Kategorie: Texte

2. Januar

Da kam eine arme Witwe. Sie warf zwei kleine
Kupfermünzen hinein.
Markus 12,42

Da sitzt Jesus tatsächlich im Tempel und schaut zu, was in den Opferstock hineingetan wird. Das ist ein sehr befremdliches Bild, und ich bin nicht wenig schockiert.
Aber eben, wie so vieles in der Bibel kann man es auch anders verstehen!
Die Witwe hat alles gegeben, was sie hatte, und Jesus sagt von ihr zu den Jüngern: «Diese arme Witwe hat mehr gegeben als alle andern. Die haben nur von ihrem Überfluss gegeben, sie hat alles gegeben, was sie selbst dringend zum Leben gebraucht hätte.»
Das ist das zweitletzte Gleichnis vor der Passion. Im letzten geht es um das Salböl (14,3–9), das ein Jahresgehalt wert ist.
Beide Geschichten nehmen voraus, was Jesus am Schluss selber tut: nämlich die völlige Hingabe an Gottes Willen.
So gesehen scheint mir Jesu Sitzen und Beobachten im Tempel wie eine Einstimmung auf das, was ihm bevorsteht.
Auch beten wir: «Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.»
Wie schwer fällt es uns doch, uns selber in Gottes Willen hineinzugeben, ihn anzunehmen und nicht daran zu verzweifeln.

Von: Kathrin Asper

1. Januar

Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht
und dein Herz sei unverzagt.
Jesaja 7,4

Das ist leichter gesagt als getan, wenn wie in diesem Fall eine Armee vor den Toren der Stadt steht und sie einzunehmen droht. Aber Jesaja macht Achas, dem König von Jerusalem, Mut: «Das sind nur rauchende Holzscheite; die können dir nichts anhaben!» Mit seinem Büblein an der Hand trifft er den König beim Teich, der die Stadt mit Wasser versorgt. Gott hat Jesaja aufgefordert, den Bub zum Treffen mit dem König mitzunehmen. Das Kind an der Hand verstärkt die Botschaft, dass die Stadt eine Zukunft hat. Auch der Ort des Treffens ist gut gewählt. Wasser ist das alte Symbol für das Leben. Vieles spricht in dieser Situation gegen die Hoffnung und für die Angst und darum lässt Gott nicht nur Jesaja sprechen, sondern unterstützt das, was er sagt, mit starken Bildern.
Vieles spricht auch heute gegen die Hoffnung und für das Verzagen. Dem Verzagen stehen nicht nur Gottes Zusagen aus der Bibel entgegen, sondern auch die konkreten Taten vieler, die von Hoffnung getragen sind. Wir sehen sie überall, wo Menschen sich dafür einsetzen, dass die Welt eine Zukunft hat. So lädt uns Jesaja ein zum Trotz. Seine Worte werden zu Vorsätzen, die uns das neue Jahr weit machen. «Trotz» kommt von «trutzig», wehrhaft. Unsere Welt braucht dringend die eigensinnige und robuste Hoffnung der Glaubenden.

Von: Heiner Schubert

31. Dezember

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit grosser Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Jesaja 54,7

Wir befinden uns am Ende eines Jahres. Die Bezeichnung «Silvester» geht zwar auf den Namen eines Papstes zurück, doch der kalendarisch letzte Tag im Jahr hat keinen Bezug zur Bibel. Dennoch erleben viele Menschen den Jahreswechsel als einen Moment von besonderer Sinnhaftigkeit, ja Spiritualität. Das vergangene Jahr wird auf seine Höhe- und Tiefpunkte nochmals aufgerollt, für das neue Jahr formulieren wir Vorsätze, die wir mit Horoskopen oder anderen Prognosen in Einklang bringen. In all diesem Tun spiegelt sich der Wunsch, unser eigenes Leben in diesem Moment des Übergangs in einem grösseren Ganzen geborgen zu wissen.
Wie passend ist dazu der heutige Losungstext. Selbst in unserer säkularen Welt, die eher auf das menschliche Handeln baut als auf Gottvertrauen, klingt dieses «mit grosser Barmherzigkeit will ich dich sammeln» wie Musik für unsere Ohren. Wenn wir heute um Mitternacht in Gesellschaft oder einfach nur für uns allein den Glockenschlag hören, werden wir diesen kurzen Augenblick des Verlassenseins fühlen, der uns bewusst macht, dass wir in den grossen Übergängen des Lebens allein sind. Um uns sogleich mit Korkenknallen, Feuerwerksgewitter und Glockengeläut wachzurütteln: Wir sind umfangen von Gemeinschaft und einer universellen Kraft. In diesem Sinn wünsche ich uns allen heute Abend einen Augenblick des Loslassens im Vertrauen auf eine grosse Barmherzigkeit, die uns für einen Neubeginn sammelt und begleitet.

Von: Esther Hürlimann

30. Dezember

Josef sprach zur Frau des Potifar, die ihn verführen wollte: Wie könnte ich ein so grosses Unrecht begehen und gegen Gott sündigen? 1. Mose 39,9

Josef lehnt die unmissverständliche Einladung zum Seitensprung nicht ab, weil er weiss, was alle Seitenspringenden eigentlich wissen müssten, wenn sie ganz bei Trost wären: dass der kurze Lustgewinn in der Regel die Verwüstungen, die er anrichtet, nicht wert ist. Er lehnt auch nicht ab aus Rücksicht auf Potifar, obwohl er zuerst so argumentiert. Josef lehnt ab, weil er sich Gott verpflichtet weiss. Nie hören wir Josef klagen. Die langen Durststrecken, die er durchstehen musste, nahm er aus Gottes Hand. «Irgendwie hängt alles zusammen», muss er sich gesagt haben, «und ist Teil meiner Beziehung zum Ewigen.» Josef gibt dieser Beziehung mehr Gewicht. Das kränkt die Frau und erklärt ihre schändliche Reaktion.
Frau Potifar tut mir leid. Verheiratet mit einem obersten Beamten, einem Eunuchen, bleibt ihr eheliche Vertrautheit fremd. Sonst wird es ihr an nichts gefehlt haben. Als sie Josef begegnet, will sie sich etwas von dem, was ihr so schmerzlich fehlt, nehmen, auf unrechte Weise. Tragischerweise sucht sie an der falschen Stelle. Josefs Glück ist nicht im Bett zu finden. Potifar selbst muss von Anfang an klar gewesen sein, dass nicht Josef das Problem ist. Es besteht deshalb die Hoffnung, dass Herr und Frau Potifar aus dieser Krise lernen konnten und ihnen noch ein paar glücklichere Jahre vergönnt waren.

von: Heiner Schubert

29. Dezember

Erfüllt ist die Zeit, und nahe gekommen das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! Markus 1,15

Wir leben in apokalyptischen Zeiten. Krieg, Klimakatastrophe und die ungerechte Verteilung des Wohlstands nähren die Angst, dass die Zeit sich zwar nicht erfüllt hat, aber dass sie abgelaufen ist. Nicht etwa, weil Gott die Welt untergehen lässt, sondern weil der Mensch dazu fähig geworden ist, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Ein Gedanke, der biblischen Autoren, die sich oft in einer Endzeit oder zumindest in einer Zeitenwende wähnen, völlig fremd ist.

Dass es nicht so weitergehen kann und Umkehr nottut, gehört zu den Einsichten, die in jedem Klimabericht nachzulesen sind. Anders als in apokalyptischen Texten in der Bibel, wo die Katastrophe als Durchgangsstation zum Heil verstanden wird und die Gerechten auf Rettung hoffen dürfen, trifft die Klimakatastrophe allerdings zuerst jene, die sie am wenigsten verursacht haben.
Der biblische Ruf hat nichts an Dringlichkeit verloren. Den Glauben daran, dass Verzicht und Rücksichtnahme möglich und Ausbeutung und Gewalt keine Naturgesetze sind, hat die Welt nötiger denn je. Überall, wo dieser Glaube in die Tat umgesetzt wird, scheint etwas vom Reich Gottes auf. Und in solchen Momenten leuchtet die Hoffnung auf, dass das Reich Gottes so nahe ist, wie es das Evangelium verheisst.

von: Felix Reich

28. Dezember

Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst. Psalm 104,14

Die Jahresrückblicke sind längst im Fernsehen gelaufen. Die verschiedenen Kanäle haben schon Mitte Dezember kundgetan, an wen aus dem zu Ende gehenden Jahr besonders gedacht werden sollte. Wer Besonderes geleistet oder so richtig danebengelegen hat. Wer geboren oder gestorben ist – von den wirklich wichtigen Persönlichkeiten natürlich. Katastrophen und Heldentaten in Bild und Ton, mit Expertenstimmen und passender Hintergrundmusik.
Und jetzt? So zwischen den Jahren? Alle Luft raus nach den Feiertagen?
Vielleicht noch nicht ganz. Wenn Sie noch einen Atemzug haben, dann sollten Sie sich heute mit der Losung auf einen besonderen Rückblick begeben. Einen Schöpfungsrückblick. So würde ich Psalm 104 bezeichnen. Einen Rückblick auf all das, was Gott so wunderschön geschaffen hat:
«Herr, wie sind deine Werke so gross und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.» (Vers 24) Und der Blick wird gelenkt und aufmerksam gemacht auf das, was wunderschön ist. Auf Wolken, Wind und Donner, Wildesel, Klippdachs und Steinbock, Früchte, Gras, Brot und Wein. Und viele weitere Einzelheiten in bunten Farben mit Wörtern gemalt, damit sie zum Lob des Schöpfers gesungen werden. Heute, zum Ende des Jahres, und jeden weiteren Tag.

von: Sigrun Welke-Holtmann

27. Dezember

Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Matthäus 6,9

Es ist das Gebet, das ich mit meinen Kindern, als sie klein waren, jeden Abend vor dem Einschlafen gebetet habe. Als Abschluss eines Tages, als Zusammenfassung all dessen, was war und was kommen wird.
Es ist das Gebet, das ich im Hospiz mit Angehörigen am Totenbett bete – ein letztes Mal zusammen. Als Abschluss eines Lebens.
Es ist das Gebet, das ich mit der Gemeinde im Gottesdienst bete – an normalen Sonntagen – hohen Feiertagen – Hochzeiten und Taufen, als Zusammenfassung aller Freude und Dankbarkeit, an den Wende- und Schwellenzeiten des Lebens.
Es ist das Gebet, in das ich mich hineingeben kann. Mit all meinen Anfängen und Abschlüssen, mit meiner Freude und meiner Traurigkeit, mit meinen Ängsten und mit meiner Hoffnung.
Und manchmal erscheint es mir wie ein Mantel, der sich ganz sanft und weich um meine Schultern legt und mir Wärme und Geborgenheit gibt. Und manchmal erscheint mir dieses Gebet wie ein grosser Fluss, der durch die Zeiten fliesst und wo ich mit vielen anderen zusammen stehe. Und wir kennen uns und verstehen die Blicke des/der anderen. Und wir wissen, wir sind alle Geschwister – Kinder des einen Vaters im Himmel.

von: Sigrun Welke-Holtmann

26. Dezember

Jetzt ist sichtbar geworden im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus: Er hat den Tod besiegt und hat aufleuchten lassen Leben und Unsterblichkeit, durch das Evangelium. 2. Timotheus 1,10

Viele Ankündigungen in den Evangelien beginnen mit dem kleinen Wort «siehe!». «Siehe, du wirst schwanger werden…», verkündet der Engel Maria (Lukas 1,31). «Siehe, ich verkündige euch grosse Freude…», ruft der Engel den Hirten zu. «Siehe» ist eine Aufforderung, genau und aufmerksam (hin-)zusehen, mit allen Sinnen, mit dem Herzen. Denn nur so ist zu sehen, was sichtbar geworden ist «im Erscheinen unseres Retters, Christus Jesus».
Wenige Verse vorher schreibt Paulus an Timotheus, was es braucht für dieses aufmerkende Sehen: «…nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit» (Vers 7). In dieser Welt zu sehen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, zu sehen, wie das Leben aufleuchtet, ist eine tägliche Übung, eine Art geistliches Krafttraining. Ich trainiere meist mit der Tageslosung und der Zeitung. Ich suche Nachrichten und Berichte, in denen «Leben aufleuchtet». Meistens werde ich fündig. Neulich in einem Bericht über «mobile Beratungsteams» in Brandenburg. Die sind so etwas wie Handlungsreisende in Sachen Demokratie. Sie vermitteln und schlichten in Konflikten, sie öffnen Gesprächsräume und vielleicht neue Perspektiven. Warum mache ich das? Ich will mit den Hirten die Geschichte sehen,
die da geschehen ist – und weiter geschieht.

von: Annegret Brauch

25. Dezember

Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! Jesaja 38,14

Es ist Hiskia, der hier um Hilfe ruft. Hiskia, von dem berichtet wird, dass er neunundzwanzig Jahre zu Jerusalem regierte, «und er tat, was dem Herrn, der Ewigen, wohlgefiel…» (vgl. 2. Chronik 29,2).

Aber nun ist Hiskia todkrank. Verzweifelt. Voll Angst. Er will nicht sterben. Er ruft, er bettelt, er schreit um Hilfe: «Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!» – und das Wunder geschieht: Hiskia wird wieder gesund, fünfzehn weitere Jahre sind ihm geschenkt.

Wie viele Menschen haben seither wie Hiskia um Hilfe gefleht – und tun es bis heute? Nicht allen ist widerfahren, worum sie baten. Das ist schmerzlich und bitter und manchmal kaum auszuhalten…
Und dennoch, mitten in Sorge und Zerrissenheit erklingt die Botschaft des Engels: «Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren…»

Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien «die frohe Botschaft» verkünden: «Uns ist ein Kind geboren.» (Hannah Arendt)

von: Annegret Brauch

24. Dezember

Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Jesaja 60,2

«Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.» Wir leben in einer Zeit, in der diese Aussage uns sehr realistisch vorkommt: die vielen lang andauernden, nicht lösbar scheinenden kriegerischen Konflikte, die wachsende Schere zwischen armen und reichen Menschen, der spürbare Klimawandel mit seinen Wetterextremen: All das passt in diese Beschreibung aus dem 60. Kapitel des Buches Jesaja.
Die «Herrlichkeit des HERRN», die dieses Dunkel auflöst, erscheint uns in dem kleinen, zarten, noch sehr schutzbedürftigen Kind, dessen Geburt wir heute Nacht feiern. In «Herrlichkeit» steckt die Vorstellung von «Herr». Als ein Herr kam Jesus nun wirklich nicht zur Welt – er kam und blieb verletzlich, aber er brachte ein Licht, von dem wir leben. Es erhellt die Dunkelheit mit seinen Strahlen der Hoffnung und der Liebe. So erschliesst sich mir dieser zweite Jesajavers im 60. Kapitel durch den ersten: «Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt.» Den Hirten erschien dieses Licht mitten in der Nacht – und sie eilten alsbald zum Stall, um das neugeborene Kind zu sehen und sein Licht in ihre manchmal so dunklen Nächte bei den Schafen mitzunehmen. Wir hoffen so sehr, dieses Leuchten auch in unsere Tage mitzunehmen. Möge es so kommen!

von: Elisabeth Raiser