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20. September

Gott breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers. Er macht den Grossen Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens. Hiob 9,8–9

Auf meiner letzten Dienstreise nach Bolivien habe ich tatsächlich das Kreuz des Südens gesehen. Daran erinnert mich der heutige Text. Der Anblick des Himmels und seiner Sterne, die Sternbilder, die Milchstrasse, der Mond und die Sonne berühren mich und lassen mich staunen.
Hiob erinnert mit dem heutigen Text an die Schöpferkraft Gottes. Für ihn ist klar, dass Gottes Wirken wunderbar ist. Und diesem Wirken haben die Menschen nichts entgegenzusetzen, auch dann nicht, wenn Gott die Welt erschüttert. Kann ich mit beidem leben, mit dem Wunderbaren des Sternenhimmels und mit den Erschütterungen? Eigentlich will ich doch die Erschütterungen zwar annehmen, aber immer auch tatkräftig daran arbeiten, dass Heilung entstehen kann.
Und noch etwas bedenke ich: Das Wunderbare an Gottes Schöpfung macht mich demütig. Wie klein bin ich doch. Und die Erschütterungen, die ich immer wieder annehmen muss, machen auch demütig. Demütig sein heisst nicht passiv sein. Vielmehr ist Demut ein Anerkennen der Kraft Gottes, des Gottes des Lebens, damit wir selber Kraft haben.
Danke für deine Kraft.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. September

HERR, geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht;
denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.
Psalm 143,2

Lange Listen werden geliefert, wenn es um hundert Dinge geht, die jemand vor dem Tod gewagt, gelernt, gebaut oder gewonnen haben will. Da strotzt es vor Ehrgeiz und oft vor Egoismus. Die Hälfte ist Angeberei, der Rest langweilig.
Ich finde es viel wichtiger, mir mindestens hundert Dinge zu vergegenwärtigen, die ich nicht erleben will. Zugegeben, auch diese Liste wird gegen Schluss illusorisch, denn ich habe viel Fantasie. Aber sehr weit vorn steht da, dass ich hoffe, in diesem Leben niemals vor Gericht erscheinen zu müssen. Nicht als Angeklagte, nicht als Klägerin, nicht als Zeugin, nicht als Angehörige, gar nicht. Hier sei Missverständnissen vorgebeugt: In einem demokratisch-freien Land bin ich überzeugt, dass Richterinnen und Richter nach Gerechtigkeit fragen und streben, dass verhängte Strafen nicht die Menschenrechte verletzen.
Der Psalmist arbeitet bereits an einer dritten Liste. Er ist schon an den hundert Dingen, die er von Gott erhofft. Dafür brauchen alle Demut als Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, Ehrlichkeit, Hoffnung für die Welt, auch wenn es gerade keine guten Gründe gibt, Vorstellungen von Frieden gegen den Augenschein und das feste Vertrauen, dass Gnade und Recht bei Gott zusammengehören.
Genau das gehört auf die erste Liste, zu den hundert Dingen, die ich erleben möchte, ehe ich sterbe.

Von: Dörte Gebhard

18. September

Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und
ein Zepter aus Israel aufkommen.
4. Mose 24,17

Eine Wolke von Zimtduft umgibt die erste Vershälfte. Sie steht bei mir auf einer Postkarte mit vielen Glitzersternchen.
Ist denn schon Weihnachten? Erst in 99 Tagen! Aber die Chöre proben schon längst für das Fest.
Es ging lange, bis es für diesen Bibelvers Weihnachten wurde. Die Israeliten waren noch in der Wüste unterwegs. Balak, der Moabiterkönig, hatte Angst vor der nächsten Schlacht gegen sie. Da buchte er, als Heide, einen teuren Zauberer, der die Feinde verfluchen sollte. Da er einen echten Experten auf diesem Gebiet brauchte, scheute er weder Kosten noch Mühe und liess eine international bekannte Kapazität holen, die sich freilich lange zierte.
Wir kennen sie aus der Sonntagsschule: Es war Bileam, der von seiner Eselin gezeigt bekam, wo es nicht langgeht. Bileam war zum Verfluchen gebucht, aber zum Segnen berufen, weil und wie es Gott vorsah. Bileam sah am Horizont der künftigen Geschichte einen Stern aufgehen, ganz von Weitem. Er konnte noch nicht erkennen, mit wie viel Liebe Gott zur Welt kommen würde. Obwohl er am eigenen Leib erfahren hatte, dass er segnen musste und gar nicht verfluchen konnte. Bileam sah Terror und Tod kommen, Kampf und Krieg, denn nichts anderes kannte er. Aber Gott liess es in Frieden Weihnachten werden. Auch wenn wir manchmal leise fluchen wollen: alle Jahre wieder. Was für ein Segen!

Von: Dörte Gebhard

17. September

Gott hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt. Apostelgeschichte 14,17

Der Vers klingt für mich ein wenig nach: Jetzt hat euch Gott so viel gegeben, und was macht ihr damit? Seid doch dankbar bitte! Merkt doch endlich, was Gott euch allen gegeben hat.
Wie sieht das denn heute auf unserer Erde aus? Sind da noch viele, die sich dankbar an Gott wenden und einfach einmal Merci sagen? Neulich war ich im Zug nach Basel von Interlaken herkommend. Vor mir im Abteil waren drei rund siebzigjährige Menschen, und sie beschwerten sich über alles. Die heutigen Eltern sind unmöglich, diese Bundesrätin ist ungeheuerlich, diese Jungen sind unbrauchbar. Da blieb nichts Gutes in der Luft hängen.
Ich fand das sehr schade und wäre beinahe rüber gegangen und hätte Folgendes gesagt: «Ehm … sorry kurz, ich höre Ihnen nun schon eine Weile zu, und es ist für mich fast nicht erträglich. Alles in Ihrem Leben scheint schrecklich zu sein und nichts ist wirklich froh machend. Haben Sie sich schon einmal überlegt, in welch wunderbarem demokratischen Land wir hier leben? In was für einem Paradies in Sachen Arbeit und Freizeit und Familienformen? Haben Sie noch nie einfach Freude in Ihrem Herzen verspürt? Einfach so, weil es die grosse Schöpferkraft einfach gut mit uns meint?»

Von: Markus Bürki

16. September

Als Petrus die hohen Wellen sah, bekam er Angst. Er begann zu sinken und schrie: «Hilf mir, Herr!» Matthäus 14,30

Wie oft sind Sie schon in einer Situation gesunken? Sei das im Erdboden versunken oder einfach so? Was haben Sie zu diesem Zeitpunkt dann genau gemacht? Wenn Sie sich erinnern mögen, würde es mich interessieren, ob Sie nach dem Herrn geschrien haben? Oder nach dem Spaghettimonster oder Ihrer inneren Stärke. Oder sind Sie einfach still und heimlich versunken?
Jesus bleibt ja in der Situation ganz ruhig und versteht nicht, warum der Petrus so zappelig ist. Wo doch Glaube ist, da ist doch auch ein Weg – oder nicht?
Es ist und bleibt einfach sehr schwierig. Wenn ich doch nur genug glaube, dann werde ich schon nicht sinken, oder? Oder besteht die Möglichkeit des Sinkens, auch wenn ich genug glaube? Fragen über Fragen, wie häufig in der Theologie.
Es führt kein Weg daran vorbei, sich immer wieder mit dem Glauben auseinanderzusetzen und versuchen zu verstehen, was da mit einem passiert. Hören und versuchen zu fühlen. Was macht ein Bibelvers mit mir? Warum fühle ich mich gerade bei diesem Vers so gut oder eben nicht? Was kann er mit meinem Leben zu tun haben? Ist vielleicht genau diese Bibelstelle der Ort, wo Gott mir meine Wunde offenlegt und mir quasi noch Salz reinstreut?
Bleiben Sie neugierig und aktiv auf Ihrem Weg, ich wünsche es Ihnen von ganzem Herzen. Und sinken Sie nicht dabei ab!

Von: Markus Bürki

15. September

Wenn du nun isst und satt wirst, so hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst. 5. Mose 6,11–12

Das ist wohl das Schlimmste, was passieren kann. Inmitten meines Wohlstands, satt und matt, verliere ich den Zugang zum Urgrund meines Lebens. Dann wäre meine Quelle trüb, vielleicht sogar zugeschüttet. Nicht nur vom Wohlstand, sondern auch von meinen Wohlstandssorgen. Kann ich den Wohlstand halten? Reicht das Geld, auch später, wenn ich pensioniert bin? Wie gehe ich mit meiner zerbrechlichen Gesundheit um? Habe ich da die richtigen Versicherungen abgeschlossen? Die Fragen quälen und verschlingen meine Aufmerksamkeit. Dabei wäre eines not: Gott nicht aus den Augen (aus dem Herzen) zu verlieren. Und mich nicht selbst von meiner Quelle abzuschneiden.

In der Kirche, wo ich zurzeit predige, steht über der Kanzel: Eins ist not. Nach jedem Gottesdienst fragt mich jemand, was diese Worte denn bedeuten. Ich fasse jeweils die biblische Geschichte von Marta und Maria zusammen. Es ist eine Kurzfassung. Jesus besucht die beiden Schwestern zuhause. Marta arbeitet viel, ist fleissig und besorgt. Maria hört zu. Und Jesus sagt zu Marta: «Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.» Maria ist ganz Ohr.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

14. September

Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele. Psalm 94,19

Zunächst sind da Kummer, Schrecken und Angst. Sie gehören zum Leben. Ab und zu vielleicht auch das Gefühl, etwas verpasst zu haben. So zu leben oder gelebt zu haben, als ob die Lebenszeit ewig dauern würde. Dabei ist der Tod immer in nächster Nähe. Und dann diese Entdeckung: Der Moment des Kummers, des Schreckens und der Angst kann auch der Ort sein, wo eine neue Hoffnung geboren wird; wo der Sehnsucht nach Geborgenheit plötzlich Flügel wachsen. Der Himmel, der kommt, grüsst schon die Erde, die ist.

In dem Moment, wenn sich Himmel und Erde küssen, verändert sich (fast) alles. Obwohl vieles bleibt, wie es ist, werden wir offen für neue Möglichkeiten des Lebens und des Vertrauens. Wo sich alles im Kreis gedreht hat, erkennen wir das Schlupfloch zum Aussteigen. Wo sich die Dunkelheit tief um uns gelegt hat, leuchtet ein Licht. Und dieses Licht verbindet uns mit dem göttlichen Licht, das tief in uns leuchtet (Johannes 1,9).
Überleg doch mal: Welche Tröstungen Gottes hast du in deinem Leben schon erfahren? Was hat dich erfrischt, als
du erschöpft warst? Hast du Zugang zu dieser Quelle?

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

13. September

Beweise deine wunderbare Güte, du Heiland derer,
die Zuflucht suchen vor denen, die sich gegen deine rechte Hand erheben.
Psalm 17,7

Einer unserer Söhne wird in diesem Jahr eine junge Frau aus Istanbul heiraten. Darum haben wir die beiden um Anregungen gebeten, wie wir mehr über türkische Kultur und Traditionen lernen können. Sie empfahlen uns eine populäre Fernsehserie. Bis jetzt haben wir uns tatsächlich 154 Episoden angeschaut.
Vor diesem Hintergrund lesen wir die Losung. Offen gesagt klingen die Worte des Psalms 17,7 nicht anders als eine Reihe von Passagen des Skripts dieser Serie oder – andersherum gesehen – finden sich im Skript immer wieder Sätze, die an den Psalmvers erinnern.
Warum auch nicht?
Jüdische, christliche und islamische Gläubige sind alle gleichermassen Kinder Abrahams und schöpfen Wasser aus den gleichen Quellen. Das sollten wir niemals vergessen und deshalb Frieden unter den Kindern Abrahams fördern. Gerade jetzt …

Von: Barbara und Martin Robra

12. September

Helft dem Elenden und Bedürftigen zum Recht. Psalm 82,3

Sie waren es so gewohnt: Im Haus der Diakonie gab es Fahrkarten für den Nahverkehr, beim Pastor dahinter etwas Geld. «Pastor hintenliegend gibt Geld, fromm tun» verkündete ein «Gaunerzinken» am Bahnhof der Stadt. Als einer der Wohnungslosen auf Betteltour uns das erklärte, verstanden wir endlich, warum uns an der Pfarrhaustür immer wieder rührselige Geschichten erzählt wurden.
Das war der Moment, als wir begriffen, dass Mitleid und Barmherzigkeit nicht genug sind, solange sich nichts daran ändert, dass Menschen ihre Rechte auf Wohnung und materielle Hilfe verweigert werden. Helft den Elenden und Bedürftigen, aber helft ihnen zu ihrem Recht. Was das bedeutete und verlangte, lernten wir in den kommenden Jahren durch den Einsatz für eine professionelle Hilfe für Wohnungslose. Es gibt die Wohnungslosenhilfe Witten heute noch, und sie ist immer noch notwendig – leider.
Vor mangelnder Hilfsbereitschaft ist die Indifferenz den Rechten aller Menschen gegenüber, den Menschenrechten also, ein entscheidendes Problem sozialer Ordnung. Diese Rechte verlangen unsere Aufmerksamkeit und unseren Einsatz.

Von: Barbara und Martin Robra

11. September

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir
einen neuen, beständigen Geist.
Psalm 51,12

Auch wenn die Überschrift es suggeriert – der Psalm 51 kann nicht David nach seiner Affäre mit Bathseba zugeschrieben werden; sein Inhalt legt nahe, dass er erst Jahrhunderte später abgefasst wurde. So konfrontiert er auch mich mit der «Sünde», von der der Psalmsänger befreit werden möchte. Denn das, was hier gesagt wird, passt zu jedem Menschen: die Anerkennung, dass ein schuldloses Leben nicht möglich ist, und der innige Wunsch, von Schuld entlastet zu werden. «Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein, wasche mich, und ich werde weisser als Schnee» (Vers 9) ist ein heftiges Bittwort, genauso wie das heutige Wort. Ich erinnere mich gut, wie mich diese beiden Sätze schon als jungen Menschen sehr berührten. Sie eröffneten einen Weg, begangenes Unrecht im Gebet ohne Umschweife zuzugeben, weil ja die Aussicht bestand, dass dieses falsche Verhalten tatsächlich weggenommen werden kann. Der Psalmbeter erhofft sich das und baut darauf, ich tat und tue es ihm nach. Ich habe genügend Sensoren in mir, die mich wissen lassen, wann ich eine Sünde begangen habe (auch wenn mir der altschwere Begriff kaum über die Lippen kommt). Wann ich also ganz besonders auf Gottes Nähe und Befreiung angewiesen bin. Aber sie bewahren mich nicht vor neuer Schuld – da brauche ich dringend Gottes «neuen, beständigen Geist»!

Von: Hans Strub