Autor: Ralph Kunz

22. Mai

Ich will sie durchs Feuer gehen lassen und läutern, wie man Silber läutert, und prüfen, wie man Gold prüft. Dann werden sie meinen Namen anrufen, und ich will sie erhören. Sacharja 13,9

Läuterndes Feuer? Ja, Feuer verbrennt die Schlacken – ein Verfahren, um Edelmetall zu gewinnen. Auf Menschen angewandt ergibt das allerdings keine angenehme Vorstellung. Es kann nur schmerzhaft sein. Und das macht Angst.

Das Bild für die innere oder geistige Läuterung hat Karriere gemacht und ist Teil einer Jenseitsdramaturgie, die uns Protestanten fremd ist. Gemeint ist das Purgatorium oder auf Deutsch das Fegefeuer. Vor der Reformation haben Busspre- diger mit der Vorstellung einer mehr oder weniger langan-haltenden Läuterung gedroht und bekanntlich auch kräftig Kasse gemacht. Mit einem gerüttelt Mass an Messen konnte man die feurige Prüfung im Jenseits ein wenig abkürzen. Die Menschen machten sich Sorgen um ihre lieben (oder nicht so lieben) verstorbenen Angehörigen. Gut, haben die Reformatoren mit diesem Unsinn aufgeräumt. Vielleicht ein wenig zu gründlich. Denn die Idee, dass innere Heilung, Reue und Vergebung zwar schmerzhaft sind, aber das Edelste im Menschen hervorbringen, drückt eine tiefe Wahrheit aus. Das Ziel ist nicht die Strafe, sondern die wiederhergestellte Beziehung. Aber den letzten Rest einer schwarzen Pädago- gik verliert das Bild erst, wenn wir wissen, dass Gott für uns durchs Feuer geht.

Von Ralph Kunz

20. April

Der Israel zerstreut hat, der wird’s auch wieder sammeln
und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde.
Jeremia 31,10

Das Verhältnis von Gott und seinem Volk ist Dauerbrenner im Buch der Bücher, eine regelrechte Beziehungskiste, in der man nur kurz wühlen muss, um reichlich Stoff für eine Familientherapie zu finden. Schon nach dem Honeymoon in Ägypten kam die erste Krise in der Wüste. Die Israeliten maulten, weil sie den Gulasch-Service ihrer alten Herren vermissten und das Manna nicht ihren Ansprüchen genügte. Am Berg Sinai kam es beinahe zu einer Katastrophe. Als Moses die Gebote empfing, wurde das Fussvolk untreu. Statt auf Gott zu hören, tanzten sie lieber um ein Kalb aus Gold. Wieso waren sie so starrköpfig? Warum versagte die göttliche Pädagogik? Gott war ausser sich, aber liess sich noch einmal von Mose besänftigen.

Viele weitere Krisen folgten, bis es nicht mehr ging. Gott resignierte und Israel machte die verstörende Erfahrung der Diaspora. Es war eine Verzweiflungstat Jahwes. «Er hat sein Volk zerstreut» bedeutet eigentlich, dass er es zerstört hat. Oder doch nicht? Ist da noch ein Funke Hoffnung? Lässt sich eine derart zerrüttete Beziehung noch retten? Jeremia darf in Gottes Namen einen Lichtblick wagen. Sein Heilsorakel verspricht einen Neuanfang. Gott macht eine Kehrtwende, will alle mit dem Feuer der Liebe einsammeln, die er in seiner Weissglut vertrieben hat, und ist damit noch lange nicht fertig …
Von Ralph Kunz

19. April

Ich breite meine Hände aus zu dir,
meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.
Psalm 143,6

Ich wuchs mit drei Brüdern auf, kannte also den Futterneid, musste aber weiss Gott nicht darben. Wir hatten immer genug zu essen. Und doch kam es vor, dass wir an Hungeranfällen litten. Wir schlichen uns dann in die Vorratskammer und schnabulierten, was uns in die Finger kam, als  ob es ums Überleben ginge. Weil wir zwar räuberisch begabt waren, aber die Kunst des Leisetretens nicht beherrschten, kam es vor, dass uns die Mutter überraschte. Sie hatte dann einen Spruch auf Lager. «Was seid ihr doch für hungrige Seelen!» Ein wahres Wort! Der Bauch kann voll sein, aber dennoch knurrt die Seele vor Hunger.
Klar, meine Kindheitserinnerung ist harmlos. Sie hilft mir aber,  das Bild zu verstehen, das der Psalmist verwendet. Bei ihm geht es, anders als in meinem Beispiel, tatsächlich um Leben und Tod. Er ist verfolgt von seinen Feinden, sein Geist ist verzagt und erschöpft, sein Herz sei erstarrt. Der Seelendurst ist für ihn ein Bild der existenziellen Not. Er spricht sie aus, klagt Gott sein Leid und findet darin einen Halt. Seine Kehle lechzt nach einem Gottestropfen.
Was ist mit uns, die, Gott sei Dank, nicht an Leib und Leben gefährdet sind? Vielleicht sollten wir fasten. Oder wir könnten solidarisch mit anderen «für-dürsten». So verstehe ich Jesu Wort: «Selig sind die Hungrigen im Geist.» (Matthäus 5,1)
Von Ralph Kunz

23. März

Der HERR ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter.
Samuel 22,2

Als die Kinder noch kleiner waren, besuchten wir als Familie hin und wieder die Mörsburg in der Nähe von Winterthur – einen gut erhaltenen Wohn- und Wehrturm, der schon rund tausend Jahre alt ist. Die dicken Mauern sind eindrückliche Zeitzeugen. Sie haben die Jahrhunderte überdauert und vermitteln bis heute ein Gefühl für den Schutz, den die Bewohner hinter ihnen suchten. Eine Burg birgt und trotzt den Feinden. Wenn man in der Mörsburg die Wendeltreppe hinaufsteigt, kann sich auch ein beklemmendes Gefühl einstellen. Wie sich das wohl anfühlte, wenn ein feindlich gesinnter Ritter mit bösen Absichten die Burgbewohner drangsalierte? Die Turmbewohner mussten bezüglich Komfort Kompromisse machen. Wer sich verschanzt, signalisiert denen, die draussen sind: Ich traue dir nicht über den Weg.

Das Siegeslied von David handelt von Gott. David dankt ihm, weil er ihn vor Saul beschützt hat. Gott war für ihn wie eine dicke Mauer. Ich frage mich: Ist mein Gott wie eine Mauer? Glaube ich an einen Gott, der im Krieg hilft? Das Gottesbild ist dreitausend Jahre alt, älter als die Mörsburg. Passt es noch? Ich denke, die Burg ist nur ein Bild, aber das beklemmende Mörsburg-Gefühl stellt sich dennoch ein. Man hofft, es sei veraltet. Ich fürchte, es bleibt aktuell für alle, deren Umwelt feindselig ist.

Von Ralph Kunz

21. Februar

Weil seine Seele sich abgemüht hat,
wird er das Licht schauen und die Fülle haben.

Jesaja 53,11

Die heutige Losung ist dem letzten der sogenannten Gottesknechtslieder entnommen. Der Gottesknecht schaut zurück auf das Leben. In Vers 3 steht: «Er trug unsere Krankheit» und in Vers 11: «Er hat die Sünde vieler getragen.»
Wer ist er? Ich weiss es nicht. Und das macht nichts, denn viele von uns Menschen hier und in der weiten Welt mühen sich ab. Ihnen ist zugesagt, dass sie «das Licht schauen werden». Und sogleich frage ich mich, weshalb wir nicht schon hier und jetzt Licht schauen. Und ich denke, wir tun es dann, wenn wir zufrieden sein können mit unserem Leben, dann, wenn wir spüren, dass zwar nicht alles wie am Schnürchen läuft, wir aber dennoch eine Zukunft und eine Hoffnung in uns tragen – für jetzt und über die Grenze des Lebens hinaus. Ich ertrage den jetzigen Zustand von Gottes Schöpfung, der Welt, nicht gut und muss mich schützen. Da hilft es, daran erinnert zu werden, dass ich mich abmühe und darauf hoffen darf, bereits jetzt Licht und Hoffnung zu erfahren. Das kann ich, wenn ich mich mit anderen Menschen austausche, ich kann es, wenn ich Gott, der Lebendigen, meine Mühen mitteile im Gebet, oder dann, wenn ich mich freue und  so

etwas Distanz erhalte.

Schenke uns Vertrauen in das Leben und Hoffnung auf dich.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Februar

Der HERR sprach zu Isaak:
Durch deine Nachkommen sollen alle Völker
auf Erden gesegnet werden. 1.
Mose 26,4

Isaak war wie sein Vater Abraham ein von Gott Gesegneter – das zweite Glied in der Vätergeschichte, die bei Lichte betrachtet die Geschichte des Segens erzählt. Es ist eine atemberaubende Story, die nahe an den Abgrund führt, ein dünner Faden, der immer wieder zu zerreissen droht. Zum Beispiel damals, als die hochbetagte Sara lachte. Aber Gott ist treu. Sara schenkte Isaak das Leben, und er erbte das grosse Versprechen.

Und wir? Wir sind am Leben, Erben der Verheissung, Kinder Abrahams, Träger des Segens, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Geschichte des Segens ist noch nicht zu Ende. Im Netflix-Zeitalter bietet sich die Metapher der Staffel an: Jetzt ist unsere dran, und wir sind auf Sendung. Wir halten den Faden in Händen, fürchten uns davor, dass er zerreissen könnte, sehen den Abgrund und fragen uns, wie es weitergehen soll. Aus dem Blick zurück können wir Mut schöpfen. Die erste Staffel gibt uns Vorbilder des Glaubens, die trotz Stocken und Straucheln auf dem Weg geblieben sind, den Gott ihnen gewiesen hat.
Was lernen wir von ihnen? Paulus bringt es auf den Punkt: «Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet … Denn die Schrift spricht: Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.» (Römer 4,3)

Von Ralph Kunz

19. Februar

Seid nicht halsstarrig, sondern gebt eure Hand dem HERRN
und kommt zu seinem Heiligtum.

Chronik 30,8

Die heutige Losung ist aus einem Kapitel des zweiten Chronikbuches, das wie ein Licht im Dunkel der Geschichte aufleuchtet. Der Chronist erzählt vom Versuch König Hiskias, die Priester und das Volk zur Umkehr zu bewegen. Hiskia, der in der jüdischen Überlieferung als der Friedefürst identifiziert wird, von dem der Prophet Jesaja weissagte (Jes 9,1–6), er war ein Gerechter, ein König, der Gott dienen wollte. Er rief zur Busse und wurde erhört. Die königliche Evangelisationskampagne fruchtete, und man feierte Passah wie in alten Zeiten. «Und es war grosse Freude in Jerusalem. Denn seit den Tagen Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel, war derartiges in Jerusalem nicht gewesen.» (30,27)
Hiskia war ein Reformer, der auf die alte JHWH-Tradition setzte. Der Erfolg seiner Mission war allerdings nicht nachhaltig. Sein Sohn Manasse machte die Reformen wieder rückgängig. Muss man das Ganze als Strohfeuer abtun? Läuft es immer so? Geht jeder Aufbruch irgendwann wieder zu Ende? Man kann es so lesen. Oder man hört das Evangelium. Denn wir haben einen König, der zur Umkehr ruft. Wir sind mittendrin, sind gerufen, unseren Hals zu lockern, uns an seiner Reformation zu beteiligen, und wir werden, so Gott will, eines Tages sagen. «Und es war grosse Freude in Bern, Berlin, Frauenfeld, Bonn, Rom, New York, Richterswil, Hongkong, Kapstadt, Timbuktu …

Von Ralph Kunz

23. Januar

Ich will dem HERRN singen mein Leben lang
und meinen Gott loben, solange ich bin.       

Psalm 104,33

Der Lobgesang auf den Schöpfer mündet in ein Gelübde des Geschöpfs, lebenslänglich Gott zu ehren. Es sieht darin – modern gesagt – den Sinn seines Lebens. Der Sänger nimmt seinen Mund ganz schön voll. Was treibt ihn dazu? Erhofft er sich eine Karriere als religiöser Schlagersänger? Ist es eine Pflicht, die er zu erfüllen hat?
Nichts von alledem! Für den Dichter ist die Antwort Teil des Gedichts.
«Möge ihm mein Dichten gefallen. Ich will mich freuen am Herrn.» (Vers 34)
Gott loben ist eine Herzensangelegenheit; der Mund ist voll, weil das Herz überfliesst. Man fragt sich: Ist der Sänger nicht zu überschwänglich? Er verzichtet auf jede Dissonanz. Im Psalter gibt es genug Beispiele dafür, dass auch das Leiden an Gott und der Welt eine Herzensangelegenheit ist, die  im Lied ihren Ausdruck findet. Dieses Lied hier antwortet aber auf das Lied, das der erste Dichter erfunden hat. Der Philosoph Hartmut Rosa fände hier das perfekte Beispiel für eine «vertikale Resonanz». Es schwingt, singt und klingt aus diesem Psalm der Überschwang der Freude, ein Lied, das die Geistkraft am Anfang der Schöpfung angestimmt hat. Sie hat Freude an ihrem Werk. Also hat ihr Geschöpf Freude an ihr.
Könnte es sein, dass der Sinn der Schöpfung darin liegt, jetzt schon auf den Klang der Freude zu lauschen, der am Ende aller Tage allen Missklang übertönt? Wie fragte der Berner Sänger Kurt Marti so schön: «ich hörte klang – ist klang der sinn?»

Von Ralph Kunz

22. Januar

Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift,  wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.     Jesaja 9,4

Diese Worte des Propheten – gesättigt mit der Erfahrung unermesslichen Leids und nach Gerechtigkeit hungernd – sind Worte in Gottes Ohr und zugleich Worte aus seinem Mund! Sie verheissen das Ende der Gewalt, eine glückliche Wende. Wer wird sie herbeiführen? Es folgt eine Weissagung, die offenbar schon erfüllt ist: «Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heisst Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.»
Gemäss jüdischer Tradition war mit dem Sar-Schalom (Prinz des Friedens) der gerechte israelische König Hiskija gemeint, der in den Jahren von 727 bis 698 v. Chr. über Juda herrschte. Allerdings dauerte Hiskijas Friedensreich nicht «von nun an bis in Ewigkeit» (Jesaja 9,6). In der christlichen Auslegung ist der Friedefürst ein Hoheitstitel für Jesus von Nazareth. Der christliche Glaube zehrt, wenn man so will, vom Verheissungsüberschuss Israels. Mit welchem Recht? Ist mit Jesus das Friedensreich gekommen? Müssig, so zu fragen … Der Überschuss ist geblieben – ein Anlass, IHM, auf den wir hoffen, unser Ohr zu leihen und seinem Wort nachzuleben: «Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.» (Matthäus 5,9)

Von Ralph Kunz