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17. Juli

Jesus spricht: Wer diese meine Rede hört und tut sie,
der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf
Fels baute.
Matthäus 7,24

Welche Rede sollen wir hören von Jesus? Manche hören
einen religiösen Sozialismus, andere eine feministische
Befreiungstheologie, wieder andere ein Wohlstands-Evangelium
oder sehen schon den totalen Untergang des Christentums,
wenn denn diese evangelische Kirche nicht endlich
mit dem «links-grünen Getue» aufhört!
Welche Rede höre ich? Ich persönlich höre eine Rede für die
an den Rand Gedrängten, die Schutzlosen, die Anderen, die
Übriggebliebenen, die Verfolgten, die Kaputten und Verlassenen,
die Besitzlosen und die Zerstörten. Ich höre einen
Jesus, der mit seinem Leben das letzte Opfer gebracht hat
und die Menschheit so ein für alle Mal mit Gott versöhnt
und gerettet hat. Ich höre einen Jesus, der für alle da ist,
egal ob hetero- oder homosexuell, egal ob genderfluid oder
asexuell.
Ich höre einen Jesus (und das lese ich auch in der
Bibel so), der viel mehr über Geld und Macht spricht und
deren Gefahren als über Sex und Gender.
Und welche Kirche wollen wir haben? Wie gehen wir nun
als Kirche mit dieser Breite um? Kondensieren wir in naher
Zukunft noch mehr? Oder werden wir fluider für das, was
neu am Horizont aufkeimt? Und können wir dabei aufzeigen
warum es uns auch in Zukunft noch braucht? Amen!

Von: Markus Bürki

16. Juli

Gott der HERR wird die Tränen von allen
Angesichtern abwischen.
Jesaja 25,8

Ein «Danklied für Gottes Eingreifen», steht über dem Kapitel
25 des Jesajabuchs in meiner Konf-Bibel. Der Sänger dankt
in blumigen Worten seinem grossen und starken Gott. Er
lässt die Mächtigen zittern und ist für die Hilflosen da. Wenn
dieser Gott sein Werk vollendet, dann gibt es für alle Völker
ein Festmahl mit geläuterten Weinen und köstlichen
Speisen. Der Tod wird für immer vernichtet und von jedem
Gesicht werden die Tränen abgewischt. Auf diesen Gott will
sich der Sänger berufen, ihm dieses Lied widmen, sich bei
ihm anlehnen wie das Kind an einen Vater oder eine Mutter.
Der Sänger hat nicht vergeblich gehofft, er hat geglaubt
und es wurde ihm so erfüllt. Selbstsucht und Götzendienst
(= Netflix? Instagram?), sind nicht mehr, Tod, Leid und Angst
sind weg. Das messianische Königreich ist angebrochen, die
Schrift ist erfüllt, das Leben kann kommen.
Sind Sie bereit? Bereit für das Festmahl mit den geläuterten
Weinen und den köstlichen Speisen? Oder kämpfen Sie noch
mit Ihren inneren Dämonen und den äusseren Anreizen
zum Götzendienst (= mehr kaufen und noch mehr besitzen)?
Warten und hoffen kann ganz schön anstrengend sein.
Wann ist das geplante Festmahl, wo es keine Tränen mehr
gibt? Ich wünsche Ihnen ein tägliches Hoffen und Bangen
und Vertrauen auf das grosse Festmahl! Amen!

Von: Markus Bürki

15. Juli

Gott hat mein Elend und meine Mühe angesehen. 1. Mose 31,42

Ein wilder Machtkampf tobt zwischen Jakob und Laban.
Es geht um Rahel, Labans Tochter. Jakob hat sich auf den
ersten Blick unsterblich in sie verliebt. Laban nützt diese
Liebe schamlos aus. Er stellt Bedingungen und erhebt Forderungen.
Bis Jakob irgendwann der Kragen platzt. Genug
ist genug! Jakob macht Gott zu seinem Zeugen: «ER hat
mein Bedrücktsein und das Mühn meiner Hände gesehen»
(Übersetzung nach Martin Buber). Es ist, als fiele durch diese
Worte ein wenig Tageslicht. Der Machtkampf flaut ab. Die
beiden schliessen Frieden und bauen mit Steinen ein Denkmal.

Was hat Gott denn gesehen? Nur Jakobs Elend und seine
Mühe? Oder auch, dass er bereit ist, für die Liebe zu seiner
Frau alles zu tun? Dass er leben will, mit ihr. Und bereit ist,
seinen Teil dazu beizutragen? Und dass es dann irgendwann
aber auch mal genug ist. Weil immer noch mehr arbeiten
ja nicht die Lösung sein kann. Jakob geht fest davon aus,
dass auch Gott findet, dass es jetzt genug ist. Dass jetzt der
nächste Schritt – auch in der Liebe zu Rahel – folgen muss.
Jakob ist bereit. Er lässt sich von Gott in die Zukunft ziehen.
Jakobs Klarheit hat Laban wenig entgegenzusetzen.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

14. Juli

Denn ihr alle seid Kinder des Lichts und Kinder
des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von
der Finsternis.
1. Thessalonicher 5,5

Das Lagerfeuer war für die Menschen im Orient der zentrale
Ort. Nach getaner Arbeit trafen sie sich in vertrauter Runde.
In der Nähe des Feuers gab es Wärme und Geschichten.
Wenn die Flammen züngeln, werden wir wesentlich. Mit
dem Blick ins Feuer vertrauen wir uns an, was uns überlebenswichtig
ist.
Die kleinen Funken, die vom Feuer aus ihre Reise starten,
heissen «Kinder des Lichts». Sie haben nur den Moment. Es
gibt kein Davor und kein Danach. Sie glühen. Sie leuchten.
Sie strahlen aus. Sie geben Kunde von dem, was sie trägt. Sie
sind – nur für einen Moment – Träger des Lichts. Es ist ihr
Moment. Mehr braucht es nicht.

Das Lagerfeuer brennt weiter. Es glüht, zischt, knallt und
qualmt für Stunden. Dann steigt das Morgenrot auf. Es
bringt der Erde das Leben zurück, all das, was heiter und licht
ist. Es vertreibt das Dunkle. Jeden Tag von neuem. Es lohnt
sich, einmal frühmorgens dem Eroberungszug des Lichts zu
folgen. Der erste Schimmer im Osten, der den Orion verblassen
lässt, die steigende Helle, die dann plötzlich die höchsten
Gipfel und Grate streift, auf den Firnen rosarote Teppiche
ausbreitet und auf den Firngraten den neuen Tag anzündet.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

13. Juli

Ruben sprach zu seinen Brüdern: Vergiesst nicht Blut! 1. Mose 37,22

Ruben schreckt zurück vor dem Blutvergiessen. «Verflucht
seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines
Bruders Blut von deinen Händen empfangen» (Genesis
4, 11). Das alte Tabu hat seine Wirkung. Kein Brudermord
also wie bei Kain und Abel.
So wird Joseph gerettet und er kann sogar zu Pharaos Ratgeber
aufsteigen. Derselbe Joseph, den sie töten wollten,
wird seine Brüder und ihre Familien vor dem Hungertod
bewahren.
Nur wo der Gewalt Grenzen gesetzt werden, kann Leben
geschützt und ein Weg zum Frieden zwischen Feinden offengehalten
werden. Grenzenlose Gewalt, wie beim Einsatz von
Atomwaffen, führt zu totaler Zerstörung. Mit der Gründung
der Vereinten Nationen sollte internationales Recht die
Kriegsfurie zähmen und für Frieden und Sicherheit sorgen.
Seither gibt es beides: Beispiele für gelungene Friedensprozesse
und für ihr Scheitern.
Noch wissen wir nicht, welche Wendung der Krieg in der
Ukraine nehmen wird. Solange es diesen und andere Kriege
gibt, werden wir nicht aufhören, Wege des Friedens zu gehen
und zu beten:
Herr, gib uns deinen Frieden.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Juli

HERR, schone dein Volk und lass dein Erbteil nicht
zuschanden werden!
Joel 2,17

Der Erbteil – Nachala im Hebräischen – bezeichnet das Land,
das einer Familie anvertraut ist, für das sie Sorge trägt und
von dem sie lebt. Der Erbteil soll für die Familie über Generationen
bewahrt werden. Dieses Land ist aber nicht ihr
Eigentum. Grundsätzlich bleibt es Erbteil Gottes, Erbteil der
Lebendigen, der wir alles Leben verdanken.
Die Gabe des Lebens ist und bleibt Gottes Gabe. Es ist ein
fataler Irrweg, zu glauben, dass Menschen als Herren und
Meister die Natur nach ihrem eigenen Willen ausbeuten und
umgestalten könnten. Das grosse Projekt der Aneignung der
Natur mit maximalem Profit führt in die Katastrophe.
Ein heilsamer Weg in die Zukunft tut sich auf, wenn wir uns
als Teil der Schöpfung erkennen und einen achtsamen und
sorgsamen Umgang mit allen Gaben der Lebendigen einüben.
Das wird ganz konkret in unseren eigenen Entscheidungen
– z. B. wie wir von unserem Stimmrecht Gebrauch
machen, welche Technologien wir fördern, wie wir heizen
oder uns fortbewegen, worauf wir für unsere Zukunft zählen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, auf all unseren Wegen
und hilf uns, weise und achtsame Entscheidungen zu treffen.

Von: Barbara und Martin Robra

11. Juli

Es gibt nichts Besseres, als dass ein Mensch fröhlich sei
in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil.
Prediger 3,22

Gott schenkt Leben und alles, was dazugehört. Des Menschen
Teil ist es, all das zu nutzen, diese Gabe anzunehmen
und «das Beste daraus zu machen». Und sich daran und
darüber zu freuen, solange er kann. Das bedeutet dann auch,
meine tägliche Arbeit als etwas zu sehen, das mir gegeben
ist. Das mag zunächst eigenartig tönen, weil diese Arbeit
von vielen als etwas verstanden wird, das mir aufgegeben ist,
das ich also tun muss. In das ich alle meine Lebensenergie
stecken muss, um der Aufgabe entsprechen zu können. Ob
danach überhaupt noch Zeit und Kraft bleiben für das Lustvolle
im Leben, ist sehr offen. Wenn der Prediger hier vom
«Fröhlichsein in der Arbeit» spricht, tönt das zunächst überraschend.
Von seinen Grundbedeutungen her meint «fröhlich
» sowohl ausgelassen als auch weise oder verständig. So
bekommt die Formulierung eine andere Farbe: Der Mensch
soll Leben und Arbeit als Geschenk Gottes verstehen und
mit beiden deshalb weise und verständig umgehen. Das
«fröhliche» Arbeiten ist so die dankbare Annahme dieses
Geschenks. Eine Aussage, die meine Einstellung sowohl zum
Leben als auch zum Arbeiten verändern kann. Denn zum
Annehmen gehört das Gestalten, und dazu bin aufgerufen
und befähigt. Von Gott.

Von: Hans Strub

10. Juli

Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen
vor dem HERRN, der uns gemacht hat.
Psalm 95,6

Weder niederknien noch verbeugen gehört zu den bei Reformierten
gebräuchlichen Ritualen oder liturgischen Bewegungen.
Schon gar nicht niederwerfen. Dennoch kennen wir
Ehrfurcht vor dem Schöpfer ebenso wie Dankbarkeit fürs
Begleitet- und Bewahrtwerden. Persönlich bringe ich das im
Gebet zum Ausdruck. Ich verbeuge mich gewissermassen
innerlich – ohne dass es jemand sieht. Gibt es konkrete Hindernisse,
die mich am äusseren Ausdruck hindern, oder ist es
schlicht meine Gewohnheit, weil ich es nicht anders gelernt
und eingeübt habe? Denn eigentlich möchte ich mich nie
und nirgends dafür schämen, dass ich Ehrfurcht und Dankbarkeit
empfinde. Im Gegenteil, diese unmittelbare Beziehung
zum Schöpfer ist mir wichtig. Ich bin mir täglich sehr
bewusst, wie stark mein Leben davon bestimmt ist. Wenn
ich nun den ganzen Psalm lese, nehme ich mir vor, das auch
zu zeigen. Zum Mindesten davon zu reden, im kleinen Kreis
oder allenfalls gar öffentlich. Die «angeborene» protestantische
Innengläubigkeit taugt wenig, um auch andere dafür
zu gewinnen, ihre eigene Geschöpflichkeit wahrzunehmen
und sie auszudrücken. Und um das uralte Gotteslob, dem
hier Sprache verliehen wird, in meiner Sprache von heute
weiterzusagen. So, wie es in Vers 1 heisst: Kommt, lasst uns
dem Herrn jubeln und jauchzen, dem Fels unserer Hilfe!

Von: Hans Strub

9. Juli

Paulus schreibt: Ist bei euch Ermahnung in Christus,
ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist
herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine
Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes
seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.

Philipper 2,1–2

In Christus, der Liebe, dem Geist (hebräisch weiblich: Ruach,
Geistkraft) klingt die göttliche Trinität an, in der Barmherzigkeit
das göttliche Erbarmen (hebräisch: Rachamim, was
mit Rechem, Mutterschoss, verwandt ist). Ermahnung (besser:
Zuspruch), Trost, Gemeinschaft, herzliche Liebe – all
dies strömt aus der Gottheit in einen, wie die Marburger
Neutestamentlerin Angela Standhartinger schön schreibt,
umgreifenden Beziehungsraum.
Auch die Freude, dieser zentrale Begriff des Philipperbriefs,
ist göttlichen Ursprungs: «Als Geschenk Gottes gibt sie
Anteil an der himmlischen Welt.» Und wenn Paulus die
Gemeinde auffordert, seine Freude vollkommen zu machen,
«macht er sie, die Gemeinde, zu Gottes Mitarbeiterin»
(Standhartinger).
Die Freude des Paulus wird vervollkommnet durch das, was
Ernst Lohmeyer (1890–1946) »Einseelenhaftigkeit« nennt:
Diese «repräsentiert die Eigentümlichkeit urchristlichen
Gemeinschaftsgefühls. Denn ‹die gleiche Liebe› kennt
grundsätzlich nicht die monadische Bestimmtheit des Ichs.
In ihr gibt es nur ein ‹Zusammen der Seelen›.»

Von: Andreas Fischer

8. Juli

Werdet nicht träge, sondern tut es denen gleich, die
durch Glauben und Geduld die Verheissungen erben.

Hebräer 6,12

Aller Anfang, sagt der spanische Mönch und Mystiker Johannes
vom Kreuz (1542–1591), ist süss: «Wenn sich ein Mensch
dem Dienst Gottes zuwendet, verwöhnt ihn Gott, wie es
eine liebevolle Mutter mit ihrem Kind macht.» Doch dann
lässt die Mutter das Kind «von ihrem Arm herab und stellt
es auf die eigenen Füsse». Statt süsser Milch gibt es fortan
«Brot mit Rinde» zu essen.
Das ist der Eintritt in jenen Bereich, den Johannes vom Kreuz
die «dunkle Nacht» nennt. Wer an dieser Pforte stehenbleibt,
ist, in der Sprache des Hebräerbriefs, «träge» geworden,
stumpf, faul.
Es gilt weiterzugehen, immer weiter.
Das meint der Hebräerbrief mit seiner typischen Konzeption
von Glauben und Geduld. Unterwegs vollzieht sich ein
Prozess der Befreiung von Gier und Anhaften an Reichtum,
Ehre, Anerkennung, Genuss. Die Nacht, sagt Johannes vom
Kreuz, führt «viel sicherer als die Mittagsglut» in die eigene
Tiefe, die nichts anderes ist als die Tiefe Gottes. In der Sprache
des Hebräerbriefs: Der Wüstenweg führt ins verheissene
Land, das die Seele einst erben wird, wenn sie – geläutert,
gereinigt, befreit und geheilt – heimkehrt.

Von: Andreas Fischer