20. Mai

Die Jünger zogen aus und predigten an allen Orten.
Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das
Wort durch die mitfolgenden Zeichen. Markus 16,20

Die Losung hinterlässt bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck.
Auf der einen Seite spüre ich für mich als Pfarrer eine
deutliche Entlastung. Mein Predigen ist wichtig. Aber genauso
wichtig ist die Bekräftigung durch Gott und die mitfolgenden
Zeichen. Offenbar – und Gott sei Dank – tut Gott das
Seine dazu. Und auf der anderen Seite sind die Zeichen, die
ich erkennen kann, nur kleine zarte Pflänzchen. Manchmal
wünschte ich mir, gerade in diesen – auch kirchlich – wirren
Zeiten etwas grössere Zeichen. Oder sehe ich sie einfach nur
nicht?

Das Magazin «Bref» feiert dieses Jahr sein Zehn-Jahre-Jubiläum!
Es wird massgeblich von den reformierten Kirchen
finanziert, kommt weltoffen und modern daher. Die
Geschäftsführerin Pascale Huber und ihr Team schaffen
den Spagat zwischen Geldgebern und Zielgruppe. Das Heft
hat einen reformierten Fokus, aber es geht darin um gesellschaftspolitische
und kulturelle Themen. Dass es «Bref» seit
über zehn Jahren gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich
deute es mutig als Zeichen. Und ich finde, wir Reformierte
sollten das, was gelingt, kräftig feiern.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. Mai

HERR, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist
unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk.
Jesaja 64,7

Ton – ein gutes Gefäss hat eine dünne Wand – klingt, tönt …
Ton – ist nicht leicht formbar, braucht Wärme und Wasser
«Wir sind Ton, du bist der Töpfer» – das ist uns fremd in
einer Welt, in der wir gerne selber Schöpfer zu sein meinen.
Diese Klarheit: «… wir sind deiner Hände Werk» …
Was macht das mit uns, nur ein kleiner Teil der Welt zu sein?
Aber handgetöpfert …
«Wir alle sind deiner Hände Werk» – diese Konvention ist
gebrochen. Wir machen, managen … und zerstören dabei
nicht selten «seiner Hände Werk».
Ähnlich ist die Situation zur Zeit der Verfassung des Tritojesajatexts:
Die Menschen, die zurückkehren aus dem babylonischen
Exil, haben es schwer mit ihrem Gott.
Er sieht sie nicht mehr an, heisst es kurz zuvor (Vers 6).
Somit ist Jesaja 64,7 ein nahezu flehendes Angebot
an den zürnenden Gott:
«Wir wissen das doch (noch), wir sind deiner Hände Werk.»
An einen Gott, der hadert, auch mit den Rückkehrern,
die kurz vor einer neuen Weltordnung stehen.
Ein Einlenken, eine Bitte um Gnade und Geduld.

Von: Johanna Zeuner

18. Mai

Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen
gib Ehre um deiner Gnade und Treue willen! Psalm 115,1

Als einzelner Satz aus dem Zusammenhang gerissen, spricht
mich der Vers wenig an. Typisch Bibel: der Mensch ganz
klein und Gott ganz gross. Das wurde mir als Kind in einem
bestimmten Milieu immer wieder eingetrichtert.
Der Kontext allerdings lässt für mich den Vers in einem
anderen Licht erscheinen. Die Heiden fragen: «Wo ist denn
ihr Gott?» Weder zu sehen noch mit Händen zu greifen. Was
ist das denn schon gegen die prachtvollen und Ehrfurcht
gebietenden Götterstatuen?
«Wo ist denn unser Gott?» – das frage ich mich auch so
manches Mal, wenn ich zum Beispiel in der Seelsorge Menschen
begegne, die vom Leben einfach nur gebeutelt wurden.
Oder wenn ich die Nachrichten einschalte: Wo wird
denn da dem Namen Gottes Ehre zuteil?
Eben da macht er seinem Namen Ehre, wo Menschen an
dem unsichtbaren und oftmals unscheinbaren Gott festhalten.
Trotz der Putins und Trumps und wie sie alle heissen,
die Ehre und Macht für sich beanspruchen. Und staunend
erlebe ich, wie Menschen, die schwere Schicksalsschläge
hinnehmen mussten, dennoch nicht verzweifeln, sondern
weiterhin auf die Kraft des Lebens vertrauen. Da macht er
seinem Namen Ehre, wo Menschen trotz aller realen Bedrohungen
dennoch auf die Gnade und Treue des unsichtbaren
Gottes setzen, dem Sieg des Lebens trauen und heute schon
danach handeln.

Von: Armin Schneider

17. Mai

HERR, du hast mich heraufgeholt aus dem Totenreich,
zum Leben mich zurückgerufen von denen, die hinab
zur Grube fuhren. Psalm 30,4

Da hat einer Genesung erfahren und erzählt das öffentlich an
einem Weihefest für den Tempel (Vers 1). Mit eindrücklich
anschaulichen Bildern (heraufgeholt aus dem Totenreich wie
mit einem Eimer aus einem Wasserloch, zum Leben zurückgerufen)
beschreibt er, was ihm durch Gott widerfahren ist –
auch zum grossen Ärgernis seiner Feinde. Wieder mit einem
heftigen Bild. Er dankt seinem Gott vor allen Menschen, die
ihn hören, er wolle ihn preisen in alle Ewigkeit (Vers 11). Er
verschweigt aber nicht, dass er eine schwere Anfechtung
durchgemacht und zu ebendiesem Gott auch unüberhörbar
geklagt hat: Was nützt dir mein Blut, wenn ich ins Grab
hinabfahre? Kann denn Staub dich preisen und deine Treue
verkünden? (Vers 10)
Und Gott hat ihn erhört, hat auf sein Flehen und sein Bitten
ums Leben aufgemerkt: «Du hast meine Klage in Reigen
verwandelt», sagt oder singt er (Vers 12). Gott hat ein Ohr
für Menschen, die klagen – auch wenn sie über ihn, Gott,
klagen! Über Gott klagen ist etwas ganz anderes als über
Gott fluchen, wie das in der Regel schnell passiert: Im Klagen
bleibe ich im Verhältnis zu Gott; im Fluchen laufe ich weg.
Im Klagen bin ich dabei, es geht um mich; im Fluchen habe
ich meine Beziehung zu Gott gelöst.
Der heutige Vers ist eine erneute Ermutigung zur Klage –
und zur Zuversicht, weil Gott hört.

Von: Hans Strub

16. Mai

Gott ist weise und mächtig; wer stellte sich ihm
entgegen und blieb unversehrt? Hiob 9,4

Ich weiss, sagt Hiob im Vers 2, wie könnte je ein Mensch
Gott gegenüber im Recht sein. Und so geht es dann in den
folgenden Versen weiter: Gottes Macht und Möglichkeiten
sind unbegrenzt, es gibt keinen Weg, um Gott herumzukommen
oder sich ihm in den Weg zu stellen. Ja, auch wenn
ich im Recht wäre, kann ich mit ihm nicht auf Augenhöhe
reden (Vers 15). Schuldlos bin ich, aber er hat mich schuldig
gesprochen (Vers 20). Aber kein Richter vermittelt zwischen
uns und legt seine Hand auf uns beide (Vers 33). Hiob, der
sich unschuldig fühlt in seiner Lebensgestaltung und dem
dennoch alles genommen worden ist, klagt Gott an. Aber
er lässt Gott nicht los, wendet sich nicht ab, hält an ihm
fest. Dennoch rechtet er mit ihm – und das wird ihm in der
grossen Gottesrede am Ende des Buchs (Kapitel 38–42) hoch
angerechnet. Gott nimmt sein Klagen als berechtigt entgegen.
Er hört auf Hiob. Das grosse Gedicht des Hiobbuchs,
das auf einer alten Sage beruht und über mehrere Jahrhunderte
ergänzt und weitergeführt wurde, ist eine Ermutigung,
sich mit einer als ungerecht empfundenen Situation nicht
einfach zu arrangieren, sondern sich gegen sie aufzulehnen.
Dieses Aufbegehren entwickelt eine eigene Kraft – es führt
nicht automatisch zu einem Happy End, aber es gibt den
Klagenden Selbstwertgefühl und Hoffnung.

Von: Hans Strub

15. Mai

Kommt, wir wollen uns dem HERRN zuwenden
zu einem ewigen Bunde, der nimmermehr vergessen
werden soll! Jeremia 50,5

Gottes Versprechen nach der Sintflut im Zeichen des Regenbogens
ist nicht der einzige himmlische Bund. In Jeremia 31,33
kündigt Gott einen neuen Bund an: «Ich will mein Gesetz in
ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr
Gott sein und sie sollen mein Volk sein.»
Das «Gesetz im Herzen» ist die Auflösung der Dissonanz
zwischen göttlichem Gebot und menschlichem Wollen.
Wie quälend ist es doch, wenn du das Gute kennst, aber
trotzdem nicht danach handelst. Doch die Welt ist voller
Unwägbarkeiten und Irrwege!
Gott, du tragende Harmonie, lege mir das Gesetz in mein
Herz, damit ich das Gute auch tun will.
Es ist ein anspruchsvoller Losungsvers, und der dazugehörige
Lehrtext aus dem 2. Petrusbrief stellt noch höhere
Ansprüche: «Bemüht euch deshalb nach Kräften, dass zu
eurem Glauben das richtige Verhalten kommt.» Weiter ist
darin von Selbstbeherrschung und Standhaftigkeit die Rede.
Gott traut uns viel zu, das macht mir Mut.
Doch bin ich gleichzeitig dankbar für die göttliche Bundesvielfalt
in allen Farben des Regenbogens. Sie spricht uns
angesichts all der Ansprüche zu, dass ein göttlicher Neuanfang
jederzeit möglich ist.
Im ewigen Bund findet auch das Unstimmige seinen Klang.

Von: Jonas Meier

14. Mai

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde,
so will ich alle zu mir ziehen. Johannes 12,32

Mit der «Erhöhung von der Erde» meint Christus seine Himmelfahrt,
die wir heute feiern. Der Gedanke liegt zumindest
nahe. Im nächsten Vers wird er allerdings in die Schwebe
gebracht. Da heisst es, Christus wolle mit diesen Worten
andeuten, welchen Tod er sterben würde (Vers 33). «Erhöhung
» hat einen doppelten Sinn: Sie meint zunächst die
Kreuzigung und dann den Aufstieg in den Himmel. Dass
beides mit ein und demselben Wort gesagt wird, ist mehr
als blosse Wortspielerei. Beides – der Abstieg in die Tiefen,
der Aufstieg ins Licht – hängt zusammen. Christus habe sich
erniedrigt bis zum Tod am Kreuz, heisst es in einem urchristlichen
Hymnus; darum habe Gott ihn über alles erhöht (Philipper
2,8 ff.). – In diese Dynamik der «Erhöhung» werde er
auch uns «ziehen», sagt Christus in unserem Vers weiter. Das
sind Worte, die Licht am Horizont aufscheinen lassen, wenn
man mit Schatten zu kämpfen hat. Sie machen deutlich, dass
es Christus selbst ist, der einen ins Dunkel hineinzieht. Dass
ich ihm mithin auf seinen Pfaden folge und er den Weg mit
mir geht. Und dass in diesen Schatten und durch sie hindurch
der Himmel sichtbar wird. – Die Dynamik der «Erhöhung»
betrifft «alle». Hier, schreibt der Jesuit Johannes Beutler, finde
der johanneische Heilsuniversalismus seinen unüberholbaren
Ausdruck. Einen Augenblick lang meint man, Licht am Horizont
zu sehen, für die eigene kleine Seele, für die ganze Erde.

Von: Andreas Fischer

13. Mai

In Gottes Hand ist die Seele von allem, was lebt.
Hiob 12,10

Für sich betrachtet, könnte dieser Vers ein Ausdruck von
tiefem Gottvertrauen sein: «Gott hält die ganze Welt in seiner
Hand», haben wir oft gesungen. Alles ist weise geordnet.
Auch das Vieh auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel,
die Sträucher auf der Erde, die Fische im Meer können davon
erzählen (vgl. Verse 7 f.). «Wer erkennte nicht an dem allem,
dass des Ewigen Hand das gemacht hat, dass in Gottes Hand
ist die Seele von allem, was lebt?» (Verse 9 ff.).
Das Fragezeichen, das auch zum Text gehört, weist jedoch
darauf hin, dass hier nichts so ist, wie es scheint. Für Hiob
ist Gottes Hand ein Schrecken: Alles wurde ihm genommen:
Söhne und Töchter, Reichtum und Ansehen, Stärke
und Gesundheit (vgl. Kapitel 1–3). Alles, was Hiobs Leben
Sinn, Massstab, Richtung und Ziel gab, ist zerbrochen. Gott
ist ihm zum Feind geworden (16,9 ff.).
Es ist ein hartes Stück Arbeit, sich durch Hiobs Kampf mit
Gott, wie er im Hiobbuch geschildert wird, zu kämpfen. Da
ist wenig tröstlich oder aufbauend. Und doch spüre ich in
diesem zähen, mühevollen Ringen Hiobs mit, für und um
Gott eine Kraft, die mich berührt und umtreibt. Gott, wie
er Hiob begegnet, übersteigt meine Vorstellungskraft. Meine
Fragen bleiben, auch meine Neugier und mein Ringen um
Vertrauen: Ist nicht in Gottes Hand alles, was lebt?

Von: Annegret Brauch

12. Mai

Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Jakobus 5,16

«Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im
Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.»
Dietrich Bonhoeffer schrieb diese Gedanken zur Taufe seines
Patensohns aus der Haft im Mai 1944. In einer anderen Zeit
und Bedrohung formuliert, hallen Bonhoeffers Worte bis
heute nach. Kürzer und prägnanter hat kaum jemand getroffen,
was ein Christenleben ausmacht: «Beten und Tun des
Gerechten unter den Menschen.» Für mich klingt das wie
eine Zusammenfassung des Jakobusbriefs, in dem es zentral
um das Verhältnis von «glauben» und «tun» geht: «Seid
aber Täter des Worts und nicht Hörer allein.» (Jakobus 1,22)
Mit dem Älterwerden habe ich das Beten (wieder-)entdeckt.
Vielleicht weil die Einsicht in die Begrenztheit der
eigenen Kräfte und Möglichkeiten grösser geworden ist;
vielleicht weil ich deshalb die Vergewisserung brauche, dass
diese Welt nicht gottlos ist; vielleicht weil durch die Gemeinschaft
der Betenden, die die ganze Welt umfasst, mir Trost,
Hoffnung und Kraft erwachsen. Und ich weiss aus vielen
Gesprächen, dass es Menschen stärkt, ermutigt und aufbaut,
wenn sie wissen, dass andere für sie beten. «Des/der Gerechten
Gebet vermag viel, wenn es ernstlich und inständig ist.»
Dieses «vermögen» lässt mich aufmerksamer sein für die
Menschen um mich herum, nah oder fern, die mein Gebet
brauchen, und für unsere Welt.

Von: Annegret Brauch

11. Mai

Es ist niemand heilig wie der HERR, ausser dir ist keiner. 1. Samuel 2

Hanna singt: «Ausser dir ist keiner!» «La ilaha illa Allah!» –
die Sure, die allen Muslim:innen bekannt ist, sagt ziemlich
genau das aus: Es gibt keinen Gott ausser Allah. Wie die Bibel
betont auch der Koran die Einzigartigkeit Gottes. Es ist der
gemeinsame Boden der drei abrahamitischen Religionen, für
den die Religionswissenschaft den trockenen Begriff Monotheismus
parat hat. Als Christ gehöre ich zu diesem Club.
Aber, ach, ich weiss nicht! Glaube ich an einen «Ismus»?
Ich bin froh, singt Hanna von der Heiligkeit Gottes – sie, die
gedemütigt wurde, weil sie kinderlos war, sie, deren Gebete
erhört wurden. Die Erkenntnis, wer Gott ist, entspringt ihrer
Erfahrung. Sie singt ein Danklied, weil ihr ein Kind geschenkt
wurde. Es ist Samuel, der künftige Priester, der später den ersten
König Israels salben sollte. Hannas Theologie ist Bauchwissen
und nicht Ausgeburt einer monotheistischen Idee.
Was ihr gegeben wurde, ist für uns alle heilig. Erst recht,
wenn ich mir die Fortsetzung anhöre. Ich denke an das Lied
der Maria, die im Magnifikat davon singt, wie sich die Heiligkeit
Gottes zeigt. Gott erhebt die Niedrigen und demütigt
die Hochmütigen, die Hungernden beschenkt Gott mit
Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Und ihr Sohn
singt weiter: Selig sind die Gewaltlosen, denn ihnen wurde
das Lied geschenkt. «La ilaha illa Allah!»

Von: Ralph Kunz