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11. August

Ich werde mich an euch als heilig erweisen vor den
Augen der Völker. Und ihr werdet erfahren, dass ich
der HERR bin, wenn ich euch ins Land Israels bringe,
in das Land, über das ich meine Hand erhob zu dem
Schwur, es euren Vätern zu geben.
Hesekiel 20,41–42

Das auserwählte Volk, das verheissene Land – darüber auf
dem Hintergrund des Konflikts in Israel und Palästina zu
schreiben, ist eine unmögliche Aufgabe. Mit jedem Satz
droht entweder der Vorwurf des Antisemitismus oder des
westlichen Kolonialismus. Aber die Aufgabe ist gestellt, das
Alte Testament zu lesen und für heute zur verstehen.
Zwei Deutungen sind zu meiden: Aus christlicher Sicht
ist es das Schema, gemäss dem die Relevanz des Alten Testaments
darin liege, dass das Neue dessen Verheissungen
erfülle. Aus jüdischer Sicht ist es die Inanspruchnahme für
die politische Realität des Staates Israel, dessen Existenzrecht
nicht zu bestreiten, aber auch nicht mit dem Alten Testament
zu beweisen ist.
Dieses erzählt von Menschen, die Rettung von einem Gott
erfahren, den sie als den ihrigen verstehen. Das ging, etwa
im Josua- und im Richterbuch, häufig auf Kosten anderer
Menschen. Aber die Bibel selbst korrigiert: Gott ist nicht
ein Stammesgott, sondern Schöpfer der ganzen Welt, und
er wird in Christus das Heil aller Völker. Das Heil der einen
geht nicht auf Kosten des Unheils anderer. Gottes Heiligkeit
erweist sich vor den Augen und im Leben der Völker, im
Frieden, in der Würde aller Menschen.

Von: Andreas Marti

10. August

Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen
Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles.
1. Thessalonicher 4,6

Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung von Handel habe.
Ich gehöre zu den Angestellten, die pünktlich, meist schon vor
Monatsende, einen recht guten Lohn auf ihrem Konto haben.
Vor allem dann, wenn ich mit meiner Arbeitsleistung zufrieden
bin, ist das ein schönes Gefühl: Ich habe das verdient!
Ich gehöre aber auch zu den Leuten, die manchmal mit
einem leicht schlechten Gewissen herumlaufen, weil sie wissen,
dass andere ihr Geld viel härter verdienen müssen.
Vor ein paar Wochen half ich meiner Klasse an einem
Kuchenstand und fand mich dann hinter diversem Gebäck
auf Kundschaft wartend. Viele gingen vorüber. Umso dankbarer
war ich, wenn mir jemand etwas abkaufte oder sogar
einfach so etwas spendete.
Ich kann – ausgehend von diesem kleinen Erlebnis – gut
verstehen, dass man so viel wie möglich verdienen will, vor
allem wenn es nicht um ein Klassenlager, sondern um den
Lebensunterhalt oder – weniger existentiell, aber doch auch
wichtig – den Lebensstil geht.
Doch Paulus warnt vor dem «Zu-weit-Gehen». Alles soll
einen angemessenen Preis haben. Er warnt um des gegenseitigen
Respekts willen und wider den Betrug. Heute kommt
noch etwas Neues dazu: Diese Haltung der Beschränkung
ist auch unserer Schwester Erde gegenüber dringend nötig.

Von: Katharina Metzger

9. August

Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit,
und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle
Glieder mit.
1. Korinther 12,26

Viele Glieder, ein Leib: Als junges Mädchen war ich einige
Male an Chorfestivals. Dabei versammelten sich alle Teilnehmenden
in einem riesigen Zelt und übten dort unter
Anleitung einer Band Rock- und Popsongs ein. Es gelang
tatsächlich, mit dieser grossen Masse von mehreren hundert
Leuten mehrstimmige Arrangements zu singen. Ich erinnere
mich an Michael Jacksons «Earth Song», zu dem damals
unzählige Feuerzeuge in der Luft mitschwangen. Es war toll,
Teil dieses Ganzen zu sein, im Singen und Wogen mitzutun
und zu versinken. Wir waren wie ein Körper, zusammengehalten
durch die Band und unser Engagement – ein berauschendes
Erlebnis.
Aber die anderen Glieder? Von den meisten wusste ich
nichts. Also spricht Paulus von einer anderen Gemeinschaft.
Von einer, die sich zwar als ein Leib fühlt, wo aber die einzelnen
Glieder auch ein «Gspüri» füreinander haben. Wie entsteht
dieses Sowohl-als-auch? Ich denke, der Leib kann sich
definieren durch eine gemeinsam getragene Vision, durch
gemeinsam geliebte Rituale, durch eine gemeinsame Aufgabe.
Die Glieder, die dazugehören, sind nicht starr definiert,
sie ändern sich, sie geraten aneinander, sie finden sich wieder.
So entsteht Bindung, nicht einfach, nicht rauschhaft, aber
wohl nachhaltiger. Eine grosse Aufgabe!

Von: Katharina Metzger

8. August

Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld,
Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.

Galater 5,22–23

Kürzlich hörte ich ein Interview mit der deutschen Fernsehmoderatorin
Sandra Maischberger. Ich mag es, wie sie in
ihrer wöchentlichen Talkshow scharfsinnig den Polit- und
Geistesgrössen auf den Zahn fühlt und beharrlich-souverän
mit gegensätzlichen Meinungen jongliert. Daher war ich
neugierig, in diesem persönlichen Gespräch mehr über sie als
Mensch zu erfahren. Berührt und irgendwie überrascht hat
mich, als sie zum Schluss des Interviews sagte, dass sie nach
über dreissig Jahren Austritt wieder der Kirche beigetreten
sei. Auf die Frage, weshalb, antwortete sie sinngemäss: weil
sie erst jetzt realisiere, wie sehr die Kirche sie in ihrer geistigen
Haltung positiv geprägt habe.
Daran musste ich bei diesem starken Paulusvers an die Galater
denken, der uns an die Essenz des christlichen Glaubens
erinnert: Es sind weder Gebote noch Rituale, weder Gebete
noch Glaubenssätze, welche die christliche Identität ausmachen,
sondern es ist eine innere Haltung: die «Frucht des Geistes
». Paulus nennt verschiedene Qualitäten, die uns selbst,
vor allem aber auch unser Zusammenleben betreffen. Wenn
wir «Keuschheit» durch «Bescheidenheit» ersetzen, passt
das etwas besser in die heutige Zeit. Lassen wir uns heute
die Frucht einer göttlich beseelten Geistesvielfalt im Mund
zergehen und teilen wir etwas davon mit unseren Nächsten.

Von: Esther Hürlimann

7. August

Die Furcht des HERRN ist Unterweisung zur Weisheit.
Sprüche 15,33

Die Entwicklungen in Sachen KI, Künstlicher Intelligenz,
vollziehen sich in einer Geschwindigkeit, die vermutlich bei
vielen, ganz sicher bei mir, das Gefühl auslöst, abgehängt
zu werden: Ich komme da nicht mehr mit. Ich lese, dass es
eine der grössten Herausforderungen sei, jetzt sofort KI mit
ethischen Werten zu «füttern», wenn wir vermeiden wollen,
dass alles nur noch der Logik des maximalen ökonomischen
Gewinns bei minimalem Aufwand folgen soll. Es besteht
offenbar die Gefahr, dass wir (einmal mehr) wie der Zauberlehrling
einem Ding eine Macht geben, die wir nicht mehr
kontrollieren können. KI verarbeitet unvorstellbare Mengen
von Informationen. Sie hortet und hat Zugriff auf beinahe
unendliches Wissen – aber ist da auch Weisheit?
Weisheit – das ist die Fähigkeit, in grosser Gelassenheit und
mit unbestechlicher Menschenfreundlichkeit das, worauf es
wirklich ankommt, zu unterscheiden von dem, was zwar dringend,
verlockend, notwendig, attraktiv erscheint, aber das
Leben nicht fördert. Weisheit lässt sich nicht mit elektronischen
Impulsen gewinnen, sie ist nicht die Summe von immer
mehr Daten. Sie ist Frucht aufmerksamen Hinhörens auf die
Stimme des Ewigen. Nur Gott, der gesagt hat: «Es werde
Licht!», rückt alles ins rechte Licht, und wir erkennen, was
gross und was klein, was gut und was böse, was schön und
was grässlich ist. Und lernen so, ein gutes Leben zu führen.

Von: Benedict Schubert

6. August

Gott, wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an
dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.

Psalm 63,7

Wenn Krieg ist in Kharkiv, in Khan Younis, und die Menschen
trotz drohenden Bomben Schlaf suchen, wenn die Feinde
einem «nach dem Leben trachten», wie es in den nächsten
Versen des Psalms heisst, kann in der Verzweiflung und in
tiefer Nacht vielleicht nur noch Gott einen tröstend an der
Hand halten oder schützend unter die Flügel nehmen. Auch
diese Bilder des helfenden Gottes finden sich im Psalm.
Auch wenn kein Krieg ist, verfolgen mich spätabends im
Bett manchmal schwere Gedanken, treibt mich etwas um,
das mich noch nicht loslassen und einschlafen lässt. Denn:
Sich dem Schlaf, der Nacht, den Träumen, der Regeneration
zu ergeben, bedingt, sich fallenlassen zu können. Ob wir
wirklich aufgefangen werden, ob wir tatsächlich wieder aufstehen
können, wissen wir nie mit Sicherheit. Ein bekanntes
Schlaflied drückt es so aus: «Guten Abend, gut’ Nacht, mit
Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlüpf unter die Deck.
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.»
Schlafen hat – nicht nur im Krieg, dann ist der Zusammenhang
aber brutal klar – immer mit dem Kreis von Leben und
Sterben zu tun. Deshalb gefällt mir, auch in diesem Lied, die
Wendung so sehr, wenn wir wünschen oder beobachten,
dass ein Mensch, ein Kind «selig» schläft. In diesem Sinn:
Eine behütete nächste Nacht!

Von: Matthias Hui

5. August

Als Jesus vorüberging, sah er Levi, den Sohn
des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge
mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.

Markus 2,14

Wenn sich Christ:innen – also wir – untereinander in Bubbles
gemütlich einrichten, wenn sich in einem Bibel- oder
Gesprächskreis alle bestens verstehen, weil sie sowieso ähnliche
Lebenshintergründe haben, und wenn im Kirchgemeindehaus
alles schön ist und gepflegt und sauber, kann das
vielleicht im Moment guttun. Aber es könnte auch sein, dass
etwas nicht stimmt. Beziehungsweise es stimmt halt nicht
unbedingt mit der Art von Gemeinschaft überein, die Jesus
sucht. Er durchkreuzt das Ziel von Leben in der homogenen
Wohlfühlbubble. Er nimmt die Outlaws, die Menschen
ausserhalb der Norm, mit auf den Weg.
Die steuereintreibenden Zöllner gehörten damals dazu, die
«Sünder:innen» generell. Mit ihnen setzt er sich an einen
Tisch. Mit ihnen schafft er Gemeinschaft.
Der Theaterregisseur Milo Rau – er hat auf den ausbeuterischen
Tomatenplantagen Süditaliens den Jesusfilm «Das
neue Evangelium» gedreht – schreibt in «Die Rückeroberung
der Zukunft»: «Man versucht an sich selbst zu heilen,
was nur draussen in der Welt zu heilen wäre, wenn überhaupt.
» Es gibt keine Reinheit im Dreck unserer Existenz.
Sich im Chaos dieser Welt gemütliche Oasen zu schaffen –
ohne diese Levis – ist ein eher Hoffnungs-loses Unterfangen.

Von: Matthias Hui

4. August

Alles, was der HERR will, das tut er im Himmel und
auf Erden, im Meer und in allen Tiefen.
Psalm 135,6

«Schaut euch alle Fotos an, die ihr in euren Alben oder in
euren Handys findet! Und erinnert euch!» Der Freundesrat
an ein kriselndes Paar hat gewirkt. Tatsächlich evozierten
viele Bilder Begebenheiten, die lustig waren oder gefahrvoll:
Erlebnisse, als man sich scheinbar hoffnungslos verlaufen
hatte, Begegnungen mit anderen Menschen, Erinnerungen
an die eigenen Kinder in jedem Lebensalter, bis eben vorgestern
beim gemeinsamen Essen … In den Erinnerungen
sind Emotionen gespeichert, das Erzählen löst sie aus der
Gebundenheit an bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen.
Und sie entwickeln unerwartetes Gewicht. Die Partner:innen
begegnen sich selbst in der Geschichte. Gefühle kommen
hoch, Dankbarkeit und manchmal gar Liebe: So war es mit
mir, so war es mit uns. Das Vergessene und Verdrängte wird
erneut lebendig. Gegenwärtig. Und legt sich mit seinem
ganzen Gewicht in die Herzen … Wohl Ähnliches geschieht
mit denen, die «den Herrn loben». Im Loben erinnern sie an
die Taten Gottes für Menschen und Völker zu allen Zeiten.
Mit dem Singen steigen Bilder hoch, umweben Gefühle das
Herz und gehen Erinnerungen durch den Kopf. Und machen
mir bewusst, was alles ich ihr/ihm verdanke. Was alles mir
bisher zugekommen ist durch Gottes Liebe, Barmherzigkeit,
Vergebung, Orientierung, Treue. Das gibt Zuversicht für die
Zukunft – komme, was kommen mag.

Von: Hans Strub

3. August

Auf dich hoffen, die deinen Namen kennen; denn
du verlässest nicht, die dich, HERR, suchen.
Psalm 9,11

Wenn der kleine Junge damals durch den dämmerigen Wald
gehen musste, waren die Sinne sehr angespannt. Und wenn
ich dann in der Ferne eine Person sah, die entgegenkam,
blieb ich stehen. Ein paar Augenblicke der steigenden Ungewissheit,
dann das Erkennen des Menschen aus dem Dorf.
Erleichterung: Den kenne ich, ich weiss, wie er heisst; er wird
mir nichts tun. Ein Moment des Zutrauens, des Vertrauens.
Ähnliches erlebt der Psalmist, wenn auch in viel grösseren
Dimensionen, gegenüber fremden Feinden, die offensichtlich
sein Leben bedrohten. Und es ist Gott, dessen Namen
er kennt und von dem er einmal mehr erfahren hat, dass er
ihn nicht verlässt. Jetzt betet er. Wahrscheinlich hat er das in
der Not vorher auch schon gemacht. Er dankt. Im Lob Gottes
entweicht die Angst. Und schafft Raum für ein neues Gefühl:
Geborgenheit. Gott hat geholfen, Gott hat bewahrt. Gott ist
zuverlässig, ich kann ihn finden, und er findet mich. Jederzeit
und überall. Angst erzeugt Ohnmacht, ich fühle mich einsam,
ausgeliefert und hilflos. Angst lähmt. Beten erlöst mich
wenigstens kurz aus der Schockstarre, aber genau diese Zeit
kann ausreichen, um einen neuen Gedanken zu fassen. Einen
Weg zu sehen, der eben noch verborgen war. Es braucht Mut,
in solchen Situationen neu zu denken. Eben zu beten. Aber
die Folgen können grossartig sein. Lebendig machen und
handlungsfähig.

Von: Hans Strub

2. August

Die Jünger weckten Jesus auf und sprachen zu ihm:
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach
zum Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte
sich und es ward eine grosse Stille.
Markus 4,38–39

wirf
alles
was schwer ist
über bord
wenn es stürmt
in die tiefen
des wassers
damit
deine liebe
nicht untergeht
hab keine angst
vertrau und
schau
gott lächelt
im schlaf
ganz hinten
im schiff
© Ruth Näf Bernhard, grund genug, alataverlag 2016

Von: Ruth Näf Bernhard