Autor: Ralph Kunz

23. November

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!     Psalm 27,4

«Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit» – singt es in mir! Das adventliche Bild ist mit dem Lied verschmolzen. Aber was steckt eigentlich dahinter? Offensichtlich reicht es nicht, Tür und Tor zu öffnen. Wenn dieser König kommt, sind die Eingänge zu klein. Man muss die Türen aus den Angeln heben. Gibt es einen triftigen Grund für die drastischen städtebaulichen Eingriffe? Vielleicht weiss der Psalmist vom Besuch eines Herrschers, für den man eine Strasse bauen oder einen Torbogen erweitern musste, weil sein Tross zu gross und seine Elefanten zu dick waren … Der Impuls, sich bei der Ankunft eines hohen Würdenträgers zu weiten und zu öffnen, lässt sich auf das Innere übertragen. Jemanden zu ehren, macht Freude. Vor allem dann, wenn der, der da kommen soll, Frieden und Gerechtigkeit bringt. Erst recht, wenn der, der da kommen soll, mich höchstpersönlich besucht. Etwas vom Glanz des hohen Besuchs fällt auf mich. Und ich frage mich: «Wie soll ich dich empfangen? Und wie begegne ich dir?» Ich hoffe, meine Herz-und-Geist-Erweiterungsübungen haben gefruchtet. Denn das ist es doch, was wir beim Beten und Singen tun: uns zu dehnen und zu strecken auf die Hoffnung hin, die unser Leben öffnet; die Verengungen zu bekämpfen, die unser Herz schrumpfen lassen; uns für die Ankunft des Königs vorzubereiten, der einziehen will. «Denn sein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit.»

Voin Ralph Kunz

22. November

In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in Schlä-gen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten  und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben. 2. Korinther 6,4.5.8–9

Was für eine gruselige Aufzählung! Wenn ich Theologiestudierenden ihren zukünftigen Beruf schmackhaft machen will, muss ich andere Listen präsentieren: Lohnklasse 21, Pfarrhaus, Ansehen und ein sicherer Job. Die Chancen stehen nicht schlecht – es herrscht Mangel an Pfarrpersonen. Ach, Paulus, was bist du doch für ein Spielverderber! Mit deinen Aussichten auf ein Leben in Mühen und Wachen finden wir keinen Nachwuchs. Wenn da nicht die Erfahrung wäre, die (nicht nur Pfarrpersonen) machen: wie tief und reich ein Leben in der Nachfolge Jesu ist, mit welcher Kraft die ausgerüstet werden, die sich in den Dienst Gottes stellen und welches Glück – ja Glück! – es sein kann, im Widerstand zu wachsen, Zeuge zu sein für das Abenteuer,  in das uns  Gottes Ruf   hineinleitet.

«Und siehe, wir leben.» Das Leben, von dem Paulus spricht, ist keine Party, kein Zuckerschlecken und keine Wohlfühloase. Es ist ein Pilgern an ein Ziel, das vor uns liegt. Gott sei Dank mit wunderbaren Unterbrechungen, in denen wir das Geschenk der Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern feiern, erfüllt vom Vorgeschmack einer Freiheit, die uns manchmal weinen macht und immer wieder jubeln lässt.

Von Ralph Kunz

20. Oktober

HERR, ich preise dich! Du hast mir gezürnt! Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest. Jesaja 12,1

Die Losung ist ein Vers aus einem Siegeslied, das der Prophet anstimmt, um den Blick auf die Zukunft zu richten. Die Zeitform, die er dafür wählt, ist das Futurum Perfektum – ein Appell an die Vorstellungskraft. Wer das Wort hört, soll gedanklich eine Zeitreise in die Zukunft machen. Israel wird angesprochen: «Stell dir vor, wie es sein wird, wenn Gott seinen Friedensplan verwirklicht haben wird. Zion wird der Ort sein, wo die Völker hinströmen. Diesem Tag des Jubels wird etwas vorausgegangen sein. Du wirst deine Schuld bekennen, bereuen und auf Gottes Vergebung hoffen.»

Wieso erfindet der Prophet eine so waghalsige Zeitakrobatik? Was erhofft er sich von der Vorwegnahme der Zukunft im Perfekt? Es ist prophetische Seelsorge, dass er so verfährt. Das Zeitenverschieben ist sein Hebel, um die Herzensarbeit in Gang zu setzen. In der tollkühnen Verheissung, dass Israel zum Nabel der Welt wird, steckten kein Kulturimperialismus, keine Überlegenheit des auserwählten Volkes. In der
«fiktiven» Rückbesinnung auf einen Sieg, der noch nicht errungen ist, scheint schon jetzt die Rettung auf. Es ist das jüdische Modell der Hoffnung. Und wir Christenmenschen? Wir schauen zurück auf den Sieg, der an Ostern schon errungen wurde, um den Trost in die Zukunft zu tragen – für uns und für die Welt, die auf die Rettung wartet.

Von Ralph Kunz

19. Oktober

Der blinde Bartimäus rief: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Markus 10,48–49

Der Blinde hat einen Namen, der aufhorchen lässt. «Bar» ist aramäisch und bedeutet «Sohn», «Timäus» kann mit «der Geehrte» übersetzt werden. Markus wiederholt: Bartimäus ist der Sohn des Timäus. Warum diese Betonung? Im Zusammenhang gelesen hat das scheinbare Detail Gewicht. Jesus ist mit einem ganzen Tross von Anhängern unterwegs und der blinde Bartimäus, der am Wegrand sitzt, hat keine Chance, zum Meister vorzudringen. Also verschafft er sich Gehör und ruft. Die Menge reagiert verärgert auf den dreisten Rufer. Sie wollen ihn zum Schweigen bringen. Vielleicht wollen sie den Propheten aus Nazareth vor der Unverschämtheit des Bittstellers schützen? Was erlaubt sich Bartimäus? Jesus überhört die Beschützer und erhört den Rufer, lässt ihn zu sich führen und fragt ihn: «Was willst du, dass ich dir tue?» Seltsam. Es ist doch offensichtlich, dass Bartimäus blind ist. Ich verstehe es so: Jesus fordert den«Sohn der Ehre» auf, seinen Glauben an den Messias zu bezeugen. Gleichzeitig ermutigt er ihn in seiner Erwartung. Der Davidsohn ist gekommen, die Würde der Entehrten wiederherzustellen, die Kranken zu heilen, den Sündern zu vergeben. In dieser Geschichte ist es der Blinde, der sieht, und die Sehenden sind es, die blind sind. Jesus öffnet allen die Augen.

Von Ralph Kunz

23. September

Es hat dem HERRN gefallen, euch zu seinem Volk zu machen. 1. Samuel 12,22

«Es hat dem Herrn gefallen» ist ein altmodischer Spruch, bei dem mir automatisch der Widerspruch aus Kurt Martis Leichenreden in den Sinn kommt: «Es hat dem Herrn ganz und gar nicht gefallen, dass Gustav E. Lips…» Man darf die Formel gefälligst entsorgen und eine neue Wendung wagen. Etwa so: «Gott hat sich aus freien Stücken für euch entschieden.» Im grösseren Zusammenhang der biblischen Theologie hat sich für dieses göttliche Wohlgefallen der Begriff der
«Erwählung» eingebürgert. Im Johannesevangelium spricht Christus zu seinen Jüngern: «Ihr habt nicht mich erwählt; sondern ich habe euch erwählt.» (Joh 15,16) In der Losung ist es Samuel, der zum Volk spricht. Der Kontext der Rede, in der das Volk an die Erwählung erinnert wird, ist spannungsvoll. Es geht darum, dass die Israeliten einen König wollten – ganz und gar nicht zum Gefallen Gottes. Aber Gott hat nachgegeben und willigt in das Experiment ein. Samuel salbt mit priesterlicher Vollmacht Saul zum König. Was er in prophetischer Manier dazu predigt, ist happig. Wenn euch Gott diesen Gefallen tut, haltet euch gefälligst an die Gebote. Denn Gott ist euer König. Und was missfällt Gott? Absolutistische, selbstherrliche, autoritäre und aufgeblasene Machthaber. Und ein Volk, das sich ihnen unterwirft. Ich glaube, Gott findet Gefallen an der Demokratie, in der sich Bürger und Bürgerinnen aus freien Stücken für ihn entscheiden.

Von Ralph Kunz

22. September

HERR, wer ist wie du? Mächtig bist du, HERR, und deine Treue ist um dich her. Psalm 89,9

Stellt der Psalmist eine rhetorische Frage? Es ist wohl eher eine Anrufung, die den Respekt bezeugt. Die Antwort: Niemand ist wie Gott. Denn Gott wäre nicht Gott, wenn ihm ein anderes «Wer» zur Seite gestellt werden könnte. Gott ist fraglos anders als alle anderen Mächte, die man anrufen kann. Der Beter könnte also mit dem Bekenntnis fortfahren:
«Allmächtig bist du.» Er hätte dann die unvergleichliche Himmelsmacht in den Rang erhoben, die ihr zusteht. Sie ist es, die alle anderen Mächte bodigt.

Aber ist «Allmacht» ein Name Gottes? Das ist keine rhetorische Frage. Die Anrufung «Allmächtiger» finde ich fragwürdig. Nicht dass ich an der göttlichen Macht zweifeln würde. Mir sind eher die menschlichen Allmachtsfantasien nicht ganz geheuer. Im Gebetsbuch Israels taucht jedenfalls kein total anderer Gott auf, der über ungeheure Macht verfügt. Der Beter bringt dies indirekt zum Ausdruck. Er nennt die Gottheit mächtig, indem er sie anspricht. Er getraut sich, sie anzurufen, als ob sie es genösse, sein Lob und seine Verehrung zu spüren. Allgewaltige Herrscher können auf echtes Lob verzichten. Sie dulden nur totale Unterwerfung. Unser Beter, der Gott Macht zuspricht, fühlt sich zum Lob ermächtigt. Warum? Das ist definitiv eine rhetorische Frage! Weil einer, der so betet, sich voll und ganz auf Gottes Treue verlässt.

Von Ralph Kunz

20. August

Gott spricht: Ich will für Israel wie der Tau  sein, dass es blüht wie eine Lilie.                 Hosea 14,6

Blumen spielen in der Bibel eine zwiespältige Rolle. Sie fungieren einerseits als Sinnbilder der Vergänglichkeit. Ihre Botschaft könnte dann so lauten: «Heute blühen wir und morgen schon sind wir verdorrt.» Wie besingt es das Kinderlied? Roti Rösli im Garte, Maieriisli im Wald, wänn de Wind chunnt goge blase, denn verwelked sie  bald.

Blumen sind aber auch Sinnbilder für das Schöne. Der Prophet spricht zwar nicht von Rosen, sondern von Lilien. Aber die sind beinahe so schön wie Rosen. «Lilien auf dem Feld» sind auch für Jesus von Nazareth Zeugen für die Pracht der Schöpfung. «Salomons Seide» hat im Vergleich zu Lilien nicht einmal den Hauch einer Chance!

Hat sich Jesus für sein floristisches Gleichnis von Hosea inspirieren lassen? Die Losung zitiert aus einer Rede des Propheten, in der Gott sich zu seinem Volk bekennt. Gott bringt Israel zum Blühen, ist wie der Tau, ein köstliches Nass, das die Blüten aufgehen lässt. Wenn man beide Gleichnisse zusammenschaut, spürt man einerseits den Schmerz des Verwelkens, wenn die Lüfte des Todes dreinwehn, aber man freut sich andererseits über die verschwenderische Liebe, die am Morgen aufblüht. Was wiegt mehr?

Ich schlage vor, dass wir uns heute für den Tau entscheiden!

Von Ralph Kunz

19. August

Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.          Psalm 63,9

Jüngere Menschen benutzen für «entspannen» ein Wort, das ich in meiner Jugend nicht kannte. Sie «hängen ab». Kennen Sie nicht? Easy! Das ist wie «chillen» oder «relaxen»! Man nimmt es locker. Ob der Psalmist seine Gottesbeziehung auch so entspannt sieht?

Wohl kaum! Er hängt nicht, er hängt sich rein und ran. Das Sich-an-Gott-Hängen der Seele ist Ausdruck einer existenziellen Anhänglichkeit, die eine innigste Verbindung sucht. Es ist ein Bild des Vertrauens. Mit Hängematten-Gelassenheit hat das wenig gemein. Und doch ist eine Vertrautheit in diesen Worten, die frei und froh macht. Der Psalmist stellt seinen Hang zu Gott in den Zusammenhang der Seele mit Gott. «Deine rechte Hand hält mich» drückt aus, dass die Seele des Beters «entspannt» sein darf. Unter «Seele» darf man sich nicht den ätherischen Silberschleier in uns vorstellen, der unsterblich und edel vor sich hinwabert. Die Seele ist nicht Geistleib, sondern der nimmersatte Schlund, das Saugorgan des Lebens, der luftgierige Hals, der nach Luft schnappt. Wie muss man sich eine Seele vorstellen, die sich Gott anhängt?

Ich stelle es mir so vor: Wenn meine Seele an Gott hängt und von Gott gehalten wird, ist sie ganz bei sich selbst und doch nicht allein. Mit einem anderen Wort: Sie ist glücklich!

Von Ralph Kunz

23. Juli

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht;  denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.  Josua 1,9

Hollywood hat in den letzten Jahren einige apokalyptische Filme in die Kinos gebracht. Eine Szene gehört dazu: Vor der Endzeitschlacht sammelt der Präsident oder General (meistens ein weisser Mann) seine Truppen und spricht ein Wort der Ermutigung. Dann geht’s in den Kampf. Natürlich siegen die Guten. Die Rede ist wichtig. Sie appelliert an den Mut und die Entschlossenheit, erinnert an vergangene Siege und macht Hoffnung, die Schlacht zu gewinnen.

Das erste Kapitel in Josua passt in dieses Schema. Josua übernimmt die Stafette: Moses ist gestorben, Israel steht am Jordan, das gelobte Land ist in Sicht. Auch in säkularen Ermutigungspredigten läuft es darauf hinaus, dass man sich «nicht graut und entsetzt». Josua nennt aber einen Grund dafür: «Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.» Der Führer Israels verspricht, dass Gott ein «Im-anu-El», auf Deutsch ein «Mit-uns-Gott» ist. Gott war in Ägypten, am Schilfmeer und wird den Israeliten auch bei der Landnahme beistehen.

Was im Blockbuster Heldentum ist, hat in der Rede von Josua eine Glaubensdimension. Es hört sich ähnlich an und ist doch etwas anderes. Vielleicht ist das die Tragödie des biblischen Storytellings? Dass es so überzeugend ist und von weltlichen, imperialen und kolonialen Herrschaften   gerne kopiert wird.

Von Ralph Kunz

22. Juli

Gelobet sei der HERR, der seinem Volk Israel Ruhe gegeben hat, wie er es zugesagt hat.     1. Könige 8,56

Ein paar Flugstunden von hier tobt der Krieg. Ich schreibe diesen Text am 30. April und hoffe, es herrsche in drei Monaten (wenigstens) Waffenruhe. Ich muss daran denken, wenn ich die Losung lese. Zu gross ist der Kontrast zum Tempelweihgebet des Salomo.

In der Geschichte Israels steht die Einweihung des ersten Tempels (ca. 1000 v. Chr.) am Anfang einer rund vierhundertjährigen Blütezeit. Im Windschatten der lokalen Grossmächte konnte Israel dank Davids militärischer Erfolge seine Macht festigen. «Ruhe» hat in erster Linie die Bedeutung von Frieden. Aber das Wort meint mehr als allein die Abwesenheit von Krieg. Hier wird eine Art «Landeskirche» eingerichtet. Im Gebet übernimmt der König eine priesterliche Funktion. Salomon segnet die Gemeinde und installiert gewissermassen eine ständige Leitung zwischen Tempel und Himmel. Was unten gebetet wird, soll oben gehört werden. Wenn man vom Exodus her bis zu dieser feierlichen Einweihung liest, entsteht tatsächlich der Eindruck, dass die Israeliten endlich zur Ruhe gekommen sind. Allerdings sollte sie nicht ewig dauern. Zweihundert Jahre später holten sich die Syrier das Nordreich zurück. Aber wie wertvoll waren diese Jahre! Muss einem der Krieg auf den Leib rücken, um für einen 80-jährigen Frieden dankbar zu sein? Merken wir erst bei einer schweren Krankheit, welches Geschenk die Gesundheit ist?

Von Ralph Kunz