Jesus sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im
Himmel und auf Erden. Matthäus 28,18
Dieser Vers irritiert, weil er aufs Erste so gar nicht «Jesuslike
» ist. Er erinnert uns zu sehr an die gegenwärtige Rhetorik
selbsternannter Herrscher, die sich weltweit vor uns aufplustern:
«Ich bin euer Chef und weiss, wo es langgeht!» Aus
einem solchen Jesuswort einen positiven Impuls zu ziehen,
ist auch deshalb eine Herausforderung, weil es uns zeigt, wie
die Bibel von weltlichen Mächten immer auch missbräuchlich
für die eigenen Interessen vereinnahmt wurde. Das trifft
auf diesen Matthäusvers ganz besonders zu, der zum sogenannten
Missionsauftrag gehört, worin Jesus seinen Jüngern
den Auftrag zur Mission und Taufe erteilt. Wir begegnen
in diesen Worten dem Fundament der weltweiten Kirche,
die diesen Auftrag zur Mission im Lauf ihrer Geschichte
dazu verwendete, Kolonialismus und Zwangsbekehrungen
zu rechtfertigen. Welche positiven Impulse können wir aus
dem Führungsanspruch von Jesus in heutiger Zeit gewinnen?
Wenn wir es als unsere Aufgabe betrachten, die christliche
Botschaft heute neu zu lesen und den damit verbundenen
«Missionsauftrag» für uns selbst neu zu verstehen, dann
kann das heissen, dass wir Jesus in seiner lebensbejahenden,
brückenbauenden Art erkennen. Dass wir die «Gewalt über
Himmel und Erde» als etwas verstehen, das niemanden ausschliesst
oder Einzelne privilegiert, sondern Grenzen überwindet
und Religionen verbindet. Dieser Gedanke tut im
Moment in unserer Welt grosse not.
Von: Esther Hürlimann