Schlagwort: Barbara Heyse-Schaefer

22. August

Meine Zunge soll singen von deinem Wort; denn alle deine
Gebote sind gerecht. Psalm 119,172

Welche Lieder wollen wir singen? Die alte Redewendung
«Wes Brot ich ess, des Lied ich sing» erinnert daran, wie
sehr auch unser Gesang von dem geprägt ist, wovon wir uns
abhängig fühlen.
Erst recht in Glaubensdingen: In unsicheren Zeiten finden
viele bittende, sorgenvolle Töne ihren Weg nach oben. Doch
wenn sich das Leben zum Guten wendet, gerät das Danklied
leicht in Vergessenheit.
Der Dichter von Psalm 119 wählt bewusst ein anderes Lied.
Er erkennt, dass Gottes Hand ihn geführt und getragen hat.
Darum will er nicht schweigen, sondern mit froher Zunge
Gottes Gerechtigkeit besingen. Sein Brot ist mehr als das
tägliche Auskommen – es ist Gottes Güte, die ihn nährt.
So stellt sich auch uns die Frage: Welche Lieder sollen unseren
Alltag prägen? Kann unser Leben selbst zu einem Lied
werden – genährt von Dankbarkeit, getragen von Vertrauen,
offen für Spuren von Gottes Güte?
Von Anselm Grün habe ich gelernt, dass Dankbarkeit keine
spontane Stimmung ist, sondern eine Haltung, die wir einüben
können: das Gute im Alltag bewusst wahrnehmen –
auch im Unscheinbaren. Schritt für Schritt wächst ein inneres
Lied, das aus der Tiefe kommt. Vielleicht fängt es heute an – mit einem einzigen Ton des Dankes.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. August

Die Erlösten des HERRN werden heimkehren. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen. Jesaja 51,11

Wenn sich lange ersehnte Möglichkeiten auftun, wenn das
scheinbar Unmögliche plötzlich Wirklichkeit wird, dann sind
wir «wie die Träumenden» (Psalm 126).
Als die Generalsynode der Evangelischen Kirche in Österreich
im März 1980 unerwartet die Gleichstellung der Theologinnen
mit ihren männlichen Kollegen beschloss, war ich
wie im Taumel. Ich war damals eine junge Theologiestudentin
im vierten Semester. Meinem langjährigen Wunsch,
Pfarrerin zu werden, stand auf einmal nichts mehr im Weg.
Die folgenden Tage erlebte ich wie im Rausch – Freude pur!
Die vielen abwertenden Erklärungen, warum dieser Weg
für Frauen nicht möglich sei, verloren plötzlich ihre Macht.
Noch intensiver mögen die Deportierten in Babylon
gefühlt haben: Über lange Zeit hatten sie sich nach ihrer
Heimat gesehnt, hatten gehofft und gezweifelt. Und dann –
als der Perserkönig Kyros II. Babylon eroberte – öffnete sich
der Weg zurück. Nach Jahrzehnten der Verbannung durften
sie heimkehren. Freude, Staunen und Erleichterung waren
stärker als alles, was sie zuvor belastet hatte.
Vielleicht erleben wir solche Momente nur selten. Aber
wenn sie geschehen, verändern sie unseren Blick. Sie zeigen,
dass festgefahrene Grenzen nicht endgültig sind, dass sich
Wege öffnen können, wo wir keine sehen. Sie erinnern uns
daran, dass Hoffnung nicht vergeblich ist.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. Juni

So spricht der HERR: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät. Jeremia 2,2

Die Beziehung zwischen Gott und Jeremia ist keine romantische,
sondern eine tiefe, persönliche und oft schmerzhafte
Liebe.
Gott hat Jeremia schon im Mutterleib erkannt und erwählt
(Jeremia 1,5). Jeremia ist nicht zufällig Prophet – er ist gewollt.
Die Beziehung geht auf die einseitige Initiative Gottes zurück.
Jeremia ist zunächst überrumpelt.
Jeremia aber antwortet. Er lässt sich von Gott erwählen,
ja «verführen». Es ist eine Beziehung voller Nähe, in der Jeremia
sein Leid, seine Angst und Einsamkeit klagen kann
und Gott ihn tröstend hält, auch wo Jeremia verspottet,
verfolgt und ins Gefängnis geworfen wird.
Die Beziehung zwischen Gott und Jeremia (stellvertretend
für das Volk Israel) ist eine Liebe des Bundes – eine tiefe, existenzielle
Bindung zwischen Schöpfer und Berufenen.
«Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu
mir gezogen aus lauter Güte.» (Jeremia 31,3)
Vielleicht finden auch wir uns in diesen Worten wieder –
mit unseren eigenen Wüstenzeiten und der Erfahrung, dass
Gottes Nähe trägt.
Ich bin gemeint. Ich bin gewollt. Ich bin geliebt.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Juni

Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Jona 2,3

Ich durfte eine behütete und vertrauensvolle Kindheit erleben
und gehöre vielleicht deshalb zu den Menschen, die
Angst nicht allzu oft kennen.
Und doch gibt es sie – diese Momente der Furcht:
Plötzlich gerät mein Auto in einer Kurve ins Schleudern. Die
Mauer am Strassenrand kommt bedrohlich näher.
Ein Haus, in das ich einziehen will, beginnt zu wanken, droht
einzustürzen – ich schrecke hoch, schweissgebadet. Gott sei
Dank – nur ein Traum.
Oder die Schmerzen meiner schwer erkrankten Freundin,
die stärker werden. Die Beklemmung um ihr Leben fühlt sich
an, als griffen dunkle Mächte nach ihr. Es macht ihr Angst.
In solchen Augenblicken bleibt oft nur ein Ruf. Ein Stossgebet.
Ein schlichtes: «Himmel hilf! Gott, rette mich!»
Jona betet so – aus der Tiefe, aus der Not. Und Gott hört.
Stossgebete sind kein Zeichen schwachen Glaubens. Im
Gegenteil: Sie sind Vertrauen im Ausnahmezustand. Sie setzen
voraus, dass da einer ist, der hört.
Vielleicht sind sie die ehrlichsten Gebete überhaupt.
Kurz. Drängend. Wahr.
Und immer wieder zeigt sich: Ein Ruf genügt.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. April

Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. 2.Timotheus 3,16

Ein in Österreich lebender koreanischer Pfarrer fragte mich einmal, ob er an der Wiener Uni christliche Pädagogik lernen würde. Ich dachte an die lange Entwicklung der Pädagogik und ihre Loslösung von ihren christlichen Wurzeln – und verneinte. Doch im Gespräch wurde mir klar: Für ihn war vieles von dem, was hier gelehrt wird, zutiefst christlich. Moderne Pädagogik wurzelt nicht nur in der griechischen paideía, sondern auch im biblischen Menschenbild, das die unverlierbare Würde des Menschen, seine Lern- und Beziehungsfähigkeit sowie die Notwendigkeit von Orientierung, Korrektur und Vergebung betont.
Paulus erinnert seinen Schüler Timotheus daran, dass ihm für seinen Auftrag der Lehre und Gemeindeleitung bereits alles Wesentliche gegeben ist. Die Schriften der hebräischen Bibel sind ihm vertraut – und Paulus beschreibt sie mit Begriffen, die zutiefst pädagogisch sind: Lehre, Zurechtweisung, Besserung und Erziehung.
Das Ziel ist Persönlichkeitsbildung und Erziehung zur Gerechtigkeit. Letztere beginnt im Lernen von Empathie, zeigt sich im Schutz der Schwachen und mündet in ein Verständnis von Gerechtigkeit, das mehr meint als Gleichbehandlung, nämlich Chancengerechtigkeit, damit Leben gelingen kann.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. April

Gott, du bleibst, wie du bist, und deine Jahre
nehmen kein Ende. Psalm 102,28

Menschen straucheln und fallen, ihre Macht und ihr Einfluss sind vergänglich. Gott bleibt unveränderlich, beständig wie ein Fels, ewig in seinem Wesen, zuverlässig in seinem Handeln. Dieser Gedanke gibt vielen Menschen Halt und Stütze in unsicheren Zeiten.
Doch dieses Gottesbild ist mir persönlich zu unnahbar und zu unbeweglich. Die Bibel zeigt doch auch, dass Gott in der Beziehung mit uns Menschen «mitgeht». Es gereut ihn, er verändert sein Handeln als Antwort auf unser Denken und Handeln.
Gottes Wesen bleibt treu, aber sein Wirken zeigt Dynamik: Er begegnet uns in Liebe, Geduld und Gnade, angepasst an unsere Not, unsere Fragen und unsere Entwicklung.
So ist Gott nicht statisch, sondern in einer Beziehung zu uns erfahrbar. Er wächst mit uns, reagiert auf uns, lädt uns ein, zu antworten, zu lernen und zu handeln.
In dieser Spannung aus Beständigkeit und Beziehung liegt für mich Hoffnung: Wir können uns auf Gott verlassen, und zugleich dürfen wir erfahren, dass unser Gebet, unsere Begegnung mit ihm das Leben verändert – nicht nur unser eigenes.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. Februar

Die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Jesaja 29,19

Hilfe für die Ärmsten und Obdachlosen in Wien: Jeden zweiten Mittwoch fährt meine Freundin Bigi mit einem Caritas-Bus zu vier Plätzen an Wiener Bahnhöfen. Ein Team Freiwilliger kocht zuvor einen grossen Topf duftender Suppe, den sie gemeinsam mit einer zweiten Frau austeilt. Ganz niederschwellig – jede und jeder ist willkommen gratis auf eine warme Mahlzeit und ein Stück Brot.
Viele, die kommen, kämpfen mit Alkohol, doch sie lachen miteinander, geniessen das Zusammensein. Manchmal spielt jemand Musik, und es wurde sogar schon getanzt. Natürlich gibt es auch Kritik, wenn die Suppe einmal nicht so schmeckt.
Einer, der schon öfter wegen kleiner Delikte im Gefängnis war, verkauft nun den «Augustin», eine Strassenzeitung, produziert von obdachlosen Menschen. Er hat dadurch ein kleines Einkommen und neuen Halt gefunden.
Einmal traf Bigi einen ehemaligen Busbesucher – er hat nun Arbeit und eine Wohnung. Er hat es geschafft!
Jesajas Worte bekommen hier ein Gesicht: Wo arme und obdachlose Menschen Würde, Mitgefühl und Wärme erfahren, beginnt Hoffnung zu keimen. Bisweilen blitzt an dunklen Orten pure Freude auf. Was für eine grosse Vision, die Jesaja hier hatte – und wie nah sie manchmal schon ist!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Februar

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Jesaja 43,18–19

Beim Pflügen nicht zurückzuschauen – das ist Jesu und Jesajas gemeinsame Einladung. Gott ruft uns aus alten Gewohnheiten, Mustern und Erinnerungen, die uns festhalten. Wir sollen den Blick nach vorn richten und wahrnehmen, wo das Neue schon wächst, oft unscheinbar.
Glauben wir daran, dass wir uns wirklich verändern können? Frei werden von Süchten, von eingefahrenem Denken und Handeln? Unser Gehirn liebt das Bekannte – es spart Energie, indem es beim Alten bleibt. Darum braucht Erneuerung Bewusstheit: Momente, in denen wir anhalten, loslassen und Raum schaffen für Neues. Fasten kann so ein Übungsweg sein – ein zeitlich begrenzter Verzicht, der uns spüren lässt, dass Veränderung möglich ist.
Fehler gehören dazu. Sie sind nicht das Ende, sondern der Anfang von Wachstum. Wer Vertrauen hat, dass Gott Neues schafft, kann mutig ausprobieren, lernen, umkehren.
Das Neue wächst nicht aus uns, sondern aus Gottes schöpferischer Kraft. Unsere Aufgabe ist, es zu erkennen – dort, wo es klein beginnt: in einem neuen Gedanken, einer anderen Haltung, einem ersten Schritt. «Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt – ist das nicht ein Fingerzeig.» Die Hoffnung blüht – mitten im Winter.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

22. Dezember

Weh dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut –
wie lange wird’s währen? Habakuk 2,6

In Zeiten politischer und moralischer Krisen nehmen Gewalt,
Ausbeutung und Ungerechtigkeit zu. Menschen häufen
Reichtum, Macht oder Vorteile auf unrechtmässige Weise
an – damals in den Tagen Habakuks, genau wie heute.
«Wie lange wird’s währen?» Diese Frage erklingt als Weckruf,
als Warnung an die Täter und gleichzeitig als Hoffnungszeichen
für die Opfer. Wer sich auf Kosten anderer bereichert,
hat auf Sand gebaut. Die scheinbare Macht und der
angehäufte Besitz der Gewalttäter sind vergänglich – Gottes
Gerechtigkeit wird sie einholen, so sicher, wie der nächste
Morgen einer dunklen Nacht folgt!
Dieser Vers richtet den Blick auch auf uns selbst. Er fragt nach
unserer Haltung und Lebensweise:
Wo lebe ich vielleicht von «fremdem Gut» – nicht nur
materiell, sondern auch, indem ich mir Anerkennung, Zeit
oder Ideen anderer aneigne, ohne zu geben?
Bin ich dankbar und zufrieden mit dem, was Gott mir
anvertraut hat, oder treibt mich ein ständiges «Mehrhaben-
Wollen»?
Die Worte des Propheten laden uns ein, nicht auf den
kurzfristigen Vorteil zu setzen, sondern auf Gottes bleibende
Gerechtigkeit zu bauen.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

21. Dezember

Meine Hand hat alles gemacht, was da ist,
spricht der HERR. Ich sehe aber auf den Elenden
und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und
der erzittert vor meinem Wort. Jesaja 66,2

Der Anfang des 66. Kapitels des Jesajabuchs spannt den
Bogen von Gottes unermesslicher Grösse hin zu seiner achtsamen
Zuwendung zu den Geringen: Da ist einerseits dieser
gewaltige Thron Gottes – die Erde ist kaum mehr als der
Schemel (Vers 1)! Andererseits sind da die schwächsten Mitglieder
der Gattung Mensch: die Elenden, die zerbrochenen
Geistes sind und die, die vor seinem Wort erzittern. Niemand
ist zu klein, um von Gott gesehen zu werden.
Mich bewegen heute besonders die Zerbrochenen: Ich
denke an die Depressiven und Suizidgefährdeten. Ich denke
an die Freundin, die gerade eine tödliche Krebsdiagnose
erhalten hat. Ich denke an den Mann mit geistiger Behinderung,
der sich vor einer kleinen OP gewaltig ängstigt. Ich
denke an die Frauen, Kinder und auch Männer, deren Geist
durch unterschiedliche Formen von Gewalt gebrochen wird.
Die Liste in meinem Kopf ist lang …
Hilft es diesen Menschen, dass Gott sie sieht? Spüren sie
seine Nähe, seine Freundlichkeit, seine Menschenliebe?
Ich bete mit Psalm 92,11: Gott, schicke doch deine Engel,
dass sie sie behüten auf ihren so unterschiedlichen Wegen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer