Schlagwort: Ralph Kunz

11. Juli

Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Psalm 46,11

In diesem Psalm geht es mächtig zur Sache. Wenn ich eine
Musik zu den Worten spielen müsste, würde ich mich für die
Anfangstakte des ersten Satzes aus Beethovens Fünfter Sinfonie
entscheiden: tatataa
– tatataa!
Mächtig und prächtig,
drohend und drängend tönt es, weil Gott kommt. Und wie!
«Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen,
das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt.» Und
wieder kracht es: «Kommt her und schauet die Werke des
HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet.»
Der Pazifist in mir zuckt zusammen und atmet wieder auf,
wenn er merkt, was der «Zerstörer» vorhat. Von Gott ist
die Rede, der «den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der
Bogen zerbricht, Spiesse zerschlägt und Wagen mit Feuer
verbrennt.» Göttlich verordnete Abrüstung also! Das wäre
doch ein Grund zum Jubel, oder nicht? Aber Gott bittet um
Ruhe. «Seid stille!» Ich bin nicht sicher, ob ich gehorchen soll.
Das Versprechen ist noch nicht erfüllt. Will ich ruhig sein?
Vielleicht muss ich vom Ende her lesen: Wenn ich sehe, wie
Gott abrüstet, erkenne ich, wer Gott ist.
Vielleicht muss ich den Aufruf, Gott als den zu erkennen,
der die Zerstörung zerstört, im Osterlicht lesen: Dass Gott
den Gekreuzigten auferweckt hat, ist entwaffnend. Am Ende
der Zeit stillt Gott die Welt. Wer sonst?

Von: Ralph Kunz

10. Juli

Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu. Prediger 9,10

Was für ein merkwürdiger Rat! Wie ist er gemeint? Der
zweite, nicht zitierte Teil des Verses klärt auf: «… denn im
Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken,
weder Erkenntnis noch Weisheit.» Es ist eine typische «Prediger-
Weisheit» – die bittersüsse Erkenntnis, dass das Leben
endlich ist, alle im Totenreich landen und niemand, weder
die Gerechten noch die Ungerechten, etwas dagegen tun
können. Nun ja, das ist nicht gerade ein Aufsteller! Aber der
Prediger kommt, wenn man weiterliest, dennoch zu einem
positiven Fazit. Er rät denen, die (noch) leben, den Tag zu
geniessen. «Denn wer noch bei den Lebenden weilt, der hat
Hoffnung.» (Vers 4) Ich füge hinzu: «Und wer Hoffnung hat,
der lebt und nutzt die Zeit, die ihm bleibt, um das zu tun,
was nötig ist.» Oder kritisch gewendet: «Verschieb, was du
heute erledigen kannst, nicht auf morgen.» Für mich, der ich
ein Weltmeister im Prokrastinieren bin – ein lustiges Fremdwort
für das gewohnheitsmässige unlustige Aufschieben von
Aufgaben –, ein Ansporn, heute endlich meinen Schreibtisch
aufzuräumen. Bevor ich es anpacke, lese ich in Ruhe das
ganze Kapitel. Und ach, wie schön, der Prediger hat noch
einen Rat: «So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink
deinen Wein mit gutem Mut.» (Vers 7)
Wenn das kein Aufsteller ist? Ich gehe aufgeräumt in den
Tag!

Von: Ralph Kunz

11. Juni

Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und unverzagt? Josua 1,9

Mose ist gestorben und Josua folgt ihm nach. Nun geht
es über den Jordan ins verheissene Land und Gott ermutigt
den Nachfolger: «Sei getrost und unverzagt!» Diese Worte
kommen immer wieder vor im ersten Kapitel. Das könnte ich
schön und erbaulich finden, aber leider kenne ich die Fortsetzung
der Geschichte. Und ja, das, was jetzt folgt, ist nichts
anderes als ein Eroberungskrieg. Oder Kolonisierung. Oder
Besetzung. Denn das verheissene Land ist kein Niemandsland.
Es wohnen schon Menschen da. «Landnahme» bedeutet
also Vertreibung, Raub und Totschlag. Und das alles im
Namen Gottes. Ja genau, das trübt meine Freude an der
schönen Losung. Irgendwie erinnert sie mich an eine Szene
in einem (schlechten) Kriegsfilm. Man hört die Stimme aus
dem Off und sieht im Licht des Sonnenuntergangs die glänzenden
Rüstungen – alles ist bereit für die nächste Schlacht.
Aber so steht es nun mal in der Bibel geschrieben …
Einzig das Wissen, dass sie nicht so endet wie ein schlechter
Kriegsfilm, rettet die Geschichte. Gott sei Dank kenn
ich die Fortsetzung. Ich weiss, dass die «Landnahme» eine
ganz andere Wendung nimmt. Das macht das Erzählte nicht
erbaulich, aber immerhin erträglich. Am Ende kommt ein
Nachfolger, der aus Schwertern Pflugscharen macht und
Friedensstifter und Landlose seligspricht. Das lässt mich
getrost und unverzagt sein!

Von: Ralph Kunz

10. Juni

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Jesaja 55,1

Das 55. Kapitel im Buch Jesaia enthält eine Reihe von Einladungen.
Wer Durst hat, soll kommen, wer kein Geld hat,
bekommt zu essen, wer Gott sucht, wird ihn finden, und wer
klopft, dem wird aufgetan. Es sind Ermutigungen zum Leben
und zum Glauben.
Jesu Sprache ist regelrecht getränkt, sein Geist erfüllt von
dieser Zuversicht: «Sucht Gott, solange er zu finden ist; ruft
ihn an, solange er nahe ist.» Es sind gute Nachrichten für
alle, die hungrig und durstig sind. Aber was ist mit denen,
die gesättigt sind und ihren Durst gestillt haben? Was fangen
Menschen, die von Gott genug haben, mit dieser Botschaft
an? Ich mache die seltsame Beobachtung, dass dieselben
Menschen, die Gott gefunden haben, auch diejenigen sind,
die Gott suchen. Und ich höre von denen, die regelmässig
und intensiv beten, dass ihr Durst und ihr Hunger nach
Gottes
Nähe wächst. Körperliche und geistliche Begehren
gehen ineinander über, aber heben sich nicht auf. In der
Leibseele kann der Gottesdurst zur sprudelnden Quelle werden.
Gott suchen ist mehr als Bedürfnisbefriedigung. Wenn
Jesus sagt, «kommt her, die ihr mühselig und beladen seid»,
verteilt er keine Matratzen. Er verspricht eine seltsame Erquickung.
Er bietet uns sein Joch an. Er hofft darauf, dass wir mit
ihm gehen, seinen Durst nach Gerechtigkeit teilen und mit
ihm dem Frieden nachjagen.

Von: Ralph Kunz

11. Mai

Es ist niemand heilig wie der HERR, ausser dir ist keiner. 1. Samuel 2

Hanna singt: «Ausser dir ist keiner!» «La ilaha illa Allah!» –
die Sure, die allen Muslim:innen bekannt ist, sagt ziemlich
genau das aus: Es gibt keinen Gott ausser Allah. Wie die Bibel
betont auch der Koran die Einzigartigkeit Gottes. Es ist der
gemeinsame Boden der drei abrahamitischen Religionen, für
den die Religionswissenschaft den trockenen Begriff Monotheismus
parat hat. Als Christ gehöre ich zu diesem Club.
Aber, ach, ich weiss nicht! Glaube ich an einen «Ismus»?
Ich bin froh, singt Hanna von der Heiligkeit Gottes – sie, die
gedemütigt wurde, weil sie kinderlos war, sie, deren Gebete
erhört wurden. Die Erkenntnis, wer Gott ist, entspringt ihrer
Erfahrung. Sie singt ein Danklied, weil ihr ein Kind geschenkt
wurde. Es ist Samuel, der künftige Priester, der später den ersten
König Israels salben sollte. Hannas Theologie ist Bauchwissen
und nicht Ausgeburt einer monotheistischen Idee.
Was ihr gegeben wurde, ist für uns alle heilig. Erst recht,
wenn ich mir die Fortsetzung anhöre. Ich denke an das Lied
der Maria, die im Magnifikat davon singt, wie sich die Heiligkeit
Gottes zeigt. Gott erhebt die Niedrigen und demütigt
die Hochmütigen, die Hungernden beschenkt Gott mit
Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Und ihr Sohn
singt weiter: Selig sind die Gewaltlosen, denn ihnen wurde
das Lied geschenkt. «La ilaha illa Allah!»

Von: Ralph Kunz

10. Mai

Unser Gott, den wir verehren, kann uns erretten aus
dem glühenden Feuerofen. Und wenn er’s nicht tut, so
sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht
ehren und das goldene Bild nicht anbeten werden.
Daniel 3,17.18

Schadrach, Meschach und Abed-Nego waren Freunde von
Daniel. Wie dieser waren auch sie Judäer und Beamte im Persischen
Reich. Dank ihrer Bildung machten sie Karriere. Sie
konnten schreiben! Dass sie als Exulanten einen anderen Gott
verehrten, störte in der neuen Heimat niemanden. Erst als
König Nebukadnezar auf die Idee kam, eine riesige goldene
Statue zu errichten, die alle anbeten sollten, nahm ihr Schicksal
eine Wende. Sie wurden in den Feuerofen geworfen, weil
sie sich weigerten, einen anderen Gott als JHWH anzubeten.
Natürlich war der andere Gott nur eine Statue. Ein Bild
kümmert es nicht, dass ihm die Ehre verweigert wird. Aber
Nebukadnezar rastete aus. Seine Majestät war beleidigt. Er
war es, der meinte, er habe das Recht, sich über seine Mitmenschen
zu erheben. Das Ebenbild ist kein Gott, aber Nebukadnezars
«Gott» ist Ebenbild und Sinnbild einer Religion, die
Menschen unmenschlich macht. Man könnte auch sagen, es
ist ein göttliches Zerrbild, erschaffen von Mächtigen, um ihre
Macht zu steigern. Oder schlicht ein Götze. Die Geschichte
der drei Freunde ging gut aus. Sie überlebten das Martyrium.
Es ist leider die wunderbare Ausnahme. Was Menschen einander
im Namen Gottes antun, schreit bis heute zum Himmel.

Von: Ralph Kunz

11. April

Meine Schuld ist mir über den Kopf gewachsen;
sie wiegt zu schwer, ich kann sie nicht mehr tragen. Psalm 38,5

Warum tut es derart weh, wenn das Gewissen beisst? Was ist es, was Schuldiggewordene in die Verzweiflung treibt? Die Bilder der Losung zeigen eindrücklich, wie stark die Belastung empfunden wird: Wenn das Schuldgefühl immer höher steigt und ich immer tiefer sinke, gehe ich irgendwann ganz unter, und wenn die Schuld immer schwerer wiegt und mich immer mehr hinunterdrückt, zerbreche ich irgendwann daran. Auch die übrigen Verse des Psalms schildern, dass der Beter leidet, wie er krank und depressiv ist. Seine Nächsten verlassen ihn, Gottes Pfeile durchbohren ihn und er fürchtet sich vor dem Gericht. Was ihm über den Kopf gewachsen ist, droht ihn zu zerstören. Es gibt nur eine letzte Hoffnung: dass jemand noch höher steht und noch mehr Gewicht hat – ein Richter, der mehr zu sagen hat als der Ankläger.
Die Tradition hat diesen Busspsalm David in den Mund gelegt – dem König, dem Sänger und dem Krieger, der auch ein Sünder war. Dass er, der Erbärmliches getan hat, Erbarmen gefunden hat, soll denen, die ihm nachsprechen, ein Trost sein. Vielleicht muss man einen anderen Psalm lesen, um ihn zu spüren? Wie wär’s mit demjenigen, wo steht, dass auch wir, die nicht königlichen Geschlechts sind, am Ende mit Gnade und Barmherzigkeit gekrönt werden? (Psalm 103,4)

Von: Ralph Kunz

10. April

Der HERR sprach zu Jakob: Siehe, ich bin mit dir
und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. 1. Mose 28,15

Jakob hat ein Traumgesicht, in dem ihm Gott erscheint. Es ist ein merkwürdiges Bild, das in der jüdisch-christlichen Kultur grossen Eindruck hinterlassen hat. Jakob sieht die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Es ist eine Leiter (oder eine Treppe), auf der Engel auf- und absteigen. Auf der obersten Stufe steht JHWH und verspricht Jakob seinen Beistand. Jakob wird zum Erben des Segens, den Gott Abraham gegeben hat. Das ist alles andere als selbstverständlich. Zwar ist Jakob Abrahams Enkel, aber eigentlich wäre der ältere Bruder Esau Träger der Verheissung und nicht er. Jakob ist also einer, der sich in der Reihe vorgedrängelt hat – und doch hält Gott zu ihm. Und was ist die Moral der Geschichte?
Die Antwort gibt Jakob, nachdem er aus seinem Traum erwacht ist. Er weiss, dass er seinen Bruder übers Ohr gehauen hat, aber er will dennoch die Versöhnung mit ihm. Jetzt verheisst ihm Gott die Heimkehr. Also legt er ein Gelübde ab: «Wenn du dein Versprechen erfüllst und ich in Frieden heimkehren kann, sollst du mein Gott sein.»
(Genesis 28,20 f.) Eigentlich ist das ziemlich dreist, oder?
Aber es passt zu Jakob, der vierzehn Jahre später an einer Furt mit Gott ringt, wieder seine Chance packt und Gott im Ohr liegt: «Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.»

Von: Ralph Kunz

11. März

Meine Seele verlangt nach deinem Heil;
ich hoffe auf dein Wort. Psalm 119,81

Als ob die heutige Losung die Antwort wäre auf die gestrige. Gestern hat Gott Grosses versprochen; heute spricht einer, der sich viel von Gott verspricht. Gestern tröstete ich mich damit, dass sich in der Erfahrung meines fehlenden Glaubens wenigstens ein Kleinglaube meldet; heute lerne ich, dass gerade denen, die Grosses glauben, etwas fehlt. Denn wenn die Seele des Sängers nach Heil verlangt, ist sie unruhig, weil sie etwas Letztes vermisst. Er nennt es Wort.
Der 119. Psalm ist der längste im Psalter. Er preist die Weisungen Gottes von A bis Z. Doch warum hofft der Beter, der für seine Freude an der Thora so viele Worte findet, ausgerechnet auf ein (weiteres) Wort? Schliesslich hat er das Gesetz und weiss, wer Gott ist und was er von seinen Menschen will. Offensichtlich hat er noch nicht genug von Gott.
Ihn verlangt danach, dass Gott selbst spricht, dass er ein neues Wort vernimmt und ihm der Himmel ins Herz fällt, dass sich für ihn, der nach diesem neuen Wort verlangt, das «Ich-bin-mit-dir-Versprechen» erfüllt. Wer anderes als Gott könnte dieses Verlangen wecken und wer anderes als Gott könnte es stillen?
Es gibt Menschen, die das nicht verstehen.
Sie können es erst, wenn sie Gott lieben.

Von: Ralph Kunz

10. März

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht,
denn ich bin dein Gott. Jesaja 41,10

«Fürchte dich nicht!» ist eigentlich ein unmöglicher Imperativ. Wer darf das sagen? Wer so spricht, verspricht sich selbst. Im zweiten Teil des Jesaja häufen sich solche Versprechen. Gott ist es, der sich verspricht. Sein Wort soll denen, die es hören, Mut machen, Trost spenden und Hoffnung geben. Gott glaubt an Israel. Aber kommt es an? Findet es Gehör? Stösst es auf Gegenglauben? Und wenn es noch so herrlich hallt und göttlich schallt – «die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube», meinte Goethes Faust, und mir – ich gebe es zu – fehlt er manchmal auch. Oder fehlt mir am Ende die rechte Furcht? Mir kommt Asterix in den Sinn, der sich vor gar nichts fürchtet, ausser dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Gegen alle anderen Gefahren ist er gewappnet dank Miraculix’ Zaubertrank. Nein, Gottes Wort ist kein Zauberspruch! Es wirkt nicht mirakulös. Und so kommt es, dass ich hin und wieder leer schlucke, wenn ich die grossen Versprechen höre und darauf warte, dass Gott meinen Unglauben aufhebt.
Gott sei Dank geschieht es dann und wann. Geschieht es nicht, fehlt mir Gott. Aber wenn mir Gott fehlt, habe ich immerhin erkannt, dass ich keine Angst davor habe, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt. Das ist nur Kleinglaube, ich weiss. Aber an manchen Tagen muss das genügen.

Von: Ralph Kunz