Autor: Andreas Egli

5. Januar

Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir wollen mit euch gehen. Sacharja 8,21

Auf den Weg gehen, um an einem besonderen Ort anzukommen, wo man Gott begegnen kann – das ist in heutiger Sprache eine Pilgerreise oder eine Wallfahrt. In Jerusalem gingen die Gläubigen zum Tempel, um ihre Beziehung zu Gott wieder in Ordnung zu bringen (den HERRN freundlich zu stimmen) und von Gott eine Weisung für das Leben zu erbitten (den HERRN zu suchen). Die gewagte Aussage des Losungsverses liegt darin, wer hier spricht. Es sind in diesem Text nicht die Israeliten, sondern die Angehörigen anderer Völker, die Bewohner fremder Städte. Es sind die feindlichen Nationen, die einst mit ihren Armeen gegen Jerusalem in den Krieg zogen. Es sind die Mächte, welche das Existenzrecht des Volkes Israel in Frage stellten. Nun kommen sie in einer ganz anderen Haltung: als friedliche Wallfahrer, die gemeinsam mit Israel auf den Pilgerweg gehen. «Völker werden kommen und die Bewohner von vielen Städten. Die Bewohner der einen Stadt werden zur anderen gehen und sagen: Wir wollen wirklich gehen, um den HERRN freundlich zu stimmen und den HERRN der Heerscharen zu suchen.» Im Bibeltext erklingt eine Stimme, die einen Frieden zwischen dem Volk Israel und seinen Nachbarn für möglich hält.
Was müsste heute geschehen, damit wir dieser Hoffnung näherkommen?

Von: Andreas Egli

4. Januar

Die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und
die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
Jesaja 60,3

Nach der grauen Morgendämmerung wird es einen hellen Sonnenaufgang geben. Das Prophetenwort spricht in eine Situation hinein, deren Stimmung man mit «grau in grau» beschreiben kann. Zwar war ein Teil der Juden aus der Verbannung nach Jerusalem zurückgekehrt, aber viele lebten immer noch zerstreut in anderen Ländern. Zwar standen wieder Häuser in der Stadt, aber für den Bau einer Stadtmauer fehlte die Kraft. Zwar hatte man angefangen, einen neuen Tempel zu bauen, aber die Arbeiten gingen nicht recht vorwärts. In einer Zeit der dunklen Schatten redet das Prophetenwort die Stadt Jerusalem an und stellt ihr ein ganz anderes Bild vor Augen: Die Stadt wird einen klaren Sonnenaufgang erleben, weil das Licht von Gott selbst kommt. Die Menschen werden lernen, auf Gottes Weisung zu hören und ihr Zusammenleben so zu gestalten, dass es von Recht und Gerechtigkeit geprägt ist. Diese Hoffnung wird nicht auf Jerusalem und nicht auf Israel beschränkt sein. Das Losungswort öffnet die Türe weit für alle Völker. Sie werden sich auf den Weg machen zum Licht, das Gott der Stadt Jerusalem schenkt. Sie werden den neuen Tag miterleben, der für alle beginnt.
«Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.» (Lied 795)

Von: Andreas Egli

5. November

Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt,
der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre. Sprüche 21,21

Die Verfolgungsjagd ist heute bekannt aus Kriminalfilmen. Die Polizei fährt dem Übeltäter hinterher, aber dieser bleibt nicht stehen, sondern entfernt sich so schnell wie möglich. Es ist unsicher, ob ihn die Patrouille einholen und festnehmen kann. Der ungewisse Ausgang gehört dazu, wenn das Wort «verfolgen» im übertragenen Sinn gebraucht wird. Im Miteinander von Menschen und Völkern ist die Gerechtigkeit nicht so leicht zu erreichen. Manchmal rückt sie wieder in weite Ferne, und man muss von Neuem herausfinden, was für alle gerecht ist. Dem biblischen Sprichwort geht es noch um etwas anderes. Menschen sollen sich entscheiden, welches Ziel sie anstreben. Man kann dem nachrennen, was böse oder schlecht (Sprüche 11,19), was leer und nichtig ist (Sprüche 12,11). Aber das gleiche Wort wird in der Bibel auch gebraucht, wenn positive Ziele verfolgt werden: den HERRN erkennen (Hosea 6,3); das Gute (Psalm 38,21); den Frieden (Psalm 34,15). Der Losungsvers gibt die Zuversicht weiter, dass ein Finden möglich ist. Nicht nur die gesuchte Gerechtigkeit wird erreicht, sondern noch viel mehr dazu: Leben und Ehre. Jesus hat um diese Weisheit gewusst: «Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann werden euch all diese Dinge dazu gegeben werden.» (Matthäus 6,33)

von: Andreas Egli

4. November

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Jesaja 66,13

Trost ist nötig, weil von Trauernden viel verlangt wird. Sie sind konfrontiert mit einer neuen Realität, in der etwas (oder jemand) Bedeutendes verloren ist. Sie erleben schmerzliche und chaotische Gefühle und geben ihnen Ausdruck.
Sie orientieren sich neu in einer Welt, in der ihnen Wichtiges fehlt. Sie finden mit der Zeit einen Weg, das Verlorene in Erinnerung zu behalten und doch mit dem eigenen Leben weiterzufahren. Man kann die Trauer auch als einen anspruchsvollen Lernprozess verstehen. Trost besteht nicht in schönen Worten, die dem Betroffenen diese Anstrengung ersparen wollen. Viel besser ist es, wie eine Mutter ihr weinendes Kind in den Arm nimmt und ihm zu spüren gibt: «Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Ich halte es aus, wenn du klagst. Wir werden miteinander herausfinden, was wir tun können. Wir vertrauen darauf, dass es mit der Zeit wieder gut wird.» Trost ist ein Leitwort im zweiten Teil des Jesajabuchs. Die Texte verarbeiten die Erfahrung, dass das jüdische Volk sein Land verlor, aber nicht seinen Glauben. Sie machen all jenen Mut, die einen Verlust bewältigen müssen. Sie tragen bei zu einem Gottesbild, das auch mütterliche Züge trägt. «Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet, so werde ich selbst euch trösten. Und in Jerusalem werdet ihr getröstet werden.»

von: Andreas Egli

5. September

Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und
deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn
ich erlöse dich!
Jesaja 44,22

Plötzlich wird es für das Volk Israel leicht, neu anzufangen.
Propheten wie Jesaja hatten seinerzeit die Zustände
kritisiert,
die von Unrecht geprägt waren. Später halfen ihre
Worte, den Untergang des eigenen Staates zu verarbeiten.
Dass Jerusalem von den Babyloniern erobert wurde, bedeutete
nicht, der Gott Israels habe versagt. Vielmehr sollte das
Volk anfangen, seine eigene Verantwortung zu erkennen.
Im zweiten Teil des Jesajabuchs sind die Worte eines neuen
Propheten zu hören, der in der Zeit des babylonischen Exils
wirkte. Er spricht davon, dass Gott die Schuld vergibt und
dem Volk einen neuen Anfang ermöglicht. Als Bild nimmt er
eine Wolke, die am Morgen rasch vom Himmel verschwindet,
wenn die Sonne aufgeht. Genauso leicht fällt es Gott,
die Fehler des Volkes wegzuwischen. Die Beziehung zu Gott,
die zum Erbe von Israel gehört, wird wiederhergestellt.
«Weggewischt
habe ich deine Verbrechen wie Gewölk und
wie eine Wolke deine Sünden. Kehre zu mir zurück, denn
ich habe dich für mich freigekauft.» Israel kam in seiner
Geschichte auf einem harten Weg zur Erkenntnis, dass Gott
Sünden vergibt. Durch Jesus Christus sind auch Menschen
aus anderen Völkern dazu gelangt, an den Gott zu glauben,
der «barmherzig und gnädig» ist.

Von: Andreas Egli

4. September

Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir,
darum gedenke ich an dich.
Psalm 42,7

Betrübt oder deprimiert ist ein Mensch in diesem Gebet,
und er erlebt eine Zeit, in der Gott für sein Empfinden weit
entfernt ist. Der grosse Abstand wird mit einem Vergleich
aus der Geografie ausgedrückt. Das Hermongebirge lag ganz
im Norden, an der Grenze des Gebiets von Israel. Von dort
war es ein weiter Weg bis zu einem anderen Berg, der zwar
weniger hoch, aber für den Glauben viel wichtiger war. Auf
dem Berg Zion in Jerusalem war Gott für die Gläubigen
gegenwärtig, wenn sie zum Tempel kamen. Aber dort war
der Betende schon lange nicht mehr. «Mein Gott, über mir
ist meine Seele niedergedrückt. Deshalb will ich mich an dich
erinnern – vom Lande des Jordan und des Hermongebirges
her, vom kleinen Berg.» Der Psalm spricht von zwei Haltungen,
welche helfen, die Zeit der Gottesferne zu ertragen. Die
eine ist die dankbare Erinnerung. Der Mensch richtet seine
Gedanken auf Gott und auf das, was er mit ihm erfahren
hat. Die andere Haltung ist die hoffnungsvolle Erwartung.
Der Mensch macht sich bewusst, was er von Gott erhofft.
«Was bist du niedergedrückt, meine Seele? Und was lärmst
du in mir? Warte auf Gott. Denn ich werde ihn wieder preisen
– meine Hilfe und mein Gott.» (Refrain Vers 12) In der
Erinnerung und in der Erwartung findet der Glaube Kraft
für die Gegenwart.

Von: Andreas Egli

5. Juli

Ich, der HERR, wandle mich nicht. Maleachi 3,6

Das Prophetenwort ist eine Diskussion zwischen Gott und
seinem Volk. Konkret geht es um den Zehnten – Bauern
sollen einen Zehntel ihres Ertrags in den Tempel bringen. Im
Hintergrund steht die grundsätzliche Frage, welchen Sinn
die Gebote haben. Gott hat den Anfang gemacht, indem
er den Menschen seinen Segen gibt – Leben im Überfluss.
Als dankbare Antwort sollen die Menschen ein wenig von
diesem Reichtum an Gott zurückgeben – oder an Mitmenschen
weitergeben. Was ist, wenn der Kreislauf von Segen
und Dankbarkeit ins Stocken geraten ist? Gott wirbt dafür,
dass das Volk zu ihm zurückkehrt. Denn er bleibt dabei, dass
er seinen Segen geben will. «Denn ich, der HERR, habe mich
nicht geändert.» – Gott: «Seit den Tagen eurer Väter seid ihr
von meinen Regeln abgewichen und habt sie nicht gehalten.
Kehrt zurück zu mir, und ich kehre zurück zu euch.» – Volk:
«Wie sollen wir zurückkehren?» – Gott: «Darf ein Mensch
Gott betrügen? Ja, ihr betrügt mich.» – Volk: «Womit haben
wir dich betrogen?» – Gott: «Der Zehnte und die Abgabe.
Mit einem Fluch seid ihr verflucht. Und ihr betrügt mich,
das ganze Volk.»
«Bringt den ganzen Zehnten ins Schatzhaus, dann wird
Nahrung in meinem Haus sein. Und prüft mich doch damit,
ob ich nicht die Fenster des Himmels für euch öffne und für
euch Segen ausschütte bis zum Überfluss.»

Von: Andreas Egli

4. Juli

Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden;
denn er verlässt sich auf dich.
Jesaja 26,3

In schwierigen Zeiten stimmt der Text schon ein Siegeslied
an. Er entwirft ein Hoffnungsbild, das der Stadt Jerusalem
Frieden und Sicherheit verspricht. Sichtbare Merkmale
des Friedens sind die Bauwerke, mit denen die Stadt gegen
äussere Feinde abgesichert sein wird: Stadtmauern, Befestigungsanlagen,
Stadttore. «An jenem Tag wird man dieses
Lied singen im Land Juda: Wir haben eine starke Stadt.
Zur Rettung stellt er die Mauern und den Festungswall hin.
Öffnet die Tore! Dann wird die gerechte Nation einziehen,
welche die Treue bewahrt.» (Verse 1–2) Aber es gibt auch
eine unsichtbare Seite, von welcher der Friede ebenso sehr
abhängt. Was sind die Gedanken, welche die Menschen in
ihrem Inneren formen? Haben sie eine gute und bewährte
Grundlage? Was ist das Vertrauen, das den Menschen einen
letzten Halt gibt? Verlässt es sich darauf, dass Gott treu
ist? «Wer festen Sinn hat, dem bewahrst du Frieden. Frieden,
denn auf dich vertraut er. Vertraut auf den HERRN für
immer. Denn Jah, der HERR, ist ein ewiger Fels.» (Verse 3–4)
Das gleiche Hoffnungsbild erscheint wieder im letzten Buch
der Bibel. Das «neue Jerusalem» ist der Ort, an dem Gott mit
seinem Frieden gegenwärtig ist (Offenbarung 21). Menschen,
deren Vertrauen erschüttert ist, sollen durch diese Hoffnung
gestärkt werden.

Von: Andreas Egli

5. Mai

Ich will die Sünde jenes Landes wegnehmen
an einem einzigen Tag.
Sacharja 3,9

Nach einer sehr schwierigen Zeit gibt es einen neuen Anfang.
Kann man ihm trauen? Das Buch des Propheten Sacharja
gehört in die Zeit nach dem babylonischen Exil. Ein Teil der
Juden ist wieder in die Heimat zurückgekehrt. Sie haben
angefangen, an der Stelle des zerstörten Tempels wieder ein
Gotteshaus aufzubauen. Aber wird das Vorhaben gelingen?
Oder trägt das Land immer noch die Schuld, die zur Verbannung
geführt hat? Sind die Priester immer noch befleckt
durch das Versagen, das ihnen die Propheten vorgeworfen
haben? Die Visionen des Propheten Sacharja machen Mut.
Im Kapitel 3 geht es um den Hohepriester Jehoschua, der
in sein Amt eingesetzt wird. Er soll sein schmutziges Kleid
ausziehen, zum Anziehen bekommt er ein neues Festkleid
und einen schönen Turban. Mit einem anderen Bild beginnt
der Losungsvers. Vor Jehoschua liegt ein Stein, auf dem Gott
selbst etwas Wichtiges eingraviert hat: sieben Augen. Gott
ist nahe, und er hat Augen für sein Volk. «Ja, siehe, der Stein,
den ich vor Jehoschua hingelegt habe: auf einem einzigen
Stein sind sieben Augen. Siehe, ich graviere seine Gravierung
ein. Spruch vom HERRN der Heere.» Und wenn es noch eine
Schuld gab, die das Land von Gott trennte – Gott entfernt
diese Schuld. «Und ich entferne die Schuld jenes Landes an
einem einzigen Tag.»

Von: Andreas Egli

4. Mai

Meine Zunge soll singen von deinem Wort;
denn alle deine Gebote sind gerecht.
Psalm 119,172

Im Psalm 119 steht jeder Satz für sich, sodass man einzeln
darüber meditieren kann. Immer geht es um das göttliche
Wort, das in Israel gehört und in der Thora schriftlich festgehalten
wurde. Wie ist es, als glaubender Mensch mit diesem
Wort zu leben? Der Psalm ist wie ein bunt gewobener
Teppich, dieselben Stichworte kommen immer wieder vor.
Trotz seiner Länge hat der Psalm eine klare Gliederung. Acht
Verse bilden jeweils eine Strophe, denn sie beginnen mit
dem gleichen Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die
Strophen bestehen oft aus zwei Hälften. So haben die Verse
169 bis 172 ein gemeinsames Thema. Auf das göttliche Wort
gibt der Mensch seine Antwort – aber in ganz unterschiedlicher
Weise: mit einem Klageruf, mit einer flehenden Bitte,
mit einem sprudelnden Lob, mit einem Lied. «Singen wird
meine Zunge von deinem Wort, denn alle deine Gebote sind
gerecht.» Das hebräische Wort am Anfang des Losungsverses
kann verschiedene Bedeutungen haben. Eher selten,
aber an wichtigen Stellen wird es mit «singen» übersetzt.
Geläufiger ist die Bedeutung «antworten». Der Gedanke
ist: Das göttliche Wort kommt zu seiner Wirkung, wenn der
Mensch darauf reagiert. Und wenn er dabei seine eigenen
Sprechwerkzeuge braucht: in einem Gebet, in einem Dialog,
in einem Wechselgesang.

Von: Andreas Egli