Autor: Gert Rüppell

13. Februar

Der Zöllner stand ferne, wollte auch die Augen nicht
aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust
und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Lukas 18,13

Der Lehrtext ruft mir zugleich die Geschichte von Zachäus
(Lukas 19) in Erinnerung. Beide Male sind diejenigen Vorbilder,
die «Gutmenschen» als Systemfeinde gelten! Sie, die
Beamten eines Systems, dem der Shalom Gottes, Gerechtigkeit,
Friede und Schöpfungspflege, um der eigenen Macht
willen egal ist! Sie, die Übergewinne einstreichen, moralisch
verwerflich handeln, ausgerechnet sie, die «Zöllner»,
sollen Vorbild sein? Auch ich kenne Zöllner (Lobbyisten,
politische Gegner). Im Lehrtext rufen diese Abgestempelten:
«Gott sei mir Sünder gnädig!» Sie erkennen, dass sie
in all ihrem Tun doch die Gnade Gottes benötigen. Die
Geschichte ist eine Umkehrung des sozioreligiösen Wertekanons.
Die weit unten Angesiedelten scheinen Gott ganz
nah. Der Abgestempelte, heisst es weiter, geht gerechtfertigt
nach Hause
. Wer ist also mit seinem Leben Gott näher? Die
stets auf der richtigen Seite zu sein meinen oder die, deren
Handeln eine Trennung von Gott bewirkt, die aber diesen
«Sund» erkennen? Die Nähe hängt von unserer Beziehung
zu Gott ab. Stehen wir vor Gott als gottgefällige Rechtgläubige?
Oder wagen wir es, unsere Fehler und Ambivalenzen
einzugestehen? Der Schritt auf Gott zu, in: «Sei mir Sünder
gnädig», ist ein erster Schritt des Weges auf Gottes neue
Sozialordnung zu. Auf dem Pfad der Gnade, die Gott uns
Fehlerhaften widerfahren lässt.

Von: Gert Rüppel

Mittelteil Januar / Februar

Was von der Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen
bleibt und Hoffnung schenkt
:


Vom 31. August bis 8. September 2022 kamen in Karlsruhe
Menschen aus allen Erdteilen zusammen, um miteinander
Gottesdienst zu feiern, über die Kraft des Evangeliums nachzudenken
und die Zukunft zu gestalten. Auch verschiedene
Bolderntexte-Autorinnen und -Autoren nahmen an der Versammlung
teil. Sie erzählen hier von einem persönlichen
Erlebnis, das sie ermutigt hat und sie in Erinnerung begleiten
wird.


Der Geist des Pfingstfests ist lebendig
Von: Barbara Robra
Viertausend Menschen aus aller Welt strömen in das grosse
Zelt im Zentrum des Karlsruher Messegeländes. An diesem
luftigen Ort unter freiem Himmel spüren wir den Geist Gottes,
der uns in aller Verschiedenheit verbindet. Wenn Tag
für Tag Menschen aus 120 Ländern das Gebet, das Jesus uns
gelehrt hat, in ihrer Muttersprache zur gleichen Zeit laut
beten – dann ist das ein Pfingstwunder.
Wenn Menschen aus Israel und Palästina, aus Russland
und der Ukraine, wenn Katholiken, Orthodoxe, Reformierte,
Lutheraner, Anglikaner, Muslime, Juden, Buddhisten,
Pfingstler, Evangelikale miteinander reden und miteinander
Mittelteil
beten – dann ist der Geist des Pfingstfests lebendig. Hier
wird geweint, unfassbares Leid geteilt und mitgeteilt. Hier
wird gelacht, Freude und Hoffnung werden weitergegeben.
Sich öffnen, zuhören, eigene Urteile und Vorurteile hinterfragen,
das Gespräch suchen, gemeinsam die nächsten Schritte
wagen – das prägt diese Vollversammlung.
Junge Menschen, Frauen, Indigene und Menschen mit
Behinderungen haben sich zu Vorversammlungen in Karlsruhe
getroffen. Ihre Analyse und ihre Botschaft sind klar
und scharf: Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Wir dürfen
nicht zulassen, dass weiterhin Menschen sinnlos in Kriegen
getötet werden, Menschen von elementaren Lebensgrundlagen
ausgeschlossen sind. Wir fordern Teilhabe aller statt
Bereicherung weniger. Wir wollen Kommunikation und
Kooperation statt Konfrontation. Wir brauchen Taten und
nicht nur Worte. Das lese ich in den Dokumenten, die die
Vollversammlung verabschiedet hat.

Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt –
und sie integriert!

Von: Gert Rüppell
Es war atemberaubend, was Fadi El Halabi und Karen Abou
Nader im Plenum zu Gerechtigkeit und Menschenwürde auf
die Bühne brachten. Beide stammen aus dem Libanon. Er ein
Psychotherapeut, schwerbehindert im Rollstuhl, Vorsitzender
der Regionalen Ökumenischen Vereinigung der Behinderten
(EDAN), Karen arbeitet als internationale Tänzerin
und Choreographin. Beide boten im Plenum einen gemeinsamen
Tanz (Rollstuhl / Ballett) an, der einem den Atem stocken
liess und dessen Schönheit und Grazie zugleich an die
enormen Möglichkeiten und die Gaben verwies, die behinderte
Menschen in unsere Gemeinschaft einbringen.
Wie viele Menschen sind weiterhin behindert und werden
nicht genügend zur Kenntnis genommen? Die Schwerbehinderten
möglicherweise schon, aber die psychisch Schwerkranken,
die Epileptiker und Neurobehinderten? Werden
sie nicht weiterhin ausgegrenzt, auch wenn sie so viele Möglichkeiten
anzubieten haben? Das 4. Plenum in Karlsruhe hat
mich an diesem Punkt zum Nachdenken gebracht, ebenso
wie die Resolution der EDAN-Vorversammlung, die auf eine
Ausweitung des Behindertenbegriffs und eine erweiterte
Behindertenintegration in unseren Gemeinden verweist.
Inwiefern hängen Versöhnung und Integration zusammen?
Mögen die vielen Kirchenvertreterinnen und -vertreter dies
als Mitbringsel in ihren Gemeinden umsetzen.

Wenn ich atme, lebt der Planet
Von: Matthias Hui
An der Vollversammlung hörte ich die Geschichte der indigenen
Munduruku-Gemeinschaften in Brasilien. Zwei Vertreterinnen,
die mich sehr beeindruckten, erzählten vom
Kampf gegen gigantische Staudammprojekte, Eisenbahnlinien
und Goldminen am Rio Tapajós, mitten im Amazonasgebiet.
Die Ausbeutung von Bodenschätzen, Energiequellen
und Anbauflächen frisst sich gewaltsam in ihre Lebensräume,
in ihr Gemeinschaftsleben und in ihre Seelen hinein.
Der Sojaanbau grassiert – gigantische Waldflächen werden
für den Fleischverzehr im Globalen Norden gerodet. Es sind
vor allem Frauen, die sich wehren: «Wir werden uns nicht
korrumpieren lassen, wir werden nicht weichen.» Denn, so
sagen sie in spiritueller Sprache: Es geht um alles. Nicht nur
um Menschenrechte, nicht nur um den Regenwald. «Die
Natur sind wir. Unsere Lebensweise ist unsere Umwelt. Wenn
ich atme, lebt der Planet.»
Ökumene wäre, wenn diese Frauen, die sich auch als Christinnen
verstehen, in unseren Kirchen gehört würden. Übrigens
heisst ein überzeugendes Dokument der Vollversamm-
lung «Der lebende Planet: Auf der Suche nach einer gerechten
und nachhaltigen globalen Gemeinschaft».

Apartheid in Israel?
Von: Elisabeth Raiser
Zu den heissen Themen der Vollversammlung gehörte die
spannungsreiche Lage im Nahen Osten.
Ich sehe und höre noch Munther Isaac, den jungen Pfarrer
der Weihnachtskirche in Bethlehem, mit bewegter Stimme
sagen: «Wir befinden uns jenseits, also hinter der Mauer. Die
meisten Israelis sind dort nie gewesen, sie dürfen ja nicht
kommen und kennen unsere Lage nicht. All unsere Appelle
und Bitten haben nichts genützt. Daher fordern wir jetzt,
dass Israel zum Apartheidstaat erklärt wird, damit der Internationale
Strafgerichtshof ermitteln kann.»
Diese engagierte kurze Rede war eine Antwort auf eine Intervention
von mir, bei der ich in einem Workshop des Netzwerks
Kairos Palästina einige Einwände gegen den Begriff
Apartheid für Israel vorgebracht hatte: Er gefährde die Arbeit
der Freiwilligen des ökumenischen Begleitprogramms in
Palästina und Israel (EAPPI) und er führe hier in Deutschland
zu einer unguten Polarisierung der Debatte um den Frieden
im Nahen Osten. Munther Isaacs Erwiderung hat mich sehr
bewegt und lässt mich seither nicht in Ruhe.
Die Vollversammlung selber machte sich den Apartheidbegriff
für Israel nicht ausdrücklich zu eigen, verabschiedete
aber eine Erklärung, dass er im Ökumenischen Rat genau
untersucht und besprochen werden muss. Das ist ein wichtiges
Signal, auch für uns in Deutschland!


Christ’s love moves the world to reconciliation and unity
Von: Annegret Brauch
Im Vorfeld der Vollversammlung hatte ich noch aktiv an der
Bewerbung für Karlsruhe mitgearbeitet, jetzt – seit Monaten
im Ruhestand – konnte ich als Freiwillige im Catering
und als Gastteilnehmerin mit dabei sein – und wurde reich
beschenkt.
Begeistert und tief beeindruckt hat mich, wie klar, respektvoll,
offen und freundlich und voller Vertrauen in die
Verbindung stiftende Liebe Christi Teilnehmende und Gäste
miteinander kommunizierten. Mit welcher Ernsthaftigkeit
und Tiefe mit- und umeinander gerungen wurde, gerade bei
politischen und theologischen Differenzen, um beieinander
zu bleiben, bewegt von Christi Geist der Versöhnung und
seiner Bitte um Einheit (vgl. Johannes 17,21). Reinhild Traitler
hat einmal gesagt:
«Wahrheit als Dialog unter den Verschiedenen, als Prozess,
der unter Umständen nur die Anerkennung der Unvereinbarkeit
der Verschiedenen bringt, ist ein heiliger Raum, weil
dieser Prozess uns verbindet und davor bewahrt, auseinanderzufallen.»
In Karlsruhe wurde diese Wahrheit spürbar.

Berührt haben mich die Gottesdienste unterm grossen Zelt:
der Reichtum und die Unterschiedlichkeit der Klänge, Stimmen
und Rhythmen, die sich unter Gottes Geist zu einem
vielstimmig-einigen Lob und Dank zusammenfanden.
Tief bewegt hat mich das Grusswort der Generalsekretärin
von «Religionen für den Frieden», Professorin Azza Karam.
Vielleicht mögen Sie es sich selbst anschauen?!
https://www.youtube.com/watch?v=-Yp8ji2xrns (ab Min. 21)

14. Dezember

Es sollen viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein.      Sacharja 2,15

Ein «Fest der Vielen» hat der stark migrantisch geprägte Stadtteil in unserer Nachbarschaft durchgeführt. Ein Fest, bei dem Menschen verschiedenster Kulturen ihre Musik, ihre Nahrung, ihre Geschichten einbringen konnten. Es war ein Fest, bei dem ein Moment von Befreiung aus der Stigmatisierung sichtbar wurde, die so oft mit migrantischem Hintergrund verbunden ist.

Auch in der heutigen Losung ist Befreiung Stichwort und Hintergrund der zum Ausdruck gebrachten Botschaft an die Verbannten. Ihr Schicksal wird sich wenden. Sie waren Migranten unter fremder Herrschaft. Ihnen wird eine Zukunft, «ein Fest der Vielen», vorausgesagt, bei dem die Völker «einander einladen unter Weinstock und Feigenbaum» und «ein Volk sein werden» (Vers 3,10). Wir ahnen etwas von der Einheit der Menschheit, die sich Jahwe zuwendet und sein Volk wird. Wenn wir im Kontext des gestrigen Losungwortes auf das heutige blicken, dann wird deutlich, dass der dem Losungswort nachstehende Verweis darauf, dass Jahwe bei aller Vielfalt die Mitte des Volkes Israel bleibt, ein inhaltlicher, auf Werte (Liebe, Nächstenpraxis) bezogener ist. Die Vielfalt, die Oikoumene, wie wir auch sagen können, schart sich um die Liebe Gottes für seine gesamte Schöpfung. Sie bildet Gottes Einheit in der Vielfalt ab, die wir als Migranten der Mannigfaltigkeit seines Volkes darstellen.

Von Gert Rüppell

13. Dezember

Ihr sollt den HERRN, euren Gott, nicht versuchen. 5. Mose 6,16

Die Tendenz, seinem Gott nicht treu zu sein, ist ein durchgängiges Thema, mit dem das Volk Israel seine Beziehungsgeschichte mit Gott häufig beschreibt. So auch hier, wo  die Passage ein Rückverweis auf das Murren des Volkes am Horeb (Massa) ist, das angesichts ungenügender Lebensumstände an der Existenz Gottes gezweifelt hatte (2. Mose 17,7). Der heutige Losungsvers verweist in seinem Kontext (Kapitel 6) auf zwei zentrale Elemente der Gott-Mensch-Beziehung. Zum einen auf die Liebe Jahwes als Wesen des Gesetzes und somit sein zentrales Interpretament und zum anderen die Treue zu Gott als die erwartete Antwort durch den Menschen. Treue kennt Versuchung nicht, weil eine Beziehung, die auf Treue basiert, das Gegenüber nicht in Versuchung führen will. Also: «Und führe uns nicht in Versuchung», sondern gib uns eine der Treue und dem Wesen deines Gesetzes, der Menschenliebe, entsprechende Beziehung. Den Herrn nicht zu versuchen, bedeutet also nicht allein, Gott ernst zu nehmen, sondern auch, seine Ordnung, seine Bestimmungen für uns Menschen in Nächstenpraxis umzusetzen und so für andere Gottesnähe zu verkörpern. Deshalb steht die Losung im Rahmen jenes grossen israelischen Glaubensbekenntnisses: Sh’ma Yisrael, höre Israel, der Lebensanweisung für ein Volk, dessen Leben von Nähe zu Gottes Willen bestimmt ist.

Von Gert Rüppell

14. Oktober

HERR Zebaoth, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht! Jesaja 37,16

Wieder einmal geht es um Macht, um Fragen der Vorherrschaft, um die Frage, wer denn der Grössere ist und wer mehr zu bieten hat. Alles Fragen, die uns im Alltag und in der Auseinandersetzung mit den «Herren» von gestern und heute nicht fremd sind. Es scheint die imperiale Frage par excellence zu sein. Die danach, welche der Geister, die ich rief, Sieg und Kontrolle bewahren werden. Jesajas Bericht über Hiskias Bedrohung durch die Syrer, genauer durch Sanherib, zeigt eine aussichtslose Situation. Ist es doch die Grossmacht Assyrien, die das kleine Juda angreift. Die Parallelitäten zu heute erscheinen nur zu offensichtlich, und doch: Wer neigt sich zuletzt vor wem? Wen verführen nicht Versprechungen von Milch und Honig, Wohlergehen und Landbesitz, wie sie Sanherib verlauten lässt? Wer, angesichts solch sicherer Zukunft, wagt es, auf das Versprechen zu setzen, dass der Weltenschöpfer Jahwe Juda retten wird? Also jemand ohne politischen Apparat? Viel Wagemut gehört dazu. «Du hast Himmel und Erde gemacht», dieser Verweis ist es, der meines Erachtens für die Anrufer Jahwes gegenüber Sanherib spricht. Ja, die angebotenen Versprechen sind gross, unbezweifelbar, aber doch nicht so gross wie die Schöpfungsleistung Zebaoths. Die eigentliche politische Grosstat, der sich Juda anvertraut, ist diese Schöpfungsleistung Gottes.

Von Gert Rüpell

Von Gert Rüpell

13. Oktober

Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir wieder heimkommen; erneuere unsere Tage wie vor alters! Klagelieder 5,21

Das Bild des alten Busfahrers, der, mit einer Ikone als Hoffnungsbild im Frontfenster seines Busses, in abenteuerlicher Fahrt versucht, verzweifelte Bewohner einer unter Beschuss stehenden Siedlung in Sicherheit zu bringen. Oder das Bild von Sabrina, die aus dem sicheren Westen unbedingt in ihre Heimat zurückwill, dorthin, wo ihr Mann ist, der Ort, den sie als Heimat kennt und ohne den es in ihrem Leben keine Erneuerung geben kann. Solche Bilder prägen sich mir ein, wenn ich die Klage der Losung lese. Es sind Klagen, wie sie Menschen, die in die Fremde vertrieben wurden, in ihren Gebeten zum Ausdruck bringen. Hier spiegelt sich weltweit die Sehnsucht nach Rückkehr wider, nach Wiederaufbau der zu Ruinen verfallenen Häuser, und die Hoffnung auf Erneuerung des zerstörten eigenen Lebens. Diese Hoffnung ruht auf Gott. Symbol dafür ist die Ikone oder die Gebetskette in einem syrischen Bus. Immer ein Symbol dessen, der allein Erneuerer, Wiederhersteller von Lebensgestaltung sein kann, mit der Heimat umrissen wird.
Viele Menschen betonen heute, dass sie Erneuerung herstellen können. Viele Hoffnungen werden so artikuliert und ebenso viele enttäuscht. Die Beter dieses Liedes aber wissen: Erneuerung, Wiederherstellung gibt es allein durch Gott, Gott, symbolisiert in der Ikone oder der Gebetskette in den Flüchtlingsbussen dieser Welt.

Von Gert Rüppell

14. August

Wer ist dem HERRN gleich, unserem Gott, der hoch droben thront, der tief hinunterschaut auf Himmel und Erde! Der aus dem Staub den Geringen  aufrichtet. Psalm 113,5

Zwei Linien zeichnet der Psalmist. Jene des Throninhabers, der so hoch  über  dem  Normalmenschen  ist,  dass er sogar noch auf den Himmel hinabschaut. Hier kommt mir die Geschichte vom Turmbau zu Babel in Erinnerung (1. Mose 11). Der Mensch will hoch hinaus in den Himmel und trotzdem muss Gott «herabsteigen», um sich ein Bild von dieser menschlichen Höhe machen zu können. Ähnliche Dimensionen weist dieser Psalm auf. Jahwe thront in seiner Majestät so hoch, dass er tief hinunterschauen muss, um die «Grosstaten» der Menschen wahrzunehmen. Und zugleich betont der Psalm die andere Seite dieses Erhabenen, seine diakonische Gabe, würden wir möglichweise sagen, die den im Staub Liegenden, den unter die Räuber Gefallenen, den Geringen im gesellschaftlichen Wertekanon aufrichtet. Dieses Oben-unten-Verhältnis ist meines Erachtens die Botschaft, die der Psalmist zusprechen will: Wie hoch ihr zu thronen meint, nie seid ihr so hoch wie Jahwe. Schaut wie dieser hinunter, dorthin, wo die im Staub Liegenden sich befinden. Sie aufzurichten, ist euer gottgemässes Tun. So kennzeichnet sich aus der Perspektive von oben eine Ökonomie des Lebens, der Ertüchtigung für die da unten. Wir sind nie gottgleich, aber wir können unseren Blickwinkel so ausrichten, dass wir jene sehen, denen Gott aufhilft.

Von Gert Rüppell

13. August

Der Knecht Gottes sprach: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg  ich nicht vor Schmach und Speichel.                      Jesaja 50,6

Zwei Umstände begleiten mein Nachdenken über diesen Text. Ich schreibe am Tag der orthodoxen Ostern – in der Nacht haben Raketenwerfer weiterhin Tod, Feuer und Zerstörung in der Ostukraine und darüber hinaus verbreitet. Zugleich radikalisiert der Text meine Verunsicherung, wie ich mit all den Diskussionen um schwere Waffen, Angriffskrieg und Aug’ um Auge mit den Gefühlen umgehen soll, die meinen grundsätzlichen Pazifismus in jüngster Zeit so sehr verunsichern. Die Losung ist klar: «Mein Angesicht verbarg ich nicht.» Gilt also «klare Kante»? Gilt also angesichts eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges, sich dennoch allem feindlichen Gerede mit der Botschaft der Versöhnung, des Dialogs entgegenzustellen, zumindest in den Diskussionen, in denen es eben doch um das Prinzip Aug’ um Auge geht? Wenn es stimmt, was ich neulich von einer Freundin hörte, dass wir in Krisensituationen dem Evangelium keinen Deut abhandeln können, indem wir auf die Sonderbedingungen verweisen, in denen wir uns befinden, dann bleibt eben doch für mich bei diesem Text ein Verweis auf die Ungeheuerlichkeit, die der biblische Anspruch für mich darstellt. Und somit auch ohnmächtige Stille …

Von Gert Rüppell

14. Juni

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.                       Psalm 127,1

Deutlicher kann eigentlich der Kontext nicht beschrieben werden, in den all unser Tun und Lassen einzuordnen ist. Der Psalm verweist auf unser gesamtes Sozialwesen, Familie, Haus, Arbeit. Dies alles ist wichtig und doch nichts, wenn Gott es nicht behütet, bewacht und umsorgt. Eine starke Botschaft, denke ich, in einer Zeit, in der so viele Menschen sich die Verantwortung für das eigene Tun nicht aus der Hand nehmen lassen wollen. Ich muss dabei an die Vereidigung der neuen deutschen Regierung denken. 2021 kam diese scheinbare «Selbstverantwortung» darin zum Ausdruck, dass mehrheitlich beim Amtseid auf die «Bezugsformel» «so wahr mir Gott helfe» verzichtet wurde. Es erinnert an so manches, was zum Kontext dieses Psalms gehört: Selbstherrlichkeit, religiöse Beziehungslosigkeit und das Bewusstsein davon, dass allein eigene Rationalität zählt.

Dies gab es wohl auch zu Salomos Zeiten. Deshalb betont der Psalm, dass all unser Tun der Verortung in der Allsorge Gottes bedarf. Der Sorge für die Schöpfung, dem Beziehungsgeflecht, von dem wir Teil sind. Auch dann, wenn sich der Mensch dieser Teilhabe nicht mehr bewusst ist. Denn dann gleicht der Mensch dem Wächter, der hütet und dem doch die Aufgabe misslingt, wenn nicht letztlich Gott, wie der gestrige Text sagte, mit Gerechtigkeit und Allsorge den Schutzrahmen stellt.

Von Gert Rüppell

13. Juni

Erhöre uns nach der wunderbaren Gerechtigkeit, Gott unser Heil (der du bist die Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer).                                         Psalm 65,6

Der heutige Text ist der Scheitelpunkt des 65. Psalms, was sehr schön deutlich wird, wenn wir den ganzen Vers lesen. Um Erhörung im Kontext der Gerechtigkeit Gottes bittet der Psalmist. Ein Ruf um Vergebung? «Wohl dem, der seine Missetat erkennt und sich zu Gott wendet.» (Verse 4–5) Jenem Gerechten also, so zeigt die zweite, hier mitzitierte Hälfte des Verses, der nicht nur Macht, Kraft und Vergebung im «Portemonnaie» seiner Gerechtigkeit hat, sondern auch die Zuversicht seiner gesamten Schöpfung darstellt. Die Fröhlichkeit, die dies auslöst, wird in wunderbaren Worten beschrieben. Sie verdeutlichen, warum der Psalmist von Heil und Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer redet. Um die Fülle des Heils zum Ausdruck zu bringen und so gegen die Missetat so recht abzugrenzen, greift er in das gesamtschöpferische Vokabular: Wasser die Fülle, feuchte Schollen, reiche Ernten, grünende Steppen, grosse Herden und saftige Kornfelder. Wer sollte da nicht jauchzen und singen und Gott, unser Heil, um Erhörung anrufen? Um uns in dieses Heil, diese seine Wohlfahrt, dieses sein Haus (Vers 5) aufnehmen zu lassen, nach all dem, was wir verbockt haben. Auf dieses Handeln, diese Gerechtigkeit Gottes, diese seine Gnade zielt ja letztlich auch unser tägliches Hoffen im Wissen um das Wirkungsfeld seiner Barmherzigkeit.

Von Gert Rüppell