Du gibst meinen Schritten weiten Raum,
und meine Knöchel wanken nicht. 2. Samuel 22,37
Wir steigen frühmorgens durch ein stilles, abgelegenes Tal
bergan. Kollernde Steine lassen uns aufhorchen. Da, zwei
Gämsen! Nein, fünf oder sechs! Mit eleganten Sprüngen
durchqueren sie eine Geröllhalde, eine hinter der anderen.
Wie schnell und leicht sie laufen mit ihren schlanken Beinen!
Dass ihre zarten Knochen und Gelenke das aushalten! So
stelle ich mir weite Schritte und feste Knöchel vor. Samuel 22 ist überschrieben mit «Davids Danklied».
König David blickt auf sein langes Leben zurück und preist
51 Verse lang zuerst den Herrn und dann sich selbst für
seine Heldentaten und grausamen Siege. Das mag eine zeitgenössische
Lobeshymne auf den Herrscher sein. Für mich
unverdaulich.
Und mittendrin unser Losungsvers, dieses Kleinod! Ich
freue mich daran und lasse David David sein. Die Herrnhuter
Losungen sind ausgewählte Verse, alltagstauglich als
Ermutigung, Trost, Zurechtweisung. Sie stehen für sich allein,
und manchmal vertieft sich das Verständnis, wenn man sie
im Zusammenhang liest.
Meine Freundin hat einen Notruf geschickt. Einmal mehr hat
sie den Halt verloren, ist wie eingeschnürt in übermächtige
Ängste. Zuspruch erreicht sie nicht. Ich bin so hilflos wie sie.
Gib ihren Schritten weiten Raum, bete ich, und festen Boden
unter die Füsse, dass ihre Knöchel nicht mehr wanken …
Von: Dorothee Degen-Zimmermann