Autor: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Mai

Wer Geld liebt, wird davon niemals satt, und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben. Prediger 5,9

Ja, klar, so ist es doch, bin ich versucht zu denken. Der Prediger ist da aber doch differenzierter: Er denkt über den Reichtum nach und über das, was glücklich macht. Für ihn ist die völlige Armut ein Übel. Aber Reichtum ist nicht mit Glück gleichzusetzen, denn Reichtum macht nicht satt, und Reichtum kann wieder verloren gehen. In Vers 11 heisst es: «Süss ist der Schlaf des Arbeiters, ob er viel oder wenig zu essen hat. Doch die Sättigung des Reichen lässt ihn nicht schlafen.» Für den Prediger kann es sein, dass der Reichtum wieder verloren geht oder Sorgen bereitet. Die tägliche Arbeit aber bringt einen gesunden, ruhigen Schlaf.

Ist es wirklich so einfach? Wie steht es heute? Die Armut steigt, die Schere öffnet sich. An vielen Orten im globalen Süden müssen Kinder arbeiten. Frauen schuften sich ab, damit die Familie zu essen hat. Und bei uns ist die Lohngleichheit von Frauen und Männern noch längst nicht überall erreicht. Von Reichtum kann für die grosse Mehrheit der Menschen keine Rede sein. Wie wäre es, wenn das Teilen von Reichtum zur Gewohnheit würde? Denn, so sagt unser Text: «Wer den Reichtum liebt, wird keinen Nutzen haben.»

Schenke du Gerechtigkeit auf dieser Welt.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Mai

Meine Schuld ist mir über den Kopf  gewachsen; sie wiegt zu schwer, ich kann sie nicht mehr tragen. Psalm 38,5

Ein Schwerkranker legt ein allgemeines Schuldbekenntnis ab und bringt all seine Leiden vor Gott. Er kann nur noch aufschreien, denn Gottes Pfeile haben ihn getroffen (Vers 3).

Es ist der zweite Tag des Krieges in der Ukraine, wie ich diesen Beitrag schreibe. Nicht Pfeile, sondern Granaten und Bomben treffen die Menschen. Es trifft sie keine Schuld und dennoch, so vermute ich, fühlen sie sich von Gott verlassen und können nur noch schreien. Beten wir für und mit ihnen:

«Verlass mich nicht, HERR, mein Gott, sei nicht fern von mir. Eile zu meiner Hilfe, HERR, meine Rettung.» (Psalm 38,22.23) Es ist mir bewusst, dass es eigentlich nicht geht, einen biblischen Text so einfach auf heute anzuwenden. Für einmal sei es mir erlaubt, denn hilflos und ohnmächtig bin ich, wenn die schrecklichen Nachrichten eintreffen. Und genau da spricht mich der Psalm an: alles vor Gott, die Lebendige, legen und sie bitten, die Menschen nicht zu verlassen. Ich sehe es als Aufgabe an, gegen den Krieg anzubeten und zu der Lebendigen zu schreien, darauf vertrauend, dass sie unser Gebet hört. Es ist nicht einfach, daran festzuhalten, dass Gott auch in dieser Katastrophe Hilfe bietet. Dieses Vertrauen mit den Menschen zu teilen, ist unsere Aufgabe!

Sei du bei den Menschen in der Ukraine und höre auf unser Gebet.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

22. April

Mach dich auf und handle. Und der HERR möge mit dir sein.             
1. Chronik 22,16

David bereitet den Bau des Tempels vor, und gleichzeitig setzt er seinen Sohn Salomo als seinen Nachfolger ein. Gott soll ein Haus bekommen. Und mit der Ernennung Salomos zum Nachfolger soll nach all den Kriegen und dem Blutvergiessen Ruhe einkehren. Die Menschen, auch die Fremden, sind in den Bau des Tempels einbezogen, gestalten mit. Es entsteht ein Haus für Gott, das, so verstehe ich das Kapitel, alle Menschen einbezieht. Und es soll Ruhe einkehren.

Unweigerlich steigen Bilder in mir auf, die die Zerstörung Syriens zeigen. Wer schaut, dass dort Ruhe einkehrt? Wer baut ein Haus für Gott, welches den Menschen Ruhe bringt? Wer ist aufgerufen, zu handeln? Ich weiss, solche Parallelen zwischen einem Text aus der Bibel und heutigen Situationen sind problematisch. Und doch erlaube ich mir nachzufragen, was die heutigen Häuser Gottes, die Kirchen, tun, damit Ruhe und Friede einkehrt. Genügen wir uns nicht vielmehr selbst und haben Angst, kleiner zu werden? Wo wir doch handeln könnten, um am Frieden mitzuwirken. Es stimmt: Die Hilfswerke tun viel. Aber wir delegieren ihnen auch viel. Ich wünsche mir, dass unsere Gotteshäuser Orte des Handelns werden, Orte, wo wir über Gerechtigkeit und Frieden nachdenken und uns zusammen mit andern aufmachen, um Visionen des Friedens in Taten umzuwandeln, ganz so, wie der Tempel gebaut wurde.
Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. April

Hasst das Böse und uns liebt das Gute. Richtet das Recht auf im Tor,
vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth, gnädig sein.

Amos 5,15

Der Prophet stimmt eine Totenklage an über das Haus Israel. Jerusalem ist zerstört und wird nicht wieder auferstehen, so die Worte des Propheten. Es gibt nur ein Mittel, um am Leben zu bleiben, nämlich Gott, die Lebendige, zu suchen. Der Grund der Zerstörung wird in Vers 11 erwähnt: «Darum, weil ihr dem Hilflosen Pachtzins auferlegt und Abgaben vom Getreide von ihm nehmt.» Ungerechtigkeit herrscht, und darum wird Jerusalem zerstört. Ein neuerlicher Aufruf des Propheten verheisst vielleicht Gnade: Gutes zu tun und nichts Böses, Gerechtigkeit walten zu lassen anstelle von Ausbeutung.
Es ist keine Frage, was gut und was böse ist in unserem Text. Amos nennt das Böse beim Namen: Ungerechtigkeit gegen die Armen. Und damit sind wir mitten in der Frage nach weltweiter Gerechtigkeit. Zwar schauen wir nicht auf Trümmer, aber au  Tausende Menschen auf der Flucht. Ihnen verweigern wir Asyl. Viele dieser Menschen fliehen aus Unrechtsystemen, aus Armut und vor Gewalt.

Liebt das Gute, sagt der Prophet. Mir sagt er: Setze dich ein für flüchtende Menschen und für eine weltweite Gerechtigkeit.

Schenke du Kraft, Zukunft und Hoffnung.
Von Madeleine Strub-Jaccoud

22. März

Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. Psalm 118,24

Von meinen amerikanischen Freunden kenne ich die Wendung you made my day. Es ist ein Feedback, das ich bekomme, wenn ich jemanden glücklich gemacht habe. Die Freude herrscht für einen Tag. Im Psalm sagt die Gemeinde zu Gott etwas Vergleichbares, frei und fröhlich übersetzt: You  made our day!

Im Kirchenjahr sind es die besonderen Festtage. Der «Tag des Herrn» wurde in der christlichen Tradition öfters mit dem Ostersonntag identifiziert. Für uns senden die Worte eher ein weihnächtliches Signal. Johann Fürchtegott Gellert nimmt das Motiv aus Psalm 118,24 auf und deutet es auf die Geburt Jesu. Dies ist der Tag, den Gott gemacht, / sein werd in aller Welt gedacht; / ihn preise, was durch Jesus Christ / im Himmel und auf Erden ist.

Im  Original war vermutlich ein Sieg der Anlass. Der Sänger war in Bedrängnis, erfuhr aber eine wunderbare Rettung. Gestaltet wurde der Psalm danach als liturgischer Wechselgesang. Es gibt einen Vorsänger Israels, der Gott über- schwänglich dankt und dann verschiedene Chöre auffordert zu antworten: «Freundlich ist Gott und seine Güte währt ewig.» Man soll den Altar schmücken, für Gott Lieder singen und «seinen Tag» feiern. Ich  finde  es  eine schöne Idee,  jeden Tag so zu beginnen. God, you make my day!

Von Ralph Kunz

21. März

Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll; denn mich verlangt nach dir.
Psalm 143,8

Der Psalmschreiber ist in einer Notlage, weiss nicht aus noch ein. Es fehlt ihm an etwas Entscheidendem für sein Leben: eine Idee des Weges, den er gehen soll. «Lass mich am Morgen deine Gnade spüren, denn auf dich vertraue ich.» (Vers 8a) Von Gericht ist die Rede, davon, dass Gott ihn retten soll.
Im ganzen Psalm wird Gott als Retter angerufen. Ob seine Gnade den Weg kundtut, entzieht sich bei der Lektüre der Gewissheit. Und so drücken diese Worte des Gebets die Spannung aus zwischen dem Suchen nach Gott und seiner Gnade und der Angst davor, dass der «Geist in mir verzagt». Und doch muss er einen Weg gehen. Keine Resignation, kein Fatalismus, nur ein Ringen darum, was wohl Gottes Wille sein könnte.

Dieser Psalm kommt mir nahe, denn auch ich und wahrscheinlich wir alle kennen Situationen, in denen wir nach dem Weg suchen. Ob es dann der richtige oder der falsche ist, bleibt offen. Nahe kommt mir der Psalm, weil da einer schreibt, der nicht nachlässt mit fragen und bitten, aber auch mit der Gewissheit, dass Gott da ist. Ein letzter Halt in Gottes Liebe, der Liebe der Lebendigen zum Leben, auch zu meinem Leben, kommt mir entgegen und wirft ein Licht auf meinen Weg.

Danke, Gott, dass du da bist für die Menschen und deine ganze Schöpfung.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. März

Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.       Psalm 56,9

Es sind Tränen der Angst vor den Feinden, Tränen der Verzweiflung, Tränen der Anfechtung, Tränen der Hoffnung auch, denn Gott sammelt sie. Die Zürcher Bibel übersetzt:
«Meine Tränen sind verwahrt bei dir.» Und doch bleibt bei allem Hoffen auf die Lebendige die Situation angespannt. Tränen befreien. Wenn die Tränen bei Gott aufgehoben sind, ja sogar gesammelt werden, werden sie leichter, werden sie Teil von mir und gleichzeitig Teil eines Grossen, Geheimnisvollen.

Wenn ich in unsere Welt schaue, dann gibt es unzählige Gründe, Tränen zu vergiessen, und ich frage mich, weshalb ich so wenig weine. Schäme ich mich? Werden meine Tränen missverstanden, eingestuft als etwas, das anderen weh tut? Habe ich vergessen, dass die Lebendige nicht einfach Trost spendet, sondern die Tränen als etwas aufnimmt, das Sinn macht?
In Vers 11 preist der Psalmschreiber Gott, preist sein Wort. In den Tränen ist beides vorhanden: die Angst, die Trauer und die Zuwendung zu Gott, der Lebendigen. Daraus entstehen Kraft, Zuversicht und Hoffnung, «damit ich wandle vor Gott im Licht des Lebens» (Vers 14).

Bitte sammle meine Tränen und hilf, dass wir Kraft erhlaten für unser Gebet um Frieden und Gerechtigkeit.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

24. Februar

Der HERR wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen.
Jesaja 25,8

Dieser erlösende Vers steht in dem Abschnitt mit dem Titel «Das grosse Festmahl» des 25. Kapitels bei Jesaja. Es beginnt mit dem schönen Satz – hier nun in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache. 25,6: «Dann wird GOTT für alle Völker auf diesem Berg ein Gastmahl mit fetten Speisen bereiten, ein Gastmahl mit altem Wein, fett und gut gewürzt, mit altem, gereinigtem Wein.» 25,7: «GOTT wird auf diesem Berg den Schleier vernichten, den Schleier, der auf allen Völkern liegt, die Decke, die alle Nationen bedeckt.»   25,8: «GOTT hat den Tod dauerhaft vernichtet. GOTT wird die Tränen von allen Gesichtern abwischen, die Schmach ihres Volkes wird sie von der ganzen Erde wegnehmen, denn GOTT hat gesprochen.»Das ist ein langes Zitat; aber ich glaube, man kann den heutigen Losungsspruch nur im Zusammenhang mit dieser ganzen umfassenden und für alle Menschen und Völker dieser Erde geltenden Verheissung verstehen. Sicher gilt das Wegnehmen der Schmach in besonderer Weise für das jüdische Volk, das in allen Jahrhunderten immer wieder der Verfolgung bis zur Vernichtung ausgesetzt war. GOTTES Verheissung bedeutet für das jüdische Volk den Schutz vor dieser schrecklichen Verfolgung. Aber dann verheisst GOTT das gute Zusammenleben aller Völker, der ganzen Menschheit. Darauf hoffe ich, darauf hoffen wir doch alle!

Von Elisabeth Raiser

23. Februar

Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,
so werde ich nicht zuschanden.
Psalm 119,6

Wie kann ich, wie soll ich auf die «Gebote» Gottes schauen? Dazu hilft ein Blick auf zwei Übersetzungen der ersten sechs Verse dieses Psalms: Bei Luther steht im Vers 1: «Wohl denen, die… im Gesetz des HERREN wandeln. In der Bibel in gerechter Sprache (BigS) steht statt «Gesetz» «Weisung»; im Vers 2 heisst es bei Luther: «Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten.» In der BigS sind es die «Verpflichtungen». In Vers 4 entsprechen den «Befehlen» Gottes bei Luther in der BigS «Anweisungen» Gottes. Nur im Vers 6 wählen beide Übersetzungen für mizwa im Hebräischen das Wort «Gebote».

Wovon ist denn nun also die Rede? Paulus stellt dem Gesetz und den Geboten des Alten Testaments die Gnade des Neuen Testaments gegenüber, nachdem seine eigene Erfahrung ihn gelehrt hatte, dass er die Gebote zwar halten wollte, es aber doch nicht tat. «Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.» (Römer 7,19). Darin steckt eine tiefe Erkenntnis unserer menschlichen Grenzen. Wenn wir die Gebote als Weisungen, auch als Verpflichtungen zum guten Leben verstehen, können sie uns helfen, unser Leben immer wieder neu auszurichten, Fehler einzugestehen, um Vergebung zu bitten und neu anzufangen. Darin liegt Gnade! Gebote und Gnade Gottes sind, denke ich, keine Gegensätze, sie ergänzen einander!

22. Februar

Hört zu, ihr Könige, merkt auf, ihr Fürsten! Ich will singen dem HERRN,
ich will singen, will spielen dem HERRN, dem Gott Israels.

Richter 5,3

Debora und Barak singen, um auf Gott, die Lebendige, aufmerksam zu machen. Noch ist das Königtum im Volk im Entstehen begriffen, eine feste Struktur gibt es nicht.

Ist es nicht so, dass damals wie heute Menschen wichtig sind, die Lieder singen? Debora und Barak weisen auf die Lebendige hin. «Die Berge wankten vor dem Herrn – dem vom Sinai, dem Gott Israels.» Wo sind Debora und Barak heute? Wo sind Menschen, die von Gott singen, von seinen Taten der Befreiung? Mir kommt ein Lied von Juliette Gréco in den Sinn in der Übersetzung von Kurt Marti:
Für die muesch singe, min Sohn, wo tüe kämpfe für ds Läbe, ohni süsch e Waffe als äbe mit ihrem eigete  Läbe.

Wie können wir von Gott reden gegenüber den Mächtigen? Wie können wir singen und spielen von der Lebendigen? Vielleicht so, dass wir für uns singen im Gebet und darauf hoffen, dass die Lebendige uns hört. Oder so, dass wir teilnehmen, dort, wo nach einer gerechteren und friedlichen Welt gesucht wird. Wichtig scheint mir heute, dass unser Vertrauen gestärkt wird und wächst, dass Gott, die Lebendige, in unserer Welt gestärkt wird, sei es durch Lieder oder sei es durch unsere Gedanken und Gefühle.

Schenke uns eine laute Stimme des Vertrauens in das Leben.

Von Madeleine Strub-Jaccoud