Kategorie: Texte

17. August

Gehört ihr Christus an, so seid ihr Abrahams
Nachkommen und nach der Verheissung Erben.

Galater 3,29

Hin und wieder stellen wir uns vor, dass ein geheimnisvoller
Brief aus Übersee eintrifft, worin uns mitgeteilt wird,
ein Onkel oder eine Tante sei verstorben und habe uns ein
Erbe hinterlassen. Schmunzelnd verwerfen wir solche Phantastereien
wieder, sind zufrieden und wissen, dass es uns
auch ohne gut geht. Aber mindestens bei den eigenen Eltern
gehen wir schon davon aus, dass da mal ein gewisses Erbe
uns beglückt. In meinem Fall wird das nicht so sein. Das
Bankkonto, das meiner alleinstehenden Mutter noch geblieben
ist, vermindert sich durch jahrelangen Aufenthalt im
Pflegezentrum rasant. Selbstverständlich ist das Wichtigste,
dass sie gut aufgehoben und umsorgt ist. Aber ein leises
Hadern kommt schon mal in mir hoch. Ist das Ihnen, liebe
Leser:innen, auch schon so gegangen?
Jetzt lese ich aber nicht im Luftpostbrief aus Amerika, sondern
im Brief an die Galater. Er sagt mir zu, dass ich Erbe von
Christus bin. Das stellt die Zürcher Bibel klar, indem sie nicht
«nur» von Erben, sondern von «seinen» Erben spricht. Ja,
dieses Erbe liegt nicht auf einem Bankkonto oder in einem
Safe, besteht nicht in einem Haus oder Auto. Entscheidend
ist die Taufe auf Christus. Wir haben damit Christus «angezogen
», wie Paulus schreibt. Er umhüllt uns mit seiner Liebe
und macht uns frei vom Hoffen auf Erbteile und Reichtum.

Von: Bernhard Egg

16. August

Darum nehmt einander an, wie Christus euch
angenommen hat zu Gottes Ehre.
Römer 15,7

Die Aufforderung lautet: «Nehmt einander an!» Die Verheissung,
die Zusage, das Fundament heisst: «wie Christus
euch angenommen hat». Und das Ganze soll zur Ehre Gottes
geschehen, «zu Gottes Ehre».
«Nehmt einander an!» Unser Handeln ist gefragt, unser
Annehmen, unser Auf-den-Andern-Zugehen. Den Andern
annehmen kannst du nicht, wenn du auf Distanz bleibst.
Dem Andern die Hand geben, da brauchst du schon eine
ziemliche Nähe, und ihn anzunehmen, das erfordert noch
mehr Nähe. Das geht nicht auf Sicherheitsabstand. Nehmt
den Andern an, nehmt einander an heisst: Geht aufeinander
zu, reicht die Hände, sagt ein freundliches Wort, sprecht den
Andern an. Fragt den Fremden neben euch: «Wo kommst
du her? Schön, dass wir uns heute begegnen.» Sprechen wir
die Menschen auf der Strasse an, nicht nur die, die in der
Kirche sitzen. Nicht nur die, die Not leiden, sondern auch
die, die uns unterstützen und uns helfen könnten. Das sind
die vielen Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen.
Das sind auch die Menschen, die in unseren Gemeinden
aktiv ihren Dienst verrichten und uns unterstützen. Macht
den Menschen immer wieder Mut. Geht nicht sprachlos
aneinander vorbei. Sperrt eure Ohren und Augen auf. Es
lohnt sich.

Von: Carsten Marx

15. August

Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägyptenland
geführt hat, dass ihr nicht ihre Knechte bleibt, und
habe euer Joch zerbrochen und habe euch aufrecht
einhergehen lassen.
3. Mose 26,13

Nein – ich muss nicht immer alles allein schaffen. Ich muss
nicht immer schneller, weiter, höher gehen oder laufen. Ich
kann und darf auch sagen: Aus, fertig! Ich kann nicht mehr. Es
ist genug! Ich kann auch meine Schwäche eingestehen. Gott
stellt sich auf die Seite der Schwachen und Rechtlosen. Das
erzählt die Geschichte des Exodus.
Die Befreiung des kleinen Sklavenvolkes aus Ägypten ist
im Lauf der Jahrhunderte zum Inbegriff der Völkerbefreiung
und zum Vorbild etlicher Freiheitsbewegungen geworden.
Das alles hat ansteckendes Potenzial. Unser Gott begegnet
uns hier als ein Befreier, Retter und Wegbereiter.
1996 textete Clemens Bittlinger: «Wir wollen aufstehn,
aufeinander zugehn, voneinander lernen, miteinander
umzugehn.» Ja, es wird Zeit, es braucht den Aufbruch, das
Aufstehn gegen die Ungerechtigkeit dieser Tage. Es braucht
das Aufstehn gegen uns beherrschende und versklavende
Mächte und Meinungen.
«Viel zu lange rumgelegen, viel zu viel schon lamentiert. Es
wird Zeit, sich zu bewegen, höchste Zeit, dass was passiert»,
lässt Bittlinger in seinem Lied dann weitersingen. Wir dürfen
Gott immer wieder neu begegnen. Er erfüllt unsere Hoffnungen
und unser Gebet anders, als wir es erwarten.

Von: Carsten Marx

14. August

Der HERR, dein Gott, hat dein Wandern durch diese
grosse Wüste auf sein Herz genommen.
5. Mose 2,7

Dieser Text hat für mich zwei Botschaften. Zum einen ist hier,
im 5. Buch Mose, noch einmal der Auszug aus Ägypten, der
grosse Akt der Befreiung, ins Visier genommen. Er enthält
spannende Elemente, etwa wenn er auf das göttliche Gebot,
sich nicht an der einheimischen Bevölkerung zu vergehen, verweist.
Die Flüchtenden sollen normalen Handel treiben mit
den Menschen, deren Gebiet sie durchwandern müssen. Gott
tritt mit seiner Mahnung «Speise sollt ihr für Geld kaufen»
als Garantiemacht auf. Ich habe euer Wandern an mein Herz
genommen, es zu meiner Herzensangelegenheit und somit
zum Akt des Wohlergehens aller Menschen, die in dieser
grossen Wüste leben, gemacht. Nicht zu einer Bedrohung. Mit
der Aufforderung «Fangt keinen Krieg mit ihnen an» wird
die Erzählung der Landnahme zu einem friedvollen Narrativ.
Zum anderen spricht der Text unmittelbar zu uns heute!
Zu uns, die wir vieles von dem, was uns gegenwärtig begegnet,
für den Ausdruck grosser «Trockenheit» und Mühsal,
grosser Verwüstung aller uns lebenswichtigen Werte und
Hoffnungen erfahren und deuten. Nicht unweit von der
Erfahrung der hebräischen Auswanderer können aber auch
wir auf Gott als Garantiemacht schauen, die uns in diesen
scheinbaren Ausweglosigkeiten zu Mitmenschlichkeit und
Trost ruft. Uns, die wir in seinem Herzen, seiner Seinsmitte
leben.

Von: Gert Rüppell

13. August

Singet dem HERRN ein neues Lied;
singet dem HERRN, alle Welt!
Psalm 96,1

Neu soll das Lied sein, fordert der Psalmist uns auf. Und doch
setzt er fort, was bisher den Psalter bestimmte, das überschwängliche
Lob Gottes. So endet es auch – mit den Worten:
«Alles, was Odem hat, lobe den Herrn» (Psalm 150,6).
Singen ist eine wunderbare Weise, unseren Glauben zum
Ausdruck zu bringen. Dies wissen alle, die in Kantoreien
und Singkreisen aktiv sind. Und auch wir Gemeindeglieder
kennen das herrliche Gefühl, wenn im Gottesdienst ein
uns ans Herz gewachsenes Lied gesungen wird: «Grosser
Gott, wir loben Dich» etwa. Nicht nur, dass wir in unseren
Kirchen je einheimische Kirchengesangbücher haben, nein,
die Aufforderung des Psalmisten ist ja längst ökumenische
Realität geworden, indem wir nicht nur Lieder von Christen
anderer Kulturen in unsere Gesangbücher aufgenommen
haben. Auch gibt es ja ganze Gesangbücher, die, gemäss
der Aufforderung des Psalmisten, uns diesen weltweiten
Lobpreis Gottes nahebringen. Alle Welt singt! Ich entsinne
mich an frühe Zeiten der ökumenischen Bewegung, als wir
aus «Cantate Domino» sangen. Dann wurde es «Thuma
Mina». Für die Vollversammlungen tragen Christen aus aller
Welt Liedgut zu den Feiern zusammen. In meiner Gemeinde
ist das Liederbuch «Lieder zwischen Himmel und Erde» eine
wichtige Quelle. Die Verbindung mit Gotteslobenden aus
aller Welt ist eine wunderbare Angelegenheit. Dem Psalmisten
sei Dank für diese Ermutigung.

Von: Gert Rüppell

12. August

HERR, ich warte auf dein Heil. Psalm 119,166

Im biblischen und kirchlichen Sprachgebrauch ist das «Heil»
ein Allerweltswort, eine Formel für alles, was wir von Gott
erwarten, bis hin zu einem endzeitlichen «Alles ist gut».
Im hebräischen Text steht an dieser Stelle das Wort
«Jeschu’a». Das wird wörtlich meist eher übersetzt mit
«Hilfe». Zugleich ist es auch die hebräische Form des
Namens «Jesus».
Eine naive Auffassung vom Verhältnis von Neuem und
Altem Testament könnte nun behaupten, der Psalmsänger
(oder könnte es eine Psalmsängerin gewesen sein?) lebe
in Erwartung des Messias mit dem Namen Jesus, habe ihn
irgendwie vorausgesehen. Freilich greifen die Evangelisten
immer wieder auf die hebräische Tradition zurück. Das hilft
ihnen und ihren Zeitgenossen, das Leben und den Tod Jesu
und was sie danach als seine Auferstehung erfahren haben,
zu deuten und zu verstehen.
Der Psalmtext ist aber erst einmal aus sich heraus zu verstehen.
Sein Sinn muss keineswegs in einer zeitlichen, einer
zukünftigen Dimension liegen. Mit dem Psalmsänger (oder
eben der Sängerin) erwarten wir das «Heil», erwarten wir
Hilfe, das Gute in unserem Leben von Gott. Oder vorsichtiger:
Wir erfahren und wissen, dass wir uns dieses Gute
nicht selber verschaffen können, dass es uns geschenkt wird,
unverfügbar, unbegreiflich. Und wir wagen es, dieses Unverfügbare
«Gott» zu nennen.

Von: Andreas Marti

11. August

Ich werde mich an euch als heilig erweisen vor den
Augen der Völker. Und ihr werdet erfahren, dass ich
der HERR bin, wenn ich euch ins Land Israels bringe,
in das Land, über das ich meine Hand erhob zu dem
Schwur, es euren Vätern zu geben.
Hesekiel 20,41–42

Das auserwählte Volk, das verheissene Land – darüber auf
dem Hintergrund des Konflikts in Israel und Palästina zu
schreiben, ist eine unmögliche Aufgabe. Mit jedem Satz
droht entweder der Vorwurf des Antisemitismus oder des
westlichen Kolonialismus. Aber die Aufgabe ist gestellt, das
Alte Testament zu lesen und für heute zur verstehen.
Zwei Deutungen sind zu meiden: Aus christlicher Sicht
ist es das Schema, gemäss dem die Relevanz des Alten Testaments
darin liege, dass das Neue dessen Verheissungen
erfülle. Aus jüdischer Sicht ist es die Inanspruchnahme für
die politische Realität des Staates Israel, dessen Existenzrecht
nicht zu bestreiten, aber auch nicht mit dem Alten Testament
zu beweisen ist.
Dieses erzählt von Menschen, die Rettung von einem Gott
erfahren, den sie als den ihrigen verstehen. Das ging, etwa
im Josua- und im Richterbuch, häufig auf Kosten anderer
Menschen. Aber die Bibel selbst korrigiert: Gott ist nicht
ein Stammesgott, sondern Schöpfer der ganzen Welt, und
er wird in Christus das Heil aller Völker. Das Heil der einen
geht nicht auf Kosten des Unheils anderer. Gottes Heiligkeit
erweist sich vor den Augen und im Leben der Völker, im
Frieden, in der Würde aller Menschen.

Von: Andreas Marti

10. August

Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen
Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles.
1. Thessalonicher 4,6

Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung von Handel habe.
Ich gehöre zu den Angestellten, die pünktlich, meist schon vor
Monatsende, einen recht guten Lohn auf ihrem Konto haben.
Vor allem dann, wenn ich mit meiner Arbeitsleistung zufrieden
bin, ist das ein schönes Gefühl: Ich habe das verdient!
Ich gehöre aber auch zu den Leuten, die manchmal mit
einem leicht schlechten Gewissen herumlaufen, weil sie wissen,
dass andere ihr Geld viel härter verdienen müssen.
Vor ein paar Wochen half ich meiner Klasse an einem
Kuchenstand und fand mich dann hinter diversem Gebäck
auf Kundschaft wartend. Viele gingen vorüber. Umso dankbarer
war ich, wenn mir jemand etwas abkaufte oder sogar
einfach so etwas spendete.
Ich kann – ausgehend von diesem kleinen Erlebnis – gut
verstehen, dass man so viel wie möglich verdienen will, vor
allem wenn es nicht um ein Klassenlager, sondern um den
Lebensunterhalt oder – weniger existentiell, aber doch auch
wichtig – den Lebensstil geht.
Doch Paulus warnt vor dem «Zu-weit-Gehen». Alles soll
einen angemessenen Preis haben. Er warnt um des gegenseitigen
Respekts willen und wider den Betrug. Heute kommt
noch etwas Neues dazu: Diese Haltung der Beschränkung
ist auch unserer Schwester Erde gegenüber dringend nötig.

Von: Katharina Metzger

9. August

Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit,
und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle
Glieder mit.
1. Korinther 12,26

Viele Glieder, ein Leib: Als junges Mädchen war ich einige
Male an Chorfestivals. Dabei versammelten sich alle Teilnehmenden
in einem riesigen Zelt und übten dort unter
Anleitung einer Band Rock- und Popsongs ein. Es gelang
tatsächlich, mit dieser grossen Masse von mehreren hundert
Leuten mehrstimmige Arrangements zu singen. Ich erinnere
mich an Michael Jacksons «Earth Song», zu dem damals
unzählige Feuerzeuge in der Luft mitschwangen. Es war toll,
Teil dieses Ganzen zu sein, im Singen und Wogen mitzutun
und zu versinken. Wir waren wie ein Körper, zusammengehalten
durch die Band und unser Engagement – ein berauschendes
Erlebnis.
Aber die anderen Glieder? Von den meisten wusste ich
nichts. Also spricht Paulus von einer anderen Gemeinschaft.
Von einer, die sich zwar als ein Leib fühlt, wo aber die einzelnen
Glieder auch ein «Gspüri» füreinander haben. Wie entsteht
dieses Sowohl-als-auch? Ich denke, der Leib kann sich
definieren durch eine gemeinsam getragene Vision, durch
gemeinsam geliebte Rituale, durch eine gemeinsame Aufgabe.
Die Glieder, die dazugehören, sind nicht starr definiert,
sie ändern sich, sie geraten aneinander, sie finden sich wieder.
So entsteht Bindung, nicht einfach, nicht rauschhaft, aber
wohl nachhaltiger. Eine grosse Aufgabe!

Von: Katharina Metzger

8. August

Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld,
Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.

Galater 5,22–23

Kürzlich hörte ich ein Interview mit der deutschen Fernsehmoderatorin
Sandra Maischberger. Ich mag es, wie sie in
ihrer wöchentlichen Talkshow scharfsinnig den Polit- und
Geistesgrössen auf den Zahn fühlt und beharrlich-souverän
mit gegensätzlichen Meinungen jongliert. Daher war ich
neugierig, in diesem persönlichen Gespräch mehr über sie als
Mensch zu erfahren. Berührt und irgendwie überrascht hat
mich, als sie zum Schluss des Interviews sagte, dass sie nach
über dreissig Jahren Austritt wieder der Kirche beigetreten
sei. Auf die Frage, weshalb, antwortete sie sinngemäss: weil
sie erst jetzt realisiere, wie sehr die Kirche sie in ihrer geistigen
Haltung positiv geprägt habe.
Daran musste ich bei diesem starken Paulusvers an die Galater
denken, der uns an die Essenz des christlichen Glaubens
erinnert: Es sind weder Gebote noch Rituale, weder Gebete
noch Glaubenssätze, welche die christliche Identität ausmachen,
sondern es ist eine innere Haltung: die «Frucht des Geistes
». Paulus nennt verschiedene Qualitäten, die uns selbst,
vor allem aber auch unser Zusammenleben betreffen. Wenn
wir «Keuschheit» durch «Bescheidenheit» ersetzen, passt
das etwas besser in die heutige Zeit. Lassen wir uns heute
die Frucht einer göttlich beseelten Geistesvielfalt im Mund
zergehen und teilen wir etwas davon mit unseren Nächsten.

Von: Esther Hürlimann