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21. August

Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben
zu Gott im Himmel!
Klagelieder 3,41

Der Tempel ist zerstört, die Menschen klagen. Sie sehen ihre
Schuld im Verlust der Gottesbeziehung, sie waren widerspenstig.
Aber sie beten zu Gott. Sie klagen.
Wie geht eigentlich Klagen? Ich habe den Eindruck, dass
wir das gar nicht dürfen oder nicht können. Ich bin müde,
habe Schmerzen, aber nein, ich will nicht klagen. Dabei hat es
doch etwas Befreiendes, seinen Schmerz, auch den Schmerz
über den Zustand unserer Welt, mit anderen Menschen und
mit Gott zu teilen. Schämen will ich mich nicht, will nur
einen Zustand nicht einfach für mich behalten. Ich hoffe
dabei auf Freund:innen, die zuhören, und ich hoffe zugleich
auf Gott, die Lebendige. Klagen geschieht auch im Vertrauen
darauf, dass meine Klage gehört wird. Die Zuhörenden müssen
damit ja gar nichts tun. Ihr Hören ist ein Zuhören aus
Solidarität. Mir fällt auf, dass wir in den Bildern über die
Kriege, den Berichten von Flüchtenden selten eine Klage
hören. Oder verdränge ich die Klage, weil ich nicht mehr
zuhören will oder kann? Ich wünsche mir, dass wir das Befreiende
des Klagens erfahren, dass alle Menschen die Solidarität
des Zuhörens erfahren, damit sie mit neuer Kraft ihren
Weg gehen können. Denn das ist es doch, was wir brauchen:
immer wieder neu aufbrechen im Hoffen auf gute Wege.
Und darauf vertrauen, dass unser Klagen erhört wird.
Danke, dass du uns hörst. Hilf uns, aufzubrechen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. August

Abrahams Knecht schwieg still, bis er erkannt hätte,
ob der HERR zu seiner Reise Gnade gegeben hätte oder
nicht.
1. Mose 24,21

Abraham ist alt und gebrechlich, bald wird er sterben und
sorgt sich um seine Nachkommen – er möchte das Kind
sehen, das den Segen weiterträgt, der dereinst allen Völkern
zuteilwerden wird. Aber Isaak hat noch keine Frau! Von den
Kanaaniterinnen hält Abraham nicht viel. Also schickt er
seinen Knecht in die alte Heimat. So der Anlauf zu einer der
schönsten Erzählungen der Bibel – mit durstigen Kamelen,
einer verschleierten Schönheit namens Rebekka, einem tiefen
Brunnen und orientalischer Gastfreundschaft!
Am Ende kommt alles gut. Der Knecht bringt die Braut
nach Hause. Die letzten schlichten Worte der Geschichte
sind ein wunderbar menschliches Zeugnis: «Rebekka wurde
Isaaks Frau, und er gewann sie lieb. Also wurde Isaak getröstet
über seine Mutter.»
Die Losung bringt eine weitere Facette des Juwels zum
Funkeln. Sie beleuchtet den namenlosen Knecht. Ohne ihn
liefe in dieser Geschichte gar nichts. Seine Nebenrolle spielt
so gesehen die Hauptrolle. Weil er dient! Er ist ein wahrer
Gottesdiener, der kein Rampenlicht braucht. Er gehorcht,
aber nicht blind dem Befehl, den er von Abraham bekommen
hat, und auch nicht einem ersten Eindruck der Augen.
Er schweigt, hört und prüft die Geister.
Hätten wir nur mehr solche Diener in unseren Regierungen!

Von: Ralph Kunz

19. August

Steh ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste
dich nicht, dass du nicht Unrecht tust.
Psalm 37,8

Wenn mir einer an den Karren fährt und mich durch den
Kakao zieht oder mir jemand Steine in den Weg legt, mich
anfeindet und hintergeht, mich betrügt und belügt – dann
geht mir die Galle hoch, dann kocht es in mir über. Ist doch
normal, oder? Ja, ist es! Es ist menschlich und es ist auch eine
gesunde Reaktion. Der Mensch, dem wir diesen Klagepsalm
verdanken, weiss das auch. Und doch mahnt, ja beschwört er
fast: «Lass es irgendwann gut sein! Sonst tust du Unrecht.»
Er spricht von der Rache. Wir würden heute von Selbstjustiz
sprechen.
Recht hat er. Aber ach, wenn es nur so einfach wäre! Es ist
schwer, aus der eigenen Wut herauszukommen. Das weiss
auch der Psalmist. Er spricht hier als einer, der überwunden
hat – nicht den Feind, der ihm das Leben schwer machte,
sondern seine Gefühle, die ihn krank zu machen drohten,
wenn er sie nicht in den Griff bekam. Sein Rat an den, der es
(noch) nicht kann: «Befiehl dem HERRN deine Wege und
hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.» Der Psalm ist wie ein
Freund, der mich in der Hitze umarmt und mir nicht das
Recht abspricht, mich zu empören – aber der mich davor
bewahren will, innerlich zu verbrennen und zu verhärten.
In seinem Rat steckt viel Weisheit, aber es tut auch gut, den
Beipackzettel zu lesen.

Von: Ralph Kunz

18. August

Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als
Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Psalm 8,6

Wie lange ist es her, seit Sie in einen Sternenhimmel gestaunt
haben? Vielleicht haben Sie vor ein paar Tagen gar die Perseiden-
Sternschnuppen gesehen? Es gibt wenig, was mich so tief
berührt und mit Staunen, Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt,
wie das Gefunkel einer sternklaren Nacht, wenn in Himmelstiefen
immer mehr und noch mehr Sterne zu erahnen sind.
«Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond
und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass
du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich
seiner annimmst?» Wie würden Sie antworten? Ein Stäubchen?
Ein Nichts? – Nicht so unser Losungstext: «Du hast ihn
(d. h. den Menschen) wenig niedriger gemacht als Gott, mit
Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum
Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter
seine Füsse getan.» (Verse 4–7) Da klingt die Schöpfungsgeschichte
an: «Lasst uns Menschen machen als unser Bild,
uns ähnlich … Füllt die Erde und macht sie untertan.» Das
haben wir Menschen gründlich falsch verstanden. Aus «Ehre
und Herrlichkeit» haben wir Selbstherrlichkeit gemacht, das
anvertraute «Werk seiner Hände» ausgebeutet, und was uns
«unter die Füsse getan» wurde, zertrampelt. Vielleicht wäre
Staunen ein Anfang der Umkehr? «Ach mein Gott, wie wunderbar
nimmt dich meine Seele wahr. Drücke stets in meinen
Sinn, was du bist und was ich bin.» (Joachim Neander)

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. August

Gehört ihr Christus an, so seid ihr Abrahams
Nachkommen und nach der Verheissung Erben.

Galater 3,29

Hin und wieder stellen wir uns vor, dass ein geheimnisvoller
Brief aus Übersee eintrifft, worin uns mitgeteilt wird,
ein Onkel oder eine Tante sei verstorben und habe uns ein
Erbe hinterlassen. Schmunzelnd verwerfen wir solche Phantastereien
wieder, sind zufrieden und wissen, dass es uns
auch ohne gut geht. Aber mindestens bei den eigenen Eltern
gehen wir schon davon aus, dass da mal ein gewisses Erbe
uns beglückt. In meinem Fall wird das nicht so sein. Das
Bankkonto, das meiner alleinstehenden Mutter noch geblieben
ist, vermindert sich durch jahrelangen Aufenthalt im
Pflegezentrum rasant. Selbstverständlich ist das Wichtigste,
dass sie gut aufgehoben und umsorgt ist. Aber ein leises
Hadern kommt schon mal in mir hoch. Ist das Ihnen, liebe
Leser:innen, auch schon so gegangen?
Jetzt lese ich aber nicht im Luftpostbrief aus Amerika, sondern
im Brief an die Galater. Er sagt mir zu, dass ich Erbe von
Christus bin. Das stellt die Zürcher Bibel klar, indem sie nicht
«nur» von Erben, sondern von «seinen» Erben spricht. Ja,
dieses Erbe liegt nicht auf einem Bankkonto oder in einem
Safe, besteht nicht in einem Haus oder Auto. Entscheidend
ist die Taufe auf Christus. Wir haben damit Christus «angezogen
», wie Paulus schreibt. Er umhüllt uns mit seiner Liebe
und macht uns frei vom Hoffen auf Erbteile und Reichtum.

Von: Bernhard Egg

16. August

Darum nehmt einander an, wie Christus euch
angenommen hat zu Gottes Ehre.
Römer 15,7

Die Aufforderung lautet: «Nehmt einander an!» Die Verheissung,
die Zusage, das Fundament heisst: «wie Christus
euch angenommen hat». Und das Ganze soll zur Ehre Gottes
geschehen, «zu Gottes Ehre».
«Nehmt einander an!» Unser Handeln ist gefragt, unser
Annehmen, unser Auf-den-Andern-Zugehen. Den Andern
annehmen kannst du nicht, wenn du auf Distanz bleibst.
Dem Andern die Hand geben, da brauchst du schon eine
ziemliche Nähe, und ihn anzunehmen, das erfordert noch
mehr Nähe. Das geht nicht auf Sicherheitsabstand. Nehmt
den Andern an, nehmt einander an heisst: Geht aufeinander
zu, reicht die Hände, sagt ein freundliches Wort, sprecht den
Andern an. Fragt den Fremden neben euch: «Wo kommst
du her? Schön, dass wir uns heute begegnen.» Sprechen wir
die Menschen auf der Strasse an, nicht nur die, die in der
Kirche sitzen. Nicht nur die, die Not leiden, sondern auch
die, die uns unterstützen und uns helfen könnten. Das sind
die vielen Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen.
Das sind auch die Menschen, die in unseren Gemeinden
aktiv ihren Dienst verrichten und uns unterstützen. Macht
den Menschen immer wieder Mut. Geht nicht sprachlos
aneinander vorbei. Sperrt eure Ohren und Augen auf. Es
lohnt sich.

Von: Carsten Marx

15. August

Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägyptenland
geführt hat, dass ihr nicht ihre Knechte bleibt, und
habe euer Joch zerbrochen und habe euch aufrecht
einhergehen lassen.
3. Mose 26,13

Nein – ich muss nicht immer alles allein schaffen. Ich muss
nicht immer schneller, weiter, höher gehen oder laufen. Ich
kann und darf auch sagen: Aus, fertig! Ich kann nicht mehr. Es
ist genug! Ich kann auch meine Schwäche eingestehen. Gott
stellt sich auf die Seite der Schwachen und Rechtlosen. Das
erzählt die Geschichte des Exodus.
Die Befreiung des kleinen Sklavenvolkes aus Ägypten ist
im Lauf der Jahrhunderte zum Inbegriff der Völkerbefreiung
und zum Vorbild etlicher Freiheitsbewegungen geworden.
Das alles hat ansteckendes Potenzial. Unser Gott begegnet
uns hier als ein Befreier, Retter und Wegbereiter.
1996 textete Clemens Bittlinger: «Wir wollen aufstehn,
aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander
umzugehn.» Ja, es wird Zeit, es braucht den Aufbruch, das
Aufstehn gegen die Ungerechtigkeit dieser Tage. Es braucht
das Aufstehn gegen uns beherrschende und versklavende
Mächte und Meinungen.
«Viel zu lange rumgelegen, viel zu viel schon lamentiert. Es
wird Zeit, sich zu bewegen, höchste Zeit, dass was passiert»,
lässt Bittlinger in seinem Lied dann weitersingen. Wir dürfen
Gott immer wieder neu begegnen. Er erfüllt unsere Hoffnungen
und unser Gebet anders, als wir es erwarten.

Von: Carsten Marx

14. August

Der HERR, dein Gott, hat dein Wandern durch diese
grosse Wüste auf sein Herz genommen.
5. Mose 2,7

Dieser Text hat für mich zwei Botschaften. Zum einen ist hier,
im 5. Buch Mose, noch einmal der Auszug aus Ägypten, der
grosse Akt der Befreiung, ins Visier genommen. Er enthält
spannende Elemente, etwa wenn er auf das göttliche Gebot,
sich nicht an der einheimischen Bevölkerung zu vergehen, verweist.
Die Flüchtenden sollen normalen Handel treiben mit
den Menschen, deren Gebiet sie durchwandern müssen. Gott
tritt mit seiner Mahnung «Speise sollt ihr für Geld kaufen»
als Garantiemacht auf. Ich habe euer Wandern an mein Herz
genommen, es zu meiner Herzensangelegenheit und somit
zum Akt des Wohlergehens aller Menschen, die in dieser
grossen Wüste leben, gemacht. Nicht zu einer Bedrohung. Mit
der Aufforderung «Fangt keinen Krieg mit ihnen an» wird
die Erzählung der Landnahme zu einem friedvollen Narrativ.
Zum anderen spricht der Text unmittelbar zu uns heute!
Zu uns, die wir vieles von dem, was uns gegenwärtig begegnet,
für den Ausdruck grosser «Trockenheit» und Mühsal,
grosser Verwüstung aller uns lebenswichtigen Werte und
Hoffnungen erfahren und deuten. Nicht unweit von der
Erfahrung der hebräischen Auswanderer können aber auch
wir auf Gott als Garantiemacht schauen, die uns in diesen
scheinbaren Ausweglosigkeiten zu Mitmenschlichkeit und
Trost ruft. Uns, die wir in seinem Herzen, seiner Seinsmitte
leben.

Von: Gert Rüppell

13. August

Singet dem HERRN ein neues Lied;
singet dem HERRN, alle Welt!
Psalm 96,1

Neu soll das Lied sein, fordert der Psalmist uns auf. Und doch
setzt er fort, was bisher den Psalter bestimmte, das überschwängliche
Lob Gottes. So endet es auch – mit den Worten:
«Alles, was Odem hat, lobe den Herrn» (Psalm 150,6).
Singen ist eine wunderbare Weise, unseren Glauben zum
Ausdruck zu bringen. Dies wissen alle, die in Kantoreien
und Singkreisen aktiv sind. Und auch wir Gemeindeglieder
kennen das herrliche Gefühl, wenn im Gottesdienst ein
uns ans Herz gewachsenes Lied gesungen wird: «Grosser
Gott, wir loben Dich» etwa. Nicht nur, dass wir in unseren
Kirchen je einheimische Kirchengesangbücher haben, nein,
die Aufforderung des Psalmisten ist ja längst ökumenische
Realität geworden, indem wir nicht nur Lieder von Christen
anderer Kulturen in unsere Gesangbücher aufgenommen
haben. Auch gibt es ja ganze Gesangbücher, die, gemäss
der Aufforderung des Psalmisten, uns diesen weltweiten
Lobpreis Gottes nahebringen. Alle Welt singt! Ich entsinne
mich an frühe Zeiten der ökumenischen Bewegung, als wir
aus «Cantate Domino» sangen. Dann wurde es «Thuma
Mina». Für die Vollversammlungen tragen Christen aus aller
Welt Liedgut zu den Feiern zusammen. In meiner Gemeinde
ist das Liederbuch «Lieder zwischen Himmel und Erde» eine
wichtige Quelle. Die Verbindung mit Gotteslobenden aus
aller Welt ist eine wunderbare Angelegenheit. Dem Psalmisten
sei Dank für diese Ermutigung.

Von: Gert Rüppell

12. August

HERR, ich warte auf dein Heil. Psalm 119,166

Im biblischen und kirchlichen Sprachgebrauch ist das «Heil»
ein Allerweltswort, eine Formel für alles, was wir von Gott
erwarten, bis hin zu einem endzeitlichen «Alles ist gut».
Im hebräischen Text steht an dieser Stelle das Wort
«Jeschu’a». Das wird wörtlich meist eher übersetzt mit
«Hilfe». Zugleich ist es auch die hebräische Form des
Namens «Jesus».
Eine naive Auffassung vom Verhältnis von Neuem und
Altem Testament könnte nun behaupten, der Psalmsänger
(oder könnte es eine Psalmsängerin gewesen sein?) lebe
in Erwartung des Messias mit dem Namen Jesus, habe ihn
irgendwie vorausgesehen. Freilich greifen die Evangelisten
immer wieder auf die hebräische Tradition zurück. Das hilft
ihnen und ihren Zeitgenossen, das Leben und den Tod Jesu
und was sie danach als seine Auferstehung erfahren haben,
zu deuten und zu verstehen.
Der Psalmtext ist aber erst einmal aus sich heraus zu verstehen.
Sein Sinn muss keineswegs in einer zeitlichen, einer
zukünftigen Dimension liegen. Mit dem Psalmsänger (oder
eben der Sängerin) erwarten wir das «Heil», erwarten wir
Hilfe, das Gute in unserem Leben von Gott. Oder vorsichtiger:
Wir erfahren und wissen, dass wir uns dieses Gute
nicht selber verschaffen können, dass es uns geschenkt wird,
unverfügbar, unbegreiflich. Und wir wagen es, dieses Unverfügbare
«Gott» zu nennen.

Von: Andreas Marti