Autor: Hans Strub

4. April

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Psalm 23,2–3

Gott gibt Leben und will Leben behüten – das ist die Kürzestfassung des berühmten Psalms 23. Er sieht mein «finsteres Tal», aber er bewahrt mich und gibt Nahrung und Ruhe. Und er lässt Recht zukommen im Streitfall (er salbt und füllt den Becher). Zu ihm, zu ihr kann ich in jeder Hinsicht und unter buchstäblich allen Umständen Vertrauen haben

Das ist, was meine Seele nährt! Was sie braucht, um ruhig zu sein, um sich aufbauen zu können, aufzuladen mit Hoffnung, mit Zuversicht, mit Glauben an eine Zukunft im Frieden – Osterwünsche, Weihnachtswünsche, Sehnsüchte von Millionen! Das Vertrauen in Gott macht die Seele munter («quickig»). Sie wird lebendig, lebensfroh, lebensmutig. So bestimmt sie das Ergehen des Körpers mit. Das Leben wird leichter, sich auftürmende Hindernisse verlieren einen Teil ihres Angstpotentials. Und mein «Ton», mit dem ich mit anderen kommuniziere, wird anders, freundlicher, nachsichtiger, liebevoller, aber auch gewinnender, zutrauensförderlich. Die Erquickung meiner Seele ist die Folge der erlebten Führung durch Gott. Voraussetzung ist, dass ich dieser Führung vertraue, dass ich ihr Kraft und Orientierung zutraue, dass ich mich auf sie einlasse und dass ich ihr mich hoffnungsvoll anschmiege.
Von Hans Strub

3. April

Der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum grossen Volk machen.
1. Mose 21, 17–18

Hagar ist die Zweitfrau von Abraham, die Nebenfrau, ja, eigentlich die Unterfrau. Sara, seine Erstfrau, hat sie ihm «gegeben», damit er endlich den so ersehnten Erben erhält. Als dann auf wundersame Weise Sara selber schwanger wird, sind plötzlich zwei Nachkommen da. Da ist eine zu viel! Hagar wird in die Wüste vertrieben, der Kindsvater schweigt dazu …
Die mitgegebenen Lebensmittel sind rasch aufgezehrt, der sichere Tod durch Verdursten naht. Da schaltet sich Gottes Stimme ein, vernommen als Engelsruf. Hagar wird gerettet, vor ihr zeigt sich ein Brunnen, aus dem sie und ihr kleiner Sohn Ismael trinken können. Gott will ihr Leben, nicht ihren Tod!
Gott setzt dieser Familientragödie ein unerwartetes Ende: Er verstösst Hagar nicht. Vor Gott ist sie keine «Unterfrau», sondern eine Frau mit den gleichen Mutterrechten wie die viel ältere Sara. Er will, dass sie leben kann. Mehr noch: Er macht auch sie zu einer Stammesmutter; ihrem Sohn wird ein Volk verheissen. Gott hat andere Massstäbe, er schenkt und schützt Leben, er unterscheidet nicht nach Herkunft und Stellung! Das fordert auch heute heraus, uns hier, meine Haltung, mein Handeln!

Von Hans Strub

11. März

Der Mensch hat keine Macht über den Tag des Todes.
Prediger 8,8

Was auf das erste Hinhören eine «Binsenwahrheit» ist, soll zum Nachdenken anregen: Was soll ein solcher Satz mitten in einem alten, weisheitlichen Buch, dessen Motto «nichtig und flüchtig» lautet (1,2)? Macht haben wollen über meine Lebenszeit ergibt so wenig Sinn wie Macht haben wollen über den Wind. Oder gar über einen anderen Menschen. Solche Macht kommt einzig Gott zu! Wer das nicht ernst nimmt, überhöht sich, begeht Unrecht und will sich gar zum Entscheider über Leben oder Tod machen. Damit würde eine absolute Grenze überstiegen, kein Mensch hat das Recht dazu.
Beim Nachdenken über den scheinbar «banalen» Satz von heute halte ich ein: Nehme ich mir zuweilen in meinem Alltag, zu Hause, am Arbeitsplatz, im KollegInnenkreis, mehr heraus, als mir zusteht? Unbemerkt vielleicht, durchaus bewusst manchmal? Den Fragen muss ich mich stellen, wenn ich nicht selbst «nichtig und flüchtig» werden will. Meine Antworten aber, das muss ich mir eingestehen, sind nicht immer eindeutig. Und genau das macht mich demütig. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich mir der Grenzen meiner «Macht» jederzeit bewusst bin. Auch nicht, ob ich mir am Ende eines Tages genügend sorgfältig Rechenschaft gebe über mein eigenes Handeln und Verhalten. Aus dieser Demut kann gesunde Selbstkritik erwachsen, kontrollierteres Zusammenleben. Damit wird die «Binsenwahrheit» zu einem Wegbereiter von «persönlicher Wahrheit und Weisheit» …!

Von Hans Strub

10. März

Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen. Jesaja 51,16

Eben noch wurde Jerusalem angeklagt, seinen Gott vergessen und sich an Menschen orientiert, sterbliche Menschen gefürchtet zu haben. Und plötzlich dreht die Gottesrede. Keine Schelte, keine Drohung, sondern Zuwendung: «Ich habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen» – ein wunderschönes, geradezu liebevolles Sprachbild, eine Liebeserklärung an Menschen, die sich sehr ambivalent verhalten. Eine wundersame Wendung: Gott ist ein Gott, der schützt und birgt. Gott ist es, der aufrichten kann, der Fehlverhalten nicht anrechnet, der vergibt, der neue Anfänge möglich macht, der Leben will, nicht Tod! Und der das bedingungslos macht. Wo man eine Forderung erwarten könnte, kommt dieses «Du bist mein Volk»! Die Menschen in der Stadt sind die, die Gott zu seinen Boten machen will: «Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt.» Alle sind gemeint, wie sie auch sind! Und seit Jesus hören und wissen wir: Das «alle» gilt weltweit. Bis zu uns. Wir hier, die wir diesen alten Text von Gott lesen, sind mitgemeint. Wir sind mitbeschützt, ebenfalls geborgen im Schatten von Gottes Hand. Alle. Jederzeit, heute und morgen. Der Gott, dem wir hier begegnen, will Zukunft für die Welt. Was zu Zion gesagt wurde, ist zu uns gesagt. Wir dürfen (und können) es sehr persönlich nehmen. Wenn Gott «alle» sagt, meint er auch mich, so, wie ich bin!

Von Hans Strub

4. Februar

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.                          3. Mose 19,32

«… Und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin der Herr.» So lautet der zweite Teil unseres heutigen Verses aus dem Buch Leviticus, in dem es um die zentrale Frage des Glaubens geht: Wie nämlich Gottes Beziehung zu den Menschen konkret werden kann und welche Konsequenzen sie für die Gestaltung der Gesellschaft hat. Immer wieder werden Vorgaben für alltägliche Vorgänge in einen direkten Zusammenhang mit der Gottesverehrung gebracht. «Ich bin der HERR» kommt etliche Male als Einschub im Text vor, so auch hier am Ende des Verses.
Damit wird deutlich, dass die angeordnete Respektbezeugung alten und wichtigen Menschen gegenüber nicht einfach eine Sache des Comment ist, sondern in direktem Zusammenhang mit der überall festzustellenden Gegenwart Gottes zu sehen ist. Wem im Alltag dieser selbstverständliche Respekt fehlt, der wird auch im Lobpreis Gottes und in der Anerkennung seiner unbedingten «Herrschaft» zurückhaltend sein – und damit die Gottesfurcht missachtet haben. Das Aufstehen für ältere Men- schen, im Tram zum Beispiel, wird wohl in den seltensten Fällen in eine Verbindung mit Gottesfurcht gebracht. Aber dieser Bezug ist möglich, weil Liebe und Ehrfurcht gegenüber den Nächsten (den Mitgliedern der Gesellschaft, eingeschlossen Fremde! Verse 33–34) ein Abbild der Liebe ist, die Gott jeder und jedem zukommen lässt. Ich liebe, weil Gott mich liebt.

Von Hans Strub

3. Februar

Hilf uns, Gott, unser Heiland, und sammle  uns, dass wir deinen heiligen Namen preisen.   1. Chronik 16,35

«Dankt dem HERRN, denn er ist gut, ewig währt seine Gnade, und sprecht: Rette uns, Gott unserer Rettung, und sammle uns und rette uns aus den Nationen, damit wir deinen heiligen Namen preisen und uns rühmen, dass wir dich loben dürfen! Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und alles Volk sagte Amen! und pries den HERRN.» (Verse 34–36) Diese hymnischen Verse bilden den Abschluss der grossen Erzählung von der Überführung der Gotteslade nach Jerusalem und der Einladung zu diesem grossen Einzugsfest an alle Angehörigen des jüdischen Volkes, wo immer sie leben. Damit wird die Stadt Davids definitiv zur Hauptstadt des neuen Königreichs unter David.
Etliche Abschnitte dieser «Psalmensymphonie» stammen aus einzelnen Psalmen, der Vers von heute aus Psalm 106,47–48. Es wird für Sammlung gebetet zum «Gott unserer Rettung» (so die Zürcher Übersetzung zum Wort «Heiland»). Die Sammlung hat ein Ziel: dass Gott gepriesen wird, weil er dieses Volk durch Jahrhunderte der schweren Anfeindungen, der Fehltritte, des Exils nun wieder zusammenführt in eine neu strukturierte Gemeinschaft. Dass ihm gedankt wird für diesen einzigartigen Weg. Und dass diese Rettung nicht einfach abgeschlossen ist, sondern weitergeht, über alle Zeit hinweg. Weil Gott das so will, weil Gott die Menschen liebt.

Von Hans Strub

11. Januar 2022

Wo Träume sich mehren und Nichtigkeiten
und viele Worte, da fürchte Gott!     Prediger 5,6

Das Predigerbuch (hebräisch Kohelet) beleuchtet kritisch und grundsätzlich die Situation der Menschen und ihr Verhalten, gerade auch in religiösen Dingen. Da wird zu viel «gemacht» (Opferdarbringung) und zu viel geredet (Gebete!), sagt er. Und wo das Oberhand hat, bleibt zu wenig oder gar kein Raum für das Entscheidende, das Hören. Die Gottesfurcht, die sich einstellen kann in der Ruhe, in der Achtsamkeit, in der Stille. Beim Reden und Handeln oder gar Träumen riskiert man, die Realität zu verlieren. Und merkt dabei nicht, wie alles andere «Nichtigkeit» ist – ein Wort, das im Predigerbuch immer wieder vorkommt und sehr klar zusammenfasst, worum es geht: dass die Menschen Gott in ihrem Leben, auch im Alltagsleben, Platz geben.

Auf Gott hören, auf Gottes Resonanz im grossen Raum der Welt oder im kleinen Raum meines täglichen Umfeldes. Beide Räume durchhallt Gottes Klang. Ein feiner Ton, ein leiser Hauch, ein Wort. Gott lässt sich erfahren in seiner/ihrer ganzen Grösse und Weite als liebende Kraft, die vergibt und schützt (Vers 5b). Gott gibt sich dem hörbereiten Menschen zu erkennen. Darum sei es wichtig, wird hier gesagt, sein Reden und Handeln immer wieder kritisch zu prüfen, ob es denn diesen Resonanzraum befördert oder ihn beschneidet. Oder aber Gottes Stimme durch eigene Laute übertönt. Das meint er mit dem missverständlichen Wort der Gottesfurcht.

Von: Hans Strub

10. Januar 2022

Wer kann merken, wie oft er fehlet?
Verzeihe mir die verborgenen Sünden!  
Psalm 19,13

Etwas, was dem Psalmsänger sehr wichtig ist, scheint gefährdet durch «vermessene Menschen» (Vers 14). Vor ihnen sucht er Schutz beim Schöpfergott. Diesen lobt er in einer langen Einleitung (Verse 1–7 und 8–13), die er möglicherweise aus schon bekannten Liedern zitiert. Das grosse Schöpferlob einerseits, das täglich vom Himmel erzählt und gesungen und von der Sonne unablässig um die ganze Erde herum verbreitet wird, und das tiefe Vertrauen in Gottes Wort, das in geschriebener Form überliefert ist, schaffen den Boden für seine Bitte und seine Hoffnung, dass er verschont werden möge von der Bedrohung, die über ihm schwebt. Er bezeichnet sich als «Diener» mit Verfehlungen gegenüber der Thora, die ihm vielleicht angerechnet werden könnten … Aber wer ist schon ohne Fehler, fragt er. Wer ist denn in der Lage, gegenüber dieser alle Vorstellungen übersteigenden Kraft Gottes fehlerlos zu bleiben – es ist ja gar nicht möglich, den kostbaren Gottesgesetzen zu entsprechen! Worauf er vertraut, ist das Gebet (Vers 15). Im Gebet anerkennt er seine Fehlerhaftigkeit, auch seine «verborgenen Sünden», und anerkennt so gleichzeitig die Grösse Gottes und seine Möglichkeit, ihn vor der Bedrohung zu retten. Im Gebet zeigt er sich als «Diener», nicht unterwürfig, sondern einsichtig, nicht kleinlaut, sondern demütig, nicht schuldbewusst, sondern erlösungsbereit. Das ist seine Form, um Verzeihung zu bitten und sie zu erhoffen.

Von Hans Strub