13. Juni

Mose sprach: Alles, was ich euch gebiete, das sollt
ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun
und nichts davontun.
5. Mose 13,1

Eigentlich ganz einfach, oder? Nach Gottes Anweisungen handeln
reicht, sagt der Text. Es bedarf keiner Zusätze, aber auch
keiner Auslassungen. Aber gerade das Davontun ist es doch,
was uns «unter den Fingern juckt». Denn so manches, was
aus der Liebe Gottes und seinen Regeln folgt, macht das Leben
schwer. Verunmöglicht oft ein Leben gemäss eigenen Vorstellungen,
nach eigenem Geschmack. Der Losungstext findet
sich in den Büchern Mose (der Thora) wieder und wieder.
Mir kommt dazu Jesu Dialog mit dem Pharisäer in den Sinn,
der ihm Katechismusunterricht zu erteilen sucht, als er ihn
nach der Erlangung des ewigen Lebens befragt. Jesus dreht
die Frage, fragt ihn, was in der Thora steht. Da antwortet er
mit einer Parallele zum Losungstext: Du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen
Nächsten wie dich selbst. (5. Mose 6,5; Lukas 10,27) Dies ist
für Paulus (Galater 5,14) der gesamte Verhaltenskodex für
das Leben. Eigentlich also doch ganz einfach? Wende dich
den Ausgegrenzten, den durch Krieg und falsche Machtausübung
Verwundeten zu. So wird Gottes Gesetz erfüllt. In ihren
Gesichtern erkennst du dich selbst als Mitgeschöpf. Aus Fremden
wird so ein Teil deines Selbst. Eine schwierige Aufforderung
bleibt er doch, dieser Ratschlag Gottes.

Von: Gert Rüppell

12. Juni

Du hast den Menschen zum Herrn gemacht über deiner
Hände Werk, alles hast du unter seine Füsse getan.

Psalm 8,7

Die Vorstellung, dass der Mensch Herr über die Natur sei,
ist angesichts von Ausbeutung und Naturzerstörung mehr
als fragwürdig geworden. Auf den ersten Blick müssten wir
diesen Psalmvers umweltgerecht «entsorgen».
Der reformierte Theologe Wilhelm Vischer hat Psalm 8
zu einem Lied umgedichtet und dabei die Richtung gezeigt,
wie diese Worte zu verstehen sind. Es ist das Psalmlied «Wie
herrlich gibst du, Herr, dich zu erkennen» (RG 7, EG 271).
Schlüsselvers ist die dritte Zeile von Strophe 6: «Statt
Herr ist er der Sklave der Natur.» Das lässt an die altbekannte
Dialektik von Herr und Knecht denken, in welcher
der Herr abhängig vom Knecht wird. Die Geschichte zeigt
es ja: Je mehr die Menschheit sich die Natur unterwirft und
zu Diensten macht, desto verletzlicher werden Zivilisationen
und Technologien.
Vischers Lied denkt in den Schlussstrophen den Psalm
christologisch weiter, mit Worten des Christushymnus aus
dem Philipperbrief. Christus ist der «wahre Menschensohn
», der sich selbst bis in den Tod erniedrigt, das Bild des
Menschen nach Gottes Willen. Seine Herrschaft ist nicht
die überlegene Dominanz der Allmacht. Sie geschieht in
Geschwisterlichkeit, in Solidarität mit den Leidenden. Christus
nachfolgen heisst, seine Weise der Herrschaft zu übernehmen,
«zur Ehre des Vaters».

Von: Andreas Marti

11. Juni

Die zum Frieden raten, haben Freude. Sprüche 12,20

Wieder so ein Satz, welcher dermassen selbstverständlich
daherkommt, dass ich mir dazu zunächst kaum Gedanken
machen kann. Eine Kalenderblattweisheit, irgendwie banal.
Dass die «weisheitliche» Literatur in einigen alttestamentlichen
Büchern nicht gerade den Ruf grossen theologischen
Tiefsinns geniesst, ist mir ja manchmal in den Kommentaren
begegnet und kommt mir hier wieder in den Sinn.
Der Haken liegt eben beim deutschen Wort «Frieden».
Vordergründig fällt mir bei «zum Frieden raten» etwa ein:
Lasst das Streiten, haltet still, tragt eure Konflikte nicht aus.
Dagegen steht nun aber der Grundsatz «kein Frieden ohne
Gerechtigkeit», und Gerechtigkeit muss erstritten werden.
Frieden als Verzicht auf diesen Streit zementiert Ungerechtigkeit.
Darum ist «Frieden» nicht die Abwesenheit von
Streit und gar Krieg, sondern ist am hebräischen «Schalom»
zu messen. Dieser Frieden ist umfassend, er schliesst Wohlergehen
und gute, gerechte Verhältnisse mit ein, ist Frieden
in Gerechtigkeit. Wer zu diesem Frieden rät, und zwar nicht
nur dazu rät, sondern sich für seine Verwirklichung einsetzt,
wer zur Gerechtigkeit rät, wer raten und überlegen hilft,
wie Gerechtigkeit werden kann, der hat nicht nur Freude,
sondern macht Freude, macht die Welt ein bisschen besser.
Da pacem, Domine, in diebus nostris – Gib Frieden, Herr, in
unseren Tagen.

Von: Andreas Marti

10. Juni

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht
nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der
Knechtschaft auflegen.
Galater 5,1

Bei Paulus ist das Joch in diesem Kapitel das Beschnittensein.
Paulus stellt klar, dass er dieses nicht wichtig findet, sondern
allein den Glauben, «der sich durch die Liebe als wirksam
erweist» (Vers 6).
Ein freier Mensch zu sein: welch wunderbares Geschenk
und welch schwierige Aufgabe zuweilen!
Meine Lebensrealität ist eine freie. Ich habe alle Wahlund
Entwicklungsmöglichkeiten, die ich mir wünschen kann.
Damit zähle ich sicher zu einer privilegierten Minderheit auf
unserem Planeten. Und doch: Da gibt es verschiedene Joche.
Das, was mich momentan am meisten beschäftigt, ist meine
Abhängigkeit von der Meinung anderer. Bei vielen Fragen bin
ich beeinflusst – quasi «unterjocht» – von dem, was andere
denken, finden und empfinden. Für mich selbst braucht es
dann manchmal etwas Zeit, Stille, Distanz, einen Blick aus
grösserer Höhe, um die Dinge für mich zu klären und zu einer
inneren Freiheit zu gelangen.
Menschen, die frei, also ohne Rücksicht auf das persönliche
Ansehen, ohne Rücksicht auf persönliche Verluste sogar, für
ein Zusammenleben in Frieden und Gerechtigkeit einstehen,
bewundere ich sehr. Von ihnen kann ich «einen Glauben,
der sich durch die Liebe als wirksam erweist» lernen. Und
als Inspiration nehmen, mich immer wieder darin zu üben.

Von: Katharina Metzger

9. Juni

Sieht Gott nicht meine Wege und zählt alle
meine Schritte?
Hiob 31,4

«Heb Sorg», sagen wohlmeinende, meist ältere Leute zu
jemandem, die oder der gerade zur Tür rausgeht, die Tasche
über der Schulter, auf dem Weg zu einer neuen Unternehmung,
einem neuen Abenteuer. «Klar, s chunnt scho guet»,
könnte eine Antwort darauf sein, unbekümmert, vital,
selbstbewusst. Ich hoffe, Sie sind auch schon einmal diese
Person gewesen, die mit Ur- oder Gottvertrauen zur Tür
rausgeht und frohgemut die schützende, vertraute Umgebung
verlässt.
Die «Nackenschläge des Lebens» hingegen können uns ins
Wanken und Straucheln und zum Zweifeln bringen. Hiob
musste unmenschliche Nackenschläge einstecken und fragt
sich nun, ob er etwas falsch gemacht hat. Ob es eine Erklärung
für sein Leid gibt. Ob er es verdient hat, ob Gott ihn vielleicht
für früheren Erfolg und Überheblichkeit straft. Aber
er findet nichts.
Trost und Bestätigung findet er in einer persönlichen
Begegnung mit Gott, der gar nicht auf sein Leid eingeht,
sondern seine Grösse und Schöpferkraft preist. Dies hat für
mich etwas Verstörendes und etwas Tröstliches zugleich:
Gott steht nicht in einem Zusammenhang mit Hiobs Leid, er
erwähnt es nicht einmal. Aber auch: Gott ist kein strafender
Gott, der abrechnet und die Menschen dadurch erzieht. Dies
regt mich an, über mein Gottesbild nachzudenken.

Von: Katharina Metzger

8. Juni

Paulus schreibt: Obwohl meine leibliche Schwäche
euch eine Anfechtung war, habt ihr mich nicht
verachtet oder vor mir ausgespuckt, sondern mich
wie einen Engel Gottes aufgenommen, ja wie
Christus Jesus.
Galater 4,14

Der Text berührt in seiner Menschlichkeit. Paulus tritt hier
als weitgereister Missionar und charismatisches Vorbild vor
seine Gemeinde, doch ist er für alle sichtbar gesundheitlich
angeschlagen. Er schämt sich dafür und wäre auch nicht
erstaunt, wenn das Publikum als Geste der Verachtung vor
ihm auf den Boden spucken würden. Aber nein, sie empfangen
ihn «wie einen Engel Gottes».
Wir könnten nun Paulus unterstellen, dass er diesen Vers
als rhetorischen Kniff einsetzt, um der Gemeinde zu schmeicheln.
So im Sinne von: «Ihr seid ganz tolle Leute, weil ihr
mich nicht an meinem gebrechlichen Zustand, sondern
an meiner Botschaft messt.» Doch auch diese Sichtweise
berührt, denn stellen wir uns Paulus vor, den bewanderten
und gebildeten Apostel, der sehr wohl um sein Charisma
weiss, mit dem er zahlreiche christliche Gemeinden gründete
und Menschen bekehrte: Wie er sich zu seiner eigenen
Fragilität bekennt und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern
für ihre Reaktion dankbar ist, führt mich zu einer mir kostbarsten
Essenz unserer christlichen Wurzeln: nämlich mich
täglich so anzunehmen, wie ich bin, und mich auch in meiner
Unvollkommenheit wertzuschätzen. Umgekehrt aber auch
den Mut aufzubringen, für die eigenen Blessuren einzustehen
und darauf zu vertrauen, dass es Menschen gibt, die
mich «wie einen Engel Gottes» aufnehmen.

Von: Esther Hürlimann

7. Juni

Der HERR spricht: Siehe, ich sende einen Engel vor dir
her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an
den Ort, den ich bestimmt habe.
2. Mose 23,20

Warum? Warum musste das mir passieren? Diese Frage
drängt sich anscheinend unweigerlich auf, wenn uns etwas
geschieht, das wir als Unfall, als Schicksalsschlag erleben.
Interessanterweise stellen wir die Frage aber nicht, wenn
es uns gut geht. Warum passiert ausgerechnet mir nichts?
Warum bleibe ich verschont? Warum gelingt mir, was ich mir
vorgenommen habe? Warum erlebe ich mehr glückliche als
betrübliche Zufälle?
Vor etlichen Jahren schrieb uns ein guter frommer Freund
einmal: «Ich glaube, Gottes Güte zeigt sich vor allem in der
Bewahrung.» Genau die verspricht das heutige Losungswort.
Der Ewige sagt seinen Schutz zu, nachdem sein Volk
von Gott die Weisung erhalten hat, Orientierung auf dem
Weg in die Freiheit. Wenn wir die Geschichte vom Auszug
aus den Bindungen und Abhängigkeiten in die Weite, ins
Erhoffte lesen, werden wir indessen wiederholt auf Ereignisse
stossen, die uns fragen lassen, ob das Volk da wirklich behütet
wurde. Diese Frage mögen wir auch haben, wenn wir auf
unseren eigenen Weg zurückschauen. Eine Verheissung ist
eben keine Garantieerklärung, sondern die Einladung, uns –
notfalls gegen den Augenschein – einzulassen, zu verlassen
auf Gott, der Engel schickt, damit wir gut im Leben und bei
Gott ankommen.

Von: Benedict Schubert

6. Juni

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.
Jesaja 43,5

Gesprächsrunden im Kreis von Freund:innen kippen in
letzter Zeit manchmal in ein Aneinanderreihen schlimmer
politischer und ökologischer Entwicklungen auf unserem
Planeten. Dann wächst das Gefühl von Angst. Angst vor
der Zukunft, auch für unsere Kinder, Angst vor der eigenen
Machtlosigkeit, Angst vor Verzweiflung.
Aber: Wenn wir nicht nur trostlose Fakten aufzählen, sondern
unsere Gefühle dazu teilen, den Schmerz ernst nehmen,
den wir angesichts der gefährdeten Welt, des zerstörten
Lebens empfinden, dann kann etwas in Bewegung geraten.
Wir können uns als ganz kleinen Teil des Ganzen wahrnehmen,
aber nicht mehr isoliert und hilflos: Wir können unsere
Verbundenheit mit allem Lebendigen, unser Eingebettetsein
in Räume und Zeiten und Beziehungen erfahren. So denkt
die Tiefenökologin, Systemforscherin, Umweltaktivistin und
Buddhistin Joanna Macy. Furcht und Ängste werden dann
in etwas Grösserem aufgehoben. Macy nennt es Liebe oder
Dankbarkeit. Sie sieht die Haltung der Dankbarkeit gegenüber
dem Leben mit seinen Herausforderungen und Krisen
als einen zutiefst subversiven Akt. Wenn wir dankbar seien,
liessen wir uns nicht mehr einlullen von den leeren Versprechen
der Konsumgesellschaft, sondern öffneten uns für das,
was wirklich ist, und das, was kommen will.

Von: Matthias Hui

5. Juni

Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen
lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung
vor Gott kundwerden!
Philipper 4,6

In manchen Familien und Beziehungen müssen sich die
Männer nicht sorgen. Die Zutaten für das Abendbrot sind
immer schon da. Der nächste Kindergeburtstagstermin ist
notiert, das Geschenk gekauft. Bei den Grosseltern wird
regelmässig nachgefragt, wie es geht. Aber es ist weniger der
liebe Gott, der alles bedenkt und erledigt. Es ist die Partnerin,
die Mutter der Kinder, die Geliebte, die Frau.
Natürlich ist das überzeichnet. Natürlich sind viele Männer
auf dem Weg, sich zu verändern. Aber viele einfach mal ein
bisschen. Man möchte die tollen beruflichen Aussichten, die
bequemen Gewohnheiten in der eigenen Rolle nicht gleich
aufgeben. Auch wenn viele spüren, dass das alles der eigenen
Gesundheit, dem eigenen Glück nicht wirklich guttut. Dass
die Privilegien ja nicht nur Freiheiten bedeuten, sondern
gleichzeitig ein Gefangensein in engen Mustern. Dass nicht
nur die Sorge um andere zu kurz kommt, sondern auch die
Sorge um sich selbst.
Deshalb sollten (wir) Männer nicht darum beten, dass uns
andere Personen oder der liebe Gott Sorgearbeit abnehmen.
Sondern danken dafür, dass wir uns nicht sorgen müssen,
wir könnten auf dem Weg in neue Beziehungen und
Geschlechterrollen ins Bodenlose abstürzen.

Von: Matthias Hui

4. Juni

Der HERR sprach: Mein Angesicht soll vorangehen;
ich will dich zur Ruhe leiten.
2. Mose 33,14

Gott zeigt sich dem Volk, er wird es durch die Wüste führen
und in ein fruchtbares Land bringen. Aber er wird nicht
selber vorangehen, sondern einen Boten senden, einen
«Stellvertreter», einen «Engel». Gott nennt ihn «mein
Angesicht». Das kann ihm Mose, dieser ganz besondere
Gottesdiener, abringen. Er hat schon mehrfach mit Gott
Begegnungen gehabt, aber keine direkten, unmittelbaren.
Eine solche, so hört er Gott sagen, würde er nicht aushalten
können (Vers 19). Gott gibt sich zu erkennen, er braucht dazu
«Boten». Und das können andere Menschen sein! Menschen,
die mir begegnen, die mir, verbal oder nonverbal,
Botschaften zukommen lassen, die für mich wichtig sind. Die
Frage ist nicht nur, ob ich sie erkenne. Viel entscheidender
ist es, ob ich überhaupt mit solchen Begegnungen, die dann
wohl Face to Face sein können, rechne. Ob ich also sensibel
genug bin, in einer Situation oder in einem Menschen Gottes
«Boten» wahrzunehmen. Selber habe ich solche Begegnungen
meist erst hinterher deuten können …
So verstehe ich den zweiten Teil des Verses von heute:
Gott will «Boten» schicken, damit wir gut leben können (in
«Ruhe»). Ich soll darauf gefasst sein und nicht vorschnell
solche unerwarteten Begegnungen als «zufällig» bezeichnen.
Es könnten Hinweise sein, die für mich wichtig sind und
die es lohnen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Von: Hans Strub