Schlagwort: Gert Rüppell

13. Februar

Der HERR spricht:
Entweiht nicht meinen heiligen Namen.
3. Mose 22,32

Diese Aufforderung geht weiter: «damit ich inmitten der Israeliten geheiligt werde; ich bin der HERR, der euch heiligt», und verweist auf zwei Dinge. Zum einen auf Mose am Dornbusch. Dort wurde deutlich, wie heilig der Name Gottes ist. So heilig, so unaussprechbar, dass er in der jüdischen Tradition stets mit HERR (Adonai) umschrieben wird. Weiter verweist der Text darauf, dass wir keinen Ort, keinen Platz heilig nennen, sondern nur Gott allein. Dieser Gott, der ganz Andere, soll, so die Losung, nicht durch Worte, Taten, Werke entweiht werden. Denn wir, die «Gemeinde der Heiligen», wie wir sie im Bekenntnis nennen, sind allein existent durch unsere Verbindung mit Gott, dem Allheiligen. Gott will sein Volk, das ihn heiligt, an seiner Heiligkeit Anteil haben lassen. Hier verortet sich Jesu Bitte im Vaterunser: «Dein Name werde geheiligt.» Das verweist auf die Besonderheit der Beziehung zwischen uns und Gott.
Die Gemeinde steht in geweihter, geheiligter Beziehung, wenn sie Gott die Ehre gibt. In ihr will Gott geheiligt werden. Diese Kraft der Fürsorge betont zugleich, dass sie an uns ihr heiligendes Werk vollziehen will. «Ich bin der HERR, der euch heiligt.»
Solches Wissen kann ein beruhigendes Gefühl der Geborgenheit auslösen, wie ein geweihter Raum, wo wir uns dem Gespräch mit jenem Allheiligen widmen können, dem wir durch die Taufe geweiht sind.

Von: Gert Rüppell

14. Dezember

Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den aufrichtigen Herzen. Psalm 97,11

Das kennt man doch: Jetzt geht mir ein Licht auf! Das heisst, ich habe etwas für mich erkannt! Ist das «Lichtaufgehen» auch im heutigen Losungswort gemeint? In gewissem Sinne schon! Der 97. Psalm preist Gott als höchsten König, als mächtigen Herrn über die ganze Welt. Wer mit ihm im Einklang lebt, der lebt auch mit der ganzen Schöpfung in Harmonie. Also, wer nach dem Willen Gottes, dem Schöpfungsrecht lebt, der ist mit jenen Gerechten und Frommen gemeint, denen ein Licht und Freude im Herzen aufgehen. Im Text steht aber: «immer wieder!». Also geht es doch nicht um einen plötzlichen Geistesblitz! Denn nur wenn ich mich immer wieder der Erkenntnis stelle, was die Gerechtigkeit Gottes von mir erwartet, kann mir jenes erwähnte Licht aufgehen. Es beleuchtet den Raum, in dem die Gerechten wandeln, sagt der Psalm. Es erhellt ein an Gott ausgerichtetes Leben, wie die Thora und dann die Evangelien es uns mit auf den Weg gegeben haben. Faktisch ist es uns Beleuchtung, um der Gerechtigkeit Gottes zu dienen. Die Adventszeit hat viel mit Licht zu tun. Viel davon verweist auf «Gemütlichkeit». Aber es lohnt sich, im Zugehen auf den Heiligen Abend, an das Licht der Gerechtigkeit und die Freude des frommen Herzens zu denken. Ein Licht, das jene spüren mögen, die sich dem Licht und Anspruch von Gottes Gerechtigkeit immer neu zu stellen wagen. Wagen auch wir es!

von: Gert Rüppell

13. Dezember

Siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. Psalm 139,4

Was für ein Gebet, dieser 139. Psalm! Welche Allmacht wird hier über Gott ausgesagt! Da kann ich nur mit den Worten des 6. Verses sagen: «Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar, zu hoch, ich kann sie nicht begreifen!» Noch in der Formulierung, also «auf der Zunge», weiss Gott um meine Absichten.
Dabei geht es nicht um vorschnelle Kontrolle, sondern um Gottes schützende Funktion. Eine, die die Hand über uns hält. Dass diese Wirkkraft, diese allgegenwärtige Schöpfungsmacht, so detailliert auf mich, meine Gedanken, mein Sein achtet, ist zu wunderbar, als dass ich es wirklich verstehen könnte. Hier bedarf es der Kontemplation, des Insichgehens, des dieser Fürsorge Nachspürens. Ein Ertasten, dass Gott mich von allen Seiten umgibt und so mein Sein göttlich gestaltet ist. Es bedarf also nicht der Vergottung des Menschen, wie es gern gemacht wird, weil der Mensch als Gottes Geschöpf ja bereits Teilhaber Gottes ist! Wir sind göttliche Partikel im Kosmos, dies kann der Psalmist gar nicht genug beschreiben. Alles, was in und mit uns passiert, geschieht bereits in Gott. Nichts können wir äussern, worum Gott nicht schon weiss. Und doch ist nicht alles, was wir äussern, zugleich gottgemäss. Darum bittet der Psalmist auch am Schluss: «Erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine, und sieh, ob ich auf bösem Wege bin.» Dafür bedarf es bei uns der Kontemplation und des beständigen Gebets.

von: Gert Rüppell

14. Oktober

Sei du selbst mein Bürge bei dir – wer sonst
soll für mich bürgen?
Hiob 17,3

Das ist eine Aussage in äusserster Not. Wie viele Menschen
gibt es um uns herum, die keine Bürgen finden, die für sie
einstehen? Menschen, die Hiob gleich eigentlich dem Untergang
geweiht sind, da sie keine Sicherheit mehr haben noch
erlangen können ohne Hilfe. Das haben wir doch eigentlich
zuhauf in unserer Umwelt. Wer steht ein für jene, die
vom Unglück verfolgt erscheinen, die auf der Strasse oder
in Slums leben oder sich in Parks mit Drogen über die Wirklichkeit
hinweg kiffen?
Wie viele «Freunde» gibt es, die, wie Hiob es erfuhr, einem
dann noch die ganze Kette der Begründungen vorbeten,
warum das alles so seine Richtigkeit habe mit dem Unglück?
Wo war man, als es um regelmässigen Schulbesuch ging,
wo, als die Frist verstrich, in der man sich noch hätte im
Arbeitsamt melden können? Wie viele Menschen mussten
aus angestammten Wohnsitzen raus, weil die Mieten erhöht
wurden? Wer trat dann für sie ein, wer war dann Bürge? Die
Zahl der Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind und
sich ins Elend gestossen sehen, nimmt in unserer Gesellschaft
zu. Wir «hiobisieren»! Unschuldig, ohne Bürgen, mit guten
Ratschlägen versehen!
Hier hat der Schrei seinen Ort: Sei du selbst mein Bürge,
Gott, bei dir, wer sonst soll für mich bürgen? Wie steht es da
mit der Christengemeinschaft der Bürgen?

Von: Gert Rüppell

13. Oktober

Gott macht’s wie er will, mit dem Heer des Himmels
und mit denen, die auf Erden wohnen. Und niemand
kann seiner Hand wehren noch zu ihm sagen:
Was machst du?
Daniel 4,32

Da steht er, so stellt man es sich vor, der kleine jüdischstämmige
Beamte Daniel vor dem allmächtigen Kaiser
Nebukadnezar
und soll ihm einen Traum deuten. Man stelle
sich vor, als Angestellter, wenn auch wohl positioniert, zum
Konzernchef
gerufen zu werden, der einem merkwürdig
klingende
Visionen von der Zukunft des Unternehmens ausbreitet
und dann … «Erklär mir das, alle andern haben versagt
» sagt! Da steht man nun. Soll man dem Chef nach dem
Mund reden?
Soll man sich ein eigenes Bild machen und den
Chef zu überzeugen suchen, dass das doch alles sehr merkwürdig
ist, was er sich zusammengereimt hat? Daniel macht
keines von beidem. Er rekurriert auf seine eigene Überzeugung,
seinen Glauben, zweifelt nicht an der Grösse Jahwes.
Der abgehauene Baum, das Vergehen der Grösse, kann nur
im Kontext der Grösse Jahwes interpretiert werden. Seine
Macht anstelle der eigenen Macht zu preisen, ist die Botschaft
des Tages. Jahwes Macht als diejenige anzuerkennen,
die unseren Lebensweg bestimmt, und sich von ihm bestimmen
zu lassen, das, so lese ich aus der Losung, ist so etwas wie
die Nebukadnezar’sche Qualität unseres Lebens. Der Bogen,
der geschlagen werden kann, ist gross, aber stimmig: Auch
für Jesus von Nazareth gilt, dass sich niemand gegen Gottes
Pläne wehren kann. Sein Wille geschehe.

Von: Gert Rüppell

14. August

Tu deinen Mund auf für die Stummen und
für die Sache aller, die verlassen sind.
Sprüche 31,8

Wenige Tage bevor ich mich an das Schreiben dieses Textes
gemacht habe, verstarb ein für mich grosser ökumenischer
Lehrer: Julio de Santa Ana. Julio vermittelte mir, und
sicherlich nicht nur mir, wie zentral die Ausrichtung unserer
theologischen Reflexion und unseres christlichen Handelns
an der Leitlinie eines Gottes ist, dessen ganze Liebe in seiner
Option für die Armen, die zum Schweigen gebrachten Menschen,
die Witwen und Waisen zum Ausdruck kommt. Für
viele war die Radikalität, mit der Julio die Armen und Ausgestossenen,
die Flüchtlinge und Migranten, die sexuell Missbrauchten,
die Kindersoldaten und Opfer machtpolitischer
Interessen ins Zentrum stellte, nicht immer mit ihrem Verständnis
von christlicher Botschaft vereinbar. Und doch gilt
es, weiterhin den Mund aufzutun für jene, die ihre eigenen
Interessen nicht wortreich in den Medien vertreten können:
für die Stummen. Es gilt, weiterhin aktiv zu werden für jene
Teile der Schöpfung, denen das Existenzrecht abgesprochen
wird. Teile also, die verlassen sind, Opfer von egoistischem
Handeln. Verlassene sind demnach nicht allein Menschen,
sondern alles Geschaffene, dem wir unsere gottgewollte
Zuwendung, die uns aufgetragene Fürsorge entziehen. Gottes
vorrangige Option für die Armen, wie Julios Umschreibung
der heutigen Losung heissen würde, gilt weiterhin.
Zum Mitmachen, zur aktiven Teilhabe an dieser Option lädt
die heutige Losung ein.

Von: Gert Rüppell

13. August

Gott tut grosse Dinge, die nicht zu erforschen,
und Wunder, die nicht zu zählen sind.
Hiob 9,10

Hiob sitzt und begreift in all seiner Gottestreue nicht, was
Gott mit ihm, mit seinem Leiden vorhat. Oft geht es uns
gleichermassen. So wohl auch vor 62 Jahren, als das Unvorstellbare
geschah und Deutschland durch eine Mauer geteilt
wurde, was unsägliches Leid über Menschen brachte. War da
Gott? Was konnte man aus der Situation über seinen Willen
erforschen? Konnte man überhaupt etwas erforschen? So,
wie Hiob nicht verstand, wie dieser allmächtige Gott so an
ihm handelte, war für viele das Leiden unverständlich, das
Familien in geteilten Nationen erlebten – heute in Korea,
seinerzeit in Deutschland. Die Situation blieb unerforschlich
und doch … auch in der deutschen Geschichte, liest man
sie denn mit den Augen des Glaubens, gab es ein Wunderhandeln.
Antagonistische Kräfte lösten den Antagonismus
auf und führten zwei Systeme zusammen, um darin wieder
ein Volk siedeln zu lassen. Hiob spricht von Wundern, die
nicht zu zählen sind. An vielen Punkten dieser Welt warten
wir, warten Menschen auf die Sichtbarwerdung dieser Wunder.
Wie Hiob geht es wohl mancher, manchem von uns, es
schaudert uns, weil wir hinter dem erfahrenen Leiden den
gerechten Gott nicht zu sehen vermögen. Was bleibt, ist
Vertrauen. Was bleibt, ist der Glaube, dass Gott alles zum
Besten wenden wird. Am 13. August kommt so auch der 9. November in den Blick. Und wieder bleibt ein hochambivalentes Datum in unserer Geschichte mit Gott.

Von: Gert Rüppell

14. Juni

Freut euch! Lasst alle Menschen eure Freundlichkeit
spüren. Der Herr ist nahe.
Philipper 4,4–5


Sanftmut, Nachsicht, Aufgeschlossenheit, Herzensgüte,
Warmherzigkeit, Langmut sind einige der Begriffe, die sich
bei der Suche nach einem Synonym für Freundlichkeit im
Lexikon finden lassen. Sie verweisen zugleich auf das, was
der Inhalt des «Freut euch!» ist.
Hier wird ein Verhalten angesprochen, das in der Zeit der
Abfassung des Philipperbriefes von der Naherwartung, der
Hoffnung auf die baldige Wiederkehr Christi geprägt war. Ist
es damit ein Text von «ehemals», ohne Relevanz für heute?
Oder drückt er so etwas wie einen kategorischen Imperativ
des Christseins aus?
Ich fand es interessant, den Text von hinten her zu lesen.
Dann bedeutet, dass der Herr nahe ist, wenn allen Menschen
unsere Freundlichkeit in der obigen Verhaltensweise
entgegentritt. Wenn sie uns, unter anderem, als nachsichtig,
freundlich erleben. So, das wird mir deutlich, kommt auch
bei mir grosse Freude auf. Denn durch die von mir praktizierte
Herzensgüte, Warmherzigkeit in Langmut und Nachsicht,
anstelle von Ungeduld, Feindschaft und Gewalt, ist
der Herr und Vater Jesu Christi tatsächlich allen Menschen
nahe. So ist sie nicht von «ehemals», sondern eine Losung
für heute, gesprochen in unsere spannungsreiche Zeit, die
danach ruft, alle Menschen an gegenseitiger innerer und
äusserer Freude aktiv teilhaben zu lassen.

Von: Gert Rüppell

13. Juni

So lass nun deine Kraft, o Herr, gross werden,
wie du gesagt hast.
4. Mose 14,17


Im Kontext der Losung geht es Gott um die Bestrafung des
murrenden, ungläubigen Volkes Israel. Angesichts seines
Misstrauens und Unglaubens weigert Gott sich, es in das
versprochene
Land zu bringen. Da schaltet sich Mose ein
und argumentiert mit Gott, dem er – man ist versucht zu
sagen: in schelmischer Weise – vorführt, was für erbärmliche
Konsequenzen solches Handeln für Gottes Image hätte.
Ein Image, das ihn nicht nur in den Augen der Gegner als
Schwächling und unvollkommen darstellt, sondern vor allem
als einen Gott, der geduldig und barmherzig ist und Fehler
verzeiht. Mose erinnert Gott, dass er nicht nur ein befreiender,
sondern auch ein gnädiger Gott ist. Ein Gott, von dem
Maria, laut Lehrtext, später sagen wird, dass er grosse Dinge
an ihr getan hat. An diese Fähigkeit, grosse Dinge zu tun und
kein Gott der Strafaktionen zu sein, erinnert Mose Gott.
Dieser Dialog behandelt eine der Kerneinsichten unseres
Glaubens: Sola gratia. Wir sind bei all unserem Verhalten
immer neu auf die versprochene Kraft, auf die Gnade Gottes
angewiesen. Aus dem Zweifel, das macht diese Losung für
mich deutlich, führt in einem dialogischen Glauben der Weg
in das Gespräch mit Gott. Aus dem Zweifel führt der Weg
in das Gebet, das Ringen mit Gott, dessen Antwort bei Gott
liegt. Aber, das zeigt der Kontext heute, eine Antwort, die
die Kraft Gottes als Kraft eines barmherzigen Gottes zeigt.

Von: Gert Rüppell

14. April

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass
ich dem David einen gerechten Spross erwecken will.
Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht
und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Jeremia 23,5

Dieser so weihnachtliche Text soll hier in Rückschau auf
Ostern reflektiert werden. Ich sitze da, mit vier Adventskerzen,
wenige Tage vor Heiligabend, und überlege, wie mich
sowohl der Aspekt des gerechten Sprosses, der erweckt
werden soll, anregt wie auch die Vorstellung von einer von
Recht und Gerechtigkeit geprägten Herrschaft im Lande,
das heisst unserer Welt. Besonders der Aspekt des gerechten
Sprosses, der erweckt wird, verbindet dieses Weihnachten,
als Fest der Inkarnation, mit Ostern, dem Fest der Auferweckung,
auf das wir zurückblicken.
Eine Herrschaft wird hier dargestellt, die «wohl regiert»,
also das Wohl aller zum Thema hat. Gottes Wohl, das in
den Schriften von Thora bis Offenbarung als von Recht und
Gerechtigkeit geprägt beschrieben wird. Sicherlich werden
wir keine Könige, aber vielleicht ja, im Gefolge der Auferstehung,
zu Sprösslingen? Sprösslinge, die Recht und Gerechtigkeit
in ihrem Umfeld bewahren und erwirken? Mit solchem
Engagement könnten wir uns von der «letzten Generation»
zur ersten Generation mausern, die nicht aus Furcht vor dem
Tod ein Leben der Knechtschaft führt! Sondern zu Agenten
einer neuen, dem Wohle aller Menschen dienenden Wirklichkeit
wird. So werden in unserem Tun Weihnachten und
Ostern zusammengebunden. Christos anesti!

Von: Gert Rüpel