Schlagwort: Esther Hürlimann

8. Juli

Jesus spricht: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Johannes 13,34

Ich wage zu behaupten, dass dieses eigentlich sehr schöne
Jesuswort über die Dringlichkeit der Liebe bis vor kurzem wie
ein beliebiger, leicht verkitschter Kalenderspruch spurlos an
mir abgeperlt wäre. Doch seit der Unfriede wieder mit aller
Wucht über unseren Globus herzieht und der Umgangston
auch in unserer eigenen Welt allgemein härter, kompromissloser,
ja hasserfüllter geworden ist, klingt «ich habe euch
geliebt, damit auch ihr einander liebt» nicht nur wie eine
Floskel.
Da wir wissen, wie sehr die Zeit Jesu von Krieg und ideologischen
Kämpfen geprägt war, erkennen wir mit heutigen
Augen ganz besonders die Stosskraft dieses Appells: die
bedingungslose Liebe als Basis für ein friedliches Zusammenleben.
Jesus spricht diese Worte nach dem letzten Abendmahl,
nachdem er seinen Jüngern die Füsse gewaschen hat.
Die gegenseitige Liebe unter den Menschen versteht er als
seine wichtigste geistige Hinterlassenschaft. Dieses letzte
Gebot ist die Essenz der christlichen Ethik, die in unserer
von Feindseligkeit geprägten Gegenwart eine neue Kraft und
Bedeutung erfährt. Wir sind mehr denn je gefordert, Grenzen
und Gegensätze zu überwinden und aufeinander zuzugehen.
Wir haben in jedem Gespräch und in jeder Begegnung
die Wahl, uns bewusst für diesen Weg zu entscheiden.

Von: Esther Hürlimann

7. Juli

Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR,
mein Gott! Jona, 2,7

Während ich diese Sätze schreibe, läuft im Norden Deutschlands
gerade die Rettungsaktion für einen gestrandeten
Buckelwal. Tierschützer und Veterinärinnen versuchen über
mehrere Wochen mit allen Mitteln, das in Netzen verhedderte,
stark geschwächte Tier aus einer Bucht zurück ins
offene Meer zurückzuführen. Daran musste ich unweigerlich
denken, als ich wieder einmal die Geschichte von Jona
las: der Prophet, dessen Leben plötzlich ausweglos scheint
und sich in Sinn- und Antriebslosigkeit verfangen hat, bis
er schliesslich im Sturm auf hoher See untergeht und von
einem grossen «Fisch» verschluckt wird. In dessen Bauch
betet er und schöpft neue Hoffnung, dass Gott ihn nicht
aufgegeben hat. Nachdem Jona vom Wal ausgespuckt worden
ist, beginnt er ein neues Leben.
Ob diese Geschichte von Jona die Menschen beschäftigte,
die sich für die Rückführung des Wals aus der Bucht ins Meer
engagierten? Ob sich hinter dieser übermässigen Tierliebe
die Hoffnung verbirgt, der ganzen Schöpfung zur Genesung
zu verhelfen? So sehe ich im bewundernswerten, aber auch
befremdlichen Rettungseifer die Hoffnung auf die Rückkehr
in eine intakte glückliche Existenz; in eine vollkommene
Zufriedenheit und Einigkeit mit sich selbst. Auch wenn wir
nicht genau wissen, was mit dem geretteten Wal geschah,
zeigt uns der Rettungsversuch die Verbundenheit des Menschen
mit der Schöpfung auf.

Von: Esther Hürlimann

8. Mai

Jesus sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im
Himmel und auf Erden. Matthäus 28,18

Dieser Vers irritiert, weil er aufs Erste so gar nicht «Jesuslike
» ist. Er erinnert uns zu sehr an die gegenwärtige Rhetorik
selbsternannter Herrscher, die sich weltweit vor uns aufplustern:
«Ich bin euer Chef und weiss, wo es langgeht!» Aus
einem solchen Jesuswort einen positiven Impuls zu ziehen,
ist auch deshalb eine Herausforderung, weil es uns zeigt, wie
die Bibel von weltlichen Mächten immer auch missbräuchlich
für die eigenen Interessen vereinnahmt wurde. Das trifft
auf diesen Matthäusvers ganz besonders zu, der zum sogenannten
Missionsauftrag gehört, worin Jesus seinen Jüngern
den Auftrag zur Mission und Taufe erteilt. Wir begegnen
in diesen Worten dem Fundament der weltweiten Kirche,
die diesen Auftrag zur Mission im Lauf ihrer Geschichte
dazu verwendete, Kolonialismus und Zwangsbekehrungen
zu rechtfertigen. Welche positiven Impulse können wir aus
dem Führungsanspruch von Jesus in heutiger Zeit gewinnen?
Wenn wir es als unsere Aufgabe betrachten, die christliche
Botschaft heute neu zu lesen und den damit verbundenen
«Missionsauftrag» für uns selbst neu zu verstehen, dann
kann das heissen, dass wir Jesus in seiner lebensbejahenden,
brückenbauenden Art erkennen. Dass wir die «Gewalt über
Himmel und Erde» als etwas verstehen, das niemanden ausschliesst
oder Einzelne privilegiert, sondern Grenzen überwindet
und Religionen verbindet. Dieser Gedanke tut im
Moment in unserer Welt grosse not.

Von: Esther Hürlimann

7. Mai

Am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und
ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und
betete dort. Markus 1,35

Vielleicht lesen Sie diesen Text auch «vor Tage», wenn das
Leben noch unverbraucht, neu und frisch ist? Ich mochte
diese ersten Morgenstunden schon als Kind, weil ich die Leere
und Ruhe der Räume dann nur für mich allein hatte, bevor
sie mit der Lebendigkeit der Geschwister geflutet wurden.
Später, als Mutter, genoss ich diese geborgene Stimmung vor
dem Aufwachen der Kinder ganz besonders, wenn alle um
mich herum noch schliefen, aber doch da waren, und die Last
des Alltags noch etwas draussen vor der Tür wartete. Heute
sind es jene ersten Morgenstunden, da mein Handy noch
aus ist und ich den Frieden meiner nächsten Umgebung auf
mich wirken lasse, bevor neue Schreckensmeldungen aus
der weiten Welt auf dem Display aufploppen und in mein
Leben dringen.
Ob es Jesus auch so ergangen ist? Ob ihm der Rummel um
seine Person manchmal nicht zu viel war? Ob er manchmal
genug hatte von all den Sorgen, die an ihn herangetragen wurden?
Ob er manchmal einfach auch froh war, dass er noch früh
am Morgen für sich allein war und einfach nur das tun konnte,
wonach es ihm gerade war? Nämlich allein für sich beten?
Dafür mag ich diesen Vers sehr, weil er uns – wie überhaupt
das ganze Markusevangelium – Jesus als einen Menschen
zeigt, der ähnlich empfindet und handelt wie wir.

Von: Esther Hürlimann

8. März

Jesus sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Lukas 19,5

Für diesen Vers nahm ich wieder einmal die Bibel in die Hand, um mir die Geschichte von Zachäus zu vergegenwärtigen, dem unbeliebten Zöllner aus Jericho, der mit den Römern kooperiert und sich mit betrügerischen Zöllen bei seinen Mitmenschen bereichert. Als Jesus in die Stadt kommt, klettert Zachäus auf einen Baum, wo er sich wegen seiner geringen Körpergrösse, aber auch um nicht gesehen zu werden, eine gute Sicht auf den Propheten verschafft. Zum Erstaunen aller erblickt Jesus den Zöllner von unten in seinem Versteck und lädt sich selbst zu ihm nach Hause ein. Der heutige Vers beschreibt einen Wendepunkt. Denn die Begegnung mit Jesus verändert nicht nur Zachäus, der seine betrogenen Mitbürger entschädigen wird, sondern auch die empörten Menschen, die erkennen, dass die Gnade und Liebe Gottes auch Aussenseitern und Ungerechten gilt. Wie aktuell ist dieses Bild für unsere heutige Welt, die voller Ungerechtigkeit ist, sodass wir nur noch Richtig oder Falsch und Gut oder Böse erkennen. Wie sehr sind wir im Moment gefordert, weiter an das Gute im Menschen zu glauben und ihm eine Veränderung zum Positiven zuzumuten. Die Geschichte von Zachäus und besonders dieser Vers lehrt uns diese Hoffnung, dass Veränderung jederzeit möglich ist. Dieser Hoffnung möchte ich heute besonders viel Raum geben.

Von: Esther Hürlimann

7. März

Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will. Psalm 114,2–3

Seien wir ehrlich: Aus diesem Satz spricht eine Überlegenheit, die stossend klingt. «Ihr Gott versus unser Gott.» Ist das nicht genau das, was wir nicht wollen? Unsere eigene Religion, Kultur und Zivilisation über andere stellen? Vom Sockel herab sagen: Unser Gott ist besser als eurer? Die Bibel erinnert uns leider immer wieder daran, dass religiöse Überzeugungen auch absolut verstanden werden können und andere ausschliessen oder sogar herabsetzen. Das lässt sich vielleicht so erklären, dass die Weltreligionen in Zeiten entstanden sind, da die Abgrenzung und Überhöhung gegenüber anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend war, was damals durchaus Sinn machte. Das Traurige daran aber ist, dass Religionen bis heute für politische oder ideologische Zwecke missbraucht werden, um Menschen zu unterdrücken und Gebiete zu erobern. Das friedliche Zusammenleben zwischen unterschiedlich lebenden Menschen und Völkern scheint mir so gefährdet wie noch nie, seit ich lebe. Wie sehr wünsche ich mir jenen Geist zurück, der den interreligiösen Dialog als Bereicherung empfand. Denn alle Religionen bieten auch universelle Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Gerechtigkeit, die als Basis für friedliches Zusammenleben dienen könnten.

Von: Esther Hürlimann

8. Januar

Jesus betete: Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Johannes 17,24

In diesem Gebet Jesu kommt etwas Urmenschliches zum Ausdruck, das unser Leben auf existenzielle Weise prägt: unser grosses Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen Menschen. Wir brauchen emotionale Nähe, um uns sicher zu fühlen. Nicht gesehen zu werden, ist die höchste Form der Einsamkeit. Der Wunsch nach Beziehung, so hat die Forschung herausgefunden, ist evolutionär bedingt deshalb so stark, weil der Mensch allein keine Überlebenschance hat. So feiern alle Weltreligionen die Gemeinschaft und das Zusammenleben in Familien, weil eine Gesellschaft ohne diesen Kitt aus Liebe und Solidarität nicht funktionieren kann.
Nun leben wir in einer Zeit, in der immer mehr Menschen «allein» leben. Freiwillig oder auch nicht. «Solo» heisst ein kürzlich erschienenes Buch, worin die Autorin ein neues Leben entdeckt, nachdem ihr Mann tödlich verunglückt ist. Andere Bücher gehen dem Phänomen auf den Grund, dass viele Menschen gar nicht mehr in fester Beziehung leben wollen, weil sie sich darin in alten Mustern oder toxischem Verhalten gefangen erleben. In diesem Zwiespalt zwischen Beziehungswunsch und Beziehungsangst ist es herausfordernd, zu erkennen, welche Menschen wirklich zu mir gehören und «meine Herrlichkeit sehen». Dieser Vers ermutigt uns, diesen Anspruch an eine Beziehung zu erheben.

Von: Esther Hürlimann

7. Januar

Wer die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. Johannes 3,21

Wahrheit ist ein grosser, aber auch schwieriger Begriff geworden in unserer Zeit, da die Frage, was denn richtig oder falsch ist, immer schwieriger zu beantworten ist. Obwohl oder vielleicht gerade weil wir immer mehr Wissen anhäufen, ist es umso anspruchsvoller geworden, uns zu orientieren, was uns guttut, welche Meinung wir vertreten oder wie wir einer Herausforderung begegnen sollen.
Und doch sehnen wir uns nach einem inneren Kompass, der uns dabei hilft, Orientierung zu finden oder eine Haltung einzunehmen, die uns wahrhaftig erscheint im Sinne von richtig und echt.
Die Wendung «Wahrheit tun», wie sie in diesem Johannesvers steht, geht davon aus, dass Wahrheit nicht einfach etwas fest Gegebenes ist, das uns gepredigt wird, sondern etwas, das wir uns selbst aktiv täglich erarbeiten müssen. Wahrheit tun ist aber auch nicht irgendein beliebiger Akt, sondern mit dem Anspruch verbunden, dass wir dem Kern unserer eigenen Wahrheit, und möge sie noch so unbequem sein, ständig weiter begegnen.
Diesen Vers lese ich als Aufruf, unserer eigenen Wahrheit täglich nachzuspüren, als wäre es eine Entdeckungsreise zu uns selbst: erwartungsfrei, unverblümt, leidenschaftlich, versöhnlich.

Von: Esther Hürlimann

8. November

Jesus sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir
nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben. Johannes 8,12

Wir nähern uns der Jahreszeit, da die Tage immer kürzer
werden, und die Zeit, die wir im Finstern verbringen, wächst.
Klar, wir haben das elektrische Licht oder wir geniessen es
sogar, die früh eindunkelnden Abende mit Kerzen oder
Lichtschmuck zu verschönern, die uns die Dunkelheit etwas
vergessen lassen. Aber ersetzen diese künstlichen Lichtquellen
die Helligkeit eines Sommertages oder die Strahlkraft
der Sonne?
Diese Worte sprach Jesus anlässlich des Laubhüttenfests.
Es ist das letzte Fest im Jahr, das an die Wüstenwanderung
Israels und den Auszug aus Ägypten erinnert. Die Erzeugung
von Licht, das die Feuersäule symbolisiert, die dem jüdischen
Volk die Richtung zeigte, ist ein wichtiger Bestandteil des
Zeremoniells. Dazu wurden im Tempel grosse Leuchter aufgestellt,
die in ganz Jerusalem sichtbar waren.
Jesus will sagen: Das göttliche Licht ist mehr als das. Er identifiziert
sich mit diesem Licht, das die Dunkelheit vertreibt
und Orientierung im Leben gibt. Wer ihm folgt, «der wird
nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des
Lebens haben». Ich wünsche uns allen auch in dieser düsteren
Jahreszeit eine Lichtquelle, die Klarheit, Halt und Wärme
in unser Leben bringt.

Von: Esther Hürlimann

7. November

Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle,
die nach dir fragen. Psalm 40,17

Dieser Vers steht aufs Erste etwas allein, ja fast nichtssagend
da, denn wie soll das gehen: sich einfach so freuen und fröhlich
sein aus dem Nichts? So nahm ich die Bibel hervor, um zu
begreifen, was denn dem Autor Anlass gibt, sich so an Gott
zu freuen. Es muss doch einen Grund geben! Doch bevor ich
nach dem Psalm zu suchen begann, bemerkte ich, dass mir
ein unauffälliges Detail entgangen war: Die gute Laune gilt
all jenen, «die nach dir fragen». Reicht das wirklich, einfach
nur nach Gott zu fragen? Kein Lobpreisen, kein Danken, kein
Anbeten, ja auch kein Studieren und Suchen nach Antworten!
Sich einfach nur am Fragen freuen.
Ich muss unweigerlich an Bob Dylans bekannten Song
«Blowin’ in the Wind» denken. Ein Lied aus lauter Fragen wie
etwa: «Wie oft muss ein Mensch in den Himmel schauen,
bis er den Himmel sehen kann?», «Wie viele Jahre muss ein
Berg existieren, bevor er ins Meer gespült wird?», aber auch:
«Wie oft müssen die Kanonenkugeln fliegen, bevor sie für
immer verboten werden?» Fragen, die uns teils unsinnig vorkommen,
aber auch Fragen, die uns Anlass zur Verzweiflung
geben und mit dem Refrain erwidert werden: «The answer
is blowin’ in the wind.»
Wieso also die grossen Fragen heute nicht einfach mal
etwas leichter, ja vielleicht fröhlicher nehmen und alle möglichen
Antworten dem Wind überlassen? Ich werde es probieren.

Von: Esther Hürlimann