30. Juli

Die vom Volk, die ihren Gott kennen, werden stark sein und danach handeln. Daniel 11,32

Die Losung holt uns ins babylonische Exil und zu all den Versuchen
Nebukadnezars, sich das Volk gefügiger zu machen,
indem es zur Staatsideologie, hier dem Hellenismus, übertrat.
Das war natürlich verführerisch. Wahrscheinlich ist es
nicht nur mir vertraut, wie sehr es das Leben erleichtert,
wenn man den Weg geht, der von oben befohlen wird. In
so manchem Land, nicht nur dem unseren, gibt es immer
wieder Perioden, in denen Christen sich nationalen Ideen
und Ideologien mehr verpflichten als dem, was ich hier das
«Programm Jahwes / Jesu» (2. Mose 20, 5 / Mt. 5,1–7,29) nennen
möchte.
Zurzeit ist wieder einmal die Frage der Gewaltlosigkeit
solch ein programmatischer Schwerpunkt, bei dem es vielen
Christen schwerfällt, sich von der offiziellen politischen Linie
abzusetzen und die Frage eines christlichen Verhältnisses zur
Ausübung von Gewalt (z. B. Matthäus 26,52) neu durchzubuchstabieren.
Auch die neue Friedensdenkschrift der EKD
ruft nach dieser Losung. Was heisst es angesichts gegenwärtiger
Herrschaftsstrukturen: Die vom Volk, die ihren Gott
kennen, werden stark sein und danach handeln?
Mir wird deutlich, wie schwierig es damals unter Nebukadnezar
war, stark zu bleiben und entsprechend zu handeln.
Was mir bleibt, ist das Gebet um Kraft und um Einsicht für
diejenigen, die das Volk führen.

Von: Gert Rüppell

29. Juli

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? Psalm 42,4

Geht es uns so? Weinen wir in dieser Intensität, weil wir
angesichts der Lage um uns herum, oft in lästerndem Ton,
die Frage hören müssen: Wo ist nun dein Gott?
Geht es also dem Beter des Psalms um den Umgang mit
der so geläufigen Theodizeefrage: «Wie kann Gott das alles
zulassen?» Das «weil» im Losungstext macht mir zu schaffen.
Es begründet eine tiefe Trauer, in die uns der Psalmist
hineinnehmen will. Ich schreibe am Karfreitag dieses Jahres,
der Chor aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian
Bach klingt mir noch im Ohr: «Andern hat er geholfen und
kann sich selber nicht helfen.» (Matthäus 27,42)
Dieses «weil man täglich zu mir sagt …» kenne ich. Dieses
Gefühl des Psalmisten, sich von Gott alleingelassen zu fühlen.
Da kommt die Frage auf: Wo bist du, Gott, in all dem
Schrecklichen um uns herum, das wir nicht bewältigen können?
Im nächsten Vers erinnert sich der Psalmist an die Schar,
mit der er einherzog und feierte.
Ostern verweist mich auf die Geschichte der Jünger, die
erst flohen und dann aus ihrer Einsamkeit zurückfanden
in die Gemeinschaft. Und in der Tat wird die Frage «Wo ist
dein Gott?» immer auch in der Gemeinschaft beantwortet.
Gemeinschaft, die zu Gott betet, Gottes Willen praktiziert
und mir ein «Hier bin ich» anbietet beim Trocknen der
Tränen.

Von: Gert Rüppell

28. Juli

Singt und musiziert dem Herrn aus vollem Herzen. Epheser 5,19

«Singen macht glücklich»: Mit diesem Slogan wirbt ein
benachbarter Männerchor. Ich selbst singe im Kirchenchor –
und ja, Singen tut gut, entspannt und bereichert. Ich verstehe,
dass Singen und Musizieren dem Gotteslob und dem Dank
dienen, wie Paulus schreibt. Anders ausgedrückt hat es nicht
nur eine akustische, sondern auch eine spirituelle Dimension.
Und diese lässt sich wissenschaftlich (neurologisch) belegen.
So habe ich in einem Artikel in der Zeitschrift «bref»
gelesen, Musik erzeuge einen intimen Stimulus. So komme
es – am Beispiel des «Erbarme-dich-Gesangs» beschrieben –
zu einem Phänomen, das emotionale Ansteckung genannt
wird. Plötzlich fühlten die Zuhörenden wie alle andern rundherum.
Das erinnert mich an den letzten Weihnachtssonntag.
Am 24. Dezember starb nach langjährigem Aufenthalt im
Pflegezentrum und über 93-jährig meine Mutter (heute hätte
sie Geburtstag.). Am Weihnachtstag sangen wir mit dem
Chor in unserer eindrücklichen spätgotischen Kirche in Elgg.
Das ging fest ans Herz! Da habe ich etwas von dieser Ansteckung
gespürt und mich getragen gefühlt. Noch ein anderer
Tipp: Singen Sie auf einer langen Wanderung, wo Sie schon
von weitem das ersehnte Ziel sehen, Lied RG 346 (Bewahre
uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns auf unseren Wegen)
mit seinem swingenden Rhythmus vor sich hin. Sie werden
erfahren, wie Ihre Schritte leichter werden!

Von: Bernhard Egg

27. Juli

Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. Psalm 34,16

Ausschnitte aus meiner Übertragung des Psalms:


Ich will das Leben optimistisch anpacken,
positiv denken und reden.
Damit kann ich andere anstecken,
denen es weniger gut geht als mir.
Freut euch am Leben mit mir
und lasst uns alle erkennen, worauf es ankommt.
Alle, die sich am Wesentlichen orientieren,
werden strahlen und nicht zugrunde gehen.
Alle, die in ihrem Elend um Hilfe rufen, erhalten Gehör
und die Unterstützung, die sie brauchen.
Hütet euch vor bösem Geschwätz,
lasst euch nicht zum Lügen verleiten.
Meidet das Böse und tut das Gute,
sucht Frieden mit eurer ganzen Kraft.
Die Gerechten stehen in einem guten Licht
und sie finden Gehör in der Not. (Vers 16)

Von: Heidi Berner

26. Juli

Josef sprach zu seinen Brüdern: Zankt nicht auf dem Wege! 1. Mose 45,24

Geschwister zanken –
das gehört zum Repertoire
menschlichen Verhaltens.
Es ist das Einüben von Reaktionen
auf allerlei Herausforderungen –
für den Ernstfall.
Alle, die Kinder und Enkel haben,
kennen das zur Genüge.
Oft überfordern uns die Streitereien.
Wir wünschen uns doch so sehr
Frieden und Harmonie,
gerade in der Familie.
Im Ernstfall aber halten sie zusammen,
die Brüder und Schwestern.
Jedenfalls, wenn es «stimmt»
in der Familie.
Bei Josef und seinen Brüdern
hat es nicht immer «gestimmt».
Es ist eine lange Geschichte –
von Missgunst und Kränkungen.
Aus alter Zeit und doch so aktuell.
Zurzeit stimmt vieles nicht – weltweit.
Also: mehr Zusammenhalt – weniger Zank!

Von: Heidi Berner

25. Juli

Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung, ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohl gehe. Psalm 68,6–7

Als «Theologie der Befreiung» wird eine theologische Strömung
bezeichnet, die vor gut fünfzig Jahren in Lateinamerika
als Programm vorgestellt wurde und seither auf der ganzen
Welt Menschen inspiriert – nicht überraschend vor allem
solche aus dem «globalen Süden», also aus den Ländern,
die Mühe haben, aus ihren Armutsschlaufen herauszukommen.
Die wichtigste Behauptung der Befreiungstheologie ist:
«Gott hat eine Vorliebe für die Armen.» Ich halte das für das
grösste Geschenk an die Theologie überhaupt: die Erinnerung
daran, dass Gott konsequent von unten her, nicht von
oben herab zu den Menschen kommt. Israel wird von Gott
nicht adoptiert, weil es ein prächtiges Volk ist, sondern eines,
das leicht übersehen werden kann. Der schmächtigste der
Söhne Isais wird zum Stammvater des Königsgeschlechts,
aus dem schliesslich der Messias stammt. Dieser kommt
nicht im Palast, sondern im Stall zu Welt. Er stirbt den Tod
eines Verlierers, um daraus aufzustehen und den Aufstand
gegen den Tod anzuführen und gegen alle Mächte, die dem
Tod dienen. Unsere Losung ist bloss eines von vielen Echos
darauf – und wir tun gut daran, unser Denken und Handeln
danach auszurichten.

Von: Benedict Schubert

24. Juli

Gott tut grosse Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind. Hiob 9,10

Zugesagt ist uns Menschen, dass wir «nach Gottes Ebenbild
» geschaffen sind. Woran liegt es, dass manche – auch
mir selbst passiert das manchmal – daraus Allmachtsfantasien
ableiten? Dann denken sie beispielsweise, sie müssten
einen Durch- und Überblick haben, wie nur Gott ihn hat.
Dies wiederum führt zu einer hohen inneren Empörung,
wenn ihnen etwas geschieht, das sie nicht verstehen, nicht
einordnen, nicht – wie eine Freundin das so schön formuliert
hat – «versorgen» können, also nicht so im Inneren ablegen,
dass sie nicht ständig darüber stolpern.
Hiob ist der Inbegriff eines Menschen, den sinnloses Leid
überfällt. Seine Freunde halten das nicht aus und versuchen,
dem, was Hiob widerfahren ist, sofort einen Sinn zuzuschreiben.
Sie suchen nach Gründen und behaupten auch, welche
gefunden zu haben, weshalb das, was kam, so kommen
musste. Das verbinden sie mit Rezepten, wie Hiob nun aktiv
damit umzugehen habe.
Hiobs beispielhafte Grösse besteht darin, dass er das
Widersinnige dessen, was er durchmacht, aushält. Er sucht
keinen Grund, sondern hält schlicht, aber nicht einfach,
denn einfach wird das nicht gewesen sein, am Vertrauen
fest, dass Gott sieht und weiss, was für uns undurchschaubar
und unerklärlich ist.

Von: Benedict Schubert

23. Juli

Es wurde ein Mann hereingetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heisst das Schöne, damit er um
Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Apostelgeschichte 3,2

Wenn ich in eine Kirche gehe, dann möchte ich zum Beispiel:
still sein, die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken lassen, in
mich gehen, vielleicht auch mit anderen Gottesdienst feiern
oder singen. Aber ich möchte nicht einen Gelähmten oder
einen Bettler vor der Kirche sehen, der mir seine hohle Hand
hinhält. Denn mit dieser Geste hält er mir einen Haufen unangenehmer
Fragen hin: Warum kannst du ruhig in die Kirche
gehen und ein bisschen meditieren, während ich mir hier das
Nötigste erbetteln muss? Warum kannst du gehen, während
ich zum Sitzen verdammt bin? Warum bist du gesund und ich
nicht? Warum bin ich von dir abhängig und du nicht von mir?
– Oft genug habe ich mich schon abgewendet und bin weitergegangen.
Oder ich habe mein Gewissen mit einem Almosen
beruhigt. – Petrus und Johannes begegnen diesem Gelähmten
anders: Petrus schaut ihn an und sagt, er solle im Namen Jesu
Christi aufstehen. Der Mann steht auf, geht mit ihnen in den
Tempel, springt umher und lobt Gott. Der grosse Gegensatz
zwischen einem Menschen, der in totaler Abhängigkeit lebt,
und einem, der plötzlich zur Bewegung, zum eigenen Tun
ermächtigt wird, ist eindrücklich. Der Name Jesu hat hier die
festgesetzten Plätze verschoben und Neues eröffnet.

Von: Katharina Metzger

22. Juli

Das Volk verwunderte sich, als sie sahen, dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Lahmen gingen und die Blinden sahen; und sie
priesen den Gott Israels. Matthäus 15,31

Im Verb «verwundern» steckt das Wort «Wunder». Und
die Wunder kommen im obigen Vers gleich in der Mehrzahl
vor! Ein Wunder aus meiner Lebenswelt: Ein Mädchen im
jugendlichen Alter hatte viele Probleme, gesundheitliche,
psychische, schulische. Hilfsangebote kamen meist nicht
an. Schliesslich kam die junge Frau auf die Idee, die Schule
vorzeitig zu beenden und eine Lehre zu beginnen. Sie bekam
einen Schnupperlehrplatz in einer Institution, die keine
Zeugnisse oder Beurteilungen von ihr verlangte. In ihrer
Schnupperwoche blühte sie auf und bekam die Lehrstelle!
Seit sie diese Perspektive hat, läuft es wieder. Manchmal
macht sie nun sogar Dinge, die für sie eher unangenehm
sind. Ein Wunder? Eine glückliche Fügung?
Der Glaube an jemanden und der Glaube an sich selbst sind
grosse, wunderbare Kräfte. Manchmal braucht es jemanden
von ausserhalb, der oder die in einem anderen Menschen
etwas sieht, das diesem unmöglich scheint, und damit verschüttete
Kräfte in Gang setzt. Im Fall dieses Mädchens war
es die Arbeitgeberin.
Einen Menschen realistisch zu «erfühlen» und seine verschütteten
Kräfte in Gang setzen, etwa so stelle ich mir auch
die Heilungskräfte von Jesus vor.

Von: Katharina Metzger

21. Juli

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten. Lukas 19,37

Heute ist mir bei diesem Vers interessanterweise der
«Abhang» ins Auge gesprungen. Eigentlich eine Nebensache.
Aber auf der anderen Seite sind solche Erwähnungen in
der Bibel meistens sehr genau gesetzt. Da ist wenig zufällig.
Der Abhang ist ein Ort, an dem sich etwas ändert. Ziemlich
grundsätzlich. Er markiert eine entscheidende Wegmarke,
einen Übergang. Der Vers gehört zum Palmsonntag. Die
Menschen freuen sich. Sie jubeln. Vier Verse später lesen wir,
dass Jesus über Jerusalem weint. Und fünf Tage später wird
aus dem «Hosianna» das «Kreuzige ihn!».


Gerade komme ich aus der Kirche und lese deine Zeilen. Als
Gemeinde haben wir Morgengebet gefeiert und gesungen:
«Laudate omnes gentes, laudate Dominum.» (Lobsingt, ihr
Völker alle, lobsingt und preist den Herren, Psalm 117) Im
heutigen Vers loben die Menschen Gott. Sie jubeln. Vielleicht
singen sie auch. Dann kippt die Stimmung und Hass
breitet sich aus. Weshalb genau? Der Grat zwischen Gotteslob
und Menschenhass scheint sehr schmal zu sein. Ich will
das im Auge behalten, damit mein Gotteslob nicht plötzlich
kippt.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz