17. August

Seid nicht träge in dem, was ihr tun  sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.      Römer 12,11

Komm, hänge nicht so abgeschlafft herum! Kannst du dich denn nicht mal wieder für etwas so richtig begeistern?!

Hilft Ihnen, hilft mir das? Es macht mich eher müde. Und klingt so hilflos.

Wenn nun aber die Übersetzung der BigS den Sinn besser trifft? «Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück; lasst euch von der Geistkraft entzünden und setzt euch für die Lebendige ein.» Dann bin ich eingeladen, eine ganz andere Perspektive einzunehmen. Nämlich die, als brenne schon längst ein Feuer in mir. Und zwar dort, wo ich wenig von mir weiss. Wie wenn die Ewige sich in diesem unendlichen Raum zuinnerst in mir zeigt. Mich dort anrühren will, etwas anfachen.

Und Paulus, der subtile Beobachter des Lebens, sieht bei Menschen um sich herum, wie sie – statt in diesen offenen Raum hineinzulauschen und zu hoffen – «drunten» halten, was da aufbrechen will; es nicht wahrhaben wollen.

Warum? Weil es doch nicht so einfach ist. Weil es nicht passt zu dem, wie man sich selbst zu sehen gelernt hat. Weil man gefangen ist in abgekühlten Idealen.

Aber wenn doch der Funke schon da ist …

Von Ulrike Müller

16. August

Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen  Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.         Matthäus 5,15

Licht, Leuchten, Leuchtfeuer. Ich wohne mit meiner Familie seit vielen Jahren für einige Wochen als Urlaubsseelsorger neben dem alten Leuchtturm auf der Nordseeinsel Wangerooge – auch heute, am 16. August. Früher diente dieser alte Leuchtturm als Seezeichen. Durch sein Lichtsignal wies er den Seeleuten auf den Schiffen ihren Weg. Die Lichtsignale ermöglichten die Navigation und das Umfahren gefährlicher Stellen im Gewässer. Die Seeleute waren angewiesen auf solche Zeichen, die in bedrohlichen Situationen Rettung bedeuten konnten.

Ohne Licht kann kein Mensch leben, ohne Licht wächst keine Pflanze, gedeiht keine Blume. Licht brauchen wir, wie die Luft zum Atmen. Ohne Licht kein Leben, ohne Licht ist nur Finsternis.

Ein Leuchtturm steht auf einem erhobenen Platz. Je höher der Leuchtturm, desto weiter reicht sein Licht, desto mehr Seeleute können es wahrnehmen.

Es gibt Menschen, die verbergen ihre Lichter und Leuchtfeuer. Sie sind vielleicht zu bescheiden oder erkennen nicht, dass sie Licht bedeuten für ihre Umgebung, so, wie sie sind. Der Blick aus der Urlaubsseelsorger-Wohnung sagt mir: Wir brauchen Lichtträger mit ganz viel Glauben, Liebe und Hoffnung. Wir brauchen Lichtträger dringender denn je.

Von Carsten Marx

15. August

Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: Die Rechte des HERRN ist  erhöht; die Rechte des HERRN behält den Sieg!      Psalm 118,15.16

Hört Gott mein Gebet? Diese Frage stellt sich wohl jeder betende Mensch irgendwann einmal. Diese Frage ist akut. Gebetet wird viel auf der Welt. Als Dank. Als Klage. Als Lob. Als Bitte. Aus Verzweiflung. Aus Glück. Für andere. Für mich. Mit Worten. Mit Gesang. Im Schweigen. Doch hört uns jemand zu, wenn wir beten? Und: Werden unsere Gebete auch erhört?

Im Psalm 118 kommt uns ein grosser Optimismus entgegen. Ich nenne es Hoffnung. Ja, Gott hört uns, sagt der Psalm. Und nicht nur das: Gott greift sogar zu unseren Gunsten ein. Gott rettet. Aus Not und Dunkelheit befreit Gott.

Im Leben gibt es nicht nur schöne Tage. Wir erfahren Widerstand. Für viele Menschen ist das Leben oftmals ein regelrechter Kampf. Dennoch: Gott rettet. Gott hilft. Und wir können von dieser Hilfe und Rettung singen. Hier im Psalm hat das jemand erfahren, und wir können versuchen, dieser Glaubens- und Gotteserfahrung zu vertrauen. Da ist jemand, der seinen Glauben, seinen Gott genau so versteht, dass er unser Gebet hört, dass Gott uns erhört. Wir brauchen dieses Gefühl gerade in Krisenzeiten.

Von Carsten Marx

14. August

Wer ist dem HERRN gleich, unserem Gott, der hoch droben thront, der tief hinunterschaut auf Himmel und Erde! Der aus dem Staub den Geringen  aufrichtet. Psalm 113,5

Zwei Linien zeichnet der Psalmist. Jene des Throninhabers, der so hoch  über  dem  Normalmenschen  ist,  dass er sogar noch auf den Himmel hinabschaut. Hier kommt mir die Geschichte vom Turmbau zu Babel in Erinnerung (1. Mose 11). Der Mensch will hoch hinaus in den Himmel und trotzdem muss Gott «herabsteigen», um sich ein Bild von dieser menschlichen Höhe machen zu können. Ähnliche Dimensionen weist dieser Psalm auf. Jahwe thront in seiner Majestät so hoch, dass er tief hinunterschauen muss, um die «Grosstaten» der Menschen wahrzunehmen. Und zugleich betont der Psalm die andere Seite dieses Erhabenen, seine diakonische Gabe, würden wir möglichweise sagen, die den im Staub Liegenden, den unter die Räuber Gefallenen, den Geringen im gesellschaftlichen Wertekanon aufrichtet. Dieses Oben-unten-Verhältnis ist meines Erachtens die Botschaft, die der Psalmist zusprechen will: Wie hoch ihr zu thronen meint, nie seid ihr so hoch wie Jahwe. Schaut wie dieser hinunter, dorthin, wo die im Staub Liegenden sich befinden. Sie aufzurichten, ist euer gottgemässes Tun. So kennzeichnet sich aus der Perspektive von oben eine Ökonomie des Lebens, der Ertüchtigung für die da unten. Wir sind nie gottgleich, aber wir können unseren Blickwinkel so ausrichten, dass wir jene sehen, denen Gott aufhilft.

Von Gert Rüppell

13. August

Der Knecht Gottes sprach: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg  ich nicht vor Schmach und Speichel.                      Jesaja 50,6

Zwei Umstände begleiten mein Nachdenken über diesen Text. Ich schreibe am Tag der orthodoxen Ostern – in der Nacht haben Raketenwerfer weiterhin Tod, Feuer und Zerstörung in der Ostukraine und darüber hinaus verbreitet. Zugleich radikalisiert der Text meine Verunsicherung, wie ich mit all den Diskussionen um schwere Waffen, Angriffskrieg und Aug’ um Auge mit den Gefühlen umgehen soll, die meinen grundsätzlichen Pazifismus in jüngster Zeit so sehr verunsichern. Die Losung ist klar: «Mein Angesicht verbarg ich nicht.» Gilt also «klare Kante»? Gilt also angesichts eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges, sich dennoch allem feindlichen Gerede mit der Botschaft der Versöhnung, des Dialogs entgegenzustellen, zumindest in den Diskussionen, in denen es eben doch um das Prinzip Aug’ um Auge geht? Wenn es stimmt, was ich neulich von einer Freundin hörte, dass wir in Krisensituationen dem Evangelium keinen Deut abhandeln können, indem wir auf die Sonderbedingungen verweisen, in denen wir uns befinden, dann bleibt eben doch für mich bei diesem Text ein Verweis auf die Ungeheuerlichkeit, die der biblische Anspruch für mich darstellt. Und somit auch ohnmächtige Stille …

Von Gert Rüppell

12. August

Der HERR schafft Recht den Unterdrückten, den Hungrigen gibt er Brot.          Psalm 146,7

Eine reichlich kühne Behauptung angesichts der weltweiten Unterdrückung und der Millionen Hungernden! Ob das zur Zeit des Psalmdichters anders war? Die damaligen Weltmächte waren ja nicht gerade zimperlich im Umgang mit ihren Untertanen, und von einer zuverlässigen und flächendeckenden Nahrungsmittelversorgung konnte wohl auch keine Rede sein. Unterdrückte und Hungernde waren eine Realität, die der Psalmdichter kannte – darum spricht er ja von ihnen.

War denn auch die Hilfe real? Eher ist der Psalmvers ein trotziges Aufbegehren gegen diese Realität, die nicht Gottes Willen entspricht. Wir können natürlich sagen, dass «Gott keine Hände hat als unsere Hände» und er deshalb durch unser Wirken Unterdrückung und Hunger wegschafft. Wohl können wir da und dort etwas erreichen, aber in der Absolutheit des Psalmverses ist es eine hoffnungslose Überfor- derung. Es bleibt die kühne Behauptung, das Aufbegehren, der Protest, der Glaube als «ein trotzig und verzagt Ding». Dieser Glaube ist Osterglaube. Die harte Realität wird von Gott her durchbrochen, auch wenn wir nicht richtig erfassen können, wie das geschieht. In dieses Geschehen sind wir mit hineingenommen: Christus «ruft uns jetzt alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren». (Kurt Marti, Reformiertes Gesangbuch Nr. 487).

Von Andreas Marti

11. August

Liebet den HERRN, alle seine Heiligen.    Psalm 31,24

Heilige – in der reformierten Kirche, in der ich 46 Jahre Organist war, sind an Decken und Wänden und in den Fenstern zahlreiche Heilige zu bewundern, ein Erbe des Mittelalters. Dagegen gibt es in der neuen katholischen Nachbarkirche gerade einmal zwei Heilige: die Mutter Gottes und (nur im Foyer) den heiligen Josef, nach dem die Kirche benannt ist. In der Liturgie ist es genau umgekehrt: kaum Heilige in der reformierten Liturgie, aber Heilige, Apostel und «alle, die vor Gott Gnade gefunden haben», im eucharistischen Gebet. Bekanntlich haben die beiden Vorgänger des jetzigen Papstes eine grosse Zahl von Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen. Man mag das vielleicht belächeln, aber in jedem Fall sind damit Werte verbunden, die von den jeweiligen Männern und Frauen gelebt worden sind, und vielleicht hilft die grosse Zahl, der Formel im Hochgebet näherzukommen:

«Alle, die vor dir Gnade gefunden haben.» Oder anders gesagt: alle, die auf diesen gnädigen Gott vertrauen. Angesprochen in unserem Losungswort sind nicht besonders ausgezeichnete und moralisch vollkommene Menschen, es sind auch nicht die «im höheren Chor» Vollendeten, es ist die ganze Gemeinde, die «ein heiliges Volk» ist. Wir bekennen die «Gemeinschaft der Heiligen» im Credo, über die Generationen hinweg und auch über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg, so schwer das manchmal auch fallen mag: die Gemeinschaft, die sich vereint weiss in der Liebe Gottes.

Von Andreas Marti

10. August

Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen! Matthäus 8,26

Mein Partner und ich sprechen über die Geschichte «Die Stillung des Seesturms», woraus der obige Vers stammt.

Ich: «Das ist so eine richtige Jesus-Superman-Geschichte. Damit kann ich nichts anfangen! – Klar hat man Angst, wenn man in einen Sturm gerät.»

Er: «Es ist eben eine typische Wundergeschichte, die hat eine eigene Dramatik.»

Ich: «Aber was soll ich denn daraus mitnehmen? Da schläft einer in grösster Gefahr, bemerkt die Angst um ihn herum nicht, steht auf, bändigt mal schnell den Wind und sagt den anderen auch noch, sie seien Angsthasen.»

Er: «Ich sehe in dieser Geschichte anderes, viele Urbilder mit symbolischem Gehalt: Sturm, drohendes Wasser, eine bedrohte Gemeinschaft. Jesus ist da, auch wenn er nicht gerade verfügbar ist. Wichtig ist die Verbindung, das Vertrauen zu ihm. Das darf nicht verloren gehen.»

Ich: «Sag das mal den Menschen, die tatsächlich vom Meer überrollt werden und ertrinken. Da ist kein Jesus, der ihnen hilft.»

Er: «Aber eine solche Geschichte lässt uns Menschen vielleicht überhaupt erst etwas wagen.»

Ich: «Ja, für uns, die wir nicht an Leib und Leben bedroht sind und gerade gemütlich in der Stube sitzen, mag das eine Mutgeschichte sein. Aber wenn du keine andere Wahl hast, als dein Leben aufs Spiel zu setzen?»

Von Katharina Metzger

9. August

Philippus fragte den Kämmerer: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen   und sich zu ihm zu setzen.                                                                        Apostelgeschichte 8,30–31

Eine gleichzeitig realistisch und doch etwas konstruiert wirkende Bekehrungsgeschichte lese ich da: Der Kämmerer, also der Schatzmeister der äthiopischen Königin, ist unterwegs zurück in seine Heimat. Er war in Jerusalem zum Beten. Nun liest er gerade in den Schriften des Propheten Jesaja. Da trifft er auf den Diakon Philippus, der sich als der richtige Mann zur richtigen Zeit erweist. Wer ist dieser leidende, sich aufopfernde «Gottesknecht», von dem Jesaja schreibt, will der Kämmerer wissen. Philippus antwortet mit dem Evangelium. Bei der nächsten Wasserstelle will sich der Kämmerer taufen lassen und zieht danach «voll Freude seines Weges».

Der Kämmerer: einer aus einem fremden Land, unterwegs auf einer wohl staubigen Strasse, in alte Schriften vertieft. Allein, obwohl er doch ein hoher Beamter ist. In theologischen Texten lesend, obwohl er doch als Schatzmeister eher mit Zahlen vertraut ist. Vom Beten kommend und nicht von Geschäften. Ein Durstiger? Ein Suchender?

Und da kommt diese Wasserstelle, in die er mit Philippus steigt: Wie gerne würde ich lesen, was er alles beim Eintauchen zurücklässt, was alles von ihm abgewaschen wird und was ihn so sehr mit Freude erfüllt!

Von Katharina Metzger

8. August

Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe, und wer in der Liebe  bleibt,der bleibt in Gott und Gott in ihm.       1. Johannes 4,16

In der Liebe bleiben. Verbunden bleiben mit Gott und den Menschen.

Darauf verzichten, sich zu rächen und Böses mit Bösem zu vergelten, Nörgelei mit Nörgelei, neue Möglichkeiten mit Misstrauen und Skepsis mit Skepsis.

In der Liebe bleiben: sich freuen über jedes Stück blauen Himmel und über das Sternenmeer bei Nacht.

Dankbar sein für das Alltägliche einer warmen Mahlzeit: Voller Freude teilen, was wir haben.

Gott teilt seine Schöpfung mit uns. Indem er teilt, teilt er sich mit.

In der Liebe bleiben: langsam, geduldig in Gottes Bild hineinwachsen.

Gutes tun.

Verbunden bleiben mit allem Lebendigen.

Du sagst: Verbunden bleiben in der Liebe. Das heisst: Verbunden bleiben mit Gott.

Von Reinhild Traitler