Kategorie: Texte

7. September

Bleibe bei dem, was du gelernt hast
und was dir anvertraut ist.
2. Timotheus 3,14

Hier hat ein Autor in der Nachfolge von Paulus den Versuch
gemacht, die Gemeinde auf das bisher Gelernte zu verpflichten.
Das versucht er im Hinblick auf das nahende Ende und
die Wiederkunft Christi.
Nun wissen wir heute, dass dies nicht so schnell funktioniert
hat. Die Erde dreht sich immer noch und der Versuch,
Menschen auf «die eine Wahrheit» zu verpflichten, wird
täglich neu unternommen. Manchmal hat das Erfolg, häufig
jedoch nicht.
Würden wir immer dem einmal Gelernten und Vertrauten
folgen, ohne zu lernen und Veränderungen zuzulassen,
wären wir erstarrt. Das ist eine Vorstellung, die mir sehr
schwerfällt. Unser Verständnis von Nachfolge und auch
unsere Vorstellung von Gott verändert sich im Laufe unseres
Lebens. Dies ist abhängig von unseren Lebenserfahrungen
und unserer Lebenssituation. In der Zeit der sich bildenden
Gemeinden im 1. Jh. war die Selbstversicherung, auf
dem richtigen Weg und beieinander zu sein, überlebensnotwendig.
In unserer heutigen Welt ist es dies nicht mehr, aber
doch sehr hilfreich. Es ist auch stärkend, sich zu vergewissern;
doch wessen vergewissern wir uns heute? Doch nicht,
ob wir «richtig» glauben, sondern eher, ob wir noch mit
anderen auf dem gleichen Weg sind und den gleichen Kompass
verwenden! Ich nenne das: «Herausfinden, ob wir noch
im Windschatten des Heiligen Geistes segeln».

Von: Rolf Bielefeld

6. September

Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet
wahrhaftig und recht, schafft Frieden in euren Toren.
Sacharja 8,16

Der interessante Aspekt hier ist die Entstehungszeit – nämlich
nach dem babylonischen Exil. Der Autor hat offensichtlich
noch die Erzählungen aus der Exilzeit im Ohr und natürlich
auch die Erzählungen, die zum Exil geführt haben. Dies sind
sicherlich sowohl theologische als auch politische Geschichten.
Unser Autor leitet daraus etwas sehr Wichtiges ab:
«Seid ehrlich und wahrhaftig zueinander und bewahrt den
Frieden!»
Hat sich denn die Welt seit dem 6. Jh. v. Chr. tatsächlich
grundlegend gewandelt? Nun, technologisch ganz sicher,
gesellschaftspolitisch hängt es davon ab, in welche Gesellschaft
wir schauen. In den grossen Zügen wechseln sich seit
jeher Krieg, grosses Elend, Vertreibung, Flucht und Neuanfang
auf unserem Planeten ab. Die Opfer sind nach wie vor
überwiegend die breite Masse der einflusslosen Menschen,
die versuchen, ihren Alltag zu bewältigen.
Hier greift nun die Weisheit unseres Autors: Wenn wir uns
nicht um eine grundlegende Veränderung auf allen Ebenen
unseres Zusammenlebens im Kleinen und im Grossen bemühen,
gehen wir zugrunde. Diese Gewissheit immer wieder
zu verbreiten, ist unsere Lebensaufgabe als Glaubende. Wir
leben aus der Zusage unseres Gottes «des neuen Himmels
und der neuen Erde» heraus – dann lasst sie uns auch aktiv
weitergeben.

Von: Rolf Bielefeld

5. September

Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und
deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn
ich erlöse dich!
Jesaja 44,22

Plötzlich wird es für das Volk Israel leicht, neu anzufangen.
Propheten wie Jesaja hatten seinerzeit die Zustände
kritisiert,
die von Unrecht geprägt waren. Später halfen ihre
Worte, den Untergang des eigenen Staates zu verarbeiten.
Dass Jerusalem von den Babyloniern erobert wurde, bedeutete
nicht, der Gott Israels habe versagt. Vielmehr sollte das
Volk anfangen, seine eigene Verantwortung zu erkennen.
Im zweiten Teil des Jesajabuchs sind die Worte eines neuen
Propheten zu hören, der in der Zeit des babylonischen Exils
wirkte. Er spricht davon, dass Gott die Schuld vergibt und
dem Volk einen neuen Anfang ermöglicht. Als Bild nimmt er
eine Wolke, die am Morgen rasch vom Himmel verschwindet,
wenn die Sonne aufgeht. Genauso leicht fällt es Gott,
die Fehler des Volkes wegzuwischen. Die Beziehung zu Gott,
die zum Erbe von Israel gehört, wird wiederhergestellt.
«Weggewischt
habe ich deine Verbrechen wie Gewölk und
wie eine Wolke deine Sünden. Kehre zu mir zurück, denn
ich habe dich für mich freigekauft.» Israel kam in seiner
Geschichte auf einem harten Weg zur Erkenntnis, dass Gott
Sünden vergibt. Durch Jesus Christus sind auch Menschen
aus anderen Völkern dazu gelangt, an den Gott zu glauben,
der «barmherzig und gnädig» ist.

Von: Andreas Egli

4. September

Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir,
darum gedenke ich an dich.
Psalm 42,7

Betrübt oder deprimiert ist ein Mensch in diesem Gebet,
und er erlebt eine Zeit, in der Gott für sein Empfinden weit
entfernt ist. Der grosse Abstand wird mit einem Vergleich
aus der Geografie ausgedrückt. Das Hermongebirge lag ganz
im Norden, an der Grenze des Gebiets von Israel. Von dort
war es ein weiter Weg bis zu einem anderen Berg, der zwar
weniger hoch, aber für den Glauben viel wichtiger war. Auf
dem Berg Zion in Jerusalem war Gott für die Gläubigen
gegenwärtig, wenn sie zum Tempel kamen. Aber dort war
der Betende schon lange nicht mehr. «Mein Gott, über mir
ist meine Seele niedergedrückt. Deshalb will ich mich an dich
erinnern – vom Lande des Jordan und des Hermongebirges
her, vom kleinen Berg.» Der Psalm spricht von zwei Haltungen,
welche helfen, die Zeit der Gottesferne zu ertragen. Die
eine ist die dankbare Erinnerung. Der Mensch richtet seine
Gedanken auf Gott und auf das, was er mit ihm erfahren
hat. Die andere Haltung ist die hoffnungsvolle Erwartung.
Der Mensch macht sich bewusst, was er von Gott erhofft.
«Was bist du niedergedrückt, meine Seele? Und was lärmst
du in mir? Warte auf Gott. Denn ich werde ihn wieder preisen
– meine Hilfe und mein Gott.» (Refrain Vers 12) In der
Erinnerung und in der Erwartung findet der Glaube Kraft
für die Gegenwart.

Von: Andreas Egli

3. September

So schau nun vom Himmel und sieh herab von
deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun
dein Eifer und deine Macht?
Jesaja 63,15

Ich schaue gar nicht nach, in welchem Zusammenhang diese
Worte geäussert wurden. Sie packen mich und passen so gut
auf unsere heutige Weltlage: Alles läuft schief, Klima, Kriege,
Gewalt, Drogen, Verbrechen, Korruption. Wir Menschen
fahren unsere Welt an die Wand. Gänzlich ineffektiv sind die
Intentionen und Taten, den schlimmen Kurs zu stoppen, und
die Hoffnung auf ein gutes Ende ist an einem sehr kleinen
Ort. Ich bin nicht allein mit meinen pessimistischen Gedanken,
wo ich geh und steh, höre ich sie auch von anderen.
Ja, und wo ist da ein Gott, der eingreift? Die heutige Losung
verhöhnt ihn geradezu. Wo ist sein Eifer, seine Macht? Da ist
ein Gott in der Höhe, der es sich in seiner herrlichen Wohnung
gut gehen lässt und wir hier unten sind ihm egal, er
greift nicht ein und lässt unseren Untergang zu.
So aktuell die Losung für heute ist, so war sie damals, sie
bezieht sich nämlich auf das babylonische Exil und die Zerstörung
des Tempels. Wo war Gott damals, wo ist er heute?
Und doch: Es lebt sich besser mit der Annahme, dass wir
Gott nicht gleichgültig sind, und: Von ihm beziehen wir die
Kraft, unsererseits Gegensteuer zu geben.

Von: Kathrin Asper

2. September

Du sollst kein falsches Gerücht verbreiten. 2. Mose 23,1

War Lady Diana schwanger, als sie starb, und Elvis Presley,
lebt er vielleicht noch, und König Charles, ist er vielleicht
krank? Das sind Gerüchte, und sie verbreiten sich in Windeseile,
richten Schaden an und haften an der Person, gegen
die das Gerücht gerichtet ist, wie Gestank und Dreck und
sind kaum mehr loszuwerden. Ganze Nationen können
mit Gerüchten manipuliert werden und Menschen folgen
ihnen blindlings. So glauben die Russen Putins Gerede über
die Ukraine, Amerikaner folgen Trumps Fake News und die
Kriegseuphorie der Nationalsozialisten wurde damals blind
geteilt.
Der Künstler A. Paul Weber hat eine unglaublich eindrückliche
Lithografie gestaltet namens «Das Gerücht»: Da
windet sich ein schlangenartiges Wesen mit Menschenkopf,
spitzen Ohren, grossen Augen quer durch das ganze
Bild an einem Hochhaus vorbei. Aus den unzähligen
Fenstern schauen Menschen, quellen heraus, ja springen heraus
und halten sich am Schwanz des Wesens fest. So erging
es einem ganzen Volk. Die Hitler-Propaganda hat Land und
Menschen in den Abgrund geführt und Millionen zu Opfern
gemacht.
Gerüchte werden von Neidern erfunden, von Dummen
verbreitet und von Idioten geglaubt, heisst es. Hüten wir uns
davor und halten wir unsere Klatschsucht im Zaum. Übrigens:
Es lohnt sich, Webers Lithografie auf Google zu suchen.

Von: Kathrin Asper

1. September

Du hast dich müde gemacht mit der Menge
deiner Pläne.
Jesaja 47,13

Heute ist der Ökumenische Tag der Schöpfung. Wir gedenken
der Wunder des Lebens und der Schöpfung durch die
Allmächtige. Der Mensch kraxelt erdgeschichtlich erst seit
extrem kurzer Zeit auf dem Planeten herum. Je nach Quelle
irgendwo zwischen 300 000 und 700 000 Jahren. Ich bin
kein Fan des Kreationismus, gemäss dem die Welt erst 6000
bis maximal 12 000 Jahre alt ist. Spannend ist ja die Tatsache,
in welch kurzer Zeit wir als Menschheit den Planeten an den
Rand gedrängt haben. Alle Kurven zeigen heute steil nach
oben. Energie- und Ressourcenverbrauch, CO2-Ausstoss,
Bevölkerungswachstum, Anzahl Waffen …
Einige nimmermüde Klimaaktivistinnen (nicht nur die
Klimakleber)
geben nicht auf, sich gegen die Grossen der
Welt zu stemmen und ein anderes Wirtschafts- und Lebenssystem
zu finden und zu fördern. Sie opfern sich beinahe auf,
um eine Handvoll anderer davon zu überzeugen, doch bitte
nicht ganz alles kaputt zu machen, sondern etwas für die
kommenden Generationen dazulassen. Bis heute vergeblich,
Wachstum ist gottgleich und ein Ausweg kaum sichtbar.
Das macht müde. Die Menge unserer Pläne für eine lebenswerte
Zukunft nimmt zu. Aber nützen sie etwas? Was
brauchten wir wirklich, um wieder in den paradiesischen
Urzustand zu gelangen?
Weniger Pläne und mehr Stille. Gebet und Dankbarkeit.
Amen!

Von: Markus Bürki

31. August

Unser tägliches Brot gib uns heute. Matthäus 6,11

Genug zu essen zu haben, ist keine Selbstverständlichkeit.
Daran erinnert mich der Vers gleich doppelt. Die Bitte gilt
es jeden Tag zu erneuern. Allein am heutigen Tag, im Jetzt,
genug zum Leben zu haben, scheint genug. Mein Privileg
ist, dass in meiner Bitte Dankbarkeit liegt, weil das tägliche
Brot mein Alltag ist. Ich muss nicht hungrig schlafen
gehen. Eigentlich müsste ich für das tägliche Brot der Anderen
beten.
Es gibt einen Diskurs, der das tägliche Brot zuoberst auf die
Prioritätenliste setzt und ein Recht auf Nahrung postuliert.
Was einleuchtend klingt, kippt für mich allzu oft in einen
utilitaristischen Zynismus. Autoritäre Regierungsformen, die
wirtschaftlich erfolgreich sind, werden damit gerechtfertigt,
dass sie im Kampf gegen den Hunger halt nicht auch noch
auf Minderheiten und Dissidenten Rücksicht nehmen können.
Das tägliche Brot sei wichtiger als die Meinungsfreiheit,
die Menschenrechte werden relativiert.
Ich bin überzeugt, dass sich das Evangelium gegen eine Hitparade
der Menschenrechte wendet. Beim Brot, von dem
das Unservater spricht, denke ich nicht allein ans Essen. Mir
kommt das Brot des Lebens in den Sinn, das beim Abendmahl
geteilt wird. Es umfasst für mich all das, was der Mensch
braucht. Dazu gehört Nahrung, ja, aber ebenso zählen dazu
die Würde und die Freiheit.

Von: Felix Reich

30. August

HERR, verdirb dein Volk und dein Erbe nicht,
das du durch deine grosse Kraft erlöst hast!
5. Mose 9,26

Von der Masse ist nichts zu erwarten. Keine Einsicht, keine
Reue, keine Umkehr. Gott muss feststellen, «dass dieses Volk
ein halsstarriges Volk ist» (5. Mose 9,13). Von der verdienten
Strafe kann es nur verschont werden, wenn Mose sich vor
Gott niederwirft wie vor einem König und in der Demutsgeste
vierzig Tage ohne Essen und Trinken verharrt, um Gottes
«Zorn und Grimm» (5. Mose 9,19) zu besänftigen.
Halsstarrig ist die Menschheit geblieben. Obwohl die Zeichen
der Zerstörung sichtbar sind, Gletscher sich zurückziehen
und Extremwettersituationen zunehmen, ist die grüne
Wende kaum mehr als ein Wahlkampfslogan. Ungerechtigkeiten,
die zum Himmel schreien, scheinen zementiert.
Regimes bauen auf Repression, obschon klar ist, dass Angst
eine so schlechte wie fragile Regierungsform ist. Der Mensch
braucht keinen Gott, der ihn zerstört. Das erledigt er selbst.
In Christus ist Gott selbst zum Fürbitter geworden, der die
Spirale der Gewalt durchbrochen hat. Er wollte den Zorn
und Grimm der Menschen besänftigen, blieb hartnäckig
in seiner Liebe. Ich fürchte nicht die Strafe Gottes. Angst
machen mir die Menschen. Und so bete ich, dass Gott den
Willen stärkt, von der Selbstzerstörung abzulassen, und die
Kraft verleiht für das trotzige Festhalten an der Hoffnung.

Von: Felix Reich

29. August

Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt,
was dir hilft, und dich leitet auf dem Wege, den
du gehst.
Jesaja 48,17

Ein schöner Satz. Vielleicht der Inbegriff dessen, was es
bedeutet, behütet zu sein und getrost durch das Leben zu
gehen. Da ist eine unsichtbare Kraft, die mich spüren lässt,
was ich brauche, und mir den Weg leuchtet, wenn ich nicht
mehr weiterweiss.
Im Kontext des prophetischen Textes lesen sich die Zeilen
allerdings weniger als Zuspruch denn als Mahnung. Es ist
nicht so, dass Gott auf dem Weg beschützend und unterstützend
hinterhergeht. Er gibt die Richtung vor und hat
den Anspruch voranzugehen. Ausserdem wimmelt es in der
Folge von Menschen, denen der Prophet vorwirft, die falsche
Abzweigung genommen zu haben. Sie werden «keinen
Frieden» (Jesaja 48,22) finden. Nun kippt der Satz vom Trost
in die Bevormundung. Warum brauche ich einen Gott, der
mich lehrt, was mir hilft? Muss ich das nicht selbst wissen?
Es sind die falschen Fragen.
Die Mahnung richtet sich nicht an ein Individuum, in den
Blick nimmt der Prophet ein Kollektiv. Und eine Gemeinschaft
muss sich tatsächlich auf eine Lehre einigen, welche
die Richtung vorgibt. Wer auf Gott hört, findet einen Weg,
auf dem die Schwachen gestützt werden und niemand unter
die Räder kommt.

Von: Felix Reich