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15. Dezember

Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen:
Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel,
hier ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer Leben
und euer Tun.
Jeremia 7,4–5

In harten, klaren Worten klagt der Prophet Jeremia im Namen
Gottes das Volk an. Die heutige Losung stammt aus einer
Gerichtsrede, sie wird vorgetragen im Tor, am Eingang des
Tempels von Jerusalem. Die Gerichtsrede richtet sich gegen
die Taten der Menschen, sie richtet sich aber auch gegen
den Jerusalemer Tempel, also gegen das religiöse Zentrum
und die herrschende Religiosität der Menschen. Mit solchen
Reden ist Jeremia in viele Fettnäpfchen getreten. Er hat sich
damit keine Freunde gemacht. Sein Schicksal endet auch
tragisch. Er wird in den Kerker gesperrt und später nach
Ägypten verschleppt. Dann verlieren sich die Spuren.
Was will uns Jeremia sagen? Er will uns sagen: Gott liebt
Kritik. Man kann Gott ruhig die Meinung sagen.
Liebe Menschen, tut das immer wieder offen und ehrlich,
auch im Gebet. Gott kann mit Kritik umgehen. Gott liebt
ebenso das Recht. Das Recht dient dem Schutz der Schwachen
und den Menschen, die sich nicht selbst helfen können.
Und Gott liebt Erbarmen. Auch Jesus hat immer wieder
vom Erbarmen und von der Barmherzigkeit gepredigt. Ohne
Erbarmen, Barmherzigkeit und Nächstenliebe wären wir in
unserer Gesellschaft verloren. Wir haben klare Aufträge
erhalten!

Von: Carsten Marx

14. Dezember

Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet,
dass du getan hast, was ihm missfiel?
2. Samuel 12,9

Die Vorgeschichte zum Vers ist eine Ungeheuerlichkeit. Sie
handelt von sexueller Gewalt und ihrer Vertuschung durch
einen Mord am Ehemann der Vergewaltigten. Eindeutig wird
Jahwes Gebot mit den Mitteln der Willkür übertreten. Daher
schickt Gott Nathan, seinen Sprecher. Der macht es spannend.
Er verurteilt David nicht; mit einer Geschichte von
der Habgier des Reichen, der mit niemandem teilen will
und deshalb das einzige Lamm des Armen schlachtet, als er
einen Gast bewirten muss, spricht er stattdessen über Arm
und Reich. Er spiegelt somit Davids Verhalten im Licht von
Macht! Nathan erzählt von einem, der seinen Willen zum
Gesetz macht, weil er weiss, dass er stärker ist als sein Gegenüber.
Macht siegt über Ohnmacht. Eine im Alltag keine so
ungewöhnliche Erfahrung. Beim Autofahren, beim Mobbing
in Betrieben, im Machtkampf politischer Parteien wird die
Würde der Schwachen missachtet, werden die Regeln zu
deren Schutz verletzt.
Es gilt zu beweisen, dass man stärker ist als sein Gegenüber.
David bekennt auf die obige Frage seine Schuld. «Ich habe
gegen den Ewigen gesündigt!» Eigenes Fehlverhalten einzugestehen,
keine Ausreden, keinen Sündenbock zu suchen,
gehört zum Schwersten in unserem Leben. Aber nur in
solchem Eingeständnis liegt die Chance, dass ich von dem,
was ich getan habe, freikomme und neu beginnen kann
unter der Gnade Gottes.

Von: Gert Rüppell

13. Dezember

Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich,
Gott anzuschauen.
2. Mose 3,6

Das kenne ich aus meiner Jugend, vielleicht die eine oder
der andere von euch auch. Ich hatte etwas Strafwürdiges
getan und so stand ich mit gesenktem Blick vor der Lehrerin.
Wie Mose fürchtete ich mich, sie anzuschauen. Hat also
Mose Angst vor Strafe? Die Geschichte vom brennenden
Dornbusch, jener Erstbegegnung von Mose und Jahwe, lässt
dies eher nicht vermuten. Mir scheint, dass der Verweis auf
die lange Geschichte Gottes mit den Vorfahren Moses und
seines Volkes ihn verschüchtert. Er erschrickt angesichts der
historischen Unermesslichkeit des göttlichen Schutzes, den
sein Volk erfahren hat und nun, in der Ansage, dass Gott
für die Unterdrückten ein Befreier sein will, einschneidend
neu erfährt. Die Losung verweist auf den entscheidenden
Punkt im Leben aller, die sich diesem Gott ausliefern. Es ist
der Punkt, wo wir im Zutrauen auf Gott Befreiung erfahren.
Aus Begegnung lernen, wie Menschen befreit werden.
Ähnlich wie Mose können wir zu Übermittlern Gottes
befreiender Absicht werden. Dabei lag, das zeigt der Text,
auf dem Weg der Befreiten, ihrem Auszug, die Begegnung
mit anderen Völkern. Der Umgang mit ihnen ist entscheidend.
Moses gesenkter Blick zeigt uns, dass wir nicht auf
Augenhöhe mit Gott sind, sondern dass seine Führung
für gelungene Geschichte nötig ist. Wir sind Hörende und
dann Handelnde. Ein solches Bewusstsein wird zeigen, ob wir
einen Auszug schaffen, der auch anderen zur Befreiung wird.

Von: Gert Rüppell

12. Dezember

Gott erhöht die Niedrigen und hilft den Betrübten
empor.
Hiob 5,11

Gestern hatten wir es zu tun mit Hiobs Protest gegen den
naiven Zusammenhang von Handeln und Ergehen. Heute
ruft uns der fromme Dulder Grundmuster biblischer Erzählungen
in Erinnerung: Joseph, von seinen Brüdern gemobbt,
der in höchste Funktionen am Hof des Pharao aufsteigt; der
Hirtenbub und spätere König David; das Mädchen Maria,
das zur Mutter des Messias auserlesen wird. In Marias Lobgesang,
dem Magnificat, singen Christinnen und Christen
immer wieder – in den Klöstern gar täglich – das Bekenntnis
zu dem Gott, der die Gesellschaftsordnung auf den Kopf
oder vielleicht eben vom Kopf auf die Füsse stellt.
Betrübnis hat Gründe. Es können schwierige persönliche
Verhältnisse sein, es kann Armut, Verfolgung, Missachtung
sein. Dass Gott daraus emporhilft, mag als billiger Trost
erscheinen. Mit einem mirakulösen Eingreifen aus dem Himmel
rechnet in unserer säkularen Welt ja wohl kaum jemand.
So ist es sinnvoller, diese Losung auch als Aufruf zu lesen, als
Aufruf, die Gründe für die Betrübnis in Gottes Auftrag und
im Vertrauen auf seinen heilsamen Willen zu beseitigen oder
doch zu lindern, im seelsorglichen, im diakonischen und – ja,
gerade auch das – im politischen Handeln.

Von: Andreas Marti

11. Dezember

Das Warten der Gerechten wird Freude werden.
Sprüche 10,28

Wer gerecht ist und Gutes tut, dem geht es gut. Dieser
Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen wird in den
«weisheitlichen» Schriften des Alten Testaments häufig ausgesprochen.
Nicht nur uns Heutigen erscheint das Prinzip
aber zu vordergründig, zu naiv, von der Erfahrung allzu oft
nicht gedeckt, gar ins Gegenteil verkehrt. Schon biblische
Autoren erheben dagegen Einspruch. In manchen Psalmen
und vor allem im Buch Hiob kommt die Gegenerfahrung
in aller Schärfe zum Zug. Hiob, der Gerechte, hatte ja nun
wahrlich keinen Grund zur Freude, konnte nicht verstehen,
was ihm widerfuhr, und klagte Gott an. Immerhin: Auch
wenn der Schluss des Buchs – die Wiederherstellung des
frommen Dulders – vielleicht nachträglich angefügt wurde,
könnte Hiob doch noch als Beleg für die heutige Losung
herhalten: Nach langem Warten fand er sein Glück wieder.
Nach langem Warten fand er sein Glück wieder. Allerdings
wird die Gegenerfahrung damit auch wieder verharmlost:
Nicht jedes Warten endet in erfahrener Freude.
So bleibt denn, wie so oft, die Hoffnung wider den Anschein,
wider die Erfahrung, wider eine realistische Erwartung, dass
am Ende alles gut sein wird.
Diese Hoffnung mag dem Verstand widersinnig erscheinen,
aber sie befreit aus der Lähmung und macht gutes,
gerechtes Handeln überhaupt erst sinnvoll und möglich.

Von: Andreas Marti

10. Dezember

Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis
hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere
Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde
zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem
Angesicht Jesu Christi.
2. Korinther 4,6

Bei den Worten «Leuchten» und «Angesicht» kommt mir
Folgendes in den Sinn: Meine Schwiegermutter nennt eines
meiner Kinder auf Russisch «maja solnitschka» – meine
kleine Sonne. Was schwingt in diesem Kosenamen alles mit?
Vielleicht dies: Du bist mein Ein und Alles! Du bist ein wunderbares
Geschöpf! Du bringst Licht und Wärme in mein
Herz!
Und das kennen Sie sicher auch: das Aufleuchten in den
Gesichtern, wenn sich Verwandte, Befreundete und Liebende
wiedersehen. Dabei zeigen die Gesichter, was gerade
in den Herzen geschieht: Berührtsein, Erkanntwerden, Verstandensein,
Freude, Liebe.
Die Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi: Für
mich bedeutet das, diese Herrlichkeit auch im Angesicht
meiner Mitmenschen und mir selbst suchen und finden zu
dürfen. Intensive Begegnungen und Erfahrungen können
uns aufleuchten lassen. Was ich dabei erfahre, hat für mich
durchaus eine religiöse Bedeutung: Ich werde gesehen, ich
werde erkannt, ich werde geliebt. Ich bin gut und richtig so,
wie ich bin. Ich bin geborgen.

Von: Katharina Metzger

9. Dezember

Paulus schreibt: In allem erweisen wir uns als Diener
Gottes: als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die
Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts
haben und doch alles haben.
2. Korinther 6,4.10

Der Abschnitt trägt in der Übersetzung die Überschrift «Die
Kraft Gottes». Und er handelt vom Dienen.
Ich selbst kenne das Dienen als das Erfüllen von Pflichten,
Pflichten in der Familie, im Beruf, in Vereinen. Dieses Dienen
ist mehr oder weniger selbst gewählt. Es macht manchmal
Freude und ist manchmal lästig. Oft schenkt es aber Sinn und
Befriedigung. Ich fühle mich nützlich, denn ich kann jemand
anderem etwas Gutes tun oder eine Sache vorantreiben.
In den Worten aus dem Korintherbrief schwingt aber noch
etwas anderes mit: das Dienen für etwas Grösseres, das
Dienen gegen Widerstand, das Dienen als ständige Daseinsform.
Das Dienen «als die Traurigen, aber allezeit fröhlich».
Gerade habe ich in der Zeitung einen Bericht über zwei Soldaten
gelesen, die eine heranrückende Front beobachten.
Laut Experten ist die Verteidigung der beschriebenen Stadt
entscheidend für den ganzen weiteren Kriegsverlauf. Das
Beispiel dieser Soldaten, die sich in den militärischen Dienst
stellen oder stellen müssen, zeigt mir eine ganz andere
Dimension des Dienens.
Der Gottes-Dienst als ständige Daseinsform: Wie kann er
in meinem Leben aussehen? Was bedeutet es, eine Dienerin
Gottes zu sein? Wie kann die «Kraft Gottes» in mir wirken?

Von: Katharina Metzger

8. Dezember

Wir haben gesündigt samt unsere Vätern, wir haben
unrecht getan und sind gottlos gewesen.
Psalm 106,6

Es ist ein Vers mit dem grösstmöglichen moralischen
Imperativ! Denn es ist eine Selbstanklage, die aus den eigenen
Reihen kommt. Nicht «ihr» wart es, sondern «wir» haben
uns etwas vorzuwerfen – inklusive der Generationen vor uns.
Ich musste beim Lesen dieses Satzes sogleich an den Klimawandel
denken und unsere damit verbundene menschliche
Verantwortung. Wir sind es, die mit unserem verschwenderischen
Lebenswandel Luft und Meere ins Ungleichgewicht
gebracht haben. Wir sind es, die unseren Umgang
mit Ressourcen dringend verändern sollten, um unseren
Planeten weniger zu belasten. Doch wie gehen wir mit dieser
Verantwortung um? Die Einsicht ist da: Wir haben «unrecht
getan» und sollten unser Verhalten dringend ändern. Doch
wie so oft: Was der Kopf versteht, wird im Alltag dann doch
nicht so richtig beherzigt. Woran hapert es? Am Schluss des
Verses steht das Wort «gottlos». Es macht uns aufmerksam,
dass die Menschen, die zur Zeit dieses Psalms lebten, noch
an eine göttliche Ordnung glaubten. Zwar wollen wir diese
nicht zurück, doch es täte uns in der wissenschaftlichen
Diskussion um die Zukunft auf Erden gut, wenn wir diese
Erde wieder vermehrt als göttliche Schöpfung respektieren
würden. So gesehen ist «gottlos» eine Metapher für unsere
Entfremdung von unserem Planeten, die zu einer Umkehr
nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen aufruft.

Von: Esther Hürlimann

7. Dezember

Der HERR sprach zu Kain: Was hast du getan?
Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu
mir von der Erde.
1. Mose 4,10

Aus der einen Stimme von Abels Blut ist ein unermesslich
grosser Chor von Stimmen geworden von Blut von Schwestern
und Brüdern, die ums Leben gebracht wurden und
werden, weil solche wie Kain sich zurückgesetzt fühlen und
deshalb ausser sich geraten.
Kain – sein Name bedeutet «Besitz» oder «Krieger» – war
es gewohnt, an erster Stelle zu kommen, der Stolz seiner
Eltern, der Erstgeborene. Doch bei Gott sind Letzte Erste.
Gott schaut zuerst Abel an, den «Windhauch» und «Flüchtigkeit
» genannten, der immer der Zweite bleibt, und Kain
erträgt das nicht. Denn für ihn wird damit eine Rangordnung
gestört, die er für natürlich, ja gottgegeben hält. Kommt
er tatsächlich zu kurz, weil er nicht das gewohnte Privileg
geniesst? Das spielt bekanntlich nie eine Rolle, wo Menschen
meinen, sie kämen zu kurz, und deshalb gewalttätig werden.
Manche erinnern sich: Auf einem der ersten «Hungertücher
» aus Äthiopien wird ein Zeuge des Verbrechens
gezeigt. Er sitzt daneben, schaut aber nicht hin, als Kain den
Abel erschlägt, sondern wendet sich von der Gewalttat ab.
Seine Augen sind dieselben wie die von Kain.
Gott hört die Stimme des Blutes, das vergossen wird. Gott
schaut nicht weg, sondern fragt: Was hast du getan?

Von: Benedict Schubert

6. Dezember

Ach HERR, siehe, du hast Himmel und Erde gemacht
durch deine grosse Kraft und durch deinen
ausgereckten Arm, und es ist kein Ding vor dir
unmöglich.
Jeremia 32,17

Vor 500 Jahren lag gerade für kleine Menschen (für den
«gemeinen Mann») dort, wo die Atmosphäre von der Reformation
durchtränkt war, Grosses in der Luft. Der reformatorische
Mystiker und Bauernführer Thomas Müntzer nahm
den biblischen Satz «Es ist bei Gott kein Ding unmöglich»
auf. Durch die Menschwerdung Christi seien die Menschen
ganz und gar in ihn verwandelt, «auf dass sich das irdische
Leben schwinge in den Himmel». Ganz in der Nähe der heutigen
Boldern predigte 1525 der Pfarrer von Hombrechtikon
in Sorge um die Armen gegen die Last des Zehnten ähnlich.
Auch für ihn war bei dem im Bibelstudium neu entdeckten
Gott kein Ding mehr unmöglich. Er sei keiner Autorität
Rechenschaft schuldig, sondern wolle sich allein «verantwurten
mit der göttlichen geschrift». Der Landvogt wollte
den widerständigen Pfarrer verhaften lassen. Dessen Frau
vermochte durch spontanes Glockenläuten und alarmierte
Gemeindeglieder die Gefangennahme zu verhindern. Darauf
bat der Landvogt die Gnädigen Herren in Zürich «die
unghorsamen ghorsam machen, wen ir mir wend helfen».
Aber: Konnten und können Obrigkeiten die Möglichkeit
unmöglicher Dinge blockieren und den Geist des Evangeliums
vollständig zurück in die Flasche zwingen?

Von: Matthias Hui