5. Dezember

Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn.        Psalm 143,10

Es geht um das Lehren und Lernen. Ist es mit Gott etwa wie in der Schule? An welche Lehrerinnen und Lehrer erinnern Sie sich, von denen Sie in gutem Geist geführt wurden und etwas gelernt haben, das Sie vielleicht noch heute begleitet? Die Kinder in meiner Wohngemeinschaft berichten von Erfahrungen mit engagierten Lehrer*innen – von  Lernprozessen, die kollaborativ und nicht top-down ablaufen.

Aber ab und zu gibt es irritierende Geschichten. Noch immer existieren Mechanismen des Belohnens und Bestrafens. Die einen dürfen am Ende des Jahres ins Kino gehen, mit Geld, das vor allem jene äufnen mussten, die Regeln übertraten. Einzelne Lehrer*innen scheinen wenig fantasievolle Ideen und integrierende Massnahmen in ihrem Repertoire zu haben. Ohne guten Geist kommen Kinder – die dazu eben oft nicht Noah, Mia oder Leon heissen und für die manches noch fremd ist – von einer (vielleicht auch nur ganz minim) schiefen nicht einfach selbstverständlich auf die ebene Bahn. Im Psalm ertönt die Hoffnung, dass Gott jenen hilft, die ihn um Führung bitten. Aber: Anleitung und Begleitung woher, wohin? Der Betende formuliert später ganz konkret: «Führe mich aus der Not.» Wenn das notwendig ist und wenn das gelingt, ist es hohe Schule.

Von Matthias Hui

4. Dezember

Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe  suchen. Hesekiel 34,12

So zukunftsversprechend spricht der Gott Israels! Im schönen Bild des Hirten zeigt er sich als der, dem das Ergehen seiner Schafe (das Volk Israel) am Herzen liegt. Gott musste sich aber auch um seine Schafe kümmern, denn sie wurden von ihren eigenen Hirten (den Königen und ihren Beamten) schmählich im Stich gelassen. So stellt der Prophet Hesekiel die geschichtlichen Vorgänge dar, die sich ereignet haben: die Deportation der judäischen Führungsschicht nach dem verlorenen Krieg gegen Babylon. Aber Gott lässt die Schafe nicht büssen für das Fehlverhalten ihrer Hirten: «Ich werde meine Schafe vor ihrem Rachen retten, und sie werden ihnen nicht zum Frass werden.» (Vers 10) Gott überlässt sie nicht sich selbst, im Gegenteil: Er nimmt sich ihrer höchstselbst an. Auch über die zeitliche Distanz von zweieinhalbtausend Jahren lässt sich erahnen, was eine solche Botschaft bei den «Schafen» ausgelöst haben muss. Sie spüren, dass sie nicht verloren sind, sie können glauben, dass sie weiterhin unter Gottes Schutz stehen, dass sie nicht einfach allem und allen ausgeliefert sind. Sie sind gehalten von Gott auch dann, wenn das Leben schwierig ist, und sie dürfen darauf vertrauen, dass sie nicht allein gelassen sind. Eine Botschaft, die auch für heute eine grosse Zuversicht ausstrahlt! Vertrauen wir ihr und geben wir sie weiter, gerade jetzt!

Von Hans Strub

3 Dezember

Der HERR sieht vom Himmel auf die Erde, dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes.             Psalm 102,20–21

«… dann wird man in Zion den Namen des Herrn verkünden und sein Lob in Jerusalem.» (Vers 22) Dann nämlich, wenn Gott das «Gebet eines Elenden» (Vers 1) gehört und erhört hat. Der geschundene Mensch, der hier spricht oder singt, hat erfahren, dass Gott hilft. Dass das Stöhnen der Gefangenen bei ihm ankommt und dass er die Todgeweihten befreit. Was für eine Zusage gerade heute! Weltweit ist grosses Seufzen, weltweit sind Abermillionen von Menschen vom Tod bedroht. Täglich, physisch und psychisch. Sie leiden. Sie sind eingesperrt in ihrem kranken Körper oder in Verliesen und Kerkern. Sie erdulden Schmerzen, Mangel, Gewalt, Erniedrigung, Todesdrohungen … Was sie bei Sinnen hält, ist oft nur die ferne Hoffnung auf Erlösung – oder auf ihren Tod. Weil Gott der Erde nahe ist, so wird hier gesagt, weil er in die Welt hineinsieht und hineinsehen will und kann, ist Hoffnung möglich. Hoffnung schafft in den resignierten Menschen eine wenigstens schmale Öffnung, durch die die Befreiung hineinkommen kann. Hoffnung bleibt, wenn das Zutrauen auf die Zusage der Erlösung einen Platz behält. Sätze wie die von heute können diesen Platz schaffen. In uns. Oder wir versuchen, jenen Hoffnung zu bringen, die kaum mehr Kräfte haben, auf Hoffnung zu vertrauen.

Von Hans Strub

2. Dezember

Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute  behaltet. 1. Thessalonicher 5,19–21

Diese Verse stehen innerhalb eines Textabschnittes, in dem es um das Miteinander geht. Um das Leben in der Gemeinde. Unter Menschen, wie wir es sind. Nur bitte nicht Böses mit Bösem vergelten. Die Verzagten sollen ermutigt werden. Und den Schwachen stehe man bei. Es ist davon die Rede, dass man sich allezeit freuen solle und beten ohne Unterlass. Es geht immer um alle. Nie nur um mich. Doch immer um alles.

Prüft aber alles und das Gute behaltet. Es geht um den grossen Zusammenhang. Abrechnungen sind fehl am Platz. Nur bitte keine Plus- und Minus-Listen. Keine Rachsucht. Keinen Groll. Keine Bitterkeit.

Behaltet das Gute. Nicht nur, wenn ihr die Zimmer räumt. Sondern auch in euren Gedanken. Viele meinten es gut mit euch. Werft das nicht weg. Auch wenn es nicht immer nur gut war.

Das Gute behalten. Einander vergeben. Den Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Den Menschen, mit denen ich zusammenlebte. Verzeihen üben. Hier und heute. Verzeihen über Generationen hinweg. Auch wenn vieles nicht immer nur gut war. Wirf es nicht weg. Den Geist der Liebe lösche nicht aus. Damit auch den Kommenden Gutes bleibt.

Von Ruth Näf Bernhard

1. Dezember

Sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für  alles. Epheser 5,20

Vor ein paar Jahren habe ich einen Adventskalender geschenkt bekommen. Eine Pinnwand. Lauter Kärtchen darauf gesteckt. Jedes mit einer Nummer und einem Stern versehen. Von 1 bis 24. Jeden Tag durfte ich ein Kärtchen drehen. Auf jedem Kärtchen stand ein Wort. Ein einziges nur. Ein Verb. Ein «Tun-Wort» also. Mir zugesteckt. Damit ich es tue. Oder bedenke.

Warten. Staunen. Wachen. Vertrauen. Bangen. Zweifeln. Anfangen. Weinen. Leben. Wagen. Jeden Tag ein anderes. Und ich habe es getan. Bedacht. Gewartet. Gestaunt. Gelebt. Gewagt. Manchmal gezweifelt. Und manchmal geweint. Je nachdem. Weil die Adventszeit mitten ins Leben fällt. Drei Wörter kamen doppelt vor. Irgendwo dazwischengestreut. Glauben. Hoffen. Lieben. Glauben. Hoffen. Lieben.

Dieses Jahr schreibe ich selber Kärtchen. Vorne mit Nummer und DANKE! daneben. Sie dürfen die Kärtchen der Reihe nach drehen. Auf der Rückseite steht ein einziges Wort. Damit wir das Danken nicht vergessen. Und die Adventszeit nicht nur wartend bedenken.

DANKE! Familie. Leben. Freunde. Gesundheit. Zuversicht. Humor. Glaube. Träume. Erinnerungen. Zweifel. Ausdauer. Fragen. Licht. Friede. Zeit. Hände. Liebe. Erde. Sinne. Vater. Mutter. Freude. Lieder. Geburt. DANKE! Gott! DANKE!

Von Ruth Näf Bernhard

30. November

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke  genug dem Unvermögenden.       Jesaja 40,29

Wie oft scheitere ich. Mir fehlt die Kraft, auf Menschen zuzugehen. Ich lasse mich durch Sticheleien aus dem Konzept bringen und hineinziehen in einen Wettbewerb der Eitelkeiten. Ich habe nicht die Souveränität, meine Fehler einzugestehen. Aus einer trotzigen Angst vor dem Gesichtsverlust schiebe ich die Entschuldigung hinaus. Ich bin träge und fahrig statt präsent und empathisch.

Manchmal hilft es, wenn ich mich ausklinke. Ich trete an die frische Luft. Wenn eine Kirche in der Nähe ist, zünde ich dort eine Kerze an. Ich setze mich und lasse den Raum auf mich wirken. Machte ich mir zuvor Vorwürfe und ging mit mir selbst ins Gericht, versuche ich jetzt loszulassen. Ich gestehe mir mein Unvermögen ein. Ich spüre, wie mein Atem ruhiger, freier wird. Ich werde offen für die Kraft, die aus der Schwäche erwächst. Gelassenheit vertreibt die Müdigkeit.

Gestärkt kehre ich zurück. Das stille Gebet hat mir geholfen, zu Kräften zu kommen. Mir gelingt es, für mir wichtige Dinge zu argumentieren und Nichtigkeiten getrost auf mir sitzen zu lassen. Ich finde den Mut zur Aufrichtigkeit und bitte um Verzeihung. Ich weiss, dass mein Straucheln unvermeidlich bleibt. Aber ich darf darauf vertrauen, dass ich von Gott immer wieder neue Kraft empfange, wenn ich ermatte.

Von Felix Reich

29. November

Sei nun stark, mein Kind, durch die Gnade in Christus Jesus.           2.Timotheus 2,1

«Du musst jetzt stark sein, mein Kind.» Man spottet, so hätten sich besorgte Mütter früher von ihren frisch verheirateten Töchtern verabschiedet, wenn sie in die Flitterwochen abreisten. Und die jungen Ehefrauen ahnten: Es wird etwas Schreckliches geschehen.

Auch bei einem Schul- oder Stellenwechsel, einem Umzug, einem Streit können Unwissen und Unsicherheit die Freude über einen Neuanfang trüben. Aber vermögen wir nachzuvollziehen, wie gross für manche die Ungewissheiten damals in den ersten Christengemeinden waren? Die Menschen, die sich für ein Leben in der Nachfolge Jesu entschieden hatten, waren auf Zuspruch und Begleitung angewiesen. Die Glaubensinhalte waren ja noch nicht schriftlich festgelegt, erst langsam  entstanden  Traditionen.  Was  «richtig»  und was «falsch» war, musste in vielen Auseinandersetzungen geklärt werden.

Paulus will mit seinem Brief Timotheus stützen und bestärken. Er erwartet Standhaftigkeit und Treue gegenüber dem Evangelium, wie er es in die Gemeinden gebracht hat. Und das wird nicht gelingen durch Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen, sondern durch die «Gnade Christi». Sie wird zerstrittene Gläubige versöhnen können.

Kommt es heute noch verunsicherten Menschen in den Sinn, sich der Gnade Christi anzuvertrauen? Vielleicht schon, aber sie würden es wohl anders nennen.

Von Käthi Koenig

28. November

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen.          Jesaja 62,6

Manchmal nutze ich ein Post-it, wenn es nur eine Kleinigkeit ist, viel häufiger aber grosse To-do-Listen. Gerne in DIN-A4- Format. Ich schreibe diese Listen mit viel Liebe und noch mit viel grösserer Liebe markiere ich die Dinge, die ich erledigt habe. Manchmal mit einem grünen Haken, manchmal streiche ich sie aber auch mit einem dicken Rot durch.

Ich muss schmunzeln bei der Vorstellung, die Jesaja  heute bei mir weckt. Dass Gott nämlich auch Erinnerungen braucht und sich sogar einen Erinnerungsservice aufstellt. Die Wächter auf den Mauern Jerusalems sollen nicht schweigen, sondern beständig Gott daran erinnern, dass er Jerusalem wieder zu Blüte bringen soll.

Eine Erinnerungshilfe für Gott, die gleichsam alle anderen auch erinnert. Erinnert an eine Liebe, an eine Beziehung und Verbindung, die von Gott nicht vergessen wurde. Eine Erinnerungshilfe, die die Sehnsucht nach dieser Zeit und Zweisamkeit wecken kann.

Gedenken ist weit mehr als nur ein flüchtiger Gedanke. Die Vorstellung der Szene berauscht mich und füllt meine Ohren, weckt auch Sehnsucht in mir.

Und doch bin ich auch wiederum froh, dass meine Post-its still sind.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. November

Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.   Kolosser 1,15

Dem Unsichtbaren Gesicht schenken

Ein Kind in der Krippe, in einem zugigen Stall. Kein Palast, kein grosses Fest. Zwei Augen, noch blau wie am äussersten Anfang, eine kleine glänzende Nase und ein Mund, der mit dem ersten Schrei die Welt begrüsst.

Aber noch ist es nicht so weit. Erst heisst es, sich auf den Weg zu machen.

Dem Unsagbaren Worte leihen

Hosianna in der Höhe, Halleluja auf Erden.

Aber noch jubeln wir nicht. Noch suchen wir nach den Tönen.

Dem Unhörbaren Stimme zudichten

Die Aufgabe des Advents ist nicht einfach. Nicht einfach nur Kerzen und Spekulatius, sondern die Untiefen der menschlichen Sehnsucht zu ergründen und das zu heben, was trägt. Schon jetzt.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. November

Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle.   Lukas 20,38

«Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Er ist es, der das Leben schafft, erhält und der das Leben über alles in der Welt liebt. In der Hoffnung auf diesen Gott sagen wir: Dies ist nicht das Ende.» So spreche ich oft bei Beerdigungen.

Doch wie dieses Leben aussieht, da gehen die Ansichten weit auseinander, selbst unter den Christinnen und Christen. Bei Gesprächen versuche ich mich ganz auf die jeweiligen Jenseitsvorstellungen meines Gegenübers einzulassen.

Gerne würde ich auch mit Ihnen in einen Dialog eintreten: Was denken Sie über das Leib-Seele-Verhältnis? Gibt es in einer jenseitigen Welt ein individuelles Dasein oder haben wir Anteil an dem Alles-in-Allem, an der Unio mystica? Der heutige Text spricht davon, dass wir «in Gott» leben werden. Wie stellen Sie sich das vor? Wie ist das mit der Zeit? Gibt es jenseits unserer irdischen Welt noch zeitliche Abläufe? Wie wird unser irdisches Leben beurteilt werden? Und von wem? Von Jesus Christus oder gar von mir selbst, im Wissen, ein geliebtes Kind Gottes zu sein?

Einen Tag vor dem ersten Advent denke ich darüber nach: Welche zukünftige Welt erhoffe ich? Bin ich offen für das, was mich da erwartet? Verändert es mein Leben hier?

Von Barbara Heyse-Schaefer