Autor: Dörte Gebhard

18. März

Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben;
da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer. Psalm 14,3

Es lohnt sich fast nicht, den ganzen 14. Psalm zu lesen. Nichts
als schlechte Laune und Ärger, Verbitterung und Resignation
schlägt einem entgegen. Es sei denn, der Frust ist gross und
muss raus. Alles auf einmal. Nicht sehr differenziert. Zugegeben,
im Einzelfall sicher ungerecht.
Aber die Wut ist so gross, dass nur noch Gott gross genug
ist, um mit ihr fertigzuwerden. Deshalb lohnt es sich doch,
den ganzen 14. Psalm zu lesen. Denn nur dann liest man
von der Grösse Gottes, der es sich nicht nehmen lässt, vom
Himmel auf seine Menschenkinder zu schauen, auch wenn
sie in ihrem Herzen sprechen «Es ist kein Gott».
Wenn man so sehr schäumt, pauschale Urteile fällt, dass
zuletzt an gar keinem mehr ein gutes Haar ist, hat man, ehe
man sich’s versieht, sich selbst dazugezählt. Keine Ausnahme
gemacht. Selbst schuld! Pech gehabt!
Dann lohnt es sich erst recht, den 14. Psalm bis zum Schluss
zu lesen. Da wird trotz allem wieder damit gerechnet, dass
Jakob fröhlich sein könnte und Israel sich freuen würde.
Heute werden in der ganzen Schweiz in einer ökumenischen
Aktion Rosen verkauft, die HEKS und Fastenopfer
zugutekommen. Sicher kennen Sie einen «Jakob», der nicht
daran denkt, eine Rose geschenkt zu bekommen. Sollte es
schon Abend geworden sein: Morgen ist auch noch ein Tag,
wo man via App «Give a rose» doppelt Gutes tun kann.

Von: Dörte Gebhard

1. März

Paulus sprach: Glaubst du, König Agrippa, den
Propheten? Ich weiss, dass du glaubst. Agrippa aber
sprach zu Paulus: Es fehlt nicht viel, so wirst du mich
noch überreden und einen Christen aus mir machen.
Apostelgeschichte 26,27–28

Friedrich Schleiermacher, Professor für alle neuen Fächer
im 19. Jahrhundert in Berlin, hat einmal sinngemäss gesagt:
Manchmal kommt genau dadurch etwas zustande, dass
man es voraussetzt. Paulus kannte Schleiermacher nicht,
wendete aber seine Taktik bereits bei König Agrippa an, der
ihn verhörte, weil der Apostel auf Leben und Tod angeklagt
war. Paulus traute diesem König nach seiner Predigt zu, dass
er – den Propheten – glaubt. König Agrippa antwortete
ihm eigenwillig darauf. Die Gelehrten streiten, wie es sich
für sie gehört, ob Paulus es ehrlich oder ironisch gemeint
hat, dass Agrippa nicht viel zum Christsein fehle. Ich will es
nicht entscheiden. Aber zweierlei erkenne ich: Paulus konnte
niemanden zum Christen «machen». Das muss der Heilige
Geist bewirken. Paulus‘ Predigt war persönlich-biografisch,
dem Hörer zugewandt und aktuell, aber «machen» konnte
er nichts. Menschliche Möglichkeiten haben Grenzen.
Aber es fehlt nur wenig. Diese Sicht der Dinge will ich mir
angewöhnen, auch wenn ich hoffentlich nie verhört werde
wie Paulus. Oft erwische ich mich dabei, zu sehen, was fehlt,
was nicht geht, nicht passt, nichts wird. Aber das berühmte
Glas ist nicht halb leer, es ist beinahe voll. Wollte ich noch
mehr hinein giessen, liefe es sofort über.

Von: Dörte Gebhard

19. Januar

Es ist nicht der Wille eures Vaters im Himmel, dass auch
nur eins dieser Geringen verloren gehe.
Matthäus 18,14

Es sind nur noch 99 Schafe … Wer ist so ein 100. Schaf, so ein
fehlendes, verirrtes, jedoch gerade nicht verlorenes, wie es
fälschlicherweise genannt wird? Wer gehört für Sie zu den
«Geringen», wie Matthäus solche Schafe nennt? Zu den
Marginalisierten? Die Ärmsten oder allgemein Benachteiligten,
Menschen ohne Lobby oder vor allem Kinder, die vielen
Flüchtlinge im Nirgendwo oder überhaupt alle Heimatlosen,
alle von Krieg und Krisen Betroffenen, insgesamt Menschen
mit Beeinträchtigungen oder schon solche ohne bestimmte
Privilegien, ohne das Glück, in einem reichen und toleranten
Land geboren zu sein, queere Personen und Sans-papiers,
Sozialhilfeempfängerinnen, Untergetauchte, Prostituierte,
Sklavinnen, Schwarze, …?
Durch die Jahrhunderte haben sich vorwiegend studierte
Leute Gedanken gemacht, wer da gemeint sein könnte: die
Neugetauften, die Ungebildeten oder gar Schmied und
Schuster, Bauer und Tölpel, wie Johannes Chrysostomus
(† 407) vermutete und predigte? Er hielt sich selbst für besser.
Wer so fragt und so sagt, denkt, dass er oder sie selbst
jedenfalls nicht dazugehört. Aber in diesen wenigen Zeilen
über das wiedergefundene Schaf sind wir alle gemeint. Martin
Luther bringt es auf den Punkt: «Das … Schaf sind wir …
Das Schaf kann sich nicht selber helfen … Das Schaf sucht
nicht den Herrn, sondern der Herr sucht das Schaf.»

Von: Dörte Gebhard

18. Januar

Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk,
das du erlöst hast.
2. Mose 15,13

Es ist gar nicht so schwer, Gott zu erkennen. Er managt
schwierige Passagen der Seinen mit seiner grossen Barmherzigkeit.
Sie unterscheidet ihn von Sektenführern und Verschwörungstheoretikerinnen,
Diktatoren und Spinnerinnen,
die sich in der Welt und im Internet tummeln. Jene reden
und schreiben womöglich sogar das Wort Barmherzigkeit,
wenn es ihnen denn nicht zu altmodisch vorkommt. Aber sie
lassen ganz anderes walten. Sie schüren Angst und streuen
Gerüchte, munkeln Ungewisses, säen Hass und schwören
Rache. Sie haben keine Ahnung und verlangen obendrein
viel Energie und Lebenszeit fürs Dabeisein und Mitmachen.
Lässt man Kopf und Herz zusammenwirken, werden die
Unterschiede zwischen «nur so gesagt», «bloss gemeint»
und «wirklich gemacht» deutlicher. Zwei kleine Testfragen
sind oft schon genug. Könnte ich mit Barmherzigkeit
rechnen, wenn ich? Dann, wenn Erlösung versprochen wird:
Wovon werde ich genau befreit? Nur von meinem Geld?
Gott breitet seine Barmherzigkeit ungefragt aus: Er gibt
Menschen Mut, um Vergebung zu bitten. Er schenkt sogar
die grosse Kraft, Hilfe anzunehmen, obwohl man von Kindesbeinen
an gelernt hat, alles selbst schaffen und leisten zu
müssen. Seine guten Ideen haben noch kein Ende. Er lässt
z. B. Menschen gegen alle Widerstände Bäume am Wüstenrand
pflanzen und so ein zu lobendes Land finden.

Von: Dörte Gebhard

8. Dezember

Erbaut auch ihr euch als lebendige Steine zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.          1. Petrus 2,5

Eine Kirchgemeinde ist eigentlich ein «Unding». Denn lebendige Steine gibt es nicht. Entweder sind es Pflanzen, die bloss wie Steine aussehen, oder es ist wirklich Granit. Der ist und bleibt leblos, seit Jahrtausenden.

Eine Kirchgemeinde ist trotzdem genau das: ein Haus aus lebendigen Steinen. Denn will man etwas ändern, wird es hart. Wer frisch und freiwillig da ist, findet es eventuell leichter, den berühmten Unspunnenstein, der immerhin 83,5 kg wiegt, richtig weit zu werfen, als irgendeine kleinere Neuerung durchzusetzen. 4,11 m ist übrigens der schwer zu brechende Rekord von Markus Maire aus dem Jahr 2004.

Hartnäckig muss man sein. Beim Steinstossen ist es ganz offensichtlich, in der Kirche bleibt es auch nicht lange verborgen.

Aber diese geistlich-lebenstüchtigen Steine sind zugleich toll und unberechenbar. Sagenhaft viele Einfälle, fixe und Schnapsideen kullern und bollern, rollen und rumpeln durch die Gegend und die Gemüter, durch Presse und Internet. Man holt sich womöglich schnell blaue Flecken, geistliche, versteht sich, wenn man nur schon von weitem zuschaut.

Eine Kirchgemeinde erbaut sich am besten, wenn sie ziemlich regelmässig prüft, ob alles Unverrückbare und alles Wilde Gott gefällt. Dieses «Opfer» ist gemeint.

Von Dörte Gebhard

7. Dezember

Weh denen, die den Schuldigen gerecht sprechen für Geschenke und das Recht nehmen denen, die im Recht sind.                                                     Jesaja 5, 22.23

Haben Sie schon alle Geschenke für Ihre Lieben beieinander? Schon seit Ostern oder erst seit dem Erntedankfest? Oder müssen Sie jetzt bald noch los, etwas genau Passendes oder etwas Ungewöhnliches, etwas lang Gewünschtes oder komplett Überraschendes zu finden?

Manchmal wird über Weihnachtsgeschenke geschimpft und gewettert, über die Menge und/oder die Preise, über die totale Kommerzialisierung des Festes. Aber gute Gaben sind und bleiben eine gute Erfindung der Menschheit. Gern lasse ich mich anstecken von der Begeisterung der Kinder; gerade davon, wie sie es vor Weihnachten kaum erwarten können, jemandem ein besonderes Geschenk von sich selbst zu überreichen. Es ist längst gebastelt, verpackt und versteckt, aber bis Heiligabend muss man noch siebzehnmal schlafen!

Jede noch so gute Idee kann man dennoch verderben. Wer nur etwas gibt, um noch mehr zu bekommen, wer das Recht beugt zu seinen Gunsten, der bringt Leid und Weh über andere. Korruption nützt niemandem und schadet allen. Jesaja bringt es auf den Punkt. Die Schweiz ist auf dem internationalen Korruptionsindex 2022 auf den 7. Platz abgerutscht, wegen Vetterliwirtschaft und teilweise intransparentem Umgang mit Geld. Üben wir am besten mit den Kindern zusammen, wie man von Herzen gern und vor allem ohne störende Hintergedanken schenkt.

Von Dörte Gebhard

19. November

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wieder- geboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.          1. Petrus 1,3

Es ist eine schwere Geburt, wenn die Hoffnung wieder zur Welt kommt. Hoffen kann ein Mensch weder durch Zwang noch auf Befehl. Hoffnung lässt sich auch nicht einfach erzeugen durch viel gutes Zureden oder gut gemeinte Ratschläge. Wenn sich die Hoffnung allzu leicht einstellt, dann ist sie oft naiv und leichtfertig, jedenfalls nichts Ernstes und nichts mit Hand und Herz, höchstens blauäugig.

Die Hoffnung wird im Verborgenen gebildet. Sie braucht Zeit, um zu wachsen und zu reifen, ehe sie sichtbar zur Welt gebracht werden kann.

Es ist sogar für Gott eine schwere Geburt, bei der nicht selbstverständlich ist, dass die Hoffnung  auch  lebendig zur Welt kommt, dass sie alles potenziell Tödliche über- lebt: Gleichgültigkeit, Trägheit und Bequemlichkeit, ganz zu schweigen von Angst und Enttäuschungen.

Wie schwer muss die Geburt von hoffenden Menschen sein, die an Gräbern stehen müssen, die den Tod vor Augen haben?! Genauso schwer wie die Auferweckung der Toten.

Statt nun unsere begrenzten Möglichkeiten zu beklagen, gekränkt zu reagieren und neidisch auf den zu schauen, der es eben kann, findet sich im 1. Petrusbrief die hoffnungsvolle Perspektive, Gott von Herzen zu danken. Gelobt sei Gott!

Von Dörte Gebhard

18. November

Der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.     1. Mose 12,1

So was kommt doch heute bei uns nicht mehr vor?! Dass ein steinalter Mann seine Siebensachen packen muss? Weg und auf den Weg muss?

Wie oft das vorkommt! Überwiegend sind es aber hochbetagte Frauen, die fort aus allem Vertrauten müssen, weg aus allem Gewohnten… Ins Pflegeheim. Bei Abram waren es insgesamt mindestens 1478 km von Haran nach Ägypten. Vom «Daheim» seit 60 oder 70 Jahren ins Alterszentrum kann es innerlich noch viel weiter sein, auch wenn es nur einen Kilometer weit ist. Die Zukunft ist vage. Abram erfährt gar nichts Genaues von seinem Gott. Er soll aufbrechen «in ein Land, das ich dir zeigen will», spricht Gott. Keine Details, kein Versprechen, dass alles besser wird. Vor allen Dingen wird es anders. Ganz anders.

Was erlebt Abram? Gott kommt mit.  Immer.  Sogar als er wegen einer Hungersnot ein Wirtschaftsflüchtling wird. Überall unterwegs kann er ihm sein Leid klagen, ihm danken. Was erlebt eine uralte Frau im Altersheim? Gott kommt mit. Egal, wie plötzlich der Abschied vom Bisherigen ist oder ob man ihn überhaupt noch richtig begreifen kann. Ganz gleich, wie es einem alten Menschen im Pflegeheim ergeht: Gott ist mit seinem Segen da. Zuletzt sind wir dann alle unterwegs wie Abram, weg von allem, durch Sterben und Tod hindurch, zu Gott, «in das Land, das er uns zeigen will».

Von Dörte Gebhard

17. Oktober

Das ist die Liebe, dass wir unser Leben führen nach seinen Geboten. 2. Johannes 6

«Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.» Christian Morgenstern, Dichter des Komischen und ernster Übersetzer, hat dabei sicher nicht an die biblischen Gebote gedacht. Aber ob es auch bei ihnen klappt? Anweisungen, Gesetze betrachtet man mit vielem, mit Angst vor der Polizei oder mit Ärger wegen Juristen, mit mehr oder weniger Gewissensbissen, mit festen Vorurteilen oder vornehmer Überheblichkeit, dass sie für andere vielleicht gelten mögen, aber nicht für einen selbst. Betrachten wir die Gebote von vornherein mit Liebe, wird es besser als erwartet. Dann ist nicht gleich alles zu viel, zu schwer oder zu kompliziert. Für das, was ich liebe, nehme ich eine Menge auf mich, sogar richtige Strapazen. Für den, den ich liebe, kann ich sehr gut auf andere verzichten. Aber vor allem fällt auf, dass nichts anderes als Liebe geboten ist.
Die gebotene Liebe hat drei Dimensionen. Manchmal gehen eine bis zwei davon vergessen. Geboten ist zum einen die Liebe zum Nächsten. Gott liebt alle Menschen; unser Auftrag ist liebevoll ermässigt. Geboten ist sodann die Liebe zu sich selbst, wenn nötig von vorn und wieder neu. Geboten ist die Liebe zu Gott, der uns immer schon zuvorkommend liebt. Wer damit jeweils am frühen Nachmittag fertig ist, fängt am besten mit der Zusatzaufgabe, mit der Feindesliebe, an. Wie? Natürlich, indem man einen Feind probeweise mit Liebe betrachtet.

Von Dörte Gebhard

19. September

Ich bin als Licht in die Welt gekommen, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Johannes 12,46

Für Dauerbeleuchtete und Durchleuchtete, die im 21. Jahrhundert leben, muss dieses Wort erhellt werden. Sonst bleibt das Gemeinte im Dunkeln.
Wir haben die Nacht zum Tag gemacht. Das geschah so gründlich, dass wir allmählich beginnen, gegen die Lichtverschmutzung zu kämpfen, die sehr schädlich ist für Pflanzen, Tiere und Menschen. Sie stört Schlafrhythmen, irritiert Zugvögel und vieles mehr. Dark Sky Switzerland, ein gemeinnütziger Verein, extra gegründet zum Schutz der Nacht, schreibt: «In den Bergen ist der Sternenhimmel zwar wesentlich besser zu sehen als im Mittelland und in der Agglomeration der Städte. Dennoch gibt es in der ganzen Schweiz keinen Ort mehr, wo in der Nacht natürliche Dunkelheit erreicht wird.»
Für unsere Vorfahren war der Sternenhimmel etwas ganz Allnächtliches. Er wurde von kleinen Öllampen oder ein paar lodernden Fackeln nicht beeinträchtigt. Es war wirklich dunkel. Mit allen Konsequenzen, auch den kriminellen.
Zur Zeit Jesu war nachts nichts möglich. Das Notwendige, das Überlebenswichtige konnte nur bei Tageslicht getan werden. Hilfe nahte erst, wenn es wieder hell wurde.
In totaler Finsternis bleiben zu müssen, das wäre trotz Sternenpracht das schlimmste anzunehmende Dauerunglück. So leuchtet uns Jesus als Licht bis heute ein.

Von Dörte Gebhard