Schlagwort: Ralph Kunz

11. Mai

Es ist niemand heilig wie der HERR, ausser dir ist keiner. 1. Samuel 2

Hanna singt: «Ausser dir ist keiner!» «La ilaha illa Allah!» –
die Sure, die allen Muslim:innen bekannt ist, sagt ziemlich
genau das aus: Es gibt keinen Gott ausser Allah. Wie die Bibel
betont auch der Koran die Einzigartigkeit Gottes. Es ist der
gemeinsame Boden der drei abrahamitischen Religionen, für
den die Religionswissenschaft den trockenen Begriff Monotheismus
parat hat. Als Christ gehöre ich zu diesem Club.
Aber, ach, ich weiss nicht! Glaube ich an einen «Ismus»?
Ich bin froh, singt Hanna von der Heiligkeit Gottes – sie, die
gedemütigt wurde, weil sie kinderlos war, sie, deren Gebete
erhört wurden. Die Erkenntnis, wer Gott ist, entspringt ihrer
Erfahrung. Sie singt ein Danklied, weil ihr ein Kind geschenkt
wurde. Es ist Samuel, der künftige Priester, der später den ersten
König Israels salben sollte. Hannas Theologie ist Bauchwissen
und nicht Ausgeburt einer monotheistischen Idee.
Was ihr gegeben wurde, ist für uns alle heilig. Erst recht,
wenn ich mir die Fortsetzung anhöre. Ich denke an das Lied
der Maria, die im Magnifikat davon singt, wie sich die Heiligkeit
Gottes zeigt. Gott erhebt die Niedrigen und demütigt
die Hochmütigen, die Hungernden beschenkt Gott mit
Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Und ihr Sohn
singt weiter: Selig sind die Gewaltlosen, denn ihnen wurde
das Lied geschenkt. «La ilaha illa Allah!»

Von: Ralph Kunz

10. Mai

Unser Gott, den wir verehren, kann uns erretten aus
dem glühenden Feuerofen. Und wenn er’s nicht tut, so
sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht
ehren und das goldene Bild nicht anbeten werden.
Daniel 3,17.18

Schadrach, Meschach und Abed-Nego waren Freunde von
Daniel. Wie dieser waren auch sie Judäer und Beamte im Persischen
Reich. Dank ihrer Bildung machten sie Karriere. Sie
konnten schreiben! Dass sie als Exulanten einen anderen Gott
verehrten, störte in der neuen Heimat niemanden. Erst als
König Nebukadnezar auf die Idee kam, eine riesige goldene
Statue zu errichten, die alle anbeten sollten, nahm ihr Schicksal
eine Wende. Sie wurden in den Feuerofen geworfen, weil
sie sich weigerten, einen anderen Gott als JHWH anzubeten.
Natürlich war der andere Gott nur eine Statue. Ein Bild
kümmert es nicht, dass ihm die Ehre verweigert wird. Aber
Nebukadnezar rastete aus. Seine Majestät war beleidigt. Er
war es, der meinte, er habe das Recht, sich über seine Mitmenschen
zu erheben. Das Ebenbild ist kein Gott, aber Nebukadnezars
«Gott» ist Ebenbild und Sinnbild einer Religion, die
Menschen unmenschlich macht. Man könnte auch sagen, es
ist ein göttliches Zerrbild, erschaffen von Mächtigen, um ihre
Macht zu steigern. Oder schlicht ein Götze. Die Geschichte
der drei Freunde ging gut aus. Sie überlebten das Martyrium.
Es ist leider die wunderbare Ausnahme. Was Menschen einander
im Namen Gottes antun, schreit bis heute zum Himmel.

Von: Ralph Kunz

11. April

Meine Schuld ist mir über den Kopf gewachsen;
sie wiegt zu schwer, ich kann sie nicht mehr tragen. Psalm 38,5

Warum tut es derart weh, wenn das Gewissen beisst? Was ist es, was Schuldiggewordene in die Verzweiflung treibt? Die Bilder der Losung zeigen eindrücklich, wie stark die Belastung empfunden wird: Wenn das Schuldgefühl immer höher steigt und ich immer tiefer sinke, gehe ich irgendwann ganz unter, und wenn die Schuld immer schwerer wiegt und mich immer mehr hinunterdrückt, zerbreche ich irgendwann daran. Auch die übrigen Verse des Psalms schildern, dass der Beter leidet, wie er krank und depressiv ist. Seine Nächsten verlassen ihn, Gottes Pfeile durchbohren ihn und er fürchtet sich vor dem Gericht. Was ihm über den Kopf gewachsen ist, droht ihn zu zerstören. Es gibt nur eine letzte Hoffnung: dass jemand noch höher steht und noch mehr Gewicht hat – ein Richter, der mehr zu sagen hat als der Ankläger.
Die Tradition hat diesen Busspsalm David in den Mund gelegt – dem König, dem Sänger und dem Krieger, der auch ein Sünder war. Dass er, der Erbärmliches getan hat, Erbarmen gefunden hat, soll denen, die ihm nachsprechen, ein Trost sein. Vielleicht muss man einen anderen Psalm lesen, um ihn zu spüren? Wie wär’s mit demjenigen, wo steht, dass auch wir, die nicht königlichen Geschlechts sind, am Ende mit Gnade und Barmherzigkeit gekrönt werden? (Psalm 103,4)

Von: Ralph Kunz

10. April

Der HERR sprach zu Jakob: Siehe, ich bin mit dir
und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. 1. Mose 28,15

Jakob hat ein Traumgesicht, in dem ihm Gott erscheint. Es ist ein merkwürdiges Bild, das in der jüdisch-christlichen Kultur grossen Eindruck hinterlassen hat. Jakob sieht die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Es ist eine Leiter (oder eine Treppe), auf der Engel auf- und absteigen. Auf der obersten Stufe steht JHWH und verspricht Jakob seinen Beistand. Jakob wird zum Erben des Segens, den Gott Abraham gegeben hat. Das ist alles andere als selbstverständlich. Zwar ist Jakob Abrahams Enkel, aber eigentlich wäre der ältere Bruder Esau Träger der Verheissung und nicht er. Jakob ist also einer, der sich in der Reihe vorgedrängelt hat – und doch hält Gott zu ihm. Und was ist die Moral der Geschichte?
Die Antwort gibt Jakob, nachdem er aus seinem Traum erwacht ist. Er weiss, dass er seinen Bruder übers Ohr gehauen hat, aber er will dennoch die Versöhnung mit ihm. Jetzt verheisst ihm Gott die Heimkehr. Also legt er ein Gelübde ab: «Wenn du dein Versprechen erfüllst und ich in Frieden heimkehren kann, sollst du mein Gott sein.»
(Genesis 28,20 f.) Eigentlich ist das ziemlich dreist, oder?
Aber es passt zu Jakob, der vierzehn Jahre später an einer Furt mit Gott ringt, wieder seine Chance packt und Gott im Ohr liegt: «Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.»

Von: Ralph Kunz

11. März

Meine Seele verlangt nach deinem Heil;
ich hoffe auf dein Wort. Psalm 119,81

Als ob die heutige Losung die Antwort wäre auf die gestrige. Gestern hat Gott Grosses versprochen; heute spricht einer, der sich viel von Gott verspricht. Gestern tröstete ich mich damit, dass sich in der Erfahrung meines fehlenden Glaubens wenigstens ein Kleinglaube meldet; heute lerne ich, dass gerade denen, die Grosses glauben, etwas fehlt. Denn wenn die Seele des Sängers nach Heil verlangt, ist sie unruhig, weil sie etwas Letztes vermisst. Er nennt es Wort.
Der 119. Psalm ist der längste im Psalter. Er preist die Weisungen Gottes von A bis Z. Doch warum hofft der Beter, der für seine Freude an der Thora so viele Worte findet, ausgerechnet auf ein (weiteres) Wort? Schliesslich hat er das Gesetz und weiss, wer Gott ist und was er von seinen Menschen will. Offensichtlich hat er noch nicht genug von Gott.
Ihn verlangt danach, dass Gott selbst spricht, dass er ein neues Wort vernimmt und ihm der Himmel ins Herz fällt, dass sich für ihn, der nach diesem neuen Wort verlangt, das «Ich-bin-mit-dir-Versprechen» erfüllt. Wer anderes als Gott könnte dieses Verlangen wecken und wer anderes als Gott könnte es stillen?
Es gibt Menschen, die das nicht verstehen.
Sie können es erst, wenn sie Gott lieben.

Von: Ralph Kunz

10. März

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht,
denn ich bin dein Gott. Jesaja 41,10

«Fürchte dich nicht!» ist eigentlich ein unmöglicher Imperativ. Wer darf das sagen? Wer so spricht, verspricht sich selbst. Im zweiten Teil des Jesaja häufen sich solche Versprechen. Gott ist es, der sich verspricht. Sein Wort soll denen, die es hören, Mut machen, Trost spenden und Hoffnung geben. Gott glaubt an Israel. Aber kommt es an? Findet es Gehör? Stösst es auf Gegenglauben? Und wenn es noch so herrlich hallt und göttlich schallt – «die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube», meinte Goethes Faust, und mir – ich gebe es zu – fehlt er manchmal auch. Oder fehlt mir am Ende die rechte Furcht? Mir kommt Asterix in den Sinn, der sich vor gar nichts fürchtet, ausser dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Gegen alle anderen Gefahren ist er gewappnet dank Miraculix’ Zaubertrank. Nein, Gottes Wort ist kein Zauberspruch! Es wirkt nicht mirakulös. Und so kommt es, dass ich hin und wieder leer schlucke, wenn ich die grossen Versprechen höre und darauf warte, dass Gott meinen Unglauben aufhebt.
Gott sei Dank geschieht es dann und wann. Geschieht es nicht, fehlt mir Gott. Aber wenn mir Gott fehlt, habe ich immerhin erkannt, dass ich keine Angst davor habe, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt. Das ist nur Kleinglaube, ich weiss. Aber an manchen Tagen muss das genügen.

Von: Ralph Kunz

11. Februar

Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der HERR. Jeremia 31,20

Wer das Buch Jeremia von Anfang bis Ende liest, muss sich auf ein Wechselbad der Gefühle gefasst machen. Grund für das emotionale Auf und Ab ist der Treuebruch Israels. In den Worten des Propheten spiegelt sich eine Beziehung im Dauerstress. Gott spricht einmal streng als Richter und dann wieder enttäuscht wie ein betrogener Ehemann. Mit der Ehemetapher gesagt: Alles sieht nach Scheidung aus! Schaut man auf das ganze gott-menschliche Beziehungsdrama, sticht beim Vergleich der unterschiedlichen Beziehungstypen die elterliche Bindung heraus. So auch hier. Gott spricht voll Erbarmen wie ein Vater mit seinem geliebten Kind. Da ist zwar Schmerz, aber keine Eifersucht, und da ist Erziehung, aber auch ein starkes Engagement. Die elterliche Verbindung geht so tief. Sie hat etwas Unverbrüchliches. Weil sich Eltern nicht von ihren Kindern scheiden lassen können! Eltern können ihre Kinder verstossen oder enterben, aber sie bleiben mit ihnen verbunden. Und wenn sie kein Herz aus Stein haben, geben sie die Hoffnung nicht auf, dass auch ein Beziehungsbruch heilen kann. Der eifersüchtige Gott, der auf Treue pocht, ist einschüchternd, der Vater mit dem gebrochenen Herz, der seinen Schmerz offenbart, lässt auf Versöhnung hoffen.

Von: Ralph Kunz

10. Februar

Jakob sprach: HERR, ich bin zu gering aller
Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.
1. Mose 32,11

Jakob hat recht! Er hat Gottes Barmherzigkeit und Treue nicht verdient – schliesslich hat er seinem Bruder das Erbe abgeluchst und musste vor dessen Rache fliehen. Aber er hatte Glück! Er ist bei seinem Onkel Laban zu Reichtum gekommen. Jetzt will er nach Hause. Ob ihm sein Bruder nach vierzehn Jahren noch zürnt? Jakob will sich mit Esau versöhnen. Eine mutige und demütige Annäherung mit ungewissem Ausgang. Also betet er: «Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm.» Vor ihm liegt der Jabbok und eine weitere Nacht, in der Jakob mit Gott (oder einem Flussdämon) ringt und nicht loslässt, bis er einen Segen erhält. Erst dann geht er – hinkend – Esau entgegen. Und es folgt die Versöhnung.
Jakob ist eine schillernde Figur: ein Träumer, Liebender und Kämpfer. Er trägt jedoch den Segen Abrahams und Saras weiter, eine Rolle, die eigentlich dem älteren Esau zugestanden hätte. Warum er? Gott hat ihn erwählt. Als ob es Gott gefallen würde, wenn sein Heilsplan Haken schlägt, als ob er Freude am Schlitzohr hätte. Vielleicht, weil Gott in Jakobs Herz die Bereitschaft sieht, auf sein Erbarmen und seine Treue zu vertrauen?
Quasi sola gratia!

Von: Ralph Kunz

11. Januar

Gott, der HERR, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang. Psalm 50,1

Vom Aufgang der Sonne geht es im Dreiklang hinauf zum Zenit der Oktave, bis die Sonne wieder untergeht und im selben Dreiklang zum Grundton sinkt. Und dann noch einmal! Jetzt geht es in kleineren Tonschritten beschwingt die Leiter hinauf und wieder hinunter.
«Vom Aufgang der Sonne» (RG 69/EG 456) ist ein beliebter vierstimmiger Kanon, der den Tageslauf musikalisch nachempfindet und mit der Zeile «Gelobt sei der Name des Herrn!» endet. Das ist zwar beschaulich und erbaulich, verkürzt jedoch den Psalm, der davon singt, was Gott den lieben langen Tag der Welt zu sagen hat. An die Frommen geht die Botschaft: «Glaubt nur ja nicht, dass ich auf eure Schlachtplatten und Blutwürste angewiesen bin. Ich habe genug zu essen. Bringt mir lieber Dankopfer und ruft mich an in der Not!» Den Frevlern hält Gott eine Standpauke: «Redet nicht falsches Zeugnis und verachtet das Gesetz nicht. Passt besser auf. Mit mir ist nicht zu spassen.»
Das muntere Loblied, das die Sonne auf- und untergehen lässt, spart also die Zwischentöne aus, die an Gottes Gerechtigkeitssinn erinnern.
Stört es den Wohlklang?
Ich finde nicht.
C’est le ton qui fait la musique!

Von: Ralph Kunz

10. Januar

Hab acht auf dich selbst und auf die Lehre; beharre
in diesen Stücken! Denn wenn du das tust, wirst du dich selbst retten und die, die dich hören.
1.Timotheus 4,16

Die Zeile aus dem Brief, vermutlich eines Paulusschülers, der an den Episkopus (Vorsteher) der Gemeinde in Ephesus adressiert ist, gehört zu den Pastoralbriefen. Sie sind in der zweiten und dritten Generation der frühen Kirche entstanden. Sowohl Absender als auch Adressat sind fiktiv, das heisst, der Brief ist ein Pseudoschreiben, das nicht aus der Feder des Paulus stammt und über Ephesus hinaus auch in anderen Gemeinden Kleinasiens gelesen werden soll. Auffällig ist der Nachdruck auf die rechte Lehre. Das tönt streng. Der Grund wird in den ersten Versen des Kapitels genannt: Es gab offensichtlich «Lehren von Leuten, die sich verstellen und die Wahrheit verdrehen» (Vers 3). Sie warnten vor dem Genuss bestimmter Speisen und hatten ihre Vorstellung einer heilsnotwendigen Diät. Das tönt ziemlich aktuell. Ich denke an (superstrenge) Veganer und weiss nicht, ob ich es beruhigend oder beunruhigend finde, dass sich schon unsere Vorfahren nicht einig waren, was ihnen guttut und was nicht. Wenn man mir mein Fondue verbietet, hört bei mir jedenfalls der Spass auf. Darum bin froh, hat es der Timotheusbrief ins Neue Testament geschafft. Die Lehre bringt es ziemlich gut auf den Punkt: «Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird.» (Vers 4) Alles andere wäre Käse, oder?

Von: Ralph Kunz