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18. Juni

Himmel und Erde sind dein, du hast
gegründet den Erdkreis und was darinnen ist.
Nord und Süd hast du geschaffen.
Psalm 89,12–13


Seit am Nordpol das Eis zu schmelzen beginnt, bringen sich
die Mächtigen der Anrainerstaaten in Stellung. Nicht etwa
um den Lebensraum der Inuit oder der Eisbären zu schützen.
Nein, das offene Wasser ist für die Schifffahrt interessant und –
vor allem – für die Erforschung der Bodenschätze. Seltene
Erden werden dort vermutet, die in modernen Technologieprodukten
verwendet werden.
First come, first served? Wem gehören die seltenen Erden?
Wem gehören Himmel und Erde? Es ist unserem Planeten
nicht gut bekommen, dass die Gattung «Mensch» ihn als
ihr Eigentum betrachtet und rücksichtslos ausgebeutet hat.
«Macht euch die Erde untertan» (Genesis 1,22) – da haben
wir wohl etwas gründlich falsch verstanden und erhalten
jetzt die Quittung. Wie konnte es nur so weit kommen?
Es geht auch anders. Gotteslob und Respekt vor den Mitgeschöpfen
beginnen mit dem Staunen. Auf einem Berg
stehend überwältigt werden von der Rundsicht, im Sommerwald
den Duft des Harzes einatmen, ein wundersames
Wesen wie die Blauflüglige Ödlandschrecke (das Tier des Jahres
2023 von Pro Natura) kennen lernen: Aus dem Staunen,
der Bewunderung wachsen Dankbarkeit, Liebe und Respekt.
«Grosser Gott, wir loben dich; Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke.»

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Juni

Gott, der HERR, der Mächtige, redet und ruft der Welt
zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang.

Psalm 50,1


Gott hat es nicht leicht mit uns Menschen, denke ich mir,
wenn ich die heutige Losung lese. Er redet und ruft. Beständig.
Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Bis
zur Verzweiflung beharrlich erscheint mir Gottes Wille, mit
der Welt, mit uns in Beziehung zu treten. El, der Allmächtige,
Elohim, der allein Anbetungswürdige, JHWH, der Ich-binder-
ich-bin – er redet und ruft.
Nein, ich spiele nicht auf die gerne im Munde geführte Rede
von Glaubensverlust und Gottlosigkeit unserer Zeit an. Ich
spiele an auf eine Analyse des bekannten Soziologen Hartmut
Rosa. Uns mangle es an der Fähigkeit, uns anrufen zu
lassen, meint er. So leben wir in einem Aggressionsverhältnis
zur Welt, fragen: Was habe ich davon? Was kriege ich? Was
beherrsche ich, was beherrsche ich nicht?
Gott bleibt beharrlich. Redet und ruft. Ruft uns in die Beziehung
mit ihm. Verspricht: Am Grunde deiner Existenz liegt
nicht ein kaltes, schweigsames Universum – sondern eine
Antwortbeziehung. Der allmächtige Gott meint mich. Ruft
mich an. Eine Verbindung entsteht. Verwandelt mich. Öffnet
meinen Sinn dafür, mich anrufen und verändern zu lassen,
und befähigt mich, aus dem Aggressionsverhältnis heraus
und in ein Resonanzverhältnis mit der Welt zu treten.

Von: Maria Moser

16. Juni

Wir wollen die Versammlung der Gemeinde
nicht verlassen, wie es bei einigen üblich geworden ist,
sondern einander mit Zuspruch beistehen.

Hebräer 10,25


Warum bin ich in der Kirche? Der Hauptgrund, warum ich
in der Kirche bin, ist Sehnsucht nach Spiritualität. Meine
Seele braucht Nahrung, die ich mir nicht selbst geben kann.
Gedanken und Symbole. Wort und Abendmahl. Rituale und
Predigt. Nahrung, die beide Hirnhälften anspricht. Die linke,
die mehr für das Fühlen, und die rechte, die für das Nachdenken
zuständig ist.
Gemeinde, Kirche, das ist für mich: das Wort von Gott,
das Herz und Hirn trifft, die segnende Hand, die Hoffnungsträgertasche
mit Lebensmitteln für Bedürftige von der Diakonie,
die vielen ehrenamtlich Mitarbeitenden in meiner
Kirchgemeinde, die Pfarrpersonen – das heisst die Kolleginnen
und Kollegen, die fast rund um die Uhr im Einsatz für
die Menschen sind. Es ist wunderbar, dass sich meine Kirche,
meine Gemeinde engagiert, für andere da ist und öffentlich
Partei ergreift.
Kirche ist nicht nur eine einzelne Gemeinde. Man kann
suchen, ausprobieren, auswählen, finden, auch im Netz auf
Facebook und Instagram.
Mir ist meine Gemeinde, meine Kirche ans Herz gewachsen
und ich bin zu einem Teil von ihr geworden.

Von: Carsten Marx

15. Juni

Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist,
dass wir Gottes Kinder sind.
Römer 8,16


Was treibt uns an? Das Gute! Die Neugierde! Der Ehrgeiz!
Die Verantwortung? Die Gier? Die Liebe? Der Mut? Die
Angst? Der Erfolg? Das Geld? Gott?
In den letzten Jahren hat uns das Virus getrieben: Lockdowns,
Maske, Abstand, Hygiene. Die Wissenschaft wurde
angetrieben, innerhalb kürzester Zeit einen Impfstoff zu
entwickeln. Es grenzt an ein Wunder, dass ihr das gelang.
Hoffnung keimte auf.
Der Geist Gottes, von dem der Apostel Paulus in unserem
heutigen Lehrtext spricht, ist kein Sklaventreiber. Zu unserem
Alltagsstress will er uns nicht noch zusätzlichen Stress
machen. Diejenigen, die von Gottes Geist erfüllt sind, die
Gott Raum geben, sind Gottes Kinder.
Der Geist Gottes ist die Energiequelle. Er ist der Treibstoff,
nicht der Antreiber!
Wir sind Gottes Kinder. Mich beruhigt dieser Satz. Ich darf
im Schutzraum Gottes leben. Gott hat seinen Heiligen Geist
in unsere Welt gegeben, der uns zum Glauben befähigt. Er
ist die Kraft Gottes, die in und unter uns wirkt, und ich darf
ein Kind Gottes sein. Darüber freue ich mich. Ich darf die
Schöpfung
Gottes betrachten: den Apfel, den Baum, die
Erde, das Wasser. Schritt für Schritt erkenne ich das grosse
Geheimnis: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist – das ist
eine Familie.

Von: Carsten Marx

14. Juni

Freut euch! Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit
spüren. Der Herr ist nahe.
Philipper 4,4–5


Sanftmut, Nachsicht, Aufgeschlossenheit, Herzensgüte,
Warmherzigkeit, Langmut sind einige der Begriffe, die sich
bei der Suche nach einem Synonym für Freundlichkeit im
Lexikon finden lassen. Sie verweisen zugleich auf das, was
der Inhalt des «Freut euch!» ist.
Hier wird ein Verhalten angesprochen, das in der Zeit der
Abfassung des Philipperbriefes von der Naherwartung, der
Hoffnung auf die baldige Wiederkehr Christi geprägt war. Ist
es damit ein Text von «ehemals», ohne Relevanz für heute?
Oder drückt er so etwas wie einen kategorischen Imperativ
des Christseins aus?
Ich fand es interessant, den Text von hinten her zu lesen.
Dann bedeutet, dass der Herr nahe ist, wenn allen Menschen
unsere Freundlichkeit in der obigen Verhaltensweise
entgegentritt. Wenn sie uns, unter anderem, als nachsichtig,
freundlich erleben. So, das wird mir deutlich, kommt auch
bei mir grosse Freude auf. Denn durch die von mir praktizierte
Herzensgüte, Warmherzigkeit in Langmut und Nachsicht,
anstelle von Ungeduld, Feindschaft und Gewalt, ist
der Herr und Vater Jesu Christi tatsächlich allen Menschen
nahe. So ist sie nicht von «ehemals», sondern eine Losung
für heute, gesprochen in unsere spannungsreiche Zeit, die
danach ruft, alle Menschen an gegenseitiger innerer und
äusserer Freude aktiv teilhaben zu lassen.

Von: Gert Rüppell

13. Juni

So lass nun deine Kraft, o Herr, gross werden,
wie du gesagt hast.
4. Mose 14,17


Im Kontext der Losung geht es Gott um die Bestrafung des
murrenden, ungläubigen Volkes Israel. Angesichts seines
Misstrauens und Unglaubens weigert Gott sich, es in das
versprochene
Land zu bringen. Da schaltet sich Mose ein
und argumentiert mit Gott, dem er – man ist versucht zu
sagen: in schelmischer Weise – vorführt, was für erbärmliche
Konsequenzen solches Handeln für Gottes Image hätte.
Ein Image, das ihn nicht nur in den Augen der Gegner als
Schwächling und unvollkommen darstellt, sondern vor allem
als einen Gott, der geduldig und barmherzig ist und Fehler
verzeiht. Mose erinnert Gott, dass er nicht nur ein befreiender,
sondern auch ein gnädiger Gott ist. Ein Gott, von dem
Maria, laut Lehrtext, später sagen wird, dass er grosse Dinge
an ihr getan hat. An diese Fähigkeit, grosse Dinge zu tun und
kein Gott der Strafaktionen zu sein, erinnert Mose Gott.
Dieser Dialog behandelt eine der Kerneinsichten unseres
Glaubens: Sola gratia. Wir sind bei all unserem Verhalten
immer neu auf die versprochene Kraft, auf die Gnade Gottes
angewiesen. Aus dem Zweifel, das macht diese Losung für
mich deutlich, führt in einem dialogischen Glauben der Weg
in das Gespräch mit Gott. Aus dem Zweifel führt der Weg
in das Gebet, das Ringen mit Gott, dessen Antwort bei Gott
liegt. Aber, das zeigt der Kontext heute, eine Antwort, die
die Kraft Gottes als Kraft eines barmherzigen Gottes zeigt.

Von: Gert Rüppell

12. Juni

Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel
sein über einen Sünder, der Busse tut, mehr als über
neunundneunzig Gerechte, die der Busse nicht
bedürfen.
Lukas 15,7


Von Umkehr war gestern die Rede. Heute doppeln wir nach.
Sünde, Sünder, sündigen: eine der schwierigeren Wortgruppen
der biblischen und kirchlichen Sprache. Sünden als
einzelne Handlungen zu bezeichnen, ist umgangssprachlich
geläufig, verharmlost aber, was hinter dem Begriff steht,
nämlich die existenzielle Situation des Menschen, die ihn in
der Distanz zu Gott gefangen hält. Reformatorische Theologie
hat sich tief und eingehend mit dem Schicksal des
«Sünders» befasst, der durch Gott selbst aus dieser Distanz
befreit wird. In neuerer Zeit ist eine Ausweitung des Begriffs
nötig geworden: Unheil entsteht nicht nur durch Handlungen
Einzelner, sondern durch Strukturen, die individuell
meist nur schwer beeinflussbar sind, was als «strukturelle
Sünde» bezeichnet wird. Busse ist dann mehr als ein ausgleichender
Akt. Im Sinne des Neuen Testaments geht es
wörtlich um die Sinnesänderung, die Umkehr des Denkens.
Das mag individuell verstanden werden als das Bemühen
um eine moralische Lebensänderung. Es braucht aber heute
mehr: den Einsatz für eine Welt mit weniger «struktureller»
Sünde. Das ist politisch, und so kann es denn keinen apolitischen
Glauben geben, wenn wir das Neue Testament in
unserer Zeit ernst nehmen.

Von: Andreas Marti

11. Juni

Kehrt um zum HERRN, von welchem ihr so sehr
abgewichen seid!
Jesaja 31,6


Das Mahnwort des Propheten Jesaja ist in eine Zeit grosser
Bedrohung des alten Israel durch seine kriegerischen Nachbarn
gesprochen. Eine solche bedrohliche Situation nachzufühlen,
fällt uns – leider – heute nicht allzu schwer; die
Rede ist von Permakrise, von Multikrise, deren Einzelheiten
wir hier nicht aufzuzählen brauchen. Jesaja bringt die Krise
in Verbindung mit dem Abfall des Volkes von Gott; die
Umkehr wäre die Voraussetzung dafür, dass die Bedrohung
verschwindet. Dass die heutigen Krisen durch einige fundamentalistische
Unheilspropheten für die eigene Propaganda
missbraucht werden, ist bedenklich. Dagegen ist zu
protestieren.
Und doch bleibt ein Unbehagen, eine Verunsicherung.
Wäre das Unheil, das uns bedroht, zu vermeiden, wenn die
Menschen – oder eine massgebliche Zahl unter ihnen – sich
nicht vom Grund des Seins entfernt hätten, oder christlich
gesprochen: sich nicht von Gott als dem Urgrund des Seins
getrennt hätten?
Und ist das Unheil nicht vielleicht doch zu beeinflussen,
wenn Menschen sich auf diesen Urgrund besinnen, wenn sie
in unterschiedlichen Religionen auf deren lebensfördernden
Kern rekurrieren, anstatt sie für Herrschaftssysteme oder gar
Gewaltausübung zu missbrauchen?

Von: Andreas Marti

10. Juni

Selig sind, die da geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.
Matthäus 5,3


Ich habe wegen des «geistlich arm» nach einer anderen
Übersetzung gesucht und in der «Volxbibel» folgende
gefunden: «Herzlichen Glückwunsch! Hart feiern können
die Leute, die nicht so gut checken, wo es spirituell langgeht.
Die nichts haben, mit dem sie Gott beeindrucken könnten.
Sie werden mit Gott dort leben, wo er der Chef ist.»
Geistlich arm würde ich nach dieser Übersetzung so verstehen:
weder vertieftes Wissen noch felsenfeste Überzeugungen
von einer Glaubenspraxis zu haben. Würde das auf
mich zutreffen? Ja, und auch nein: Ich bin nicht arm. Weder
materiell noch – behaupte ich – geistlich. Deswegen kann
ich nicht über Armut schreiben. Denn ich kann mich auf
vieles verlassen: auf meinen Monatslohn, auf mein Haus,
auf die medizinische Versorgung, auf die Ausbildung meiner
Kinder, auf die Ferien … Ich kann mich verlassen auf die
Liebe meiner Nächsten, auf das Äussern und Diskutieren von
Gedanken, auf Tätigkeiten, die mich erfüllen, auf ein Leben
voller Möglichkeiten. Ich verlasse mich auch darauf, dass
es nicht schlimm ist, wenn ich im Glauben zweifelnd und
fragend bin, ich darf trotzdem in spirituellen Gruppen mit
dabei sein. Aber wenn ich all diese Gewissheiten loslassen
müsste? Irgendwo fremd, unverstanden und womöglich arm
sein müsste? Würde ich dann verzweifeln oder durch diese
Armut gerade für Neues, Unerwartetes offen werden?

Von: Katharina Metzger

9. Juni

Der HERR, dein Gott, wandelte dir den Fluch in
Segen um, weil dich der HERR, dein Gott, lieb hatte.
5. Mose 23,6

Fluch und Segen. Beim heutigen Text ist es Bileam, der das
Volk Israel verflucht haben soll. Weiter heisst es, wie Gott
auf diesen Fluch reagierte: «Aber der Herr, dein Gott, wollte
nicht auf Bileam hören …», und dann folgt obiger Vers.
Hier stehen also menschliche Wünsche und Verwünschungen
und göttliche Kräfte in Verbindung miteinander. Und es
kommt mir so vor, als ob es dem Volk Israel erst hinterher
bewusst geworden wäre, dass es inmitten dieser guten und
schlechten «Sendungen» stand.
Als Wesen, das Fluch oder Segen empfängt, ist man also
immer irgendwie ausgeliefert. Können wir da nicht auch
selbst etwas in die Hand nehmen? Vielleicht das: Vor ein paar
Tagen hat mir eine Nachbarin, die nicht sonderlich religiös
ist, erzählt, sie habe ihren Kindern immer gesagt, sie dürften
nicht «Gopferdammi» sagen. Und ich erinnerte mich,
dass meine Mutter uns Kindern das auch so beigebracht
hatte. «Warum denn? Was heisst das überhaupt?», hatten
wir damals zurückgefragt. «Das heisst: Der Liebgott sell mi
nümm gärn ha», hatte meine Mutter erwidert. Ich übersetze
noch etwas weiter: Das würde heissen, sich selbst dem Fluch
und nur dem Fluch auszusetzen und jegliche Verbindung zur
Liebe zu kappen.

Von: Katharina Metzger