Kategorie: Texte

14. September

Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele. Psalm 94,19

Zunächst sind da Kummer, Schrecken und Angst. Sie gehören zum Leben. Ab und zu vielleicht auch das Gefühl, etwas verpasst zu haben. So zu leben oder gelebt zu haben, als ob die Lebenszeit ewig dauern würde. Dabei ist der Tod immer in nächster Nähe. Und dann diese Entdeckung: Der Moment des Kummers, des Schreckens und der Angst kann auch der Ort sein, wo eine neue Hoffnung geboren wird; wo der Sehnsucht nach Geborgenheit plötzlich Flügel wachsen. Der Himmel, der kommt, grüsst schon die Erde, die ist.

In dem Moment, wenn sich Himmel und Erde küssen, verändert sich (fast) alles. Obwohl vieles bleibt, wie es ist, werden wir offen für neue Möglichkeiten des Lebens und des Vertrauens. Wo sich alles im Kreis gedreht hat, erkennen wir das Schlupfloch zum Aussteigen. Wo sich die Dunkelheit tief um uns gelegt hat, leuchtet ein Licht. Und dieses Licht verbindet uns mit dem göttlichen Licht, das tief in uns leuchtet (Johannes 1,9).
Überleg doch mal: Welche Tröstungen Gottes hast du in deinem Leben schon erfahren? Was hat dich erfrischt, als
du erschöpft warst? Hast du Zugang zu dieser Quelle?

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

13. September

Beweise deine wunderbare Güte, du Heiland derer,
die Zuflucht suchen vor denen, die sich gegen deine rechte Hand erheben.
Psalm 17,7

Einer unserer Söhne wird in diesem Jahr eine junge Frau aus Istanbul heiraten. Darum haben wir die beiden um Anregungen gebeten, wie wir mehr über türkische Kultur und Traditionen lernen können. Sie empfahlen uns eine populäre Fernsehserie. Bis jetzt haben wir uns tatsächlich 154 Episoden angeschaut.
Vor diesem Hintergrund lesen wir die Losung. Offen gesagt klingen die Worte des Psalms 17,7 nicht anders als eine Reihe von Passagen des Skripts dieser Serie oder – andersherum gesehen – finden sich im Skript immer wieder Sätze, die an den Psalmvers erinnern.
Warum auch nicht?
Jüdische, christliche und islamische Gläubige sind alle gleichermassen Kinder Abrahams und schöpfen Wasser aus den gleichen Quellen. Das sollten wir niemals vergessen und deshalb Frieden unter den Kindern Abrahams fördern. Gerade jetzt …

Von: Barbara und Martin Robra

12. September

Helft dem Elenden und Bedürftigen zum Recht. Psalm 82,3

Sie waren es so gewohnt: Im Haus der Diakonie gab es Fahrkarten für den Nahverkehr, beim Pastor dahinter etwas Geld. «Pastor hintenliegend gibt Geld, fromm tun» verkündete ein «Gaunerzinken» am Bahnhof der Stadt. Als einer der Wohnungslosen auf Betteltour uns das erklärte, verstanden wir endlich, warum uns an der Pfarrhaustür immer wieder rührselige Geschichten erzählt wurden.
Das war der Moment, als wir begriffen, dass Mitleid und Barmherzigkeit nicht genug sind, solange sich nichts daran ändert, dass Menschen ihre Rechte auf Wohnung und materielle Hilfe verweigert werden. Helft den Elenden und Bedürftigen, aber helft ihnen zu ihrem Recht. Was das bedeutete und verlangte, lernten wir in den kommenden Jahren durch den Einsatz für eine professionelle Hilfe für Wohnungslose. Es gibt die Wohnungslosenhilfe Witten heute noch, und sie ist immer noch notwendig – leider.
Vor mangelnder Hilfsbereitschaft ist die Indifferenz den Rechten aller Menschen gegenüber, den Menschenrechten also, ein entscheidendes Problem sozialer Ordnung. Diese Rechte verlangen unsere Aufmerksamkeit und unseren Einsatz.

Von: Barbara und Martin Robra

11. September

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir
einen neuen, beständigen Geist.
Psalm 51,12

Auch wenn die Überschrift es suggeriert – der Psalm 51 kann nicht David nach seiner Affäre mit Bathseba zugeschrieben werden; sein Inhalt legt nahe, dass er erst Jahrhunderte später abgefasst wurde. So konfrontiert er auch mich mit der «Sünde», von der der Psalmsänger befreit werden möchte. Denn das, was hier gesagt wird, passt zu jedem Menschen: die Anerkennung, dass ein schuldloses Leben nicht möglich ist, und der innige Wunsch, von Schuld entlastet zu werden. «Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein, wasche mich, und ich werde weisser als Schnee» (Vers 9) ist ein heftiges Bittwort, genauso wie das heutige Wort. Ich erinnere mich gut, wie mich diese beiden Sätze schon als jungen Menschen sehr berührten. Sie eröffneten einen Weg, begangenes Unrecht im Gebet ohne Umschweife zuzugeben, weil ja die Aussicht bestand, dass dieses falsche Verhalten tatsächlich weggenommen werden kann. Der Psalmbeter erhofft sich das und baut darauf, ich tat und tue es ihm nach. Ich habe genügend Sensoren in mir, die mich wissen lassen, wann ich eine Sünde begangen habe (auch wenn mir der altschwere Begriff kaum über die Lippen kommt). Wann ich also ganz besonders auf Gottes Nähe und Befreiung angewiesen bin. Aber sie bewahren mich nicht vor neuer Schuld – da brauche ich dringend Gottes «neuen, beständigen Geist»!

Von: Hans Strub

10. September

Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde. Psalm 111,1

Die «Zwillingspsalmen» 111 und 112 sind ein kleines ABC des Glaubens respektive des Handelns. Eingeleitet wird es durch den Lobruf «Halleluja!» (Lobet Jahwe, den Herrn!) Damit beginnt jeder Glaube: mit einem tiefempfundenen Dank an die Kraft, die Leben schenkt und Leben begleitet und bewahrt. Das geschieht aber nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern in aller Öffentlichkeit. Freude und Dankbarkeit, dass ich einem solch grossartigen und einzigartigen Gott vertrauen darf, müssen geteilt werden. Im kleinen und im grossen Kreis. In der Gemeinschaft der Glaubenden wird der Glaube konkret: Ich finde mich eingebunden in eine Gemeinde von Ähnlichdenkenden, ich nehme Anteil an dem, was andere empfinden oder was anderen widerfährt. Es entsteht eine Solidarität, die mich einerseits verpflichtet, mich andererseits aber auch selber trägt. Glauben ist keine Privat-«Sache», sondern ist gelebtes Leben in Verbindung mit anderem Leben! Der gemeinsame Grund ist das Wissen um den geschenkten Boden für unser Sein im Zusammenspiel mit der Welt, die ebenfalls gegeben ist. Das ist also etwas, das unser ganzes Wesen und alle unsere Sinne und Glieder umfasst und fordert. Im Tageswort kommt das in der Formulierung «von ganzem Herzen» anschaulich zum Ausdruck: Wer glauben kann, nimmt Gott und die Welt mit Augen und Ohren und vor allem mit dem Herzen wahr!

Von: Hans Strub

9. September

Andreas findet seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Johannes 1,41

Stilistisch klingt dieses zweifache «Finden» holprig. Auf Deutsch würde man, um die Doppelung zu vermeiden, eher schreiben: «Andreas trifft seinen Bruder.» Doch im Johannesevangelium ist die Wiederholung bedeutsam. Zunächst «findet» Andreas seinen Bruder. Gleich anschliessend (Vers 43) «findet» Jesus Philippus, und dieser wiederum «findet» Nathanael (Vers 45). All dies geschieht scheinbar zufällig. In Wahrheit aber kommt hier ein kosmischer, allumfassender Prozess in Gang. Das Finden ist Resultat jener Suche, jener Sehnsucht, von der die Alten sungen: die Suche und Sehnsucht nach dem Messias, dem Gesalbten, dem himmlischen Gesandten, der Frieden bringt hier unten auf Erden.
Ganz am Schluss des Johannesevangeliums wird der Auferstandene den Jüngern sagen, sie sollen das Netz auf der anderen Seite auswerfen, dann werden sie «finden» (Johannes 21,6). Und tatsächlich finden die Jünger 153 Fische. Die merkwürdige Zahl bezieht sich vielleicht auf die antike Ansicht, es gebe 153 Fischarten. Jedenfalls beschreibt sie eine Ganzheit, eine Totalität. Hier, am Ende des Evangeliums, kommt der Findungsprozess, der im heutigen Lehrtext beginnt, zu seinem Ziel. Am Ende wird alles, wird das All gefunden sein.
Von: Andreas Fischer

8. September

Lehre mich rechtes Urteil und Erkenntnis,
denn ich vertraue deinen Geboten.
Psalm 119,66

Man denkt als Christ gern an Jesus, der am Sabbat Ähren ausriss, Kranke heilte, mit Zöllnern zechte und insgesamt oft die Gebote übertrat. Man denkt, besonders als Protestant, an Paulus’ und Luthers «Rechtfertigung allein aus Glauben, ohne Werke des Gesetzes». Man ist stolz auf die Freiheit des Christenmenschen, der nicht auf Gebote, sondern auf Jesus Christus vertraut, und fühlt sich überlegen.
Doch vielleicht ist dies alles Missverständnis und Mangel an «rechtem Urteil und Erkenntnis».
«Rechtes Urteil» im ursprünglichen Sinn des entsprechenden Worts im hebräischen Urtext bedeutet «Schmecken», wie man Honigkuchen (Exodus 16,31), Wein (Jeremia 48,11) und Gott selbst (Psalm 34,9) schmeckt. Das «Lernen» der Tora ist also ein ganzheitlicher Prozess, der «Schmecken» und «Erkenntnis» (auf Hebräisch klingt beides wortspielartig ähnlich: «Taam waDaat»), Sinnlichkeit und Verstand umfängt. Die Beziehung zur Tora und ihren Geboten insgesamt ist eben nichts Äusserliches, sondern «Konkretion des Vertrauens auf Gott» (Erich Zenger), welches den Alltag,
das ganze Leben durchdringt.
Eine solche Anleitung zu spirituellem Lernen wünschte ich mir manchmal im reformierten Jekami. Und für den heutigen Tag wünsche ich mir: Gottesgeschmack, Gotteserkenntnis.
Von: Andreas Fischer

7. September

Der Teufel führte Jesus mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Matthäus 4,8–10

Noch eine Heldengeschichte – und dann auch noch so lang! Der Held muss immer eine grosse Herausforderung bestehen, eine schöne Partnerin gewinnen und am Ende der strahlende Sieger sein. Unser Held bekommt das, was die Film- und Comic-Helden erkämpfen müssen, auf dem Silbertablett serviert und lehnt ab.
Wenn ich so darüber nachdenke, möchte ich auch nicht Superheld sein: um alles kämpfen müssen, immer obenauf sein, immer alles wissen und vorausgeplant haben, alle Ressourcen verfügbar machen und, und, und …
Ich möchte mit den Menschen um mich herum in Frieden und Harmonie leben, die Ressourcen der Erde verantwortlich nutzen, gehört werden, geliebt werden und selbst lieben.
Ich möchte mit Sinn leben!
All das, was ich so gerne möchte und versuche, hat Jesus bei seinem sehr herausfordernden traumatischen Erlebnis in der Wüste seinem Kontrahenten in anderen Worten und Bildern entgegengehalten. Leben – nicht nur existieren, Vertrauen – nicht fordern, Lieben – nicht herrschen.
Es ist doch so einfach.
Und doch sooooooo herausfordernd.

Von: Rolf Bielefeld

6. September

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und
vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern
auf deine grosse Barmherzigkeit.
Daniel 9,18

So ein unscheinbarer Vers in einem grossen apokalyptischen Universum – in diesem Fall geht es um den Propheten Daniel. Auch hier viele grosse Worte: Gerechtigkeit, Vertrauen, Barmherzigkeit. Erinnert irgendwie an die tägliche Wortdusche im deutschen Wahlkampf für diverse Parlamente.
Die Entstehungszeit des Buches Daniel wird zwischen dem sechsten und dem ersten vorchristlichen Jahrhundert verortet – je nachdem, wem man glaubt!
Etwas glauben, so wissen wir und der Autor des Verses, hängt vom Vertrauen zum «Verkündenden» ab. Auch für das Festhalten an Gerechtigkeit musst du vertrauen. In unserem Rechtssystem können wir der unabhängigen Rechtsprechung vertrauen. Auch wenn Urteile manchmal als ungerecht empfunden werden.
Unser Gebet vertraut darauf, dass es etwas bewirkt. Unsere Erklärungsansätze sind in der Regel etwa nebulös. Wir richten sie an «Gott», den wir nicht wirklich fassen können. Aber wir kennen eigenes und viel fremdes Erleben, das die Wirksamkeit von Gebet bezeugt. Hier setzt die Barmherzigkeit ein: Wir gestehen uns und anderen zu, dass es in unserem kleinen Universum eine nicht definierbare Kraft gibt, die uns solidarisch verbindet und unser tiefes Sehnen und Wünschen in eine gleiche Richtung lenkt. Wir nennen diese Kraft Gott und geben ihr viele Bilder.

Von: Rolf Bielefeld

5. September

Hilf deinem Volk und segne dein Erbe und weide
und trage sie ewiglich!
Psalm 28,9

Man hat den Psalm 23 im Ohr, mit dem ein Mensch sein Vertrauen ausdrücken kann: «Der HERR ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.» Fünf Psalmen später herrscht eine andere Stimmung. Der Psalm 28 hält Worte bereit für Menschen, die an Gott zweifeln. Kann es sein, dass Gott gar nichts hört? Kann es sein, dass Gott gar nichts sagt? Wird der Tod das letzte Wort haben? (Vers 1) Muss es dem Beter gleich gehen wie den ungerechten Menschen, die zwar friedliche Worte reden, aber in ihrem Innersten böse Pläne machen? (Vers 3) Im letzten Teil des Psalms geschieht ein Umschwung. Der Betende dankt dafür, dass Gott sein Rufen gehört hat. Nun stimmt das Gebet ins Vertrauen ein, das im Bild vom Hirten steckt. Das Volk Israel hat in seiner Geschichte erfahren, dass die Hoffnung berechtigt ist. Gott ist wie ein fürsorglicher Hirte. Das Volk ist seine Herde, mit der er auf dem Weg ist. «Hilf deinem Volk zur Freiheit. Segne die, welche dir als dauerhaftes Eigentum gehören. Hüte und trage sie wie ein guter Hirte, für alle Zeit.»
Im Lied «Grosser Gott, wir loben dich» ist der Losungsvers nachgedichtet. «Sieh dein Volk in Gnaden an; hilf uns, segne, Herr, dein Erbe; leit es auf der rechten Bahn, dass der Feind es nicht verderbe. Führe es durch diese Zeit, nimm es auf in Ewigkeit.» (Lied 247,9)

Von: Andreas Egli