Kategorie: Texte

14. Oktober

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja! Psalm 150,6

Als einen kosmologischen Paukenschlag könnte man diese Schlusszeile des gesamten Psalters bezeichnen. In den vorausgegangenen Abschnitten erscheinen, als Symbole für die göttliche Seinsweise, eine Vielzahl von Instrumenten. Bach hätte seine Freude daran gehabt. Dieses göttliche Symphonieorchester steht für die Grösse und die Vielfalt göttlicher Wirkmacht. Es ist zugleich Aussage über die verschiedenartige Klangkraft nicht nur der gesamten Schöpfung, sondern auch der vielfältigen Anbetungsformen und Namen, mit denen die Menschheit sich je dieser Wirkmacht genähert hat.
Da sind die Gänseblume und der Mohn, die Amsel und
der Kakadu, der Wal und die Schnecke, der Afrikaner, die Asiatin, der Europäer und die «Muheras negras» (Afrobrasilianerinnen). Der Rabbi und der buddhistische Lehrer, die Pfarrerin und die weise indigene Frau. Sie alle formen in der ihnen je eigenen Weise das grosse Halleluja, den grossen
Lobgesang, das Symphonieorchester Gott zu Ehren. Zusammen mit den Gläubigen in weltweiter Gemeinschaft gilt: Lobet die göttliche Wirkmacht, die sich in allem, wirklich in allem Ausdruck verschafft. Die Gewissheit, dass wir in unseren Gottesdiensten und Gebeten Teil dieser universalen Lobesgemeinschaft sind, stärkt mich und ich hoffe, Sie auch!

Von: Gert Rüppell

13. Oktober

Josef sprach zu seinen Brüdern: Ihr gedachtet es
böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut
zu machen.
1. Mose 50,20

Wieder ist der Losungstext, der aus der uns allen bekannten Josephsgeschichte stammt, ohne seinen Kontext nicht auszulegen. Geht es doch um eine Situation, die uns bekannt ist. Wie viele Familien kennen das! Nach dem Tod eines Angehörigen kommen alte Probleme, altes Misstrauen wieder an den Tag. Wird Joseph nach dem Tod des Vaters Jakob bei seiner Haltung bleiben, oder wird er nun seine Macht ausspielen, sich rächen? Die Brüder, wie oft auch wir, glauben nicht an die Kraft, Echtheit einmal vollzogener Versöhnung! Es bleibt Skepsis. War Josephs Vergebung echt? Letztlich wirft die Frage ja einen Schatten auf das eigene Verständnis davon, ob wir der uns zugesprochenen Vergebung, Gnade, im zwischenmenschlichen, aber auch im göttlichen Raum vertrauen. Und vergib uns unsere Schuld. Glauben wir an die Erfüllung dieser sonntäglich an Gott gerichteten Bitte? Glauben wir im zwischenmenschlichen Bereich daran, dass uns Unrecht, das wir begangen haben, vergeben wird, ein Neuanfang möglich ist? Wollen wir Vergebung annehmen?
In Zeiten, in denen Hass und Unfrieden vieles in unseren Gesellschaften bestimmt, ist die Bejahung von Versöhnung umso zentraler. In diesem Sinn: Gott gedenkt auch heute, es mit uns gut zu machen. Schenken wir diesem Gott unseren Glauben, unser Vertrauen.

Von: Gert Rüppell

12. Oktober

Das ist’s, was der HERR gesagt hat: Ich erzeige mich heilig an denen, die mir nahe sind, und vor allem Volk erweise ich mich herrlich. 3. Mose 10,3

Dieser Gottesspruch steht in einer ziemlich sonderbaren Geschichte aus der Wüstenzeit des Volkes Israel: Die Söhne Aarons haben ein von Gott nicht gebotenes Rauchopfer dargebracht. Gut gemeint, aber offensichtlich danebengegangen. Gottes Kommentar ist deutlich: Heiligkeit kann nicht durch Menschenwillen gemacht werden. Sie ist – als Gegenwart von Gottes Macht und Herrlichkeit – nur auf seinen Entscheid hin, nur in der Übereinstimmung des menschlichen Handelns mit seinem Willen möglich.
Der Kontext mag befremdlich sein. Aber wir können vermuten, was die Argumentation des Erzählers war, als er Ausspruch und Erzählung zusammenfügte. Es geht bei Gottes Heiligkeit nicht um unbegreifliche, mirakulöse Erscheinungen aus einer Überwelt. Wir können sie verstehen als das Miteinander von Gottes Gegenwart und gleichzeitig seiner
Unerreichbarkeit. Darum ist sie da, wo Menschen «heilig» sind in dem Sinne, dass sie in Verbindung mit diesem zugleich gegenwärtigen und unerreichbaren Gott stehen und sich von seinem Willen leiten lassen. So machen sie seine Heiligkeit und Herrlichkeit vor den Menschen, «vor allem Volk» sichtbar und wirksam.

Von: Andreas Marti

11. Oktober

Bei dir ist Vergebung, dass man dich fürchte.
Psalm 130,4

«Pardonner, c’est son métier», hat der Spötter Voltaire über Gott gesagt. Göttliche Vergebung ist also eine Selbstverständlichkeit? Und gilt sie wirklich für alle? Uns fallen wohl einige Namen ein, bei denen uns diese Vorstellung etwas Mühe bereitet. Eine «Allversöhnung» kann unserem Gerechtigkeitsempfinden im Extremfall durchaus zuwiderlaufen. Aber andererseits widerspricht auch die Theorie eines «Jüngsten Gerichts» der Vorstellung vom barmherzigen Gott und von der Erlösung durch das Werk Christi. Wir erinnern uns an den Streit um die Formulierung im römischen Kanongebet: Hat Jesus sein Blut gegeben «für alle» oder «für viele» (was hier wohl ein Problem der Übersetzung aus dem Griechischen ist)?
Versuchen wir darum, den Satz mit anderer Betonung zu lesen, mit Akzent auf «bei dir». Vergebung ist allein Gottes Sache, das können wir ihm allein überlassen. Das schwierige Wort «fürchten» kann dann etwa heissen «respektieren, anerkennen». In diesem Kontext bedeutet es, Gott die
Vergebung anheimzustellen und nicht mit unserer menschlichen Logik danach zu fragen. So, wie es umgekehrt ja auch heisst: «Mein ist die Rache, spricht Gott.»
Es gibt offensichtlich Fragen, die wir sinnvollerweise gar nicht erst stellen, wenn wir nicht in unlösbare Dilemmata laufen wollen. «Gottesfurcht ist der Weisheit Anfang», und Weisheit besteht manchmal darin, nicht alles wissen zu können.

Von: Andreas Marti

10. Oktober

So ist es mit der Auferstehung der Toten: Was hier
auf der Erde gesät wird, ist vergänglich. Aber was
auferweckt wird, ist unvergänglich! Gesät wird ein natürlicher Leib. Auferweckt wird aber ein Leib, der vom Geist Gottes geschaffen ist.
1. Korinther 15,42.44

Mein Sohn, der jetzt dreizehn ist, hatte immer wieder Phasen,
in denen ihn die Frage «Was kommt nach dem Tod?» intensiv beschäftigte. Manchmal kam diese Frage plötzlich und mit einer Heftigkeit über ihn, dass er weinen musste. Wenn er sich etwas beruhigt hatte, überlegte er: Ist dann einfach nichts? «Aber das hat doch keinen Sinn: zuerst leben – und dann ist einfach nichts. Und ich kann mir das Nichts einfach nicht vorstellen», sagte er.
Seine liebste Variante war, dass wir nach dem Tod als Geister mehr oder weniger gleich weiterleben und dass wir in dieser Form auch als Familie zusammenbleiben können. Ich konnte ihm keine eigene Überzeugung mitgeben, die ihn beruhigt hätte. Aber ich sagte ihm, dass mich der Tod als Kind auch geängstigt habe, dass diese Angst jedoch irgendwann überwunden und verschwunden war. Das schien ihn ein wenig zu beruhigen. Für mich selbst ist das Leben im «natürlichen Leib» wichtig: Es ist Geschenk, Segen und Herausforderung. In diesem
Leib erfahre ich Wunderbares und Schwieriges, darin tue ich Gutes und weniger Gelungenes. Das zählt, für mich, für andere, hier und jetzt. Und nimmt mir die Angst vor dem Tod.

Von: Katharina Metzger

9. Oktober

Deine Hände haben mich gemacht und bereitet;
unterweise mich, dass ich deine Gebote lerne.
Psalm 119,73

Deine Hände haben mich gemacht und bereitet
Wie sie die Blindschleichen, die Mauersegler, die Hirsche und die Forellen bereitet haben
Wie sie die Berge, die Täler, die Flüsse und die Wüsten bereitet haben
Wie sie meine Eltern, meine Geschwister und meine Kinder bereitet haben
Wie sie die bereitet haben, die mir nahe sind, in ihrem Tun, ihrem Sein, ihren Gedanken
Und wie sie die bereitet haben, die mir fern sind, in ihrem Tun, ihrem Sein, ihren Gedanken
Lass uns deine Hände in uns allen spüren
Deine Hände, die uns alle formten
Lass deine Hände uns weiter formen:
Lass sie uns halten, wenn wir zerbröckeln
Lass sie uns wärmen, wenn wir kalt sind
Lass sie uns streicheln, wenn wir traurig sind
Lass sie uns beruhigen, wenn wir aufgeregt sind
Lass sie uns weit werden, wenn wir engstirnig sind
Lass sie uns zu Liebenden werden, die das Leben lieben,
das deine Hände beständig formen.

Von: Katharina Metzger

8. Oktober

So fürchtet nun den HERRN und dient ihm treulich
und rechtschaffen und lasst fahren die Götter und dient dem HERRN.
Josua 24,14

Es ist ein historischer Moment in der Geschichte Israels. Moses hat Josua beauftragt, die Israeliten nach seinem Tod in das Gelobte Land zu führen. Darauf wurde er vierzig
Jahre lang vorbereitet. Nicht in Kriegsführung, sondern in der Ausrichtung seines Glaubens auf den einen Gott, wie in diesem Vers beschrieben, und an das Weitergeben dieser Verheissung an sein Volk. Gott hatte das Land Kanaan als Erbe und Besitz versprochen und die Grenzen genau festgelegt. Josua kommt die Aufgabe zu, dieses Reich zu gründen, um es in Frieden und Gerechtigkeit zu regieren.
Dieser Vers, ja das ganze Buch Josua, lässt sich nur schwer lesen, ohne an das Israel von heute zu denken. Denn es bildet diesen Brückenschlag zwischen Leid und Flucht und dem Ankommen in einem Land der Hoffnung. Im Neuen Testament wird Josua als «heiliger Mensch Gottes» beschrieben, der von Gott inspiriert war und vom Heiligen Geist getrieben sprach.
Wie sehr wünschten wir uns von den Führungspersonen, die heute über diese Region entscheiden, etwas mehr Weitsicht und Verantwortung. Die Bibel lehrt uns wie kein anderes Buch, dass jedes aktuelle Leid auch ein Leid für alle kommenden Generationen bedeutet. Nehmen wir dieses Bild von Josua an der Grenze in das Gelobte Land als Ermutigung zu einem Neuanfang für das heutige Israel.

Von: Esther Hürlimann

7. Oktober

Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen,
so hilf doch um deines Namens willen!
Jeremia 14,7

Nicht als willkürliches Geschick erlebt und deutet das Gottesvolk die grosse Dürre, unter der das Land und die Menschen leiden. Israel sieht das Elend als etwas, das es selbst auf sich gezogen hat. Die Not komme über Israel, weil es den Weg Gottes und die Weisungen des Ewigen verlassen hat. Und so ist die Trockenheit für Israel beides: eine berechtigte Anklage und Grund zur Klage. Beides legt Jeremia Gott vor. Der Prophet erlebt den Ewigen als schweigend und fern, weil er dem Unheil seinen Lauf lässt. Doch er hält Gott vor: Du bist doch Israels Gott und Retter, du musst es sein. Hilf uns nicht, weil wir wir sind, aber weil du du bist!
Darf und kann ich ein Wort aus jener grossen, dramatischen Zeit auf mein kleines Leben, meine privaten Dramen beziehen? Vielleicht so: Was ich unbedacht gesagt habe, holt mich jetzt ein. Ich erkenne mit Schrecken die Folgen dessen, was ich lieblos getan habe. Mein Freund wirft mir zu Recht vor, ich hätte ihn durch meine Gedankenlosigkeit verletzt. Meine Nachbarin stellt bitter fest, mein Entscheid bringe sie in eine verzwickte Lage. So «verklagen mich meine Sünden» –
und ich wüsste nicht, wie ich es wiedergutmachen könnte.
Ausser Gott hilft mir, beschenkt mich gnädig mit der Geistkraft, die das Unmögliche möglich macht.

Von: Benedict Schubert

6. Oktober

Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Jesaja 40,15

Können Sie sich vorstellen, wie das Leben in der kargen Steppenlandschaft an den Ausläufern der Nuba-Berge im Sudan ist, wohin Adam Husan mit seiner zwölfköpfigen Familie geflohen ist? Ich kann es nicht, auch wenn ich eine berührende Reportage lese, die sich um Adam und seine Kinder im sudanesischen Bürgerkrieg dreht. Ich erfahre von Zehntausenden Todesopfern, von elf Millionen vertriebenen und achtzehn Millionen hungernden Menschen.
«Völker», wie sie Jesaja nennt, stehen im Krieg miteinander, eigentlich sind es Kriegsherren, Interessengruppen, kleine und grössere imperiale Mächte. Unter ihnen leiden die Menschen im Sudan. Und uns im Norden kümmern diese Menschen kaum.
Gott, so Jesaja, misst den finsteren, gewalttätigen, ungerechten Mächten kein Gewicht bei, es sind Sandkörner auf der Waage. Er mache die Fürsten, die Mächtigen zunichte, heisst es ein paar Verse später. Ihr Unrecht steht gegen sein Recht. «Gott gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Ohnmächtigen.» Adam Husan muss da mitgemeint sein. Wie kann diese gewaltige Hoffnung bei ihm ankommen, wenn sein Sohn Ahmed nach einem Tag verzweifelter Nahrungssuche wieder nur ein paar Tamarindenblätter und Doumpalmenfrüchte nach Hause bringt?

Von: Matthias Hui

5. Oktober

Gott hat sein Volk nicht verstossen,
das er zuvor erwählt hat.
Römer 11,2

Schon in ihrer ersten Lebenshälfte, in der Zeit des Ersten Weltkriegs, machte sie sich – verbunden mit Menschen wie Martin Buber oder dem Anarchisten Gustav Landauer –unaufhörlich Gedanken, was ihre Rolle als Jüdin und als Frau in diesem Deutschland sei. Woran war der Wille Gottes im Krieg und in den Revolutionen erkennbar? Wozu könnte er jüdische Menschen in diesen grossen Umbrüchen auserwählt haben? Die Religionsphilosophin Margarete Susman liessen diese Fragen nach der Shoah, der sie durch Flucht früh entkommen war, in ihrer kleinen Dachstube in Zürich erst recht nicht mehr los.
Als alte Frau, der Kalte Krieg war bereits im Gang, ein
Staat Israel entstanden, schrieb sie zum Schicksal des Volkes Gottes: «Diese Erwählung wird verständlich allein im Lichte des Glaubens an das Kommen des Reiches, die eins ist mit dem Glauben an die Gerechtigkeit, deren Verwirklichung Israel verheissen und zu der es aufgerufen ist.» Sich erwählt wissen würde dann also bedeuten: vorangehen im
Glauben – und im alltäglichen Kämpfen – für Gerechtigkeit für alle. Teilnehmen an der Revolution Gottes, wie sie auch sagte. Es anders machen als die Mächtigen der Welt. Und daran schliesst für die Jüdin sogar ausdrücklich – wie für Paulus –
auch die Botschaft Christi an.

Von: Matthias Hui