Kategorie: Texte

27. August

Die Befehle des HERRN sind richtig und
erfreuen das Herz.
Psalm 19,9

Es ist eher unüblich, «Befehl» und «erfreuen» miteinander
zu verbinden und so direkt aufeinander zu beziehen, wie der
Psalmvers es tut. Die Zeiten, in denen man mit bolzengeradem
Rücken von den «Freuden der Pflicht» sprach, sind
glücklicherweise vorbei. Können und wollen wir dem Psalmisten
zustimmen und dankbar einstimmen in sein Loblied
der Weisungen des Ewigen?
Ich glaube, der entscheidende Punkt liegt darin: Die Freude
im Herzen entspringt eher nicht im Moment, in dem wir
Gottes Weisung hören, sondern sie stellt sich ein im Mass,
wie wir uns darin üben, die Weisung in unserem Leben zu
verfolgen. Sportlerinnen würden mir wohl zustimmen. Die
Anweisung zu dieser oder jener Trainingseinheit lässt noch
nicht die Freude aufkommen, die sich aber dann einstellt,
wenn der Lauf siegreich absolviert ist. Mir liegt der Vergleich
mit der Musik näher: Ich hätte Freude am Klavierspiel
und wäre nicht frustriert über mein Geklimper, wenn mein
Klavierlehrer damals strenger gewesen wäre und ich seine
freundlichen Anweisungen besser befolgt hätte.
Oder anders: Es ist eine Zumutung für unseren Anspruch
auf Autonomie, auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung,
uns sagen zu lassen, dass Gott besser weiss als wir,
wie Leben geht. Doch das zu glauben und sich darauf einzulassen,
macht Freude.

Von: Benedict Schubert

26. August

Du hast meine Seele vom Tode errettet,
meine Füsse vom Gleiten, dass ich wandeln kann
vor Gott im Licht der Lebendigen.
Psalm 56,14

Der Psalm wird David zugeschrieben, versehen mit dem
Zusatz «als ihn die Philister in Gat ergriffen hatten»
(Vers 1). In den entsprechenden Passagen im 1. Samuelbuch
(Kapitel 21 ff.) wird von gewalttätigen Kämpfen und
blutigen Auseinandersetzungen erzählt, von List und Betrug,
die Davids Weg auf den Königsthron säumen. David, der
Dichterkönig, der gerne mit Harfe dargestellt wird, zieht
(auch) eine Spur der Gewalt hinter sich her. Die Diskrepanz
zwischen diesen beiden Seiten Davids wird in den biblischen
Büchern nicht aufgelöst. Klarsicht geht vor Harmonie! Das ist
anstrengend und anstössig und manchmal kaum auszuhalten.
Genauso wie die Diskrepanzen in unserer Welt.
«Du hast meine Seele vom Tode errettet, meine Füsse vom
Gleiten, dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen.
» – Was für eine Erfahrung angesichts der im Psalm
geschilderten Not und Bedrängnis, von Flucht und Verfolgung,
von Lebensgefahr und Todesangst? «Du hast meine
Seele vom Tode errettet …!»
Die heutige Losung lädt mich ein, meine eigene Erfahrung
von Bewahrung in den Psalm einzutragen, meine eigenen
Worte zu finden. Und ich entdecke in den Diskrepanzen
meines Lebens und dieser Welt «güldene Kleinode» (Vers 1),
die mein Leben hell machen und meine Hoffnung nähren.

Von: Annegret Brauch

25. August

Das ist schön und gefällt Gott, unserem Retter,
der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur
Erkenntnis der Wahrheit kommen.
1. Timotheus 2,3–4

«Beten – das ist unser Amt …», könnte man in Anlehnung
an ein bekanntes Kirchenlied diesen Abschnitt im Brief an
Timotheus überschreiben. «So ermutige ich nun, dass man
vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung
für alle Menschen …» (Vers 1)
Die Welt und die Menschen ins Gebet nehmen, so, wie die
«Unitätsgebetswacht» der Brüder-Unitäten dies seit 67 Jahren
wieder tut (die Übersicht finden Sie hinten im Losungsbüchlein).
So, wie wir in jedem Gottesdienst beten und Fürbitte
halten für Menschen in Not, für die Verantwortlichen
in Politik und Gesellschaft, für unsere Lieben – und Gott
danken für Bewahrung und Hilfe!
Manchmal ist es das Einzige, was ich im Augenblick tun
kann: «Ich schliesse Sie in mein Gebet ein», sage ich am
Krankenbett zu der Frau, die eine schwere Operation vor sich
hat, und sie lächelt mich dankbar an. «Das Gebet hat grosse
Kraft», schreibt Mechthild von Magdeburg, «es macht ein
bitteres Herz süss, ein trauriges Herz froh, ein armes Herz
reich, ein törichtes Herz weise, es macht ein ängstliches Herz
kühn, ein krankes Herz stark, ein blindes Herz sehend und
eine kalte Seele brennend. Es zieht den grossen Gott nieder
in ein kleines Herz.»

Von: Annegret Brauch

24. August

Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir
und lasse dir Feierkleider anziehen.
Sacharja 3,4

Dieser Satz Gottes erinnert an das Gleichnis vom verlorenen
Sohn (Lukas 22); und die Losungen haben als Lehrtext das
Ende dieses Gleichnisses gewählt. Beide Bibelstellen erläutern
unterschiedlich, was die Festtagskleider, die Gott uns
Menschen anziehen kann, bedeuten können: Bei Sacharja
sind sie ein Zeichen dafür, dass ein Mensch von seiner Sünde
befreit wird. Beim verlorenen Sohn sind sie ein Zeichen dafür,
dass ein Mensch, der verloren war oder sich verloren hatte,
wiedergefunden wurde.
Mir fallen dabei einige Verse aus der «Harzreise» von
Goethe ein und sie klingen in mir in der wunderbaren Vertonung
von Johannes Brahms: «Aber abseits wer ist’s – ins
Gebüsch verliert sich sein Pfad, die Öde verschlingt ihn …
Erst verachtet, nun ein Verächter zehrt er heimlich auf seinen
eigenen Wert in ung’nügender Selbstsucht … Ist auf deinem
Psalter, Vater der Liebe, ein Ton seinem Ohre vernehmlich,
so erquicke sein Herz …»
Wenn er diesen Ton vernommen hat, kann er langsam
zurückkommen in die Gemeinschaft seiner Mitwelt. Und
ich stelle mir vor, dass, bewegt vom Ton des Psalters und
zum Ausdruck des Glücks und der Dankbarkeit darüber, er
sich oder die Gemeinschaft ihm Feierkleider anziehen wird.

Von: Elisabeth Raiser

23. August

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft
vollendet sich in der Schwachheit.
2. Korinther 12,9

Dorothee Sölle beschreibt in ihrem frühen Buch «Die Hinreise», wie sie nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe auf einer
Reise durch Belgien völlig verzweifelt in einer Kirche sass
und ihr ganz unerwartet die Worte aus dem Korintherbrief
einfielen: «Lass dir an meiner Gnade genügen!» Diese Worte
retteten sie aus einer tiefen Depression und einem Todeswunsch,
und sie lernte wieder zu leben und zu neuen Ufern
aufzubrechen. Ein sehr eindrucksvoller Text!
«Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft
ist in den Schwachen mächtig» (Lutherübersetzung). Diese
ganze Zusage Gottes hat auch mir über manche depressive
Stimmung geholfen: Du musst nicht immer stark und strahlend
sein – Gott hält oder trägt dich gerade dann, wenn du
schwach bist. Ich kenne kaum ein Wort in der Bibel, das uns
heutigen Menschen besser helfen könnte. Uns, die wir politisch
wach und gerade deshalb oft verzweifelt sind, weil wir
uns schwach fühlen und keinen Hebel entdecken, an dem
wir drehen können, um die Dinge zum Besseren zu wenden –
sei es in der Klimakrise, bei den immer weiter wütenden
Kriegen, der wachsenden gesellschaftlichen und globalen
Polarisierung. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Wie, das wissen wir nicht, aber auf geheimnisvolle Weise gibt
sie uns Hoffnung und neuen Lebensmut.

Von: Elisabeth Raiser

22. August

Der HERR spricht: Wenn du dich zu mir hältst,
so will ich mich zu dir halten.
Jeremia 15,19

Jeremia hat genug. Er ist einsam und kommt nicht gut an.
Er möchte sein Prophetenamt zurückgeben. Aber Gott lässt
nicht nach: «Wenn du umkehrst, lasse ich dich wieder vor
mir stehen, und wenn du Wertvolles hervorbringst, nicht
Leichtfertiges, wirst du sein wie mein Mund.» (Jeremia 15,19;
Zürcher Bibel) Wir sind alle keine Propheten, aber das Gefühl,
nicht anzukommen, einsam zu sein mit dem, was wir sagen
oder tun, kenne ich. Und wie oft haben wir gehört, dass wir
umkehren sollen zu Gott, der Lebendigen. Aber das «Wie»
wird uns nicht gesagt, das müssen wir, genau wie Jeremia,
selber suchen. Dafür gibt es kein Rezept. Aber vielleicht hilft
Jeremia selber. Er hat sein Amt nicht zurückgegeben. In ihm
war offenbar ein Wille, mit Gott weiterhin zu rechnen, auch
wenn es schwierig war. Und genau da kommt mir der heutige
Text nahe: Ich lese daraus eine Einladung, mich immer wieder
neu auf Gott, die Lebendige, einzulassen. Was es braucht,
damit wir das können, ist uns überlassen. Und was ich auch
mitnehme, ist die Wahrnehmung, dass die Lebendige nicht
lockerlässt, sie ist immer wieder da. Und sie sagt uns, dass
wir nicht leichtfertige Worte verlieren, sondern versuchen
sollen, Wertvolles zu denken und zu sagen. Das hilft, nicht
aufzugeben und uns an die frohe Botschaft des Auferstandenen
zu erinnern.
Sei du mit uns auf dem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben
zu Gott im Himmel!
Klagelieder 3,41

Der Tempel ist zerstört, die Menschen klagen. Sie sehen ihre
Schuld im Verlust der Gottesbeziehung, sie waren widerspenstig.
Aber sie beten zu Gott. Sie klagen.
Wie geht eigentlich Klagen? Ich habe den Eindruck, dass
wir das gar nicht dürfen oder nicht können. Ich bin müde,
habe Schmerzen, aber nein, ich will nicht klagen. Dabei hat es
doch etwas Befreiendes, seinen Schmerz, auch den Schmerz
über den Zustand unserer Welt, mit anderen Menschen und
mit Gott zu teilen. Schämen will ich mich nicht, will nur
einen Zustand nicht einfach für mich behalten. Ich hoffe
dabei auf Freund:innen, die zuhören, und ich hoffe zugleich
auf Gott, die Lebendige. Klagen geschieht auch im Vertrauen
darauf, dass meine Klage gehört wird. Die Zuhörenden müssen
damit ja gar nichts tun. Ihr Hören ist ein Zuhören aus
Solidarität. Mir fällt auf, dass wir in den Bildern über die
Kriege, den Berichten von Flüchtenden selten eine Klage
hören. Oder verdränge ich die Klage, weil ich nicht mehr
zuhören will oder kann? Ich wünsche mir, dass wir das Befreiende
des Klagens erfahren, dass alle Menschen die Solidarität
des Zuhörens erfahren, damit sie mit neuer Kraft ihren
Weg gehen können. Denn das ist es doch, was wir brauchen:
immer wieder neu aufbrechen im Hoffen auf gute Wege.
Und darauf vertrauen, dass unser Klagen erhört wird.
Danke, dass du uns hörst. Hilf uns, aufzubrechen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. August

Abrahams Knecht schwieg still, bis er erkannt hätte,
ob der HERR zu seiner Reise Gnade gegeben hätte oder
nicht.
1. Mose 24,21

Abraham ist alt und gebrechlich, bald wird er sterben und
sorgt sich um seine Nachkommen – er möchte das Kind
sehen, das den Segen weiterträgt, der dereinst allen Völkern
zuteilwerden wird. Aber Isaak hat noch keine Frau! Von den
Kanaaniterinnen hält Abraham nicht viel. Also schickt er
seinen Knecht in die alte Heimat. So der Anlauf zu einer der
schönsten Erzählungen der Bibel – mit durstigen Kamelen,
einer verschleierten Schönheit namens Rebekka, einem tiefen
Brunnen und orientalischer Gastfreundschaft!
Am Ende kommt alles gut. Der Knecht bringt die Braut
nach Hause. Die letzten schlichten Worte der Geschichte
sind ein wunderbar menschliches Zeugnis: «Rebekka wurde
Isaaks Frau, und er gewann sie lieb. Also wurde Isaak getröstet
über seine Mutter.»
Die Losung bringt eine weitere Facette des Juwels zum
Funkeln. Sie beleuchtet den namenlosen Knecht. Ohne ihn
liefe in dieser Geschichte gar nichts. Seine Nebenrolle spielt
so gesehen die Hauptrolle. Weil er dient! Er ist ein wahrer
Gottesdiener, der kein Rampenlicht braucht. Er gehorcht,
aber nicht blind dem Befehl, den er von Abraham bekommen
hat, und auch nicht einem ersten Eindruck der Augen.
Er schweigt, hört und prüft die Geister.
Hätten wir nur mehr solche Diener in unseren Regierungen!

Von: Ralph Kunz

19. August

Steh ab vom Zorn und lass den Grimm, entrüste
dich nicht, dass du nicht Unrecht tust.
Psalm 37,8

Wenn mir einer an den Karren fährt und mich durch den
Kakao zieht oder mir jemand Steine in den Weg legt, mich
anfeindet und hintergeht, mich betrügt und belügt – dann
geht mir die Galle hoch, dann kocht es in mir über. Ist doch
normal, oder? Ja, ist es! Es ist menschlich und es ist auch eine
gesunde Reaktion. Der Mensch, dem wir diesen Klagepsalm
verdanken, weiss das auch. Und doch mahnt, ja beschwört er
fast: «Lass es irgendwann gut sein! Sonst tust du Unrecht.»
Er spricht von der Rache. Wir würden heute von Selbstjustiz
sprechen.
Recht hat er. Aber ach, wenn es nur so einfach wäre! Es ist
schwer, aus der eigenen Wut herauszukommen. Das weiss
auch der Psalmist. Er spricht hier als einer, der überwunden
hat – nicht den Feind, der ihm das Leben schwer machte,
sondern seine Gefühle, die ihn krank zu machen drohten,
wenn er sie nicht in den Griff bekam. Sein Rat an den, der es
(noch) nicht kann: «Befiehl dem HERRN deine Wege und
hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.» Der Psalm ist wie ein
Freund, der mich in der Hitze umarmt und mir nicht das
Recht abspricht, mich zu empören – aber der mich davor
bewahren will, innerlich zu verbrennen und zu verhärten.
In seinem Rat steckt viel Weisheit, aber es tut auch gut, den
Beipackzettel zu lesen.

Von: Ralph Kunz

18. August

Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als
Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Psalm 8,6

Wie lange ist es her, seit Sie in einen Sternenhimmel gestaunt
haben? Vielleicht haben Sie vor ein paar Tagen gar die Perseiden-
Sternschnuppen gesehen? Es gibt wenig, was mich so tief
berührt und mit Staunen, Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt,
wie das Gefunkel einer sternklaren Nacht, wenn in Himmelstiefen
immer mehr und noch mehr Sterne zu erahnen sind.
«Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond
und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass
du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich
seiner annimmst?» Wie würden Sie antworten? Ein Stäubchen?
Ein Nichts? – Nicht so unser Losungstext: «Du hast ihn
(d. h. den Menschen) wenig niedriger gemacht als Gott, mit
Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum
Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter
seine Füsse getan.» (Verse 4–7) Da klingt die Schöpfungsgeschichte
an: «Lasst uns Menschen machen als unser Bild,
uns ähnlich … Füllt die Erde und macht sie untertan.» Das
haben wir Menschen gründlich falsch verstanden. Aus «Ehre
und Herrlichkeit» haben wir Selbstherrlichkeit gemacht, das
anvertraute «Werk seiner Hände» ausgebeutet, und was uns
«unter die Füsse getan» wurde, zertrampelt. Vielleicht wäre
Staunen ein Anfang der Umkehr? «Ach mein Gott, wie wunderbar
nimmt dich meine Seele wahr. Drücke stets in meinen
Sinn, was du bist und was ich bin.» (Joachim Neander)

Von: Dorothee Degen-Zimmermann