Autor: Ralph Kunz

20. Februar

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und
ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt,
flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
Hiob 14,1–2

Ein tristes Bild, das Hiob von der menschlichen Existenz
zeichnet. Was er sagt, ist eine erschütternde Erkenntnis. Aber
die Worte sind auch schön. Sie erzeugen Resonanz, sind
grosse Literatur. Nehmen Sie die Bibel (oder das Handy)
und lesen Sie Kapitel 14 in Hiob. Was für eine Wucht! Und
doch so simpel. «Der Mensch bleibt nicht.» Hiob vergleicht
den Menschen mit einem Baum und meint: «Ein Baum
hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder
ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob
seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Staub
erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers
und treibt Zweige wie eine junge Pflanze. Stirbt aber ein
Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er?»
Das ist eine Anspielung auf Psalm 1 – seine bittere Widerlegung.
Denn dort heisst es, dass ein Mensch, der die Tora
studiert, wie ein Baum ist …
In Afrika habe ich gelernt, dass Bitterstoffe wichtig sind
für die Verdauung. Die Menschen kauen Colanüsse – sie
lieben das, ich fand es grauenhaft. Nur mit viel Zucker und
Wasser schmeckt es. Hiob lesen ist wie eine Colanuss. Oder
für empfindliche Geschmäcker: wie ein Schluck Coca-Cola.
Auf jeden Fall gut für die geistliche Verdauung.

Von: Ralph Kunz

19. Februar

Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts
singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.

Psalm 42,9

Der Psalmvers passt zum Sonntag! Was der Beter sagt,
hört sich an wie ein Radioprogramm. Tagsüber ist Gottes
Güte auf Sendung und in der Nacht ist Musik angesagt.
Schön beschaulich und erbaulich. Aber leider ist es nicht so
gemeint. Hier klagt einer bitterlich. Jetzt ist Nacht. Er ist am
Singen und eine Strophe seines Songs geht so: «Was betrübst
du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf
Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit
seinem Angesicht.» Wir hören einem Bluessänger zu, der
sich selbst Mut zuspricht. Für ihn ist nicht Sonntag, für ihn
ist Alltag. Und doch hält er sich an den Gott seines Lebens.
Ich bin dem Sänger dankbar, hat er sein Elend nicht für sich
behalten und seinem Schmerz Ausdruck verliehen. Ob ihm
bewusst gewesen ist, dass er uns einen Trost schenkt? Vielleicht!
Was mich tröstet, ist diese wunderbare Wendung
«Gott meines Lebens». Sie erinnert mich an eine Liebeserklärung.
Sagte nicht jemand vor Jahren einmal zu mir: «Du
bist der Mann meines Lebens»? Es ist nur ein Vergleich! Die
«Frau meines Lebens» betet mich nicht an … Aber letztlich
lebt auch der Glaube von der gegenseitigen Liebe. Und die
ist auch bei unserem Bluessänger noch am Leben. Wenn das
keine Sonntagsbotschaft ist …

Von: Ralph Kunz

23. Januar

Lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue
auf dich!
Psalm 25,20

Der Ausdruck «zuschanden werden» ist nicht gerade Alltagssprache.
Wir sagen «lass mich nicht scheitern» oder
«enttäusche mich nicht». In der altertümlichen Wendung
«Schande» steckt aber etwas drin, das moderne Übersetzungen
verpassen. Die Angst des Beters ist es, in Schande zu
geraten, gedemütigt und beschämt zu werden, dass andere
auf ihn zeigen und über ihn spotten: «Schau nur, was für
ein Versager!» Dass die Feinde triumphieren, ist die Schreckensvorstellung
schlechthin. Davor soll Gott ihn bewahren.
Was uns zunächst fremd erscheint, ist beim näheren
Hinsehen sehr aktuell. Wie wichtig ist es doch bis heute,
dass Menschen ihr Gesicht wahren können. Selbst wenn
sie schuldig geworden sind und sich ihrer Schuld bewusst
sind, hoffen sie, dass die Ankläger ihnen einen Rest Würde
lassen. Feinde sind Menschen, die die Schwäche der Gegner
gnadenlos ausnutzen, um sie fertigzumachen. Sie nutzen
die Schwachstelle. Das kann die moralische Schuld sein, ein
Mangel an Mut, ein Fehler … Der Beter bittet um Bewahrung
seiner Seele, um Vergebung und den Beistand Gottes. Früher
oder später wird er straucheln. Das ist menschlich. Aber er
weiss, dass Gott nicht gnadenlos verurteilt. Er traut Gott. Das
kann lebenswichtig werden, wenn weniger gnädige Richter
ein Urteil fällen.

Von: Ralph Kunz

22. Januar

Einen andern Grund kann niemand legen ausser dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1. Korinther 3,11

Wenn Paulus über den Grund redet, hat er seine Gründe. Die
Gemeinde in Korinth ist daran, den Boden unter den Füssen
zu verlieren. Es gibt offensichtlich ein paar besonders einflussreiche
Gestalten in der kleinen Gemeinschaft, die meinen,
sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und es sei okay,
andere um sich scharen, die sie bewundern. Korinth wird zu
einer Gemeinde für charismatische Rosinenpicker – nomen
est omen. Ob Rosinen, Sultaninen oder Korinthen: Paulus
ist das Tuttifrutti unheimlich. Haben wir es mit einer ersten
Sektenbildung zu tun? Jedenfalls stellt der Apostel die Möchtegern-
Erleuchteten samt ihren Anhängern gehörig in den
Senkel. Wie macht er das? Indem er sie an das Fundament
erinnert. Der Vergleich ist vielleicht etwas gewagt, aber mir
leuchtet er ein. Paulus verweist die Ekklesia auf ihre Verfassung.
Er sagt: «Passt auf, wenn ihr in eurem Enthusiasmus
euch selbst zu religiösen Autoritäten erklärt. Unsere Glaubensbasis
hat ein anderer gelegt, Jesus Christus.» Sagt er, der
Gründer der korinthischen Gemeinde.
Wir brauchen von Zeit zu Zeit einen theologischen Bodenleger.
Irre ich mich, oder ist unsere Kirche diesbezüglich in
einer schlechten Verfassung? Genug Studentenfutter für
einen Sonntag …

Von: Ralph Kunz

20. Dezember

Noah fand Gnade vor dem HERRN.                1. Mose 6,8

Warum fand ausgerechnet Noah Gnade? Weil er gerechter war als andere. Warum braucht er dann Gnade? Weil kein Mensch Gott gerecht werden und von sich aus ein Leben führen könnte, das gottgefällig ist. Das einfache Sätzchen, das erklärt, warum Noah auserwählt wird, einen Spross der Menschheitsfamilie zu gründen, gibt zu denken. Haben doch auch die Ureltern vor Gott Gnade gefunden. Und ihre Nach- kommen sind dann doch gescheitert. Das wird auch bei Noah der Fall sein. Er ist offensichtlich kein neuer Adam. Gottes Neustart der Schöpfung läuft schief. Ob vorsintflutlich oder nachsintflutlich – das Menschengeschlecht hat einen genetischen Defekt, der von Generation zu Generation übertragen wird. «Erbsünde» nannte es der Kirchenvater Augustin und meinte, es habe mit (sexueller) Begierde zu tun. Aber das greift zu kurz. Ändern wir uns nicht? Es schaut nicht danach aus. Wir sind drauf und dran, unsere Erde unbewohnbar zu machen, und fantasieren über Archen, auf die wir uns retten können. Stoff für eine Tragödie, aus der wir nicht entfliehen, ein Rad, das sich dreht, bis es einmal endgültig zu Ende geht mit uns. Das wäre der Schluss, den wir ziehen müssten, wenn wir – Noahs  Nachkommen– nicht Gnade vor Gott gefunden hätten. Dieser Lichtstrahl macht aus der Tragödie des Menschengeschlechts eine offene Geschichte. Noah ist nicht der neue Mensch, und wir sind keine besseren Menschen, aber in ihm sehen wir einen Prototyp, der Hoffnung macht. Weil Gott gnädig ist.

Von Ralph Kunz

19. Dezember

Du sollst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen des HERRN Mund nennen wird.              Jesaja 62,2

Der zweite Teil des Jesaja gilt als «Evangelium» im Alten Testament. Viele der Bilder werden im Neuen Testament auf- gegriffen – Bilder der Verheissung, die sich erfüllen mit dem Kommen Jesu Christi. Die meisten Ankündigungen gehen deshalb nicht direkt von Gott an sein Volk, sondern machen einen «Umweg» über Boten, die beauftragt werden, die Frohe Botschaft zukünftig weiterzusagen. Sie sagen an, was noch kommen wird.

Die erste Adressatin in der Losung ist die Tochter Zion. Gemeint ist Israel. Zion ist der Name des Hügels, auf dem der Tempel steht. Ihr gilt das Evangelium, sie soll es hören, alle Welt wissen, dass ihr Heil kommt. Und sie soll einen neuen Namen bekommen.

Das ist einigermassen umständlich. Warum braucht es einen Neuanfang? Wäre es nicht effizienter, eine göttliche Short Message direkt an die Adressatin zu senden, eine SMS im Stil von: «Du bist okay, Israel!»

Ich meine, wir sehen hier die Logik der Mission Gottes. Sie braucht Evangelisten, die den neuen Namen nennen. Der Broadcast funktioniert nur über den persönlichen Podcast von Menschen, die sich die Heilsbotschaft aneignen und anderen überbringen. Wir müssen hören, dass nicht alles beim Alten bleibt. Wir werden bei dem Namen gerufen, der über allen Namen steht, Christus, der Gesalbte überbringt uns die Botschaft. Du darfs dich Christ nennen!

Von Ralph Kunz

23. November

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!     Psalm 27,4

«Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit» – singt es in mir! Das adventliche Bild ist mit dem Lied verschmolzen. Aber was steckt eigentlich dahinter? Offensichtlich reicht es nicht, Tür und Tor zu öffnen. Wenn dieser König kommt, sind die Eingänge zu klein. Man muss die Türen aus den Angeln heben. Gibt es einen triftigen Grund für die drastischen städtebaulichen Eingriffe? Vielleicht weiss der Psalmist vom Besuch eines Herrschers, für den man eine Strasse bauen oder einen Torbogen erweitern musste, weil sein Tross zu gross und seine Elefanten zu dick waren … Der Impuls, sich bei der Ankunft eines hohen Würdenträgers zu weiten und zu öffnen, lässt sich auf das Innere übertragen. Jemanden zu ehren, macht Freude. Vor allem dann, wenn der, der da kommen soll, Frieden und Gerechtigkeit bringt. Erst recht, wenn der, der da kommen soll, mich höchstpersönlich besucht. Etwas vom Glanz des hohen Besuchs fällt auf mich. Und ich frage mich: «Wie soll ich dich empfangen? Und wie begegne ich dir?» Ich hoffe, meine Herz-und-Geist-Erweiterungsübungen haben gefruchtet. Denn das ist es doch, was wir beim Beten und Singen tun: uns zu dehnen und zu strecken auf die Hoffnung hin, die unser Leben öffnet; die Verengungen zu bekämpfen, die unser Herz schrumpfen lassen; uns für die Ankunft des Königs vorzubereiten, der einziehen will. «Denn sein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit.»

Voin Ralph Kunz

22. November

In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in Schlä-gen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten  und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben. 2. Korinther 6,4.5.8–9

Was für eine gruselige Aufzählung! Wenn ich Theologiestudierenden ihren zukünftigen Beruf schmackhaft machen will, muss ich andere Listen präsentieren: Lohnklasse 21, Pfarrhaus, Ansehen und ein sicherer Job. Die Chancen stehen nicht schlecht – es herrscht Mangel an Pfarrpersonen. Ach, Paulus, was bist du doch für ein Spielverderber! Mit deinen Aussichten auf ein Leben in Mühen und Wachen finden wir keinen Nachwuchs. Wenn da nicht die Erfahrung wäre, die (nicht nur Pfarrpersonen) machen: wie tief und reich ein Leben in der Nachfolge Jesu ist, mit welcher Kraft die ausgerüstet werden, die sich in den Dienst Gottes stellen und welches Glück – ja Glück! – es sein kann, im Widerstand zu wachsen, Zeuge zu sein für das Abenteuer,  in das uns  Gottes Ruf   hineinleitet.

«Und siehe, wir leben.» Das Leben, von dem Paulus spricht, ist keine Party, kein Zuckerschlecken und keine Wohlfühloase. Es ist ein Pilgern an ein Ziel, das vor uns liegt. Gott sei Dank mit wunderbaren Unterbrechungen, in denen wir das Geschenk der Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern feiern, erfüllt vom Vorgeschmack einer Freiheit, die uns manchmal weinen macht und immer wieder jubeln lässt.

Von Ralph Kunz

20. Oktober

HERR, ich preise dich! Du hast mir gezürnt! Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest. Jesaja 12,1

Die Losung ist ein Vers aus einem Siegeslied, das der Prophet anstimmt, um den Blick auf die Zukunft zu richten. Die Zeitform, die er dafür wählt, ist das Futurum Perfektum – ein Appell an die Vorstellungskraft. Wer das Wort hört, soll gedanklich eine Zeitreise in die Zukunft machen. Israel wird angesprochen: «Stell dir vor, wie es sein wird, wenn Gott seinen Friedensplan verwirklicht haben wird. Zion wird der Ort sein, wo die Völker hinströmen. Diesem Tag des Jubels wird etwas vorausgegangen sein. Du wirst deine Schuld bekennen, bereuen und auf Gottes Vergebung hoffen.»

Wieso erfindet der Prophet eine so waghalsige Zeitakrobatik? Was erhofft er sich von der Vorwegnahme der Zukunft im Perfekt? Es ist prophetische Seelsorge, dass er so verfährt. Das Zeitenverschieben ist sein Hebel, um die Herzensarbeit in Gang zu setzen. In der tollkühnen Verheissung, dass Israel zum Nabel der Welt wird, steckten kein Kulturimperialismus, keine Überlegenheit des auserwählten Volkes. In der
«fiktiven» Rückbesinnung auf einen Sieg, der noch nicht errungen ist, scheint schon jetzt die Rettung auf. Es ist das jüdische Modell der Hoffnung. Und wir Christenmenschen? Wir schauen zurück auf den Sieg, der an Ostern schon errungen wurde, um den Trost in die Zukunft zu tragen – für uns und für die Welt, die auf die Rettung wartet.

Von Ralph Kunz

19. Oktober

Der blinde Bartimäus rief: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Markus 10,48–49

Der Blinde hat einen Namen, der aufhorchen lässt. «Bar» ist aramäisch und bedeutet «Sohn», «Timäus» kann mit «der Geehrte» übersetzt werden. Markus wiederholt: Bartimäus ist der Sohn des Timäus. Warum diese Betonung? Im Zusammenhang gelesen hat das scheinbare Detail Gewicht. Jesus ist mit einem ganzen Tross von Anhängern unterwegs und der blinde Bartimäus, der am Wegrand sitzt, hat keine Chance, zum Meister vorzudringen. Also verschafft er sich Gehör und ruft. Die Menge reagiert verärgert auf den dreisten Rufer. Sie wollen ihn zum Schweigen bringen. Vielleicht wollen sie den Propheten aus Nazareth vor der Unverschämtheit des Bittstellers schützen? Was erlaubt sich Bartimäus? Jesus überhört die Beschützer und erhört den Rufer, lässt ihn zu sich führen und fragt ihn: «Was willst du, dass ich dir tue?» Seltsam. Es ist doch offensichtlich, dass Bartimäus blind ist. Ich verstehe es so: Jesus fordert den«Sohn der Ehre» auf, seinen Glauben an den Messias zu bezeugen. Gleichzeitig ermutigt er ihn in seiner Erwartung. Der Davidsohn ist gekommen, die Würde der Entehrten wiederherzustellen, die Kranken zu heilen, den Sündern zu vergeben. In dieser Geschichte ist es der Blinde, der sieht, und die Sehenden sind es, die blind sind. Jesus öffnet allen die Augen.

Von Ralph Kunz