28. Mai

Christus ist auferweckt von den Toten als Erstling
unter denen, die entschlafen sind. 1. Korinther 15,20

Die heutige Losung ist ein happiger Brocken: die Auferstehung!
Nebst Geburt und Kreuzigung Jesu das dritte grosse
Thema des Christentums. Und darüber soll ich am Tag des
Angriffs von Israel/USA auf den Iran schreiben? Ja, was ist sie?
Historische Wahrheit, Märchen, Mythos, Geheimnis, Vision
oder Wunder? In den Glaubensbekenntnissen bekräftigen
wir Christ:innen, dass wir an sie glauben und sie folglich
für wahr halten. Aber was heisst das? Was bedeutet sie uns
konkret, im täglichen Leben und im Glaubensleben? Besteht
ein Unterschied zwischen Auferstehung und Auferweckung?
Suchend blättere ich bei Karl Barth nach und finde komplexe
Theologie, die mir ehrlich gesagt nicht ans Herz geht. Also
weiter zu Leonhard Ragaz, der festhält, die Auferstehung
sei weder eine Tatsache der Wissenschaft noch ein Dogma;
sie könne nur Zeugnis des Glaubens sein und könne niemandem
aufgedrängt werden. Er findet weiter, sie müsse in
ein Geheimnis gehüllt sein. Dieses Bild gefällt mir. Es passt
für mich gut zum Leben und Wirken von Jesus. Wie sagte
er doch zu den Blinden: «Euch geschehe, wie ihr geglaubt
habt» (Matthäus 9,29) oder zur Frau mit den Blutungen:
«Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.»
(Lukas 8,48) Ob ich gerettet beziehungsweise auferweckt
werde, weiss ich nicht. Es bleibt ein Geheimnis. Ich finde das
gut so und vertraue darauf, dass Gott es gut mit mir meint.

Von: Bernhard Egg

27. Mai

Obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt, so haben wir doch nur einen
Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn. 1. Korinther 8,5–6

In der Tat gibt es viele Herren,
die sich auf Erden aufführen,
als hätten sie die Macht,
nach reiner Willkür
zu schalten und zu walten.


So gesehen ist der Korinthervers
ein «Abwehrmittel»
gegen diese Machtprotze.


Vielleicht müsste man es einfach
etwas schlichter sagen:
«Hört, ihr Mächtigen, wir fallen nicht
auf euch herein, so pompös ihr euch
auch aufführen mögt!
Wir vertrauen auf die radikale Liebe,
die der Wanderprediger
aus Nazaret vorgelebt hat
und die in uns allen schlummert.»
Hin und wieder blitzt sie auf
wie ein Sonnenstrahl –
welch ein Glück!

Von: Heidi Berner

26. Mai

Weist die zurecht, die sich an keine Ordnung halten,
ermutigt die Verzagten, steht den Schwachen bei,
habt Geduld mit allen! 1. Thessalonicher 5,14

Wenn wir diesen Anordnungen folgen,
konsequent und beharrlich,
dann haben wir ordentlich zu tun!


Es gibt leider viel zu viele, auch Mächtige,
die sich an keine Ordnung halten.
Was bringt da meine Zurechtweisung?
Herzlich wenig, schätze ich mal,
denn diese Mächtigen beeindruckt
weder Ordnung noch Zurechtweisung.


Die Verzagten ermutigen, das geht.
Am besten fange ich bei mir selber an!


Den Schwachen beistehen?
So umfassend eine Überforderung.
Aber es müssen ja nicht alle sein,
sondern jene, die mir nahe sind,
wo ich etwas bewirken kann.


Bei einigen geht mir die Geduld aus.
Also lass ich mich nicht entmutigen
und wage kleine Schritte.
Auf geht’s!

Von: Heidi Berner

25. Mai

Mächtig waltet über uns seine Güte, und die Treue
des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja. Psalm 117,2

Ich höre hin und wieder von Menschen, insbesondere
auch von jungen Menschen, dass sie schlecht schlafen, von
Albträumen geplagt werden, weil es um die Welt und das
Zusammenleben der Menschen so schlecht bestellt ist. Es
erschüttert mich, dass sich eine Bewegung, die sich für den
Respekt gegenüber Gottes Schöpfung einsetzt, als «Last
Generation» bezeichnet, wie wenn es keine Hoffnung auf
Zukunft mehr gäbe.
Umso schöner, wenn ein biblisches Wort wie diese Losung
dem widerspricht, was den Gang der Geschichte und das
Verhalten der Menschen zu bestimmen scheint. Mächtig
scheinen die, die sich durchsetzen, die sich nicht ums Recht
oder um den Anstand scheren, die sich nicht bremsen lassen,
bloss um Rücksicht zu nehmen.
Doch wir stimmen in den Psalm ein, der jubelnd behauptet,
die Güte Gottes habe Macht über uns und über die
Welt und wir könnten uns darauf verlassen, dass Gott treu
ist. Wir müssen nicht mit der Treulosigkeit derer rechnen,
die auch ihre Freunde verraten, wenn sie sich davon Gewinn
versprechen.
In der klösterlichen Tradition gehört Psalm 117 – es ist der
kürzeste aller Psalmen – ans Ende des Tages. Das Halleluja
über Gottes Güte und Treue wird uns vor den Albträumen
wegen der Rücksichtslosigkeit und Untreue von Menschen
schützen.

Von: Benedict Schubert

24. Mai

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehren einziehe! Psalm 24,7

«Macht hoch die Tür!» Diese adventliche Losung lädt ein,
Pfingsten wie Weihnachten zu feiern. Es wird manchmal
angemerkt, Pfingsten sei so unanschaulich als Fest; es sei
schwierig, sich vorzustellen, was da eigentlich passiert.
Aber probieren wir es einmal so:
«Unser Heiland ist nun da!» «Christ ist erschienen, uns
zu versühnen.» «Heut schliesst er wieder auf die Tür zum
schönen Paradeis.» «Unser Kerker, da wir sassen und mit
Sorgen ohne Massen und das Herze selbst abfrassen, ist
entzwei, und wir sind frei.» «Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen, dass ich dich möchte für und
für in, bei und an mir tragen.» «Die ihr arm seid und elende,
kommt herbei, füllet frei eures Glaubens Hände.» «Das ewig
Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein.»
Ich habe etwas wahllos Zeilen aus Weihnachtsliedern aneinandergereiht,
um uns zu vergegenwärtigen, dass Pfingsten
wirklich das Fest der Gottesgegenwart in und unter uns ist.
Der Heiland kommt in der Gemeinde zur Welt. Wer Gott
sucht, findet ihn in der Kirche. Wo zwei oder drei im Namen
von Jesus versammelt sind, da werden Menschen aufgerichtet,
getröstet, wiederhergestellt, befreit.
Das schreibe ich notabene ohne Fragezeichen.

Von: Benedict Schubert

23. Mai

Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute
und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Matthäus 5,45

Dieser Vers hat für mich gleichzeitig etwas Tröstliches wie
auch etwas Ungeheuerliches.
Tröstlich finde ich ihn deshalb, weil das Wiederkehrende,
also das wiederholte Kommen von Sonne und Regen, vielleicht
auch bedeutet, dass sich Böse und Gute verändern
können, oder – noch besser –, dass sich Böse zu Guten verändern
können. Gott gibt den Menschen weiterhin Zeit und
Möglichkeit, sich zu ändern.
Aber, und damit bin ich beim Ungeheuerlichen: Er hält
sich auch schön raus! Sind damit die «Guten» den «Bösen»
schutzlos ausgeliefert?
Jesus gibt in der Bergpredigt, aus der der obige Vers
stammt, eine Möglichkeit des Umgangs miteinander vor:
die Feindesliebe. Radikal, visionär – und schwierig.
Vor einiger Zeit hörte ich am Radio das Interview mit einer
Frau, die auf Social Media wegen irgendetwas angefeindet
wurde. Anstatt sich zu verkriechen oder zurückzuschlagen,
entschloss sie sich, Kontakt aufzunehmen mit den Leuten, die
diese Kommentare verfasst hatten, oder es zumindest zu versuchen.
Das sei die einzige Möglichkeit, um nicht selbst dem
Hass zu verfallen, sagte sie. Die Offenheit und Verletzlichkeit,
mit der sie das sagte, beeindruckt mich. Sie könnte eine
moderne Art der Umsetzung dessen sein, was Jesus fordert.

Von: Katharina Metzger

22. Mai

Er selbst, der Vater, hat euch lieb. Johannes 16,27

Der Vers geht noch ein wenig weiter: «Denn der Vater selbst
liebt euch, weil ihr mich lieb gewonnen habt und zum Glauben
gekommen seid, dass ich von Gott ausgegangen bin.»
Das ist für mich auf den ersten Blick irritierend: Der Vater
liebt mich also nur, wenn ich über den Glauben an Jesus
Christus zu ihm gekommen bin? Und nicht, weil auch ich
«einfach so» sein Menschenkind bin?
Nun spricht Jesus diese Worte allerdings unter dramatischen
Umständen: Bald wird er gefangen, verurteilt und
gekreuzigt werden. Er wird sein Schicksal annehmen. Aber
wie wird es seinen Jüngern und Jüngerinnen damit gehen?
Werden sie ihn immer noch als Sohn Gottes sehen? Werden
sie beim Anblick seines Kreuzestodes immer noch an einen
liebenden Gottvater glauben, so wie Jesus es sie gelehrt hatte?
In diesen Momenten des Zweifelns, die einige Jünger und
Jüngerinnen erlebt haben könnten, klingen die Worte von
Jesus wieder anders: Es geht nun um ein «Glauben trotz
allem». Es geht darum, trotz allem an Jesus als Gottes Sohn
und an seine Botschaft vom liebenden Vater zu glauben.
Diese Botschaft ist in ihrer Intensität etwas Neues, das durch
Jesus in die Welt gekommen ist und eine neue Brücke zum
Göttlichen geschaffen hat.
Jesus wird noch etwas Eindrückliches sagen. Er sieht voraus,
dass alle «zerstreut werden» und ihn allein lassen: «Und
doch bin ich nicht allein, denn der Vater ist bei mir.»

Von: Katharina Metzger

21. Mai

Lobet Gott für seine Taten, lobet ihn in seiner
grossen Herrlichkeit! Psalm 150,2

Der Psalm 150 ist das zusammenfassende Finale des Psalmenbuchs.
Vielleicht ist er sogar eigens dafür gedichtet
worden. Die vier ersten Verse, darunter auch die heutige
Losung, laden die Leserin/den Leser ein, den Blick auf Gottes
Gegenwart zu richten und ihn zu loben. Das Mass und der
Grund dieses Lobpreises ist: Gottes «grosse Herrlichkeit».
Oder anders übersetzt: «die Fülle seiner Grösse». Oder noch
anders gesagt: «seine Grandezza». Wo bist du, Weggefährte,
dieser göttlichen Fülle zuletzt begegnet?

Tja, liebe Chatrina, da fragst du was. Das erinnert mich an
die Losung von gestern und mein ambivalentes Lamentieren.
Ich fühle mich ertappt in meinem Kleinmut. Du hast recht.
Und ich bin den Psalmen so dankbar, dass sie mich erinnern.
Wir haben Grund zum Danken. Und zum Loben. Neulich im
Familiengottesdienst haben die Schülerinnen und Schüler der
zweiten Klasse erzählt, wofür sie dankbar sind. Und dann
haben wir die Gemeinde aufgefordert, selbst aufzuschreiben,
wofür sie dankbar ist. Hinterher war die ganze Tafel mit Zetteln
vollgeklebt. Jemand hat geschrieben: «Ich bin dankbar
für meine liebe Gattin.» Da hat er sicher recht.
Wofür bist du dankbar?

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

20. Mai

Die Jünger zogen aus und predigten an allen Orten.
Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das
Wort durch die mitfolgenden Zeichen. Markus 16,20

Die Losung hinterlässt bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck.
Auf der einen Seite spüre ich für mich als Pfarrer eine
deutliche Entlastung. Mein Predigen ist wichtig. Aber genauso
wichtig ist die Bekräftigung durch Gott und die mitfolgenden
Zeichen. Offenbar – und Gott sei Dank – tut Gott das
Seine dazu. Und auf der anderen Seite sind die Zeichen, die
ich erkennen kann, nur kleine zarte Pflänzchen. Manchmal
wünschte ich mir, gerade in diesen – auch kirchlich – wirren
Zeiten etwas grössere Zeichen. Oder sehe ich sie einfach nur
nicht?

Das Magazin «Bref» feiert dieses Jahr sein Zehn-Jahre-Jubiläum!
Es wird massgeblich von den reformierten Kirchen
finanziert, kommt weltoffen und modern daher. Die
Geschäftsführerin Pascale Huber und ihr Team schaffen
den Spagat zwischen Geldgebern und Zielgruppe. Das Heft
hat einen reformierten Fokus, aber es geht darin um gesellschaftspolitische
und kulturelle Themen. Dass es «Bref» seit
über zehn Jahren gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich
deute es mutig als Zeichen. Und ich finde, wir Reformierte
sollten das, was gelingt, kräftig feiern.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. Mai

HERR, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist
unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk.
Jesaja 64,7

Ton – ein gutes Gefäss hat eine dünne Wand – klingt, tönt …
Ton – ist nicht leicht formbar, braucht Wärme und Wasser
«Wir sind Ton, du bist der Töpfer» – das ist uns fremd in
einer Welt, in der wir gerne selber Schöpfer zu sein meinen.
Diese Klarheit: «… wir sind deiner Hände Werk» …
Was macht das mit uns, nur ein kleiner Teil der Welt zu sein?
Aber handgetöpfert …
«Wir alle sind deiner Hände Werk» – diese Konvention ist
gebrochen. Wir machen, managen … und zerstören dabei
nicht selten «seiner Hände Werk».
Ähnlich ist die Situation zur Zeit der Verfassung des Tritojesajatexts:
Die Menschen, die zurückkehren aus dem babylonischen
Exil, haben es schwer mit ihrem Gott.
Er sieht sie nicht mehr an, heisst es kurz zuvor (Vers 6).
Somit ist Jesaja 64,7 ein nahezu flehendes Angebot
an den zürnenden Gott:
«Wir wissen das doch (noch), wir sind deiner Hände Werk.»
An einen Gott, der hadert, auch mit den Rückkehrern,
die kurz vor einer neuen Weltordnung stehen.
Ein Einlenken, eine Bitte um Gnade und Geduld.

Von: Johanna Zeuner