Du stellst meine Füsse auf weiten Raum. Psalm 31,9
Dieser uns allen so gut bekannte Vers ist wie die Fortsetzung
des Exodustexts: Gott schenkt die Freiheit nach dem
Auszug aus den alten engen und übermächtigen Strukturen
für einen weiten Raum, den wir durchwandern und mitgestalten
können.
Ich kann nicht anders, als dabei an die Taufe unseres jüngsten
Enkels zu denken, dessen Taufspruch dieser Vers ist. Er
nahm ihn damals im Gottesdienst wörtlich: Mit seinen zwei
Jahren sprang er aus der Kirchenbank und wanderte zielstrebig
und neugierig zuerst zum Altar, dann im weiten Raum
davor hin und her, betrachtete alle Ecken, die Kanzel, die
Pfarrerin und liess sich schliesslich etwas widerwillig von seinen
Eltern zurückholen. Der Anfang für ein Leben in einem
weiten Raum war gemacht. Nun hoffe ich sehr, dass er ihn
in seinem Leben immer wieder findet und nutzt.
Natürlich hat dieser weite Raum auch Grenzen, das sind
nicht nur die Bedürfnisse der Mitmenschen, die Rücksicht
auf sie und ihre freie Entfaltung, sondern auch die eigenen
Möglichkeiten und Grenzen. Diese Balance zu finden, ist eine
Lebensaufgabe, die uns immer wieder neu herausfordert.
Mut, Fantasie, manchmal auch Überschreiten der Konventionen
und die Gewissheit, dass nach dem Scheitern ein
Neuanfang möglich ist und unser Versagen verziehen wird.
Das ist ein grosses Versprechen! – Dank sei dir, Gott!
Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker