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26. Mai

HERR, du siehst es ja, denn du schaust das Elend
und den Jammer; es steht in deinen Händen.
Psalm 10,14

Vielleicht haben Sie das schon erlebt: Eine Nachbarin, ein
Kollege, ein Verwandter kann Sie nicht leiden. Was immer
Sie machen, er oder sie findet einen Fehler, unterstellt Ihnen
unrichtiges Handeln. Sie sind sich keiner bösen Absicht
bewusst. Aber was immer Sie tun, Sie fürchten sich schon
vor seiner oder ihrer Reaktion. Sie sind verunsichert. Schliesslich
passieren Ihnen tatsächlich Fehler …
Der Beter/die Beterin des 10. Psalms scheint so jemanden
zu kennen. Eine Person, die ihm oder ihr nachstellt, wie ein
Löwe auflauert und schlecht über ihn oder sie spricht.
Wie sich wehren? Wie sich rechtfertigen? Wem kann ich
davon erzählen? Wie komme ich aus dem Teufelskreis heraus,
der mich zur Revanche verführen will? Tausend Gedanken
in meinem Kopf!
Der Beter/die Beterin des Psalms verlässt sich auf Gott: Du
siehst es ja! Du siehst das ganze Schlamassel, diese unangenehme
Situation, in der ich mich befinde.
Welchen besseren Ort könnte es geben als deine Hände,
Gott? Hier ist all die Ungerechtigkeit, die ich erfahre, aufgeschrieben
und festgehalten. Ich kann sie dort lassen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Mai

Paulus schreibt: Ich bin der geringste unter den
Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel
heisse, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen.
1. Korinther 15,9-10

Es ist ihm eingefahren,
er ist untröstlich, dass er
die Christen verfolgt hat.
Wir kennen das doch:
Manchmal liegen wir falsch.
Wie mies muss es Paulus
gegangen sein, als es ihm
bewusst geworden ist,
dass er sich geirrt hat.


Denn er ist Christus begegnet –
für ihn wahrhaftig eine Zeitenwende.
Wie erfüllt muss er gewesen sein
nach dieser Begegnung.
Das Erschrecken über seinen Irrtum
und die Erfahrung von Gnade,
von Angenommensein,
haben ihn wohl zeitlebens angetrieben.
Er ist ein Mann mit einer Mission.
Glaubwürdig.

Von: Heidi Berner

24. Mai

Das sei ferne von uns, dass wir den HERRN verlassen!
Josua 24,16

Wir doch nicht!
Auf uns ist Verlass.
Komme, was wolle.
Wir sind standhaft.
Wir halten dir die Stange.
Wir sind treu. Wir bleiben.


Manchmal kommt alles anders.
Ganz anders.
Dann zeigt es sich,
wie standhaft wir sind. Wie treu.
Ach, es ist ja so menschlich,
zu versagen, untreu zu werden.


Daran will ich mich halten:
Ich scheue mich
immer ein wenig,
dich mit Namen, Begriffen
dingfest zu machen
– Gott, Lebendige, Ewiger –
mein Du, unser Du!
Du bist die Kraft, die uns
leben und lieben lässt.
Lass du uns nicht los. Nie.

Von: Heidi Berner

23. Mai

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein
grosses Licht, und über denen, die da wohnen im
finstern Lande, scheint es hell.
Jesaja 9,1

In der Bibel ist «Volk» der Begriff für das Kollektiv schlechthin
und eine politische Grösse. Jeder Mensch gehört zu
einem Volk und Völker bewohnen die Erde. So viel hat sich
seit der Antike gar nicht geändert. Es ist bis heute so. Ich
lese die Losung und frage mich: Gibt es ein Volk, das nicht
im Dunkeln tappt? Einmal abgesehen von den Appenzellern
und den Ostfriesen fällt mir keines ein … Genau, wir machen
Witze übereinander und das ist durchaus erhellend. Solange
es beim geschwisterlichen Necken bleibt, verstehen wir uns,
solange wir Verschiedenheit als Reichtum erfahren, sehen
wir Licht und solange die Völker miteinander feiern, scheint
es hell.
Wenn ich Zeitung lese, sieht es finster aus. Die einen Völker
rüsten auf, um sich gegen andere Völker zu wappnen. Sorry,
wenn ich Ihnen den Tag verderbe – aber ich finde es zurzeit
ziemlich düster. Wir nennen uns aufgeklärt, spotten über
unsere unterbelichteten Vorfahren und wandeln selbst im
Finstern. Wir beherrschen die Kunst der Lichtverschmutzung
und leben in rabenschwarzen Zeiten. Wenn das alles
wäre, was wir zur Zukunft sagen können, dann gute Nacht.
Darum lese ich Zeitung und dann noch einmal diese
Losung. Damit die Nacht zum Tag wird.

Von: Ralph Kunz

22. Mai

Jesus Christus selbst ist die Versöhnung für
unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren,
sondern auch für die der ganzen Welt.
1. Johannes 2,2

Versöhnung ist das zentrale und wiederkehrende Motiv
in der Heilsgeschichte. Im Alten Testament ist es mit Jom
Kippur verknüpft (Leviticus 23,27–32). Das ist ein Sabbat
Sabbaton, das heisst ein höchster Feiertag, so etwas wie
ein geistlicher Frühlingsputz. Einmal jährlich wird Sühne
für ganz Israel gewährt. Es gehört zum Programm der Heiligung,
dass das Volk mit Gott im Reinen sein muss, um
Gottesdienst feiern zu können. Jede Einzelne soll ihre, jeder
Einzelne seine Verfehlungen bereuen und umkehren. Versöhnung
setzt einen neuen Anfang und macht möglich,
dass die Leben gewährende Gottesnähe wieder erfahren
wird. Für diese heilsame Reinigung hat die Bibel viele Bilder:
dass Gott die Last abnimmt, das Lösegeld zahlt, die Blösse
bedeckt oder das Herz erneuert. Und was hat das mit Jesus
Christus zu tun?
Der Kreuzestod von Jesus wurde in den christlichen
Gemeinden als universaler Jom Kippur gedeutet. Wir singen
davon beim Abendmahl: «Christe, Du Lamm Gottes,
der Du trägst die Sünd’ der Welt». Mit Jesus ist nichts Neues
gekommen – aber die Gabe der Erneuerung radikal erweitert
worden! Durch ihn wird die ganze Welt versöhnt. Können
wir das je verstehen? Dass der Kosmos schon geheilt, geheiligt,
gewürdigt, gesegnet und geliebt ist?

Von: Ralph Kunz

21. Mai

Ich, der HERR, behüte den Weinberg und begiesse
ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe,
will ich ihn Tag und Nacht behüten.
Jesaja 27,3

Zuvor spricht der Prophet vom Leviathan, der Verkörperung
des lebensfeindlichen Chaos. Ihn wird beim Gericht
das Schwert treffen. Und nach dem Gericht wird Israel ein
lebendiger Weinberg sein. Die Welt, in der wir leben, ist aus
den Fugen geraten. Wir beten um Gottes Präsenz in dieser
chaotischen Welt, bitten um Heilung, um Gerechtigkeit,
Frieden. Ja, wir bitten Gott, die Lebendige, doch einzugreifen.
Die Vision eines Weinbergs, den die Lebendige selber
hütet, die Reben begiesst, den Weisen einen klaren Verstand
geben möchte, leitet uns in unserer Ohnmacht. Aber da ist
dieses Gericht. Es will einfach nicht in meine Gedankenwelt
passen, das Schwert schon gar nicht. Denn meine Vision von
Heilung und Versöhnung ist ja nicht nur von der Vision des
Propheten getragen, sondern auch vom Glauben an die Auferstehung
Jesu, an die Auferstehung, die den Tod überwunden
hat. Ich spüre stark, dass genau dieser Glaube gestärkt
werden muss, gehegt und gepflegt. Kann ich das allein?
Oder kann ich es, wenn ich zusammen mit anderen Menschen
bete? Kann ich es, wenn ich mich verbunden weiss mit
Schwestern und Brüdern aus der weltweiten Kirche?
Schenke du uns den Glauben an das Leben.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Mai

So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron
und die Erde der Schemel meiner Füsse! Was ist denn
das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet?
Jesaja 66,1

Beim Schemel bleibe ich hängen: Meine Grossmutter stellte
ihre Füsse beim Stricken auf einen Schemel, ich sass vis-à-
vis und strickte auch. Sie erzählte, ich hörte ihr gespannt zu –
und ich wartete auf ein Feedback. Das Bild mit dem Himmel
als Thron und der Erde als Schemel ist das Bild für Gott bei
den Menschen. Er braucht keinen speziellen Tempel, sondern
einfach die Menschen. Gott will seine Ruhe finden an
der Stätte, wo er seine Füsse auf den Schemel stellt (Vers 1).
So blickt er auf «diejenigen, die zerschlagenen Herzens sind
und vor seinem Wort zittern» (Vers 2). Das sind jene, die
besonders auf das «Feedback» Gottes, der Lebendigen,
angewiesen sind. Denn sie werden wegen ihres Gottes verstossen.
Aber diese, so der Kommentar, sind besonders im
Tempel zu Hause. Zeit also, auszubrechen aus den Mauern
des Tempels und Gott bei den Menschen zu suchen und
so der Lebendigen zu begegnen. Ich weiss nicht genau, wer
heute zu den Verstossenen zählt. Wichtiger scheint mir, dass
ich versuche, dazu beizutragen, die Hoffnung in das Handeln
der Lebendigen zu pflegen, und davon Kraft erhalte, um
mich einzusetzen für Gerechtigkeit und Frieden. Da sind
wir alle gemeint. Und da kann ich auch getrost hie und da
meine Füsse auf einen Schemel stellen, denn nicht nur Gott,
sondern auch wir sollen zur Ruhe kommen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. Mai

Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit
wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5,24

Recht und Gerechtigkeit sollen doch für alle Zeiten in Stein
gemeisselt sein, damit man im Streitfall festen Boden unter
den Füssen hat und weiss, was gilt. Ich gebe zu, auch ich hege
dieses Vorurteil immer wieder.
Der Prophet Amos erkennt die grossen Ungerechtigkeiten
seiner Zeit ohne jegliche juristische Zusatzausbildung und
wählt zur Besserung eine eigenwillige Metapher. Ich verlasse
also die Komfortzone meiner Vorurteile und tauche in sein
flüssiges Sprachbild ein. Für den erprobten Schafzüchter sind
Quellen und Bäche überlebenswichtig. Harten, staubigen
Grund meidet er mit seiner Herde bestimmt weiträumig,
weil es dort nichts Fressbares gibt. Amos fasst also in einem
Vers zusammen, was sonst nur die Lektüre aller biblischen
Schriften, aufgezeichnet über mehr als tausend Jahre, offenbart:
Damit die Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit
geniessbar bleiben, damit sie wirklich Lebensmittel und
nahrhaftes Futter sind für Mensch und Tier, müssen sie im
Wandel der Zeiten immer wieder frisch diskutiert, bestritten,
geprüft und erneuert werden.
Unsere irdischen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit
sind nicht für die Ewigkeit gemacht, sondern eine Herausforderung
für jede neue Generation. Glauben Sie das nicht?
Dann stellen Sie sich vor, wie Amos gestaunt hätte, wenn Sie
ihm erklärt hätten, was eine «Rentenversicherung» ist.

Von: Dörte Gebhard

18. Mai

Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und
Mangel hat an täglicher Nahrung und jemand unter
euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch
und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was der
Leib nötig hat – was hilft ihnen das?
Jakobus 2,15–16

Nichts. Das ist die ehrliche Antwort auf diese sehr rhetorische
Frage. Gar nichts. Es ist sogar kontraproduktiv für die
Geschwister und den Frieden, in dem sie gehen sollen. Aber
damit ging es erst richtig los! Die Geschichte der Christenheit
kam mit Jakobus’ anstrengender Fragerei erstaunlich in
die Gänge. Eine ernste Frage ist es, ob sich das Christentum
wegen der alltäglichen gelingenden Diakonie ausgebreitet
hat oder wegen der interessanten dogmatischen Auseinandersetzungen
über das Gottesbild an Synoden. «Historisch
betrachtet verdankt sich die Kirchenbürokratie den Armen
und den Heiden. Denn am historischen Ursprung aller Kirchenverwaltung
stehen zwei Bücher: die Armenlisten und
die Taufmatrikeln. Schon in der Mitte des 3. Jahrhunderts
versorgte die römische Kirche jeden Tag über 1500 Witwen
und Hilfsbedürftige.» (Stefan Heid, kath. Kirchenhistoriker
und Archäologe)
Hilfreich war es für die Geschwister und für den Frieden,
die eigenen Grenzen zu überschreiten und auch den notleidenden
Übernächsten zu helfen, unabhängig von Herkunft,
Religion, Geschlecht, Nationalität oder Alter. So entstanden
Beziehungen, friedliche und «leibhaftige», wo vorher gar
keine waren.

Von: Dörte Gebhard

17. Mai

Dann werden die, die den Willen Gottes getan haben,
fragen: Herr, wann kamst du als Fremder zu uns, und
wir nahmen dich auf? Dann wird der König antworten:
Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten
Brüder oder eine meiner geringsten Schwestern getan
habt, das habt ihr für mich getan.
Matthäus 25,37.38.40

Wir gehören alle zusammen. Menschen sind Menschen und
allen gebührt die gleiche Würde. Allen Lebewesen gebührt
die gleiche Liebe. Ja, alle Kreatur soll sich lieben auf diesem
Planeten, etwa so verstehe ich den Text. Mit einer vielleicht
kindlichen Brille («Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet,
dann werdet ihr nie in das Reich Gottes kommen») kann
ich also annehmen, dass alles, was auf dieser Erde an Gutem
getan wird, allen zugutekommt, als wäre es ein einziges Lebewesen.
Und in der Umkehr bleibt also alles Schädliche oder
Leidige auch auf der Erde und bleibt in den Lebewesen bestehen.
Heute ist sich die Wissenschaft einig, dass Traumata
über Generationen weitergegeben werden können. Ist es
dann mit der kindlichen Brille so, dass all unsere netten und
guten Taten dieser Erde und ihren Bewohnenden auch in die
DNA eingepflanzt respektive mitgegeben werden? Zu hoffen
ist es auf jeden Fall, denn so lese und verstehe ich den Lehrtext
von heute. Alle gehören in Christus zusammen. Auch
die Geringsten, die Blöden, die Dummen, die Scheinheiligen,
die Hinterlistigen, die …
Amen!

Von: Markus Bürki