theologie und verdiene sozusagen
mein Brot mit dem Wort. Das Schreiben
von Bolderntexten gehört dazu. Manchmal sperrt sich
aber das Wort gegen meine Verarbeitung. Das macht mir
dann zu schaffen und ich muss warten, bis das Wort an
mir und in mir arbeitet. Ich hoffe, dass diese Wort-Arbeit
in den Bolderntexten spürbar wird, und freue mich, wenn
sie weitergeht.


Andreas Marti
Studiert habe ich Musik – Orgel, Cembalo
und Chorleitung – und Theologie,
diese sozusagen als Hilfswissenschaft für
die Kirchenmusik. Gearbeitet habe ich da,
wo beide Bereiche sich überschneiden, am
Reformierten Gesangbuch, an der Liturgie,
im Unterricht im Rahmen des Theologie- und des Kirchenmusikstudiums.
Die musikalische Praxis, kirchlich und weltlich,
hat immer eine wichtige Rolle gespielt und spielt sie
seit meinem «Ruhestand» konkurrenzlos, mit Orgeldiensten
reformiert und katholisch, deutsch und französisch, mit
Konzerten und in der Chorleitung. Die Bolderntexte fordern
mich als jahrzehntelangen professionellen Predigthörer jetzt
heraus, eigene Reaktionen auf biblische Sätze zu formulieren.
Manchmal reizen mich diese zum Widerspruch oder aber sie
helfen mir, Widerspruch anzumelden gegen vieles, womit ich
nicht einverstanden sein kann. Den Habitus des alten 68ers
wird man offenbar nicht los …


Carsten Marx
Ich wurde 1973 in Krefeld geboren und
wuchs am Niederrhein, in Graz und Wien
auf. Ob als Prediger, Kirchenmusiker, Sprecher,
Chorleiter oder Moderator mag ich
das, was Sprache und Musik können. Seit
Herbst 2014 bin ich als Gemeindepfarrer
im Südburgenland in Grosspetersdorf und Rechnitz tätig.
Ich bin Vater von drei Töchtern, bin gut vernetzt, liebe einen
guten Kaffee, sinnvolle Gedanken, Bücher um mich herum,
inspirierende Gespräche, etwas Neues auszuprobieren und
Fahrten mit der Eisenbahn.


Katharina Metzger
Ich mag es, bei den Bolderntexten schreibend
dem nachzuspüren, was die Bibelverse
in mir auslösen. Die sehr kurze Form
für jeden Tag und die Beschränkung auf
einen oder wenige prägnante Gedanken
gefallen mir. In meine Texte fliesst oft mein
Alltagsleben ein, geprägt durch meine Arbeit als Lehrerin
oder meine Familie. Gerne lese ich solche persönlichen und
aus der jeweiligen Erlebniswelt geborenen Annäherungen
an die Bibelverse auch bei anderen. Andererseits weisen die
Bolderntexte auch über diesen Alltag hinaus und rühren an
die Wunder und die Abgründe des Lebens.


Maria Moser
Ich studierte Theologie in Wien und Interkulturelle
Frauenforschung in Manila. Seit
September 2018 bin ich Direktorin der Diakonie
Österreich. Davor war ich Pfarrerin
in Wien-Simmering und wissenschaftliche
Referentin am Institut für öffentliche
Theologie und Ethik der Diakonie. Ich blicke auf langjährige
Berufserfahrung im Religionsjournalismus als Redaktorin
beim ORF sowie in universitärer Forschung und Lehre und
Erwachsenenbildung zurück.


Ruth Näf Bernhard
Bis zu meiner Pensionierung im Frühjahr
2020 arbeitete ich als Pfarrerin an der
Stadtkirche Winterthur. Früher war ich als
Heilpädagogin und Paar- und Familientherapeutin
tätig. Neben meiner beruflichen Tätigkeit habe
ich stets geschrieben. Mehrere Gedichtbände sind bereits
erschienen, zuletzt «Halte uns im Leben wach» im Echter
Verlag Würzburg (2023).
Der Mensch steht im Zentrum, wenn ich schreibe. Der einzelne
Mensch mit seiner Geschichte. Der Mensch vor Gott.
Der Mensch in Beziehung. Und wie sich im Spiegel biblischer
Texte dieses Leben verstehen und ausweiten lässt.


Elisabeth Raiser
Aus allen beruflichen und fast allen
ehrenamtlichen Tätigkeiten bin ich
inzwischen ausgeschieden, habe viel
Zeit und eine grosse Familie, die mich
beglückt. Die politischen Ereignisse wecken in mir zunehmend
den Gedanken: Was könnte ich in meinem kleinen
Umfeld für eine positive Wendung tun? Im Moment: welche
Schritte zum weiteren Energiesparen und zur Rückkehr zu
einem verantwortlichen Friedensdiskurs? Das fordert mich
im besten Sinn heraus.
Jeden Morgen lesen mein Mann und ich den jeweiligen
Bolderntext. Welche Fülle an Glauben, Erkenntnissen,
Lebenserfahrungen kommt uns da entgegen! Danke!


Felix Reich
Felix Reich, 1977. Ich wohne mit meiner
Frau und meinen drei Töchtern
in Zürich. Ich bin in Marthalen und
Winterthur aufgewachsen und seit
2012 Redaktionsleiter der Zeitung «reformiert.» in Zürich.
Zuvor arbeitete ich als freier Journalist und zehn Jahre in
verschiedenen Funktionen in der Redaktion der Tageszeitung
«Der Landbote», zuletzt als Bundleiter Stadt Winterthur
und Kultur. Ich studierte Germanistik, Allgemeine
Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaften in
Zürich und Berlin. Ich bin Mitglied des Patronatskomitees
der Sozialwerke Pfarrer Sieber und spiele beim FC Religionen.


Barbara und Martin Robra
Wir verfassen unsere Texte gemeinsam.
Wir leben seit 1994 in der Suisse
romande. Zuvor lebten wir beide in
von Stahlwerken geprägten Kirchgemeinden
im Ruhrgebiet. Zur Familie gehören fünf Kinder
und zwei Enkelkinder, Pferde, Esel und Katzen.
Barbara: Ich bin selbständig und produziere Bücher, Filme
und Ausstellungen mit meiner Firma CAM (Communication,
Arts, Media).
Martin: Ich habe in verschiedenen Funktionen für den Ökumenischen
Rat der Kirchen gearbeitet.


Gert Rüppell
Nach einer Ausbildung zum Reedereikaufmann
und meiner Mitarbeit in
verschiedenen ökumenischen Aufbaulagern
studierte ich Theologie in
Helsinki, Kiel und Hamburg. Ich arbeitete unter anderem an
den Universitäten Hamburg, Helsinki und Bielefeld, an der
Missionsakademie und der Internationalen Volkshochschule
Viittakivi, Finnland, und war für acht Jahre im Bereich Bildung
und Mission beim Ökumenischen Rat der Kirchen tätig.
Ich habe zwei Kinder, die mit ihren jeweiligen Partnern und
vier Enkelkindern in Finnland leben.


Benedict Schubert
Im Feld, das sich zwischen der evangelisch-
reformierten Kirche, der Communität
Don Camillo, der weltweiten Kirche
(namentlich Angola und Moçambique)
auftut, habe ich mich im Studium, im
Berufsleben und seit Juni 2022 als Pensionär
bewegt. Biblische Texte faszinieren mich als Räume, in denen ich
Gott, den anderen, der Welt und mir selbst begegne. Manchmal
verlasse ich diese Räume mit mehr Fragen, als ich sie
betreten habe. Andere Male geht mir darin ein Licht auf,
das mich lange begleitet und mir den Weg leichter macht.


Heiner Schubert
Seit ich 21 bin, lebe ich in der Communität
Don Camillo. Mir passt das Leben in
Gemeinschaft sehr. Meinen Alltag verbringe
ich damit, zu kommunizieren, in
Wort und Bild (www.wort-hand.com). Oft
habe ich es dabei mit der Bibel zu tun, aber
ich stehe immer noch sehr am Anfang. Was für ein Buch!
Theologie habe ich studiert und dann eine Schreinerlehre
absolviert und geheiratet. Heute höre ich viel zu, predige, so
oft es geht, und versuche, im Auftrag der Gemeinschaft die
Gemeinschaft zusammenzuhalten.


Hans Strub
Hans Strub, geb. 1945, Mitschreiber an den
Bolderntexten bin ich seit 1973, insbesondere
in der Zeit als Studienleiter und Leiter
von Boldern (1979–1987). Vor dieser Zeit
war ich Gemeindepfarrer in Zürich-Hirzenbach,
nach der Boldernzeit Beauftragter für
die Vikariats-Ausbildung (im Konkordat) und die Weiterbildung
der Pfarrerinnen und Pfarrer (in den ref. Kirchen der
Schweiz). Seit 2010 bin ich pensioniert und Mitglied der Bezirkskirchenpflege
Zürich. Mitwirkung im Helfereitheater. Verheiratet
mit Madeleine Strub-Jaccoud, eine Tochter und zwei
Söhne, zusammen sechs Enkelkinder.


Madeleine Strub-Jaccoud
Die Bolderntexte gehören zu meinem
Leben – als Leserin und Schreiberin bin
ich mit Mitlesenden verbunden. Eine Boldern-
Community – das ist der Traum, der
weitergehen soll. Meine Lebensschritte
führten immer wieder nach Boldern. So
auch jetzt, nach meiner Zeit als Direktorin von Mission 21,
Basel, als Präsidentin des Fördervereins Boldern. Und wie
gerne bin ich auch Grossmutter von sechs Enkelkindern!


Lars Syring

Lars Syring, Jahrgang 1971. Ein Ostwestfale
im Appenzell. Ich mag das Meer und Spaghettieis.
Ich backe mein tägliches Brot
selbst, fotografiere gerne und betreibe
einen Youtube-Kanal: #Mystik und Ich. Seit
2001 bin ich Pfarrer in Bühler AR. Ich bin
verheiratet und habe drei Kinder.
Sigrun Welke-Holtmann
Ich bin 47 Jahre alt, verheiratet und Mutter
zweier erwachsener Söhne. Wir wohnen
mit unserem Hund in Homburg/Saar.
Seit 2016 bin ich Dozentin für Gottesdienst,
Predigt und Seelsorge am Protestantischen
Predigerseminar in Landau/Pfalz. Davor
war ich mit viel Freude elf Jahre Gemeindepfarrerin.
Meine Bolderntexte kann man manchmal sogar hören, da
sie mir ab und zu als Vorlage für meine Radioandachten im
Saarländischen Rundfunk dienen.

31. Juli

Jesus spricht zu Nikodemus: Wundere dich nicht,
dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren
werden.
Johannes 3,7

Die Auslegung eines einzelnen Bibelverses ist Faszination
und Herausforderung zugleich. Indem wir den Kontext ausblenden,
können wir uns dafür umso mehr auf dessen Essenz
konzentrieren und der geheimnisvollen Wucht eines einzelnen
Satzes nachgehen. Wir befinden uns hier in einem
Dialog. Jesus hat seinem Gesprächspartner das Wesen seiner
Philosophie erklärt. Dieser reagiert irritiert oder sogar
kritisch. Worauf Jesus so gar nicht «Jesus-like» antwortet:
Hey, hast du dir schon mal überlegt, all das, was du bisher
geglaubt hast, über den Haufen zu werfen und aus einer
komplett neuen Perspektive zu betrachten?
Was Jesus da zu Nikodemus sagt, spricht mich mitsamt seinem
Tonfall an. Unserer Welt täte es aktuell sehr gut, wir
würden einander alarmierter zureden. Wenn ich etwa an
den Klimawandel denke, so wünschte ich mir, Politik und
Wissenschaft würden vermehrt in Imperativen reden und
ihre Stimmen deutlicher erheben – ohne die Hoffnungs-
losigkeit zu triggern. Wie das gehen könnte, zeigt uns Jesus. Im
Bild der neuen Geburt zeigt er uns eine Chance. Kein «Nach
euch die Sintflut!». Kein Heraufbeschwören einer Endzeitstimmung.
Kein panischer Appell zu Aktivismus, sondern einfach:
Ihr müsst euch selbst verändern. Nur wenn wir an eine
stetige Erneuerung unserer selbst glauben und daran Tag für
Tag arbeiten, werden wir neue Wege einschlagen. Dort, wo
es nottut.

Von: Esther Hürlimann

30. Juli

Ich erzähle dir meine Wege, und du erhörst mich;
lehre mich deine Gebote.
Psalm 119,26

Vor einigen Jahren schrieb der damalige französische Premier
Dominique de Villepin in der Zeitung «Le Temps», dass
er nicht verstehe, weshalb die Welt nicht viel mehr nach
Frankreich blicke. Schliesslich hätte sein Land im Lauf der
Geschichte oft die besten politischen Lösungen gefunden.
Das fand ich lustig, denn nicht nur die Franzosen scheitern
daran, das auf allen Ebenen sich ständig ausbreitende Chaos
zurückzudrängen. Wir Menschen scheitern an der Organisation
der Welt.
Das ist nichts Neues. Psalm 119 sieht als einzigen Ausweg
die Hinwendung zu Gott. Das gilt auch für das Leben des
Einzelnen. Die Vertrautheit der Szene – ich sitze Gott zu
Füssen und erzähle, was gerade so läuft – rührt mich an.
Die Bitte, die folgt, verpflichtet. Ich will mich auf den Weg
machen und mich leiten lassen von dem, was ich gehört
habe. Die Übersetzung des geschriebenen oder gesprochenen
Wortes in eine Weisung, die von Gott kommt, besorgt
der Heilige Geist. Meine Aufgabe ist es, die Ohren zu spitzen
und mit wachem Sinn durchs Leben zu gehen, die Bibel zu
lesen, die Zeitung oder Bolderntexte. Es springt mich auch
mal eine Litfasssäule an oder ein Graffiti. Ordnet sich durch
das unverhoffte Angesprochensein etwas und Gelassenheit
stellt sich ein, ist der Geist am Werk.
Herr de Villepin verwirrte mich damals eher.

Von: Heiner Schubert

29. Juli

Jesus sprach zu den Jüngern: Meine Seele ist betrübt
bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!
Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein
Angesicht und betete.
Matthäus 26,38–39

Wie ein schwarzes Tuch liegt die Nacht über der Stadt. Wir
gehen in die Kirche. Osternacht. Die Gesichter der Männer,
Frauen, Jugendlichen und Kinder sind nicht zu erkennen.
Es ist zu dunkel in den alten Gemäuern. Da tritt der Kantor
vor und singt. Er hat eine tragende, helle Stimme. Er singt
einmal, zweimal, mehrmals: «Bleibet hier und wachet mit
mir. Wachet und betet. Wachet und betet.» Jetzt lädt er die
Gemeinde ein, mitzusingen. Keiner und keine öffnet den
Mund. Es ist, als ob niemand die Dichte dieser Worte stören
möchte. Wir hören zu.


Bleiben und wachen. An Jesu Seite. Wir sehen, wie er sich
im Garten Gethsemane auf den Boden wirft. Am Abend vor
seiner Kreuzigung betet Jesus: «Mein Vater, ist’s möglich, so
gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will,
sondern wie du willst!» (Vers 39). – Nicht wie ich will, sondern
wie du willst. Das ist die Lektion, die zu üben ist. Wir
bleiben an seiner Seite, solange wir können. Bleiben wach
oder schlafen manchmal auch ein wie seine Freunde. Und
wir üben. Im ringenden Beten macht Jesus Gottes Willen zu
seinem eigenen. Dann steht er auf. Er ist bereit, von seinen
Wünschen abzusehen. Er ist ganz für Gott da.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

28. Juli

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Matthäus 6,24

Warum eigentlich nicht? Warum soll ich nicht zwei Herren
dienen können? Viele haben zurzeit mehrere Jobs, oft reicht
es gar nicht, nur einen zu haben. Ein Gehalt ist für manch
eine kaum genug zum Überleben, schon gar nicht, wenn
sie Familie hat. Warum nicht Gott und dem Mammon, was
immer das genau ist und mit Reichtum und Vermögen übersetzt
wird, dienen?
Liegt das an mir oder an denen?
Man könnte sich mit der Arbeitszeit doch absprechen.
Sonntags von 10.00 bis 11.30 Uhr Gott und werktags dem
Mammon dienen. Und samstags frei. Das ist im Grunde doch
nur eine Frage der Absprache. Da muss man ja nicht gleich
emotional werden.
Doch was in der Arbeitswelt von heute anscheinend kein
Problem mehr ist, sieht in diesen besonderen Dienstverhältnissen
anders aus.
Denn beide, Gott und der Mammon, haben etwas gemeinsam.
Den Absolutheitsanspruch.
Den Absolutheitsanspruch auf dich und auf mich. Da gibt
es keine Absprachen in Sachen Arbeitszeitregelung, da geht
es um ganz oder gar nicht. Teilzeit-Christin geht halt nicht,
obwohl wir heute so gerne alles bedienen mögen und ständig
«out of the box» denken und mega flexibel sind.
Manchmal muss man und frau sich eben doch entscheiden,
was ihr wichtig ist, woran er sein Herz hängt.

Von: Sigrun Welke-Holtmann