Autor: Ralph Kunz

23. Juli

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht;  denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.                                                                           Josua 1,9

Hollywood hat in den letzten Jahren einige apokalyptische Filme in die Kinos gebracht. Eine Szene gehört dazu: Vor der Endzeitschlacht sammelt der Präsident oder General (meistens ein weisser Mann) seine Truppen und spricht ein Wort der Ermutigung. Dann geht’s in den Kampf. Natürlich siegen die Guten. Die Rede ist wichtig. Sie appelliert an den Mut und die Entschlossenheit, erinnert an vergangene Siege und macht Hoffnung, die Schlacht zu gewinnen.

Das erste Kapitel in Josua passt in dieses Schema. Josua übernimmt die Stafette: Moses ist gestorben, Israel steht am Jordan, das gelobte Land ist in Sicht. Auch in säkularen Ermutigungspredigten läuft es darauf hinaus, dass man sich «nicht graut und entsetzt». Josua nennt aber einen Grund dafür: «Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.» Der Führer Israels verspricht, dass Gott ein «Im-anu-El», auf Deutsch ein «Mit-uns-Gott» ist. Gott war in Ägypten, am Schilfmeer und wird den Israeliten auch bei der Landnahme beistehen. Was im Blockbuster Heldentum ist, hat in der Rede von Josua eine Glaubensdimension. Es hört sich ähnlich an und ist doch etwas anderes. Vielleicht ist das die Tragödie des biblischen Storytellings? Dass es so überzeugend ist und von weltlichen, imperialen und kolonialen Herrschaften   gerne kopiert wird.

Von Ralph Kunz

20. Juni

Du sollst keine anderen Götter haben neben  mir. 2. Mose 20,3

Vor ein paar Jahren hat der Ägyptologe Jan Assmann in seinem Buch «Der Preis des Monotheismus» eine Debatte losgetreten. Der Monotheismus habe im Unterschied zum toleranteren Polytheismus ein Problem mit Andersgläubigen und neige deshalb zur religiösen Gewalt. Das erste Gebot sei der Beleg für die These. Dass Gott sagt: «Ich bin der HERR, dein Gott» mag ja noch angehen, aber wenn derselbe Gott erklärt, «du sollst keine anderen Götter neben mir haben», lässt ihn das als Autokrat erscheinen. Warum erträgt JAHWE keinen Konkurrenten? Warum benimmt er sich wie ein eifersüchtiger Ehemann?

Ich denke nicht, dass man den Monotheismus pauschal verurteilen kann. (Das macht auch Herr Assmann nicht …) Mein Punkt: Es geht im Gebot nicht um eine religiöse Ideologie oder ein Prinzip, das durchgesetzt werden kann. Viel entscheidender ist die Gottesbeziehung. Den Boden dafür legte der Exodus. Vor den Geboten stellt sich JAHWE vor: «Ich bin der Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat.» Gott ist nicht irgendein Gott unter vielen Göttern und Israel nicht irgendein Volk unter vielen Völkern. Darum erstaunt es nicht, dass Liebe und Eifersucht in diesem Bund ein ständiges Thema sind. Frei übersetzt heisst das erste Gebot: Weil Gott keinen «Harem» hat, erwartet er von Israel Treue.

Von Ralph Kunz

19. Juni

Freigebige werden immer reicher, der Geizhals spart  sich arm.               Sprüche 11,24

Ich wuchs zusammen mit drei Brüdern in der Dienstwohnung der Zürcher Kantonalbank auf. Wir diskutierten viel am Familientisch und erfuhren einiges aus dem Berufsalltag meines Vaters. Eines Tages überraschte er uns mit einer Aussage. Als Bankverwalter hatte er auch reiche Kunden. Es gebe, meinte er, keine unglücklicheren Leute als Reiche, die Angst hätten, sie könnten ihr Geld wieder verlieren. Irgendwie machte mir das enorm Eindruck, und es kommt mir aus Untiefen der Erinnerung in den Sinn, wenn ich den uralten Spruch lese: «Der Geizhals spart sich arm.» Ja, genau! Je mehr er hat, desto ärmer wird er, weil er den Hals nicht vollkriegen kann. Er spart, weil er Angst hat. Ein reicher Geizhals ist noch ärmer dran. Der einzige Ausweg ist die Freigebigkeit. Sie ist Ausdruck einer Lebenshaltung. «Freigebig» meint hier, andern gegenüber grosszügig sein, also das zu verteilen, zu verschenken und auszuleihen, was man hat. Der Reichtum, den man so anhäuft, ist Dankbarkeit, die Dividende, die man einfährt, ist die Freude. Lässt sich das auf unser ganzes Leben übertragen? Könnte das gemeint sein, wenn Jesus sagt, wer sein Leben liebt, wird es verlieren? Vielleicht kann man den strengen Satz ein wenig mildern, wenn man ihn so dreht. Es gibt keine glücklicheren Leute als Reiche, die keine Angst davor haben, ihren Reichtum zu verschenken.

Von Ralph Kunz

23. Mai

Singet fröhlich Gott, der unsre Stärke ist!                 Psalm 81,2

Es gibt Tage, an denen eine solche Aufforderung die pure Zumutung ist. Haben Sie heute einen solchen Tag vor sich Oder hinter sich? Ist Ihnen zum Klagen zumute?

Ich schreibe diesen Bolderntext eine Woche nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Nichts könnte unpassender sein als fröhlicher Gesang. Und doch.

Gerade weil es so offensichtlich nicht «passt», wird mir klar, dass das Gotteslob eigentlich nie passt. Oder war es vor diesem unseligen Krieg passender? Und wird es danach passender sein? Es wird immer irgendwo auf irgendwen geschossen. Und genau das ist der Grund, weshalb im Lob und Dank für Gottes Stärke ein Trost liegt – ein trotziger, rebellischer und rotzfrecher Protest gegen die, die meinen, sie seien stark – und doch Schwächlinge sind. Was sind das doch für himmeltraurige, erbärmliche Gestalten, die über Leichen gehen, um ihren Zarenkomplex auszuleben.

Lobt die Macht, die sich verneigt, dichtet Georg Schmid im wunderschönen Weihnachtslied (RG 430). Der Gott, den ich lobe, ist stark, weil er sich aus Liebe verausgabt. Darum sing ich trotzig-fröhlich:

Lobt den Himmel, der nicht schweigt. Lobt das Licht, in uns entfacht,

Licht aus Licht in unserer Nacht.

Von Ralph Kunz

22. Mai

Ich will sie durchs Feuer gehen lassen und läutern, wie man Silber läutert, und prüfen, wie man Gold prüft. Dann werden sie meinen Namen anrufen, und ich will sie erhören. Sacharja 13,9

Läuterndes Feuer? Ja, Feuer verbrennt die Schlacken – ein Verfahren, um Edelmetall zu gewinnen. Auf Menschen angewandt ergibt das allerdings keine angenehme Vorstellung. Es kann nur schmerzhaft sein. Und das macht Angst.

Das Bild für die innere oder geistige Läuterung hat Karriere gemacht und ist Teil einer Jenseitsdramaturgie, die uns Protestanten fremd ist. Gemeint ist das Purgatorium oder auf Deutsch das Fegefeuer. Vor der Reformation haben Busspre- diger mit der Vorstellung einer mehr oder weniger langan-haltenden Läuterung gedroht und bekanntlich auch kräftig Kasse gemacht. Mit einem gerüttelt Mass an Messen konnte man die feurige Prüfung im Jenseits ein wenig abkürzen. Die Menschen machten sich Sorgen um ihre lieben (oder nicht so lieben) verstorbenen Angehörigen. Gut, haben die Reformatoren mit diesem Unsinn aufgeräumt. Vielleicht ein wenig zu gründlich. Denn die Idee, dass innere Heilung, Reue und Vergebung zwar schmerzhaft sind, aber das Edelste im Menschen hervorbringen, drückt eine tiefe Wahrheit aus. Das Ziel ist nicht die Strafe, sondern die wiederhergestellte Beziehung. Aber den letzten Rest einer schwarzen Pädago- gik verliert das Bild erst, wenn wir wissen, dass Gott für uns durchs Feuer geht.

Von Ralph Kunz

20. April

Der Israel zerstreut hat, der wird’s auch wieder sammeln
und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde.
Jeremia 31,10

Das Verhältnis von Gott und seinem Volk ist Dauerbrenner im Buch der Bücher, eine regelrechte Beziehungskiste, in der man nur kurz wühlen muss, um reichlich Stoff für eine Familientherapie zu finden. Schon nach dem Honeymoon in Ägypten kam die erste Krise in der Wüste. Die Israeliten maulten, weil sie den Gulasch-Service ihrer alten Herren vermissten und das Manna nicht ihren Ansprüchen genügte. Am Berg Sinai kam es beinahe zu einer Katastrophe. Als Moses die Gebote empfing, wurde das Fussvolk untreu. Statt auf Gott zu hören, tanzten sie lieber um ein Kalb aus Gold. Wieso waren sie so starrköpfig? Warum versagte die göttliche Pädagogik? Gott war ausser sich, aber liess sich noch einmal von Mose besänftigen.

Viele weitere Krisen folgten, bis es nicht mehr ging. Gott resignierte und Israel machte die verstörende Erfahrung der Diaspora. Es war eine Verzweiflungstat Jahwes. «Er hat sein Volk zerstreut» bedeutet eigentlich, dass er es zerstört hat. Oder doch nicht? Ist da noch ein Funke Hoffnung? Lässt sich eine derart zerrüttete Beziehung noch retten? Jeremia darf in Gottes Namen einen Lichtblick wagen. Sein Heilsorakel verspricht einen Neuanfang. Gott macht eine Kehrtwende, will alle mit dem Feuer der Liebe einsammeln, die er in seiner Weissglut vertrieben hat, und ist damit noch lange nicht fertig …
Von Ralph Kunz

19. April

Ich breite meine Hände aus zu dir,
meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.
Psalm 143,6

Ich wuchs mit drei Brüdern auf, kannte also den Futterneid, musste aber weiss Gott nicht darben. Wir hatten immer genug zu essen. Und doch kam es vor, dass wir an Hungeranfällen litten. Wir schlichen uns dann in die Vorratskammer und schnabulierten, was uns in die Finger kam, als  ob es ums Überleben ginge. Weil wir zwar räuberisch begabt waren, aber die Kunst des Leisetretens nicht beherrschten, kam es vor, dass uns die Mutter überraschte. Sie hatte dann einen Spruch auf Lager. «Was seid ihr doch für hungrige Seelen!» Ein wahres Wort! Der Bauch kann voll sein, aber dennoch knurrt die Seele vor Hunger.
Klar, meine Kindheitserinnerung ist harmlos. Sie hilft mir aber,  das Bild zu verstehen, das der Psalmist verwendet. Bei ihm geht es, anders als in meinem Beispiel, tatsächlich um Leben und Tod. Er ist verfolgt von seinen Feinden, sein Geist ist verzagt und erschöpft, sein Herz sei erstarrt. Der Seelendurst ist für ihn ein Bild der existenziellen Not. Er spricht sie aus, klagt Gott sein Leid und findet darin einen Halt. Seine Kehle lechzt nach einem Gottestropfen.
Was ist mit uns, die, Gott sei Dank, nicht an Leib und Leben gefährdet sind? Vielleicht sollten wir fasten. Oder wir könnten solidarisch mit anderen «für-dürsten». So verstehe ich Jesu Wort: «Selig sind die Hungrigen im Geist.» (Matthäus 5,1)
Von Ralph Kunz

23. März

Der HERR ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter.
Samuel 22,2

Als die Kinder noch kleiner waren, besuchten wir als Familie hin und wieder die Mörsburg in der Nähe von Winterthur – einen gut erhaltenen Wohn- und Wehrturm, der schon rund tausend Jahre alt ist. Die dicken Mauern sind eindrückliche Zeitzeugen. Sie haben die Jahrhunderte überdauert und vermitteln bis heute ein Gefühl für den Schutz, den die Bewohner hinter ihnen suchten. Eine Burg birgt und trotzt den Feinden. Wenn man in der Mörsburg die Wendeltreppe hinaufsteigt, kann sich auch ein beklemmendes Gefühl einstellen. Wie sich das wohl anfühlte, wenn ein feindlich gesinnter Ritter mit bösen Absichten die Burgbewohner drangsalierte? Die Turmbewohner mussten bezüglich Komfort Kompromisse machen. Wer sich verschanzt, signalisiert denen, die draussen sind: Ich traue dir nicht über den Weg.

Das Siegeslied von David handelt von Gott. David dankt ihm, weil er ihn vor Saul beschützt hat. Gott war für ihn wie eine dicke Mauer. Ich frage mich: Ist mein Gott wie eine Mauer? Glaube ich an einen Gott, der im Krieg hilft? Das Gottesbild ist dreitausend Jahre alt, älter als die Mörsburg. Passt es noch? Ich denke, die Burg ist nur ein Bild, aber das beklemmende Mörsburg-Gefühl stellt sich dennoch ein. Man hofft, es sei veraltet. Ich fürchte, es bleibt aktuell für alle, deren Umwelt feindselig ist.

Von Ralph Kunz

21. Februar

Weil seine Seele sich abgemüht hat,
wird er das Licht schauen und die Fülle haben.

Jesaja 53,11

Die heutige Losung ist dem letzten der sogenannten Gottesknechtslieder entnommen. Der Gottesknecht schaut zurück auf das Leben. In Vers 3 steht: «Er trug unsere Krankheit» und in Vers 11: «Er hat die Sünde vieler getragen.»
Wer ist er? Ich weiss es nicht. Und das macht nichts, denn viele von uns Menschen hier und in der weiten Welt mühen sich ab. Ihnen ist zugesagt, dass sie «das Licht schauen werden». Und sogleich frage ich mich, weshalb wir nicht schon hier und jetzt Licht schauen. Und ich denke, wir tun es dann, wenn wir zufrieden sein können mit unserem Leben, dann, wenn wir spüren, dass zwar nicht alles wie am Schnürchen läuft, wir aber dennoch eine Zukunft und eine Hoffnung in uns tragen – für jetzt und über die Grenze des Lebens hinaus. Ich ertrage den jetzigen Zustand von Gottes Schöpfung, der Welt, nicht gut und muss mich schützen. Da hilft es, daran erinnert zu werden, dass ich mich abmühe und darauf hoffen darf, bereits jetzt Licht und Hoffnung zu erfahren. Das kann ich, wenn ich mich mit anderen Menschen austausche, ich kann es, wenn ich Gott, der Lebendigen, meine Mühen mitteile im Gebet, oder dann, wenn ich mich freue und  so

etwas Distanz erhalte.

Schenke uns Vertrauen in das Leben und Hoffnung auf dich.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Februar

Der HERR sprach zu Isaak:
Durch deine Nachkommen sollen alle Völker
auf Erden gesegnet werden. 1.
Mose 26,4

Isaak war wie sein Vater Abraham ein von Gott Gesegneter – das zweite Glied in der Vätergeschichte, die bei Lichte betrachtet die Geschichte des Segens erzählt. Es ist eine atemberaubende Story, die nahe an den Abgrund führt, ein dünner Faden, der immer wieder zu zerreissen droht. Zum Beispiel damals, als die hochbetagte Sara lachte. Aber Gott ist treu. Sara schenkte Isaak das Leben, und er erbte das grosse Versprechen.

Und wir? Wir sind am Leben, Erben der Verheissung, Kinder Abrahams, Träger des Segens, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Geschichte des Segens ist noch nicht zu Ende. Im Netflix-Zeitalter bietet sich die Metapher der Staffel an: Jetzt ist unsere dran, und wir sind auf Sendung. Wir halten den Faden in Händen, fürchten uns davor, dass er zerreissen könnte, sehen den Abgrund und fragen uns, wie es weitergehen soll. Aus dem Blick zurück können wir Mut schöpfen. Die erste Staffel gibt uns Vorbilder des Glaubens, die trotz Stocken und Straucheln auf dem Weg geblieben sind, den Gott ihnen gewiesen hat.
Was lernen wir von ihnen? Paulus bringt es auf den Punkt: «Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet … Denn die Schrift spricht: Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.» (Römer 4,3)

Von Ralph Kunz