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8. Oktober

Viele Propheten und Gerechte haben sich gesehnt, zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört und haben es nicht gehört.
Matthäus 13,17

Glauben ist ein dehnbarer Begriff. Jede und jeder von uns bringt die eigene Erfahrung ins Spiel. Für mich bedeutet Glauben nicht etwas Statisches, sondern eher eine unaufhörliche Auseinandersetzung mit einer Sehnsucht, einem Sehnen nach etwas, das wir umso schmerzhafter spüren, je mehr es uns mangelt. Es ist da, und gleichzeitig fehlt es. Es ist wie ein kaltes Feuer, das entzündet werden möchte, aber es brennt ja schon!
Es brennt, aber es wärmt noch nicht.
Wir warten noch auf die Erfüllung dieser immerwährenden Sehnsucht, die Menschen seit jeher mit sich getragen haben und für die sie keinen Namen oder vielleicht überwältigend viele Namen haben. Aus diesem Gefühl der Sehnsucht nach Verbundensein haben viele Prophetinnen und Propheten grosse Kraft und Inspiration für ihr Leben geschöpft.

Sehnsucht weist in die Zukunft: Sie verbirgt und enthüllt gleichzeitig: Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Und doch zeigt es sich schon überall, wie die Schönheit eines gerade erst geborenen Menschenkindes. Wenn die Geduld gross genug sein wird, sehen und hören die Prophetinnen und Propheten schlussendlich doch etwas im Durcheinander verschiedener Geräusche.

Von Reinhild Traitler

7. Oktober

Sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude. Psalm 30,6

In meiner Familie gab es eine gewisse Häufung von Mitgliedern, die in Sekundenschnelle auf 180 Grad «steigen» konnten. Das machte sich dann auf unterschiedliche Art bemerkbar. Die einen schimpften so laut, dass auch die Nachbarn etwas davon hatten; die anderen «fäulten» – so nannten wir es, wenn dieser oder jener so richtig wütend wurde, aber nichts sagte. Es gab einen Champion im Versprühen von leisem Zorn. Er verschwand an ruhige Orte und schwieg, gelegentlich drei, vier Tage oder auch fünf, dann war alles wieder gut. Nicht für mich allerdings, weil ich öfter nicht einmal wusste, warum er auf einmal auf Tauchstation war. Trotzdem haben wir immer wieder «Frieden geschlossen», mit allen! Der Zorn währt einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Wie oft habe ich diesen Vers gebetet und war dankbar, dass er da in der Bibel steht, fett gedruckt im 30. Psalm, dass er mich tröstet, wenn ich mal da und dort ein Wort in
die falsche Kehle gekriegt habe.
Wie wunderbar es doch ist: Auf das Weinen folgt die Freude.
Lebenslang ist mir Gottes Gnade zugesagt. «Und des Morgens ist Freude!»

Von Reinhild Traitler

6. Oktober

Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.
1. Thessalonicher 5,11

Am Schluss des 1. Thessalonicherbriefs beschreibt Paulus handfest, wie das Zusammenleben in Gemeinschaft funktionieren kann. Zentral ist die Hoffnung. Hoffnung, dass es anders kommen wird. Dass es schon jetzt anders geht, als sich aus Enttäuschung mit Drogen zuzudröhnen, in der Konkurrenz aller gegen alle Hass zu kultivieren oder Böses mit Bösem zu vergelten.
Gutes Zusammenleben ist für Paulus Sorgearbeit füreinander, heitere Solidarität. Verbunden mit der Stützung der Schwachen und der Ermutigung der Verzagten, mit dem Ringen um Frieden im Kleinen. Dazu kommt die kritische Prüfung der Verhältnisse: Wo gibt es Potenzial für Veränderung? Fundament ist Dankbarkeit – auch gegenüber Gott und seiner Sorge um das Leben.
Ich kenne Familien und Wohngemeinschaften, die einigermassen so funktionieren, Altersheime, Unternehmen, Quartiergemeinschaften, Vereine, die sich an solchen Visionen messen lassen. Kürzlich habe ich einen Mann erzählen gehört von seiner Gefängniszeit während der argentinischen Militärdiktatur. Im Kollektiv übten Menschen über Jahre Widerstand und Solidarität ein. Sie entwickelten eine faszinierende Kultur, sich gegenseitig immer wieder aufzurichten, um weder verrückt zu werden noch langsam zu sterben. Eine Kultur des gemeinsamen Lebens.

Von Matthias Hui

5. Oktober

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schliessen. Jeremia 31,31

Als Kind war ich ein grosser Autofan. Ich kannte jedes Modell und war traurig, dass meine Eltern zuerst keinen und später nur einen kleinen roten Wagen besassen – keinen BMW oder Volvo wie die Nachbarn. Heute lebe ich glücklich ohne Auto. Wie fast alle meiner jetzigen Nachbar*innen. (Natürlich freue ich mich, wenn ich meine Mutter ab und zu mit einem – roten! – Mobilityfahrzeug ausfahren kann. Sogar der kleine Autofreund sitzt dann mit am Steuer.)

Aber mit den Autos und Flugzeugen, mit Heizungen und Klimaanlagen, mit dem Fleisch- und Betonkonsum haben wir die Erde ausgebeutet und geschändet. Das Klima ist ausser Rand und Band geraten. Das Wirtschaftssystem entreisst dem Boden noch immer alle Schätze, die es kann, und schifft sie dem, der zahlt, heran. Öl, Kohle und Gas alimentieren die Motoren des Fortschritts immer noch weiter und schaffen ständig noch mehr Erhitzung und Krieg. Aber das imperial-fossile Zeitalter kommt an ein Ende. Zu spät? Ist die Welt am Ende? Nähert sie sich ihrem Untergang?
Gibt es in dieser Sintflut, in der viele längst stecken oder darin untergehen, das Angebot eines neuen Bundes für das Leben? Woher kommt Hilfe? Gratis? Für wen? Und wird die seufzende, zerstörte Schöpfung geheilt werden?

Von Matthias Hui

4. Oktober

Der HERR schafft Recht den Waisen und Witwen und hat Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben. 5. Mose 10,18–19

Den Fremden zu lieben, weil man selbst als Fremdling in Ägypten gelebt hat, ist hier keine ethische Verhaltensanweiung, sondern Ausdruck der Gottesehrung. Den heutigen Versen voraus geht Vers 17: «Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der grosse, starke und furchtbare Gott, der kein Ansehen der Person kennt und keine Bestechung annimmt …» Und ihnen folgt zusammenfassend Vers 20: «Den HERRN, deinen Gott, sollst du fürchten, ihm sollst du dienen, an ihm festhalten und bei seinem Namen schwören…» Fremde, Flüchtlinge nicht zu lieben und aufzunehmen, kann es gar nicht geben, wo an Gott als die einzige Wahrheit geglaubt wird – das wird hier gesagt! Indem ich tue, was in den heutigen Versen steht, zeige ich meinen Gottesglauben. Mache ich deutlich, woher meine Lebenskraft kommt. Entscheidend ist das Verbum «lieben»: Es umfasst das ganze breite Spektrum meiner Zuwendungsmöglichkeiten, also dasselbe, was ich Gott gegenüber zum Ausdruck bringe. So, wie Gott sich jenen zuwendet, die viel verloren haben, den Waisen und Witwen. Diese wahrgenommene und gespürte Zuwendung kann ich abbilden, wenn ich jene liebe, die ebenfalls viel verloren haben auf ihrem Weg; mein Lieben kann Leben bewirken …

Von Hans Strub

3. Oktober

Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: «Was machst du?» Jesaja 45,9

Gott ist einziger Gott, und er ist Gott der Geschichte. Diese Grundüberzeugung des Propheten Jesaja wird in diesen Kapiteln ausführlich und eindringlich ausgedrückt. Gott allein entscheidet, wie sich die Weltgeschichte entwickelt. Es ist Gott allein anheimgestellt, wen er auswählt zur Durchsetzung seines Willens. Hier ist es gar eine ausländische Macht, der Perserkönig Kyros. Dass wirklich dieser fremde König den Willen des alleinigen Gottes ausführt, wurde von vielen in Israel vehement bestritten. Solche Kritik steht uns nicht zu, sagt Jesaja – genauso wenig wie es dem Ton zustehen könnte, dem Töpfer Anweisungen zu geben. Denn, so führt Jesaja weiter aus, dieser unser Gott hat alles geschaffen, auch die Finsternis, auch das Unheil (Verse 7–8, in 12–13 gar in der Ich-Form). Das ist unser ganzer Glaube, er umfasst unser gesamtes Sein in dieser Welt, nicht nur die schönen und guten Momente! Daran können wir uns in dunklen und schweren Zeiten festhalten und wissen, dass Gott da auch ist. Karl Barth hat 1940 (!) geschrieben: Darum, an der Wahrheit, dass Gott Einer ist, wird das Dritte Reich Adolf Hitlers zu Schanden werden. Dieser Glaube kann uns in diesen Tagen Kraft und Hoffnung geben, denn vor diesem Gott wird auch heutiger Machthunger zusammenfallen.

Von Hans Strub

2. Oktober

Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Lukas 12,15

Sehen wir uns also vor. Und hüten wir uns. Vor jeder Art von Habgier. Hüten wir uns. Vor dieser Gier, mehr haben zu wollen. Vor dieser Gier, durch Haben mehr sein zu wollen. Hüten wir uns. Vor der Gier, immer recht haben zu wollen. Vor der Gier, stets gut dastehen zu wollen. Vor der Gier, stets das Richtige sagen zu wollen. Stets das Richtige tun zu wollen. Stets das Richtige essen zu wollen. Hüten wir uns.

Sehen wir uns also vor. Und hüten wir uns. Denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Niemand lebt davon, dass er mehr hat als andere. Niemand lebt davon, dass er mehr ist als andere. Sie lebt nicht davon, dass sie vielleicht recht hat. Er lebt nicht davon, dass er besser dasteht als andere. Sie lebt nicht davon, dass sie manchmal die richtigen Worte findet. Er lebt nicht davon, dass er tut und macht. Sie lebt nicht davon, dass sie sich gesund ernährt.

Sehen wir uns also vor. Und hüten wir uns. Denn niemand lebt davon, dass er mehr hat als andere. Dass er mehr ist als andere. Füllen wir unsere Scheunen nicht mit Scheinen. Der Schein trügt. Sehen wir uns vor. Und hüten wir uns. Niemand lebt aus sich allein. Kein Einziger. Keine. Niemand.

Von Ruth Näf Bernhard

1. Oktober

Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten. Jesaja 53,5

Und so geht es weiter: «Durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren.» Strafe und Wunden auf der einen Seite. Frieden und Heilung auf der anderen. Gott und wir. Gott mit den Menschen. Gott für uns. Weil er uns liebt. Aber dass es so arg kommen musste. Musste das denn wirklich sein? Ich beginne, meine Hände in Unschuld zu waschen. Doch nicht etwa wegen mir. Wegen mir hätte keiner sterben müssen. Warum denn auch? So dachte ich, als ich ein Kind war.

Nun bin ich erwachsen. Um ein paar Erfahrungen reicher. Auch reicher an Glauben. An Fragen und Zweifeln. Ich hätte nicht gewollt, dass jemand leidet wegen mir. Ich hätte nicht gewollt, dass jemand an meiner Seite fast zugrunde geht wegen mir. Ich hätte nicht gewollt, dass ich genau jene Menschen am meisten verletze, die mir am nächsten sind und die ich am meisten liebe. Das alles hätte ich nicht gewollt. Und dennoch ist es passiert. Wo ich wie ein Schaf umhergeirrt bin, da haben andere gelitten wegen mir. Haben Wunden davongetragen. Sich von mir gestraft gefühlt. Und mich dennoch weiterhin geliebt. Auf dass ich wieder Frieden fände. Auf dass ich durch Liebe Heilung erfahre.

Ob Gott wirklich für mich sterben musste? Ich weiss es nicht. Immer noch nicht. Doch ich glaube an seine Liebe. Und wasche meine Hände nicht länger in Unschuld.

Von Ruth Näf Bernhard

30. September

Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Psalm 90,4

Ich stehe unter dem leuchtenden Sternenhimmel. Seine Weite macht mich staunen. Ich denke an die Lichtjahre entfernten Sterne, die noch immer leuchten, obwohl sie gar nicht mehr sind. Der Hauch von Ewigkeit lässt erschaudern.

«Am Morgen blüht es, doch es vergeht, am Abend welkt es und verdorrt», schreibt der Psalmist über das menschliche Leben. Mit allen Hoffnungen und Plänen, Anstrengungen und Höhenflügen fliege ich der Bedeutungslosigkeit entgegen. Ganze Kapitel der Menschheitsgeschichte, gigantische Generationenprojekte verkümmern vor Gott zu einer einzigen Nachtwache. Wie so oft in den Psalmen arbeitet der Dichter auf ein Kippmoment hin. Vergänglichkeit bedeutet nicht Bedeutungslosigkeit und Gottverlassenheit. Vielmehr ist das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit eine tägliche Lektion in Gottes Lebensschule: «Lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.»

Im Nachthimmel über mir leuchtet eine Sternschnuppe auf. Ich stelle mir vor, wie liebevolle Begegnungen, Glücksmomente in meinem Leben aufleuchten am Firmament der Ewigkeit. Und ich denke an Menschen, deren Stern schon längst verglüht ist, aber deren Liebe und Weisheit mir zuweilen noch immer den Weg leuchten.

Von Felix Reich

29. September

Jesus kniete nieder, betete und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Es erschien ihm aber ein
Engel vom Himmel und stärkte ihn.
Lukas 22,41–43

Jesus – einzigartig in seinem Leben, einzigartig in seinem Sterben. So habe ich es gelernt. Aber ist es auch wirklich so? Irgendeinmal stellte ich fest: Offenbar war das Kreuzigen im Römischen Reich die «normale» Hinrichtungsart für Aufständische. Und sie alle, auch die zwei Verbrecher auf Golgatha, starben nicht weniger qualvoll als der sogenannte Gottessohn aus Nazaret.
«Nimm diesen Kelch von mir!» Wie viele andere haben in Gefängniszellen und Folterkammern um Errettung gefleht und mit ihrer Angst gerungen. Nicht allein mit der Angst vor jenen, denen sie ausgeliefert waren, sondern auch mit der Furcht, dass sie sich und andere verraten könnten, ihre eigene Integrität, ihre Werte – Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit… War Jesus etwa nicht der erhabene Schmerzensmann? Vielmehr einer wie sie, ein Opfer, schutzlos, gottverlassen der Macht der Täter ausgeliefert.
Immer noch, bis auf den heutigen Tag, wiederholt sich der gewaltsame Ablauf des damaligen Passionsgeschehens. Aber bis auf den heutigen Tag lässt uns unser Glaube hoffen, dass Gott bei seinen Söhnen und Töchtern ist, an den Orten des Grauens, der Schwäche und der Klage. Auch mit denen, die das Betteln um Verschonung hinter sich gelassen haben.

Von Käthi Koenig