Autor: Ralph Kunz

23. September

Es hat dem HERRN gefallen, euch zu seinem Volk zu machen. 1. Samuel 12,22

«Es hat dem Herrn gefallen» ist ein altmodischer Spruch, bei dem mir automatisch der Widerspruch aus Kurt Martis Leichenreden in den Sinn kommt: «Es hat dem Herrn ganz und gar nicht gefallen, dass Gustav E. Lips…» Man darf die Formel gefälligst entsorgen und eine neue Wendung wagen. Etwa so: «Gott hat sich aus freien Stücken für euch entschieden.» Im grösseren Zusammenhang der biblischen Theologie hat sich für dieses göttliche Wohlgefallen der Begriff der
«Erwählung» eingebürgert. Im Johannesevangelium spricht Christus zu seinen Jüngern: «Ihr habt nicht mich erwählt; sondern ich habe euch erwählt.» (Joh 15,16) In der Losung ist es Samuel, der zum Volk spricht. Der Kontext der Rede, in der das Volk an die Erwählung erinnert wird, ist spannungsvoll. Es geht darum, dass die Israeliten einen König wollten – ganz und gar nicht zum Gefallen Gottes. Aber Gott hat nachgegeben und willigt in das Experiment ein. Samuel salbt mit priesterlicher Vollmacht Saul zum König. Was er in prophetischer Manier dazu predigt, ist happig. Wenn euch Gott diesen Gefallen tut, haltet euch gefälligst an die Gebote. Denn Gott ist euer König. Und was missfällt Gott? Absolutistische, selbstherrliche, autoritäre und aufgeblasene Machthaber. Und ein Volk, das sich ihnen unterwirft. Ich glaube, Gott findet Gefallen an der Demokratie, in der sich Bürger und Bürgerinnen aus freien Stücken für ihn entscheiden.

Von Ralph Kunz

22. September

HERR, wer ist wie du? Mächtig bist du, HERR, und deine Treue ist um dich her. Psalm 89,9

Stellt der Psalmist eine rhetorische Frage? Es ist wohl eher eine Anrufung, die den Respekt bezeugt. Die Antwort: Niemand ist wie Gott. Denn Gott wäre nicht Gott, wenn ihm ein anderes «Wer» zur Seite gestellt werden könnte. Gott ist fraglos anders als alle anderen Mächte, die man anrufen kann. Der Beter könnte also mit dem Bekenntnis fortfahren:
«Allmächtig bist du.» Er hätte dann die unvergleichliche Himmelsmacht in den Rang erhoben, die ihr zusteht. Sie ist es, die alle anderen Mächte bodigt.

Aber ist «Allmacht» ein Name Gottes? Das ist keine rhetorische Frage. Die Anrufung «Allmächtiger» finde ich fragwürdig. Nicht dass ich an der göttlichen Macht zweifeln würde. Mir sind eher die menschlichen Allmachtsfantasien nicht ganz geheuer. Im Gebetsbuch Israels taucht jedenfalls kein total anderer Gott auf, der über ungeheure Macht verfügt. Der Beter bringt dies indirekt zum Ausdruck. Er nennt die Gottheit mächtig, indem er sie anspricht. Er getraut sich, sie anzurufen, als ob sie es genösse, sein Lob und seine Verehrung zu spüren. Allgewaltige Herrscher können auf echtes Lob verzichten. Sie dulden nur totale Unterwerfung. Unser Beter, der Gott Macht zuspricht, fühlt sich zum Lob ermächtigt. Warum? Das ist definitiv eine rhetorische Frage! Weil einer, der so betet, sich voll und ganz auf Gottes Treue verlässt.

Von Ralph Kunz

20. August

Gott spricht: Ich will für Israel wie der Tau  sein, dass es blüht wie eine Lilie.                 Hosea 14,6

Blumen spielen in der Bibel eine zwiespältige Rolle. Sie fungieren einerseits als Sinnbilder der Vergänglichkeit. Ihre Botschaft könnte dann so lauten: «Heute blühen wir und morgen schon sind wir verdorrt.» Wie besingt es das Kinderlied? Roti Rösli im Garte, Maieriisli im Wald, wänn de Wind chunnt goge blase, denn verwelked sie  bald.

Blumen sind aber auch Sinnbilder für das Schöne. Der Prophet spricht zwar nicht von Rosen, sondern von Lilien. Aber die sind beinahe so schön wie Rosen. «Lilien auf dem Feld» sind auch für Jesus von Nazareth Zeugen für die Pracht der Schöpfung. «Salomons Seide» hat im Vergleich zu Lilien nicht einmal den Hauch einer Chance!

Hat sich Jesus für sein floristisches Gleichnis von Hosea inspirieren lassen? Die Losung zitiert aus einer Rede des Propheten, in der Gott sich zu seinem Volk bekennt. Gott bringt Israel zum Blühen, ist wie der Tau, ein köstliches Nass, das die Blüten aufgehen lässt. Wenn man beide Gleichnisse zusammenschaut, spürt man einerseits den Schmerz des Verwelkens, wenn die Lüfte des Todes dreinwehn, aber man freut sich andererseits über die verschwenderische Liebe, die am Morgen aufblüht. Was wiegt mehr?

Ich schlage vor, dass wir uns heute für den Tau entscheiden!

Von Ralph Kunz

19. August

Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.          Psalm 63,9

Jüngere Menschen benutzen für «entspannen» ein Wort, das ich in meiner Jugend nicht kannte. Sie «hängen ab». Kennen Sie nicht? Easy! Das ist wie «chillen» oder «relaxen»! Man nimmt es locker. Ob der Psalmist seine Gottesbeziehung auch so entspannt sieht?

Wohl kaum! Er hängt nicht, er hängt sich rein und ran. Das Sich-an-Gott-Hängen der Seele ist Ausdruck einer existenziellen Anhänglichkeit, die eine innigste Verbindung sucht. Es ist ein Bild des Vertrauens. Mit Hängematten-Gelassenheit hat das wenig gemein. Und doch ist eine Vertrautheit in diesen Worten, die frei und froh macht. Der Psalmist stellt seinen Hang zu Gott in den Zusammenhang der Seele mit Gott. «Deine rechte Hand hält mich» drückt aus, dass die Seele des Beters «entspannt» sein darf. Unter «Seele» darf man sich nicht den ätherischen Silberschleier in uns vorstellen, der unsterblich und edel vor sich hinwabert. Die Seele ist nicht Geistleib, sondern der nimmersatte Schlund, das Saugorgan des Lebens, der luftgierige Hals, der nach Luft schnappt. Wie muss man sich eine Seele vorstellen, die sich Gott anhängt?

Ich stelle es mir so vor: Wenn meine Seele an Gott hängt und von Gott gehalten wird, ist sie ganz bei sich selbst und doch nicht allein. Mit einem anderen Wort: Sie ist glücklich!

Von Ralph Kunz

23. Juli

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht;  denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.  Josua 1,9

Hollywood hat in den letzten Jahren einige apokalyptische Filme in die Kinos gebracht. Eine Szene gehört dazu: Vor der Endzeitschlacht sammelt der Präsident oder General (meistens ein weisser Mann) seine Truppen und spricht ein Wort der Ermutigung. Dann geht’s in den Kampf. Natürlich siegen die Guten. Die Rede ist wichtig. Sie appelliert an den Mut und die Entschlossenheit, erinnert an vergangene Siege und macht Hoffnung, die Schlacht zu gewinnen.

Das erste Kapitel in Josua passt in dieses Schema. Josua übernimmt die Stafette: Moses ist gestorben, Israel steht am Jordan, das gelobte Land ist in Sicht. Auch in säkularen Ermutigungspredigten läuft es darauf hinaus, dass man sich «nicht graut und entsetzt». Josua nennt aber einen Grund dafür: «Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.» Der Führer Israels verspricht, dass Gott ein «Im-anu-El», auf Deutsch ein «Mit-uns-Gott» ist. Gott war in Ägypten, am Schilfmeer und wird den Israeliten auch bei der Landnahme beistehen.

Was im Blockbuster Heldentum ist, hat in der Rede von Josua eine Glaubensdimension. Es hört sich ähnlich an und ist doch etwas anderes. Vielleicht ist das die Tragödie des biblischen Storytellings? Dass es so überzeugend ist und von weltlichen, imperialen und kolonialen Herrschaften   gerne kopiert wird.

Von Ralph Kunz

22. Juli

Gelobet sei der HERR, der seinem Volk Israel Ruhe gegeben hat, wie er es zugesagt hat.     1. Könige 8,56

Ein paar Flugstunden von hier tobt der Krieg. Ich schreibe diesen Text am 30. April und hoffe, es herrsche in drei Monaten (wenigstens) Waffenruhe. Ich muss daran denken, wenn ich die Losung lese. Zu gross ist der Kontrast zum Tempelweihgebet des Salomo.

In der Geschichte Israels steht die Einweihung des ersten Tempels (ca. 1000 v. Chr.) am Anfang einer rund vierhundertjährigen Blütezeit. Im Windschatten der lokalen Grossmächte konnte Israel dank Davids militärischer Erfolge seine Macht festigen. «Ruhe» hat in erster Linie die Bedeutung von Frieden. Aber das Wort meint mehr als allein die Abwesenheit von Krieg. Hier wird eine Art «Landeskirche» eingerichtet. Im Gebet übernimmt der König eine priesterliche Funktion. Salomon segnet die Gemeinde und installiert gewissermassen eine ständige Leitung zwischen Tempel und Himmel. Was unten gebetet wird, soll oben gehört werden. Wenn man vom Exodus her bis zu dieser feierlichen Einweihung liest, entsteht tatsächlich der Eindruck, dass die Israeliten endlich zur Ruhe gekommen sind. Allerdings sollte sie nicht ewig dauern. Zweihundert Jahre später holten sich die Syrier das Nordreich zurück. Aber wie wertvoll waren diese Jahre! Muss einem der Krieg auf den Leib rücken, um für einen 80-jährigen Frieden dankbar zu sein? Merken wir erst bei einer schweren Krankheit, welches Geschenk die Gesundheit ist?

Von Ralph Kunz

23. Juli

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht;  denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.                                                                           Josua 1,9

Hollywood hat in den letzten Jahren einige apokalyptische Filme in die Kinos gebracht. Eine Szene gehört dazu: Vor der Endzeitschlacht sammelt der Präsident oder General (meistens ein weisser Mann) seine Truppen und spricht ein Wort der Ermutigung. Dann geht’s in den Kampf. Natürlich siegen die Guten. Die Rede ist wichtig. Sie appelliert an den Mut und die Entschlossenheit, erinnert an vergangene Siege und macht Hoffnung, die Schlacht zu gewinnen.

Das erste Kapitel in Josua passt in dieses Schema. Josua übernimmt die Stafette: Moses ist gestorben, Israel steht am Jordan, das gelobte Land ist in Sicht. Auch in säkularen Ermutigungspredigten läuft es darauf hinaus, dass man sich «nicht graut und entsetzt». Josua nennt aber einen Grund dafür: «Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.» Der Führer Israels verspricht, dass Gott ein «Im-anu-El», auf Deutsch ein «Mit-uns-Gott» ist. Gott war in Ägypten, am Schilfmeer und wird den Israeliten auch bei der Landnahme beistehen. Was im Blockbuster Heldentum ist, hat in der Rede von Josua eine Glaubensdimension. Es hört sich ähnlich an und ist doch etwas anderes. Vielleicht ist das die Tragödie des biblischen Storytellings? Dass es so überzeugend ist und von weltlichen, imperialen und kolonialen Herrschaften   gerne kopiert wird.

Von Ralph Kunz

20. Juni

Du sollst keine anderen Götter haben neben  mir. 2. Mose 20,3

Vor ein paar Jahren hat der Ägyptologe Jan Assmann in seinem Buch «Der Preis des Monotheismus» eine Debatte losgetreten. Der Monotheismus habe im Unterschied zum toleranteren Polytheismus ein Problem mit Andersgläubigen und neige deshalb zur religiösen Gewalt. Das erste Gebot sei der Beleg für die These. Dass Gott sagt: «Ich bin der HERR, dein Gott» mag ja noch angehen, aber wenn derselbe Gott erklärt, «du sollst keine anderen Götter neben mir haben», lässt ihn das als Autokrat erscheinen. Warum erträgt JAHWE keinen Konkurrenten? Warum benimmt er sich wie ein eifersüchtiger Ehemann?

Ich denke nicht, dass man den Monotheismus pauschal verurteilen kann. (Das macht auch Herr Assmann nicht …) Mein Punkt: Es geht im Gebot nicht um eine religiöse Ideologie oder ein Prinzip, das durchgesetzt werden kann. Viel entscheidender ist die Gottesbeziehung. Den Boden dafür legte der Exodus. Vor den Geboten stellt sich JAHWE vor: «Ich bin der Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat.» Gott ist nicht irgendein Gott unter vielen Göttern und Israel nicht irgendein Volk unter vielen Völkern. Darum erstaunt es nicht, dass Liebe und Eifersucht in diesem Bund ein ständiges Thema sind. Frei übersetzt heisst das erste Gebot: Weil Gott keinen «Harem» hat, erwartet er von Israel Treue.

Von Ralph Kunz

19. Juni

Freigebige werden immer reicher, der Geizhals spart  sich arm.               Sprüche 11,24

Ich wuchs zusammen mit drei Brüdern in der Dienstwohnung der Zürcher Kantonalbank auf. Wir diskutierten viel am Familientisch und erfuhren einiges aus dem Berufsalltag meines Vaters. Eines Tages überraschte er uns mit einer Aussage. Als Bankverwalter hatte er auch reiche Kunden. Es gebe, meinte er, keine unglücklicheren Leute als Reiche, die Angst hätten, sie könnten ihr Geld wieder verlieren. Irgendwie machte mir das enorm Eindruck, und es kommt mir aus Untiefen der Erinnerung in den Sinn, wenn ich den uralten Spruch lese: «Der Geizhals spart sich arm.» Ja, genau! Je mehr er hat, desto ärmer wird er, weil er den Hals nicht vollkriegen kann. Er spart, weil er Angst hat. Ein reicher Geizhals ist noch ärmer dran. Der einzige Ausweg ist die Freigebigkeit. Sie ist Ausdruck einer Lebenshaltung. «Freigebig» meint hier, andern gegenüber grosszügig sein, also das zu verteilen, zu verschenken und auszuleihen, was man hat. Der Reichtum, den man so anhäuft, ist Dankbarkeit, die Dividende, die man einfährt, ist die Freude. Lässt sich das auf unser ganzes Leben übertragen? Könnte das gemeint sein, wenn Jesus sagt, wer sein Leben liebt, wird es verlieren? Vielleicht kann man den strengen Satz ein wenig mildern, wenn man ihn so dreht. Es gibt keine glücklicheren Leute als Reiche, die keine Angst davor haben, ihren Reichtum zu verschenken.

Von Ralph Kunz

23. Mai

Singet fröhlich Gott, der unsre Stärke ist!                 Psalm 81,2

Es gibt Tage, an denen eine solche Aufforderung die pure Zumutung ist. Haben Sie heute einen solchen Tag vor sich Oder hinter sich? Ist Ihnen zum Klagen zumute?

Ich schreibe diesen Bolderntext eine Woche nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Nichts könnte unpassender sein als fröhlicher Gesang. Und doch.

Gerade weil es so offensichtlich nicht «passt», wird mir klar, dass das Gotteslob eigentlich nie passt. Oder war es vor diesem unseligen Krieg passender? Und wird es danach passender sein? Es wird immer irgendwo auf irgendwen geschossen. Und genau das ist der Grund, weshalb im Lob und Dank für Gottes Stärke ein Trost liegt – ein trotziger, rebellischer und rotzfrecher Protest gegen die, die meinen, sie seien stark – und doch Schwächlinge sind. Was sind das doch für himmeltraurige, erbärmliche Gestalten, die über Leichen gehen, um ihren Zarenkomplex auszuleben.

Lobt die Macht, die sich verneigt, dichtet Georg Schmid im wunderschönen Weihnachtslied (RG 430). Der Gott, den ich lobe, ist stark, weil er sich aus Liebe verausgabt. Darum sing ich trotzig-fröhlich:

Lobt den Himmel, der nicht schweigt. Lobt das Licht, in uns entfacht,

Licht aus Licht in unserer Nacht.

Von Ralph Kunz