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9. Februar

Seine Herrschaft wird sein von einem Meer
bis zum andern und bis an die Enden der Erde.                                                                                                 Sacharja 9,10

«Oh, schön», dachte ich, als ich den obigen Vers las, «da wird wieder einmal Gottes Wirken in seiner Schöpfung beschrieben». Ich erinnerte mich an einen Kanon, den ich in der dritten Klasse gelernt hatte: «Ein heller Morgen oh-ho- ne-he Sorgen …» Vielleicht kennen Sie ihn. Er endet    mit: «… des Herren Macht hat Licht gebracht.»
So eindeutig schön ist das Wirken des «Herrn» in diesem Kapitel nun aber nicht beschrieben. Da geht es vielmehr auch um «Herrschaft».

«Immer dieser Herr, immer diese Herrschaft», denke ich. Aber anstatt den «Herrn» zu verbannen und nach alternativen Beschreibungen zu suchen, möchte ich nun versuchen, aus den Bildern, die zum «Herrn» in mir sind, ein grosses Bild mit Worten zu malen. Was sehe ich?

Da geht ein riesiger Mann über die Erde, den einen Fuss hat er auf einer Landmasse, mit dem anderen hat er das angrenzende Meer schon überquert. Er trägt einen weiten, weichen Mantel, der hinter ihm herweht und die Erdteile darunter in Schutz und Dunkelheit hüllt. Vor sich her sendet er das Licht. Er kennt alle Lebewesen, durch die er hindurchgeht. Er hat einen Stab, mit dem er Verlorenes aufspüren und zurück- holen kann. Er hat riesige Hände, die alles umfassen. Wo er geht, wird Schweres leichter und Verhärtetes biegsamer. Er spricht nicht mit Worten. Er ist da.

Von Katharina Metzger

8. Februar

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben,
wozu du berufen bist, und bekannt hast das gute Bekenntnis
vor vielen Zeugen.    1.Timotheus 6,12

Timotheus, Schüler des Paulus, ja eigentlich sein geliebter Ziehsohn, bekommt vom Apostel die wichtige Aufgabe der Gemeindeentwicklung und Gemeindeführung übertragen. Diese Aufgabe war vielleicht die allerschwierigste in der entstehenden Gemeinschaft der von Christus Ergriffenen. Sie hat über viele Generationen hinweg eine Art Idealbild der Gemeinde geprägt.

Es ging dabei nicht bloss darum, Toptheologe zu sein, herausragender Organisationsentwickler oder Modellchrist. Auch Altersweisheit war kein Kriterium, obwohl Timotheus darüber klagt, dass er als zu jung erachtet wurde. Eher ging es darum, die Menschen in der Gemeinde zur ganzen Fülle der Gottesbeziehung zu ermutigen. Und dies gemeinsam und eines Sinnes zu tun: den entstehenden Irrlehren entgegenzusteuern, in der Familie wie auch in der Gemeinschaft der Glaubenden, nach bestem Wissen und Gewissen ein untadeliges Leben zu führen. Und dabei zu ertasten, was das ewige Leben bedeuten könnte: auf dem Weg mit Christus zu sein und seine Gebote zu halten, «bis er kommt». Ewig ist nicht die Gestalt, sondern die Beziehung, das, was wir Liebe nennen, was entsteht, wenn wir uns mit aller Kraft und Hingabe füreinander einsetzen.

Von Reinhild Traitler

7. Februar

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus  Jesus. Philipper 4,7

Der Friedensgruss von der Kanzel, der uns zum Ende der Predigt zugesprochen wird, ist mir besonders lieb: Er hebt mich gleichsam über die Sonntagsschwelle in den Alltag. Alle Sorgen bekommen noch einen kleinen Aufschub. Ich darf sie noch eine Nacht liegen lassen, darf noch einmal darüber schlafen, mich noch einmal in den Gottesfrieden kuscheln, ehe dann die «Vernunft» übernimmt.

Das Erste, was meiner Vernunft dann ins Auge fiel, war der Konjunktiv, den mein heimischer Pfarrer in Predigt und Liturgie eisern verwendete: Der Friede Gottes «bewahre» mir Herz und Sinne. Es handelte sich also um eine Bitte um Bewahrung in schwierigen Zeiten. Irgendwie entsprach das meinen Erfahrungen als Primarschülerin in der Nachkriegszeit. Ich konnte diese Bitte nachsprechen. Aber in der neuen Version des Sonntagsgrusses war aus der Bitte eine Gewissheit geworden: «Der Friede Gottes … wird eure Herzen und Sinne bewahren», hiess es da plötzlich im selbstbewussten Futurum. In der neuen Textvariante ist die Bitte des Beters, der Beterin zur Zusage Gottes geworden – das entsprach nicht immer meinen Erfahrungen. Aber oft habe ich gelernt, dass mein Herz und mein Sinn in dem Mass bei Gott sind, mit dem ich mich der Liebe und Durchhilfe von Jesus Christus anvertraue.

Von Reinhild Traitler

6. Februar

Er wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN.                                            Micha 5,3

Vom Messias ist hier die Rede. Aber zuerst eine andere Geschichte: Die jüdische Religionsphilosophin Margarete Susman lebte seit den 1930er-Jahren bis zu ihrem Tod 1966 in einer kleinen Dachwohnung in Zürich. Am 7. Mai 1942 versuchten eine enge Weggefährtin und Susmans Schwester, in die Schweiz zu gelangen. Die Gruppe wurde aufgegriffen. Susman wartete umsonst. Ihre Schwester nahm sich vor Ort das Leben, die anderen wurden ins KZ Theresienstadt deportiert und kamen um.

Und dennoch: Margarete Susman lebte, dort unter dem Dach, stets auf messianische Zukunft hin. Wie Micha. Im Geist der Utopie. Die Katastrophe kann unterbrochen werden. Jeden Moment. Unvermittelt kann der Messias «auftreten», wie Micha in diesem Vers sagt – in der damaligen hoffnungslosen Lage. Dann werden sich Gesetz und Gerechtigkeit durchsetzen, und es wird Friede sein.

In dieser jüdisch-messianischen Tradition war Susman zuhause, für das
20. Jahrhundert prägte sie diese mit ihrem bedeutsamen Werk selber mit. Was sie sagt, ist an uns adressiert: «Die einzige Frage, die von dem himmlischen Richter an eine Seele, die vor ihn tritt, gestellt wird, lautet nach dem Talmud: ‹Hast du gehofft auf das Heil?›»

Wie halten wir Hoffnung aufrecht – wider alle Hoffnung?

Von Matthias Hui

5. Februar

Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.                                                           Galater 4,6–7

Paulus spricht die Galater*innen als Kinder an. Kinder werden gleich geboren, von einer Mutter unter Schmerzen zur Welt gebracht. Vom ersten Moment an kommt jedem kleinen Menschen dieselbe Würde zu. Und im Bild von Paulus haben alle ein und denselben sorgenden Vater.

Kinder kann eigentlich nichts voneinander trennen – keine sprachlichen oder geografischen, keine sozialen oder ökonomischen, keine ethnischen oder religiösen, keine geschlechterbedingten oder körperlichen Barrieren. Bestehende Gräben sind Ausdruck der ungleichen Machtverhältnisse unter Erwachsenen. Kinder, wenn man sie denn lässt, begegnen einander auf Augenhöhe. Sie sind noch nicht Herren und auch keine Knechte – einfach Kinder.

Die Menschen als grosse Kinderschar: Das ist die universale, egalitäre Gemeinschaft, die Paulus vorschwebt. In ihr verwandelt sich der Kampf gegeneinander zum Miteinander, zur Solidarität, zum Fest. Die Galater*innen sollen schon jetzt so in Gemeinschaft leben, dass Ungleichheiten keinen Raum mehr haben. Wie Kinder. Und wir – denselben Geist in unseren Herzen – sollen das auch.

Von Matthia Hui

4. Februar

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.                          3. Mose 19,32

«… Und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin der Herr.» So lautet der zweite Teil unseres heutigen Verses aus dem Buch Leviticus, in dem es um die zentrale Frage des Glaubens geht: Wie nämlich Gottes Beziehung zu den Menschen konkret werden kann und welche Konsequenzen sie für die Gestaltung der Gesellschaft hat. Immer wieder werden Vorgaben für alltägliche Vorgänge in einen direkten Zusammenhang mit der Gottesverehrung gebracht. «Ich bin der HERR» kommt etliche Male als Einschub im Text vor, so auch hier am Ende des Verses.
Damit wird deutlich, dass die angeordnete Respektbezeugung alten und wichtigen Menschen gegenüber nicht einfach eine Sache des Comment ist, sondern in direktem Zusammenhang mit der überall festzustellenden Gegenwart Gottes zu sehen ist. Wem im Alltag dieser selbstverständliche Respekt fehlt, der wird auch im Lobpreis Gottes und in der Anerkennung seiner unbedingten «Herrschaft» zurückhaltend sein – und damit die Gottesfurcht missachtet haben. Das Aufstehen für ältere Men- schen, im Tram zum Beispiel, wird wohl in den seltensten Fällen in eine Verbindung mit Gottesfurcht gebracht. Aber dieser Bezug ist möglich, weil Liebe und Ehrfurcht gegenüber den Nächsten (den Mitgliedern der Gesellschaft, eingeschlossen Fremde! Verse 33–34) ein Abbild der Liebe ist, die Gott jeder und jedem zukommen lässt. Ich liebe, weil Gott mich liebt.

Von Hans Strub

3. Februar

Hilf uns, Gott, unser Heiland, und sammle  uns, dass wir deinen heiligen Namen preisen.   1. Chronik 16,35

«Dankt dem HERRN, denn er ist gut, ewig währt seine Gnade, und sprecht: Rette uns, Gott unserer Rettung, und sammle uns und rette uns aus den Nationen, damit wir deinen heiligen Namen preisen und uns rühmen, dass wir dich loben dürfen! Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und alles Volk sagte Amen! und pries den HERRN.» (Verse 34–36) Diese hymnischen Verse bilden den Abschluss der grossen Erzählung von der Überführung der Gotteslade nach Jerusalem und der Einladung zu diesem grossen Einzugsfest an alle Angehörigen des jüdischen Volkes, wo immer sie leben. Damit wird die Stadt Davids definitiv zur Hauptstadt des neuen Königreichs unter David.
Etliche Abschnitte dieser «Psalmensymphonie» stammen aus einzelnen Psalmen, der Vers von heute aus Psalm 106,47–48. Es wird für Sammlung gebetet zum «Gott unserer Rettung» (so die Zürcher Übersetzung zum Wort «Heiland»). Die Sammlung hat ein Ziel: dass Gott gepriesen wird, weil er dieses Volk durch Jahrhunderte der schweren Anfeindungen, der Fehltritte, des Exils nun wieder zusammenführt in eine neu strukturierte Gemeinschaft. Dass ihm gedankt wird für diesen einzigartigen Weg. Und dass diese Rettung nicht einfach abgeschlossen ist, sondern weitergeht, über alle Zeit hinweg. Weil Gott das so will, weil Gott die Menschen liebt.

Von Hans Strub

2. Februar

Ich will den HERRN loben allezeit; sein  Lob soll immerdar in meinem Munde sein.      Psalm 34,2

Gott loben. Wer möchte das nicht. Doch «allezeit» ist viel. Und «immerdar» ist lang. Gott loben. Wer möchte das nicht können. Es wenigstens vermehrt versuchen. Dieses Loben–Können lernen. Üben. Damit es auf der Zunge liegt. Vielleicht nicht gerade immerdar. Aber immer öfter.

Was braucht es, damit Sie Gott loben können?

Was müsste sich alles ändern, damit Sie ihn wieder loben könnten?

Muss bei Ihnen das Wetter stimmen, das Essen schmecken, müssen die Blumen blühen und alle Vögel des Himmels gleichzeitig singen, damit Ihr Herz von Lob erfüllt ist – oder darf es ein bisschen weniger sein?

In Psalm 34 wird aus dem Leben erzählt. Mit allen seinen Höhen und Tiefen. Da wird gebetet. Und erhört. Es ist von zerbrochenen Herzen die Rede. Und wie die Nähe Gottes heilt. Die Leiden sind zahlreich. Doch Gott befreit. Aus Not und Ängsten. Wohl dem, der bei ihm Zuflucht sucht.

Ich will! Das ist eine Absichtserklärung. Ganz am Anfang. Ich will Gott loben. So gut es geht. Ich will Gott auch dann vom Ende her loben, wenn es mir gegenwärtig nicht nur gut geht.

Von Ruth Näf Bernhard

1. Februar

Ist die Wurzel heilig, so sind auch die Zweige  heilig. Römer 11,16

Ich kann die Zweige nicht ohne die Wurzel denken. Nicht ohne das, was schon immer ist. Nicht ohne das, was bleiben wird. Was vor uns und nach uns dauert, länger als wir. «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!» – so steht es geschrieben, einen Atemzug später.

Ich kann die Wurzel nicht ohne den Himmel denken. Die Zweige nicht ohne Luft und Licht. Wohin wir aus dem Dunkel wachsen. Welche Früchte sichtbar werden.

Ich kann die Zweige nicht ohne die Vögel denken. Und die Vögel nicht ohne Gesang. Wie sie auch im Winter singen:
«Alles Leben strömt aus dir! Deiner Hände Werk sind wir.»

Ich kann das Leben nicht ohne das Sterben denken. Dieses Lied nicht ohne die letzte Strophe. Drum singe ich voll Inbrunst mit. Von der Wurzel, die mich trägt. Selbst wenn das Lied zu Ende ist.
«Deiner Gegenwart Gefühl sei mein Engel, der mich leite,
dass mein schwacher Fuss nicht gleite, nicht sich irre von dem Ziel.»
(RG 520,4)

Von Ruth Näf Bernhard

31. Januar

Kehrt zurück, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. «Siehe, wir kommen zu dir, denn du bist der HERR unser Gott». Jeremia 3,22

Ungehorsam – in vielen Gesellschaften eine Verhaltensweise, die das Zusammenleben der Menschen erschwert. Eine Krankheit, die geheilt werden muss. Ihr Symptom ist es, sich zu verschliessen, nicht zu hören auf das, was andere Menschen uns sagen möchten, was Gott uns sagen will; sich abzutrennen vom Leben in Gott, unfähig, auf das zu hören, was er uns sagen will.

«Ungehorsam» kommt von «nicht hören» und «abtrünnig» von «trennen». Schon zu seiner Zeit klagt der Prophet Jeremia: «Ach, mit wem soll ich noch reden und wem soll ich Zeugnis geben? Dass doch jemand hören wollte. Aber ihr Ohr ist unbeschnitten, sie können’s nicht hören. Siehe, sie halten des Herren Wort für Spott.» (6,10)

Diese bittere Klage richtet sich gegen eine von Müssiggang und Reichtum verwöhnte Oberschicht, die die Zeichen des Angriffs durch fremde Mächte nicht wahrhaben und sich in ihrem lasziven Lebensstil nicht stören lassen will. Die nicht hört auf die Klage der Armen.

Und doch ist da auch die Erinnerung an die Verheissungen Gottes für das Volk. Du bist der HERR, unser Gott. Du wirst uns heilen. Und uns neues Leben schenken.

Hoffnungen stellen sich ein! Hoffnungen auf offene Ohren und Herzen!

Von Reinhild Traitler