Autor: Hans Strub

4. Juni

Der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.   2. Mose 13,21

Wenn uns Gott doch auch so sichtbar und unverkennbar führen würde! Wenn wir ihr doch auch so unbeirrt und vertrauend nachfolgen könnten. Wenn wir ihn doch zu jeder Zeit sehen oder zumindest spüren könnten! Es macht den Anschein, dass es für den ganzen Tross der aus Ägypten weggeführten Israeliten einfach gewesen ist, auf dem richtigen Weg zu bleiben, auch wenn er ein taktischer Umweg war. Wir kennen den Fortgang der Geschichte und wissen, dass dem nicht so war: Die Menschen begannen zu murren über den beschwerlichen Weg, über fehlende Nahrung und Wasser, über ihre Leitung, über Gefahren usw. Gott erbarmte sich und schenkte Nahrung und Wasser – aber das Murren, das Aufbegehren, das Abwenden von Gott ging weiter. Das muss uns Heutigen bekannt vorkommen, viele beginnen bald zu zweifeln, ob dieser Gott wirklich führt. Ob Gott wirklich auf irgendeine Weise zu sehen oder zu spüren sei. Oder überhaupt da ist.

Ein schon älteres Buch trägt den Titel «Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade» – genau das ist es, was uns halten kann, trotz Zweifeln. Und mehr: Gottes Wege sind manchmal Umwege. Manchmal geheimnisvoll. Vertrauen wir auf die bleibende Zusage von Gottes Begleitung seit damals, auch ohne sichtbare Wolken- und Feuersäule …

Von Hans Strub

3. Juni

Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.   Psalm 50,23

Wenig ist peinlicher, als wenn ich im Stress vor einem Besuch einen Gegenstand als Geschenk verpacke, den ich vor längerer Zeit selbst erhalten habe – und erst noch ausgerechnet von den jetzt Besuchten … So empfindet Gott gegenüber Opferfleisch und Opferblut, es sei von Tieren, die er/sie, Gott, ja selbst geschaffen und den Menschen gegeben habe (Verse 9–13). Was jedoch ankommt, sei ein Dank. Ein Dank-«Opfer». Etwas also, das aus mir selbst kommt, das ich selbst «entwickelt» habe in meinem Innern.

Wer dankt, gibt Gott die Ehre. Mehr noch: Wer Gott Danke zu sagen vermag, bekommt etwas dafür. Nämlich den Weg gezeigt, der Zukunft bringt: das «Heil Gottes», Gottes Hilfe. Gott will nicht etwas, das sowieso von ihm gekommen ist, sondern er will mich. Ganz. Weil er es war, der mich etwas Gutes erfahren liess. Weil sie es war, die mich den richtigen Entschluss fassen liess, der dann weiterhalf. Und noch etwas ist wichtig beim Danken: Gott will nicht zuerst meinen Dank, und dann erhalte ich Hilfe, das «Heil» – nein, ich habe diesen «Weg» bereits gezeigt bekommen, schon erfahren. Erst danach erkenne ich, dass ich etwas nicht selbst gemacht oder erfunden habe, sondern dass das schon das «Heil» war! Danke zu sagen, so ist oft zu hören, falle in der heutigen Zeit vielen Menschen schwer.  Dabei wäre es doch   gerade Gott gegenüber selbstverständlich!

Von Hans Strub

11. Mai

Der HERR war mit Samuel und liess keines von allen seinen Worten zur Erde fallen.                 1. Samuel 3,19

«In jenen Tagen war das Wort des Herrn kostbar» – so beginnt die Einleitung von Samuels Berufungsgeschichte  in Kapitel 3. Und am Ende wird dann gesagt, dass diese Worte, nun vom Propheten immer und immer wieder an die Menschen gerichtet, gehört wurden. Gott selber sorgt dafür, dass die übermittelten Worte nicht wie Laub «zur Erde fallen». Es sind durch die ganze Bibel hindurch von Gott bestimmte Menschen, die sein/ihr Wort ausrichten. Dass es aber ankommt, ist Gottes Verdienst. Gott bewirkt, dass das Wort gehört werden kann. Ob es dann auch gehört und verstanden und umgesetzt wird?

Wir wissen sehr wohl, dass dem vielerorts nicht so ist. Das ist die Konsequenz davon, dass Gott die Menschen als seine freien Gegenüber erschaffen hat, als eigenständige Wesen mit einem eigenen Willen. Sie können selber entscheiden, ob sie hören wollen oder nicht. Und Gott lässt das zu. Menschen in seinem Dienst versuchen unablässig und eindringlich, das richtige Verstehen zu erwirken, bis auf den heutigen Tag. Wir können um offene Ohren und Herzen bitten – Gott macht das und respektiert gleichzeitig den freien Menschenwillen. Auch wir können das Wort Gottes «kostbar» halten – indem wir auf es hören und es nicht zur Erde fallen lassen …

Von Hans Strub

10. Mai

Es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: «Erkenne den Herrn», denn sie sollen mich alle erkennen, beide,  Klein und Gross, spricht der HERR.            Jeremia 31,34

Son amour est inscrit dans mon coeur (seine/ihre Liebe ist  in mein Herz eingeschrieben) – so wird auf Französisch ausgedrückt, dass die Liebe mich zuinnerst berührt hat und unauslöschlich ist, wie ein Liebestattoo! Im vorhergehenden Vers (33) sagt Gott durch den Mund seines Propheten Jeremia die gleichen Worte zum Volk: «Das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schliessen werde. Meine Weisung habe ich in ihre Mitte gegeben, in ihr Herz werde ich sie ihnen schreiben. Und ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir Volk sein.» Dann folgt «unser» Vers, und an ihn schliesst sich ein Gottesspruch an, der das eben Gesagte noch toppt:

«Denn ich werde ihre Schuld verzeihen, und an ihre Sünden werde ich nicht mehr denken!»

Eine bedingungslose Liebeserklärung Gottes an sein Volk, das zur Zeit Jeremias arg gebeutelt war. Alles, so Jeremia, was ihr jetzt erlebt und erlebt habt, wird nicht das Letzte sein! Denn Gott will euch, und Gott will euch Zukunft und Hoffnung schenken! Ihr sollt wissen, dass ihr dieser Gottesbotschaft vertrauen könnt und von ihr aus euer Leben miteinander und in dieser Welt gestalten könnt und sollt. Hören wir das! Denn alle haben nun gesehen und erkannt, wie Gott zu ihnen steht. Das dürfen wir auch heute so hören für unsere Welt!

Von Hans Strub

4. April

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Psalm 23,2–3

Gott gibt Leben und will Leben behüten – das ist die Kürzestfassung des berühmten Psalms 23. Er sieht mein «finsteres Tal», aber er bewahrt mich und gibt Nahrung und Ruhe. Und er lässt Recht zukommen im Streitfall (er salbt und füllt den Becher). Zu ihm, zu ihr kann ich in jeder Hinsicht und unter buchstäblich allen Umständen Vertrauen haben

Das ist, was meine Seele nährt! Was sie braucht, um ruhig zu sein, um sich aufbauen zu können, aufzuladen mit Hoffnung, mit Zuversicht, mit Glauben an eine Zukunft im Frieden – Osterwünsche, Weihnachtswünsche, Sehnsüchte von Millionen! Das Vertrauen in Gott macht die Seele munter («quickig»). Sie wird lebendig, lebensfroh, lebensmutig. So bestimmt sie das Ergehen des Körpers mit. Das Leben wird leichter, sich auftürmende Hindernisse verlieren einen Teil ihres Angstpotentials. Und mein «Ton», mit dem ich mit anderen kommuniziere, wird anders, freundlicher, nachsichtiger, liebevoller, aber auch gewinnender, zutrauensförderlich. Die Erquickung meiner Seele ist die Folge der erlebten Führung durch Gott. Voraussetzung ist, dass ich dieser Führung vertraue, dass ich ihr Kraft und Orientierung zutraue, dass ich mich auf sie einlasse und dass ich ihr mich hoffnungsvoll anschmiege.
Von Hans Strub

3. April

Der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum grossen Volk machen.
1. Mose 21, 17–18

Hagar ist die Zweitfrau von Abraham, die Nebenfrau, ja, eigentlich die Unterfrau. Sara, seine Erstfrau, hat sie ihm «gegeben», damit er endlich den so ersehnten Erben erhält. Als dann auf wundersame Weise Sara selber schwanger wird, sind plötzlich zwei Nachkommen da. Da ist eine zu viel! Hagar wird in die Wüste vertrieben, der Kindsvater schweigt dazu …
Die mitgegebenen Lebensmittel sind rasch aufgezehrt, der sichere Tod durch Verdursten naht. Da schaltet sich Gottes Stimme ein, vernommen als Engelsruf. Hagar wird gerettet, vor ihr zeigt sich ein Brunnen, aus dem sie und ihr kleiner Sohn Ismael trinken können. Gott will ihr Leben, nicht ihren Tod!
Gott setzt dieser Familientragödie ein unerwartetes Ende: Er verstösst Hagar nicht. Vor Gott ist sie keine «Unterfrau», sondern eine Frau mit den gleichen Mutterrechten wie die viel ältere Sara. Er will, dass sie leben kann. Mehr noch: Er macht auch sie zu einer Stammesmutter; ihrem Sohn wird ein Volk verheissen. Gott hat andere Massstäbe, er schenkt und schützt Leben, er unterscheidet nicht nach Herkunft und Stellung! Das fordert auch heute heraus, uns hier, meine Haltung, mein Handeln!

Von Hans Strub

11. März

Der Mensch hat keine Macht über den Tag des Todes.
Prediger 8,8

Was auf das erste Hinhören eine «Binsenwahrheit» ist, soll zum Nachdenken anregen: Was soll ein solcher Satz mitten in einem alten, weisheitlichen Buch, dessen Motto «nichtig und flüchtig» lautet (1,2)? Macht haben wollen über meine Lebenszeit ergibt so wenig Sinn wie Macht haben wollen über den Wind. Oder gar über einen anderen Menschen. Solche Macht kommt einzig Gott zu! Wer das nicht ernst nimmt, überhöht sich, begeht Unrecht und will sich gar zum Entscheider über Leben oder Tod machen. Damit würde eine absolute Grenze überstiegen, kein Mensch hat das Recht dazu.
Beim Nachdenken über den scheinbar «banalen» Satz von heute halte ich ein: Nehme ich mir zuweilen in meinem Alltag, zu Hause, am Arbeitsplatz, im KollegInnenkreis, mehr heraus, als mir zusteht? Unbemerkt vielleicht, durchaus bewusst manchmal? Den Fragen muss ich mich stellen, wenn ich nicht selbst «nichtig und flüchtig» werden will. Meine Antworten aber, das muss ich mir eingestehen, sind nicht immer eindeutig. Und genau das macht mich demütig. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich mir der Grenzen meiner «Macht» jederzeit bewusst bin. Auch nicht, ob ich mir am Ende eines Tages genügend sorgfältig Rechenschaft gebe über mein eigenes Handeln und Verhalten. Aus dieser Demut kann gesunde Selbstkritik erwachsen, kontrollierteres Zusammenleben. Damit wird die «Binsenwahrheit» zu einem Wegbereiter von «persönlicher Wahrheit und Weisheit» …!

Von Hans Strub

10. März

Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen. Jesaja 51,16

Eben noch wurde Jerusalem angeklagt, seinen Gott vergessen und sich an Menschen orientiert, sterbliche Menschen gefürchtet zu haben. Und plötzlich dreht die Gottesrede. Keine Schelte, keine Drohung, sondern Zuwendung: «Ich habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen» – ein wunderschönes, geradezu liebevolles Sprachbild, eine Liebeserklärung an Menschen, die sich sehr ambivalent verhalten. Eine wundersame Wendung: Gott ist ein Gott, der schützt und birgt. Gott ist es, der aufrichten kann, der Fehlverhalten nicht anrechnet, der vergibt, der neue Anfänge möglich macht, der Leben will, nicht Tod! Und der das bedingungslos macht. Wo man eine Forderung erwarten könnte, kommt dieses «Du bist mein Volk»! Die Menschen in der Stadt sind die, die Gott zu seinen Boten machen will: «Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt.» Alle sind gemeint, wie sie auch sind! Und seit Jesus hören und wissen wir: Das «alle» gilt weltweit. Bis zu uns. Wir hier, die wir diesen alten Text von Gott lesen, sind mitgemeint. Wir sind mitbeschützt, ebenfalls geborgen im Schatten von Gottes Hand. Alle. Jederzeit, heute und morgen. Der Gott, dem wir hier begegnen, will Zukunft für die Welt. Was zu Zion gesagt wurde, ist zu uns gesagt. Wir dürfen (und können) es sehr persönlich nehmen. Wenn Gott «alle» sagt, meint er auch mich, so, wie ich bin!

Von Hans Strub

4. Februar

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.                          3. Mose 19,32

«… Und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin der Herr.» So lautet der zweite Teil unseres heutigen Verses aus dem Buch Leviticus, in dem es um die zentrale Frage des Glaubens geht: Wie nämlich Gottes Beziehung zu den Menschen konkret werden kann und welche Konsequenzen sie für die Gestaltung der Gesellschaft hat. Immer wieder werden Vorgaben für alltägliche Vorgänge in einen direkten Zusammenhang mit der Gottesverehrung gebracht. «Ich bin der HERR» kommt etliche Male als Einschub im Text vor, so auch hier am Ende des Verses.
Damit wird deutlich, dass die angeordnete Respektbezeugung alten und wichtigen Menschen gegenüber nicht einfach eine Sache des Comment ist, sondern in direktem Zusammenhang mit der überall festzustellenden Gegenwart Gottes zu sehen ist. Wem im Alltag dieser selbstverständliche Respekt fehlt, der wird auch im Lobpreis Gottes und in der Anerkennung seiner unbedingten «Herrschaft» zurückhaltend sein – und damit die Gottesfurcht missachtet haben. Das Aufstehen für ältere Men- schen, im Tram zum Beispiel, wird wohl in den seltensten Fällen in eine Verbindung mit Gottesfurcht gebracht. Aber dieser Bezug ist möglich, weil Liebe und Ehrfurcht gegenüber den Nächsten (den Mitgliedern der Gesellschaft, eingeschlossen Fremde! Verse 33–34) ein Abbild der Liebe ist, die Gott jeder und jedem zukommen lässt. Ich liebe, weil Gott mich liebt.

Von Hans Strub

3. Februar

Hilf uns, Gott, unser Heiland, und sammle  uns, dass wir deinen heiligen Namen preisen.   1. Chronik 16,35

«Dankt dem HERRN, denn er ist gut, ewig währt seine Gnade, und sprecht: Rette uns, Gott unserer Rettung, und sammle uns und rette uns aus den Nationen, damit wir deinen heiligen Namen preisen und uns rühmen, dass wir dich loben dürfen! Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und alles Volk sagte Amen! und pries den HERRN.» (Verse 34–36) Diese hymnischen Verse bilden den Abschluss der grossen Erzählung von der Überführung der Gotteslade nach Jerusalem und der Einladung zu diesem grossen Einzugsfest an alle Angehörigen des jüdischen Volkes, wo immer sie leben. Damit wird die Stadt Davids definitiv zur Hauptstadt des neuen Königreichs unter David.
Etliche Abschnitte dieser «Psalmensymphonie» stammen aus einzelnen Psalmen, der Vers von heute aus Psalm 106,47–48. Es wird für Sammlung gebetet zum «Gott unserer Rettung» (so die Zürcher Übersetzung zum Wort «Heiland»). Die Sammlung hat ein Ziel: dass Gott gepriesen wird, weil er dieses Volk durch Jahrhunderte der schweren Anfeindungen, der Fehltritte, des Exils nun wieder zusammenführt in eine neu strukturierte Gemeinschaft. Dass ihm gedankt wird für diesen einzigartigen Weg. Und dass diese Rettung nicht einfach abgeschlossen ist, sondern weitergeht, über alle Zeit hinweg. Weil Gott das so will, weil Gott die Menschen liebt.

Von Hans Strub