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27. Juli

Ich, ich bin der HERR, und ausser mir ist kein Heiland.
Jesaja 43,11

«Ich, ich, ich …» Die drei Geschwister umringen die Oma,
ja führen regelrecht einen Tanz um sie auf. Alle recken den
Finger hoch, oder gleich beide Hände, denn je mehr die eine
den anderen verdrängt, abdrängt, desto besser. Alle wollen –
lautstark – … ich, ich, ich!
Kinder können so erfrischend selbstbewusst sein, ihre
Bedürfnisse in die Mitte stellen, in den Vordergrund schreien.
«Ich, ich, ich …» Einfach wunderbar.
Als Jugendliche habe ich gelernt, dass der Esel sich immer
zuerst nennt, und habe aufgehört, ein «ich» an den Satzanfang
zu stellen, wenn noch jemand anderes mitgenannt wird.
Als höflicher Mensch nennt man den anderen immer zuerst.
Komisch, dass mir das zuerst einfällt, als ich die Losung
lese und zur Oberlehrerin mutiere, die Gott gerade mal eine
Lektion Anstand beibringen könnte.
Bis …, ja, bis ich die Stelle im Jesajabuch lese und einsehe,
dass es genau darum geht. Dass es eben keinen anderen gibt!
Keinen Gott ausser Gott.
Ausser Gott ist kein Heiland.
Unsere menschlich-höflichen Anstandsregeln gelten hier
nicht und wahrscheinlich vieles andere, was uns so wichtig
und richtig erscheint, auch nicht.
Ich bin’s – und sonst keiner. Eigentlich ganz einfach. Und
einfach erfrischend wunderbar.

Von: Sigrun Welke-Holtmann

26. Juli

Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem
Angesicht Gottes des HERRN.
1. Mose 3,8

Wussten Sie, dass der Vogel Strauss 2,50 m gross ist und
mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h bis zu einer halben
Stunde laufen kann? Er ist in der Lage, sich durch gezielte
Tritte gegen Löwen und Geparden zu verteidigen. Woher
also die Legende stammt, dass er bei Gefahr den Kopf in den
Sand steckt, ist eigentlich unverständlich.
Tatsächlich entspricht die Redensart von der Vogel-Strauss-
Taktik mehr unserer menschlichen Reaktion auf störende
oder überfordernde Situationen.
Am häufigsten ignoriere ich E-Mails, auf die ich reagieren
sollte. Kurz gelesen, auf später verschoben, und schon sind
sie im unteren Bereich meines Postfachs verschwunden.
Ich ignoriere auch Eingebungen, und das ist schlimmer: Bei
XY sollte ich mich dringend melden. Dies oder das sollte ich
in Ordnung bringen. Seit meiner Krebserkrankung vor ein
paar Jahren mache ich das seltener. Ich greife schneller zum
Handy, wenn ich an jemanden denke …
Vor dem Angesicht Gottes können und brauchen wir uns
nicht zu verstecken. «Ich sitze oder stehe auf, so weisst du
es; du verstehst meine Gedanken von ferne» heisst es im
Psalm 139. Er kennt unser Herz. Wir können aufhören, den
Kopf in den Sand zu stecken, und dürfen uns auf die Suche
nach neuen Wegen machen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Juli

Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen
und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn
in eurem Herzen.
Epheser 5,19

Dona nobis pacem.
Unzählige Male ist das
gesungen worden –
gerade in den letzten
anderthalb Jahren!


Hat es etwas genützt?
Offensichtlich nicht!
Es reicht ein Blick
in die täglichen News:
da ist keine friedliche Welt.
Konflikte gibt es auch
im Kleinen, in der Familie,
in der Nachbarschaft.


Ändern wir die Blickrichtung:
Wir sollen ja einander
mit Singen ermuntern,
weiterhin an Frieden
zu glauben. Trotz allem.
Wir sollen singen, damit
wir die Hoffnung nicht
aus dem Herzen verlieren.
Dona nobis pacem.

Von: Heidi Berner

24. Juli

Er führet mich auf rechter Strasse um seines
Namens willen.
Psalm 23,3

Vor einigen Jahren hatte ich in meinen Ämtern
allerlei Widrigkeiten auszuhalten. In jener Zeit
übertrug ich Psalmen in mein Weltbild, auch Psalm 23.


Ich fühle mich geborgen, mir fehlt nichts.
Immer wieder finde ich Orte,
an denen ich mich erholen und auftanken kann.
So erneuert sich mein Leben ständig.
Überraschende und gute Wege entdecke ich,
weil ich an die Liebe glaube.
Wenn ich in Schwierigkeiten stecke,
habe ich keine Angst,
denn mein Grundvertrauen lässt mich aufrecht gehen,
gibt mir Mut und Zuversicht.
Ich erfahre die Fülle des Lebens
und muss nicht neidisch und habgierig sein.
Dafür bin ich dankbar mit allen, die das genauso erleben,
denn innerlich sind wir reich.
Davon können wir zehren, so lange wir leben.
Und nach uns kommen andere in den Genuss –
so lange sie leben.

Hinterher stelle ich dankbar fest,
dass dies genau der rechte Weg war,
mit dem Schwierigen fertigzuwerden.

Von: Heidi Berner

23. Juli

Wer aus Gott geboren ist, den bewahrt er
und der Böse tastet ihn nicht an.
1. Johannes 5,18

Ich lese in der Wochenendbeilage der Zeitung einen Artikel
über gute Taten. Offensichtlich fühlte sich die Autorin
bemüssigt, etwas Spirituelles zum Thema beizusteuern.
Unter dem Titel «Karma» belehrt sie mich, dass ich durch
gute Taten auf meinem transzendenten Konto Punkte sammeln
könne. Je mehr Punkte, desto höher der Schutz vor
bösen Einflüssen. Wow! Es fehlte nur noch der Hinweis, dass
man sich Sonderpunkte holen kann, wenn für Auslagen im
Zusammenhang mit guten Taten eine Cumulus-Karte verwendet
wird. Ich habe die Zeitung zum Altpapier getan, weil
solide Abfallentsorgung gutes Karma macht! Spotte ich? Ich
bekenne mich schuldig! Aber mir ist auch klar, dass die heutige
Losung säkularen Mitmenschen genauso esoterisch vorkommen
muss wie mir das Karma-Konto (dessen Punktestand
durch den Spott ins Minus gerutscht ist …). Wie kann
man aus Gott geboren werden? Wie muss man sich das
vorstellen? Und warum bringt mir eine solche Geburt Schutz
vor dem Bösen? Vielleicht ist das die entscheidende Pointe
des Gottvertrauens. Gott ist mir als Gebärerin meiner Seele
näher als die Vorstellung, für die Ewigkeit zu punkten. Meine
Beilage zum sonntäglichen Wochenanfang – fragen Sie sich:
Bin ich aus Gott geboren? Antworten Sie mit einem kräftigen
Ja. Wer glaubt, wird bewahrt.

Von: Ralph Kunz

22. Juli

Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns
jubeln und fröhlich sein über sein Heil.
Jesaja 25,9

Der heutigen Losung gehen sechs Wörter voraus: «Zu der
Zeit wird man sagen.» Das ist zweimal wichtig für das Verständnis:
Erstens geht es um die Zukunft und zweitens um
die Sprechenden. Der Prophet stellt sich vor, es kommt der
Tag, an dem eine Gruppe sagen wird: «Jetzt ist eingetreten,
was wir uns erhofft haben, heute ist es wahr geworden,
was uns prophezeit wurde.» Das ist schon ein starkes Stück
und ziemlich dreist. Eigentlich prophezeit der Prophet die
Erfüllung seiner Prophetie! Warum aber bleibt er so allgemein?
Wer ist «man»? Jetzt wird’s noch dreister. Im Gesicht
des Propheten sind es alle Völker, die so reden. Alle sind zu
einem Mahl von «reinem Wein und fetten Speisen» eingeladen
– ein Graus für gesundheitsbewusste Diät-Freaks.
Aber zur dreisten Prophetie passt das feiste Menü. Geladen
sind alle Menschen, also alle Ethnien und Kulturen– auch
diejenigen, die altertümlich «Heiden» genannt werden. Sie
feiern an dieser Multikulti-Party zusammen mit Israel, als
ein Volk, weil die «Hülle, mit der alle Völker verhüllt sind»,
von ihnen weggenommen sein wird. Was sagen wir heute zu
dieser dreist-feisten Vision? Glauben wir daran? Wir warten
auf ihre Erfüllung.
Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Hebräer 11,1

Von: Ralph Kunz

21. Juli

Als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und
Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte:
«Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig»,
da erfüllte die Herrlichkeit des HERRN das Haus Gottes.
2. Chronik 5,13.14

Es ist die Zeit der Vollendung. Samuel versammelt das Volk,
mit viel Aufwand wird die Lade in das grosse Tempelweihefest
getragen. Da stimmen alle Instrumente und die Stimmen
der Menschen in das grosse Lob Gottes, der Lebendigen,
ein. Die Zürcher Bibel schreibt, dass sie mit einer Stimme
gesungen haben.
Die grosse Vollendung – wo feiern wir heute die Ankunft
an einem grossen Ziel? Und vor allem: Wo feiern wir gemeinsam,
dass wir angekommen sind, und gedenken mit einer
Stimme der Lebendigen und ihrer Zuwendung?
Wer sehnte sich nicht danach, gemeinsam den Frieden zu
feiern? Das Volk war auf dem Weg aus der Gefangenschaft
unterwegs und ist auf dem Weg geblieben, immer auch mit
Rückschlägen und Zweifeln. Es ist angekommen und feiert
die Lebendige, die immer mit ihrer Zuwendung mit den Menschen
unterwegs war. Und sie ist es auch heute; auf dem Weg
von uns allen zum Frieden. Lassen wir uns nicht abbringen
vom Ziel und bitten wir die Lebendige, mit uns zu sein, damit
die Menschen bald den gerechten Frieden feiern können.
Stärke du unser Vertrauen in den Weg und lass uns das Ziel
nicht aus den Augen verlieren.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Juli

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre. Psalm 62,8

Der erste Vers dieses Psalms war es, den meine über alles
geliebte Grossmutter jeden Tag betete: «Zu Gott allein
ist meine Seele still, von ihm kommt Hilfe.» Sie hatte ein
gutes, aber auch ein schwieriges Leben. Es war für mich als
Kind eindrücklich, ihre Stille zu erleben. Nie hat sie geklagt,
wenig hat sie erzählt, teilgenommen hat sie mit Freude und
Engagement an allem, was bei uns so lief. Daran denke ich
mit Dankbarkeit. Natürlich habe ich überhaupt nicht verstanden,
was gemeint ist mit jenem Satz. Aber es war jene
gefüllte Stille, die mich mitnahm. Es wäre mir auch nie in den
Sinn gekommen, nachzufragen. Und so geht es mir jetzt mit
dem heutigen Losungswort. Ein Vertrauen in Gott lese ich
daraus, eine Sehnsucht nach Heil. Es ist, als ob der Schreiber
des Psalms anstürmt mit seinem Glauben an die Lebendige,
anstürmt gegen Menschen, die Böses wollen: «Wie lange
wollt ihr noch morden?» (Vers 4) In einem Kommentar
lese ich zu diesem Psalm, er sei eine «Glaubensbastion». Ich
mag diesen militärischen Begriff nicht. Aber er drückt jenes
Festhalten an der Überzeugung aus, dass Gott, die Lebendige
und Ewige, Heil bringt, Heil den Menschen. Wir sehnen
uns nach dem Heilwerden unserer Welt, sehnen uns nach
Gerechtigkeit und Frieden. Die Sehnsucht genügt nicht. Es
braucht das Festhalten an der Überzeugung, dass die Lebendige
auf der Seite der Menschen und da ist für sie.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. Juli

Jesus spricht: Wo zwei oder drei versammelt sind
in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Matthäus 18,20

Nun währt es schon einige Jahrzehnte, dass man die Kirchen
wie Firmen, wie Unternehmen anschaut, die einfach etwas
mehr betriebswirtschaftliches Knowhow bräuchten, dann
würde alles besser. Als ob man Manager noch nie scheitern
gesehen hätte. Als ob die Ökonomisierung aller Lebensbereiche
schon einmal irgendwo hilfreich gewesen wäre, im Spital
oder im Pflegeheim, an der Uni oder im Theater. Aber alles
und alle werden seither immer wieder mit grosser Inbrunst
gezählt: das Geld und die Gönner, die Anlässe und der Aufwand,
die Leute. Dann wird gefragt, ob es sich lohnt. Noch
lohnt. Die Zahlen zählen. Oft sind sie wichtiger als ein kluges
Argument. Die gewaltigen Balkendiagramme, die man aus
den Zahlen zeichnet, zäunen dann die letzten Hoffnungen
ein. Das kurze Verslein im Matthäusevangelium ist dennoch
nicht in Vergessenheit geraten und verkündet nach wie vor
die frohe Botschaft, dass es bei Gott nicht darauf ankommt,
wie viel es ist und wie viele es sind. Zwei oder drei vermögen
viel, wenn sie sich einig werden. Jesus macht den Jüngern keine
falschen Hoffnungen. Er trimmt sie nicht auf Leistung und
Erfolg, sondern legt ihnen seine göttliche Menschenfreundlichkeit
ans Herz. Es gibt keinen Fünfjahresplan und keine
Boni für erzocktes Glück an der Börse. Er verheisst den Seinen
damals und bis heute grosse Begeisterung im kleinen Kreis.

Von: Dörte Gebhard

18. Juli

Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft
und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt,
wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken.

Römer 1,20

Gott ist da und nah und unsichtbar. Alles Unsichtbare
erkenne ich an seinen Spuren. Wo die Liebe hinfällt, ist meist
nicht zu übersehen. Aber noch nie habe ich die Liebe an sich
in Augenschein nehmen können. Wir merken, wenn jemand
etwas Neues anfängt auf Hoffnung hin, aber die Hoffnung
als solche habe ich noch nie in der Hand gehabt. Wir spüren,
wenn jemand Vertrauen gefasst hat, ohne dass ich es
aus der Tasche ziehen und auf Verlangen vorzeigen könnte.
Unsere Zeit ist Teil der Ewigkeit – andernfalls wäre die Ewigkeit
nicht ganz ewig –, aber beweisen kann diese Gewissheit
auch Paulus nicht.
Gottes Wirken erkennen wir Menschen nur an seinen Werken.
Aber nur, wenn wir nicht nur kurz gucken, sondern
wirklich hinschauen, aufmerksam beobachten. Wenn wir
nicht nur mit halbem Ohr etwas aufschnappen, sondern
horchen und genau hinhören. Wenn wir uns nicht nur kurz
rühren lassen, sondern mit dem Herzen bei der Sache sind,
mit Geduld für eine kleine Ewigkeit.
Wenn ich mit Kopf, Herz und Hand dem Geheimnis Gottes
auf der Spur bin und eben nicht «verstockt», wie das schon
die Propheten wenig schmeichelhaft nannten, dann habe ich
nicht plötzlich Antworten auf alle Fragen, aber ich sehe die
sichtbare Welt mit anderen Augen.

Von: Dörte Gebhard