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8. März

Ich will mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft bei mir wohne. 2. Korinther 12,9

«Schwachheit», im üblichen Sprachgebrauch, ist der Gegenpol
zu «Kraft». Im paradoxen Denken des Paulus ist es
anders. Da ist die Schwachheit der Ort, wo die Kraft wohnt,
in mir Wohnung nimmt. Dahinter steht das jüdische Konzept
der Schechina, der «Einwohnung Gottes». Die Gottheit
zieht ursprünglich ein ins Zelt beim in der Wüste wandernden
Gottesvolk. Die Wohnstatt ist also eine flüchtige,
«schwache». Täglich wird das Zelt abgebrochen, täglich wird
es neu aufgestellt. Die Schechina aber ist verlässlich, kontinuierlich,
treu. Wo immer das Zelt steht, wohnt die Kraft.
Je dünner die Wände des Zelts, je durchlässiger sein Stoff,
desto wuchtiger weht die Ruach, der göttliche Wind, die
göttliche Geistkraft darin. Das Zelt repräsentiert das Ego, die
Wände die Häute des Systems des «hautverkapselten Ich»
(skinencapsulated ego), ein Ausdruck des englischen Religionsphilosophen
Alan Watts. Der mittelalterliche Mönch
und Mystiker Johannes Tauler fragt, weshalb der Mensch
nicht an jenen «schwachen» Ort gelangen kann, wo die
Kraft wohnt. Seine Antwort lautet: «Da ist so manche dicke
Haut darüber gezogen, und die haben ihm sein Inneres so
verdeckt, dass weder Gott noch er selber da hinein kann.»
Es gilt, sich in Bezug auf die scheinbaren Stärken zu häuten.
Dann wird die Kraft einziehen, bei mir, am Ort der Schwachheit.

Von: Andreas Fischer

 

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