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4. Juni

Der HERR sprach: Mein Angesicht soll vorangehen;
ich will dich zur Ruhe leiten.
2. Mose 33,14

Gott zeigt sich dem Volk, er wird es durch die Wüste führen
und in ein fruchtbares Land bringen. Aber er wird nicht
selber vorangehen, sondern einen Boten senden, einen
«Stellvertreter», einen «Engel». Gott nennt ihn «mein
Angesicht». Das kann ihm Mose, dieser ganz besondere
Gottesdiener, abringen. Er hat schon mehrfach mit Gott
Begegnungen gehabt, aber keine direkten, unmittelbaren.
Eine solche, so hört er Gott sagen, würde er nicht aushalten
können (Vers 19). Gott gibt sich zu erkennen, er braucht dazu
«Boten». Und das können andere Menschen sein! Menschen,
die mir begegnen, die mir, verbal oder nonverbal,
Botschaften zukommen lassen, die für mich wichtig sind. Die
Frage ist nicht nur, ob ich sie erkenne. Viel entscheidender
ist es, ob ich überhaupt mit solchen Begegnungen, die dann
wohl Face to Face sein können, rechne. Ob ich also sensibel
genug bin, in einer Situation oder in einem Menschen Gottes
«Boten» wahrzunehmen. Selber habe ich solche Begegnungen
meist erst hinterher deuten können …
So verstehe ich den zweiten Teil des Verses von heute:
Gott will «Boten» schicken, damit wir gut leben können (in
«Ruhe»). Ich soll darauf gefasst sein und nicht vorschnell
solche unerwarteten Begegnungen als «zufällig» bezeichnen.
Es könnten Hinweise sein, die für mich wichtig sind und
die es lohnen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Von: Hans Strub

3. Juni

HERR, du bist allein Gott über alle Königreiche auf
Erden, du hast Himmel und Erde gemacht.
2. Könige 19,15

Dem Gebet des Königs Chiskija im Jerusalemer Tempel
gehen wiederholte Drohungen und Gottesverhöhnungen
von feindlichen Herrschern voraus. Die politische Lage ist
höchst angespannt, die Stadt ist bedrängt. Und da geht ihr
König hin und betet! Er lobt Gottes Kraft und sagt ihm klar,
dass er in grösster Sorge um Jerusalem ist, weil die Assyrer
bereits über viele Länder und Städte Unheil gebracht haben.
Aber nur wir, sagt er, haben einen lebendigen Gott, der die
Welt verändern kann (Verse 16–18). Und dann bittet er um
Rettung, damit die ganze Welt sehen kann, «dass du, Herr,
allein Gott bist» (Vers 19). Auf das Gebet und damit auf
den hörenden Gott vertrauen, das ist hier wichtiger als die
Befehlsausgabe zur militärischen Verteidigung. Eine eher
unerwartete Reihenfolge, aus der er Hoffnung bezieht. Bis
heute ist diese Geschichte eine Herausforderung: Wie weit
reicht mein Gottvertrauen in Not und Gefahr? Wie sehr
setze ich Hoffnung in Gott, dem ich Hilfe und Rettung
zutraue? Bemerkenswert an Chiskijas Gebet ist zudem, dass
seine Bitte erst am Ende folgt und dass er vorher Gott zeigt,
wie er als König zu ihm steht. Wie er nicht an Gottes Möglichkeiten
zweifelt und glaubt, dass ihm diese direkte Anrede
Gottes Hilfe bringt. Er ermutigt mich, mit Gott zu reden und
meine Lage so darzustellen, wie sie ist, auch meine Gefühle
und Gedanken. Dann darf ich auf Erhörung hoffen.

Von: Hans Strub

2. Juni

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause
des HERRN immerdar.
Psalm 23,6

Gott ist immer da.
Gott kann man alles sagen.
Gott gibt mir alles.
Gott begleitet mich durch mein Leben,
auch wenn es nicht immer einfach ist.
Er ist immer für mich da.
Als ich auf die Welt kam, war er da.
Als ich die Salben auf dem Wickeltisch verschmierte,
war er da.
Als ich Velofahren lernte, war er da.
Als ich das erste Mal zur Schule ging, war er da.
Als ich in die 4. Klasse kam, war er da.
Als ich in die 7. Klasse kam, war er da.
Wenn ich in das Berufsleben eintreten werde,
wird er da sein.
Und wenn ich schwierige Situationen erleben werde,
wird er da sein.
Auch wenn ich sterben werde!
Amen.


Das Gebet hat eine meiner Konfirmandinnen zu Psalm 23,6
geschrieben und im Konfirmationsgottesdienst vorgetragen.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. Juni

Ich habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet. 1. Samuel 1,15

Diese Worte sagt Hanna zu Eli. Er hält sie nämlich für betrunken.
Denn er sieht nur, wie sich ihre Lippen bewegen, ihre
Stimme aber hört er nicht. Er fordert sie auf, nüchtern zu
werden. Da erklärt ihm Hanna: «Ich bin eine verzweifelte
Frau. Und ich habe weder Wein noch Bier getrunken, ich
habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet.»
Hanna, die sich so sehr ein Kind wünscht. Oder irgendeine
andere Frau mit demselben Wunsch. Sie schüttet uns ihr
Herz aus. Ein ganzes Meer von Betrübnis liegt da. Wie schnell
kommt eine Antwort über unsere Lippen. Wie schnell haben
wir einen Lappen zur Hand, um die Wasserlache wegzuputzen.
Weil wir die Verzweiflung nicht verstehen. Nicht verstehen
wollen. Nicht aushalten können.
Und dann sagt diese oder jene andere Frau zu mir, dreissig
Jahre später, wie schwierig es sei, nie Grossmutter zu werden.
An die Kinderlosigkeit habe sie sich irgendwann gewöhnt.
Doch die Enkellosigkeit sei ein neuer Schmerz. Ich höre, wie
die neue Verzweiflung sich mit der alten vermischt. Ein ganzes
Meer von Betrübnis liegt da. Ich könnte ihr jetzt doch
von Hanna erzählen. Wie deren Klage sich in Lob verwandelt.
Dass Gott schon weiss, was richtig ist. Nein. Ich lasse den
Lappen fallen. Und glaube der Frau. Es braucht nicht immer
eine Antwort. Weil es nicht immer eine gibt.

Von: Ruth Näf Bernhard

31. Mai

Alle, die dem HERRN widerstehen, werden zu ihm
kommen und beschämt werden.
Jesaja 45,24

Kürzlich hörte ich eine bekannte Literaturkritikerin über ein
Buch am Radio sagen: «Was mich am Autor stört, ist seine
religiöse und erbauliche Erzählweise.» Diese beiläufige Kritik
zeigt: Es gehört heute zum guten Ton, sich von allem Religiösen
und seinen Erzähltraditionen zu distanzieren. Der Widerstand
gegen eine Wahrhaftigkeit, die jenseits des Erklärlichen
steht, ist zum Courant normal geworden.
Zum Glück!, dürfen wir einerseits sagen. Vernunftbasiertes
Handeln und Denken ist eine grosse Errungenschaft für
unsere Zivilisation. Verschwörungstheorien und radikale
Religiosität lassen aber auch vermuten, dass wir in unserer
säkularen Gesellschaft das Kind zu sehr mit dem Bad ausgeschüttet
haben. Unsere Zeit erscheint mir in dieser Hinsicht
nicht viel anders als jene von Jesaja. Unsere Scham beim Blick
auf unsere Welt ist vergleichbar mit jener, die der Prophet
damals nannte. Wir Menschen haben in unserem Streben
nach immer mehr Wohlstand und Wachstum die Demut
gegenüber der Schöpfung verloren. In unserer Freude, unser
Leben frei nach unseren eigenen Werten zu gestalten –
zumindest auf unserem Kontinent – haben wir uns jener
religiös-moralischen
Leitlinien entledigt, wie sie die biblischen
Bücher über Generationen schufen. Auch wenn sie in
vielem kein zeitgemässer Kompass mehr sind, so erzählen
sie vom ethischen Anliegen, uns in etwas Übergeordnetes
einzufügen, das dem Wohlergehen unseres Planeten dient.

Von: Esther Hürlimann

Mittelteil Mai / Juni

Boldern – Ort der Begegnung, der Herausforderung, der Hoffnung

An der Jahresversammlung 2014 übernahm Madeleine
Strub-Jaccoud, zusammen mit einem damals kleinen Team,
die Leitung und damit die Neukonzeption von Boldern. An
der kommenden Jahresversammlung 2024 tritt sie zurück
und gibt ihre verschiedenen Funktionen an bewährte Boldern-
Leute weiter. Nachstehend ihr letzter Jahresbericht an
den Förderverein Boldern (vormals Trägerverein Boldern).

75 Jahre Boldern – das Jubiläum am 2. September 2023 hat
Menschen zusammengeführt, hat die Menschen feiern
lassen.
Der Markt hat Boldern belebt, die Menschen haben
getanzt, gefeiert, sich ausgetauscht. Die Gespräche mit verschiedenen
Persönlichkeiten haben Menschen inspiriert. Der
Dokumentarfilm «Boldern inspiriert» wirft einen vertieften
Blick in die Geschichte Bolderns. Das Jubiläumsbuch
mit Beiträgen aus den Veranstaltungen «Boldern inspiriert»
blickt mit Visionen in die Zukunft.
Mit dem Jubiläum ist Boldern im Dorf Männedorf und in
der Region angekommen. Es war leichtfüssig, fröhlich und
passte ganz zu Boldern. Deshalb soll dieser Bericht einen
tiefen Dank an das Organisationskomitee enthalten. Besonders
gilt dieser Dank den Mitarbeitenden des Kompetenzzentrums
Appisberg. Wir durften einfach fragen, und schon
kam Unterstützung. Die Stiftung Boldern hat alle laufenden Projekte weiterentwickelt. Besonders zu erwähnen sind: Die Wohnüberbauung
«Seeterrassen» geht in die Realisierung. Die Umzonung
des Plateaus wird voraussichtlich noch in diesem Jahr
zur Abstimmung kommen. Die Idee, das Hotel Boldern als
Arbeitsintegrationsbetrieb zu führen, nimmt in Zusammenarbeit
mit dem Kompetenzzentrum Appisberg Gestalt
an. Eine besondere Herausforderung stellt die nachhaltige
Bewirtschaftung der Finanzen dar. Im Berichtsjahr hat sich
die Stiftung für eine neue Hausbank entschieden.
Immer wieder stellt sich die Frage: «Wer ist Boldern?»

Boldern – Ort der Begegnung
Der Weg, dieses Ziel zu erreichen, war lang und nicht einfach.
Er geht weiter, und so wird sich Boldern auch immer
wieder verändern.


Boldern – Ort der Herausforderung
Boldern hat in der Vergangenheit Menschen, die in der
Gesellschaft keine oder nur eine leise Stimme haben, eine
Stimme gegeben. Die Veranstaltungen, die Boldern durchführt,
tragen diesem Anliegen Rechnung.


Bolden – Ort der Hoffnung
Wir leben in einer Zeit, wo Kriege wieder zur Realität gehören.
Boldern soll ein Ort sein, wo über Frieden nachgedacht
wird. Boldern soll ein Ort sein, wo Menschen gemeinsam
nach Kraft und Mut suchen und sich gegenseitig darin unterstützen.
Hoffnung ist die Kraft, die wir teilen. Sie kommt
auch heute noch für viele aus dem Evangelium von Jesus
Christus. Um das zu leben, braucht es den Ort, wo auch diese
Dimension zur Sprache kommen darf und Hoffnung geteilt
wird. Davon zeugen auch die Bolderntexte.
Und: Der Förderverein Boldern soll durch den Zusammenarbeitsvertrag
mit der Stiftung Boldern aktiv und kreativ an
der Gestaltung der Zukunft partizipieren. Diese Partizipation
aufzubauen, ist die Aufgabe der nächsten Jahre. Damit
Boldern lebt.
Mit dem Wunsch, dass Boldern sich als Ort der Hoffnung
weiterentwickelt, lege ich die Verantwortung in neue Hände.
Ich bedanke mich sehr herzlich bei meinen Kolleginnen und
Kollegen im Stiftungsrat für ihr Mitwirken und ihre Kraft,
bedanke mich bei der Geschäftsleitung und allen Mitarbeitenden,
auch denjenigen des Hotels, und bedanke mich ganz
besonders bei meiner Familie, die mich kritisch begleitet und
herzlich unterstützt hat.
So weit der Bericht über das letzte Jahr. Wenn er erscheint,
bin ich bereits nicht mehr Präsidentin der Stiftung und warte
gespannt auf die Vereinsversammlung des Fördervereins.
Ich blicke mit Dankbarkeit auf diese Zeit des Gestaltens
zurück und weiss die Leitung Bolderns in guten Händen.
Die Bolderntexte sind eine Säule für Boldern. Sie spiegeln
die Vielfalt in unserer Gesellschaft wider, werten nicht und
öffnen Horizonte. So bedanke ich mich auch an dieser Stelle
Mittelteil
bei allen Leserinnen und Lesern für ihre Treue, bei der Redaktorin
für ihre so wertvolle Arbeit und bei allen Autorinnen
und Autoren für ihre so Kraft schenkenden Auslegungen.
Boldern lebt in den Herzen vieler Menschen, auch in
meinem.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

30. Mai

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.
Psalm 126,1

Die das sagen, träumen von der Rückkehr nach Jerusalem,
aus dem sie viele Jahre zuvor verschleppt worden waren. Sie
sind sicher, dass sie zurückkehren werden, auch wenn es vollkommen
hoffnungslos aussieht, so, wie die Vorstellung 1980
hoffnungslos war, die Mauer könne fallen, oder 2024, ein
empathischer Mensch könne Präsidentin der USA werden.
Träume geben Energie, die Gegenwart auszuhalten, indem
sie innere Bilder schaffen, die sich in Hoffnung verwandeln.
Das Ende des Psalms liefert dazu die praktische Erklärung:
Mit Tränen sät der Vater, weil seine Kinder hungern. Anstatt
aus den letzten Körnern ein letztes Brot zu backen, enthält er
sie den Kindern vor, um später mit Jubel ernten zu können.
Dann werden alle wieder genug zu essen haben.
Wenn es dann so weit ist, bleibt das Lebensgefühl noch
eine Weile traumartig. Was lange nur in der Vorstellung existierte,
wird mit einem Mal Wirklichkeit. Die Seele braucht
Zeit für den Übergang.
Der Glaube umfasst die Aufgabe, in Bezug auf die Zukunft
sich eine Art von Traumzustand zu erhalten. Hartnäckig
weigern sich Christinnen und Christen zu glauben, dass am
Schluss sowieso alles den Bach runtergeht.

Von: Heiner Schubert

29. Mai

Mose sprach: Nehmt zu Herzen alle Worte, die ich
euch heute bezeuge. Denn es ist nicht ein leeres Wort
an euch, sondern es ist euer Leben.
5. Mose 32,46.47

Mose erzählt von Worten, die Leben bedeuten können. Ich
versuche, zu verstehen. Von der Antike bis in die Gegenwart
ist Kontinuität im Judentum an geäusserte und geschriebene
Worte geknüpft, an ein ausuferndes Geflecht von Interpretationen,
Debatten und Meinungsverschiedenheiten, sowie an
zwischenmenschliche Beziehungen. In der Synagoge und der
Schule, aber auch zu Hause, umfasst dieser Austausch immer
mehrere Generationen. Die Worte werden weitergegeben
von Mose zum Volk, von Eltern zu Kindern, von Lehrern
zu Schülern. Damit kommt Lebendigkeit in die Welt; wird
sozusagen Gott in die Welt übersetzt.


Mich interessiert die Bewegung zum Herzen. Das Wort, das
ich höre, nimmt in meinem Körper seinen Lauf. Solange es
nur zwischen den Ohren bleibt, kann es in mir keine Wurzeln
schlagen. Erst wenn das Wort weiter hinab sinkt, entfaltet es
die Wirkung, für die es ausgesendet worden ist. Es bannt die
Angst und zeigt mir den Weg in die Freiheit.
Dort, im Herzen, bewege ich es hin und her, so wie Maria
das Wort der Engel bewegt hat, von dem die Hirten erzählt
haben. Sie hat es ausgekostet. Wieder und wieder gekaut, bis
es sie genährt und stark gemacht hat.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

28. Mai

Philippus lief hin und hörte, wie der Mann laut aus dem
Buch des Propheten Jesaja las. Er fragte ihn: «Verstehst
du denn, was du da liest?» Der Äthiopier sagte: «Wie
kann ich es verstehen, wenn mir niemand hilft!» Und er
forderte Philippus auf, zu ihm in den Wagen zu steigen.

Apostelgeschichte 8,30–31

Setz dich zu mir und erkläre mir, so die Aufforderung des
Äthiopiers. Wie schön, wenn jemand hört, dass ich Hilfe
brauche. Wie schön, wenn mir jemand zuhört, sich neben
mich setzt und sich Zeit nimmt, mir zu helfen, wo ich nicht
weiterkomme. Philippus hat Augen und Ohren offengehalten
und erkannt, dass jemand Hilfe braucht.
In der Bibel finden wir verschiedene Texte, die zum Hören
auffordern. Und viele Gebete beginnen mit der Bitte, dass
Gott höre (Psalm 17,6). Den Menschen öffnet Gott selbst das
Ohr (Jesaja 50,5). Ein bekannter Kanon weist darauf hin, dass
hören schweigen bedingt. Schweige und höre, neige deines
Herzens Ohr, suche den Frieden.
Hören, vor allem das Hören mit dem Herzen, das auch in
der Stille hört, ist für unser Leben zentral. Damit dies möglich
wird, müssen wir von der eigenen Selbstbezogenheit
Abstand nehmen und uns aufmerksam dem zuwenden, was
uns begegnet. So hört das Ohr des Herzens, was mich im
Alltag umgibt und was an mich herangetragen wird.
Hört, dann werdet ihr leben, sagt Gott zu Jesaja (Jesaja 55,3).

Von: Monika Britt

27. Mai

Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei
der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als
lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei
euer vernünftiger Gottesdienst!
Römer 12,1

Niemand will heute gerne ein Opfer sein. Das Schimpfwort
«du Opfer» meint im Strassenjargon Personen, die sich
nicht ausreichend wehren können.
Aber auch das Verständnis für das theologische Konzept
des Opfers ist mir in den letzten Jahren verloren gegangen.
Im Englischen – abgeleitet vom Lateinischen – wird zwischen
sacrifice / offering und victim unterschieden.
Wenn ich «Opfer» hier durch «Hingabe» ersetze, dann
kann ich diesem Ratschlag des Paulus etwas abgewinnen.
Sehr beeindruckt hat mich ein ökumenischer Freund, der
seine todkranke Frau mit Hingabe pflegte. Er meinte, «die
tägliche Körperpflege meiner Frau ist für mich wie ein Gebet,
eine Hingabe an Gott.»
Dem Engagement und der Leidenschaft verwandt, ist die
Hingabe weniger eine Anstrengung um jeden Preis, sondern
mehr ein Mich-Zuwenden, Mich-Öffnen und Anbieten.
Das ist für mich eine spirituelle Übung, die den Körper
nicht nur als «protestantischen Dienstleib» (Elisabeth
Moltmann-Wendel) versteht, sondern mir hilft, eine positive
Beziehung zu meiner Geschöpflichkeit zu finden. Mein
Leib ein Tempel!
Das schliesst eine lustvolle Beziehung zu Gott ein.

Von: Barbara Heyse-Schaefer