Mittelteil September / Oktober

News: Die Stiftung Boldern gibt Einblicke in die Entwicklung ihrer Projekte.

Boldern-Plateau – Umzonung des Areals

Viele Menschen kennen Boldern. Der Ort hoch über dem Zürichsee ist seit Jahrzehnten ein Platz für Begegnungen, Feste, Gespräche, Veranstaltungen, Seminare, Spaziergänge oder einfach für einen Moment der Ruhe mit Aussicht. Aktu-ell steht dieser besondere Ort jedoch an einem Wende-punkt. Damit das Areal und das Hotel langfristig erhalten und sinnvoll weiterentwickelt werden können, braucht es klare, neue Rahmenbedingungen. Das Areal Boldern liegt heute in der Zone für öffentliche Bauten (öB 1), da bei der Einzonung die damalige Nutzung als Evangelisches Tagungs-und Studienzentrum ausschlaggebend war.

Mit der Entwicklung zu einem reinen Hotel- und Seminarbetrieb seit 2012 haben sich die Anforderungen jedoch verändert. Heute ist das Hotel sanierungsbedürftig und muss wirtschaftlicher ausgerichtet werden. Gemeinsam mit Gemeindevertretern wurde im Rahmen der gültigen Bau- und Zonenordnung eine Umzonung des Areals in eine Wohnzone mit Gewerbeerleichterung (WGc) ausgearbeitet. Diese neue Zone hat eine deutlich tiefere Baudichte als andere vergleichbare Zonen in Männedorf.

Die Gemeindeversammlung genehmigte am 15. Juni 2026 die Umzonung. Dieses Ja ermöglicht eine umsichtige Weiterentwicklung des Boldern-Areals, gleichzeitig verhindert der Entwicklungsvertrag eine Wohnüberbauung und sorgt mit strengen Bauvorschriften und Landschaftsschutz dafür, dass sich zukünftige Bauten sorgfältig in die Umgebung einfügen. Bestehende Gebäude können nun erneuert, umgebaut und nachhaltig betrieben werden. Gleichzeitig bleibt Boldern das, was es heute ist: ein stets offener Ort für die Bevölkerung. Die Wege, die Aussicht, die Grünflächen und die Möglichkeit, sich dort aufzuhalten und zu verweilen, bleiben ein wichtiger Teil der Umzonung. Boldern soll auch künftig ein Ort sein, der Menschen zusammenbringt – für Bildung, Begegnung, Kultur und Gespräche.

Wohnbauprojekt «tilia»
Am 25. Mai 2024 starteten die Bauarbeiten für die Wohnüberbauung
«tilia» (Lindenbaum) mit 60 Wohnungen auf einer Fläche von 15 000 m².
Wegen Finanzierungsauflagen entschied der Stiftungsrat im Sommer 2024, acht Wohnungen im Stockwerkeigentum auszubauen und zu verkaufen. Die Aushubarbeiten mit rund 45 000 m³ konnten wie geplant und ohne unvorhersehbare
Zusatzarbeiten ausgeführt werden, sodass im Herbst 2024 mit den Rohbauarbeiten begonnen werden konnte. Diese wurden bei einem Gebäudevolumen von rund 46 000 m³ innerhalb eines Jahres fertiggestellt. In dieser Zeit fand der Marktauftritt unter www.boldern-tilia.ch statt, und der Verkauf der acht Wohnungen folgte im Frühjahr 2025. Für die Finanzierung von Projekten auf dem oberen Plateau
mit dem Hotel Boldern beschloss der Stiftungsrat im Sommer 2025, weitere Wohnungen zu verkaufen. Dank des milden Winters 25/26 schritten die Bauarbeiten
zügig voran. Die erste Etappe Süd mit 24 Wohnungen konnte termingerecht Ende Mai 2026 bezogen werden. Die zweite Etappe mit weiteren 36 Wohnungen wird wie geplant Ende September 2026 fertiggestellt. Die Wohnüberbauung zeigt
sich bereits heute als qualitativ und gestalterisch hochwertig. Für weitere Informationen besuchen Sie unsere Website https://boldern-tilia.ch/

Veranstaltungsreihe «Boldern inspiriert»
Rückblick 1. Jahreshälfte 2026 – Kaminfeuergespräche

Februar 2026: «Was bedeutet echte Führung in einer Welt voller Druck, Geschwindigkeit und Veränderung?» Arno del Curto sprach darüber, was ihn als Trainer und als Mensch geprägt hat. Er erzählte von der Bedeutung der Sprache im Umgang mit seinen Spielern, vom Gespür für Situationen, vom Zuhören und motivieren. Nicht jeder Spieler wolle König sein, aber jeder wolle gesehen werden.
Wer führt, braucht Nähe. Besonders eindrücklich war sein Blick auf die Brüche in
seinem Leben: der Fussgelenkbruch mit 21 Jahren, der zum Ende seiner Spielerkarriere im Eishockey führte, der frühe Tod seines Bruders sowie seine erste Geschäftserfahrung. Solche Einschnitte formten ihn und machten ihn mutig für
sein späteres Wirken. Für Arno del Curto ist eine intakte Mannschaft das Fundament
jeder Leistung. Entscheidend ist, als Vorbild voranzugehen, den richtigen Ton zu treffen, die Spieler zu mögen. Und dranzubleiben. Gerade dann, wenn es schwierig ist.

März 2026: «Was bedeutet finanzielle Unabhängigkeit und warum fällt sie vielen Frauen noch immer schwer?» Patrizia Laeri, Wirtschaftsjournalistin und Gründerin
des Fintech-Unternehmens «ellexx», erzählte, wie sie ihren Weg in die Finanzwelt gefunden hat und weshalb sie sich heute dafür einsetzt, dass mehr Frauen investieren. Sie zeigte, wie stark finanzielle Themen mit gesellschaftlichen Rollenbildern zusammenhängen, oft ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Sie machte auch klar, was sich ändern muss: Zugang für alle zu Kapital und Investitionen vereinfachen, Wissen teilen und Vorbilder sichtbar machen. Denn wer sich mit Geld beschäftigt, gewinnt Handlungsspielraum und kann Strukturen aktiv mitgestalten.

Mai 2026: «Was können wir aus der Geschichte lernen?» Im Gespräch mit Susanne
Giger zeigte der renommierte Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Tobias Straumann eindrücklich, wie historische Entwicklungen unsere Gegenwart prägen. Dabei ging es um wirtschaftliche Krisen, geopolitische Verschiebungen bis hin zur Frage, welche Werte eine liberale Demokratie zusammenhalten. Ein Abend, der zum Nachdenken anregte über Geschichte, Verantwortung, wirtschaftliche Entwicklungen, globale Abhängigkeiten und die Bedeutung gemeinsamer Werte.

Veranstaltungen Juli/August 2026

1. August 2026: 1.-August-Feier der Gemeinde Männedorf
auch 2026 wieder auf Boldern

13. August 2026: Openair-Kino mit Weitblick –Filmgenuss & Talk hoch über dem Zürichsee

26. August 2026: Neustart & Verantwortung – Politik aus dem Rollstuhl mit Philipp Kutter

Kaminfeuergespräche ab September 2026

22. September 2026: «Wenn Maschinen denken – Ethik im Zeitalter der künstlichen Intelligenz» Welche Verantwortung tragen wir, wenn Algorithmen zunehmend Entscheidungen beeinflussen? Peter G. Kirchschläger, Professor für Theologische Ethik und Berater internationaler Organisationen, zeigt auf, welche ethischen Fragen
Digitalisierung und künstliche Intelligenz aufwerfen und warum Menschenwürde, Gerechtigkeit und Verantwortung wichtiger sind denn je.

12. November 2026: «Über Freiheit, Mut und das echte Leben zwischen Bestseller, Bühne und Podcast» Die Autorin, Drehbuchautorin und Podcasterin Yvonne
Eisenring spricht über den Mut, den eigenen Weg zu gehen, über Freiheit, Familie und die Suche nach Sinn. Mit Offenheit, Tiefgang und inspirierenden Geschichten lädt sie dazu ein, das Leben aus neuen Perspektiven zu betrachten und Veränderungen als Chance zu verstehen.

Informationen, Tickets und Anmeldung unter:
www.boldern-inspiriert.ch

Von: Dominique Meier, Geschäftsleiterin Stiftung Boldern

30. September

Wenn ihr den HERRN sucht, wird er sich von euch finden lassen. 2. Chronik 15,2

Mit dem Suchen ist das so eine Sache. Meistens sucht man ja etwas, wenn man es verloren hat. Dazu kommt, dass man kennt, was man sucht, sonst könnte man es nicht finden.

Die Geschichte dieses Losungstexts scheint anders zu laufen. Da sind einerseits Asa und Juda, denen gesagt wird, der Herr ist mit euch. Gott ist also, wenn auch nicht unmittelbar erkannt, mit ihnen und lässt sich erkennen, wenn man sich auf die Suche nach ihm macht.

Anders ist die Situation mit Israel, das aus Kriegswirren und Schreckenserfahrungen kommend sich in seiner Not an Gott wendet, der sich finden lässt. Es gibt also beide Erfahrungen: ein Finden aus der Beständigkeit eines Lebens mit Gott, wo Gotteserfahrung immer neu entsteht; und ein Finden aus der Erfahrung von Not und Schrecken, wo wir auf der Suche nach Schutz und Geborgenheit sind.

Und, kaum gerettet, jubelt das Volk und verspricht Besserung. So geht die Geschichte weiter, das Volk wendet sich Gott unter Jubel und Freudengeschrei zu, verspricht treu zu sein, auf der Suche zu bleiben.

Dass das nicht leicht ist, nie leicht war, zeigt nicht allein die Geschichte Israels, auch meine Geschichte zeigt dies immer wieder. Gott zu suchen, seine Werte in die gesellschaftliche Praxis umzusetzen, stellt sich als Aufgabe. Aber Selbstzweifel sei gestattet! Ob Gott sich finden lässt, bleibt dann wohl ihm selbst überlassen.

Von: Gert Rüppell

29. September

Gelobet sei der Name Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn ihm gehören Weisheit und Stärke! Daniel 2,20

Zunächst erscheint die Losung wie ein Text, den es zu Hunderten in der Tora, den Propheten und den Geschichtsbüchern gibt und dem wir frohgemut am heutigen Morgen zustimmen können. Dann aber, wenn wir ein wenig in den Zusammenhang schauen, wird dies ein spannender Text. Denn dem Herrscher aller Herrscher, Nebukadnezar, gelingt es nicht, ein «Gesicht» zu deuten, das er in der Nacht gesehen hat. Eine Vision vom Zusammenbruch all dessen, was er zu beherrschen meinte. Erklärung muss her, und wer nicht zufriedenstellend erklären kann, wird umgebracht. So einfach ist die Logik der Herrschenden.

In dieser Situation zählt auch Daniel zu den potenziellen Opfern. Er aber und seine Gefährten wenden sich im Gebet an den Gott der Väter, ihren Herrscher, und erhalten eine Deutung, die die Vision Nebukadnezars in den Gesamtzusammenhang von Aufstieg und Fall seines Reichs einordnet. Die Erkenntnis dieses Zusammenhangs vom Aufstieg und Fall von Macht ist der Kontext, aus dem heraus Daniel, dem hier Einsicht gegeben worden ist, sein Lob ausspricht. Ein Lob dessen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit Weisheit und Stärke beweist, anders als der mit einer kurzfristigen Macht ausgestatte Kaiser und sein Reich.

Ganz anders als so mancher Gernegross von heute.

Von: Gert Rüppell

28. September

Jesus spricht: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt. Johannes 15,16

Wir befinden uns in der Phase der Abschiedsreden Jesu an seine Jünger, zweifellos sehr emotionale Stunden! Entsprechend ist viel von der Liebe, von Freundschaft und von wahrem Frieden die Rede. Was hat das mit der Erwählung zu tun? In den Versen 15,12 ff. geht es zentral um die Rolle der Jünger und wer sie für Jesus sind. Er nennt sie mehrfach Freunde. Er will nicht, dass sie sich als Knechte fühlen, die ihrem Herrn zu dienen haben. Er lehnt ein hierarchisches Verhältnis zwischen ihnen ab. Vielmehr erwählt er sie zu Freunden. Mit dem Wort «Wahl» verbinden wir die Wahl in ein Amt. Und ein Amt bringt bestimmte Kompetenzen und Verantwortungen mit sich. Die Steigerung davon, wenn man so will, ist das Ehrenamt, ein Amt also, das man ohne Gegenleistung ausübt, um der guten Sache willen. Mit dem Amt verbunden ist ein Auftrag. Der kann ganz verschieden lauten. In der zweiten Hälfte von Vers 16 erteilt Jesus den Auftrag, die Jünger sollen sich aufmachen und «Frucht bringen». Darin sehe ich eine diakonische Aussendung. Bedingung für fruchtbringende Diakonie sind die gegenseitige Liebe und der Einsatz für seine Freunde. Das werden sie brauchen, wie Jesus voraussieht. In Vers 18 ff. geht es um den Hass der Welt. Wie dieser zurzeit grassiert, brauche ich nicht auszuführen, schauen wir nur in den Sudan oder nach Belfast.

Was ist mein und unser Auftrag, um Frucht zu bringen?

Von: Bernhard Egg

27. September

Jesus betete: Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. Johannes 17,26

Nein, Johannes war nicht dabei.
Das Evangelium entstand
Jahrzehnte später.
Niemand protokollierte seinerzeit
die Abschiedsreden des Wanderpredigers,
seine rätselhaften Ankündigungen,
zugleich verstörend und tröstlich.
Durchs Weitererzählen, Ausschmücken,
Dramatisieren entstand dann
der Rohstoff, aus dem Johannes –
oder wer auch immer –
das Evangelium komponierte.

Eine frohe Botschaft für uns,
wenn wir versuchen, den Kern
herauszuschälen,
wenn wir glauben,
dass es auch uns zugesagt ist:
Wir sind – grundsätzlich –
liebenswert, wer und wo
auch immer wir sind.
Das ist im Bewusstsein,
was Menschen einander antun,
verstörend und tröstlich zugleich.

Von: Heidi Berner

26. September

Seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und bis an die Enden der Erde. Sacharja 9,10

An etlichen «Enden der Welt»
bin ich schon gewesen.
Es fasziniert mich,
an Grenzen zu gehen,
über den Rand meiner Welt
hinauszublicken.


Was ist das Besondere daran?
Der Blick aufs grosse weite Meer
gibt mir eine Ahnung
der eigenen Begrenztheit.
Die scheinbar unendliche Weite lässt
mich staunen und demütig werden.

Ja – wir sind endliche Wesen –
solche Orte zeigen uns das deutlicher
als unsere gewohnte Umgebung.
Wir werden gewahr,
wie klein wir sind,
aber ebenso, dass wir Teil
eines grösseren Ganzen sind.

So sind die Enden der Erde
Orte der Besinnung
und der Verbundenheit
mit der ganzen Welt.

Von: Heidi Berner

25. September

Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist! Psalm 144,15

Auf David, Vorbild aller Könige, wird der Psalm zurückgeführt. Er ist ein Danklied für militärische Erfolge (das wäre einen nachdenklichen Kommentar wert) und für alles Gute, das die Schöpfung denen bietet, die das Land bewirtschaften. Unser Losungsvers ist das jubelnde Fazit: Uns geht es gut, weil wir unter dem Schutz und Segen dessen stehen, der versprochen hat, er werde jeweils aufs Neue bei und mit uns sein: «Ich bin der, der mit euch geht und ist.» (Exodus 3,14) Können wir einstimmen in diesen strahlenden Schlussvers? Sind wir in der Schweiz noch ein Volk, dessen Gott der Ewige ist, oder haben wir den Lebendigen eingetauscht

gegen andere Götter?

Ich erkenne in unserer Gesellschaft immer noch Zeichen dafür, dass und wie Gottes Wort und Wille unser Zusammenleben geprägt hat: Wir haben ein Sozialsystem, das die Schwachen und Armen achtet. Alte und Kranke wer-den an manchen Orten noch nicht als Einkommensquelle genutzt, sondern mit Liebe gepflegt und versorgt. Es gibt da und dort Beispiele für eine Gastfreundschaft, die Fremden die Möglichkeit gibt, «sich zur Freundschaft anzubieten». Indem ich den Psalmvers mitbete, verpflichte ich mich, dafür einzustehen, dass diese Zeichen nicht verschwinden, sondern gestärkt werden. Manchmal reicht dafür übrigens der Stimmzettel.

Von: Benedict Schubert

24. September

Die Völker, die um euch her übrig geblieben sind, sollen erfahren, dass ich der HERR bin, der da baut, was niedergerissen ist, und pflanzt, was verheert war. Hesekiel 36,36

Der Prophet Ezechiel meldet sich zu Wort, als das Gottesvolk sich in der babylonischen Gefangenschaft befindet. Auch seine prophetischen Botschaften stehen in einem Spannungsverhältnis, wenn nicht in direktem Widerspruch zu dem, was offensichtlich scheint: Nein, das babylonische Grossreich, das Jerusalem und Juda mühelos verschluckt hat, bleibt nicht bestehen. Nein, die Götter, von denen Babylon behauptet, sie hätten ihm zum Sieg verholfen, sind nicht stärker als der Ewige, den Israel verehrt. Und nein, Gott hat sein Volk nicht aufgegeben.

Ezechiel weiss, dass das schwer zu glauben sein mag, doch genau solchen Glauben will er mit den Worten wecken, die er in Gottes Namen ausrichtet: Gott ist der Gott des Lebens. Gott schafft Leben. Gott erhält Leben. Gott erneuert Leben. Gott lässt Leben sogar aus dem Tod auferstehen!

Der Ewige löste sein Versprechen nicht so ein, dass das Volk triumphierend heimkehren und noch einmal ein militärisch und wirtschaftlich starkes Reich aufbauen konnte. (Das Prophetenwort eignet sich also schlecht als Begründung für gewalttätigen Nationalismus.) Aufgebaut und fruchtbar wurden durch Gottes Geist der Glaube, das Nachdenken über und das Feiern von Gottes Handeln und Gegenwart. Gottes Macht wird im Wort erfahren.

Von: Benedict Schubert

23. September

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Psalm 103,2

Mein Partner und ich haben seit einiger Zeit ein Ritual am Abend vor dem Einschlafen: Wir sagen, wofür wir an diesem Tag dankbar sind. Zuerst er, dann ich. Oder zuerst ich, dann er. Die Dinge, die wir da aufzählen, können zum Beispiel diese sein: Etwas ist uns in unserer Arbeit gut gelungen. Wir haben uns zu etwas Unangenehmem oder Schwierigem überwinden können. Wir haben ein feines Essen gehabt. Wir sind dankbar für das Haus, in dem wir wohnen dürfen. Der Sohn ist gut aus dem Lager zurückgekehrt. Die Tochter ist gut nach Italien abgereist. Jemand fordert uns zu einer Tat oder Haltung heraus, die uns weiterbringt. Die Rosen im Garten blühen. Das Singen im Chor war schön. Wir sind froh, einander zu haben.

Solche Dinge sagen wir einander. Manchmal schweift jemand von uns ab, beginnt plötzlich zu erzählen. Das ist manchmal gut, und manchmal, wenn wir müde sind, knurrt die eine Person die andere zurecht, damit diese zum Punkt kommt. Wenn wir fertig sind mit unseren Aufzählungen, sagen wir «Amen». Ich weiss nicht mehr, wie dieses Amen aufgetaucht ist. Aber es gibt unserem Ritual den Charakter eines Dankgebets. Und das ist passend, weil wir immer wie-der merken, wie uns vieles passiert und wie wir in unserer Abhängigkeit von anderen viel Gutes erleben dürfen, das nicht auf unser Tun zurückgeht, sondern ein Geschenk ist.

Von: Katharina Metzger

22. September

Josef hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füssen. Apostelgeschichte 4,37

Jetzt kommt mir gerade das Märchen «Die Sterntaler» in den Sinn. Darin wandert ein armes Waisenmädchen in die Welt und verschenkt nach und nach seinen letzten Besitz: das letzte Stück Brot, die Mütze, den Mantel, das Kleid, das Hemdchen. Dann hat sie gar nichts mehr und ist allein im Wald. Da fallen die Sterne als Silbertaler vom Himmel und sie hat das feinste Hemdchen an. Bis zu ihrem Lebensende wird sie nun genug haben.

Und da ist dieser Josef: Er verkauft seinen Acker. Das heisst, er löst sich wohl von seinem Lebensunterhalt, er löst sich von den Arbeiten, Mühen und Freuden, die mit diesem Acker zusammenhängen. Wozu?

Er legt das Geld den Aposteln zu Füssen. Die Apostel führen eine wachsende Gruppe von Menschen an, die an Jesus Christus als Gottes Sohn glauben. Sie stehen unter dem Druck der herrschenden Elite. Im gemeinsamen Gebet erleben sie den Heiligen Geist. Und sie erleben sich als eine Gemeinschaft, die «ein Herz und eine Seele» ist und die jeglichen Besitz miteinander teilt.

Josef und das Mädchen verschenken aus freiem Willen ihr Hab und Gut, ja gar sich selbst. Sie begeben sich in Unsicherheit und Gefahr, um etwas anderes, etwas Grösseres, vielleicht etwas noch Unbekanntes zu erlangen … Wie empfinde ich diese Haltung für mein eigenes Leben?

Von: Katharina Metzger