Autor: Andreas Egli

4. Januar

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 1. Könige 19,7

Der Prophet Elia ist an einem Tiefpunkt angelangt. Im Kampf für den rechten Glauben und gegen die falschen Propheten hat er seine Kräfte verausgabt. Dass ein Bote von der Königin ihm eine Todesdrohung brachte, war zu viel. Er ist in die Wüste geflüchtet und will nur noch schlafen. In seinem Leben sieht er keinen Wert mehr. Mitten in diesem Zusammenbruch kommt ein anderer Bote zu ihm. Weil er einen Auftrag von Gott hat, wird er in der Übersetzung Engel genannt. Seine Botschaft ist so wichtig, dass er sie zweimal anbringt. «Der Bote des HERRN kehrte zum zweiten Mal zu ihm zurück und berührte ihn. Er sagte: Steh auf! Iss! Denn der Weg ist zu weit für dich.» Für Elia gilt nicht mehr das, was sein Leben zerstören will. Jetzt ist für ihn das wichtig, was ihn nähren kann. Er soll auf seine eigenen Füsse stehen. Mit Essen und Trinken soll er das aufnehmen, was ihm Kraft gibt. Er braucht diese Kraft für einen neuen Weg, der vor ihm liegt. Wie Mose geht er zu einem heiligen Berg. Wie Mose hat er eine ganz besondere Begegnung mit Gott. «Er stand auf, er ass und trank. Und er ging mit der Kraft jenes Essens vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottes-Berg Horeb.» (Vers 8) Wir können uns nicht mit Elia vergleichen. Aber wir können uns fragen: Was nährt mich?

Von Andreas Egli

5. November

HERR, in deiner Hand ist Kraft und Macht, und es ist niemand, der dir zu widerstehen vermag.   2. Chronik 20,6

Jehoschafat war in einer frühen Zeit König von Jerusalem. Er ist einer der wenigen Könige, die in den Königsbüchern eine gute Beurteilung erhalten. In den später abgefassten Chronikbüchern wird die Darstellung noch positiver. Nun ist Jehoschafat ein Beispiel für den Glauben, mit dem die späteren Generationen leben. Nicht mit politischen oder militärischen Erfolgen bleibt der König in Erinnerung, son- dern mit einem Gebet. Er betet beim Tempel und braucht Worte, die man aus den Psalmen kennt.

«HERR, Gott unserer Väter. Bis du nicht Gott im Himmel? Du regierst über alle Königreiche der Nationen. In deiner Hand sind Kraft und Stärke. Und es ist keiner, der neben dir bestehen kann.» Das Gebet erwähnt eine militärische Bedrohung, die von mehreren Nachbarvölkern ausgeht, und es fasst die eigene Hilflosigkeit in Worte: «Bei uns ist keine Kraft angesichts dieser grossen Menge, die auf uns zukommt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.» Die Hoffnung ist auf Gott gerichtet: «Auf dich sind unsere Augen gerichtet.» (Vers 12)

Was dann geschieht, klingt wie ein Wunder. Die feindlichen Armeen kämpfen gegeneinander und besiegen sich gegenseitig. In Jerusalem kann man Gott danken für die Bewa rung. Manchmal öffnet das Gebet die Augen für eine Lösung, die niemand erwartet hat.

Von Andreas Egli

4. November

Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.       Jeremia 15,16

Der Prophet Jeremia machte in seinem Leben manches Hoch und Tief durch. Das Klagegebet in Kapitel 15 dokumentiert etwas davon. Ein Wort zu finden, das von Gott kommt, war für Jeremia mit einem Glücksgefühl verbunden – wie wenn man sich über ein gutes Essen freut. Der Losungsvers redet von einem solchen Höhepunkt: «Deine Worte fanden sich, und ich ass sie. Deine Worte wurden für mich zum Jubel und zur Freude meines Herzens. Denn dein Name ist über mir ausgerufen, HERR, Gott der Heerscharen.»

Eine ganz andere Erfahrung war es, wenn Jeremia das prophetische Wort seinem Volk weitergeben musste. Er sprach unbequeme Wahrheiten aus und erntete dafür nicht Dank, sondern erbitterte Feindschaft. Er beklagt sich: «Ich bin ein Mann des Streits, des Zanks mit dem ganzen Land. Alle verfluchen mich.» (Vers 10) Mehrmals kam Jeremia an einen Tiefpunkt, an dem er nicht weiterwusste. Er zweifelte am Sinn seines eigenen Lebens, verlor das Vertrauen auf Gott und hätte seinen prophetischen Auftrag am liebsten zurückgegeben. Und doch hörte er wieder die Zusage von Gott: «Ich bin mit dir, um dir zu helfen und dich zu retten.» (Vers 20) Jeremia ist das Vorbild für einen Glauben, der sich im Auf und Ab des Lebens bewährt.

Von Andreas Egli

5. September

Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie in ihrem Leib getragen hat? Und selbst wenn sie es vergessen könnte, ich vergesse euch nicht! Jesaja 49,15

Die Stadt Jerusalem stimmt als Frau und Mutter eine Klage an. Ihre Kinder sind verloren gegangen in der babylonischen Verbannung. Ihre Mauern liegen in Trümmern. Von Gott, dem sie wie einem Ehemann verbunden war, fühlt sie sich verlassen. «Frau Zion spricht: Der HERR hat mich verlassen. Mein Herr hat mich vergessen.» (Vers 14) Die Antwort im Prophetenwort nimmt Bezug auf das mütterliche Mitgefühl. Eine Mutter hat ihr Kind im eigenen Mutterleib getragen. Wie eine körperliche Empfindung regt sich bei ihr das Mitgefühl zum Kind, welches schwächer ist und die Betreuung der Eltern braucht. «Wird eine Frau ihren Säugling vergessen? Wird sie kein Mitgefühl haben mit dem Kind ihres Mutterleibs?» Nicht nur Mütter, sondern alle Menschen haben die Fähigkeit mitzufühlen. Menschliches Mitgefühl ist allerdings auch brüchig und kann sogar verloren gehen. «Auch wenn die Frauen vergessen könnten – ich werde dich nicht vergessen.» Die Bibel glaubt an einen Gott, der Mitgefühl zeigt – mit viel grösserer Treue als die Menschen. Er sagt zu Jerusalem: «Siehe, auf meine Handflächen habe ich dich eingeritzt, deine Mauern sind immer vor meinen Augen.»

Von Andreas Egli

4. September

Du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Psalm 22,20

Nur langsam wächst das Vertrauen, dass Gott nahe ist. Am Anfang des Psalms fühlt sich der Betende von Gott verlassen. Mit seinen Worten kann er Gott nicht erreichen. Sein Klag lied beginnt mit den Fragen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum bleiben meine Reden fern von dir, meiner Rettung?» (V. 2)
Ein leidender Mensch ist dem Spott der Mitmenschen ausgesetzt. Er bittet Gott darum, nicht fern zu bleiben. Aber er glaubt noch nicht recht daran. Denn nahe ist ihm etwas anderes: die Not, die Bedrängnis. «Bleib nicht fern von mir, denn die Bedrängnis ist nahe, denn es ist keiner da, der hilft.» (Vers 12) Heftige Bilder schildern das körperliche Leiden und die Bedrohung durch Feinde. Am Ende der Klage ertönt die Bitte nochmals. Erst jetzt ist sie mit etwas mehr Zuversicht verbunden. «Du, HERR, bleib nicht fern. Du bist meine Kraftquelle. Komm mir zu Hilfe, schnell!» (V. 20) Der Losungsvers markiert einen Wendepunkt im Psalm. Nun wird aus dem Klagelied ein Danklied: «Du hast mir Antwort gegeben.» (V. 22) Dass Hilfe gekommen ist, sollen alle hören, von den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde bis hin zu den Enden der Erde. Der lange Psalm lädt dazu ein, sich der Bewegung von der Klage zum Dank anzuvertrauen. Aber eine Abkürzung gibt es nicht auf diesem Weg.

Von Andreas Egli

5. Juli

Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. 1. Mose 15,6

Wie kann Vertrauen wachsen? Darum geht es im komplizierten Dialog, der sich zwischen Abram (Abraham) und Gott abspielt. Bei Abram herrscht am Anfang ein Misstrauen gegenüber der Zusage, dass Gott ihm einen Nachkommen geben wird. Bei Gott besteht ein Unverständnis darüber, dass Abram die Zusage nicht annimmt. Abram macht einen wichtigen Schritt, indem er seine Zweifel in Worte fasst. Er rechnet mit ganz kleinen Zahlen: Ein Sohn oder kein Sohn, das ist für ihn die Frage. Wenn er keinen Sohn bekommt, wird sein Erbe in fremde Hände kommen. Gott lässt sich auf den Zweifel ein und versucht, etwas in Bewegung zu bringen. Er lädt Abram ein, seine Augen für eine neue Perspektive zu öffnen. Bei den Sternen ist eine sehr grosse Zahl zu sehen, die nach oben offen ist. Könnte dies mit Abrams Nachkommen – und mit dem späteren Volk Israel – nicht auch möglich sein? Im gegenseitigen Verhältnis geschieht eine Annäherung. Am Ende des Gesprächs passt es zusammen, wie jeder über den anderen denkt. Man könnte den Losungsvers wie folgt umschreiben. Glaube bedeutet, dass Abram denkt: «Jetzt kann ich mich auf Gott verlassen.» Gerechtigkeit bedeutet, dass Gott denkt: «Jetzt ist Abram ins rechte Verhältnis mit mir gekommen.» Später wird erzählt, dass Abram zwei Söhne hatte, von denen zwei Völker abstammten.

Von Andreas Egli

4. Juli

Meine Hand hat alles gemacht, was da ist,  spricht der HERR. Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der  erzittert vor meinem Wort.                Jesaja 66,2

Wohin richtet Gott seine Aufmerksamkeit? Nach dem babylonischen Exil wurde in Jerusalem wieder ein neuer Tempel gebaut. Differenziert denkt der Text über die Bedeutung des Heiligtums nach. Ist es der Ort, an dem Gott wohnt? Nein, er hat ja die ganze Schöpfung geschaffen und ist in ihr gegenwärtig. Könnte ein prachtvoll gebautes Gotteshaus wenigstens dazu dienen, dass Gott seine Blicke in besonderer Weise auf diesen Ort richtet? Eigentlich auch nicht. Denn Gottes Aufmerksamkeit gilt den Menschen. Und zwar besonders denjenigen, die verletzlich und bedürftig sind: arm, deprimiert, besorgt. Der Tempel soll ein Ort sein, an dem sie willkommen sind. Sie dürfen kommen, so, wie sie sind. «So spricht der HERR: Der Himmel ist der Thron, auf dem ich sitze. Und die Erde ist der Schemel, auf dem meine Füsse ruhen. Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen wollt? Was ist das für ein Ort, an dem ich wohnen soll? Alle diese Dinge hat meine Hand gemacht, und so sind alle diese Dinge geworden. Spruch des HERRN. Und auf diesen Menschen werde ich hinblicken: auf den, der arm ist; auf den, der deprimiert ist; auf den, der besorgt ist über mein Wort.»

Von Andreas Egli

5. Mai

Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeitund halte dich bei der Hand.                                Jesaja 42,6

Ein Ich und ein Du stehen sich im Text gegenüber. Als Du angeredet wird vermutlich der persische König Kyros II. (wie in Jesaja 44,28 und 45,1). Er machte Persien zu einem Weltreich, nachdem er das babylonische Reich übernommen hatte. Den verschiedenen Völkern in seinem Herrschaftsgebiet liess er eine gewisse Freiheit, die eigene Religion zu behalten. Für die Juden in der babylonischen Verbannung war dies besonders wichtig. Kyros erlaubte ihnen, nach Jerusalem zurückzukehren und dort den Tempel wieder aufzubauen. Es war der Anfang einer guten Epoche in der Geschichte Israels.

Im Bibeltext ist der mächtigste Mann der Welt allerdings nur der Befehlsempfänger. Ganz am Anfang steht ein betontes Ich. Wer hier spricht, ist «der Gott» (42,5), der einzige Gott, der sich dem Volk Israel mit seinem Namen bekanntgemacht hat. Er und kein anderer bekommt zu Recht die göttliche Ehre.

Der Text hat den Ton eines Bekenntnisses. Zuoberst steht nicht der Grosskönig, auch wenn sein Weltreich noch so mächtig sein sollte. Zuoberst steht Gott mit seinem guten Willen für die Menschen. «Ich, der HERR, habe dich gerufen zum Heil. Ich habe dich bei deiner Hand ergriffen. Ich habe dich geformt. Ich habe dich dazu gemacht, eine Verpflichtung für die Menschen, ein Licht für die Völker zu sein.»

Von Andreas Egli

4. Mai

Siehe, Kinder sind eine Gabe des HERRN.         Psalm 127,3

In der Mitte der Wallfahrtspsalmen 120 bis 134 steht die Zusage: Es gibt einen Segen für die ganz gewöhnlichen Menschen. Ihr Leben gelingt und wird Zukunft haben. Sie selbst tragen mit ihrer Arbeit viel dazu bei. Aber das Lebensglück ist nicht einfach machbar. Es ist immer auch ein Geschenk von Gott, wenn das Tun gelingt. Der Psalm zeichnet Bilder aus dem alltäglichen Leben. Im ersten Teil geht es um den Lebensraum, den die Menschen gestalten. Sie bauen ein Haus, sie bewachen eine Stadt. Und sie vertrauen darauf, dass Gott bei ihnen ist und ihnen hilft.

Im zweiten Teil kommt die nächste Generation in den Blick. Das Leben an Kinder weitergeben – sie beim Aufwachsen begleiten und unterstützen – oder sich auf eine andere Art für die kommende Generation einsetzen: Das ist ein Teil des gelingenden Lebens. Dabei wird die Generation der Eltern (und auch der Grosseltern) durch ihre Aufgaben sehr gefordert, manchmal bis an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Aber die ältere Generation erlebt auch die Dankbarkeit für das wachsende Leben. Der Psalm ist überzeugt, dass dieses Geschenk von Gott kommt. Und dass es kostbar ist, wie ein grosser Lohn am Ende des Monats oder wie eine unerwartete Erbschaft, von der man lange zehren wird. «Siehe, das Erbe vom HERRN sind Kinder, ein Lohn ist die Frucht des Mutterleibs.»

Von Andreas Egli

5. März

Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.
Psalm 65,9

Beim Gottesdienst im Tempel von Jerusalem wurde der biblische Gott gefeiert. Auf dem Berg Zion konnten die Israeliten Vergebung finden. Dort dankten sie Gott dafür, dass er dem Land Regen und Fruchtbarkeit geschenkt hatte. Der Psalm ist ein Abbild dieses Gottesdienstes. Man könnte denken, er habe einen verengten Blick, der nur das eigene Land sieht. Aber der mittlere Teil des Psalms öffnet die Perspektive weit, sodass die ganze Welt miteinbezogen wird. Es geht um den Gott, der die Schöpfung begründet hat, der das Chaos in die Schranken weist, der die Erde zu einem «Lebenshaus» macht. Zu ihm finden auch «die Enden der Erde» Vertrauen. An der Freude über ihn haben auch all jene Anteil, die weit weg wohnen: ganz im Osten, wo die Morgendämmerung aufgeht, und ganz im Westen, wo die Abenddämmerung am längsten zu sehen ist. «Die an den Enden der Erde wohnen, haben Ehrfurcht vor deinen Zeichen. Du machst, dass die Orte jubeln, wo der Morgen und der Abend herkommen.»

Die wohnen in den fernsten Reichen am Auf- und Niedergang,
die preisen deine Wunderzeichen  mit Furcht und Jubelklang.

(RG 40,4)

Von Andreas Egli