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3. Juli

Kommt her, höret zu alle, die ihr Gott fürchtet; ich will erzählen, was er an mir getan hat.       Psalm 66,16

Und was hat er getan? Es ist der Gott, «der mein Gebet nicht abgewiesen und seine Gnade mir nicht entzogen hat». So lautet der Schlussvers des Psalms, der ein einziges Lob auf den Allerhöchsten ist. Der Psalmist wird nicht müde aufzufordern: «Jauchzet, singt, sprecht, kommt und seht, preist, kommt, hört.»

Nun machen wir aber die Erfahrung, dass unsere Gebete meist nicht erhört wurden und alles erdenklich Schlimme sich trotz Gebeten ereignet. Nun, Gott lässt sich auf unser enges und krämerisches Wenn–Dann nicht ein.

Die Gebete halten mich indes in der Beziehung zu Gott. Mit ihnen öffnen wir uns und lassen uns auf Gott ein, auf ihn, der sich von allem Anfang an und noch vor unserer Geburt auf uns einliess.

Ausserdem braucht die Beziehung zu Gott Zeit. Nach langer Zeit, nach Jahren, erfahren wir bisweilen, dass unsere Gebete uns an einen Ort führten, den wir nicht voraussehen kon ten, dass sie uns Einverständnis und Akzeptanz schenkten, also zu etwas ganz anderem als zu dem, was wir mit unseren Gebeten herbeizuzwingen versucht haben.

Das hat auch mit Gnade zu tun, Gott hat sich nicht entzogen, er ist in Beziehung geblieben.

Von Kathrin Asper

2. Juli

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äussersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.         Psalm 139,9–10

Dieser Psalm ist wunderschön, ein poetisches Bild reiht sich ans andere. Gott ist mit mir – immer. Er ist allwissend, nicht in dem Sinne, dass er die Zahl der Sterne weiss, sondern in Bezug auf mich, «ob ich sitze oder stehe».

Ebenso ist er immer gegenwärtig, auch in Bezug auf mich – und das schon immer, vom Mutterleib an, er kennt meinen Lebensweg und meine Zukunft. Seine schützende Hand ist über mir, unter mir und um mich. Das ist kein Gott, über den sich philosophieren lässt, etwa als Urgrund des Seins oder als ewiges Wesen. Das ist ein Gott, der direkt, unmittelbar zu mir in Beziehung steht in jeder Hinsicht, wie die Luft, die ich atme.

Welche Zuversicht drückt sich hier aus! Die Zuversicht Davids, der diesen Psalm betet. Gott wird hier in wunderbarer Weise allgegenwärtig und fassbar, und es ist nicht nötig, sich über sein Wesen den Kopf zu zerbrechen. Zwingli sagte einmal: Was Gott an und für sich ist, wissen wir so wenig als ein Käfer weiss, was ein Mensch ist.

Das Rätseln über das An-und-für-sich-Sein Gottes wird in diesen Psalmworten hinfällig. Gott ist in Beziehung zu mir und das ist nachvollziehbar, fassbar und eine wunderbare Wirklichkeit, die mich umgibt und durchflutet.

Von Kathrin Asper

1. Juli

Wende dich, HERR, und errette meine Seele, hilf mir um deiner Güte willen! Psalm 6,5

Die Gastkolumne hat Lukas Amstutz verfasst. Er ist Leiter des mennonitischen Bildungszentrums Bienenberg ob Liestal und Co-Präsident der Konferenz der Mennoniten in der  Schweiz.

Es gibt diese erschütternden Momente im Leben, in denen selbst säkularisierte Menschen sagen: «Jetzt hilft nur noch beten.» In Psalm 6 ist es wohl eine lange und schwere Krankheit, die den Beter zu Gott flehen lässt. Sein welkendes Leben stellt ihm quälende Fragen, die unbeantwortet bleiben (Vers 4). Angesichts seiner langen Leidenszeit ist es nicht selbstverständlich, dass sich dieser Mensch noch an Gott wendet. In seinem Gebet ringt er mit einer ihm vertrauten Gottesvorstellung. Wenn alles, was geschieht, irgendwie mit Gott zusammenhängt, dann kann er sich sein Elend nicht anders als mit einer Strafe Gottes erklären (Vers 2). Hinter der Krankheit verbirgt sich damit die Angst vor einem zornigen und lieblosen Gott.

Was ein solches Gottesbild anrichten kann, erzählt die Hiobsgeschichte. Obwohl Hiob beispielhaft als frommer und gerechter Mensch geschildert wird, vermuten seine Freunde doch eine Sünde, die das unfassbare Leid Hiobs erklärt und rechtfertigt. Freunde werden damit zu Feinden.

Solche Erfahrungen kennt auch der Beter von Psalm 6. Da gibt es Menschen, die ihm als Todkrankem ihre  Solidarität und Hilfe verweigern. Die Not lässt sie kalt, und vielleicht versuchen sie die Situation sogar zu ihren Gunsten auszunutzen. Die Bitte, dass diese Feinde «beschämt» werden, ist verständlich (Vers 11). Dennoch wurde dieser letzte Vers immer wieder als «unchristlich» taxiert und aus Lesungen gestrichen. Damit werden jedoch Menschen, die sich als ohnmächtig und bedrängt erleben, ihrer Stimme beraubt. Gerade ihre Hoffnung lebt davon, dass zumindest Gott nicht mit dem Bösen kooperiert, sondern Gerechtigkeit herstellen wird. Wer diesen Schrei zu Gott verbietet, hat sich daher wohl bereits selbstzufrieden mit den unheilvollen Zuständen in dieser Welt abgefunden.

Bemerkenswert finde ich, dass dieser Psalm nicht um die Vernichtung der Feinde, sondern um ihre Umkehr bittet. Ihr Fehlverhalten soll aufgedeckt werden, damit sie sich bestürzt von ihrem Tun abwenden und zu den gerechten Ordnungen Gottes zurückkehren. Der Beter kann nicht – und will vielleicht auch nicht – selbst zurückschlagen, sondern erwartet Gottes zurechtbringendes Richten.

Dieser eindrückliche Psalm bezeugt ein leidenschaftliches Festhalten an Gott, obwohl alles gegen Gott spricht. Im Ringen mit Gott gewinnt hier ein Mensch das Vertrauen in Gottes Güte zurück. Da weicht der Gedanke an einen masslos zornigen Gott dem Glauben, dass sich Gott zu allen Zeiten an die Seite derer stellt, die von Unrecht und Not geknechtet und gedemütigt werden.

Von Lukas Amstutz

30. Juni

Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil.        2. Mose 15,2

Mose stimmt den Lobgesang des Siegers an. Gott hat die Israeliten in die Freiheit geführt und die Übermacht der Ägypter zerschlagen. «Ross und Reiter hat er ins Meer geschleudert.» Die besten Kämpfer hatten gegen Gott keinen Stich und wurden im Schilfmeer versenkt. «Der Herr ist ein Krieger.»

Soweit der Exodus. In Wahrheit kommen die Kleinen fast immer unter die Räder. Die militärische Stärke gewinnt. Und selbst wenn sie implodiert, tut sie es nur um den Preis von Tod und Zerstörung. Frauen, Kinder, Männer flüchten. Die Angreifer, die ihnen nachjagen, damit sich «an ihnen sättige ihre Gier», versinken nicht im Meer «wie Blei».

Einen anderen Klang erhält der Vers, wenn er, von der Wucht der Erzählung losgelöst, verinnerlicht wird. Menschen sind darauf angewiesen, dass ihre Stärke nicht allein aus ihnen selbst kommt, sondern aus der Zuwendung ihrer Mitmenschen, von der Liebe Gottes. Die Hoffnung, dass heil wird, was zerbrochen ist, und am Ende die Gier doch nicht siegt, Gott sich an die Seite der Opfer stellt und sie seine Kraft spüren lässt. Allerdings ist es nicht die Kraft eines Kriegsgottes, es ist die Kraft des Friedensgottes. Jene Kraft, die «ihre Vollendung am Ort der Schwachheit» findet (2. Kor 12,9).

29. Juni

Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das  Leben erwählst.           5. Mose 30,19

Gott zwingt die Menschen nicht zu ihrem Glück. Er lässt ihnen die freie Wahl zwischen Segen und Fluch. Die Wahl zwischen einem Leben nach Gottes Gesetzen der Liebe und einer Existenz, die in der Ausgrenzung und im Egoismus ihren falschen Segen findet. Gott schenkt dem Menschen die Freiheit, sich von Gott zu abzuwenden.

Aber egal ist es Gott offensichtlich nicht, wie sich der Mensch entscheidet. Er relativiert die Wahlfreiheit sogleich zum Paradox. Der Ratschlag Gottes liest sich wie ein Befehl:

«… dass du das Leben erwählst». Der Weg in die Gottesferne wird nur aufgezeigt, um ihn als Irrweg zu entlarven. Gott will die Menschen ins Leben führen und nicht in den Tod, in die Freiheit und nicht in die Knechtschaft, hin zu seiner segensreichen Liebe und nicht in den verfluchten Hass.

Den deutlich beschrifteten Wegweiser stellt Gott an die Kreuzung, weil er weiss, wie schwer den Menschen die Wahl oft fällt. Sich im Kleinen für die Liebe statt für den Neid und im Grossen für den Frieden statt für den Krieg zu entscheiden, ist anstrengend. Und so klingt die Bitte im Unservater wie ein menschliches Echo auf die göttliche Wahlempfehlung aus dem Alten Testament: «Und führe uns nicht Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.»

Von Felix Reich

28. Juni

Der HERR steht mir zu Rechten, so wanke ich nicht.           Psalm 16,8

Die kleine Hand schiebt sich verstohlen in die grosse. Nun sind die beiden verbunden, untrennbar, so scheint es mir, als ich dem Duo entgegenkomme. Die Kleine schaut etwas ängstlich auf meinen Hund, der an der Leine neben mir geht und eher nach Katzen als nach kleinen Mädchen Ausschau hält. Aber man kann ja nie wissen. Doch mit ihrem Vater an der Hand, ja, da kann ihr nichts passieren, da ist sie sich sicher. Und so bleibt sie in sicherem Abstand stehen und ihr Vater mit ihr und sie schaut meinen Hund an. Jetzt eher erwartungsvoll.

«Wie heisst dein Hund?», fragt sie, ohne den Vater loszulassen.

«Maxi», sage ich. «Und du?»

«Maria.»

«Magst du ihn streicheln?», frage ich, weil Maxi ein absoluter Familienhund ist und ich mich auf ihre Kinderfreundlichkeit verlassen kann. Maria zögert noch und blickt zu ihrem Vater rauf. Der lächelt ihr zu: «Versuch es doch!», macht er ihr Mut. Die eine kleine Hand drückt fest die grosse, die andere nähert sich langsam meinem Hund. Vorsichtig gleitet sie ein einziges Mal durch das weiche Fell und Maxi schnuppert kurz und will dann weiter.

Die kleine Hand lockert sich beim Weitergehen und doch bleibt sie weiter in der grossen liegen. Weil es so guttut und Sicherheit gibt in den verschiedensten Lagen des Lebens.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. Juni

Prüft, was dem Herrn gefällt.                          Epheser 5,10

Die Frucht des Lichts ist

Güte, Wahrheit, Gerechtigkeit.

Ich befürchte, bei uns

ist es längst zappenduster.

Die eigene Gefälligkeit ist

das Mass der Dinge, der Zeit,

der Gerechtigkeit.

Das Licht hat seine Kinder verloren.

«Wach auf, der du schläfst, steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.»

Hoffentlich!

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. Juni

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.        Johannes 14,27

Jesus nimmt Abschied von den Seinen. Er bereitet sie darauf vor, dass es eine Zeit geben wird, in der er nicht mehr leibhaftig unter ihnen sein wird. Aber er lässt sie nicht allein:

«Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.» (Vers 26f.)

Wie zeigt sich der Friede Christi heute in unserer durch Krieg und Gewalt, durch Leid, Angst und Tod verstörten Welt?

Ich glaube, er zeigt sich im Mut der Menschen, die sich weigern, im Bruder den Feind zu sehen, in der Kraft der Mitmenschlichkeit, in der Beharrlichkeit im Willen zum Frieden, in der Hoffnung, die nicht aufgibt.

Wo Frieden werden soll, kommt es auf die Menschen an, auf jede und jeden einzelnen, auf uns.

Mach uns zu Werkzeugen deines Friedens, unerschrocken und ohne Furcht, stärke unser Vertrauen auf deine Friedensmacht und lenke unsere Schritte auf den Weg des  Friedens.

Von Annegret Brauch

25. Juni

Jesus spricht: Ein Beispiel habe ich euch  gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.        Johannes 13,15

Jesus wäscht den Seinen die Füsse. Er, ihr Herr und Meister, ihr Lehrer und Rabbi, übernimmt den Dienst, der sonst nur den Sklaven zugemutet wird. Allen wäscht er die Füsse, auch dem, der ihn wenig später verraten wird. Das ist sein Beispiel. Es ist eine paradoxe Intervention, was er tut: unerwartet, überraschend, anders als bisher gekannt oder vertraut. Dass Petrus verstört reagiert, verwundert nicht: «Nimmermehr sollst du mir die Füsse waschen!» (Vers 8)

Eine paradoxe Intervention bricht vermeintliche Regeln, durchbricht den gewohnten Lauf der Dinge und gelernte Vorstellungen von Normalität. Sie zeigt, es geht auch anders: Der Meister übernimmt den Sklavendienst. Die produktive Kraft der Liebe gestaltet das Miteinander in der Gemeinschaft nicht als Herrschaft der einen über die anderen (vgl. Verse 34 f. und Mk 10,42 ff.).

Das Beispiel ist zugleich Jesu Vermächtnis an die Seinen:

«… damit ihr tut, wie ich getan habe.»

Wie viel Unerwartetes, Überraschendes, Anderes… trauen wir uns zu in der Nachfolge Jesu? Wie gross ist unser Zutrauen in die produktive, verändernde, manchmal paradox intervenierende Kraft der Liebe Christi, die unter uns wirksam ist? Wie wirkt Jesu Beispiel in meinem Leben?

Von Annegret Brauch

24. Juni

Die Menge fragte Johannes: Was sollen wir tun? Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat;  und wer Speise hat, tue ebenso.             Lukas 3,10–11

Heute ist Johannistag, und wir denken mit Bewunderung an ihn, den selbstlosen, hellsichtigen Vorläufer Jesu. Seine Antwort auf die Frage der Menge «Was  sollen wir tun?»  ist knapp und eindeutig: «Es kommt aufs Teilen an.» Wir können und sollten uns ehrlich zugeben: Wir brauchen in Wirklichkeit den Überfluss der Güter nicht, sondern wir können teilen, und wenn wir es tun, schadet es uns nicht, sondern bereichert uns. «Was mehr wird, wenn wir teilen» ist ein Buchtitel; lasst uns das auf die eigene Fahne schreiben!

Vor kurzem hörte ich im Radio einen Bericht über die Obdachlosenarbeit in Düsseldorf. Obdachlose sind ja oft   in einer Falle: Sie finden keine Arbeit, weil sie keinen Wohnsitz haben, und sie finden keine Wohnung, weil sie keine Arbeit haben. Es ist ein Teufelskreis! So gibt es in einigen Städten bereits das wohl aus den USA stammende Prinzip des Housing First, das heisst, obdachlosen Menschen wird zunächst in einem von der jeweiligen Organisation angemieteten Wohnblock eine Wohnung kostenlos zur Verfügung gestellt, von wo aus sie sich mit Adresse um eine Arbeit bemühen können. Wenn das geklappt hat, suchen sie sich eine eigene neue Wohnung. Grossartig! Johannes wäre einverstanden!

Von Elisasbeth Raiser