Kategorie: Texte

6. September

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und
vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern
auf deine grosse Barmherzigkeit.
Daniel 9,18

So ein unscheinbarer Vers in einem grossen apokalyptischen Universum – in diesem Fall geht es um den Propheten Daniel. Auch hier viele grosse Worte: Gerechtigkeit, Vertrauen, Barmherzigkeit. Erinnert irgendwie an die tägliche Wortdusche im deutschen Wahlkampf für diverse Parlamente.
Die Entstehungszeit des Buches Daniel wird zwischen dem sechsten und dem ersten vorchristlichen Jahrhundert verortet – je nachdem, wem man glaubt!
Etwas glauben, so wissen wir und der Autor des Verses, hängt vom Vertrauen zum «Verkündenden» ab. Auch für das Festhalten an Gerechtigkeit musst du vertrauen. In unserem Rechtssystem können wir der unabhängigen Rechtsprechung vertrauen. Auch wenn Urteile manchmal als ungerecht empfunden werden.
Unser Gebet vertraut darauf, dass es etwas bewirkt. Unsere Erklärungsansätze sind in der Regel etwa nebulös. Wir richten sie an «Gott», den wir nicht wirklich fassen können. Aber wir kennen eigenes und viel fremdes Erleben, das die Wirksamkeit von Gebet bezeugt. Hier setzt die Barmherzigkeit ein: Wir gestehen uns und anderen zu, dass es in unserem kleinen Universum eine nicht definierbare Kraft gibt, die uns solidarisch verbindet und unser tiefes Sehnen und Wünschen in eine gleiche Richtung lenkt. Wir nennen diese Kraft Gott und geben ihr viele Bilder.

Von: Rolf Bielefeld

5. September

Hilf deinem Volk und segne dein Erbe und weide
und trage sie ewiglich!
Psalm 28,9

Man hat den Psalm 23 im Ohr, mit dem ein Mensch sein Vertrauen ausdrücken kann: «Der HERR ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.» Fünf Psalmen später herrscht eine andere Stimmung. Der Psalm 28 hält Worte bereit für Menschen, die an Gott zweifeln. Kann es sein, dass Gott gar nichts hört? Kann es sein, dass Gott gar nichts sagt? Wird der Tod das letzte Wort haben? (Vers 1) Muss es dem Beter gleich gehen wie den ungerechten Menschen, die zwar friedliche Worte reden, aber in ihrem Innersten böse Pläne machen? (Vers 3) Im letzten Teil des Psalms geschieht ein Umschwung. Der Betende dankt dafür, dass Gott sein Rufen gehört hat. Nun stimmt das Gebet ins Vertrauen ein, das im Bild vom Hirten steckt. Das Volk Israel hat in seiner Geschichte erfahren, dass die Hoffnung berechtigt ist. Gott ist wie ein fürsorglicher Hirte. Das Volk ist seine Herde, mit der er auf dem Weg ist. «Hilf deinem Volk zur Freiheit. Segne die, welche dir als dauerhaftes Eigentum gehören. Hüte und trage sie wie ein guter Hirte, für alle Zeit.»
Im Lied «Grosser Gott, wir loben dich» ist der Losungsvers nachgedichtet. «Sieh dein Volk in Gnaden an; hilf uns, segne, Herr, dein Erbe; leit es auf der rechten Bahn, dass der Feind es nicht verderbe. Führe es durch diese Zeit, nimm es auf in Ewigkeit.» (Lied 247,9)

Von: Andreas Egli

4. September

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Matthäus 6,31

Das Englische hat zwei verschiedene Wörter: to worry (sich Sorgen machen) und to care (für jemanden sorgen). Auf Deutsch wie auch in den biblischen Sprachen gibt es nur das einzige Wort «sorgen», aber mit verschiedenen Bedeutungen. Wo hat man gute Gründe, in einer gefährlichen Situation ängstlich und vorsichtig zu sein? Wo wären die besorgten Gedanken, die sich ständig im Kreis drehen, eigentlich nicht nötig? Wo ist es eine wichtige Aufgabe, sich mit Vorsorge und Fürsorge um Mitmenschen zu kümmern, die darauf angewiesen sind? Die Jesusworte in der Bergpredigt geben Hinweise, wie man zwischen den verschiedenen Arten von «sorgen» unterscheiden könnte. An erster Stelle soll das Vertrauen auf Gott stehen: «Euer himmlischer Vater weiss, dass ihr alle diese Dinge nötig habt.» (Vers 32) Was den unnötigen Sorgen eine Grenze setzen kann, ist schlicht die Nacht: «Macht euch keine Sorgen für den morgigen Tag.» Jeder Tag hat seine eigenen Sorgen, das ist genug. (Vers 34)
Der Liederdichter Niklaus von Zinzendorf regt mit zwei Wörtern zum Nachdenken an: sorgenfrei und sorgsam. «Gib mir deinen Geist, der so köstlich heisst, dass ich ohne Worte spreche, dass ich ohne Sturm zerbreche, dass ich sorgenfrei und doch sorgsam sei.» (Lied 815,3)

Von: Andreas Egli

3. September

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139,5

Da wird Geborgenheit angesprochen, ich bin geborgen und aufgehoben in Gott, behütet, gesegnet und geschützt.
Es ist Gnade und ein grosses Geschenk, das erfahren zu dürfen.
Eben waren Meldungen in der Zeitung, am Radio und
im Fernsehen, wonach alte und junge Menschen sich verlassen und einsam fühlen. Auch wurde berichtet, dass in erschreckendem Ausmass junge Menschen seelische Probleme hätten, an Ängsten und Depressionen litten.
Gott heilt zerbrochene Herzen, lernten wir gestern, und heute spricht die Losung von tiefer Geborgenheit. Alles kommt von Gott, doch was können wir dazu tun?
Die Seherin Hildegard von Bingen (12. Jh.) empfahl, melancholischen Menschen, die gebrochenen Herzens sind, täglich mehrmals tröstende, hoffnungsvolle Texte aus der Bibel vorzulesen. Die Losungen von heute und von gestern würden sicher dazugehören.
Noch heute brauchen wir ein ähnliches Vorgehen in der Psychotherapie. Wir fordern depressive, verzweifelte, sich schuldig fühlende Menschen auf, auf ihre Gedanken zu achten. Dann sollen sie neben jeden dunkeln Gedanken einen positiven setzen, was keine geringe Anstrengung ist. Wenn sich dann auf geheimnisvolle Weise und durch unser Dazutun die dunkle Wolke über dem Gemüt hebt, so geschieht uns eine mögliche Form (neben vielen anderen Formen) von Heilung.

Von: Kathrin Asper

2. September

Der HERR heilt, die zerbrochenen Herzens sind,
und verbindet ihre Wunden.
Psalm 147,3

Da gibt es also jemanden, der uns heilt; kein irdischer Arzt, keine Mutter, kein Vater. Es ist Gott selbst, der sich unserer Wunden annimmt.
Christian Science? Da müssten wir nie mehr zum Arzt gehen? Doch dies kann ja wohl nicht gemeint sein.
Lourdes: – und der Blinde kann wieder sehen und der Gelähmte gehen? Auch wenn es das geben mag, so überzeugt mich das nicht generell.
Was ich indes nachvollziehen und glauben kann, ist eine seelische Heilung. So kann Gott wohl heilen, wenn sich jemand zutiefst verloren und verlassen fühlt; abgründig traurig oder gehasst; verachtet und verängstigt. An die Heilung solcher seelischer Wunden kann ich glauben. Sie geschieht dann, wenn sich in der Tiefe der Seele andere Gefühle einfinden, solche der Zuversicht, der Hoffnung und des Vertrauens.
Solche Wandlungen zum Guten geschehen, und sie werden als Geschenk und Gnade erfahren. Da passt die heutige Losung durchaus hin. Gott kümmert sich um unser gebrochenes Herz und verbindet unsere Wunden.
Heute wird das oft nicht mehr mit Gott in Verbindung gebracht und man nennt die Wandlung anders. Welches Wort haben Sie dafür?

Von: Kathrin Asper

1. September

Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Habt Glauben an Gott!
Markus 11,22

Es waren nicht nur Jünger mit Jesus unterwegs. Es waren auch Jüngerinnen. Und was ist mit dem dritten Geschlecht? Ist Jesus für alle da? Oder nur für die Binären unter den Menschen? Ich getraue mich, in ein Wespennest zu stechen:
Wieso eigentlich? Wieso ist es noch immer das Thema Nummer eins in der christlichen Welt, wer mit wem ins Bett darf und ab wann? Es ist mir unverständlich. Jesus hat insbesondere Macht und Macht in Kombination mit Geld angeprangert; wer mit wem das Bett teilt, war nicht zuoberst auf seiner Liste von Gleichnissen. Auch können wir die Bibelverse, welche etwas über Beziehungen von damals aussagen, nicht einfach in unsere heutige Welt übertragen. Da braucht es schon ein wenig Übersetzungsarbeit. Ehe, Partnerschaft, das war zu Jesu Zeiten etwas ganz anderes als heute. Mein Vorschlag: Wenn zwei Menschen eine Beziehung eingehen, dann sollte das auf Augenhöhe sein, ohne ein Machtgefälle, egal, wer mit wem. Gilt eigentlich das «habt Glauben an Gott!» für alle oder nur für die einen oder die anderen? Ich glaube, dass wir als Christenmenschen schnell aufhören müssen mit diesem Schubladendenken, diesem Schwarz-Weiss oder diesem Drinnen-Draussen. Wir Christenmenschen glauben an den einen Gott, wir haben wohl nur unseren einen blauen Planeten, und alle Menschen auf diesem haben eine göttliche Abstammung. Alle Menschen sind mitgemeint!

Von: Markus Bürki

31. August

Jesus spricht: Selig, die Frieden stiften – sie
werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.

Matthäus 5,9

Die kunstvoll komponierte Bergpredigt entfaltet die Ethik
des Evangeliums. Indem er sie anspricht, wendet sich Jesus
den Ausgestossenen, Unterdrückten und Bedrängten zu, die
unter den Machtverhältnissen leiden. Zugleich verspricht er
ihnen, dass sie Trost finden und ihr Hunger nach Gerechtigkeit
gestillt wird. Und Jesus spricht zugleich jene Menschen
an, die bereits ein Stück des Himmels auf die Erde bringen,
indem sie der Gewalt entsagen und Frieden stiften.
Den Textrhythmus gibt das Schlüsselwort «selig» vor. Es
weist über das Diesseits hinaus und ist zugleich darin präsent.
Seligkeit habe mit Frieden zu tun, sagte der Schriftsteller
Lukas Bärfuss einmal in einem Interview mit der Zeitung
«reformiert.». Ein Friede, der nicht ausschliesslich sozial zu
verstehen sei. «Es ist vor allem ein innerer Friede, Stille, die
Abwesenheit von Lärm gehört zum Seligen.»
Wer Frieden stiften will, muss zuerst in sich selbst ruhen und
den eigenen Frieden gefunden haben. Insofern ist die Seligkeit
der Friedensstifterinnen und Friedensstifter, die Jesus
in die Gottesfamilie aufnimmt, nicht nur ein Versprechen.
Sie ist auch die Voraussetzung dafür, mit Liebe zu versöhnen,
wo der Hass regiert, und mit Zuwendung zu einen, wo
Zwietracht herrscht.

Von: Felix Reich

30. August

Weil wir zu Christus gehören, wurden wir als Erben
eingesetzt – so wie Gott es im Voraus bestimmt hat.
So hat er es beschlossen, der ja alles bewirkt.
Nach seinem Willen sollte es geschehen.
Epheser 1,11

Der Glaube ist ein Geschenk. Er ist Gnade. Und zuweilen
ist der Glaube ein Gehen auf schwankenden Brettern, ein
zähes Ringen um Zuversicht, ein zartes Pflänzchen, das zu
verdorren droht. Der Zuspruch, dass zu Christus gehört, wer
das Evangelium vertrauend aufnimmt, nährt den Glauben.
Genauso wie die Gewissheit, im Glauben nicht allein zu sein.
Wenn die Worte fehlen, geben überlieferte Gebete und vertraute
Lieder Halt. Gegen die Angst, den Glauben zu verlieren,
hilft die Gewissheit, dass andere am Glauben festhalten.
Zum Glauben gehört das Handeln. Apostel Paulus ruft die
Christinnen und Christen dazu auf, als eine Gemeinschaft
von unterschiedlich talentierten Menschen das Böse in der
Welt durch das Gute zu überwinden und verkrustete Strukturen
durch die Liebe von innen aufzubrechen.
Dass all das «nach seinem Willen» geschehen soll, ist
Zuspruch und Aufforderung zugleich. Die Gewissheit, als
Erbinnen und Erben eingesetzt zu sein, schenkt Vertrauen.
Gottes Willen, der nach Frieden und Versöhnung, Würde
und Liebe strebt, in der Welt wirksam werden zu lassen, ist
jedoch die Aufgabe der Menschen.

Von: Felix Reich

29. August

Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine
Jungen zu Gott rufen und irrefliegen, weil sie nichts
zu essen haben?
Hiob 38,41

Hiob hat alles verloren. Familie, Gesundheit, Hab und Gut.
Die drei Freunde, die selbstgerechte Erklärungen statt Mitleid
für ihn übrighatten, erzürnten ihn derart, dass er zur
grossen Anklage gegen Gott anhob. Er soll sich zeigen und
sich rechtfertigen. Der Wunsch wird erfüllt. «Und der Herr
antwortete Hiob aus dem Sturm.» (Hiob 38,1)
Allerdings liefert Gott keine Antworten. Vielmehr bombardiert
er Hiob mit Fragen, um ihm die kümmerliche
Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis vor Augen zu
führen. Im Licht des Prologs ein irritierender Auftritt: Gott,
der sich als vielbeschäftigter Lenker des Kosmos inszeniert,
liess sich doch eigentlich vom Satan zu einer abgründigen
Wette hinreissen mit der Existenz des frommen Hiob als Einsatz.
Obwohl Gott die Bühne betritt, erhellt er das Warum
der Tragödie nicht.
Am Ende wird Hiob zwar rehabilitiert und geheilt und erhält
Schadenersatz. Die Freunde stellt Gott in den Senkel. Ein
Happy End ist das trotzdem nicht, denn der Grund für das
Leid bleibt verborgen, Erklärungen taugen nichts. Wenn die
Geschichte dennoch eine Moral hat, so vielleicht jene, dass
das Leid keine Moral hat. Und: Gott mag unberechenbar und
unverfügbar sein, aber er steht immer an der Seite der Opfer.

Von: Felix Reich

28. August

So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf,
den HERRN, euren Gott, zu suchen.
1. Chronik 22,19

Wenn es bloss so einfach wäre, Herz und Sinn auf etwas
zu richten! Schon der Prophet wusste, dass das Herz «ein
trotzig und verzagt Ding» ist. Und in der Flut von Sinneseindrücken
– wie soll es mir da gelingen, meinen Sinn nicht
ablenken zu lassen, sondern mich zu konzentrieren, mich auf
die Mitte hin auszurichten?
In den Chronikbüchern wird David als der König Israels
dargestellt, der in allen Stücken Gottes Weisung befolgt und
Gottes Ehre sucht. Deswegen muss auch er es sein, der den
Tempelbau in die Wege leitet, den Standort festlegt, die
Pläne zeichnen lässt und die Finanzen besorgt. Salomo soll
bloss ausführen, was David begründet hat. Unsere Losung
ist der Abschluss von Davids grosser Ermahnung an Salomo.
David wendet sich an die «Oberen Israels» mit diesem Aufruf,
die Gottsuche zuoberst auf die Prioritätenliste zu setzen
und deswegen schliesslich den Tempel zu bauen.
Wer immer über die Jahrhunderte Gott gesucht hat, weiss:
Weil das Herz sich oft widerspenstig zeigt und der Sinn sich
so leicht in Zerstreuungen ablenken lässt, brauchen wir für
Gott geheiligte Orte in Raum und Zeit. Die können unterschiedlich
aussehen.
Wenn sie es uns bloss etwas leichter machen, unser Herz
und unseren Sinn immer wieder auf Gott auszurichten!
Denn von Gott kommt Licht, kommt Orientierung.

Von: Benedict Schubert