Autor: Madeleine Strub-Jaccoud

22. März

Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. Psalm 118,24

Von meinen amerikanischen Freunden kenne ich die Wendung you made my day. Es ist ein Feedback, das ich bekomme, wenn ich jemanden glücklich gemacht habe. Die Freude herrscht für einen Tag. Im Psalm sagt die Gemeinde zu Gott etwas Vergleichbares, frei und fröhlich übersetzt: You  made our day!

Im Kirchenjahr sind es die besonderen Festtage. Der «Tag des Herrn» wurde in der christlichen Tradition öfters mit dem Ostersonntag identifiziert. Für uns senden die Worte eher ein weihnächtliches Signal. Johann Fürchtegott Gellert nimmt das Motiv aus Psalm 118,24 auf und deutet es auf die Geburt Jesu. Dies ist der Tag, den Gott gemacht, / sein werd in aller Welt gedacht; / ihn preise, was durch Jesus Christ / im Himmel und auf Erden ist.

Im  Original war vermutlich ein Sieg der Anlass. Der Sänger war in Bedrängnis, erfuhr aber eine wunderbare Rettung. Gestaltet wurde der Psalm danach als liturgischer Wechselgesang. Es gibt einen Vorsänger Israels, der Gott über- schwänglich dankt und dann verschiedene Chöre auffordert zu antworten: «Freundlich ist Gott und seine Güte währt ewig.» Man soll den Altar schmücken, für Gott Lieder singen und «seinen Tag» feiern. Ich  finde  es  eine schöne Idee,  jeden Tag so zu beginnen. God, you make my day!

Von Ralph Kunz

21. März

Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll; denn mich verlangt nach dir.
Psalm 143,8

Der Psalmschreiber ist in einer Notlage, weiss nicht aus noch ein. Es fehlt ihm an etwas Entscheidendem für sein Leben: eine Idee des Weges, den er gehen soll. «Lass mich am Morgen deine Gnade spüren, denn auf dich vertraue ich.» (Vers 8a) Von Gericht ist die Rede, davon, dass Gott ihn retten soll.
Im ganzen Psalm wird Gott als Retter angerufen. Ob seine Gnade den Weg kundtut, entzieht sich bei der Lektüre der Gewissheit. Und so drücken diese Worte des Gebets die Spannung aus zwischen dem Suchen nach Gott und seiner Gnade und der Angst davor, dass der «Geist in mir verzagt». Und doch muss er einen Weg gehen. Keine Resignation, kein Fatalismus, nur ein Ringen darum, was wohl Gottes Wille sein könnte.

Dieser Psalm kommt mir nahe, denn auch ich und wahrscheinlich wir alle kennen Situationen, in denen wir nach dem Weg suchen. Ob es dann der richtige oder der falsche ist, bleibt offen. Nahe kommt mir der Psalm, weil da einer schreibt, der nicht nachlässt mit fragen und bitten, aber auch mit der Gewissheit, dass Gott da ist. Ein letzter Halt in Gottes Liebe, der Liebe der Lebendigen zum Leben, auch zu meinem Leben, kommt mir entgegen und wirft ein Licht auf meinen Weg.

Danke, Gott, dass du da bist für die Menschen und deine ganze Schöpfung.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. März

Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.       Psalm 56,9

Es sind Tränen der Angst vor den Feinden, Tränen der Verzweiflung, Tränen der Anfechtung, Tränen der Hoffnung auch, denn Gott sammelt sie. Die Zürcher Bibel übersetzt:
«Meine Tränen sind verwahrt bei dir.» Und doch bleibt bei allem Hoffen auf die Lebendige die Situation angespannt. Tränen befreien. Wenn die Tränen bei Gott aufgehoben sind, ja sogar gesammelt werden, werden sie leichter, werden sie Teil von mir und gleichzeitig Teil eines Grossen, Geheimnisvollen.

Wenn ich in unsere Welt schaue, dann gibt es unzählige Gründe, Tränen zu vergiessen, und ich frage mich, weshalb ich so wenig weine. Schäme ich mich? Werden meine Tränen missverstanden, eingestuft als etwas, das anderen weh tut? Habe ich vergessen, dass die Lebendige nicht einfach Trost spendet, sondern die Tränen als etwas aufnimmt, das Sinn macht?
In Vers 11 preist der Psalmschreiber Gott, preist sein Wort. In den Tränen ist beides vorhanden: die Angst, die Trauer und die Zuwendung zu Gott, der Lebendigen. Daraus entstehen Kraft, Zuversicht und Hoffnung, «damit ich wandle vor Gott im Licht des Lebens» (Vers 14).

Bitte sammle meine Tränen und hilf, dass wir Kraft erhlaten für unser Gebet um Frieden und Gerechtigkeit.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

24. Februar

Der HERR wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen.
Jesaja 25,8

Dieser erlösende Vers steht in dem Abschnitt mit dem Titel «Das grosse Festmahl» des 25. Kapitels bei Jesaja. Es beginnt mit dem schönen Satz – hier nun in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache. 25,6: «Dann wird GOTT für alle Völker auf diesem Berg ein Gastmahl mit fetten Speisen bereiten, ein Gastmahl mit altem Wein, fett und gut gewürzt, mit altem, gereinigtem Wein.» 25,7: «GOTT wird auf diesem Berg den Schleier vernichten, den Schleier, der auf allen Völkern liegt, die Decke, die alle Nationen bedeckt.»   25,8: «GOTT hat den Tod dauerhaft vernichtet. GOTT wird die Tränen von allen Gesichtern abwischen, die Schmach ihres Volkes wird sie von der ganzen Erde wegnehmen, denn GOTT hat gesprochen.»Das ist ein langes Zitat; aber ich glaube, man kann den heutigen Losungsspruch nur im Zusammenhang mit dieser ganzen umfassenden und für alle Menschen und Völker dieser Erde geltenden Verheissung verstehen. Sicher gilt das Wegnehmen der Schmach in besonderer Weise für das jüdische Volk, das in allen Jahrhunderten immer wieder der Verfolgung bis zur Vernichtung ausgesetzt war. GOTTES Verheissung bedeutet für das jüdische Volk den Schutz vor dieser schrecklichen Verfolgung. Aber dann verheisst GOTT das gute Zusammenleben aller Völker, der ganzen Menschheit. Darauf hoffe ich, darauf hoffen wir doch alle!

Von Elisabeth Raiser

23. Februar

Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,
so werde ich nicht zuschanden.
Psalm 119,6

Wie kann ich, wie soll ich auf die «Gebote» Gottes schauen? Dazu hilft ein Blick auf zwei Übersetzungen der ersten sechs Verse dieses Psalms: Bei Luther steht im Vers 1: «Wohl denen, die… im Gesetz des HERREN wandeln. In der Bibel in gerechter Sprache (BigS) steht statt «Gesetz» «Weisung»; im Vers 2 heisst es bei Luther: «Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten.» In der BigS sind es die «Verpflichtungen». In Vers 4 entsprechen den «Befehlen» Gottes bei Luther in der BigS «Anweisungen» Gottes. Nur im Vers 6 wählen beide Übersetzungen für mizwa im Hebräischen das Wort «Gebote».

Wovon ist denn nun also die Rede? Paulus stellt dem Gesetz und den Geboten des Alten Testaments die Gnade des Neuen Testaments gegenüber, nachdem seine eigene Erfahrung ihn gelehrt hatte, dass er die Gebote zwar halten wollte, es aber doch nicht tat. «Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.» (Römer 7,19). Darin steckt eine tiefe Erkenntnis unserer menschlichen Grenzen. Wenn wir die Gebote als Weisungen, auch als Verpflichtungen zum guten Leben verstehen, können sie uns helfen, unser Leben immer wieder neu auszurichten, Fehler einzugestehen, um Vergebung zu bitten und neu anzufangen. Darin liegt Gnade! Gebote und Gnade Gottes sind, denke ich, keine Gegensätze, sie ergänzen einander!

22. Februar

Hört zu, ihr Könige, merkt auf, ihr Fürsten! Ich will singen dem HERRN,
ich will singen, will spielen dem HERRN, dem Gott Israels.

Richter 5,3

Debora und Barak singen, um auf Gott, die Lebendige, aufmerksam zu machen. Noch ist das Königtum im Volk im Entstehen begriffen, eine feste Struktur gibt es nicht.

Ist es nicht so, dass damals wie heute Menschen wichtig sind, die Lieder singen? Debora und Barak weisen auf die Lebendige hin. «Die Berge wankten vor dem Herrn – dem vom Sinai, dem Gott Israels.» Wo sind Debora und Barak heute? Wo sind Menschen, die von Gott singen, von seinen Taten der Befreiung? Mir kommt ein Lied von Juliette Gréco in den Sinn in der Übersetzung von Kurt Marti:
Für die muesch singe, min Sohn, wo tüe kämpfe für ds Läbe, ohni süsch e Waffe als äbe mit ihrem eigete  Läbe.

Wie können wir von Gott reden gegenüber den Mächtigen? Wie können wir singen und spielen von der Lebendigen? Vielleicht so, dass wir für uns singen im Gebet und darauf hoffen, dass die Lebendige uns hört. Oder so, dass wir teilnehmen, dort, wo nach einer gerechteren und friedlichen Welt gesucht wird. Wichtig scheint mir heute, dass unser Vertrauen gestärkt wird und wächst, dass Gott, die Lebendige, in unserer Welt gestärkt wird, sei es durch Lieder oder sei es durch unsere Gedanken und Gefühle.

Schenke uns eine laute Stimme des Vertrauens in das Leben.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. Januar

HERR, du bist doch unser Vater!
Wir sind Ton, du bist unser Töpfer,
und wir alle sind deiner Hände Werk.   

Jesaja 64,7

Der Tempel ist zerstört, die Israeliten klagen, sehen aber doch einen Ausweg, die Beziehung zu Gott wieder ganz herzustellen: «Du bist doch unser Vater.» Dieses Wissen schenkt Kraft und stärkt das Vertrauen. Das Bild des Töpfers veranschaulicht dies. Aber wollen wir denn eine weiche Masse sein, die Gott formt? Wollen wir nicht eher frei sein und unser Leben autonom gestalten? Ich bin dankbar für dieses Bild, denn es zeigt mir, dass nicht alles in meinem Leben von selber formbar ist. Da sind die Erfahrungen im Zusammenleben mit den Menschen, da ist mein Zugang zum Leben, da ist das, was einfach ohne mein Dazutun geschieht.
Im Leben der Israeliten gibt es diejenigen, die Gott dienen, und solche, die sich als Feinde Gottes positionieren. Der Prophet sagt uns, dass Gott selber entscheidet. Aber ich bin überzeugt, dass Gott nicht einfach entscheidet, wen er formt. Er gibt uns Chancen, und zwar viele! Und er verzeiht und formt weiter. Und so bin ich nicht nur eine Masse des Töpfers, sondern eine von Gott geliebte Frau mit Fehlern und mit vielen Chancen. Das Hoffen auf Chancen stärkt, stärkt auch für das Handeln in dieser Welt, die so oft leidet am Mangel an Vertrauen in Gottes Mit-uns-Sein.

Danke für alle Chancen und danke für deine  Vergebung.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Januar

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.    Psalm 19,2

Jetzt sind die Tage schon wieder spürbar länger. Und wenn die Sonne scheint, dann sehen wir ihren Lauf am Himmel. Der Himmel erzählt von der Erschaffung der Schöpfung, und die Sonne führt die Aufsicht über die Welt auf ihrer täglichen Bahn. Der Psalm als ganzer lädt dazu ein, sich auf die Schöpfung und mit ihr auf die Herrlichkeit Gottes einz lassen.
Letzthin hat mir ein Bekannter gesagt, wie sehr es ihn beelendet, dass wir täglich nur mit schlechten Nachrichten konfrontiert sind in den Zeitungen, am Radio, bei der Tagesschau. Und ich füge heute hinzu, ja, es geht mir auch so, und die Herrlichkeit der Schöpfung und die Herrlichkeit Gottes muss ich in meinem Herzen finden.

War das nicht immer schon so? An wen richtet sich der Psalm? An mich und an jede und jeden von uns. Die Himmel und die Sonne, das Wort der Lebendigen, sie sollen ebenso bestimmend sein für mich wie der Lärm um mich herum. An mir ist es, dies wahrzunehmen, der Sonne zuzuschauen, den Himmel in seiner Grenzenlosigkeit zu betrachten und wenigstens für ein paar Momente die Stille und die Ruhe einkehren zu lassen. Denn:
«Ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht tut es der andern kund, ohne Sprache, ohne Worte, mit unhörbarer Stimme.» (Psalm 19,3)

Von Madeleine Strub-Jaccoud