Schlagwort: Madeleine Strub-Jaccoud

20. September

Wer den HERRN fürchtet, hat eine sichere Festung.
Sprüche 14,26

Oder wie die Zürcher Bibel übersetzt: «In der Furcht des
HERRN liegt feste Zuversicht, es wird auch den Kindern
eine Zuflucht sein.» Es ist wohl das Zusammenkommen
von «Furcht» und «Zuversicht», das mir auf die Sprünge
hilft. Denn eine Festung ist mit Angst, Verschlossenheit,
dicken Mauern verbunden. Die Zuversicht hingegen gibt
mir Raum und lässt mich mit einem geraden Rücken und
offenen Augen in die Welt blicken. Die Furcht vor Gott,
der Lebendigen, weist mich darauf hin, dass sie da ist, mitten
in meinem Leben. Das hat mit Angst nichts zu tun.
Vielmehr gibt mir das Vertrauen in dieses Dasein Gottes.
Dieses Vertrauen gibt Kraft. Und lässt manchmal nach, weil
vieles schiefläuft, weil sich Erschöpfung breit macht oder
ich einfach den Glauben verloren habe, dass unsere Welt
gerechter oder friedlicher werden könnte. So wird der Raum
auch da weit, wo er droht wegzufallen und mein Leben zu
einer Festung zu machen. In der Festung begegne ich keinen
Menschen, die mit mir den Weg gehen oder mir diesen gar
zeigen. Raum für meine Zuflucht und meine Zuversicht wird
mir doch so oft von Menschen eröffnet, denen ich begegne,
ein Lachen mit ihnen teile, ihnen in die Augen schaue mit
einem Wort oder zwei Sätzen als «Aufsteller».

Danke für alle Zuversicht, die von dir kommt.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

22. August

Der HERR, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren,
ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele
lieb habt.
5. Mose 13,4

Die Zürcher Bibel übersetzt anders: «Denn du sollst nicht auf
die Worte jenes Propheten oder auf jenen Träumer hören,
denn der HERR, euer Gott, stellt euch auf die Probe.» In Chiapas,
Mexiko, wurde ich jeden Tag gefragt, was ich geträumt
habe. Immer wieder durfte ich zu verstehen versuchen, was
dies bedeutet. Ganz habe ich es nie verstanden, aber gespürt,
dass die Dimension des Traums ernst genommen wird bei
der Gestaltung des Tages. Nun sagt uns der heutige Text,
dass sogenannte Träumer uns von der Lebendigen wegbringen
können. Auch Propheten sind gefährlich. Träume sollen
uns auf die Probe stellen. Ich bin der Überzeugung, dass es
Träume und Träume gibt. Ich will nicht aufhören, die Träume
zu leben, die mein Leben prägen, wie etwa das Einstehen
für Gerechtigkeit, gegen die Unterdrückung von Frauen, für
eine inklusive Gesellschaft. Sie entsprechen meinem Glauben
an die Lebendige. Aber ich werde durch Träumer auf
die Probe gestellt, etwa dann, wenn mich die viel zu vielen
Informationen erdrücken wollen. Der heutige Text ermutigt
mich, immer wieder zu unterscheiden zwischen dem, was in
meinen Augen dem Leben dient, und dem, was der Gerechtigkeit
im Wege steht. Die Lebendige hilft dabei!

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Ich will ihnen ein Herz geben, dass sie mich erkennen
sollen, dass ich der HERR bin.
Jeremia 24,7

Die Vision des Propheten richtet sich an die deportierten
Menschen. Ihnen will Jeremia Mut machen. Sie gehören, im
Bild des Propheten, zu den «guten Feigen im Korb». Sie sind
köstlich und erfreuen das Herz. Es ist, als ob die Menschen im
Exil mit den guten Feigen gleichgesetzt würden. Sie sollen in
ihrem Herzen Gott, die Lebendige, erkennen, ihr begegnen
und so lernen, dass sie ihr Gott ist. Und dies im Herzen. Denn
die Lebendige will alle Tränen abwischen und die Menschen
zurückführen in ihre Heimat. Die Vision sagt mir heute, dass
ich versuchen möchte, eine Beziehung zur Lebendigen aufzubauen.
Und dies mit dem Herzen. Es geht nicht so sehr um
die Einteilung der Menschen, das mag wohl für die Vision
wichtig gewesen sein, schliesslich trifft sie nur auf diejenigen
zu, die das Land verlassen mussten. Heute, gerade heute in
der zerrissenen Welt, soll mein Herz offen sein für die Kraft,
die von der Lebendigen kommt, damit ich die Augen offen
halten kann für die Menschen, die leiden. Denn ihre Tränen
sollen abgewischt werden. Vielleicht ist das die Erkenntnis,
dass Gott da ist, bei den Menschen und mit ihnen auf dem
Weg, auch wenn wir diesen nicht immer verstehen. Es geht
um die Erkenntnis im Herzen und den daraus entstehenden
Mut, am Glauben an das Leben festzuhalten.
Danke, Gott des Lebens, für dein Mitunssein.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Juli

Als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und
Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte:
«Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig»,
da erfüllte die Herrlichkeit des HERRN das Haus Gottes.
2. Chronik 5,13.14

Es ist die Zeit der Vollendung. Samuel versammelt das Volk,
mit viel Aufwand wird die Lade in das grosse Tempelweihefest
getragen. Da stimmen alle Instrumente und die Stimmen
der Menschen in das grosse Lob Gottes, der Lebendigen,
ein. Die Zürcher Bibel schreibt, dass sie mit einer Stimme
gesungen haben.
Die grosse Vollendung – wo feiern wir heute die Ankunft
an einem grossen Ziel? Und vor allem: Wo feiern wir gemeinsam,
dass wir angekommen sind, und gedenken mit einer
Stimme der Lebendigen und ihrer Zuwendung?
Wer sehnte sich nicht danach, gemeinsam den Frieden zu
feiern? Das Volk war auf dem Weg aus der Gefangenschaft
unterwegs und ist auf dem Weg geblieben, immer auch mit
Rückschlägen und Zweifeln. Es ist angekommen und feiert
die Lebendige, die immer mit ihrer Zuwendung mit den Menschen
unterwegs war. Und sie ist es auch heute; auf dem Weg
von uns allen zum Frieden. Lassen wir uns nicht abbringen
vom Ziel und bitten wir die Lebendige, mit uns zu sein, damit
die Menschen bald den gerechten Frieden feiern können.
Stärke du unser Vertrauen in den Weg und lass uns das Ziel
nicht aus den Augen verlieren.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Juli

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre. Psalm 62,8

Der erste Vers dieses Psalms war es, den meine über alles
geliebte Grossmutter jeden Tag betete: «Zu Gott allein
ist meine Seele still, von ihm kommt Hilfe.» Sie hatte ein
gutes, aber auch ein schwieriges Leben. Es war für mich als
Kind eindrücklich, ihre Stille zu erleben. Nie hat sie geklagt,
wenig hat sie erzählt, teilgenommen hat sie mit Freude und
Engagement an allem, was bei uns so lief. Daran denke ich
mit Dankbarkeit. Natürlich habe ich überhaupt nicht verstanden,
was gemeint ist mit jenem Satz. Aber es war jene
gefüllte Stille, die mich mitnahm. Es wäre mir auch nie in den
Sinn gekommen, nachzufragen. Und so geht es mir jetzt mit
dem heutigen Losungswort. Ein Vertrauen in Gott lese ich
daraus, eine Sehnsucht nach Heil. Es ist, als ob der Schreiber
des Psalms anstürmt mit seinem Glauben an die Lebendige,
anstürmt gegen Menschen, die Böses wollen: «Wie lange
wollt ihr noch morden?» (Vers 4) In einem Kommentar
lese ich zu diesem Psalm, er sei eine «Glaubensbastion». Ich
mag diesen militärischen Begriff nicht. Aber er drückt jenes
Festhalten an der Überzeugung aus, dass Gott, die Lebendige
und Ewige, Heil bringt, Heil den Menschen. Wir sehnen
uns nach dem Heilwerden unserer Welt, sehnen uns nach
Gerechtigkeit und Frieden. Die Sehnsucht genügt nicht. Es
braucht das Festhalten an der Überzeugung, dass die Lebendige
auf der Seite der Menschen und da ist für sie.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

22. Juni

HERR, gedenke doch an deinen Bund mit uns und
lass ihn nicht aufhören!
Jeremia 14,21

Es herrscht eine Dürre im Land. Kein Gras wächst, die Tiere
verhungern, alles ist leblos geworden. Jeremia erzählt Gott
davon, verzweifelt. Und immer wieder die Schuld, immer
wieder die falschen Propheten. Die Bitte um die Erinnerung
an den Bund, den Gott mit Mose geschlossen hat,
soll Gott davon überzeugen, Hilfe zu bringen. Aber Jeremia
bittet nicht konkret um Regen. Er bittet darum, dass Gott
den «Bund nicht aufhören lässt». Er bittet um die Lebendigkeit
der Beziehung zu Gott, der Lebendigen, bittet um
Erhalt der Zuwendung. Und das ist gerade das Schwierige:
Einerseits können wir der Lebendigen alle unsere ganz konkreten
Anliegen, unsere Bitten, auch die Bitte um Regen in
Somalia anvertrauen. Wir lernen aber auch, dass wir damit
unsere Beziehung zu Gott leben und ihm und ihr die Erfüllung
unserer Bitten überlassen müssen. Die Erinnerung an
den Bund lässt auch uns heute zuversichtlich sein. Denn
Gott, die Lebendige, wird ihn nicht vergessen. Das Leben,
Sterben und Auferstehen Jesu sind dafür der grosse, lebendig
machende Beweis. Darum: Hören wir nicht auf, um Regen
zu bitten. Setzen wir uns aber gleichzeitig mit aller Kraft
dafür ein, dass dem Klimawandel unser Verzicht und unser
erneuerter Lebensstil entgegengesetzt werden. Denn die
Erinnerung an den Bundesschluss soll uns ermutigen und
uns Kraft schenken.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Juni

Die Angst meines Herzens ist gross;
führe mich aus meinen Nöten!
Psalm 25,17

Sofort denke ich an Else Kähler, die ehemalige Studienleiterin
auf Boldern. Sie sagte mir vor langer Zeit bei einem Gespräch
zum Thema Angst: «Als ich ganz fest krank war, habe ich
gebetet, Gott solle mir die Angst wegnehmen. Das nützte
einfach nichts. Dann habe ich gemerkt, dass ich Gott bitten
sollte, in der Angst bei mir zu sein. Dann wurde ich gesund.»
Die Lebendige an meine Seite, sie ist da und hilft. Die Zürcher
Bibel übersetzt den heutigen Text so: «Ängste bestürmen
mein Herz, führe mich hinaus aus meiner Bedrängnis.» Es
ist wirklich ganz schlimm, wenn das Herz von der Angst
bestürmt wird. Dann wütet es in mir. Und es ist naheliegend,
zuerst einmal darum zu bitten, dass die Angst weggenommen
wird. Aber offenbar wird uns auch in unserem Text ein
anderer Weg empfohlen: «Führe mich aus meinen Nöten,
oder führe mich aus der Bedrängnis.» Gott, die Lebendige,
um ihre Führung zu bitten, heisst, ihr zuzutrauen, dass es
einen Weg gibt. Um die Führung anzunehmen und den Weg
zu gehen, braucht es mein Vertrauen und es braucht meine
Kraft, aufzubrechen und zu gehen und nicht in der Angst zu
verharren. Es braucht die Lebendige und es braucht mich.
Der Weg mag lang sein, aber er verspricht Heilung.
Danke, dass du immer mit uns gehst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Mai

Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit
einem willigen Geist rüste mich aus.
Psalm 51,14


David bittet Gott um Vergebung, Vergebung für das, was er
falsch gemacht hat. Er bittet darum, dass Gott ihn mit seiner
Hilfe erfreuen soll. Wenn ich den ganzen Psalm lese, dann
kommt mir die Bitte von David etwas einfach vor. Zwar sieht
er seine Schuld ein, bittet um ein reines Herz, aber, so mein
Verdacht, er kann einfach weitermachen wie bisher.
Wozu dient ihm, dient den Menschen der willige Geist? Der
Psalm soll keinen moralischen Anspruch haben, soll nicht
Menschen dazu bewegen, nach den Schattenseiten ihres
Lebens zu suchen und sich so zu verbergen. Aber er soll auch
kein Freipass sein, um einfach das zu tun, womit ich mich
verwirklichen kann. Vielmehr lädt der Psalm dazu ein, eine
lebendige Beziehung zu Gott, der Lebendigen, zu leben. Und
darin ist alles enthalten, was ein Leben ausmacht. Der willige
Geist als eigentliche Ausrüstung soll uns helfen, das zu tun,
was zu einem Leben in Fülle beiträgt. Und das ist das, was
nicht nur mir guttut, sondern in einer Beziehung steht zu
der Lebendigen und zu den Menschen und zur Schöpfung.
Und das führt unweigerlich zu den Menschen, die besonders
auf die Hilfe der Lebendigen und unser Engagement
angewiesen sind.
Schenke du uns deine Kraft und Zuwendung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Mai

Ich liess mich suchen von denen, die nicht nach mir
fragten, ich liess mich finden von denen, die mich nicht
suchten.
Jesaja 65,1


Nur nicht diesen Text auf heute beziehen, nur nicht die Menschen
einteilen – in diejenigen, die auf die Lebendige hören
und ihr Leben nach ihr ausrichten, und diejenigen, die dies
nicht tun. Jesaja nimmt gegen Ende seines prophetischen
Buches noch einmal das auf, was zu seiner Mission gehörte:
die Menschen vertraut zu machen mit dem Willen Gottes,
der Lebendigen. Und tatsächlich gab es Israeliten, die ihm
folgten, und solche, die das nicht taten. Und es kommt, wie
es muss: Das Gericht wird angesagt. Mir widerstreben solche
Einteilungen der Menschen. Natürlich möchte ich, dass
immer mehr Menschen ihre Kraft, ihre Weisheit, ihr Handeln,
ihr ganzes Leben in einer Beziehung zu Gott, der Lebendigen,
gestalten. Natürlich möchte ich, dass die daraus entstehende
Bewegung die Welt zum Guten verändert. Ich weiss aber
auch um die Freiheit, die den Menschen geschenkt ist. Und
ich lerne, immer auch wieder neu darauf zu vertrauen, dass
dort, wo ich gar nichts sehe oder ahne, Gottes Wille erfahrbar
wird. Etwa jetzt bei der Hilfsbereitschaft der Menschen
für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in der Türkei und in
Syrien. Und so ist das Suchen das, was ich entdecken möchte.
Ich suche nach der Lebendigen und andere suchen auch.
Ich vertraue darauf, dass sie sich finden lässt.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

15. Mai

Die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden:
Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für
seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.
Psalm 107,3.8


Die Lebendige sammelt die Menschen, die umherirren. Sie
irren umher in der Wüste, sind hungrig und durstig. Sie sind
in der Übersetzung der Zürcher Bibel die Armen. Gott, die
Lebendige, erlöst sie. Gnade und Wunder hat die Lebendige
vollbracht und Leben geschenkt. Ich schreibe diese Worte
einen Tag bevor sich der Einmarsch der russischen Truppen
in die Ukraine jährt. Er brachte unzähligen Menschen unermessliches
Leid und Zerstörung. Er trieb Millionen von Menschen
in die Flucht. Sie irrten umher, bevor sie Schutz fanden.
Ich kann mir die Situation der Menschen in der Ukraine nicht
vorstellen. Und ich kann mir das Leiden der Menschen in der
Wüste von Somalia ebenso wenig vorstellen. Ich bitte die
Lebendige um Gnade. Vielleicht ist es diese Bitte, die mich
den leidenden Menschen etwas näherbringt. Sie harren aus,
versuchen, ihr Leben so gut wie möglich zu gestalten, suchen
nach Wegen, sind beharrlich. Sie bitten, dass die Familien
wieder zusammengeführt werden, sie bitten um Leben. Und
ich bete beharrlich, mir meiner riesigen Privilegien bewusst.
Gemeinsam bitten wir vielleicht auch um Wunder.
Schenke du uns deine Gnade, damit es Frieden und Gerechtigkeit
gebe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud