Autor: Dörte Gebhard

18. September

Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Kolosser 3,17

Manche Worte sollten wir nicht in den Mund nehmen. Nein, ich meine nicht nur Schimpfworte oder sinnloses Gefluche. Es gibt kleine Wörter mit grossen Erwartungen, die besser Gott allein vorbehalten bleiben. Kein Mensch kann von irgendetwas «alles». Niemand schafft es «immer», dazu bräuchte man auch Gottes Ewigkeit. Die Liste der harmlosen Wörtchen, für die mindestens Allmacht und Allwissenheit nötig sind, ist leicht zu verlängern: nie, ganz, absolut, völlig. Die Kolosser werden trotzdem mit einer totalen Herausforderung konfrontiert und sollen alles im Namen Jesu reden und bewirken. Ich bin nicht mehr die erste Leserin dieser Post, daher übersetze ich diesen Auftrag für uns: Fangt wenigstens an, auch wenn niemand fertig werden und aus eigener Kraft vollkommen werden kann.
Ob man dann auf der richtigen Spur ist, ist zeitnah und unkompliziert zu prüfen. Verwandelt sich mein Meinen und Sagen, mein Versuchen und Tun in etwas, das jemanden zum Danken bringt? Auch mich selbst? Gedeiht Dankbarkeit zwischen den Zeilen, beim Luftholen, spriesst ein
«Dankeschön» nach getaner Arbeit? Wird Gewöhnliches weniger selbstverständlich?
Vera Schindler-Wunderlich schreibt in einem ihrer Gedichte:

Als ich im Gerangel sass, geriet ich in Dank. … Fiel mir Dank in die Finger, die Nieren …

Von Dörte Gebhard

19. Juli

Der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stiess Petrus in die Seite  und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.           Apostelgeschichte 12,7

Seit Frühling dieses Jahres gibt es in Zürich ein neues Gefängnis. Derzeit hat es 124 Plätze für vorläufig Festgenommene. Während der Polizeihaft treffen die Strafverfolgungsbehörden in der Schweiz während höchstens 48 Stunden die notwendigen Abklärungen, um den Tatverdacht und die weiteren Haftgründe zu erhärten oder zu entkräften. Ergibt sich dann, dass die Haftgründe nicht oder nicht mehr bestehen, so wird die betreffende Person freigelassen. Auch in diesem System passieren Fehler, aber es herrschen Recht und Gesetz. Gewürdigt wird diese menschliche Errungenschaft sehr selten.

Sie ist aber so gross, dass Petrus nicht einmal davon träumte. Er war auch vorläufig festgenommen worden. Alsbald sollte er dem Volk vorgeführt werden. Ihn erwartete kein korrektes und gerechtes Verfahren, sondern nach den unmenschlichen und willkürlich-populistischen Massstäben des Herodes die Todesstrafe. Aber Petrus ist in Gottes Hand, schon bevor der lichtvolle Engel kommt. Denn als unschuldig Eingekerkerter und Angeketteter kann er tief und fest schlafen. Jedenfalls muss er zu seiner Befreiung erst gerüttelt und geweckt werden. Dieses Vertrauen schenke Gott uns allen, ob wir gefangen sind oder frei.

Von Dörte Gebhard

18. Juli

Jeremia sprach: Mich jammert von Herzen, dass die Tochter meines Volkes so zerschlagen ist. Ist denn keine Salbe in Gilead oder ist kein Arzt  da? Jeremia 8, 21.22

Um Jeremia und die Seinen herrschen Elend und Verzweiflung. Er hat nicht genug Tränen, um alle Erschlagenen zu beweinen. Der Prophet braucht keinen Fernseher und keinen Liveticker für die Bilder von Leid und Not. Er sieht alles mit dem Herzen. Er würde wohl sagen: leider sehr gut. Aber er verzweifelt in diesem Moment nicht, obwohl gerade er dafür anfällig ist. Er ruft gegen seine Hoffnungslosigkeit Gott an – als Arzt und Apotheker.

Die «Salbe von Gilead» ist seit Jahrtausenden berühmt und war damals wohl jedem Kind bekannt. Sie wurde und wird aus dem Baumharz der Balsampappel hergestellt und hilft gegen Ekzeme, Sonnenbrände, Arthritis, Sehnenscheidenentzündungen und viele weitere Leiden. Die Knospen enthalten Salicin, das auch «organisches Aspirin» genannt wird.

Es braucht ein Heilmittel und einen, der es bringt. Zuerst denkt Jeremia an Symptombekämpfung, an Schmerzlinderung. Im zweiten Schritt braucht es einen Arzt, der die weitere Therapie übernimmt. Im grossen, geschichtlichen Rückblick erkennt man, dass Gott als Arzt und Apotheker bis heute gefragt und gebraucht wird, jedoch nicht wegen der zu befürchtenden Risiken und Nebenwirkungen, sondern damit Glaube, Liebe und Hoffnung unter uns nicht sterben.

Von Dörte Gebhard

19. Mai

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.        Römer 5,20

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da fallen Menschen auf ihre Macht herein. Daraus folgt nichts Gutes. Also kann das Böse sich entfalten, mächtig und gewaltig.

Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist zwar immer noch von Gerechtigkeit die Rede, aber sie wird regelmässig mit Gewalt durchgesetzt und dadurch zerstört. Die Weltgeschichte lässt wenig Zweifel: Keiner gewinnt dabei.

Paulus bekennt das Gegenteil. Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist mit Gottes Hilfe noch viel mehr Gutes möglich. Ist Paulus also ein total gutmütiger Trottel? Nein, der Apostel fällt nie durch Naivität auf. Zu oft war sein Leben bedroht. Aber er hat am eigenen Leib und an der eigenen Seele erlebt, dass Gottes Gnade sogar mächtiger ist als die Sünde eines tatkräftigen Christenverfolgers. Den sogenannten Gesichtsverlust überlebt er, weil er drei Tage lang nichts sieht und dann plötzlich so viel Erfreuliches vor seinen Augen auftaucht, dass er die Sünde nicht vermisst.

Wir kennen es hoffentlich nicht nur von «Romeo und Julia» aus der Schule: Plötzlich lieben sich solche, die sich mindestens ignorieren, wenn nicht hassen müssten. Denn Gott fällt auf uns Menschen und unser Machtgebaren nicht herein. Gott ist nicht naiv, sondern er kommt mit seiner grösseren Gnade dazwischen, zwischen das Böse und uns. Daraus folgt Gutes, kann sich entfalten, geduldig und hoffnungsvoll.

Von Dörte Gebhard

18. Mai

Der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt. 1. Samuel 2,8

Wer hätte nicht gern «Grundfesten»? In unruhigen Zeiten erst recht, wenn der Terminkalender viele Fragezeichen hat, wenn die allgemeinen Aussichten mehr als ungewiss sind. Dann ertappe ich mich dabei, dass ich die Grundfesten mit dem verwechsle, was ich schon lange gewohnt bin. Aber auch die bewährtesten Gewohnheiten taugen nicht als Grundfesten. Heute hilft mir die Prophetenmutter Hanna, von dieser Überzeugung abzusehen. Nein, nicht mit spektakulären Vorhersagen oder Prognosen. Die Propheten Israels waren keine Vorhersager, sondern «Hervorsager». Hanna hilft mir, das Selbstverständliche und Gewöhnliche einmal sein zu lassen, und sie «sagt mir hervor», dass die Grundfesten nicht meine sind, sondern dass sie Gott gehören.

Josua Boesch hat es früher «hervorgesagt». Er wäre im November hundert Jahre alt geworden; seine Gedichte werden nun viel, viel älter. Er dichtete nur wenige Worte über die Grundfesten, auf die Verlass ist, in barmherziger Ergänzung zu allerlei menschlichen Gewohnheiten:

Gott / isch grooss / gröösser / als ales wo grooss isch / mächtiger / als ales wo mächtig isch / … gott / isch daa / nööcher / als ales won eim nööch gaat / wiiter / als ales won eim z wiit gaat … / das isch waar / vil waarer als ales / won au waar isch / vil würklicher als ales / won au würkli isch …

Von Dörte Gebhard

19. März

Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott!
Jona 2,7

Dieser Lobpreis Jonas stammt aus dem schleimigen Dunkel des Fischbauchs. Nicht zu glauben, in dieser Situation! Sicher hat man erst später das Bekenntnis der Rettung so in den vier Kapitelchen des kleinen Prophetenbuches aufgeschrieben und angeordnet. Erst hinterher, wenn die Katastrophe, das Leiden überstanden ist, kann man so denken und danken, sogar dann, wenn man ein berühmter Prophet ist und immer «Vor-sicht» walten lässt. Fast alle Geschichten unserer Dankbarkeit sind «Nach-erzählungen», kommen aus unserem Nachdenken. Erst nach Ostern erschliesst sich, was vor und an Karfreitag geschah.

Søren Kierkegaard, der dänische Theologe, hat beim Aufschreiben beide Momente, den im Fischbauch und den späteren, genau ins Blickfeld gerück: Es ist wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den anderen Satz: dass vorwärts gelebt werden muss. Wenn  es gerade besonders hart, leidvoll und quälend ist, vorwärts zu leben, ist die Hoffnung zu pflegen. Dann kann man oder frau schon prophetisch das Nachher  vor  dem  inneren  Auge  auftauchen lassen. Dann wird das Fischbauchgebet der heutigen Losung so klingen: «Du wirst mein Leben aus dem Verderben führen, Herr, mein Gott. Denn du hast mein Leben schon früher aus dem Verderben geführt.»

Von Dörte Gebhard

18. März

Jesus war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Markus 4,38

Ob die Fischer am See Genezareth tatsächlich Kissen in ihren Booten hatten oder Jesus eines im Reisegepäck? Aber völlige Erschöpfung macht wohl jede Holzbank weich. Ich habe schon an sehr unbequemen Orten sehr fest geschlafen.

Jesus schläft bei Sturm. Das ist so unglaublich wie das Kissen. Er ist da und zugleich weit weg. Diese Erfahrung teilen viele heute: Gott ist da, zum Greifen nah, aber zugleich der ganz Andere, der zur Welt kommt, aber doch nicht von dieser Welt ist.

«In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen.» Dieses Zitat hat man neuerdings in den Klickstürmen des Internets Loriot untergescho- ben. Es stammt aber vermutlich von einem unbekannten Spanier. Dennoch: Es ist wahr.

Die Jünger und Jesus wären ertrunken, hätten sie sich gegenseitig erst noch viele, laute und verletzende Vorwürfe gemacht: Ach, wir hätten nicht losfahren sollen, ihr habt nicht auf das Wetter geachtet, ihr seid schuld!
Die Jünger sind intelligent, sie schreien nach Hilfe, sie wecken Gottes Sohn, ihren Meister. Stürme im Leben und in Gefahr können einen ungeahnten Lebenswillen freisetzen. Gott schenke uns diese Aufgewecktheit immer wieder im entscheidenden Moment.

Von Dörte Gebhard

19. Januar

Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich
über eines andern Unglück freut,
wird nicht ungestraft bleiben.                       
Sprüche 17,5

Viele kluge Sprüche auf trendigen Abreisskalendern mit süssen Katzen im Vordergrund oder orangen Sonnenuntergängen im Hintergrund sind harmloser. Bei diesem Spruch wird schon beim ersten Lesen klar, ob ich arm oder reich bin.
Fulbert Steffensky ist selbst nicht arm, aber er weiss im Herzen, was es bedeutet. Er beschreibt Armut drastisch: «Die Frau, die ihr eigenes Kind verletzt, damit es beim Betteln mehr einbringt – sie ist nicht fromm, aber sie ist arm. Der Arbeitslose, den die Hoffnungslosigkeit in den Suff getrieben hat – er ist nicht fromm, aber arm. Die verlorenen und gewalttätigen Jugendlichen, die aus Angst vor der eigenen Armut die noch Ärmeren und die Fremden hassen – sie sind nicht gut, sie sind arm. Viele sind zu arm, um gütig zu sein. Sie sind zu arm, um fromm zu sein.»

Wer also erkennt, dass er nicht an Armut leidet, ist reich genug, um gütig zu sein. Wer weiss, dass er von allem Notwendigen viel hat, ist reich genug, um fromm zu sein.

Frömmigkeit ist etwas aus der Mode gekommen. Auf Zeitgenössisch übersetzt kann man sagen: Ein solcher Mensch ist reich genug, um aus seiner individuellen Spiritualität heraus aktiv zu werden, soziale Ungerechtigkeit nicht länger hinzunehmen, nahe oder ferne Not nicht länger zu ignorieren, den Schöpfer aller Menschen unter anderem auch twintend zu loben oder klassisch, mit Münz und Schein.

Von Dörte Gebhard

18. Januar

Die Schafe folgen dem Hirten nach;
denn sie kennen seine Stimme.    
Johannes 10,4

Worte gibt es, die hört man nur in der Kirche. Sonst gar nicht (mehr), nirgends. Wer «Nächstenliebe» mittwochs sagt und nicht nur sonntags hört, hat sich schon fast als Teilnehmerin an einem Bibelgesprächskreis geoutet. Oder gibt es noch jemanden, der die Steuerbehörde per Mail bittet, «Barmherzigkeit» walten zu lassen? Früher machten wir Spässe untereinander und sagten etwa bei der schlichten Bitte, die Milch herüberzureichen: «Würdest du bitte das Mass deiner Güte vollmachen und mir die Flasche da hinten geben?» Auch von ernstgemeinter «Gnade» liest man selten auf Social Media; bei diesem Wort tönt fast immer Glockenklang im Hintergrund. Übereifrige Modernisierer wollen der Kirche diese bewährten Worte abgewöhnen und finden, alles muss irgendwie heutzutagiger klingen.

Mir tut es gut, in der Gemeinde Jesu unverwechselbare, übrigens sagenhaft schöne Worte zu vernehmen, die mich im Bruchteil einer Sekunde erkennen lassen mit Ohr und Herz, wo ich bin. «Freuet euch!» – Da folge ich von Herzen gern, weil ich im Geiste vor mir sehe, wie viele Generationen vor mir versuchten, sich dieser Herausforderung zu stellen. Freude kann man nicht befehlen, aber man kann – in einer grösseren oder kleineren Herde – fröhlich der vertrauten Tonlage des Hirten folgen. An dieser Vertrautheit gedeiht Hoffnung über den Moment hinaus. So kann Freude fröhlich alt werden.

Dörte Gebhard