13. Oktober

Auch wir wollen dem HERRN dienen; denn er ist unser Gott. Josua 24,18

Als ich diese Losung las, fragte ich mich spontan: Sehe ich Gott als unseren HERRN? Nein, das tue ich eigentlich nicht, aber auch nicht als die Lebendige, wie es in manchen Bolderntexten heisst. Wie sehe ich denn Gott? Als eine zentrale Kraft, als ein Du, das ich ansprechen kann, allerdings mit tausend Facetten, die ich nicht einordnen kann.

Ist es ein immer gütiger, barmherziger Gott? Nein, das kann ich auch nicht sagen. Deshalb halte ich fest an der Zeile «und führe mich nicht in Versuchung» im Vaterunser. Als Papst Franziskus dies vor ein paar Jahren änderte und Folgendes an die Stelle setzte: «Lass uns nicht in Versuchung geraten», so fand ich diese Änderung zwar schön und durchaus eines Gebets würdig. Indes – die traditionelle Formulierung passt mir besser: Sie macht uns zu freien Menschen, die eine Wahl haben.

Gott ist für mich ein Geheimnis, ein Mysterium geblieben. Allerdings immerhin eines, das ich ansprechen kann und das ich mir barmherzig und liebend vorstellen kann und das auch tue, trotz aller anderen Facetten, die da auch sind. Wir sollen uns kein Bild von Gott machen. Und so ist mein obiges Bild eines, das schon manch andere Bilder abgelöst hat. Wir machen uns Bilder, sollen dabei aber auch wissen, dass sie Gottes Geheimnis niemals entschlüsseln. – Ist das auch eine Art, Gott zu dienen?

Von: Kathrin Asper

12. Oktober

Ich gedenke an die früheren Zeiten; ich sinne nach über all deine Taten und spreche von den Werken deiner Hände. Psalm 143,5

Sind wir geplagt von verurteilenden Gedanken und einer düsteren Stimmung, ist es ein erprobtes Mittel, sich zu sagen: Auf jeden dunklen Gedanken will ich einen positiven finden! Und das immer wieder. So eröffnen wir in unserem Hirn eine neue Bahnung, die mit der gewohnten breiten Nervenverbindung, auf der die düsteren und vernichtenden Gedanken fahren, in Konkurrenz treten kann. Ausbalancieren nennt man das, und es ist wichtig und heilsam und hilft, aus dem Loch herauszufinden.

So kann man auch, wie die Losung rät, in frühere Zeiten zurückgehen und die schönen, tröstlichen Erinnerungen hervorholen.

Die Losung fordert auf, sich auch an Gottes Eingreifen zu erinnern, zu den Momenten zurückzukehren, als man das Gefühl hatte, Gott habe geholfen. Das kann eine vergangene Fügung sein, die einen positiven Schritt einleitete, aber auch die Erinnerung an eine Zeit, als man dieses Eingreifen als von Gott gesandt erleben durfte.

David schrieb diesen Buss- und Klagepsalm, als er erschöpft war und verfolgt wurde. Der Feind hatte ihn gezwungen, «im Dunkeln zu sitzen wie die längst Verstorbenen».

Von: Kathrin Asper

11. Oktober

Gideon sprach: Ich will nicht Herrscher über euch sein, sondern der HERR soll Herrscher über euch sein. Richter 8,23

Es geht um ein Wort Gideons, eines jener sagenhaften Richter Israels, die vor allem militärisch zum Rechten schauten und Vorgänger der Könige waren. Das Richterbuch ist eine Sammlung ihrer abenteuerlichen Geschichten: Es gibt viele Schlachten und Helden mit wunderbaren Kräften, aber auch einige ethischen Entgleisungen, die heute als Kriegsverbrechen gelten. Wenn eines Tages ein bibeltreuer Filmer auf die Idee kommen sollte, aus dem Stoff eine Serie für Netflix zu machen, müsste die Triggerwarnung «Gewalt, verstörende Bilder» kommen. Das gilt auch für die Szene, bevor sich Gideon als gottesfürchtiger und demütiger Richter erweist. Er hat gerade zwei Provinzkönige erschlagen, eine Burg zerstört, die Stadtbewohner getötet und ein paar Älteste aus-peitschen lassen. Jetzt wollen die Israeliten ihn zum König küren, weil er sich als ihr Sicherheitschef bewährt hat. Was machen wir mit solchen Storys? Wir lesen sie und kämpfen gegen eine kreuzfalsche Deutung. Kein Mensch darf tun, was Gideon getan hat – weder im Namen Gottes noch im Namen Israels, weder als sogenannter Siedler im Westjordanland noch als Mitglied der Terrororganisation Hamas, weder als Soldat und erst recht nicht als israelischer Richter. Wenn die Bibeltreuen darauf bestehen, dass Gottes Herrschaft der Massstab unseres Handelns sein soll, sollen sie um Himmels willen ein paar Seiten weiterblättern.

Von: Ralph Kunz

10. Oktober

Ist denn die Hand des HERRN zu kurz? 4. Mose 11,23

Sie träumen von Fleischtöpfen samt Beilagen. «Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst assen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch. Nun aber ist unsere Seele matt, denn unsere Augen sehen nichts als das Manna.» (4. Mose 4,5 f.) So murrt das Volk und Moses knurrt. Sie haben genug vom Manna, er hat genug von diesem undankbaren Haufen. Die Last wird ihm zu gross. Moses berät sich mit Gott, und der hat zwei Vorschläge: Moses bekommt erstens einen Rat aus siebzig Ältesten, und die Israeliten bekommen zweitens ihr Fleisch, «nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang, sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt.» Moses gibt zu bedenken, dass für eine solche Versorgung etliche Schlachthöfe nötig wären. Gott hält ihm entgegen: «Ist denn die Hand des Herrn zu kurz?» Und am nächsten Morgen gibt es Geistkraft für die Ältesten und die Wachteldiät für das Volk beginnt. Und was ist die Moral der Geschichte?

Vielleicht ist das mit den Wachteln pädagogisch ein wenig fragwürdig, aber die Losung hat ihre Lektion erteilt: Nein, die Hand des Herrn ist nie zu kurz für ein Wunder, aber das menschliche Herz immer wieder zu klein, um es zu empfangen.

Von: Ralph Kunz

9. Oktober

Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?
Jesaja 50,9

Eingestreut in das Buch Jesaja gibt es eine Reihe von vier
rätselhaften Liedern (42, 1–4; 49, 1–6; 50, 4–9; 52,13–53,12).
Menschen, die das Alte Testament erforschten, nannten sie
«Gottesknechtslieder». Im ersten Lied wird die Gestalt vorgestellt,
in den beiden folgenden spricht sie selbst; im vierten
hören wir, wie über sie berichtet wird.
Früh schon sahen Christusgläubige in dieser Gestalt Jesus
vorgezeichnet. Tatsächlich erinnert viel an sein Leben. Wie
er die aufrichtete, die am Boden lagen, wie er mit Menschen
umging; aber auch wie Jesus Widerstand erfuhr und schliesslich
grundlos gequält und hingerichtet wurde.
Der Vers von heute erinnert uns daran, dass zu allen Zeiten
Leute, die ihrer Glaubensberufung folgten, mit Widerstand
zu rechnen hatten.
Ich selbst bin in der sehr glücklichen Lage, keine körperliche
Gewalt erleben zu müssen; ich habe auch nicht den Eindruck,
dass mir aus meinem Glauben Nachteile erwüchsen.
Mir begegnet höchstens Unwissen, Gleichgültigkeit oder
gepflegte Herablassung, wenn ich mich als Pfarrer zu erkennen
gebe. Der Vers aus Jesaja sagt uns zu, dass nichts uns
zerstören kann, weil wir zu Gott gehören.

Von: Heiner Schubert

8. Oktober

Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Jakobus 5,7

Jakobus ist radikal (Verse 1–6). Die Diagnose: Wir sind von
allerlei Versuchungen geblendet, erliegen den weltlichen
Massstäben, haben Begierden, Prestigedenken, Gier, Habsucht.
Und die Reichen beuten die Armen aus! Was damals
galt, gilt heute mehr denn je auf dieser Welt. Konflikte in
Worten und Werken, Streit, Krieg, Elend, Tod, Verdammung.
Sind wir verloren?
Das Rezept dagegen: Dank der Neuausrichtung an Gott und
seinem Wort kann Heilung geschehen. Wir müssen aber
unser Leben grundsätzlich überdenken und zu einer gesunden
Lebensweise finden. Lippenbekenntnisse reichen
nicht mehr.
Die Therapie: Halte deine Zunge in Zaum und prahle nicht
herum. Sei nicht überheblich und werte andere nicht ab.
Praktiziere die tätige Nächstenliebe, beute niemanden aus,
unterstütze Arme und Einsame, suche die gute Gemeinschaft,
unterstütze andere mit guten Worten und ermahne
zum Durchhalten. Anstrengend, ich weiss!
Bleib mit Gott in Kontakt, flankiere deine Bemühungen
stets mit dem Gebet, es bleibt wichtig.
Sind wir verloren?

Von: Markus Bürki

7. Oktober

Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann. 1. Thessalonicher 5,15

… und jederfrau. Jaja, der liebe Paulus. Der erste Brief an die Thessalonicher sei der älteste Text des zweiten Testaments. Das muss ich einfach einmal glauben, da ich ja kein Bibelwissenschaftler bin. Paulus möchte sich gut um diese junge und unerfahrene Gemeinde kümmern. Er möchte als Beschützer und Wegbereiter den Menschen in Thessalonich unter die Arme greifen, damit sich diese auch ja von den alten Götzen abwenden und dem neuen Evangelium zuwenden und dabeibleiben, denn dann werden dereinst alle mit Christus vereint sein. Leider hat Paulus keine Zeit und so schickt er seinen Schüler Timotheus vorbei. Dieser soll vor Ort nach bestem Wissen und Gewissen für Ruhe und Stabilität sorgen. Als ich noch Jugendarbeiter war, hing im Jugendtreff genau dieser Vers in einem Rahmen an der Wand. «Jage dem

Frieden nach und suche das Gute!»

Das gilt aber bei weitem nicht nur in der Jugendarbeit, sondern für alle Alterskategorien. Wenn ich bedenke, was für Bemerkungen und Sprüche mir auf Besuchen in Alters- und Pflegeheimen zu Ohren kommen, dann hat Paulus mit sei-ner Bitte nach dem Frieden sehr ins Schwarze getroffen hat.

Von: Markus Bürki

6. Oktober

Lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich! Psalm 25,20

Im Deutschen braucht man zwei verschiedene Wörter. Scham (sich schämen) meint die innere Erfahrung, dass sich jemand durch die Blicke der anderen entblösst und herab-gewürdigt fühlt. Schande (zuschanden werden) bezeichnet die äussere Situation, in der jemand seine Ehre, seine Würde, seinen sozialen Status verloren hat. In anderen Sprachen gibt es nur ein Wort für beide Bedeutungen, so auch in der Bibel. «Behüte meine Seele und rette mich. Ich soll mich nicht schämen müssen, denn bei dir habe ich Zuflucht gesucht.» Scham/Schande ist ein Beziehungsbegriff, der von zwei Beteiligten spricht. Eine Person muss sich schämen, weil jemand anderes sie beschämt. Die Frage stellt sich, ob diese Rollen richtig verteilt sind. Dies zeigt sich in einem Fall, der in Frankreich für Aufsehen gesorgt hat. Gisèle Pelicot wurde von ihrem Ehemann betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Auf den ersten Blick war dies für sie eine tiefe Beschämung. Aber sie fand ihre innere Stärke wieder, als sie erkannte: «Die Scham/Schande muss auf die andere Seite wechseln.» In einem ähnlichen Sinn bittet der Psalm darum, dass Gott für Gerechtigkeit sorge. Wenn der Beter sich schämen muss und seine Gegner sich freuen (Vers 2), stimmt etwas nicht. Die Scham/Schande soll nicht auf der falschen Seite bleiben.

Von: Andreas Egli

5. Oktober

Die Frau entgegnete: Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen. Darauf antwortete Jesus: Frau, dein
Glaube ist gross! Was du willst, soll dir geschehen! Matthäus 15,27–28

Jesus wandert im Grenzgebiet zwischen seiner Heimat Galiläa und der ausländischen Stadt Tyros. Eine Frau von dort bittet ihn mit lauten Rufen um Hilfe. Ihre Tochter sei krank und leide unter schweren Anfällen. Jesus geht nicht auf sie ein. Als die Jünger ihn drängen, sagt er, sein Auftrag gelte nur für die «verlorenen Schafe» von Israel. Die Frau lässt nicht locker, aber Jesus bleibt abweisend: «Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden zu geben.» In der Bibel kann das Wort «Hund» einen abschätzigen Ton haben. Mit dem Mut der Verzweiflung wagt die Frau im Losungsvers einen dritten Anlauf. Sie akzeptiert, dass es eine Reihenfolge gibt: Herren – Kinder – Hunde. Doch sie dreht das Bild um. Die Hunde sitzen zwar unter dem Tisch, aber sie gehören auch zur Familie. Sie dürfen wenigstens die Brosamen erhalten, die vom Essen der Kinder übrig blei-ben. Jesus lässt sich von der Entschlossenheit dieser Mutter beeindrucken. Sie setzt ein grosses Vertrauen auf ihn, und ihre Tochter bekommt Hilfe. Die Erzählung zeigt: Im Grenzgebiet gibt es nicht nur Schwarz und Weiss. Man muss auch die feinen Abstufungen sehen.

Von: Andreas Egli

4. Oktober

Steht auf! Lobet den HERRN, euren Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und man lobe seinen herrlichen Namen, der erhaben ist über allen Preis und Ruhm! Nehemia 9,5

Der Vers, den wir heute als Losung lesen, folgt auf ein Bussgebet. Er ist eine Weisung, die vor einem langen Gebet steht. Aufstehen soll das Volk. Es ist eine Aufforderung, sicher zum Gebet, aber vielleicht doch noch mehr. Wenn wir aufste-hen, atmen wir ein. Der Atem gibt uns Kraft, sowohl beim Aufstehen als auch beim Ausatmen. Und doch frage ich mich, ob die Aufforderung genügt, um einzustimmen in das Lob der Lebendigen. Ich mag Weisungen nicht. Aber ich stehe auf, um etwas zu tun, um eine Aufgabe zu lösen, um etwas zu verändern. Und so wie damals das Volk vor der Vollendung der Mauer um Jerusalem stand, so stehe auch ich vor meinem Lebensweg, mit Aufgaben, die ich gerne angehe, und solchen, die einfach sein müssen. Ich kann aber auch aufstehen, wenn ich einstehe für andere Menschen, für Gerechtigkeit, für Frieden. Das braucht Kraft, Kraft, die ich immer wieder von der Lebendigen erbitte und auch bekomme. Die Dankbarkeit, wenn etwas gelingt, kann ich auch Lob nennen. Dann atme ich aus und freue mich. Und da sagt mir die Losung noch etwas: Gott, die Lebendige, freut sich über das Lob, aber sie steht über dem, was ich bete oder singe. Sie ist da, einfach so, mit den Menschen und der ganzen Schöpfung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud