25. Juni

Seid getrost und lasst eure Hände nicht sinken; denn euer Werk hat seinen Lohn. 2. Chronik 15,7

Ich bin so reformiert geprägt und konditioniert, dass ich
immer ein wenig zusammenzucke, wenn von «Lohn» die
Rede ist. Schliesslich haben wir gelernt, wir glauben und
bekennen: «Alles ist Gnade.»
Dieses Bekenntnis soll auf keinen Fall relativiert sein. Das
Evangelium von der Gnade ist befreiend in einer Welt, in der
alles berechnet wird und es das erste und oberste Ziel zu sein
scheint, dass Kosten möglichst tief zu halten, aber möglichst
hohe Gewinne anzustreben sind. Das bedeutet nämlich in
der Regel harte, leider oft erfolglose Kämpfe um gerechten
Lohn für die unten auf der Leiter.
Durch den Begriff der «Wertschätzung» lassen sich Gnade
und Lohn indessen gut verbinden. Dann ist «Lohn» nicht
ein gnadenlos ausgehandelter Deal, nicht ein Recht, um das
ich kämpfen muss. Lohn ist dann Ausdruck von Respekt. Ich
werde gesehen, ich werde angesehen in dem, was ich tue.
Ich werde ernst genommen; mein Engagement bleibt nicht
unbemerkt, sondern bekommt ein Echo.
Unsere Beziehung zu Gott ist nicht ein frommer Handel,
sondern eine Beziehung der Wertschätzung. Gott sieht und
anerkennt, was wir tun, und wir werden von Gott die Zeichen
von Wertschätzung bekommen, die wir brauchen, um
in und trotz allem weiter zu glauben, zu hoffen und zu lieben.

Von: Benedict Schubert

24. Juni

HERR, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, dass wir alle dein Volk sind! Jesaja 64,8

Ich habe mich doch entschuldigt! Zwei Mal. Und auch eingesehen,
dass ich Fehler gemacht habe. Können wir nicht
wieder Freunde sein? Kann nicht alles wieder gut sein?
Vergeben ist gar nicht so einfach. Und manchmal kommt
auf eine Vergebungsbitte auch gar keine Antwort. Wie es
zu Jesajas Zeiten ausging, weiss ich nicht. Heute hat sich
manches geändert.
Zum Beispiel bitten die verschiedenen Kirchen um Vergebung
bei Menschen, die oft jahrelang unter Missbrauch
in ihren Kirchen gelitten haben. Und sie entschuldigen sich
öffentlich, benennen die Fehler und können kaum damit
umgehen, wenn die Entschuldigung nicht grad angenommen
wird. Dann folgt mitunter ein scheinbar verbindendes,
emotionales «Seht doch, wir sind alle Gottes Kinder und
unter seiner Liebe versammelt». Doch es ist furchtbar, wie
viel Leid Menschen in kirchlichen Strukturen erfahren mussten.
Und so glaube ich, nachvollziehen zu können, warum
sie nicht so reagieren, wie es sich die Kirche wünscht. Die
Irritationen
darüber auf leitender Ebene sind vielleicht vergleichbar
mit jenen der Menschen in Jesajas Zeiten. Gib uns
doch ein Zeichen! Wir sind doch alle dein Volk! Als ob Gott
das nicht selbst wüsste. Wer, wenn nicht sie! Allerdings ist
Gott keine Kirche. Und ich glaube, sie hat uns durch Jesus
bereits alles vergeben. Oder besser nicht?

Von: Jan Simowitsch

23. Juni

Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet. Psalm 68,21

Endlich mal klar und einfach! Haben sich die Christen schon
vor Jahrhunderten gedacht. Und seit diesen Tagen wird
Psalm 68 immer wieder als wichtiger Verweis des Alten Testaments
auf Jesus gesehen. Eindeutiger geht es ja auch kaum:
«Wir haben den Herrn, der vom Tode errettet.» Wer könnte
das sein, wenn nicht Jesus?
Und irgendwann fingen gelehrte Menschen an, genauer
hinzusehen, und stellten fest, es braucht sehr viel Wohlwollen
und manche geschickte Umdeutung, um diese Interpretation
als stimmig darzustellen. Und nun?
Bringt das unser christliches Konzept ins Wanken? Hoffentlich
nicht. Oder vergessen wir die Widersprüche besser
schnell wieder? Hoffentlich auch nicht.
Vielleicht ergreifen wir die Chance, uns wieder mehr unserer
jüdischen Wurzeln bewusst zu sein, und lesen den Psalm
als altes Loblied auf Gott und nicht als messianischen Siegespsalm.
So wie alle Psalmen ist auch dieser kein christlicher
Text, sondern ein Psalm, der bereits vor mehr als zweitausend
Jahren in der jüdischen Tradition gedacht und gebetet
wurde. Und manche Bilder in den Psalmen bringen unseren
Himmel zum Leuchten, manche Bilder verdunkeln ob ihrer
Härte unsere Stirn, und manche verstehen wir ganz und gar
nicht. Doch gerade auf der emotionalen Ebene finden wir
hier oft bezaubernde Beschreibungen, die so zeitlos sind,
dass auch wir ganz mühelos daran anknüpfen können.

Von: Jan Simowitsch

22. Juni

So spricht der HERR: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät. Jeremia 2,2

Die Beziehung zwischen Gott und Jeremia ist keine romantische,
sondern eine tiefe, persönliche und oft schmerzhafte
Liebe.
Gott hat Jeremia schon im Mutterleib erkannt und erwählt
(Jeremia 1,5). Jeremia ist nicht zufällig Prophet – er ist gewollt.
Die Beziehung geht auf die einseitige Initiative Gottes zurück.
Jeremia ist zunächst überrumpelt.
Jeremia aber antwortet. Er lässt sich von Gott erwählen,
ja «verführen». Es ist eine Beziehung voller Nähe, in der Jeremia
sein Leid, seine Angst und Einsamkeit klagen kann
und Gott ihn tröstend hält, auch wo Jeremia verspottet,
verfolgt und ins Gefängnis geworfen wird.
Die Beziehung zwischen Gott und Jeremia (stellvertretend
für das Volk Israel) ist eine Liebe des Bundes – eine tiefe, existenzielle
Bindung zwischen Schöpfer und Berufenen.
«Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu
mir gezogen aus lauter Güte.» (Jeremia 31,3)
Vielleicht finden auch wir uns in diesen Worten wieder –
mit unseren eigenen Wüstenzeiten und der Erfahrung, dass
Gottes Nähe trägt.
Ich bin gemeint. Ich bin gewollt. Ich bin geliebt.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Juni

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Jona 2,3

Ich durfte eine behütete und vertrauensvolle Kindheit erleben
und gehöre vielleicht deshalb zu den Menschen, die
Angst nicht allzu oft kennen.
Und doch gibt es sie – diese Momente der Furcht:
Plötzlich gerät mein Auto in einer Kurve ins Schleudern. Die
Mauer am Strassenrand kommt bedrohlich näher.
Ein Haus, in das ich einziehen will, beginnt zu wanken, droht
einzustürzen – ich schrecke hoch, schweissgebadet. Gott sei
Dank – nur ein Traum.
Oder die Schmerzen meiner schwer erkrankten Freundin,
die stärker werden. Die Beklemmung um ihr Leben fühlt sich
an, als griffen dunkle Mächte nach ihr. Es macht ihr Angst.
In solchen Augenblicken bleibt oft nur ein Ruf. Ein Stossgebet.
Ein schlichtes: «Himmel hilf! Gott, rette mich!»
Jona betet so – aus der Tiefe, aus der Not. Und Gott hört.
Stossgebete sind kein Zeichen schwachen Glaubens. Im
Gegenteil: Sie sind Vertrauen im Ausnahmezustand. Sie setzen
voraus, dass da einer ist, der hört.
Vielleicht sind sie die ehrlichsten Gebete überhaupt.
Kurz. Drängend. Wahr.
Und immer wieder zeigt sich: Ein Ruf genügt.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. Juni

Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen! Psalm 71,23

Tauschten wir uns nicht kürzlich über die Schwere und die
Fröhlichkeit aus? Du erzähltest mir, dass du die Fröhlichkeit
von Ostern das ganze Jahr spürst. Und ich meinte, dass ich
gerne etwas länger in der karfreitäglichen Finsternis bleibe.
In die Dunkelheit fällt Licht. Fröhlichkeit und Lobgesang
erfahre ich als Geschenk. Deswegen hadere ich mit der heutigen
Losung. Wenn von mir erwartet wird, dass ich fröhlich
bin und lobsinge, weil ich gute Erfahrungen im Glauben
gemacht habe, ist das, wie wenn jemand zu mir sagt: Entspann
dich! Oder: Schlaf ein! Auf Befehl kann ich mich weder
entspannen noch einschlafen, weder fröhlich sein noch Gott
lobsingen.


Die Psalmen erinnern mich. «Komm auf andere Gedanken!»
Ich sollte meine Seele vielleicht doch mal wieder auffordern,
Gott zu loben. «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss
nicht, was er dir Gutes getan hat.» Grund genug habe ich
ja. Blöderweise vergesse ich das manchmal. Da drängt sich
dann schnell das Karfreitägliche in den Vordergrund. Und
es liegt an mir, wem ich den Vorrang gebe, worauf ich mich
konzentriere. Ich erinnere mich an unser Gespräch. Da waren
wir unterwegs. Auf dem Weg in die Freiheit. Manchmal über
steinige Pfade. Halleluja!

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

19. Juni

Du stellst meine Füsse auf weiten Raum. Psalm 31,9

Dieser uns allen so gut bekannte Vers ist wie die Fortsetzung
des Exodustexts: Gott schenkt die Freiheit nach dem
Auszug aus den alten engen und übermächtigen Strukturen
für einen weiten Raum, den wir durchwandern und mitgestalten
können.
Ich kann nicht anders, als dabei an die Taufe unseres jüngsten
Enkels zu denken, dessen Taufspruch dieser Vers ist. Er
nahm ihn damals im Gottesdienst wörtlich: Mit seinen zwei
Jahren sprang er aus der Kirchenbank und wanderte zielstrebig
und neugierig zuerst zum Altar, dann im weiten Raum
davor hin und her, betrachtete alle Ecken, die Kanzel, die
Pfarrerin und liess sich schliesslich etwas widerwillig von seinen
Eltern zurückholen. Der Anfang für ein Leben in einem
weiten Raum war gemacht. Nun hoffe ich sehr, dass er ihn
in seinem Leben immer wieder findet und nutzt.
Natürlich hat dieser weite Raum auch Grenzen, das sind
nicht nur die Bedürfnisse der Mitmenschen, die Rücksicht
auf sie und ihre freie Entfaltung, sondern auch die eigenen
Möglichkeiten und Grenzen. Diese Balance zu finden, ist eine
Lebensaufgabe, die uns immer wieder neu herausfordert.
Mut, Fantasie, manchmal auch Überschreiten der Konventionen
und die Gewissheit, dass nach dem Scheitern ein
Neuanfang möglich ist und unser Versagen verziehen wird.
Das ist ein grosses Versprechen! – Dank sei dir, Gott!

Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker

18. Juni

Als der Pharao sah, dass Regen, Donner und Hagel aufhörten, versündigte er sich weiter und verhärtete sein Herz. 2. Mose 9,34

Es geht hier um das Ende der siebten der furchtbaren Plagen,
die den Pharao und sein Land Ägypten heimsuchten, bevor
er die durch Fronarbeit unterdrückten Israeliten endlich ausziehen
liess.
Nach dieser Zerstörung durch Hagel und Überschwemmungen
musste Gott noch drei weitere Katastrophen über
Ägypten kommen lassen! Nach der zehnten setzt das Volk
Israel das Passahfests ein, dann folgt die Flucht mit dem Zug
durch das Schilfmeer und in die Wüste mit der Verkündung
der Zehn Gebote am Berg Sinai und schliesslich die vierzig
Jahre Wüstenwanderung vor dem Einzug ins gelobte Land.
Insgesamt eine grosse mythologische Erzählung von der
Befreiung Israels aus alten Machtstrukturen und dem Beginn
seiner ganz besonderen Beziehung zu Gott. Jan Assmann
sagt dazu: «Menschendienst bedeutet Unterdrückung –
Gottesdienst bedeutet Befreiung» (Exodus. Die Revolution
der Alten Welt).
Es gehört zu dieser Befreiungserzählung dazu, dass der
Unterdrücker, die alte Macht, unbelehrbar ist, und das
drückt sich im heutigen Vers der Losungen deutlich aus.
Aber sie hat nicht ewig Bestand. Das ist für mich ein Trost
angesichts der heutigen Mächte, die die Welt dominieren.
Gott gebe und erhalte uns den Mut zu neuen Wegen!

Von: Elisabeth Raiser-von Weiszäcker

17. Juni

Ich, der HERR, bin dein Heiland, und ich, der Mächtige, dein Erlöser. Jesaja 60,16

Am 17. Juni 1953 kam in über 700 Städten in der DDR zu
einem dramatischen Volksaufstand, der bis zum Abend mit
Panzern und anderen Waffen der damals dort Mächtigen
brutal und nachhaltig niedergeschlagen wurde. Der Gegensatz
zum heutigen Jesajavers könnte heftiger kaum sein: Der
Mächtige hier ist Gott, sein Einsatz von Kraft und Macht
bringt Erlösung. Bringt neue Lebensmöglichkeiten, bringt
Kraft und Lebensmut, bringt Heil und Zukunft, bringt «Rettung
» (Zürcher Bibel) und Licht. «Mache dich auf, werde
licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn
ist aufgestrahlt über dir!» So beginnt das Kapitel, aus dem
unser heutiger Satz stammt (Verse 1–2). Auch die folgenden
Verse strahlen und unterstreichen, was dann später so
zusammengefasst wird, wie wir es heute lesen.
Aber kann ich das glauben, wenn ich vor den Grabsteinen
derer stehe, die damals umkamen? Kann ich das glauben,
angesichts der Bomben und Drohnen in der Ukraine? Angesichts
des Terrors an so vielen Plätzen in der Welt? Was hier
der Stadt Jerusalem, der «Tochter Zion» zugerufen wird,
gilt ab der Zeitenwende für die ganze Welt und alle Völker.
Also auch heute und für uns: Gott hat die Kraft und die
Macht und den Willen, uns ein Leben in Fülle und im Licht
zu ermöglichen. Daran dürfen wir glauben. Darauf können
wir vertrauen, auch dann, wenn irgendwo wieder Panzer und
Bomben drohen!

Von: Hans Strub

16. Juni

Wer den HERRN fürchtet, hat eine sichere Festung. Sprüche 14,26

Die Zürcher Bibel übersetzt die Verse 26 und 27 (die zusammengehören)
so: «In der Furcht des Herrn liegt feste Zuversicht,
sie wird auch den Kindern eine Zuflucht sein. Die
Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, mit ihr entgeht
man den Fallen des Todes.» Die Furcht, von der hier zweimal
die Rede ist, meint eine respektvolle Beziehung; es geht um
das Wissen, dass Gott zu mir steht, für mich sorgt, es mit
mir gut meint. Im zweiten Satz wird das mit dem Bild der
Quelle sehr deutlich ausgeführt. Und in dieser festen und gut
gegründeten Beziehung zu Gott liegt, was Mut zum Leben
und Hoffnung auf eine gute Zukunft gibt: die Zuversicht. Sie
ist da und gibt Boden unter die Füsse, sie schützt vor Unsicherheiten
und Ängsten («Festung»), sie ist für alle, auch
für die nächste Generation, ein gesicherter Ort zu jeder Zeit.
Auf Zuversicht gründet die Hoffnung, dass mich das, was
kommt, nicht zusammenstauchen oder gar erdrücken wird,
sondern dass ich die Kraft habe, mich ihm zu stellen. Das gibt
mir eine Standfestigkeit, die ich brauche, um nicht mutlos
zu werden. Um weiterhin Vertrauen ins Leben zu behalten
und mit Energie die nächsten Schritte zu machen, die vor
mir liegen. Wenn ich mir diese Kraft nehmen lasse, könnte
ich abstürzen und fallen. Diese Beziehung zu Gott, diese
«Gottesfurcht
», lässt sich täglich neu bekräftigen im Gebet,
im Zutrauen auf Gottes Präsenz in jedweder Situation.

Von: Hans Strub