Kategorie: Texte

10. April

Wir warten aber auf das, was unsere wunderbare Hoffnung ist: auf das Erscheinen der Herrlichkeit des grossen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns zu erlösen von aller Ungerechtigkeit.
Titus 2,13–14

Ich schreibe am heimischen Stubentisch, aber heute Morgen war ich noch im Emmental, wo wir einige Neujahrstage verbracht hatten. Es hatte leicht geschneit, und wir gingen mit den Kindern und zwei Schlitten den Hügel hoch. Die Sonne schien, und meine Tochter machte mit ihrem Handy Fotos ohne Ende: verschneite Tannen, prächtige Höfe, sie selbst mit Mütze und Winterjacke. Mein Sohn lag im Schnee und sagte: «Ich bin irgendwie so glücklich.» Ich war es auch. Die Herrlichkeit des grossen Gottes? Sah sie für mich heute so aus?Unten neben unserem Ferienhaus war eine Holzbeige, in die hinein unsere Vermieter ein Adventsfenster gebaut hatten, darin eine schöne Krippe.

Und auf der Holzbeige lag ein Stechpalmenzweig. Warum? Zufall? Vielleicht eine vergessene Weihnachtsdekoration? Auf alle Fälle erinnerte er mich daran, dass der nächste Palmsonntag bald wieder kommen wird. Wir werden Palmzweige binden. Ich werde den Frühling riechen und mir ab und zu die Hände an den Stechpalmen stechen. Und ich werde mich fragen: Warten wir auf etwas? Wovon sollen wir erlöst werden? Und wo ist die Herrlichkeit schon sichtbar?

Von Katharina Metzger

9. April

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Römer 14,17

Wieder einmal bin ich überrascht, wie ich den obigen Vers in seinem Zusammenhang lese. Ich hatte zuerst gedacht, Paulus skizziere da ein asketisches Himmelreich, das einen etwas brav-trostlosen Gegensatz zur Hölle bildet, wo richtig was los ist. So wie in einigen Witzen, die ich noch aus meiner Kindheit im Kopf habe.
Das Kapitel 14 des Römerbriefs erstaunt mich nun mit unerwarteter Aktualität: Paulus wirbt für Toleranz in Ernährungsfragen! Natürlich geht es bei ihm nicht um die richtige Zusammenstellung einer gesunden Nahrung, sondern darum, ob gewisse Speisen und deren Verzehr unrein seien. Paulus gibt da eine Antwort, die sowohl befreiend ist, als auch von jedem Menschen Selbstverantwortung fordert: Nichts sei unrein, aber niemand solle etwas gegen sein Gewissen essen und auch niemanden dazu zwingen.

Ich verstehe es so: Das Reich Gottes ist nicht durch das Einhalten von Speisevorschriften zu gewinnen, aber wenn diese zu meiner persönlichen Überzeugung von einem gottgefälligen Leben gehören, dann soll ich daran festhalten.
Heute sind Ernährungsfragen wieder sehr aktuell. Für viele Leute hat das «Reich Gottes» wenig Bedeutung, wohl aber die Bewahrung der Schöpfung. Wie auch immer – Paulus’ Aufruf zum bewussten Umgang mit Speisen gilt uns allen!

Von Katharina Metzger

8. April

David sprach zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN.
Nathan sprach: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen;
du wirst nicht sterben.
2. Samuel 12,13

Wir kennen die Geschichte: König David, ein Schwerenöter, wie er im Buche steht, sieht der Frau seines Feldherrn Uria beim Baden zu, und schon sinnt er darauf, wie er die schöne Bathseba von der Badewanne ins Bett verfrachten und ihren Ehemann als Rivalen ausschalten könnte. David hat Glück: Uria ist mit seinen Männern auf einem Feldzug, und der Tod im Gefecht lässt sich arrangieren: Uria wird an die vorderste Front versetzt und fällt im Kampf. Das Kalkül geht auf: Nun kann David Bathseba in seinen Palast bringen und sie zu seiner Frau machen.

Ich habe diese Story immer mit Wut im Bauch gelesen. Bathseba ist einfach ein Objekt in einer Geschichte, wo es um die Rivalität zwischen Männern geht. So kam es mir vor, und so kann man die Geschichte lesen. Man kann sie aber auch als Ermahnung an die Herrschenden lesen, auch sie müssen sich an Regeln halten und dürfen nicht nach Willkür regieren. Der Prophet Nathan macht David klar, dass er sich nicht an die Regeln gehalten und nicht den Schwächeren geschützt hat. Was mir wichtig geworden ist an der Geschichte: König David ist ein Mann der Macht. Aber er lernt, dass auch die Mächtigen Fehler machen. Er gibt zu, dass er gesündigt und für den eigenen Vorteil das Leben eines anderen aufs Spiel gesetzt hat.

Von Reinhild Traitler

7. April

Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott grösser ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.
1. Johannes 3,19–20

Gott – grösser als unser Herz? Was stelle ich mir darunter vor? Ist unser Herz, metaphorisch gesprochen, nicht das Zentrum unseres guten Wollens und Wirkens? Kommt nicht alles Gute von Herzen, vom Herzen – oder bilden wir uns das nur ein? Kann auch Böses vom Herzen kommen? Überhaupt, was ist dieses Herz? Der Verstärker unserer Wünsche? Auch der falschen, schädlichen, zerstörerischen Wünsche? Oder aber der Ort unserer Einsichten? Im Herzen blitzt Erkenntnis auf. Das Wort Gottes will nicht allein gehört, sondern auch getan werden: Es bewahrheitet sich, wenn es wirklich wird (Vers 22).

Das Wort wird wirklich, indem es Grundlage des Handelns wird. Das gelingt nicht immer. Oft lieben wir nur mit falschen Worten und hochtrabender Rede. Und sind traurig, dass es uns nicht besser gelingt. Da brauchen wir dann ein Wort, grösser als unser Herz, ein Wort, das hineinhören kann in unser Wollen, das versteht, wie wir es meinten, auch wenn es nicht gelungen ist. Da braucht es einen Zuspruch, wenn uns unser Herz «verdammt»: Wir müssen uns nicht erlösen. Gott ist grösser als unser Herz, als unser Scheitern, als das Böse, das auch im Herzen ist: Gottes Herz erkennt alle Dinge. Und nimmt  sie  an.

Von Reinhild Traitler

6. April

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!         
Römer 11,33

Erfahrungen des Göttlichen: kein Reichtum, den ich auf meinem Privatkonto verbuchen kann. Gott, so scheint mir immer wieder, ist nur grosses Geheimnis. Das Göttliche ist alles und nichts, ganz gewaltig und ganz fein, sehr konkret und absolut unbeschreiblich. Es berührt und es fehlt. «Die Anhänger der verschiedensten Religionen werden angezogen von diesem X im Herzen der Welt, dem sie Namen wie Allah, Urmutter, der Ewige, Nirwana, das Unerforschliche gegeben haben.» So Dorothee Sölle. Paulus versucht hier, dem Geheimnis des Gottes Israels auf die Spur zu kommen. Ich kann es nicht haben, beweisen, begreifen, ergreifen. Das Göttliche bleibt unerforschlich. Ich kann daran glauben, dass hinter dem Horizont noch etwas kommt. Ich kann mit anderen zusammen ein Stück Hoffnung aufrechterhalten, dass gutes Leben für alle möglich ist. Ich kann versuchen, offen zu bleiben für Liebe, die mir entgegenkommt, mit der ich gar nicht rechnen konnte. Diese Liebe ist dann vielleicht Erfahrung des Göttlichen. Auf meiner eigenen Expedition in rutschigem Gelände.

Der israelische AphoristikerElazar Benyoetz sagt deshalb: Gottes Wege sind unerforschlich, nicht aber der Weg zu ihm.

Von Matthias Hui

5. April

Sie stimmten den Lobpreis an und dankten dem HERRN:
Denn er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewiglich.

Esra 3,11

Wir hören am Radio ein Konzert der 75-jährigen Rocksängerin und Poetin Patti Smith. Mein Sohn fragt bei einem Liedtitel nach: «Was heisst mercy auf Deutsch?» Ich: «Barmherzigkeit». «Und was ist denn Barmherzigkeit?

Das Wort kommt in unserem Alltag kaum vor, es ist geheimnisvoll, klingt auf Deutsch noch altmodischer als im Englischen. Es steht für eine Haltung und für aktive Gesten bedingungsloser Zuwendung, extrem menschlich und Eigenschaft Gottes zugleich.

Ein deutscher Theologe beantwortete kürzlich die Frage, ob Seenotretter*innen barmherzig handeln, brutal abgeklärt: «Die Barmherzigkeit nimmt einseitig für Menschen in Not Stellung, das stimmt. Aber es gibt auch die Gerechtigkeit, und die kann nicht einfach dem Herzen folgen, sondern muss nach Regeln fragen. Die Kirche kann barmherzig sein, der Staat darf das nicht.» Die Antwort verstört mich.

Patti  Smith  spricht   in  einem Schlaflied  anders,  in Bildern,  von der Barmherzigkeit: Dein Vater wartet auf dich / Um dich in seine heilenden Hände zu hüllen / Während der Nachthimmel weint. Ihre Definition: Barmherzigkeit ist der heilende Wind / der flüstert, wenn du schläfst.

Von Matthias Hui

4. April

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Psalm 23,2–3

Gott gibt Leben und will Leben behüten – das ist die Kürzestfassung des berühmten Psalms 23. Er sieht mein «finsteres Tal», aber er bewahrt mich und gibt Nahrung und Ruhe. Und er lässt Recht zukommen im Streitfall (er salbt und füllt den Becher). Zu ihm, zu ihr kann ich in jeder Hinsicht und unter buchstäblich allen Umständen Vertrauen haben

Das ist, was meine Seele nährt! Was sie braucht, um ruhig zu sein, um sich aufbauen zu können, aufzuladen mit Hoffnung, mit Zuversicht, mit Glauben an eine Zukunft im Frieden – Osterwünsche, Weihnachtswünsche, Sehnsüchte von Millionen! Das Vertrauen in Gott macht die Seele munter («quickig»). Sie wird lebendig, lebensfroh, lebensmutig. So bestimmt sie das Ergehen des Körpers mit. Das Leben wird leichter, sich auftürmende Hindernisse verlieren einen Teil ihres Angstpotentials. Und mein «Ton», mit dem ich mit anderen kommuniziere, wird anders, freundlicher, nachsichtiger, liebevoller, aber auch gewinnender, zutrauensförderlich. Die Erquickung meiner Seele ist die Folge der erlebten Führung durch Gott. Voraussetzung ist, dass ich dieser Führung vertraue, dass ich ihr Kraft und Orientierung zutraue, dass ich mich auf sie einlasse und dass ich ihr mich hoffnungsvoll anschmiege.
Von Hans Strub

3. April

Der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum grossen Volk machen.
1. Mose 21, 17–18

Hagar ist die Zweitfrau von Abraham, die Nebenfrau, ja, eigentlich die Unterfrau. Sara, seine Erstfrau, hat sie ihm «gegeben», damit er endlich den so ersehnten Erben erhält. Als dann auf wundersame Weise Sara selber schwanger wird, sind plötzlich zwei Nachkommen da. Da ist eine zu viel! Hagar wird in die Wüste vertrieben, der Kindsvater schweigt dazu …
Die mitgegebenen Lebensmittel sind rasch aufgezehrt, der sichere Tod durch Verdursten naht. Da schaltet sich Gottes Stimme ein, vernommen als Engelsruf. Hagar wird gerettet, vor ihr zeigt sich ein Brunnen, aus dem sie und ihr kleiner Sohn Ismael trinken können. Gott will ihr Leben, nicht ihren Tod!
Gott setzt dieser Familientragödie ein unerwartetes Ende: Er verstösst Hagar nicht. Vor Gott ist sie keine «Unterfrau», sondern eine Frau mit den gleichen Mutterrechten wie die viel ältere Sara. Er will, dass sie leben kann. Mehr noch: Er macht auch sie zu einer Stammesmutter; ihrem Sohn wird ein Volk verheissen. Gott hat andere Massstäbe, er schenkt und schützt Leben, er unterscheidet nicht nach Herkunft und Stellung! Das fordert auch heute heraus, uns hier, meine Haltung, mein Handeln!

Von Hans Strub

2. April

Gott liess das Volk einen Umweg machen,
den Weg durch die Wüste zum Schilfmeer.
2. Mose 13,18

Gott lässt uns manchmal einen Umweg machen. Durch eine Wüste. Damit es anders weitergeht.
Wenn mein Mann auf einer Wanderung sagt: «Wir könnten doch hier eine Abkürzung nehmen», sage ich: «Nur das bitte nicht!» Die Erfahrung hat uns nämlich gelehrt, dass wir mit sämtlichen Abkürzungen oft länger und gefährlicher unterwegs waren, als wir es ohne sie gewesen wären. Daher ist es für uns ein geflügeltes Wort: Abkürzung? Nein, bitte nicht!
Wege brauchen ihre Zeit. Manchmal länger, als uns lieb ist. Wo die Wege zu kurz sind für unser Leben, da lässt uns Gott einen Umweg machen. Wir haben nicht damit gerechnet. Das haben wir nicht eingeplant. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Später vielleicht. Umwege liegen immer quer, uns steil im Weg. Niemand hat es sich gewünscht. Man weiss ja nicht, wie lange es dauert. Und trotzdem ist es ein Geschenk. Weil sonst die Zeit nicht reichen würde, zu lernen, was zu lernen ist. Umwege werden uns zugemutet. Und geschenkt. Doch das verstehen wir erst Jahre später. Manchmal. Viele, viele Jahre später. Wenn wir dann beim Schilfmeer sind.

Gott lässt uns manchmal einen Umweg machen. Einen Weg durch die Wüste. Damit es anders weitergeht. Damit es mit uns weitergeht.

Von Ruth Näf Bernhard

1. April

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.
Psalm 51,17

Ein neuer Tag. Ein neuer Morgen. Neues darf werden. Hier und heute.
Mit Gottes Hilfe.

Du. Tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.

Du. Tue meine Ohren auf, dass ich die Nöte und Schreie vernehme. Und auch das Lachen und Jauchzen höre.

Du. Tue meine Augen auf, dass ich das Elend und Unheil erkenne. Und auch das Schöne und Gute sehe.

Du. Tue meine Nase auf, dass ich rechtzeitig Unrecht wittere. Und auch den Duft der Versöhnung rieche.

Du. Tue meine Hände auf, dass ich zupacken kann am richtigen Ort. Und auch das empfangen, was mir zufällt.

Du. Tue mein Herz auf, ich bitte dich, dass genug Platz ist für die Freude. Für alles Helle. Hier und heute.

Du. Lass es mich lassen. Dass du es tust. Dass du mich auftust. Wenn ich es nicht kann. Wo ich es nicht kann.

Gott, lass mich dich tun. Amen.

Von Ruth Näf Bernhard