10. August

Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles. Psalm 103,19

Der «Thron im Himmel» ist ein gängiges altorientalisches
Bild für die göttliche Macht. Die Menschen stellten sich die
Welt dreistöckig vor: unten das Chaos und das Totenreich,
dazwischen die Erde und oben der Himmel. Das Firmament
stellte man sich als ein festes Gewölbe vor, das sich wie eine
Glocke über die Erde spannt. Dieses Gewölbe trägt den Himmelsozean,
der mit dem Urmeer im Chaos verbunden
ist. Es ist besser für alle, wenn die Weltordnung so bleibt, wie Gott
sie eingerichtet hat. Als Gott die Schleusen öffnete, gab es
eine Sintflut. Eine beunruhigende Vorstellung!
Unser Weltbild ist ein anderes. Die Auskunft, dass «Gottes
Reich über alles herrscht», eckt an und weckt bei aufgeklärten
Geistern ein müdes Lächeln. Man könnte auch sagen,
wir haben Gott entthront. Wenn es einen Thron gäbe, müssten
wir uns selbst daraufsetzen. Dumm ist nur, dass es den
Anschein macht, es könnte das Chaos ausbrechen. Wegen
uns! Es gibt Grund zur Annahme, dass wir bis zum Jahrhundertende
eine Sintflut erleben werden – einmal ganz
abgesehen von anderen Szenarien, die auch nicht erfreulich
sind. Das sind beunruhigende Vorstellungen!
Hoffen wir, dass Gott (doch) im Regiment ist.

Von: Ralph Kunz

9. August

Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe es denn sprosst, lasse ich’s euch hören. Jesaja 42,9

Es gibt in der Bibel eine Vielzahl von Verheissungen und
Versprechen, auf deren Erfüllung wir noch warten. Den meisten
ist gemein, dass sie von einem Frieden sprechen, der
entschieden mehr ist als blosse Abwesenheit von Krieg. Der
Friede, den sie ankündigen, ist geprägt von Gerechtigkeit,
und das meint: Die Beziehungen sind in Ordnung. Zu den
anderen, zu sich selbst und zu Gott, und zur Schöpfung.
Jesaja richtet in diesem späten Kapitel aus, dass das, was
Gott angekündigt hat, eingetroffen ist. Er wendet sich an
die aus Jerusalem Vertriebenen, und tatsächlich wird der
neue Herrscher im Orient, der Perser Kyros, der kurz zuvor
die Babylonier abgelöst hat, den Versprengten die Heimkehr
erlauben. Die Hörerin weiss, dass Gott Jeremia noch mitten
in der Belagerung bereits angedeutet hatte, dass das Exil
nicht ewig währen werde.
Ich nehme mir zu Herzen, die schönen Worte nicht zu
schnell als billigen Trost abzutun. Sie nähren unsere Fähigkeit
zur Hoffnung und sie stärken die Widerstandskraft gegen
alle, die auf den Untergang hinarbeiten.

Von: Heiner Schubert

8. August

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan. Matthäus 7,7

Auch eine wunderbare Stelle. «Ihr müsst es nur tun und feste
daran glauben, dann geht das in Erfüllung!» Ganz so naiv
sehe ich das nicht, sonst wäre der Glaube ja ein Gemischtwarenladen,
wo Menschen sich einfach beliebig Sachen
bestellen könnten. So scheint es mir aber nicht zu sein. Vielmehr
meint es wohl, dass wir die Chance des Anklopfens,
des Fragens, des Bittens einfach wahrnehmen sollten. Wer nicht
fragt, kriegt auch nichts. Bei meiner Arbeit erlebe ich immer
wieder, dass ich meine Kolleginnen und Kollegen etwas frage
und dann fast erstaunt bin, wie offen und ehrlich diese mir
ihre Hilfe anbieten. Aber ich muss mich jeweils überwinden
und fragen. In Vers 7 geht es einfach darum, dass wir Gott bitten sollen
oder dürfen! Oft haben wir ein schales Gefühl, weil wir uns
das nicht gewohnt sind. Aber genau das meint es doch: Bittet,
und es wird euch gegeben! Ein wunderbarer Vers.
Und weiter: Ihr müsst halt nach Gott suchen, dann werdet
ihr ihn schon finden. Wunderbar.
Es zeigt mir, dass wir viel mehr Vertrauen in Gott und Jesus
haben sollten. «Vertraut und es wird euch gegeben, vertraut und ihr werdet
finden, vertraut und es wird euch aufgetan!»
Schön und beruhigend.

Von: Markus Bürki

7. August

Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Epheser 2,17

Paulus (oder ein Schüler / eine Schülerin des Paulus?) schreibt
im Brief an die Epheser viel Zentrales zum christlichen
Glauben. Dieser eine Vers hier ist eigentlich erstaunlich.
Weil er nur versucht, ganz kurz und knapp zu erklären, was dieser
Jesus Christus eigentlich wollte: Frieden! Und zwar allen, die
nahe sind, und allen, die fern sind, und allen anderen auch.
Und dann kommt schon die nächste Frage auf uns zu: Okay,
Friede ist ja eine gute Sache, aber wie kommen wir da hin?
Wo ist dieser Friede? Und schon hat die Falle wieder zugeschnappt!
Ganz persönlich bin ich noch immer davon überzeugt,
dass dieser Friede, den Jesus verkündet und auch vorgelebt
hat, zu erfahren ist. Er ist es, wenn der Glaube und die
Religion nicht als Selbstzweck missbraucht werden, sondern
auf das grosse Ganze geschaut wird.
Evangelium lesen und dann Menschen quälen? Geht eigentlich
nicht! Evangelium lesen und dann Menschen in den Krieg schicken?
Geht gar nicht! Und so weiter und so fort.
Was tun? Vielleicht noch einmal das Evangelium aufschlagen
und lesen und wirken lassen, ich bin überzeugt, dass
nicht Blut und Rache dabei herauskommen. Viel Glück beim
Entdecken!

Von: Markus Bürki

6. August

Der Kerkermeister freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. Apostelgeschichte 16,34

Eine Nacht im Gefängnis von Philippi, der römischen Stadt
in Nordgriechenland. Am Vortag sind zwei jüdische Männer
in der Sicherheitszelle eingesperrt worden: Paulus und Silas.
Der Gefängniswärter erlebt drei heftige Erschütterungen.

1.Ein riesiger Schreck: Ein starkes Erdbeben weckt den
Aufseher. Die Türen und Fesseln des Gefängnisses sind aufgebrochen.
Er rechnet damit, dass alle Gefangenen geflohen
sind. Weil er als Wächter versagt hat, will er sich das Leben
nehmen.

2.Eine positive Überraschung: Der Wärter hört den lauten
Ruf von Paulus. «Tu dir nichts an! Wir sind alle noch hier!»
Zitternd rennt er ins Gefängnis und wirft sich vor den zwei
Sicherheitsgefangenen auf die Knie. Er führt sie hinaus und
fragt: «Meine Herren, was soll ich jetzt tun?»

3.Eine neue spirituelle Orientierung: Paulus und Silas spielen
sich nicht als Herren auf. Sondern sie reden vom jüdischen
Glauben, dass Gott der einzige Herr ist. Und von der
Überzeugung der Christen, dass Jesus den gleichen Titel
trägt: «Setze dein Vertrauen auf Jesus, den Herrn.»
So kommt es zur Überraschung, dass sich der Angestellte
einer römischen Stadt dem jüdisch-christlichen Glauben
anschliesst. In einer gemeinsamen Mahlzeit teilt der Aufseher
die Freude mit seiner ganzen Familie.

Von: Andreas Egli

5. August

Gideon sprach zu dem Engel des HERRN: Ist der HERR mit uns, warum ist uns dann das alles widerfahren? Richter 6,13

Von Gideon werden Szenen überliefert, in denen er als Haudegen,
als erfolgreicher Krieger, als mächtiger Held auftritt.
So spricht ihn der Engel an: «Der HERR ist mit dir, du mächtiger
Held.» (Vers 12) Aber der Abschnitt, in dem der Losungsvers
steht, zeichnet ein anderes Bild. Hier schreitet Gideon
nicht von Erfolg zu Erfolg, sondern von einem
Zweifel zum anderen. Er stellt Fragen, die für das Volk Israel in einer späteren
Epoche noch viel drängender werden sollten. «Der HERR ist mit uns.» Kann man dies noch sagen nach allem, was passiert ist? Auf welche Art wird es Hilfe und Rettung geben? Wie kann man sicher sein, wirklich das gehört zu haben, was Gott sagen will? Im Dialog erscheint Gideon nicht mehr als die grosse Ausnahmeerscheinung,
sondern als ein Mensch, der verunsichert ist. Ein Mensch wie wir. Die Texte wurden
in einer Zeit bearbeitet, als Israel keinen Staat und keinen
König mehr hatte – wie früher einmal zur Zeit der Richter.
Die Bearbeiter machten aus der Erfolgsgeschichte eine
Glaubensgeschichte. Sie deuteten an, wo sie in ihrer Verunsicherung
einen Halt finden konnten: im Hören auf die Worte der Bibel, die über Generationen weitererzählt wurden; und in der Ausrichtung auf Gott, die im Gottesdienst
und in den Gebeten geschieht.

Von: Andreas Egli

4. August

Der HERR spricht: Ihr habt gesehen, wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 2. Mose 19,4

Wie oft sah ich einem Adler zu, wie er kreist und kreist, und
wie er von seinen weiten Flügeln getragen wird. Dieses Bild
zeigt, dass der Adler nicht loslässt und dass das Kreisen ihm
auch Freude macht.
Das Volk ist in der Wüste angekommen. Mose steigt
auf den Gottesberg, den Sinai, und vernimmt dort Gottes
Stimme. Gott will das Volk weiter begleiten. Er will aber
auch eine gewisse Verpflichtung spüren, dass das Volk auf
dem richtigen Weg, auf dem Weg der Lebendigen, weitergeht.
Deshalb sagt er zu Mose, er wolle mit dem Volk einen
Bund schliessen. Durch diesen Bund wird das Volk zu einem
speziellen Volk, zu Gottes Eigentum. Aber damals wie heute
fällt es uns manchmal schwer, Eigentum der Lebendigen zu
sein. Vielmehr möchten wir heute wie damals unsere Entscheidungsfreiheit
haben. Und das ist gut so. So wie die
Menschen damals auf dem Weg waren, gehen wir auf unserem
Weg. Dieser hat Höhen und Tiefen, ist geprägt vom Vertrauen
auf Gottes Mit-uns-Sein und von Gottes Ferne. Der
Bund aber steht und ist ein Versprechen, dass Gott da ist mit
seiner Liebe zu den Menschen und der ganzen Schöpfung.
Darauf dürfen wir vertrauen und uns Kraft schenken lassen.
Damit auch wir kreisen und kreisen können.
Danke, dass du mit uns gehst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. August

Erkennet, dass der HERR Gott ist. Psalm 100,3

«Erkennt, dass Gott ist unser Herr, der uns erschaffen ihm
zur Ehr und nicht wir selbst: durch Gottes Gnad ein jeder
Mensch sein Leben hat.» (EKG 57,2)
Das mir vertraute Lied bringt es auf den Punkt: Ich soll
wahrnehmen, dass wir Teil von Gottes Schöpfung sind. Die
Losung und das dazugehörige Lied sind Lobgesänge. Ich
kann und darf wahrnehmen, dass ich Teil eines grossen Ganzen
bin, dass ich nicht allein bin. Da sind Menschen rund um
die eine bewohnte Erde. Da ist die Natur. Und da ist Gott,
die Lebendige. Sie geht mit uns den Weg unseres Lebens
und schenkt uns den Blick auf die Menschen und die Schöpfung,
auch in unserer Zeit mit all dem, was uns belastet. Sie
schenkt uns den Blick auf das Ganze und lässt uns zur Ruhe
kommen, um uns bewusst zu werden, dass unser Leben aufgehoben
ist in ihrer Gnade.
Loben heisst für mich, mich zu öffnen, ein wenig von mir
wegzuschauen und mich zu freuen. Vielleicht sind es kurze
Momente des Innehaltens, vielleicht ist es das Lächeln eines
Menschen im Zug oder Bus, vielleicht ist es eine Blume, der
Wind, die Wellen, Sonne und Mond. Vielleicht ist es ein Lied:
«Er ist voll Güt und Freundlichkeit, voll Lieb und Treu zu
jeder Zeit. Sein Gnad währt immer dort und hier und seine
Wahrheit für und für.» (EKG 58,6)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. August

Die Völker hören auf die Zeichendeuter und Wahrsager;
dir aber hat der HERR, dein Gott, so etwas verwehrt. Mose 18,14

Hellsehen kann ich nicht, aber Tarotkarten liegen wohl kaum
neben Ihrem Heft mit den Bolderntexten. Der Kaffeesatz
ist auch langweilig geworden, seit in der Küche ein Vollautomat
schnurpst und zischt: Er sieht – genau wie die Kapseln –
immer gleich aus.
Aber seit Moses Zeiten sind trotzdem die Zeichendeuter
und Wahrsager nicht ausgestorben, sondern betreiben bis
heute ihr lukratives Geschäft mit der Angst vor der Zukunft.
Dabei sollte sich doch auch herumgesprochen haben, wie oft
es schon ganz anders kam.
In den Ferien kam ich am angeblichen Geburtshaus von
Nostradamus in Saint-Rémy-de-Provence vorbei. Als ich
über ihn las, offenbarte sich mir nicht die Wahrheit seiner
Prophezeiungen, sondern vielmehr, wie viele Ängste dieser
Mann in seinem Leben ausgestanden hatte. Er musste unter
anderem «auf Reisen gehen», also fliehen vor der Inquisition.
Aktuell hat jemand ein weisses Blatt mit einem riesigen
Fragezeichen an seine Haustür geklebt.
Es ist gut und einfach, ein Fragezeichen zu deuten: Gott
erwartet, dass wir trotz Ungewissheit unbeschwert leben.
Denn es ist Gnade, nicht wissen zu müssen, was kommt. Sonst
würden sich alle schon vorher aufregen und noch viel mehr
Angst haben. Kommt es übel, hat die Angst davor nichts
gebessert. Kommt es gut, ist die Überraschung wunderbar.

Von: Dörte Gebhard

1. August

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus noch alles, was sein ist. 5. Mose 5,21

Rabbiner haben das Begehren schon vor Jahrhunderten diskutiert
und märchenhafte Parabeln geschrieben, um die Befreiung
davon anschaulich zu machen: Ist die Prinzessin unerreichbar,
soll man sich nicht vor Verlangen verzehren, sondern
kann sie – von weitem – bewundern und es geniessen.
Im Midrasch heisst es: «Die Schlechten werden durch ihre
Herzen beherrscht … und die Rechtschaffenen beherrschen
ihre Herzen» (Bereschit Rabba 67,8). Die Psychologinnen
und Psychologen der Gegenwart sind nur unwesentlich
weiter und weiser. Aber das Gebot ist entweder schwer zu
halten oder gar nicht. Denn wer grundsätzlich verhindern
könnte, dass ab und zu abwegige Gedanken zu noch abwegigerem
Handeln führen, ist mindestens eine Heldin und
dem Glück sehr nahe.
Denn wir vergleichen uns doch ständig und lassen uns vom
schönen Schein täuschen. Wir merken erst hinterher, wie viel
Energie chronischer Neid frisst. Dazu kommt, dass man sich
schnell an das eben noch Begehrte gewöhnt und es sofort
für selbstverständlich hält, wenn man es einmal hat.
Wo jedoch Dankbarkeit in den Alltag einzieht, haben es
Gier und Habsucht schon schwerer. Der Schlaf wird tiefer,
die Zufriedenheit grösser und die Stimmung stabiler. Allerdings
bringt man damit sein Herz auf völlig neue Ideen. Es
könnte anfangen, andere ehrlich zu loben und empfundenen
Respekt auch auszudrücken.

Von: Dörte Gebhard