Schlagwort: Esther Hürlimann

8. September

Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen! Offenbarung 22,21

Das Wort Gnade scheint etwas aus der Zeit gefallen. Und es ist uns auch nur noch in religiösem Kontext geläufig. Daher wissen wir gar nicht so recht, was wir damit anfangen sollen, wenn wir «die Gnade des Herrn Jesus» angeboten bekommen. In der christlichen Theologie wird die Gnade Gottes als Liebe und Vergebung für den Menschen verstanden. Ver-gleichbar mit der bedingungslosen Elternliebe, müssen wir nichts leisten oder liefern, um Gnade zu erfahren. Wie unter einem Schutzschild sind wir von jeglicher Erwartungshaltung und Bewertung befreit.

Eigentlich ein wunderschöner Gedanke! So befremdlich mich dieser Vers aufs Erste anmutete, so grossartig finde ich beim Nachdenken darüber die Vorstellung, dass uns der christliche Glaube diesen wohlwollenden Raum der Gnade anbietet: nämlich angenommen zu sein, unabhängig von Status, Erfolg, Leistung, Verdienst und Vermögen. Ein Raum, den wir uns selbstständig erschaffen können, indem wir uns selbst gegenüber Gnade walten lassen, wo wir zu Strenge und Härte, Kritik und Selbstzweifel neigen oder es uns an Vertrauen und Wertschätzung uns selbst gegenüber fehlt. Die Gnade ist ein Geschenk des Glaubens an uns selbst und das Gute in uns allen. Dies möchte ich heute ganz besonders beherzigen, wenn ich mit mir unterwegs bin und auf alle Menschen um mich herum achte.

Von: Esther Hürlimann

7. September

Jesus ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihm: Talita kum! – das heisst übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! Und sogleich stand das Mädchen auf und
ging umher. Markus 5,41–42

Die Wundertaten von Jesus muten aus heutiger Sicht irritierend an. Zu glauben, dass mit nur ein paar Worten Kranke gesund, Tote lebendig und Aussätzige integriert werden, fällt uns schwer. «Talita kum» erscheint uns in diesem Vers wie ein Hokuspokus, das die Tochter des Jairus von den Toten erweckt. Etwas Unmögliches, das es so im echten Leben nicht geben kann. Doch ging es den Evangelisten nicht darum, Jesus als magischen Wunderheiler mit übermenschlichen Kräften darzustellen. Es ging nicht um Jesus selbst, sondern um die Not des Menschen und das Vertrauen auf Gott. Bereits im Judentum spielen Wundergeschichten eine vergleichbare Rolle – wie etwa die Teilung des Schilfmeers oder die Versorgung in der Wüste bei der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei. Die Wunder in der Bibel signalisieren: Die Welt, wie sie ist – voller Leid, Unrecht und Tod –, bleibt nicht so. Wundersames Geschehen weist auf eine von Gott erneuerte, gerechte Welt hin. Insofern ist der biblische Wunderglaube das Fundament für einen Glauben an eine bessere Welt. So können wir das «Talita kum!» als Botschaft lesen, das Lebendige über das Leblose zu stellen; der Hoffnung mehr Platz einzuräumen als der Verzweiflung; eine positive Lebenseinstellung zu bewahren, statt zu resignieren. Das möchte ich heute tun.

Von: Esther Hürlimann

8. Juli

Jesus spricht: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Johannes 13,34

Ich wage zu behaupten, dass dieses eigentlich sehr schöne
Jesuswort über die Dringlichkeit der Liebe bis vor kurzem wie
ein beliebiger, leicht verkitschter Kalenderspruch spurlos an
mir abgeperlt wäre. Doch seit der Unfriede wieder mit aller
Wucht über unseren Globus herzieht und der Umgangston
auch in unserer eigenen Welt allgemein härter, kompromissloser,
ja hasserfüllter geworden ist, klingt «ich habe euch
geliebt, damit auch ihr einander liebt» nicht nur wie eine
Floskel.
Da wir wissen, wie sehr die Zeit Jesu von Krieg und ideologischen
Kämpfen geprägt war, erkennen wir mit heutigen
Augen ganz besonders die Stosskraft dieses Appells: die
bedingungslose Liebe als Basis für ein friedliches Zusammenleben.
Jesus spricht diese Worte nach dem letzten Abendmahl,
nachdem er seinen Jüngern die Füsse gewaschen hat.
Die gegenseitige Liebe unter den Menschen versteht er als
seine wichtigste geistige Hinterlassenschaft. Dieses letzte
Gebot ist die Essenz der christlichen Ethik, die in unserer
von Feindseligkeit geprägten Gegenwart eine neue Kraft und
Bedeutung erfährt. Wir sind mehr denn je gefordert, Grenzen
und Gegensätze zu überwinden und aufeinander zuzugehen.
Wir haben in jedem Gespräch und in jeder Begegnung
die Wahl, uns bewusst für diesen Weg zu entscheiden.

Von: Esther Hürlimann

7. Juli

Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR,
mein Gott! Jona, 2,7

Während ich diese Sätze schreibe, läuft im Norden Deutschlands
gerade die Rettungsaktion für einen gestrandeten
Buckelwal. Tierschützer und Veterinärinnen versuchen über
mehrere Wochen mit allen Mitteln, das in Netzen verhedderte,
stark geschwächte Tier aus einer Bucht zurück ins
offene Meer zurückzuführen. Daran musste ich unweigerlich
denken, als ich wieder einmal die Geschichte von Jona
las: der Prophet, dessen Leben plötzlich ausweglos scheint
und sich in Sinn- und Antriebslosigkeit verfangen hat, bis
er schliesslich im Sturm auf hoher See untergeht und von
einem grossen «Fisch» verschluckt wird. In dessen Bauch
betet er und schöpft neue Hoffnung, dass Gott ihn nicht
aufgegeben hat. Nachdem Jona vom Wal ausgespuckt worden
ist, beginnt er ein neues Leben.
Ob diese Geschichte von Jona die Menschen beschäftigte,
die sich für die Rückführung des Wals aus der Bucht ins Meer
engagierten? Ob sich hinter dieser übermässigen Tierliebe
die Hoffnung verbirgt, der ganzen Schöpfung zur Genesung
zu verhelfen? So sehe ich im bewundernswerten, aber auch
befremdlichen Rettungseifer die Hoffnung auf die Rückkehr
in eine intakte glückliche Existenz; in eine vollkommene
Zufriedenheit und Einigkeit mit sich selbst. Auch wenn wir
nicht genau wissen, was mit dem geretteten Wal geschah,
zeigt uns der Rettungsversuch die Verbundenheit des Menschen
mit der Schöpfung auf.

Von: Esther Hürlimann

8. Mai

Jesus sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im
Himmel und auf Erden. Matthäus 28,18

Dieser Vers irritiert, weil er aufs Erste so gar nicht «Jesuslike
» ist. Er erinnert uns zu sehr an die gegenwärtige Rhetorik
selbsternannter Herrscher, die sich weltweit vor uns aufplustern:
«Ich bin euer Chef und weiss, wo es langgeht!» Aus
einem solchen Jesuswort einen positiven Impuls zu ziehen,
ist auch deshalb eine Herausforderung, weil es uns zeigt, wie
die Bibel von weltlichen Mächten immer auch missbräuchlich
für die eigenen Interessen vereinnahmt wurde. Das trifft
auf diesen Matthäusvers ganz besonders zu, der zum sogenannten
Missionsauftrag gehört, worin Jesus seinen Jüngern
den Auftrag zur Mission und Taufe erteilt. Wir begegnen
in diesen Worten dem Fundament der weltweiten Kirche,
die diesen Auftrag zur Mission im Lauf ihrer Geschichte
dazu verwendete, Kolonialismus und Zwangsbekehrungen
zu rechtfertigen. Welche positiven Impulse können wir aus
dem Führungsanspruch von Jesus in heutiger Zeit gewinnen?
Wenn wir es als unsere Aufgabe betrachten, die christliche
Botschaft heute neu zu lesen und den damit verbundenen
«Missionsauftrag» für uns selbst neu zu verstehen, dann
kann das heissen, dass wir Jesus in seiner lebensbejahenden,
brückenbauenden Art erkennen. Dass wir die «Gewalt über
Himmel und Erde» als etwas verstehen, das niemanden ausschliesst
oder Einzelne privilegiert, sondern Grenzen überwindet
und Religionen verbindet. Dieser Gedanke tut im
Moment in unserer Welt grosse not.

Von: Esther Hürlimann

7. Mai

Am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und
ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und
betete dort. Markus 1,35

Vielleicht lesen Sie diesen Text auch «vor Tage», wenn das
Leben noch unverbraucht, neu und frisch ist? Ich mochte
diese ersten Morgenstunden schon als Kind, weil ich die Leere
und Ruhe der Räume dann nur für mich allein hatte, bevor
sie mit der Lebendigkeit der Geschwister geflutet wurden.
Später, als Mutter, genoss ich diese geborgene Stimmung vor
dem Aufwachen der Kinder ganz besonders, wenn alle um
mich herum noch schliefen, aber doch da waren, und die Last
des Alltags noch etwas draussen vor der Tür wartete. Heute
sind es jene ersten Morgenstunden, da mein Handy noch
aus ist und ich den Frieden meiner nächsten Umgebung auf
mich wirken lasse, bevor neue Schreckensmeldungen aus
der weiten Welt auf dem Display aufploppen und in mein
Leben dringen.
Ob es Jesus auch so ergangen ist? Ob ihm der Rummel um
seine Person manchmal nicht zu viel war? Ob er manchmal
genug hatte von all den Sorgen, die an ihn herangetragen wurden?
Ob er manchmal einfach auch froh war, dass er noch früh
am Morgen für sich allein war und einfach nur das tun konnte,
wonach es ihm gerade war? Nämlich allein für sich beten?
Dafür mag ich diesen Vers sehr, weil er uns – wie überhaupt
das ganze Markusevangelium – Jesus als einen Menschen
zeigt, der ähnlich empfindet und handelt wie wir.

Von: Esther Hürlimann

8. März

Jesus sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Lukas 19,5

Für diesen Vers nahm ich wieder einmal die Bibel in die Hand, um mir die Geschichte von Zachäus zu vergegenwärtigen, dem unbeliebten Zöllner aus Jericho, der mit den Römern kooperiert und sich mit betrügerischen Zöllen bei seinen Mitmenschen bereichert. Als Jesus in die Stadt kommt, klettert Zachäus auf einen Baum, wo er sich wegen seiner geringen Körpergrösse, aber auch um nicht gesehen zu werden, eine gute Sicht auf den Propheten verschafft. Zum Erstaunen aller erblickt Jesus den Zöllner von unten in seinem Versteck und lädt sich selbst zu ihm nach Hause ein. Der heutige Vers beschreibt einen Wendepunkt. Denn die Begegnung mit Jesus verändert nicht nur Zachäus, der seine betrogenen Mitbürger entschädigen wird, sondern auch die empörten Menschen, die erkennen, dass die Gnade und Liebe Gottes auch Aussenseitern und Ungerechten gilt. Wie aktuell ist dieses Bild für unsere heutige Welt, die voller Ungerechtigkeit ist, sodass wir nur noch Richtig oder Falsch und Gut oder Böse erkennen. Wie sehr sind wir im Moment gefordert, weiter an das Gute im Menschen zu glauben und ihm eine Veränderung zum Positiven zuzumuten. Die Geschichte von Zachäus und besonders dieser Vers lehrt uns diese Hoffnung, dass Veränderung jederzeit möglich ist. Dieser Hoffnung möchte ich heute besonders viel Raum geben.

Von: Esther Hürlimann

7. März

Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will. Psalm 114,2–3

Seien wir ehrlich: Aus diesem Satz spricht eine Überlegenheit, die stossend klingt. «Ihr Gott versus unser Gott.» Ist das nicht genau das, was wir nicht wollen? Unsere eigene Religion, Kultur und Zivilisation über andere stellen? Vom Sockel herab sagen: Unser Gott ist besser als eurer? Die Bibel erinnert uns leider immer wieder daran, dass religiöse Überzeugungen auch absolut verstanden werden können und andere ausschliessen oder sogar herabsetzen. Das lässt sich vielleicht so erklären, dass die Weltreligionen in Zeiten entstanden sind, da die Abgrenzung und Überhöhung gegenüber anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend war, was damals durchaus Sinn machte. Das Traurige daran aber ist, dass Religionen bis heute für politische oder ideologische Zwecke missbraucht werden, um Menschen zu unterdrücken und Gebiete zu erobern. Das friedliche Zusammenleben zwischen unterschiedlich lebenden Menschen und Völkern scheint mir so gefährdet wie noch nie, seit ich lebe. Wie sehr wünsche ich mir jenen Geist zurück, der den interreligiösen Dialog als Bereicherung empfand. Denn alle Religionen bieten auch universelle Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Gerechtigkeit, die als Basis für friedliches Zusammenleben dienen könnten.

Von: Esther Hürlimann

8. Januar

Jesus betete: Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Johannes 17,24

In diesem Gebet Jesu kommt etwas Urmenschliches zum Ausdruck, das unser Leben auf existenzielle Weise prägt: unser grosses Bedürfnis nach Verbundenheit mit anderen Menschen. Wir brauchen emotionale Nähe, um uns sicher zu fühlen. Nicht gesehen zu werden, ist die höchste Form der Einsamkeit. Der Wunsch nach Beziehung, so hat die Forschung herausgefunden, ist evolutionär bedingt deshalb so stark, weil der Mensch allein keine Überlebenschance hat. So feiern alle Weltreligionen die Gemeinschaft und das Zusammenleben in Familien, weil eine Gesellschaft ohne diesen Kitt aus Liebe und Solidarität nicht funktionieren kann.
Nun leben wir in einer Zeit, in der immer mehr Menschen «allein» leben. Freiwillig oder auch nicht. «Solo» heisst ein kürzlich erschienenes Buch, worin die Autorin ein neues Leben entdeckt, nachdem ihr Mann tödlich verunglückt ist. Andere Bücher gehen dem Phänomen auf den Grund, dass viele Menschen gar nicht mehr in fester Beziehung leben wollen, weil sie sich darin in alten Mustern oder toxischem Verhalten gefangen erleben. In diesem Zwiespalt zwischen Beziehungswunsch und Beziehungsangst ist es herausfordernd, zu erkennen, welche Menschen wirklich zu mir gehören und «meine Herrlichkeit sehen». Dieser Vers ermutigt uns, diesen Anspruch an eine Beziehung zu erheben.

Von: Esther Hürlimann

7. Januar

Wer die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. Johannes 3,21

Wahrheit ist ein grosser, aber auch schwieriger Begriff geworden in unserer Zeit, da die Frage, was denn richtig oder falsch ist, immer schwieriger zu beantworten ist. Obwohl oder vielleicht gerade weil wir immer mehr Wissen anhäufen, ist es umso anspruchsvoller geworden, uns zu orientieren, was uns guttut, welche Meinung wir vertreten oder wie wir einer Herausforderung begegnen sollen.
Und doch sehnen wir uns nach einem inneren Kompass, der uns dabei hilft, Orientierung zu finden oder eine Haltung einzunehmen, die uns wahrhaftig erscheint im Sinne von richtig und echt.
Die Wendung «Wahrheit tun», wie sie in diesem Johannesvers steht, geht davon aus, dass Wahrheit nicht einfach etwas fest Gegebenes ist, das uns gepredigt wird, sondern etwas, das wir uns selbst aktiv täglich erarbeiten müssen. Wahrheit tun ist aber auch nicht irgendein beliebiger Akt, sondern mit dem Anspruch verbunden, dass wir dem Kern unserer eigenen Wahrheit, und möge sie noch so unbequem sein, ständig weiter begegnen.
Diesen Vers lese ich als Aufruf, unserer eigenen Wahrheit täglich nachzuspüren, als wäre es eine Entdeckungsreise zu uns selbst: erwartungsfrei, unverblümt, leidenschaftlich, versöhnlich.

Von: Esther Hürlimann