Autor: Andreas Egli

5. März

Wenn der HERR spricht, so geschieht’s; wenn er gebietet, so steht’s da. Psalm 33,9

Der Psalm meditiert über Gottes Güte – seine Solidarität
und Loyalität zu den Menschen. Wie der Schöpfungstext im
ersten Kapitel der Bibel sagt, zeigt Gott auf zwei Arten, dass
er es gut meint mit der Welt. Mit seinem Wort ruft er die
Geschöpfe ins Dasein, mit seinem Blick hält er die Beziehung
zu ihnen aufrecht. Am Anfang jedes Schöpfungswerks steht
ein Wort. «Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde
Licht.» Der erste Teil des Psalms, zu dem auch das Losungswort
gehört, fasst dies zusammen: «Durch das Wort des
HERRN wurden die Himmel gemacht, und durch den Atem
seines Mundes ihr ganzes Heer.» (Vers 6) Am Ende jedes
Schöpfungsabschnitts blickt Gott mit Wohlwollen auf das,
was er geschaffen hat. «Und Gott sah alles, was er gemacht
hatte. Und siehe, es ist sehr gut.» Der zweite Teil des Psalms
betont, dass dieser gütige Blick weiterhin gilt: «Vom Himmel
her blickt der HERR, er sieht alle einzelnen Menschen. Vom
Platz, wo er wohnt, schaut er auf alle, die auf der Erde wohnen.
» (Verse 13–14) Erfahrbar ist Gottes Güte für jene, die
auf sein Wort hören und seinen Blick erwidern. So bleiben
sie ausgerichtet auf Gott und hoffen auf seine Solidarität:
«Siehe, das Auge des HERRN ist auf die gerichtet, die Ehrfurcht
vor ihm haben, die auf seine Güte warten.» (Vers 18)

Von: Andreas Egli

4. März

Die Worte des HERRN sind lauter wie Silber, im Tiegel geschmolzen, geläutert siebenmal. Psalm 12,7

Über wertlose Worte beklagt sich der Psalmbeter. Die
«aalglatten Lippen» sind schmeichlerisch, heuchlerisch,
trügerisch. Da machen Menschen viele Worte, aber sie denken
etwas ganz anderes, als sie sagen. «Wertloses reden sie
miteinander, aalglatte Lippen. Mit zweierlei Herz reden sie.
Ausrotten soll der HERR alle aalglatten Lippen, die Zunge,
die grosse Dinge redet.» (Verse 3–4) Harmlos sind die vielen
Worte nicht, sondern eine Waffe der Mächtigen. Solidarität
und Wahrheit bleiben dabei auf der Strecke. Darunter
leiden die Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens
stehen. In der Mitte des Psalms ist der Gegensatz gross. Nun
spricht Gott selbst und stellt sich auf die Seite der Armen:
«Wegen der Gewalt gegen die Armen, wegen des Seufzens
der Elenden – jetzt stehe ich auf, sagt der HERR. In Freiheit
setze ich den, gegen den man schnaubt.» (Vers 6) Auf dieses
Gotteswort bezieht sich der Losungsvers und unterstreicht,
wie kostbar es ist. Nur mit dem wertvollsten Edelmetall kann
man es vergleichen: mit reinem Silber, das in der Natur mit
anderen Materialien vermischt ist, aber durch einen mehrstufigen
Schmelz- und Reinigungsprozess gewonnen wird.
«Die Worte des HERRN sind reine Worte, Silber geschmolzen
im Schmelztiegel zur Erde hin, verfeinert siebenmal.»

Von: Andreas Egli

5. Januar

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.        Psalm 71,17

Ein älterer Mensch blickt auf eine lange Geschichte des Lernens zurück. Dabei geht es nicht um ein intellektuelles Wissen, sondern um ein lebensbezogenes Lernen durch Erfahrung. Wer bin ich? Wie finde ich meinen Weg? Wie begegne ich den Herausforderungen, die das Leben an mich heranträgt? Es braucht den Mut, etwas zu versuchen und auch Fehler zu machen. Es braucht die Geduld, eine wichtige Fähigkeit immer wieder zu üben. Ein Lehrer setzt Lernprozesse in Gang. Er schafft Situationen und Anlässe, in denen man etwas entdeckt und einübt. Der Psalmbeter dankt Gott, dass er für ihn ein guter Lehrer gewesen ist. Als alter Mensch blickt er auf eine lange Lebenszeit zurück. Er kann auf manches zurückgreifen, was er sich einst angeeignet hat. Er sieht aber auch, dass es für ihn gerade im Alter noch viel zu lernen gibt. Vermehrt wird verlangt, dass er sich auf neue Gegebenheiten einstellt. Die eigenen Kräfte nehmen ab, das Angewiesensein auf Mitmenschen nimmt zu. Die Gesundheit wird fragiler, Verluste müssen bewältigt werden. Die Bewegung des Lernens ist nicht zu Ende, in der Lebensphase des Alters wird sie von neuem wichtig. „Gott, seit meiner Jugend hast du mich zu einem gemacht, der etwas gelernt hat. Und bis jetzt erzähle ich von deinen ungewöhnlichen Taten.“
Von Andreas Egli

4. Januar

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 1. Könige 19,7

Der Prophet Elia ist an einem Tiefpunkt angelangt. Im Kampf für den rechten Glauben und gegen die falschen Propheten hat er seine Kräfte verausgabt. Dass ein Bote von der Königin ihm eine Todesdrohung brachte, war zu viel. Er ist in die Wüste geflüchtet und will nur noch schlafen. In seinem Leben sieht er keinen Wert mehr. Mitten in diesem Zusammenbruch kommt ein anderer Bote zu ihm. Weil er einen Auftrag von Gott hat, wird er in der Übersetzung Engel genannt. Seine Botschaft ist so wichtig, dass er sie zweimal anbringt. «Der Bote des HERRN kehrte zum zweiten Mal zu ihm zurück und berührte ihn. Er sagte: Steh auf! Iss! Denn der Weg ist zu weit für dich.» Für Elia gilt nicht mehr das, was sein Leben zerstören will. Jetzt ist für ihn das wichtig, was ihn nähren kann. Er soll auf seine eigenen Füsse stehen. Mit Essen und Trinken soll er das aufnehmen, was ihm Kraft gibt. Er braucht diese Kraft für einen neuen Weg, der vor ihm liegt. Wie Mose geht er zu einem heiligen Berg. Wie Mose hat er eine ganz besondere Begegnung mit Gott. «Er stand auf, er ass und trank. Und er ging mit der Kraft jenes Essens vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottes-Berg Horeb.» (Vers 8) Wir können uns nicht mit Elia vergleichen. Aber wir können uns fragen: Was nährt mich?

Von Andreas Egli

5. November

HERR, in deiner Hand ist Kraft und Macht, und es ist niemand, der dir zu widerstehen vermag.   2. Chronik 20,6

Jehoschafat war in einer frühen Zeit König von Jerusalem. Er ist einer der wenigen Könige, die in den Königsbüchern eine gute Beurteilung erhalten. In den später abgefassten Chronikbüchern wird die Darstellung noch positiver. Nun ist Jehoschafat ein Beispiel für den Glauben, mit dem die späteren Generationen leben. Nicht mit politischen oder militärischen Erfolgen bleibt der König in Erinnerung, son- dern mit einem Gebet. Er betet beim Tempel und braucht Worte, die man aus den Psalmen kennt.

«HERR, Gott unserer Väter. Bis du nicht Gott im Himmel? Du regierst über alle Königreiche der Nationen. In deiner Hand sind Kraft und Stärke. Und es ist keiner, der neben dir bestehen kann.» Das Gebet erwähnt eine militärische Bedrohung, die von mehreren Nachbarvölkern ausgeht, und es fasst die eigene Hilflosigkeit in Worte: «Bei uns ist keine Kraft angesichts dieser grossen Menge, die auf uns zukommt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.» Die Hoffnung ist auf Gott gerichtet: «Auf dich sind unsere Augen gerichtet.» (Vers 12)

Was dann geschieht, klingt wie ein Wunder. Die feindlichen Armeen kämpfen gegeneinander und besiegen sich gegenseitig. In Jerusalem kann man Gott danken für die Bewa rung. Manchmal öffnet das Gebet die Augen für eine Lösung, die niemand erwartet hat.

Von Andreas Egli

4. November

Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.       Jeremia 15,16

Der Prophet Jeremia machte in seinem Leben manches Hoch und Tief durch. Das Klagegebet in Kapitel 15 dokumentiert etwas davon. Ein Wort zu finden, das von Gott kommt, war für Jeremia mit einem Glücksgefühl verbunden – wie wenn man sich über ein gutes Essen freut. Der Losungsvers redet von einem solchen Höhepunkt: «Deine Worte fanden sich, und ich ass sie. Deine Worte wurden für mich zum Jubel und zur Freude meines Herzens. Denn dein Name ist über mir ausgerufen, HERR, Gott der Heerscharen.»

Eine ganz andere Erfahrung war es, wenn Jeremia das prophetische Wort seinem Volk weitergeben musste. Er sprach unbequeme Wahrheiten aus und erntete dafür nicht Dank, sondern erbitterte Feindschaft. Er beklagt sich: «Ich bin ein Mann des Streits, des Zanks mit dem ganzen Land. Alle verfluchen mich.» (Vers 10) Mehrmals kam Jeremia an einen Tiefpunkt, an dem er nicht weiterwusste. Er zweifelte am Sinn seines eigenen Lebens, verlor das Vertrauen auf Gott und hätte seinen prophetischen Auftrag am liebsten zurückgegeben. Und doch hörte er wieder die Zusage von Gott: «Ich bin mit dir, um dir zu helfen und dich zu retten.» (Vers 20) Jeremia ist das Vorbild für einen Glauben, der sich im Auf und Ab des Lebens bewährt.

Von Andreas Egli

5. September

Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie in ihrem Leib getragen hat? Und selbst wenn sie es vergessen könnte, ich vergesse euch nicht! Jesaja 49,15

Die Stadt Jerusalem stimmt als Frau und Mutter eine Klage an. Ihre Kinder sind verloren gegangen in der babylonischen Verbannung. Ihre Mauern liegen in Trümmern. Von Gott, dem sie wie einem Ehemann verbunden war, fühlt sie sich verlassen. «Frau Zion spricht: Der HERR hat mich verlassen. Mein Herr hat mich vergessen.» (Vers 14) Die Antwort im Prophetenwort nimmt Bezug auf das mütterliche Mitgefühl. Eine Mutter hat ihr Kind im eigenen Mutterleib getragen. Wie eine körperliche Empfindung regt sich bei ihr das Mitgefühl zum Kind, welches schwächer ist und die Betreuung der Eltern braucht. «Wird eine Frau ihren Säugling vergessen? Wird sie kein Mitgefühl haben mit dem Kind ihres Mutterleibs?» Nicht nur Mütter, sondern alle Menschen haben die Fähigkeit mitzufühlen. Menschliches Mitgefühl ist allerdings auch brüchig und kann sogar verloren gehen. «Auch wenn die Frauen vergessen könnten – ich werde dich nicht vergessen.» Die Bibel glaubt an einen Gott, der Mitgefühl zeigt – mit viel grösserer Treue als die Menschen. Er sagt zu Jerusalem: «Siehe, auf meine Handflächen habe ich dich eingeritzt, deine Mauern sind immer vor meinen Augen.»

Von Andreas Egli

4. September

Du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Psalm 22,20

Nur langsam wächst das Vertrauen, dass Gott nahe ist. Am Anfang des Psalms fühlt sich der Betende von Gott verlassen. Mit seinen Worten kann er Gott nicht erreichen. Sein Klag lied beginnt mit den Fragen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum bleiben meine Reden fern von dir, meiner Rettung?» (V. 2)
Ein leidender Mensch ist dem Spott der Mitmenschen ausgesetzt. Er bittet Gott darum, nicht fern zu bleiben. Aber er glaubt noch nicht recht daran. Denn nahe ist ihm etwas anderes: die Not, die Bedrängnis. «Bleib nicht fern von mir, denn die Bedrängnis ist nahe, denn es ist keiner da, der hilft.» (Vers 12) Heftige Bilder schildern das körperliche Leiden und die Bedrohung durch Feinde. Am Ende der Klage ertönt die Bitte nochmals. Erst jetzt ist sie mit etwas mehr Zuversicht verbunden. «Du, HERR, bleib nicht fern. Du bist meine Kraftquelle. Komm mir zu Hilfe, schnell!» (V. 20) Der Losungsvers markiert einen Wendepunkt im Psalm. Nun wird aus dem Klagelied ein Danklied: «Du hast mir Antwort gegeben.» (V. 22) Dass Hilfe gekommen ist, sollen alle hören, von den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde bis hin zu den Enden der Erde. Der lange Psalm lädt dazu ein, sich der Bewegung von der Klage zum Dank anzuvertrauen. Aber eine Abkürzung gibt es nicht auf diesem Weg.

Von Andreas Egli

5. Juli

Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. 1. Mose 15,6

Wie kann Vertrauen wachsen? Darum geht es im komplizierten Dialog, der sich zwischen Abram (Abraham) und Gott abspielt. Bei Abram herrscht am Anfang ein Misstrauen gegenüber der Zusage, dass Gott ihm einen Nachkommen geben wird. Bei Gott besteht ein Unverständnis darüber, dass Abram die Zusage nicht annimmt. Abram macht einen wichtigen Schritt, indem er seine Zweifel in Worte fasst. Er rechnet mit ganz kleinen Zahlen: Ein Sohn oder kein Sohn, das ist für ihn die Frage. Wenn er keinen Sohn bekommt, wird sein Erbe in fremde Hände kommen. Gott lässt sich auf den Zweifel ein und versucht, etwas in Bewegung zu bringen. Er lädt Abram ein, seine Augen für eine neue Perspektive zu öffnen. Bei den Sternen ist eine sehr grosse Zahl zu sehen, die nach oben offen ist. Könnte dies mit Abrams Nachkommen – und mit dem späteren Volk Israel – nicht auch möglich sein? Im gegenseitigen Verhältnis geschieht eine Annäherung. Am Ende des Gesprächs passt es zusammen, wie jeder über den anderen denkt. Man könnte den Losungsvers wie folgt umschreiben. Glaube bedeutet, dass Abram denkt: «Jetzt kann ich mich auf Gott verlassen.» Gerechtigkeit bedeutet, dass Gott denkt: «Jetzt ist Abram ins rechte Verhältnis mit mir gekommen.» Später wird erzählt, dass Abram zwei Söhne hatte, von denen zwei Völker abstammten.

Von Andreas Egli

4. Juli

Meine Hand hat alles gemacht, was da ist,  spricht der HERR. Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der  erzittert vor meinem Wort.                Jesaja 66,2

Wohin richtet Gott seine Aufmerksamkeit? Nach dem babylonischen Exil wurde in Jerusalem wieder ein neuer Tempel gebaut. Differenziert denkt der Text über die Bedeutung des Heiligtums nach. Ist es der Ort, an dem Gott wohnt? Nein, er hat ja die ganze Schöpfung geschaffen und ist in ihr gegenwärtig. Könnte ein prachtvoll gebautes Gotteshaus wenigstens dazu dienen, dass Gott seine Blicke in besonderer Weise auf diesen Ort richtet? Eigentlich auch nicht. Denn Gottes Aufmerksamkeit gilt den Menschen. Und zwar besonders denjenigen, die verletzlich und bedürftig sind: arm, deprimiert, besorgt. Der Tempel soll ein Ort sein, an dem sie willkommen sind. Sie dürfen kommen, so, wie sie sind. «So spricht der HERR: Der Himmel ist der Thron, auf dem ich sitze. Und die Erde ist der Schemel, auf dem meine Füsse ruhen. Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen wollt? Was ist das für ein Ort, an dem ich wohnen soll? Alle diese Dinge hat meine Hand gemacht, und so sind alle diese Dinge geworden. Spruch des HERRN. Und auf diesen Menschen werde ich hinblicken: auf den, der arm ist; auf den, der deprimiert ist; auf den, der besorgt ist über mein Wort.»

Von Andreas Egli