Kategorie: Texte

7. August

Die Furcht des HERRN ist Unterweisung zur Weisheit.
Sprüche 15,33

Die Entwicklungen in Sachen KI, Künstlicher Intelligenz,
vollziehen sich in einer Geschwindigkeit, die vermutlich bei
vielen, ganz sicher bei mir, das Gefühl auslöst, abgehängt
zu werden: Ich komme da nicht mehr mit. Ich lese, dass es
eine der grössten Herausforderungen sei, jetzt sofort KI mit
ethischen Werten zu «füttern», wenn wir vermeiden wollen,
dass alles nur noch der Logik des maximalen ökonomischen
Gewinns bei minimalem Aufwand folgen soll. Es besteht
offenbar die Gefahr, dass wir (einmal mehr) wie der Zauberlehrling
einem Ding eine Macht geben, die wir nicht mehr
kontrollieren können. KI verarbeitet unvorstellbare Mengen
von Informationen. Sie hortet und hat Zugriff auf beinahe
unendliches Wissen – aber ist da auch Weisheit?
Weisheit – das ist die Fähigkeit, in grosser Gelassenheit und
mit unbestechlicher Menschenfreundlichkeit das, worauf es
wirklich ankommt, zu unterscheiden von dem, was zwar dringend,
verlockend, notwendig, attraktiv erscheint, aber das
Leben nicht fördert. Weisheit lässt sich nicht mit elektronischen
Impulsen gewinnen, sie ist nicht die Summe von immer
mehr Daten. Sie ist Frucht aufmerksamen Hinhörens auf die
Stimme des Ewigen. Nur Gott, der gesagt hat: «Es werde
Licht!», rückt alles ins rechte Licht, und wir erkennen, was
gross und was klein, was gut und was böse, was schön und
was grässlich ist. Und lernen so, ein gutes Leben zu führen.

Von: Benedict Schubert

6. August

Gott, wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an
dich, wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.

Psalm 63,7

Wenn Krieg ist in Kharkiv, in Khan Younis, und die Menschen
trotz drohenden Bomben Schlaf suchen, wenn die Feinde
einem «nach dem Leben trachten», wie es in den nächsten
Versen des Psalms heisst, kann in der Verzweiflung und in
tiefer Nacht vielleicht nur noch Gott einen tröstend an der
Hand halten oder schützend unter die Flügel nehmen. Auch
diese Bilder des helfenden Gottes finden sich im Psalm.
Auch wenn kein Krieg ist, verfolgen mich spätabends im
Bett manchmal schwere Gedanken, treibt mich etwas um,
das mich noch nicht loslassen und einschlafen lässt. Denn:
Sich dem Schlaf, der Nacht, den Träumen, der Regeneration
zu ergeben, bedingt, sich fallenlassen zu können. Ob wir
wirklich aufgefangen werden, ob wir tatsächlich wieder aufstehen
können, wissen wir nie mit Sicherheit. Ein bekanntes
Schlaflied drückt es so aus: «Guten Abend, gut’ Nacht, mit
Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlüpf unter die Deck.
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.»
Schlafen hat – nicht nur im Krieg, dann ist der Zusammenhang
aber brutal klar – immer mit dem Kreis von Leben und
Sterben zu tun. Deshalb gefällt mir, auch in diesem Lied, die
Wendung so sehr, wenn wir wünschen oder beobachten,
dass ein Mensch, ein Kind «selig» schläft. In diesem Sinn:
Eine behütete nächste Nacht!

Von: Matthias Hui

5. August

Als Jesus vorüberging, sah er Levi, den Sohn
des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge
mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.

Markus 2,14

Wenn sich Christ:innen – also wir – untereinander in Bubbles
gemütlich einrichten, wenn sich in einem Bibel- oder
Gesprächskreis alle bestens verstehen, weil sie sowieso ähnliche
Lebenshintergründe haben, und wenn im Kirchgemeindehaus
alles schön ist und gepflegt und sauber, kann das
vielleicht im Moment guttun. Aber es könnte auch sein, dass
etwas nicht stimmt. Beziehungsweise es stimmt halt nicht
unbedingt mit der Art von Gemeinschaft überein, die Jesus
sucht. Er durchkreuzt das Ziel von Leben in der homogenen
Wohlfühlbubble. Er nimmt die Outlaws, die Menschen
ausserhalb der Norm, mit auf den Weg.
Die steuereintreibenden Zöllner gehörten damals dazu, die
«Sünder:innen» generell. Mit ihnen setzt er sich an einen
Tisch. Mit ihnen schafft er Gemeinschaft.
Der Theaterregisseur Milo Rau – er hat auf den ausbeuterischen
Tomatenplantagen Süditaliens den Jesusfilm «Das
neue Evangelium» gedreht – schreibt in «Die Rückeroberung
der Zukunft»: «Man versucht an sich selbst zu heilen,
was nur draussen in der Welt zu heilen wäre, wenn überhaupt.
» Es gibt keine Reinheit im Dreck unserer Existenz.
Sich im Chaos dieser Welt gemütliche Oasen zu schaffen –
ohne diese Levis – ist ein eher Hoffnungs-loses Unterfangen.

Von: Matthias Hui

4. August

Alles, was der HERR will, das tut er im Himmel und
auf Erden, im Meer und in allen Tiefen.
Psalm 135,6

«Schaut euch alle Fotos an, die ihr in euren Alben oder in
euren Handys findet! Und erinnert euch!» Der Freundesrat
an ein kriselndes Paar hat gewirkt. Tatsächlich evozierten
viele Bilder Begebenheiten, die lustig waren oder gefahrvoll:
Erlebnisse, als man sich scheinbar hoffnungslos verlaufen
hatte, Begegnungen mit anderen Menschen, Erinnerungen
an die eigenen Kinder in jedem Lebensalter, bis eben vorgestern
beim gemeinsamen Essen … In den Erinnerungen
sind Emotionen gespeichert, das Erzählen löst sie aus der
Gebundenheit an bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen.
Und sie entwickeln unerwartetes Gewicht. Die Partner:innen
begegnen sich selbst in der Geschichte. Gefühle kommen
hoch, Dankbarkeit und manchmal gar Liebe: So war es mit
mir, so war es mit uns. Das Vergessene und Verdrängte wird
erneut lebendig. Gegenwärtig. Und legt sich mit seinem
ganzen Gewicht in die Herzen … Wohl Ähnliches geschieht
mit denen, die «den Herrn loben». Im Loben erinnern sie an
die Taten Gottes für Menschen und Völker zu allen Zeiten.
Mit dem Singen steigen Bilder hoch, umweben Gefühle das
Herz und gehen Erinnerungen durch den Kopf. Und machen
mir bewusst, was alles ich ihr/ihm verdanke. Was alles mir
bisher zugekommen ist durch Gottes Liebe, Barmherzigkeit,
Vergebung, Orientierung, Treue. Das gibt Zuversicht für die
Zukunft – komme, was kommen mag.

Von: Hans Strub

3. August

Auf dich hoffen, die deinen Namen kennen; denn
du verlässest nicht, die dich, HERR, suchen.
Psalm 9,11

Wenn der kleine Junge damals durch den dämmerigen Wald
gehen musste, waren die Sinne sehr angespannt. Und wenn
ich dann in der Ferne eine Person sah, die entgegenkam,
blieb ich stehen. Ein paar Augenblicke der steigenden Ungewissheit,
dann das Erkennen des Menschen aus dem Dorf.
Erleichterung: Den kenne ich, ich weiss, wie er heisst; er wird
mir nichts tun. Ein Moment des Zutrauens, des Vertrauens.
Ähnliches erlebt der Psalmist, wenn auch in viel grösseren
Dimensionen, gegenüber fremden Feinden, die offensichtlich
sein Leben bedrohten. Und es ist Gott, dessen Namen
er kennt und von dem er einmal mehr erfahren hat, dass er
ihn nicht verlässt. Jetzt betet er. Wahrscheinlich hat er das in
der Not vorher auch schon gemacht. Er dankt. Im Lob Gottes
entweicht die Angst. Und schafft Raum für ein neues Gefühl:
Geborgenheit. Gott hat geholfen, Gott hat bewahrt. Gott ist
zuverlässig, ich kann ihn finden, und er findet mich. Jederzeit
und überall. Angst erzeugt Ohnmacht, ich fühle mich einsam,
ausgeliefert und hilflos. Angst lähmt. Beten erlöst mich
wenigstens kurz aus der Schockstarre, aber genau diese Zeit
kann ausreichen, um einen neuen Gedanken zu fassen. Einen
Weg zu sehen, der eben noch verborgen war. Es braucht Mut,
in solchen Situationen neu zu denken. Eben zu beten. Aber
die Folgen können grossartig sein. Lebendig machen und
handlungsfähig.

Von: Hans Strub

2. August

Die Jünger weckten Jesus auf und sprachen zu ihm:
Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach
zum Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte
sich und es ward eine grosse Stille.
Markus 4,38–39

wirf
alles
was schwer ist
über bord
wenn es stürmt
in die tiefen
des wassers
damit
deine liebe
nicht untergeht
hab keine angst
vertrau und
schau
gott lächelt
im schlaf
ganz hinten
im schiff
© Ruth Näf Bernhard, grund genug, alataverlag 2016

Von: Ruth Näf Bernhard

1. August

Jesus predigte das Evangelium Gottes und sprach:
Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist
nahe herbeigekommen. Tut Busse und glaubt an
das Evangelium!
Markus 1,14–15

Tut Busse und glaubt an das Evangelium. Tut Busse. Das
heisst: Kehrt um. Kehrt um und glaubt. Kehre um und
glaube. Wage den Schritt. Den ersten Schritt.
Wer umkehren will, muss umdenken können. Und als Folge
davon und darüber hinaus: auch anders tun. Und das so
anders, dass es sichtbar wird.
Sie alle tragen Schrittzähler am Handgelenk. Damit man es
sieht. Dass sie es tun. Das, wovon sie denken, es tue ihnen
gut. Und tatsächlich: Wir sehen es. Dass sie alle zu denen
gehören, die umdenken können. Und als Folge davon mehr
Schritte machen. Mindestens 10 000 täglich.
So anders tun, dass es sichtbar wird. Wäre das doch schön.
Wenn das Gut-Tun auch anderen zugutekäme. Schritte auf
den andern zu. Kleine Schritte, die sich nicht zählen lassen.
Tut Busse. Kehrt um und glaubt. Vor allem: Glaubt. Vielleicht
ist der erste Schritt zur Umkehr, mir einzugestehen, dass ich
es nicht kann. Weil ich mit mir zu beschäftigt bin. Damit ich
es kann, umkehren und glauben, brauche ich Hilfe. Die Hilfe
von Gott. Schritt für Schritt. Mindestens 10 000 Mal.

Von: Ruth Näf Bernhard

31. Juli

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für
uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Römer 5,8

Wenn ich die Frage, welches Buch ich mit auf die einsame
Insel mitnehmen würde, mit «die Bibel» beantworte, stosse
ich in der Regel auf Unverständnis: Wie kannst du die darin
vertretene Moral denn gut finden?! Wie kannst du dich mit
einer religiösen Doktrin identifizieren, in deren Namen so
viel Leid angerichtet wurde?! Die Bibel hat in meinem mehrheitlich
säkularen Umfeld kein gutes Image, was ich mit Blick
auf die nicht sehr ruhmhafte Kirchengeschichte nachvollziehen
kann. Und auch die Aktualität lässt uns erschaudern,
wenn wir sehen, wozu Fanatiker aller Religionen fähig sind.
So sehr ich das Unbehagen allem Religiösen gegenüber
verstehe, so sehr bin ich eine Verfechterin im Aushalten
meiner eigenen Ambivalenz gegenüber der Bibel und ihren
Botschaften. In diesem Spannungsfeld lese ich den Vers aus
dem Paulusbrief an die Römer. Logisch, niemand mag sich
heute noch als «Sünder» verstehen. Doch statt mich davon
abstossen zu lassen, wälze ich dieses befremdliche Wort in
mir und stelle mir Paulus vor, der von der Bedingungslosigkeit
der göttlichen Liebe redet. Trotz unserer Fehlbarkeit
haben wir Anspruch auf Wertschätzung. Trotz unserem
Unvermögen stehen uns Türen offen. Trotz unserem ramponierten
Selbstwertgefühl dürfen wir auf Verständnis, Zuwendung,
ja Liebe hoffen. Obwohl uns gerade diese gewaltige
Botschaft nicht einfach auf dem Serviertablett geboten wird:
Dafür mag ich die Bibel.

Von: Esther Hürlimann

30. Juli

Ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme
geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten.

Jesaja 43,20

Als feuchtigkeitsgewohnte Wasserschlossbewohner können
wir uns nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn es in der Wüste
regnet. Über Nacht werden Wadis grün und lieblich, erfreuen
und erfrischen Mensch und Tier. Weil das Wasser Leben spendet,
wird es in der Bibel zum Bild für alles, was erfrischt und
reinigt und belebt. Jesus vergleicht begeisterte Menschen mit
Quellen, aus denen Wasser sprudelt. Bei der Taufe steht das
Wasser für eine Neuwerdung, einen Neubeginn.
Wir werden in dieser Zeit Zeuginnen von alten Männern,
die nichts Erfrischendes an sich haben. Anstatt aufzubauen
und zu versöhnen, zerstören und verwüsten sie. Ich wünsche
mir nichts sehnlicher, als dass auch in ihre verwüsteten
Seelen das von Gott verheissene Wasser strömt und sie
verwandelt.
Aber ich will nicht nur auf die alten Männer zeigen. Ich
möchte mich selbst diesem frischen Wasser öffnen.
Wenn es nur so einfach wäre. Etwas früher bei Jesaja
schimpft Gott seine Anbefohlenen «löcherige Zisternen,
die das Wasser nicht halten». Leider ist mir auch dieses Bild
vertraut, dass ich das Gute vergesse, das ich erfahren habe;
dass die Ideen ausbleiben und die anstehenden Probleme
übermächtig zu werden drohen. Damit aus den verzagten
Herzen das Wasser sprudelt, von dem Jesus spricht, braucht
es ein Wunder, so wie Regen in der Wüste.

Von: Heiner Schubert

29. Juli

Der HERR, unser Gott, neige unser Herz zu ihm,
dass wir wandeln in allen seinen Wegen.
1. Könige 8,58

Salomo betet bei der Einweihung des Tempels. Wohl dem
Volk, dessen Staatschef nicht nur sich selbst als Referenzgrösse
kennt. Salomo weiss, dass nicht alles in seiner Hand
liegt. Er kennt die Verantwortung vor Gott. Und er weiss,
dass er diese nur wahrnehmen kann, wenn Gott irgendwie
mithilft. In einem langen Gebet folgt er der Spur, die ihm
die Tora legt. Und er vertraut darauf, dass Gott sein (Salomos)
Herz zu sich neigt. Das Herz ist das Organ, das für die
Menschen der Bibel die Verbindung zu Gott pflegt. Salomo
möchte Gott näherkommen. In eine engere Verbindung mit
ihm treten, damit sein Schritt sicherer wird.


Gebete sind immer ein Eingeständnis unserer Begrenztheit.
Wir spüren, dass wir nicht alles unter Kontrolle und im Griff
haben, und legen das, was nicht in unserer Macht ist, in Gottes
Hand. Wir greifen über den Horizont der eigenen Existenz
hinaus, richten uns aus auf ein Gegenüber, das grösser ist
als wir selbst. Ich vermisse diesen uralten Reflex in unserer
selbstverliebten Gegenwart. Sich einen Moment Zeit nehmen,
das Gespräch mit dem Innersten suchen, das, was da
inwendig auftaucht, hervorholen und es Gott anvertrauen:
Das tut gut, und mancher Schritt, der zunächst undenkbar
schien, wird möglich.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz