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10. September

Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde. Psalm 111,1

Die «Zwillingspsalmen» 111 und 112 sind ein kleines ABC des Glaubens respektive des Handelns. Eingeleitet wird es durch den Lobruf «Halleluja!» (Lobet Jahwe, den Herrn!) Damit beginnt jeder Glaube: mit einem tiefempfundenen Dank an die Kraft, die Leben schenkt und Leben begleitet und bewahrt. Das geschieht aber nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern in aller Öffentlichkeit. Freude und Dankbarkeit, dass ich einem solch grossartigen und einzigartigen Gott vertrauen darf, müssen geteilt werden. Im kleinen und im grossen Kreis. In der Gemeinschaft der Glaubenden wird der Glaube konkret: Ich finde mich eingebunden in eine Gemeinde von Ähnlichdenkenden, ich nehme Anteil an dem, was andere empfinden oder was anderen widerfährt. Es entsteht eine Solidarität, die mich einerseits verpflichtet, mich andererseits aber auch selber trägt. Glauben ist keine Privat-«Sache», sondern ist gelebtes Leben in Verbindung mit anderem Leben! Der gemeinsame Grund ist das Wissen um den geschenkten Boden für unser Sein im Zusammenspiel mit der Welt, die ebenfalls gegeben ist. Das ist also etwas, das unser ganzes Wesen und alle unsere Sinne und Glieder umfasst und fordert. Im Tageswort kommt das in der Formulierung «von ganzem Herzen» anschaulich zum Ausdruck: Wer glauben kann, nimmt Gott und die Welt mit Augen und Ohren und vor allem mit dem Herzen wahr!

Von: Hans Strub

9. September

Andreas findet seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Johannes 1,41

Stilistisch klingt dieses zweifache «Finden» holprig. Auf Deutsch würde man, um die Doppelung zu vermeiden, eher schreiben: «Andreas trifft seinen Bruder.» Doch im Johannesevangelium ist die Wiederholung bedeutsam. Zunächst «findet» Andreas seinen Bruder. Gleich anschliessend (Vers 43) «findet» Jesus Philippus, und dieser wiederum «findet» Nathanael (Vers 45). All dies geschieht scheinbar zufällig. In Wahrheit aber kommt hier ein kosmischer, allumfassender Prozess in Gang. Das Finden ist Resultat jener Suche, jener Sehnsucht, von der die Alten sungen: die Suche und Sehnsucht nach dem Messias, dem Gesalbten, dem himmlischen Gesandten, der Frieden bringt hier unten auf Erden.
Ganz am Schluss des Johannesevangeliums wird der Auferstandene den Jüngern sagen, sie sollen das Netz auf der anderen Seite auswerfen, dann werden sie «finden» (Johannes 21,6). Und tatsächlich finden die Jünger 153 Fische. Die merkwürdige Zahl bezieht sich vielleicht auf die antike Ansicht, es gebe 153 Fischarten. Jedenfalls beschreibt sie eine Ganzheit, eine Totalität. Hier, am Ende des Evangeliums, kommt der Findungsprozess, der im heutigen Lehrtext beginnt, zu seinem Ziel. Am Ende wird alles, wird das All gefunden sein.
Von: Andreas Fischer

8. September

Lehre mich rechtes Urteil und Erkenntnis,
denn ich vertraue deinen Geboten.
Psalm 119,66

Man denkt als Christ gern an Jesus, der am Sabbat Ähren ausriss, Kranke heilte, mit Zöllnern zechte und insgesamt oft die Gebote übertrat. Man denkt, besonders als Protestant, an Paulus’ und Luthers «Rechtfertigung allein aus Glauben, ohne Werke des Gesetzes». Man ist stolz auf die Freiheit des Christenmenschen, der nicht auf Gebote, sondern auf Jesus Christus vertraut, und fühlt sich überlegen.
Doch vielleicht ist dies alles Missverständnis und Mangel an «rechtem Urteil und Erkenntnis».
«Rechtes Urteil» im ursprünglichen Sinn des entsprechenden Worts im hebräischen Urtext bedeutet «Schmecken», wie man Honigkuchen (Exodus 16,31), Wein (Jeremia 48,11) und Gott selbst (Psalm 34,9) schmeckt. Das «Lernen» der Tora ist also ein ganzheitlicher Prozess, der «Schmecken» und «Erkenntnis» (auf Hebräisch klingt beides wortspielartig ähnlich: «Taam waDaat»), Sinnlichkeit und Verstand umfängt. Die Beziehung zur Tora und ihren Geboten insgesamt ist eben nichts Äusserliches, sondern «Konkretion des Vertrauens auf Gott» (Erich Zenger), welches den Alltag,
das ganze Leben durchdringt.
Eine solche Anleitung zu spirituellem Lernen wünschte ich mir manchmal im reformierten Jekami. Und für den heutigen Tag wünsche ich mir: Gottesgeschmack, Gotteserkenntnis.
Von: Andreas Fischer

7. September

Der Teufel führte Jesus mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Matthäus 4,8–10

Noch eine Heldengeschichte – und dann auch noch so lang! Der Held muss immer eine grosse Herausforderung bestehen, eine schöne Partnerin gewinnen und am Ende der strahlende Sieger sein. Unser Held bekommt das, was die Film- und Comic-Helden erkämpfen müssen, auf dem Silbertablett serviert und lehnt ab.
Wenn ich so darüber nachdenke, möchte ich auch nicht Superheld sein: um alles kämpfen müssen, immer obenauf sein, immer alles wissen und vorausgeplant haben, alle Ressourcen verfügbar machen und, und, und …
Ich möchte mit den Menschen um mich herum in Frieden und Harmonie leben, die Ressourcen der Erde verantwortlich nutzen, gehört werden, geliebt werden und selbst lieben.
Ich möchte mit Sinn leben!
All das, was ich so gerne möchte und versuche, hat Jesus bei seinem sehr herausfordernden traumatischen Erlebnis in der Wüste seinem Kontrahenten in anderen Worten und Bildern entgegengehalten. Leben – nicht nur existieren, Vertrauen – nicht fordern, Lieben – nicht herrschen.
Es ist doch so einfach.
Und doch sooooooo herausfordernd.

Von: Rolf Bielefeld

6. September

Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und
vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern
auf deine grosse Barmherzigkeit.
Daniel 9,18

So ein unscheinbarer Vers in einem grossen apokalyptischen Universum – in diesem Fall geht es um den Propheten Daniel. Auch hier viele grosse Worte: Gerechtigkeit, Vertrauen, Barmherzigkeit. Erinnert irgendwie an die tägliche Wortdusche im deutschen Wahlkampf für diverse Parlamente.
Die Entstehungszeit des Buches Daniel wird zwischen dem sechsten und dem ersten vorchristlichen Jahrhundert verortet – je nachdem, wem man glaubt!
Etwas glauben, so wissen wir und der Autor des Verses, hängt vom Vertrauen zum «Verkündenden» ab. Auch für das Festhalten an Gerechtigkeit musst du vertrauen. In unserem Rechtssystem können wir der unabhängigen Rechtsprechung vertrauen. Auch wenn Urteile manchmal als ungerecht empfunden werden.
Unser Gebet vertraut darauf, dass es etwas bewirkt. Unsere Erklärungsansätze sind in der Regel etwa nebulös. Wir richten sie an «Gott», den wir nicht wirklich fassen können. Aber wir kennen eigenes und viel fremdes Erleben, das die Wirksamkeit von Gebet bezeugt. Hier setzt die Barmherzigkeit ein: Wir gestehen uns und anderen zu, dass es in unserem kleinen Universum eine nicht definierbare Kraft gibt, die uns solidarisch verbindet und unser tiefes Sehnen und Wünschen in eine gleiche Richtung lenkt. Wir nennen diese Kraft Gott und geben ihr viele Bilder.

Von: Rolf Bielefeld

5. September

Hilf deinem Volk und segne dein Erbe und weide
und trage sie ewiglich!
Psalm 28,9

Man hat den Psalm 23 im Ohr, mit dem ein Mensch sein Vertrauen ausdrücken kann: «Der HERR ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.» Fünf Psalmen später herrscht eine andere Stimmung. Der Psalm 28 hält Worte bereit für Menschen, die an Gott zweifeln. Kann es sein, dass Gott gar nichts hört? Kann es sein, dass Gott gar nichts sagt? Wird der Tod das letzte Wort haben? (Vers 1) Muss es dem Beter gleich gehen wie den ungerechten Menschen, die zwar friedliche Worte reden, aber in ihrem Innersten böse Pläne machen? (Vers 3) Im letzten Teil des Psalms geschieht ein Umschwung. Der Betende dankt dafür, dass Gott sein Rufen gehört hat. Nun stimmt das Gebet ins Vertrauen ein, das im Bild vom Hirten steckt. Das Volk Israel hat in seiner Geschichte erfahren, dass die Hoffnung berechtigt ist. Gott ist wie ein fürsorglicher Hirte. Das Volk ist seine Herde, mit der er auf dem Weg ist. «Hilf deinem Volk zur Freiheit. Segne die, welche dir als dauerhaftes Eigentum gehören. Hüte und trage sie wie ein guter Hirte, für alle Zeit.»
Im Lied «Grosser Gott, wir loben dich» ist der Losungsvers nachgedichtet. «Sieh dein Volk in Gnaden an; hilf uns, segne, Herr, dein Erbe; leit es auf der rechten Bahn, dass der Feind es nicht verderbe. Führe es durch diese Zeit, nimm es auf in Ewigkeit.» (Lied 247,9)

Von: Andreas Egli

4. September

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden?
Matthäus 6,31

Das Englische hat zwei verschiedene Wörter: to worry (sich Sorgen machen) und to care (für jemanden sorgen). Auf Deutsch wie auch in den biblischen Sprachen gibt es nur das einzige Wort «sorgen», aber mit verschiedenen Bedeutungen. Wo hat man gute Gründe, in einer gefährlichen Situation ängstlich und vorsichtig zu sein? Wo wären die besorgten Gedanken, die sich ständig im Kreis drehen, eigentlich nicht nötig? Wo ist es eine wichtige Aufgabe, sich mit Vorsorge und Fürsorge um Mitmenschen zu kümmern, die darauf angewiesen sind? Die Jesusworte in der Bergpredigt geben Hinweise, wie man zwischen den verschiedenen Arten von «sorgen» unterscheiden könnte. An erster Stelle soll das Vertrauen auf Gott stehen: «Euer himmlischer Vater weiss, dass ihr alle diese Dinge nötig habt.» (Vers 32) Was den unnötigen Sorgen eine Grenze setzen kann, ist schlicht die Nacht: «Macht euch keine Sorgen für den morgigen Tag.» Jeder Tag hat seine eigenen Sorgen, das ist genug. (Vers 34)
Der Liederdichter Niklaus von Zinzendorf regt mit zwei Wörtern zum Nachdenken an: sorgenfrei und sorgsam. «Gib mir deinen Geist, der so köstlich heisst, dass ich ohne Worte spreche, dass ich ohne Sturm zerbreche, dass ich sorgenfrei und doch sorgsam sei.» (Lied 815,3)

Von: Andreas Egli

3. September

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Psalm 139,5

Da wird Geborgenheit angesprochen, ich bin geborgen und aufgehoben in Gott, behütet, gesegnet und geschützt.
Es ist Gnade und ein grosses Geschenk, das erfahren zu dürfen.
Eben waren Meldungen in der Zeitung, am Radio und
im Fernsehen, wonach alte und junge Menschen sich verlassen und einsam fühlen. Auch wurde berichtet, dass in erschreckendem Ausmass junge Menschen seelische Probleme hätten, an Ängsten und Depressionen litten.
Gott heilt zerbrochene Herzen, lernten wir gestern, und heute spricht die Losung von tiefer Geborgenheit. Alles kommt von Gott, doch was können wir dazu tun?
Die Seherin Hildegard von Bingen (12. Jh.) empfahl, melancholischen Menschen, die gebrochenen Herzens sind, täglich mehrmals tröstende, hoffnungsvolle Texte aus der Bibel vorzulesen. Die Losungen von heute und von gestern würden sicher dazugehören.
Noch heute brauchen wir ein ähnliches Vorgehen in der Psychotherapie. Wir fordern depressive, verzweifelte, sich schuldig fühlende Menschen auf, auf ihre Gedanken zu achten. Dann sollen sie neben jeden dunkeln Gedanken einen positiven setzen, was keine geringe Anstrengung ist. Wenn sich dann auf geheimnisvolle Weise und durch unser Dazutun die dunkle Wolke über dem Gemüt hebt, so geschieht uns eine mögliche Form (neben vielen anderen Formen) von Heilung.

Von: Kathrin Asper

2. September

Der HERR heilt, die zerbrochenen Herzens sind,
und verbindet ihre Wunden.
Psalm 147,3

Da gibt es also jemanden, der uns heilt; kein irdischer Arzt, keine Mutter, kein Vater. Es ist Gott selbst, der sich unserer Wunden annimmt.
Christian Science? Da müssten wir nie mehr zum Arzt gehen? Doch dies kann ja wohl nicht gemeint sein.
Lourdes: – und der Blinde kann wieder sehen und der Gelähmte gehen? Auch wenn es das geben mag, so überzeugt mich das nicht generell.
Was ich indes nachvollziehen und glauben kann, ist eine seelische Heilung. So kann Gott wohl heilen, wenn sich jemand zutiefst verloren und verlassen fühlt; abgründig traurig oder gehasst; verachtet und verängstigt. An die Heilung solcher seelischer Wunden kann ich glauben. Sie geschieht dann, wenn sich in der Tiefe der Seele andere Gefühle einfinden, solche der Zuversicht, der Hoffnung und des Vertrauens.
Solche Wandlungen zum Guten geschehen, und sie werden als Geschenk und Gnade erfahren. Da passt die heutige Losung durchaus hin. Gott kümmert sich um unser gebrochenes Herz und verbindet unsere Wunden.
Heute wird das oft nicht mehr mit Gott in Verbindung gebracht und man nennt die Wandlung anders. Welches Wort haben Sie dafür?

Von: Kathrin Asper

1. September

Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Habt Glauben an Gott!
Markus 11,22

Es waren nicht nur Jünger mit Jesus unterwegs. Es waren auch Jüngerinnen. Und was ist mit dem dritten Geschlecht? Ist Jesus für alle da? Oder nur für die Binären unter den Menschen? Ich getraue mich, in ein Wespennest zu stechen:
Wieso eigentlich? Wieso ist es noch immer das Thema Nummer eins in der christlichen Welt, wer mit wem ins Bett darf und ab wann? Es ist mir unverständlich. Jesus hat insbesondere Macht und Macht in Kombination mit Geld angeprangert; wer mit wem das Bett teilt, war nicht zuoberst auf seiner Liste von Gleichnissen. Auch können wir die Bibelverse, welche etwas über Beziehungen von damals aussagen, nicht einfach in unsere heutige Welt übertragen. Da braucht es schon ein wenig Übersetzungsarbeit. Ehe, Partnerschaft, das war zu Jesu Zeiten etwas ganz anderes als heute. Mein Vorschlag: Wenn zwei Menschen eine Beziehung eingehen, dann sollte das auf Augenhöhe sein, ohne ein Machtgefälle, egal, wer mit wem. Gilt eigentlich das «habt Glauben an Gott!» für alle oder nur für die einen oder die anderen? Ich glaube, dass wir als Christenmenschen schnell aufhören müssen mit diesem Schubladendenken, diesem Schwarz-Weiss oder diesem Drinnen-Draussen. Wir Christenmenschen glauben an den einen Gott, wir haben wohl nur unseren einen blauen Planeten, und alle Menschen auf diesem haben eine göttliche Abstammung. Alle Menschen sind mitgemeint!

Von: Markus Bürki