29. Mai

Mose sprach: Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich
euch heute bezeuge. Denn es ist nicht ein leeres Wort
an euch, sondern es ist euer Leben.
5. Mose 32,46.47

Mose erzählt von Worten, die Leben bedeuten können. Ich
versuche, zu verstehen. Von der Antike bis in die Gegenwart
ist Kontinuität im Judentum an geäusserte und geschriebene
Worte geknüpft, an ein ausuferndes Geflecht von Interpretationen,
Debatten und Meinungsverschiedenheiten, sowie an
zwischenmenschliche Beziehungen. In der Synagoge und der
Schule, aber auch zu Hause, umfasst dieser Austausch immer
mehrere Generationen. Die Worte werden weitergegeben
von Mose zum Volk, von Eltern zu Kindern, von Lehrern
zu Schülern. Damit kommt Lebendigkeit in die Welt; wird
sozusagen Gott in die Welt übersetzt.


Mich interessiert die Bewegung zum Herzen. Das Wort, das
ich höre, nimmt in meinem Körper seinen Lauf. Solange es
nur zwischen den Ohren bleibt, kann es in mir keine Wurzeln
schlagen. Erst wenn das Wort weiter hinab sinkt, entfaltet es
die Wirkung, für die es ausgesendet worden ist. Es bannt die
Angst und zeigt mir den Weg in die Freiheit.
Dort, im Herzen, bewege ich es hin und her, so wie Maria
das Wort der Engel bewegt hat, von dem die Hirten erzählt
haben. Sie hat es ausgekostet. Wieder und wieder gekaut, bis
es sie genährt und stark gemacht hat.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

28. Mai

Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut aus dem
Buch des Propheten Jesaja las. Er fragte ihn: «Verstehst
du denn, was du da liest?» Der Äthiopier sagte: «Wie
kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!» Und er
forderte Philippus auf, zu ihm in den Wagen zu steigen.

Apostelgeschichte 8,30–31

Setz dich zu mir und erkläre mir, so die Aufforderung des
Äthiopiers. Wie schön, wenn jemand hört, dass ich Hilfe
brauche. Wie schön, wenn mir jemand zuhört, sich neben
mich setzt und sich Zeit nimmt, mir zu helfen, wo ich nicht
weiterkomme. Philippus hat Augen und Ohren offengehalten
und erkannt, dass jemand Hilfe braucht.
In der Bibel finden wir verschiedene Texte, die zum Hören
auffordern. Und viele Gebete beginnen mit der Bitte, dass
Gott höre (Psalm 17,6). Den Menschen öffnet Gott selbst das
Ohr (Jesaja 50,5). Ein bekannter Kanon weist darauf hin, dass
hören schweigen bedingt. Schweige und höre, neige deines
Herzens Ohr, suche den Frieden.
Hören, vor allem das Hören mit dem Herzen, das auch in
der Stille hört, ist für unser Leben zentral. Damit dies möglich
wird, müssen wir von der eigenen Selbstbezogenheit
Abstand nehmen und uns aufmerksam dem zuwenden, was
uns begegnet. So hört das Ohr des Herzens, was mich im
Alltag umgibt und was an mich herangetragen wird.
Hört, dann werdet ihr leben, sagt Gott zu Jesaja (Jesaja 55,3).

Von: Monika Britt

27. Mai

Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei
der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als
lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei
euer vernünftiger Gottesdienst!
Römer 12,1

Niemand will heute gerne ein Opfer sein. Das Schimpfwort
«du Opfer» meint im Strassenjargon Personen, die sich
nicht ausreichend wehren können.
Aber auch das Verständnis für das theologische Konzept
des Opfers ist mir in den letzten Jahren verloren gegangen.
Im Englischen – abgeleitet vom Lateinischen – wird zwischen
sacrifice / offering und victim unterschieden.
Wenn ich «Opfer» hier durch «Hingabe» ersetze, dann
kann ich diesem Ratschlag des Paulus etwas abgewinnen.
Sehr beeindruckt hat mich ein ökumenischer Freund, der
seine todkranke Frau mit Hingabe pflegte. Er meinte, «die
tägliche Körperpflege meiner Frau ist für mich wie ein Gebet,
eine Hingabe an Gott.»
Dem Engagement und der Leidenschaft verwandt, ist die
Hingabe weniger eine Anstrengung um jeden Preis, sondern
mehr ein Mich-Zuwenden, Mich-Öffnen und Anbieten.
Das ist für mich eine spirituelle Übung, die den Körper
nicht nur als «protestantischen Dienstleib» (Elisabeth
Moltmann-Wendel) versteht, sondern mir hilft, eine positive
Beziehung zu meiner Geschöpflichkeit zu finden. Mein
Leib ein Tempel!
Das schliesst eine lustvolle Beziehung zu Gott ein.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. Mai

HERR, du siehst es ja, denn du schaust das Elend
und den Jammer; es steht in deinen Händen.
Psalm 10,14

Vielleicht haben Sie das schon erlebt: Eine Nachbarin, ein
Kollege, ein Verwandter kann Sie nicht leiden. Was immer
Sie machen, er oder sie findet einen Fehler, unterstellt Ihnen
unrichtiges Handeln. Sie sind sich keiner bösen Absicht
bewusst. Aber was immer Sie tun, Sie fürchten sich schon
vor seiner oder ihrer Reaktion. Sie sind verunsichert. Schliesslich
passieren Ihnen tatsächlich Fehler …
Der Beter/die Beterin des 10. Psalms scheint so jemanden
zu kennen. Eine Person, die ihm oder ihr nachstellt, wie ein
Löwe auflauert und schlecht über ihn oder sie spricht.
Wie sich wehren? Wie sich rechtfertigen? Wem kann ich
davon erzählen? Wie komme ich aus dem Teufelskreis heraus,
der mich zur Revanche verführen will? Tausend Gedanken
in meinem Kopf!
Der Beter/die Beterin des Psalms verlässt sich auf Gott: Du
siehst es ja! Du siehst das ganze Schlamassel, diese unangenehme
Situation, in der ich mich befinde.
Welchen besseren Ort könnte es geben als deine Hände,
Gott? Hier ist all die Ungerechtigkeit, die ich erfahre, aufgeschrieben
und festgehalten. Ich kann sie dort lassen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Mai

Paulus schreibt: Ich bin der geringste unter den
Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel
heisse, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen.
1. Korinther 15,9-10

Es ist ihm eingefahren,
er ist untröstlich, dass er
die Christen verfolgt hat.
Wir kennen das doch:
Manchmal liegen wir falsch.
Wie mies muss es Paulus
gegangen sein, als es ihm
bewusst geworden ist,
dass er sich geirrt hat.


Denn er ist Christus begegnet –
für ihn wahrhaftig eine Zeitenwende.
Wie erfüllt muss er gewesen sein
nach dieser Begegnung.
Das Erschrecken über seinen Irrtum
und die Erfahrung von Gnade,
von Angenommensein,
haben ihn wohl zeitlebens angetrieben.
Er ist ein Mann mit einer Mission.
Glaubwürdig.

Von: Heidi Berner

24. Mai

Das sei ferne von uns, dass wir den HERRN verlassen!
Josua 24,16

Wir doch nicht!
Auf uns ist Verlass.
Komme, was wolle.
Wir sind standhaft.
Wir halten dir die Stange.
Wir sind treu. Wir bleiben.


Manchmal kommt alles anders.
Ganz anders.
Dann zeigt es sich,
wie standhaft wir sind. Wie treu.
Ach, es ist ja so menschlich,
zu versagen, untreu zu werden.


Daran will ich mich halten:
Ich scheue mich
immer ein wenig,
dich mit Namen, Begriffen
dingfest zu machen
– Gott, Lebendige, Ewiger –
mein Du, unser Du!
Du bist die Kraft, die uns
leben und lieben lässt.
Lass du uns nicht los. Nie.

Von: Heidi Berner

23. Mai

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein
grosses Licht, und über denen, die da wohnen im
finstern Lande, scheint es hell.
Jesaja 9,1

In der Bibel ist «Volk» der Begriff für das Kollektiv schlechthin
und eine politische Grösse. Jeder Mensch gehört zu
einem Volk und Völker bewohnen die Erde. So viel hat sich
seit der Antike gar nicht geändert. Es ist bis heute so. Ich
lese die Losung und frage mich: Gibt es ein Volk, das nicht
im Dunkeln tappt? Einmal abgesehen von den Appenzellern
und den Ostfriesen fällt mir keines ein … Genau, wir machen
Witze übereinander und das ist durchaus erhellend. Solange
es beim geschwisterlichen Necken bleibt, verstehen wir uns,
solange wir Verschiedenheit als Reichtum erfahren, sehen
wir Licht und solange die Völker miteinander feiern, scheint
es hell.
Wenn ich Zeitung lese, sieht es finster aus. Die einen Völker
rüsten auf, um sich gegen andere Völker zu wappnen. Sorry,
wenn ich Ihnen den Tag verderbe – aber ich finde es zurzeit
ziemlich düster. Wir nennen uns aufgeklärt, spotten über
unsere unterbelichteten Vorfahren und wandeln selbst im
Finstern. Wir beherrschen die Kunst der Lichtverschmutzung
und leben in rabenschwarzen Zeiten. Wenn das alles
wäre, was wir zur Zukunft sagen können, dann gute Nacht.
Darum lese ich Zeitung und dann noch einmal diese
Losung. Damit die Nacht zum Tag wird.

Von: Ralph Kunz

22. Mai

Jesus Christus selbst ist die Versöhnung für
unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren,
sondern auch für die der ganzen Welt.
1. Johannes 2,2

Versöhnung ist das zentrale und wiederkehrende Motiv
in der Heilsgeschichte. Im Alten Testament ist es mit Jom
Kippur verknüpft (Leviticus 23,27–32). Das ist ein Sabbat
Sabbaton, das heisst ein höchster Feiertag, so etwas wie
ein geistlicher Frühlingsputz. Einmal jährlich wird Sühne
für ganz Israel gewährt. Es gehört zum Programm der Heiligung,
dass das Volk mit Gott im Reinen sein muss, um
Gottesdienst feiern zu können. Jede Einzelne soll ihre, jeder
Einzelne seine Verfehlungen bereuen und umkehren. Versöhnung
setzt einen neuen Anfang und macht möglich,
dass die Leben gewährende Gottesnähe wieder erfahren
wird. Für diese heilsame Reinigung hat die Bibel viele Bilder:
dass Gott die Last abnimmt, das Lösegeld zahlt, die Blösse
bedeckt oder das Herz erneuert. Und was hat das mit Jesus
Christus zu tun?
Der Kreuzestod von Jesus wurde in den christlichen
Gemeinden als universaler Jom Kippur gedeutet. Wir singen
davon beim Abendmahl: «Christe, Du Lamm Gottes,
der Du trägst die Sünd’ der Welt». Mit Jesus ist nichts Neues
gekommen – aber die Gabe der Erneuerung radikal erweitert
worden! Durch ihn wird die ganze Welt versöhnt. Können
wir das je verstehen? Dass der Kosmos schon geheilt, geheiligt,
gewürdigt, gesegnet und geliebt ist?

Von: Ralph Kunz

21. Mai

Ich, der HERR, behüte den Weinberg und begiesse
ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe,
will ich ihn Tag und Nacht behüten.
Jesaja 27,3

Zuvor spricht der Prophet vom Leviathan, der Verkörperung
des lebensfeindlichen Chaos. Ihn wird beim Gericht
das Schwert treffen. Und nach dem Gericht wird Israel ein
lebendiger Weinberg sein. Die Welt, in der wir leben, ist aus
den Fugen geraten. Wir beten um Gottes Präsenz in dieser
chaotischen Welt, bitten um Heilung, um Gerechtigkeit,
Frieden. Ja, wir bitten Gott, die Lebendige, doch einzugreifen.
Die Vision eines Weinbergs, den die Lebendige selber
hütet, die Reben begiesst, den Weisen einen klaren Verstand
geben möchte, leitet uns in unserer Ohnmacht. Aber da ist
dieses Gericht. Es will einfach nicht in meine Gedankenwelt
passen, das Schwert schon gar nicht. Denn meine Vision von
Heilung und Versöhnung ist ja nicht nur von der Vision des
Propheten getragen, sondern auch vom Glauben an die Auferstehung
Jesu, an die Auferstehung, die den Tod überwunden
hat. Ich spüre stark, dass genau dieser Glaube gestärkt
werden muss, gehegt und gepflegt. Kann ich das allein?
Oder kann ich es, wenn ich zusammen mit anderen Menschen
bete? Kann ich es, wenn ich mich verbunden weiss mit
Schwestern und Brüdern aus der weltweiten Kirche?
Schenke du uns den Glauben an das Leben.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Mai

So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron
und die Erde der Schemel meiner Füsse! Was ist denn
das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet?
Jesaja 66,1

Beim Schemel bleibe ich hängen: Meine Grossmutter stellte
ihre Füsse beim Stricken auf einen Schemel, ich sass vis-à-
vis und strickte auch. Sie erzählte, ich hörte ihr gespannt zu –
und ich wartete auf ein Feedback. Das Bild mit dem Himmel
als Thron und der Erde als Schemel ist das Bild für Gott bei
den Menschen. Er braucht keinen speziellen Tempel, sondern
einfach die Menschen. Gott will seine Ruhe finden an
der Stätte, wo er seine Füsse auf den Schemel stellt (Vers 1).
So blickt er auf «diejenigen, die zerschlagenen Herzens sind
und vor seinem Wort zittern» (Vers 2). Das sind jene, die
besonders auf das «Feedback» Gottes, der Lebendigen,
angewiesen sind. Denn sie werden wegen ihres Gottes verstossen.
Aber diese, so der Kommentar, sind besonders im
Tempel zu Hause. Zeit also, auszubrechen aus den Mauern
des Tempels und Gott bei den Menschen zu suchen und
so der Lebendigen zu begegnen. Ich weiss nicht genau, wer
heute zu den Verstossenen zählt. Wichtiger scheint mir, dass
ich versuche, dazu beizutragen, die Hoffnung in das Handeln
der Lebendigen zu pflegen, und davon Kraft erhalte, um
mich einzusetzen für Gerechtigkeit und Frieden. Da sind
wir alle gemeint. Und da kann ich auch getrost hie und da
meine Füsse auf einen Schemel stellen, denn nicht nur Gott,
sondern auch wir sollen zur Ruhe kommen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud