10. Mai

Unser Gott, den wir verehren, kann uns erretten aus
dem glühenden Feuerofen. Und wenn er’s nicht tut, so
sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht
ehren und das goldene Bild nicht anbeten werden.
Daniel 3,17.18

Schadrach, Meschach und Abed-Nego waren Freunde von
Daniel. Wie dieser waren auch sie Judäer und Beamte im Persischen
Reich. Dank ihrer Bildung machten sie Karriere. Sie
konnten schreiben! Dass sie als Exulanten einen anderen Gott
verehrten, störte in der neuen Heimat niemanden. Erst als
König Nebukadnezar auf die Idee kam, eine riesige goldene
Statue zu errichten, die alle anbeten sollten, nahm ihr Schicksal
eine Wende. Sie wurden in den Feuerofen geworfen, weil
sie sich weigerten, einen anderen Gott als JHWH anzubeten.
Natürlich war der andere Gott nur eine Statue. Ein Bild
kümmert es nicht, dass ihm die Ehre verweigert wird. Aber
Nebukadnezar rastete aus. Seine Majestät war beleidigt. Er
war es, der meinte, er habe das Recht, sich über seine Mitmenschen
zu erheben. Das Ebenbild ist kein Gott, aber Nebukadnezars
«Gott» ist Ebenbild und Sinnbild einer Religion, die
Menschen unmenschlich macht. Man könnte auch sagen, es
ist ein göttliches Zerrbild, erschaffen von Mächtigen, um ihre
Macht zu steigern. Oder schlicht ein Götze. Die Geschichte
der drei Freunde ging gut aus. Sie überlebten das Martyrium.
Es ist leider die wunderbare Ausnahme. Was Menschen einander
im Namen Gottes antun, schreit bis heute zum Himmel.

Von: Ralph Kunz

9. Mai

Ich will euch retten, dass ihr ein Segen sein sollt.
Sacharja 8,13

Ihr sollt ein Segen sein, eine Aufforderung, die sich durch die
Bibel zieht. Schon im Schöpfungsbericht segnet Gott die
Menschen und fordert sie auf, selbst zum Segen zu werden
für die ihnen anvertraute Schöpfung. Zu Abraham sagt Gott:
«Ich will dich segnen (…), sodass du ein Segen sein wirst.»
(Genesis 12,2)
Was bedeutet es für uns, ein Segen zu sein, und wie kommen
wir dazu? Manchmal sagen wir von einem Kind, es sei
ein Segen. Ein Segen für seine Eltern und für andere Menschen
um es herum. Allein sein Dasein macht es zu einem
Segen. Es macht andere froh und dankbar.
Um ein Segen zu sein, muss man nicht viel tun beziehungsweise
leisten. Und doch braucht es etwas, das aus dem Inneren
strahlt, damit wir zu einem Segen für andere werden.
Jesus Christus war und ist ein Segen für die Menschen. Auch
Paulus, der in einer tiefen Beziehung zu Christus lebte, war
ein Segen.
Gott selbst handelte in diesen Menschen und sie waren
sich der Segenszusage Gottes gewiss. Diese Segenszusage gilt
auch uns, und Worte des Zuspruchs in der Bibel helfen, uns
dessen gewiss zu werden. Einen konkreten Segenszuspruch
bekommen wir auch am Ende eines Gottesdienstes. Wir werden
mit dem Segen Gottes in die Welt gesandt. Wenn wir
dann mit Hilfe dieses Segens für andere zum Segen werden,
spüren wir wiederum selbst Gottes Segen.

Von: Monika Britt

8. Mai

Jesus sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im
Himmel und auf Erden. Matthäus 28,18

Dieser Vers irritiert, weil er aufs Erste so gar nicht «Jesuslike
» ist. Er erinnert uns zu sehr an die gegenwärtige Rhetorik
selbsternannter Herrscher, die sich weltweit vor uns aufplustern:
«Ich bin euer Chef und weiss, wo es langgeht!» Aus
einem solchen Jesuswort einen positiven Impuls zu ziehen,
ist auch deshalb eine Herausforderung, weil es uns zeigt, wie
die Bibel von weltlichen Mächten immer auch missbräuchlich
für die eigenen Interessen vereinnahmt wurde. Das trifft
auf diesen Matthäusvers ganz besonders zu, der zum sogenannten
Missionsauftrag gehört, worin Jesus seinen Jüngern
den Auftrag zur Mission und Taufe erteilt. Wir begegnen
in diesen Worten dem Fundament der weltweiten Kirche,
die diesen Auftrag zur Mission im Lauf ihrer Geschichte
dazu verwendete, Kolonialismus und Zwangsbekehrungen
zu rechtfertigen. Welche positiven Impulse können wir aus
dem Führungsanspruch von Jesus in heutiger Zeit gewinnen?
Wenn wir es als unsere Aufgabe betrachten, die christliche
Botschaft heute neu zu lesen und den damit verbundenen
«Missionsauftrag» für uns selbst neu zu verstehen, dann
kann das heissen, dass wir Jesus in seiner lebensbejahenden,
brückenbauenden Art erkennen. Dass wir die «Gewalt über
Himmel und Erde» als etwas verstehen, das niemanden ausschliesst
oder Einzelne privilegiert, sondern Grenzen überwindet
und Religionen verbindet. Dieser Gedanke tut im
Moment in unserer Welt grosse not.

Von: Esther Hürlimann

7. Mai

Am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und
ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und
betete dort. Markus 1,35

Vielleicht lesen Sie diesen Text auch «vor Tage», wenn das
Leben noch unverbraucht, neu und frisch ist? Ich mochte
diese ersten Morgenstunden schon als Kind, weil ich die Leere
und Ruhe der Räume dann nur für mich allein hatte, bevor
sie mit der Lebendigkeit der Geschwister geflutet wurden.
Später, als Mutter, genoss ich diese geborgene Stimmung vor
dem Aufwachen der Kinder ganz besonders, wenn alle um
mich herum noch schliefen, aber doch da waren, und die Last
des Alltags noch etwas draussen vor der Tür wartete. Heute
sind es jene ersten Morgenstunden, da mein Handy noch
aus ist und ich den Frieden meiner nächsten Umgebung auf
mich wirken lasse, bevor neue Schreckensmeldungen aus
der weiten Welt auf dem Display aufploppen und in mein
Leben dringen.
Ob es Jesus auch so ergangen ist? Ob ihm der Rummel um
seine Person manchmal nicht zu viel war? Ob er manchmal
genug hatte von all den Sorgen, die an ihn herangetragen wurden?
Ob er manchmal einfach auch froh war, dass er noch früh
am Morgen für sich allein war und einfach nur das tun konnte,
wonach es ihm gerade war? Nämlich allein für sich beten?
Dafür mag ich diesen Vers sehr, weil er uns – wie überhaupt
das ganze Markusevangelium – Jesus als einen Menschen
zeigt, der ähnlich empfindet und handelt wie wir.

Von: Esther Hürlimann

6. Mai

Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten
und leiten. Ich will sie zu Wasserbächen führen auf
ebenem Wege, auf dem sie nicht straucheln; denn ich
bin Israels Vater. Jeremia 31,9

Heute bekommen wir ein Versprechen geschenkt. Dieses
Versprechen spricht von einer Reise, die oft von Trauer, Zerrissenheit
oder Erschöpfung begleitet ist. Wer weint, wer sich
verloren fühlt, ist nicht ausserhalb von Gottes Blickfeld – im
Gegenteil, genau dort tritt er nah. Gott versprach dem Volk
Israel nicht nur Trost in der akuten Not, sondern auch eine
sichere Führung auf einem ebenen Weg. Das Bild der Wasserbäche
klingt nach Erfrischung, Nachdruck, Klarheit: Wasser
spült Sorgen fort, benetzt trockene Herzen und schenkt
neues Leben. Und das Bild des ebenen Weges lässt uns hören:
Gott will Verlieren und Stolpern verhindern, er möchte uns
behutsam voranführen, ohne Fallstricke.
Gott erinnert uns daran, dass Nähe und Zuwendung seine
Grundhaltung sind. Tränen sind kein Zeichen von Versagen,
sondern von Menschsein. In jedem Weinen liegt die Einladung,
Vertrauen neu zu wählen: nicht in die eigene Stärke,
sondern in Gottes Treue. Gott sieht dich, tröstet dich in
deiner Trauer und führt dich behutsam weiter. Auch wenn
der Weg uneben scheint, ist seine Gegenwart eine Quelle der
Ruhe, aus der du neue Kraft schöpfen kannst.

Von: Carsten Marx

5. Mai

Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir
Frieden. 4. Mose 6,26

Ganz bekannte Worte sind das für mich: Segensworte.
Der Herr hebt sein Angesicht über dich – das bedeutet: Er
schaut dich liebevoll an, mit Aufmerksamkeit und Güte. In
einer Welt voller Hektik, Informationsflut und Zweifel erinnert
uns dieser Blick daran, dass wir nicht allein sind. Gott
sieht dich mit Barmherzigkeit, nicht mit Strenge; er kennt
deine Sorgen, deine Fehler und deine Sehnsüchte – und
trotzdem gilt dir seine Gnade.
Friede, der über Verstehen hinausgeht. Gott will Frieden
schenken, der nicht von äusseren Umständen abhängt. Der
himmlische Friede, den Gott schenkt, erfüllt das Herz auch
dann, wenn Stürme toben. Es ist ein innerer Zustand der
Gelassenheit, getragen von Gottes Gegenwart. Du kannst
ruhig atmen, weil du in der Nähe deines Schöpfers sicher bist.
Der Segen erinnert uns daran, dass Gottes Angesicht über
uns leuchtet, auch wenn unsere Wege dunkel erscheinen.
Möge der Friede, den er gibt, in deine Beziehungen, deine
Arbeit und deine Stille einkehren. Mögest du wissen, dass
du geliebt bist und getragen wirst, heute und an allen Tagen.

Von: Carsten Marx

4. Mai

Gelobt sei der HERR täglich. Gott legt uns eine Last auf,
aber er hilft uns auch. Psalm 68,20

Die Zürcher Bibel übersetzt den Text so: «Gepriesen sei der
HERR Tag für Tag. Der Gott, der uns Hilfe ist.»
Der Kommentar zu diesem Psalm sagt, er sei undurchsichtig.
Offenbar bezieht er sich auf eine schwierige Situation.
Diese wird als Last beschrieben. Die Zürcher Bibel lässt dies
weg. Ob sie uns deshalb besser gefällt? Beide Übersetzungen
sagen uns, wir sollen die Lebendige jeden Tag loben, ihr
Danke sagen. Danke für das Leben. Danke für das Mitunssein.
Danke für die Nähe. Und gerade heute, wo die Situation mit
so viel Krieg, Ungerechtigkeit, Unsicherheit auf unser Leben
drückt, sollen wir Gott, die Lebendige, loben. Es darf aber
nicht sein, dass wir das Lob daraus beziehen, dass es uns
Privilegierten gut geht. Vielmehr soll es uns Kraft schenken,
um an die Menschen zu denken, deren Würde mit Füssen
getreten wird. Die Lebendige schenkt Hilfe, gerade ihnen und
in erster Linie ihnen, auch wenn wir davon nichts spüren.
Durchhalten mit dem Lob, mit dem Glauben an die Hilfe,
durchhalten mit den Gedanken, das will mir heute unser
Text sagen. Ich glaube, dass das kein Krampf ist, sondern
einfach das, was hilft.

Danke, Gott, für deine Hilfe, die du allen Menschen schenkst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Mai

Gideon sprach zu dem HERRN: Hab ich Gnade vor dir gefunden, so mach mir doch ein Zeichen, dass du es bist, der mit mir redet. Richter 6,17

Der junge Gideon wird von Gott zum Propheten berufen. Er
soll Israel wieder auf den Weg mit dem Gott des Lebens führen.
Gideon will nicht glauben, dass er Gottes Stimme hört,
und bittet ihn um ein Zeichen. Ich lese den Text gebannt
weiter. Wie wird sich Gott verhalten? Und so bittet Gideon,
Gott möge nicht von ihm gehen, bis er die Gaben bereitet
hat. Und dieser sagt: «Ich werde bleiben.» Gideon hat wohl
das schönste Zeichen, das es gibt, erhalten: Gott sagt, dass er
bleibt, ohne dieses Bleiben an Bedingungen zu knüpfen. Ich
verstehe diese Geschichte von damals wie ein Bild, das ich
anschaue. Es gefällt mir, und ich nehme es innerlich mit. Und
so, wie mir das Bild gefällt, tut mir auch diese Geschichte gut.
Sie zeigt auf, dass Gott den Menschen nahe sein will, dass er
mit ihnen auf dem Weg ist, dass er ein Gott der Gerechtigkeit
und des Friedens ist. Ich frage nicht nach Zeichen, aber ich
bitte um Gottes Nähe, um seine Liebe und um seinen Schutz
auf meinem Weg. Und dies gilt nicht nur mir, sondern gerade
den Menschen, die Gottes Nähe besonders brauchen. Sie
sollen in Würde, Gerechtigkeit und Frieden leben können.

Danke für deine Nähe zu allen Menschen, schenke Kraft
und Liebe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Mai

Wer von sich sagt, dass er mit Gott verbunden ist,
soll auch so leben, wie Jesus gelebt hat. 1. Johannes 2,6

Der Traditionsabbruch ist Realität. Der biblische Analphabetismus
grassiert. Warum Diakonie zum christlichen Glauben
gehört und was sie vom sozialen Engagement unterscheidet,
verschwindet oft im Nebel des Unwissens und vielleicht
auch des Desinteresses. Die Kirche kämpft deshalb gegen
ihren Bedeutungsverlust und behauptet ihre gesellschaftliche
Relevanz. Sie beansprucht für sich, die Hüterin oder gar
Erfinderin jener Werte zu sein, welche die demokratische
Gesellschaft zusammenhalten.
Relevanz kann eine Institution für sich zwar behaupten, doch
um tatsächlich relevant zu sein, muss ihr ihre Bedeutung von
aussen zugeschrieben werden. Wirkliche Relevanz hat nur,
wer für andere relevant ist. Die Kirche kann ihre Relevanz
nicht selbst herstellen, sie muss sich erweisen, sich zeigen.
Biblische Geschichten immer wieder neu zu erzählen, ist
wichtig, um dem Traditionsabbruch zu begegnen. Der
Johannesbrief erinnert aber eindringlich daran, dass Glaube
keine abstrakte Erkenntnis ist, kein exklusives Wissen über
Gott: «Dass wir ihn erkannt haben, erkennen wir daran, dass
wir seine Gebote halten.» (1. Johannes 2,3)
Wenn die Kirche sich der Nachfolge verschreibt, erweist
sie ihre Relevanz. Denn Menschlichkeit hat die Welt nötig.
Immer, jederzeit, überall.

Von: Felix Reich

1. Mai

Mich sollst du fürchten und dich zurechtweisen lassen.
Zefanja 3,7

«Fürchte dich nicht!» Der Satz steht mehrfach in der Bibel
und wird auch gerne zitiert. Es ist das Engelswort, das uns
nicht die Angst nehmen kann, aber uns bewegen und verhindern
will, dass wir in unserer Furcht erstarren. Wie die
Hirtinnen und Hirten auf dem Feld sollen wir unsere Skepsis
überwinden und uns aufmachen, um das Wunder, das mitten
in der Welt aufbrechende Himmelreich, das Licht, das
im Dunkeln leuchtet, zu suchen.
Der Prophet spricht ganz anders. Er spricht in eine Welt hinein,
in der die Mächtigen keine Scham kennen, und entwirft
ein Bedrohungsszenario. Gott werde als Zeuge der Anklage
auftreten und «die Fülle seines glühenden Zorns» über der
Welt ausgiessen, von seiner Eifersucht wird «die ganze Welt
gefressen» (Zefanja 3,8).
Dass Städte verheert und Strassen in Trümmer gelegt werden,
wie es der Prophet beschreibt, ist Realität. Auch dass
Regime ihre Macht selbst legitimieren, ohne Scham und
Ehrfurcht vor dem Leben ihre Ordnung zementieren, ist
bittere Wirklichkeit. Dagegen lehnt sich der Prophet auf.
Und so schwingt in seinem Aufruf zur Furcht das «Fürchte
dich nicht!» mit, das der Bibel als roter Faden eingewoben
ist: Gott stützt nicht die Ordnung, die unterdrückt. Seine
Botschaft des Lebens lehrt die Unterdrücker das Fürchten.

Von: Felix Reich