Autor: Hans Strub

11. September

Saul sprach zu David: Wo ist jemand, der seinen Feind findet und lässt ihn im Guten seinen Weg gehen? Der HERR vergelte dir Gutes für das, was du heute an mir getan hast! 1. Samuel 24,20

Der Vers von heute stammt aus einer dramatischen Heldengeschichte: Saul, der erste König von Israel, trachtet seinem designierten und bereits gesalbten Nachfolger und dadurch Rivalen David nach dem Leben. Während dieser mit seinen Freunden und Beratern im Innern einer Wüstenhöhle Zuflucht gefunden hat, sucht Saul ausgerechnet diese Höhle auf, um seine Notdurft zu verrichten. David kann sich heranschleichen und ihm den Saum seines Mantels wegschneiden. Mehr tut er nicht, obwohl er von seinen Männern gedrängt wird, diese einmalige Chance zu nutzen. Was er aber tut: Er ruft Saul hinterher und zeigt ihm den abgeschnittenen Man- telsaum. Da weint Saul und spricht die beiden Sätze unserer Losung aus. Ihre Botschaft ist klar: Es steht den Menschen nicht zu, übereinander zu richten, auch nicht über Feinde. Das ist allein Gott vorbehalten. Und gilt hier für beide. Für alle, damals wie heute! Davids Zurückhaltung scheint viel auszulösen beim Verschonten: Er sieht den gegenwärtigen Feind mit anderen Augen. Das hat Folgen für sein Verhalten ihm gegenüber. Noch wird nicht von Versöhnung gesprochen, aber ein Anfang ist gesetzt: eine neue Sicht auf das Gegenüber. Eine veränderte Wahrnehmung der Persönlichkeit des andern.

Von Hans Strub

10. September

Daniel hatte an seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem, und er fiel dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott. Daniel 6,11

Daniel betet zum lebendigen Gott. Das ist seine Reaktion auf ein neues «Gesetz der Meder und Perser», das jede Verehrung von anderen Gottheiten ausser dem König Darius mit dem Tod in der Löwengrube bestraft. Dem König «untergejubelt» haben dieses Gesetz Rivalen des Ausländers Daniel, die wie er hohe Amtsträger des Königs waren.
Wie zu erwarten war, wurde er bei seinem Gebet gesehen, festgenommen und den Löwen zu Frass hingeworfen. Es ist offensichtlich, dass es den König schmerzt, dass Daniel stirbt. So eilt er am frühen Morgen zur Grube – und sieht Daniel lebend. Ein Engel seines Gottes hat ihn beschützt und gerettet. Beten und vertrauen heisst die Botschaft dieser Erzählung. Für die bis zum heutigen Tag oft in ihrer Existenz bedrohten Juden ist Daniel ein starkes Vorbild des Glaubens: Dem Druck von aussen widerstehen und aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Natürlich ist das Danielbuch ein Konstrukt aus späterer Zeit. Aber es hat Strahlkraft in das eigene Verhalten. Es ist im buchstäblichen Sinn «massgebend». Auch wenn es nur selten gelingen mag, so klar zu sein wie Daniel hier – sein Verhalten, seine Treue zu seinen Überzeugungen bleiben als Ideal bestehen. Daran kann ich mich orientieren, davon mich ermutigen lassen, daraus Kraft gewinnen zur Standhaftigkeit.

Von Hans Strub

4. August

Als Hiskia den Brief gelesen hatte, ging er hinauf zum Hause des HERRN und breitete ihn aus vor dem  HERRN. 2. Könige 19,14

Was hier erzählt wird, tönt wie eine Geschichte von heute: Der übermächtige König von Assyrien bedrängt und belagert Hiskias Kleinstaat Juda und führt einen äusserst heftigen Propagandafeldzug gegen ihn: Reden von hohen Gesandten vor der Stadtmauer von Jerusalem mit harschen Anschuldigungen gegen den kleinen König, ergebnislose Verhandlungen zwischen Delegationen der beiden Länder, Attacken mit feindseligen Texten, Gotteslästerungen, Verhöhnungen, Verspottungen, Falschinformationen. Der Kommunikationskrieg gipfelt in einem Brief: «Was haben denn ihre Götter allen unseren überrannten Feinden helfen können? Nichts! So wird es auch bei euch sein. Darum vertraut dem Gott nicht, auf den euer König baut. Kommt zu uns, da werdet ihr Leben haben!»

Und was tut der in die Enge getriebene König Hiskia? Er schreit nicht zurück, er stellt sich nicht heroisch einem Duell, er glaubt nicht an die Gewalt von Waffen. Er gesteht sich ein, dass er ratlos ist und schwach. Und er geht in den Tempel – zum Beten! Er bittet um Errettung, er weiss, dass er nur noch auf Gott vertrauen kann. Und Gott lässt ihm ausrichten, dass er ihn erhört hat. Das Gebet ist seine «Waffe», und es gibt ihm Ruhe und Kraft. Assyrien erfährt, dass Jahwe nicht irgendeine Stadtgottheit ist, sondern der lebendige Gott. Dagegen kommt keine Demagogie an!

Von Hans Strub

3. August

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über  dir! Jesaja 60,1

In der beginnenden Dämmerung auf einem Hügel zu stehen und zu sehen, wie in der Stadt unten in kürzester Zeit die Lichter angehen, gibt ein seltsam ergreifendes, ja feierliches Gefühl. Die Stadt fängt richtiggehend an zu leuchten, sie wird «licht». Das geschieht jetzt mit Jerusalem, sagt Jesaja. Dann wird sichtbar, woher dieses Leuchten kommt: vom Gotteslicht. Gott wird in die Stadt einziehen und sie «übernehmen» – so, wie sie vor noch nicht so langer Zeit vom König von Babylon übernommen wurde. Aber jene Zeit ist definitiv vorbei, die damals Entführten und deren Kinder sind zurückgekehrt, zerstörte Gebiete wurden wieder aufgebaut, die Tore stehen offen. Offen für alle! Jerusalem wird zur Gottesstadt und damit zur Welt-Friedensstadt. Und alle Völker und Mächte ringsum erkennen, was da vor sich geht; sie kommen herbei von allen Enden der Erde und rühmen Gott für seine Taten. Eine grossartige Vision, nicht allein für das versprengte Volk der Juden, sondern für alle Menschen dieser Welt. Der Gegensatz zwischen dem, was hier gesagt wird, und dem, was wir in diesen Wochen und Monaten hören und erleben müssen, könnte grösser nicht sein! Und doch ist es gerade in solchen Zeiten radikal wichtig, von einem solchen Bild geflutet zu werden. Es wird zu einem realen Hoffnungsbild, das aufstehen hilft gegen alles, was niederdrückt. Jetzt.

Von Hans Strub

11. Juli

HERR, du bist meine Stärke und Kraft und meine Zuflucht in der Not!                                Jeremia 16,19

Die Verse 19–21 hören sich an wie der Zwischenruf eines Menschen, der mit seinem Bekenntnis die Rede des Propheten vom kommenden Unheil unterbricht. Trotz allem, was dieser Gott dem Volk an Schlimmem vorhersagt, weil es sich von ihm abgewendet hat und Zuflucht bei «nichtigen Göttern» gesucht hat – trotz allem vertraue ich dir und setze alle meine Hoffnung in dich, unseren Gott, meinen Gott. Mitten in eine laute und zornige Rede hinein erhebt sich eine Stimme und sagt dieses bedingungslose Bekenntnis. Mitten in eine hochgradig gespannte Situation hinein drückt jemand sein Vertrauen in Gott aus. Es ist bloss eine kurze Unterbrechung, aber sie gibt auch Gelegenheit zum Atemholen. Das ist an dieser Stelle mehr als nötig, denn das Urteil Gottes über sein Volk scheint definitiv beschlossen. Wir wis- sen aus der Fortsetzung der Geschichte, dass es neue Möglichkeiten geben wird (siehe gestern!). Die Unterbrechung aber – im vorliegenden Text wohl ein späterer Einschub – verschafft einen Moment Luft. Was heute für Sitzungen oder Reden als wichtiger Tipp ausgegeben wird, wird hier vor gut zweieinhalbtausend Jahren bereits angewandt. Und kann auch dazu führen, einen neuen Gedanken zu fassen und dem, was in immer neue Beschimpfungen führt, etwas Druck wegzunehmen. Das kann Glauben bewirken …

Von Hans Strub

10. Juli

Siehe, wie der Ton in des Töpfers  Hand, so seid auch ihr in meiner Hand.                  Jeremia 18,6

Sie ist wirklich mehr als sprechend und eingängig, diese sogenannte Zeichenhandlung der Propheten im Auftrag von Gott: So wie es für jeden Töpfer selbstverständlich ist, dass er aus einem missratenen Gefäss ein neues, besseres macht, so müsste es Gott eigentlich auch machen mit seinem Volk, das sich von ihm abwendet. Er lässt Jeremia auch sagen: Kann ich mit euch nicht verfahren wie dieser Töpfer, Haus Israel? Dann folgt die unheilvolle Drohung im heutigen Satz. Dieser Satz scheint nun über der ganzen Zukunft Israels zu hängen, und da wir solche Gottesworte auch für uns gelten lassen, sähen wir uns ständig diesem Gott ausgeliefert, der mit uns machen kann, was ihm beliebt. Aber zu ihrem und zu unse- rem Zutrauen in Gott endet die Rede des Jeremia, resp. die Rede Gottes, hier nicht. Vielmehr heisst es kurze Zeit später (Vers 8): Kehrt aber jenes Volk, über das ich geredet habe, zurück von seiner Bosheit, so bereue ich das Unheil, das ich ihnen anzutun geplant habe. So ist Gott: klar und eindeutig – aber er lässt die berühmte «zweite Chance». Diese kann oft und oft zur dritten, vierten oder x-ten werden – Gott lässt die Menschen nicht und nie fallen. Damals nicht und heute nicht! Dieses stets erneuerte Zutrauen in Gottes Barmherzigkeit und Nachsicht ermöglicht Leben, für das Volk damals, für uns heute, für mich persönlich zu jeder Zeit. Denn Gott hat Zutrauen in seine Menschen, in uns!

Von Hans Strub

4. Juni

Der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.   2. Mose 13,21

Wenn uns Gott doch auch so sichtbar und unverkennbar führen würde! Wenn wir ihr doch auch so unbeirrt und vertrauend nachfolgen könnten. Wenn wir ihn doch zu jeder Zeit sehen oder zumindest spüren könnten! Es macht den Anschein, dass es für den ganzen Tross der aus Ägypten weggeführten Israeliten einfach gewesen ist, auf dem richtigen Weg zu bleiben, auch wenn er ein taktischer Umweg war. Wir kennen den Fortgang der Geschichte und wissen, dass dem nicht so war: Die Menschen begannen zu murren über den beschwerlichen Weg, über fehlende Nahrung und Wasser, über ihre Leitung, über Gefahren usw. Gott erbarmte sich und schenkte Nahrung und Wasser – aber das Murren, das Aufbegehren, das Abwenden von Gott ging weiter. Das muss uns Heutigen bekannt vorkommen, viele beginnen bald zu zweifeln, ob dieser Gott wirklich führt. Ob Gott wirklich auf irgendeine Weise zu sehen oder zu spüren sei. Oder überhaupt da ist.

Ein schon älteres Buch trägt den Titel «Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade» – genau das ist es, was uns halten kann, trotz Zweifeln. Und mehr: Gottes Wege sind manchmal Umwege. Manchmal geheimnisvoll. Vertrauen wir auf die bleibende Zusage von Gottes Begleitung seit damals, auch ohne sichtbare Wolken- und Feuersäule …

Von Hans Strub

3. Juni

Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.   Psalm 50,23

Wenig ist peinlicher, als wenn ich im Stress vor einem Besuch einen Gegenstand als Geschenk verpacke, den ich vor längerer Zeit selbst erhalten habe – und erst noch ausgerechnet von den jetzt Besuchten … So empfindet Gott gegenüber Opferfleisch und Opferblut, es sei von Tieren, die er/sie, Gott, ja selbst geschaffen und den Menschen gegeben habe (Verse 9–13). Was jedoch ankommt, sei ein Dank. Ein Dank-«Opfer». Etwas also, das aus mir selbst kommt, das ich selbst «entwickelt» habe in meinem Innern.

Wer dankt, gibt Gott die Ehre. Mehr noch: Wer Gott Danke zu sagen vermag, bekommt etwas dafür. Nämlich den Weg gezeigt, der Zukunft bringt: das «Heil Gottes», Gottes Hilfe. Gott will nicht etwas, das sowieso von ihm gekommen ist, sondern er will mich. Ganz. Weil er es war, der mich etwas Gutes erfahren liess. Weil sie es war, die mich den richtigen Entschluss fassen liess, der dann weiterhalf. Und noch etwas ist wichtig beim Danken: Gott will nicht zuerst meinen Dank, und dann erhalte ich Hilfe, das «Heil» – nein, ich habe diesen «Weg» bereits gezeigt bekommen, schon erfahren. Erst danach erkenne ich, dass ich etwas nicht selbst gemacht oder erfunden habe, sondern dass das schon das «Heil» war! Danke zu sagen, so ist oft zu hören, falle in der heutigen Zeit vielen Menschen schwer.  Dabei wäre es doch   gerade Gott gegenüber selbstverständlich!

Von Hans Strub

11. Mai

Der HERR war mit Samuel und liess keines von allen seinen Worten zur Erde fallen.                 1. Samuel 3,19

«In jenen Tagen war das Wort des Herrn kostbar» – so beginnt die Einleitung von Samuels Berufungsgeschichte  in Kapitel 3. Und am Ende wird dann gesagt, dass diese Worte, nun vom Propheten immer und immer wieder an die Menschen gerichtet, gehört wurden. Gott selber sorgt dafür, dass die übermittelten Worte nicht wie Laub «zur Erde fallen». Es sind durch die ganze Bibel hindurch von Gott bestimmte Menschen, die sein/ihr Wort ausrichten. Dass es aber ankommt, ist Gottes Verdienst. Gott bewirkt, dass das Wort gehört werden kann. Ob es dann auch gehört und verstanden und umgesetzt wird?

Wir wissen sehr wohl, dass dem vielerorts nicht so ist. Das ist die Konsequenz davon, dass Gott die Menschen als seine freien Gegenüber erschaffen hat, als eigenständige Wesen mit einem eigenen Willen. Sie können selber entscheiden, ob sie hören wollen oder nicht. Und Gott lässt das zu. Menschen in seinem Dienst versuchen unablässig und eindringlich, das richtige Verstehen zu erwirken, bis auf den heutigen Tag. Wir können um offene Ohren und Herzen bitten – Gott macht das und respektiert gleichzeitig den freien Menschenwillen. Auch wir können das Wort Gottes «kostbar» halten – indem wir auf es hören und es nicht zur Erde fallen lassen …

Von Hans Strub

10. Mai

Es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: «Erkenne den Herrn», denn sie sollen mich alle erkennen, beide,  Klein und Gross, spricht der HERR.            Jeremia 31,34

Son amour est inscrit dans mon coeur (seine/ihre Liebe ist  in mein Herz eingeschrieben) – so wird auf Französisch ausgedrückt, dass die Liebe mich zuinnerst berührt hat und unauslöschlich ist, wie ein Liebestattoo! Im vorhergehenden Vers (33) sagt Gott durch den Mund seines Propheten Jeremia die gleichen Worte zum Volk: «Das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schliessen werde. Meine Weisung habe ich in ihre Mitte gegeben, in ihr Herz werde ich sie ihnen schreiben. Und ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir Volk sein.» Dann folgt «unser» Vers, und an ihn schliesst sich ein Gottesspruch an, der das eben Gesagte noch toppt:

«Denn ich werde ihre Schuld verzeihen, und an ihre Sünden werde ich nicht mehr denken!»

Eine bedingungslose Liebeserklärung Gottes an sein Volk, das zur Zeit Jeremias arg gebeutelt war. Alles, so Jeremia, was ihr jetzt erlebt und erlebt habt, wird nicht das Letzte sein! Denn Gott will euch, und Gott will euch Zukunft und Hoffnung schenken! Ihr sollt wissen, dass ihr dieser Gottesbotschaft vertrauen könnt und von ihr aus euer Leben miteinander und in dieser Welt gestalten könnt und sollt. Hören wir das! Denn alle haben nun gesehen und erkannt, wie Gott zu ihnen steht. Das dürfen wir auch heute so hören für unsere Welt!

Von Hans Strub