Autor: Gert Rüppell

30. Januar

Der HERR ist meine Kraft. Habakuk 3,19

Dieser Satz könnte im Nachklang zur gestrigen Erzählung gelesen werden. Gott war die Kraft, die das Verhalten Davids und dann das Verhalten von Generationen nach ihm bestimmte. Gott bestimmte das Wesen und das Verhalten einer grossen Anzahl unserer Glaubensvorfahren, denen er Kraft für ihr Verhalten gab.
Oft fühle ich mich mutlos, wenn ich mich in der heutigen Gesellschaft umschaue. Nichts scheint so zu gelingen, wie ich es mir erhofft habe. Keine Gerechtigkeit, um die wir doch schon so lange ringen. Kein Frieden, für den wir uns doch schon so lange einsetzen. Ich erinnere nur an den Internationalen Versöhnungsbund. Keine Bewahrung der Schöpfung, sondern ein erweitertes Abholzen und Zupflastern der Erde. Die Ausbeutung der Ozeane, obwohl wir um die Konsequenzen wissen. Habakuk beklagt all dies mit seinen Worten und Beobachtungen. Wie mir geht es ihm darum, Gott zur scheinbaren Straflosigkeit der Bösen Fragen zu stellen und endlich um antwortendes Handeln zu bitten. Gott antwortet Habakuk und offenbart ihm, wie er Unrecht bestrafen wird. Habakuk wird aufgezeigt, dass Gott trotz scheinbarer Stille oder Inaktivität in schwierigen Zeiten am Werk ist und dass der Mensch aus diesem Glauben leben darf. Das gibt Habakuk Kraft.
Und wenn ich mich dann umschaue und sehe, was bereits geschehen ist, kann es gelingen, diese Gotteskraft zu erkennen und daraus Mut zu schöpfen.

Von: Gert Rüppell

29. Januar

Mein Leben werde wert geachtet in den Augen
des HERRN, und er errette mich aus aller Not!
1. Samuel 26,24

Ich muss den Text in seinem Zusammenhang lesen und da steht: «Wie ich dich, den Gesalbten des HERRN, verschont habe, so möge dieser HERR nun auch mich schonen.» Ist das eine Auge-um-Auge-Situation? David wird verschont, weil er seine Übermacht nicht ausgenutzt hat? Der noch einmal davongekommene Saulus lässt David laufen. Sieht er ein, dass er auf lange Sicht nicht der ausführende Gesalbte des HERRN sein wird? Offensichtlich. David zog seine Strasse, heisst es im Text, der damit auf den vor David liegenden Zukunftsraum verweist. Während Saul umkehrt, der Begriff «Ort» im Text ist ja viel weniger dynamisch als die Strasse, die vor David liegt. Nicht allein die Versöhnung, die sich aus nicht vollzogener Rache ergibt, spielt hier eine Rolle. Vielmehr ermöglicht die nicht vollzogene Gewalttat den Weg nach vorn. Der Segen verweist auf Lebensperspektive, einen Raum, der sich eröffnet, wenn Rachsucht, Hass und Gewalt nicht die Oberhand behalten. Dieser Text ist ein Aufruf zum Verzicht auf Rache. Nimm ein Symbol (wie David es tat), um deine friedvolle Absicht zu untermauern, dann errettet dich der HERR aus der Not und du wirst gesegnet.
Gebe Gott uns solche Weisheit und Einsicht für unser alltägliches individuelles und kollektives Verhalten.

Von: Gert Rüppell

14. Dezember

Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet,
dass du getan hast, was ihm missfiel?
2. Samuel 12,9

Die Vorgeschichte zum Vers ist eine Ungeheuerlichkeit. Sie
handelt von sexueller Gewalt und ihrer Vertuschung durch
einen Mord am Ehemann der Vergewaltigten. Eindeutig wird
Jahwes Gebot mit den Mitteln der Willkür übertreten. Daher
schickt Gott Nathan, seinen Sprecher. Der macht es spannend.
Er verurteilt David nicht; mit einer Geschichte von
der Habgier des Reichen, der mit niemandem teilen will
und deshalb das einzige Lamm des Armen schlachtet, als er
einen Gast bewirten muss, spricht er stattdessen über Arm
und Reich. Er spiegelt somit Davids Verhalten im Licht von
Macht! Nathan erzählt von einem, der seinen Willen zum
Gesetz macht, weil er weiss, dass er stärker ist als sein Gegenüber.
Macht siegt über Ohnmacht. Eine im Alltag keine so
ungewöhnliche Erfahrung. Beim Autofahren, beim Mobbing
in Betrieben, im Machtkampf politischer Parteien wird die
Würde der Schwachen missachtet, werden die Regeln zu
deren Schutz verletzt.
Es gilt zu beweisen, dass man stärker ist als sein Gegenüber.
David bekennt auf die obige Frage seine Schuld. «Ich habe
gegen den Ewigen gesündigt!» Eigenes Fehlverhalten einzugestehen,
keine Ausreden, keinen Sündenbock zu suchen,
gehört zum Schwersten in unserem Leben. Aber nur in
solchem Eingeständnis liegt die Chance, dass ich von dem,
was ich getan habe, freikomme und neu beginnen kann
unter der Gnade Gottes.

Von: Gert Rüppell

13. Dezember

Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich,
Gott anzuschauen.
2. Mose 3,6

Das kenne ich aus meiner Jugend, vielleicht die eine oder
der andere von euch auch. Ich hatte etwas Strafwürdiges
getan und so stand ich mit gesenktem Blick vor der Lehrerin.
Wie Mose fürchtete ich mich, sie anzuschauen. Hat also
Mose Angst vor Strafe? Die Geschichte vom brennenden
Dornbusch, jener Erstbegegnung von Mose und Jahwe, lässt
dies eher nicht vermuten. Mir scheint, dass der Verweis auf
die lange Geschichte Gottes mit den Vorfahren Moses und
seines Volkes ihn verschüchtert. Er erschrickt angesichts der
historischen Unermesslichkeit des göttlichen Schutzes, den
sein Volk erfahren hat und nun, in der Ansage, dass Gott
für die Unterdrückten ein Befreier sein will, einschneidend
neu erfährt. Die Losung verweist auf den entscheidenden
Punkt im Leben aller, die sich diesem Gott ausliefern. Es ist
der Punkt, wo wir im Zutrauen auf Gott Befreiung erfahren.
Aus Begegnung lernen, wie Menschen befreit werden.
Ähnlich wie Mose können wir zu Übermittlern Gottes
befreiender Absicht werden. Dabei lag, das zeigt der Text,
auf dem Weg der Befreiten, ihrem Auszug, die Begegnung
mit anderen Völkern. Der Umgang mit ihnen ist entscheidend.
Moses gesenkter Blick zeigt uns, dass wir nicht auf
Augenhöhe mit Gott sind, sondern dass seine Führung
für gelungene Geschichte nötig ist. Wir sind Hörende und
dann Handelnde. Ein solches Bewusstsein wird zeigen, ob wir
einen Auszug schaffen, der auch anderen zur Befreiung wird.

Von: Gert Rüppell

14. Oktober

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja! Psalm 150,6

Als einen kosmologischen Paukenschlag könnte man diese Schlusszeile des gesamten Psalters bezeichnen. In den vorausgegangenen Abschnitten erscheinen, als Symbole für die göttliche Seinsweise, eine Vielzahl von Instrumenten. Bach hätte seine Freude daran gehabt. Dieses göttliche Symphonieorchester steht für die Grösse und die Vielfalt göttlicher Wirkmacht. Es ist zugleich Aussage über die verschiedenartige Klangkraft nicht nur der gesamten Schöpfung, sondern auch der vielfältigen Anbetungsformen und Namen, mit denen die Menschheit sich je dieser Wirkmacht genähert hat.
Da sind die Gänseblume und der Mohn, die Amsel und
der Kakadu, der Wal und die Schnecke, der Afrikaner, die Asiatin, der Europäer und die «Muheras negras» (Afrobrasilianerinnen). Der Rabbi und der buddhistische Lehrer, die Pfarrerin und die weise indigene Frau. Sie alle formen in der ihnen je eigenen Weise das grosse Halleluja, den grossen
Lobgesang, das Symphonieorchester Gott zu Ehren. Zusammen mit den Gläubigen in weltweiter Gemeinschaft gilt: Lobet die göttliche Wirkmacht, die sich in allem, wirklich in allem Ausdruck verschafft. Die Gewissheit, dass wir in unseren Gottesdiensten und Gebeten Teil dieser universalen Lobesgemeinschaft sind, stärkt mich und ich hoffe, Sie auch!

Von: Gert Rüppell

13. Oktober

Josef sprach zu seinen Brüdern: Ihr gedachtet es
böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut
zu machen.
1. Mose 50,20

Wieder ist der Losungstext, der aus der uns allen bekannten Josephsgeschichte stammt, ohne seinen Kontext nicht auszulegen. Geht es doch um eine Situation, die uns bekannt ist. Wie viele Familien kennen das! Nach dem Tod eines Angehörigen kommen alte Probleme, altes Misstrauen wieder an den Tag. Wird Joseph nach dem Tod des Vaters Jakob bei seiner Haltung bleiben, oder wird er nun seine Macht ausspielen, sich rächen? Die Brüder, wie oft auch wir, glauben nicht an die Kraft, Echtheit einmal vollzogener Versöhnung! Es bleibt Skepsis. War Josephs Vergebung echt? Letztlich wirft die Frage ja einen Schatten auf das eigene Verständnis davon, ob wir der uns zugesprochenen Vergebung, Gnade, im zwischenmenschlichen, aber auch im göttlichen Raum vertrauen. Und vergib uns unsere Schuld. Glauben wir an die Erfüllung dieser sonntäglich an Gott gerichteten Bitte? Glauben wir im zwischenmenschlichen Bereich daran, dass uns Unrecht, das wir begangen haben, vergeben wird, ein Neuanfang möglich ist? Wollen wir Vergebung annehmen?
In Zeiten, in denen Hass und Unfrieden vieles in unseren Gesellschaften bestimmt, ist die Bejahung von Versöhnung umso zentraler. In diesem Sinn: Gott gedenkt auch heute, es mit uns gut zu machen. Schenken wir diesem Gott unseren Glauben, unser Vertrauen.

Von: Gert Rüppell

14. August

Der HERR, dein Gott, hat dein Wandern durch diese
grosse Wüste auf sein Herz genommen.
5. Mose 2,7

Dieser Text hat für mich zwei Botschaften. Zum einen ist hier,
im 5. Buch Mose, noch einmal der Auszug aus Ägypten, der
grosse Akt der Befreiung, ins Visier genommen. Er enthält
spannende Elemente, etwa wenn er auf das göttliche Gebot,
sich nicht an der einheimischen Bevölkerung zu vergehen, verweist.
Die Flüchtenden sollen normalen Handel treiben mit
den Menschen, deren Gebiet sie durchwandern müssen. Gott
tritt mit seiner Mahnung «Speise sollt ihr für Geld kaufen»
als Garantiemacht auf. Ich habe euer Wandern an mein Herz
genommen, es zu meiner Herzensangelegenheit und somit
zum Akt des Wohlergehens aller Menschen, die in dieser
grossen Wüste leben, gemacht. Nicht zu einer Bedrohung. Mit
der Aufforderung «Fangt keinen Krieg mit ihnen an» wird
die Erzählung der Landnahme zu einem friedvollen Narrativ.
Zum anderen spricht der Text unmittelbar zu uns heute!
Zu uns, die wir vieles von dem, was uns gegenwärtig begegnet,
für den Ausdruck grosser «Trockenheit» und Mühsal,
grosser Verwüstung aller uns lebenswichtigen Werte und
Hoffnungen erfahren und deuten. Nicht unweit von der
Erfahrung der hebräischen Auswanderer können aber auch
wir auf Gott als Garantiemacht schauen, die uns in diesen
scheinbaren Ausweglosigkeiten zu Mitmenschlichkeit und
Trost ruft. Uns, die wir in seinem Herzen, seiner Seinsmitte
leben.

Von: Gert Rüppell

13. August

Singet dem HERRN ein neues Lied;
singet dem HERRN, alle Welt!
Psalm 96,1

Neu soll das Lied sein, fordert der Psalmist uns auf. Und doch
setzt er fort, was bisher den Psalter bestimmte, das überschwängliche
Lob Gottes. So endet es auch – mit den Worten:
«Alles, was Odem hat, lobe den Herrn» (Psalm 150,6).
Singen ist eine wunderbare Weise, unseren Glauben zum
Ausdruck zu bringen. Dies wissen alle, die in Kantoreien
und Singkreisen aktiv sind. Und auch wir Gemeindeglieder
kennen das herrliche Gefühl, wenn im Gottesdienst ein
uns ans Herz gewachsenes Lied gesungen wird: «Grosser
Gott, wir loben Dich» etwa. Nicht nur, dass wir in unseren
Kirchen je einheimische Kirchengesangbücher haben, nein,
die Aufforderung des Psalmisten ist ja längst ökumenische
Realität geworden, indem wir nicht nur Lieder von Christen
anderer Kulturen in unsere Gesangbücher aufgenommen
haben. Auch gibt es ja ganze Gesangbücher, die, gemäss
der Aufforderung des Psalmisten, uns diesen weltweiten
Lobpreis Gottes nahebringen. Alle Welt singt! Ich entsinne
mich an frühe Zeiten der ökumenischen Bewegung, als wir
aus «Cantate Domino» sangen. Dann wurde es «Thuma
Mina». Für die Vollversammlungen tragen Christen aus aller
Welt Liedgut zu den Feiern zusammen. In meiner Gemeinde
ist das Liederbuch «Lieder zwischen Himmel und Erde» eine
wichtige Quelle. Die Verbindung mit Gotteslobenden aus
aller Welt ist eine wunderbare Angelegenheit. Dem Psalmisten
sei Dank für diese Ermutigung.

Von: Gert Rüppell

14. Juni

Einen anderen Grund kann niemand legen ausser dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1. Korinther 3,11

Mutig ist so eine Aussage. Gerade in Zeiten, in denen zunehmend
Menschen die Institution, die diesen Grund vertritt,
verlassen. Mutig in Zeiten, in denen Begründungen gemeinschaftlichen
Seins zunehmend in unterschiedlichsten Wertesystemen
gesucht werden. Mutig ist es also, wenn man sich
hinstellt und sagt: Genau so ist es! Genau so, wie wir glauben,
dass durch die Inkarnation der göttlichen Menschenliebe in
Jesus Christus unser Umgang miteinander zu gestalten ist.
Der Grund, der gelegt ist, bedeutet nach meinem Verständnis,
dass wir alle Menschen, welch kultureller oder religiöser
Prägung auch immer, als vor Gott gleich behandeln. Gottes
Liebe, der wir uns verschrieben haben, ist somit der Grund
für unseren mitmenschlichen Umgang, einen Umgang, der
keine Barrieren nach Geschlecht, Religion, Kultur oder Ethnie
kennt. Wir alle sind in Gott gleich begründet, gleichwertig.
Die Narrative des Neuen Testaments verweisen uns, ebenso
wie hier Paulus, immer neu auf diese Tatsache. Jesu heilende
Zuwendung zu den Gebrochenen und Verstossenen ist Vorbild
christlicher Gemeinschaft, der Grund, warum diese diakonische
Gemeinschaft schon früh faszinierte. Gerade heute,
wo unsere Gesellschaft eher das Ellenbogenmodell lebt, ist
es zentral, diesen jesuanischen Grund unseres Handelns stets
neu zu entdecken und zu verwirklichen suchen.

Von: Gert Rüppell

13. Juni

Mose sprach: Alles, was ich euch gebiete, das sollt
ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun
und nichts davontun.
5. Mose 13,1

Eigentlich ganz einfach, oder? Nach Gottes Anweisungen handeln
reicht, sagt der Text. Es bedarf keiner Zusätze, aber auch
keiner Auslassungen. Aber gerade das Davontun ist es doch,
was uns «unter den Fingern juckt». Denn so manches, was
aus der Liebe Gottes und seinen Regeln folgt, macht das Leben
schwer. Verunmöglicht oft ein Leben gemäss eigenen Vorstellungen,
nach eigenem Geschmack. Der Losungstext findet
sich in den Büchern Mose (der Thora) wieder und wieder.
Mir kommt dazu Jesu Dialog mit dem Pharisäer in den Sinn,
der ihm Katechismusunterricht zu erteilen sucht, als er ihn
nach der Erlangung des ewigen Lebens befragt. Jesus dreht
die Frage, fragt ihn, was in der Thora steht. Da antwortet er
mit einer Parallele zum Losungstext: Du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen
Nächsten wie dich selbst. (5. Mose 6,5; Lukas 10,27) Dies ist
für Paulus (Galater 5,14) der gesamte Verhaltenskodex für
das Leben. Eigentlich also doch ganz einfach? Wende dich
den Ausgegrenzten, den durch Krieg und falsche Machtausübung
Verwundeten zu. So wird Gottes Gesetz erfüllt. In ihren
Gesichtern erkennst du dich selbst als Mitgeschöpf. Aus Fremden
wird so ein Teil deines Selbst. Eine schwierige Aufforderung
bleibt er doch, dieser Ratschlag Gottes.

Von: Gert Rüppell