Seite 51 von 162

25. Dezember

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass
wir Gottes Kinder heissen sollen – und wir sind es auch!
1. Johannes 3,1

«Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!» Wie hören
Sie die Weihnachtsbotschaft in diesen Tagen? – Traurig und
mit zweifelndem Herzen? Mit zorniger Beharrlichkeit und
einem Funken Zuversicht? Mit Hoffnungskraft, die sich vom
Augenschein und von der Realität der täglichen Nachrichten
nicht einschüchtern oder entmutigen lässt?
«Gottes Kinder sollen wir heissen – und wir sind es auch!»,
lesen wir im 1. Johannesbrief, und gleichzeitig auch: «Es ist
aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.»
(Vers 2) – Wann, wie, wodurch werden wir sichtbar als Söhne
und Töchter Gottes? Die Antwort bleibt einstweilen Gottes
Zukunft vorbehalten. Ich lese das so: Gottes Zukunft (und
darin die unsere) ist nicht bestimmt durch unsere Vernunft
oder Vorstellungskraft. Gottes Friede ist höher; die Liebe
überwindet die Furcht (vgl. Kapitel 4,16 u. 18). In diesem
Horizont sind Gotteskinder unterwegs.
«Wer den Frieden sucht, wird den andern suchen, wird Zuhören
lernen, wird das Vergeben üben, wird das Verdammen
aufgeben, wird vorgefasste Meinungen zurücklassen, wird das
Wagnis eingehen, wird an die Änderung des Menschen glauben,
wird Hoffnung wecken, wird dem andern entgegengehen, wird
zu seiner eigenen Schuld stehen, wird geduldig dranbleiben,
wird selber vom Frieden Gottes leben.» (Schalom Ben Chorin)

Von: Annegret Brauch

24. Dezember

Die Weisen taten ihre Schätze auf und schenkten dem
Kindlein Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Matthäus 2,11

Die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland ist
wunderbar – und viele Kinder, die in einem Krippenspiel
mitmachen wollen und können, möchten diese schöne Rolle
der Könige, der Weisen einmal spielen. Ihre Geschenke sind
glänzend wie das Gold oder wohlriechend und wertvoll wie
Weihrauch und Myrrhe. Sie drücken aus, dass die Weisen die
Besonderheit dieses kleinen Kindes erkannt haben, obwohl
es in Armut geboren wurde: zwischen Tieren, die es mit
ihrem Atem wärmten, aber ohne Hebamme, ohne Decke,
ohne Wiege, sondern als Wiege die liebenden Arme der
Mutter und eine Krippe mit Stroh.
Welche Geschenke würden wir dem Kind bringen oder
bringen wir ihm jedes Jahr zu Weihnachten? Wir schenken
die Erinnerung an ihn und sein Leben, an seine Heilungen,
an seine Liebe zu allen Menschen, auch und gerade zu den
Elendsten. Wir schenken unseren Dank, unsere Sehnsucht
nach einem geheilten Leben. Niemand drückt diesen Dank
so wunderbar aus wie Paul Gerhard: «Ich steh an deiner
Krippen hier, o Jesu, du mein Leben. Ich komme, bring und
schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein
Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass
dir’s wohl gefallen.» Unsere erwachsenen Kinder, unsere
Enkelkinder und wir mit ihnen singen kein Lied mit der gleichen
Inbrunst wie dieses!

Von: Elisabeth Raiser

23. Dezember

Ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde
ist immer vor mir.
Psalm 51,5

Es gibt Tage, manchmal Wochen in unserem Leben, in denen
wir niedergeschlagen und traurig sind, vielleicht weil wir
eine Tat oder auch nur einen Gedanken bereuen. Dann hat
diese Traurigkeit einen triftigen Grund, und wir brauchen die
Möglichkeit, diese Schuld zu bekennen und, wenn es geht,
sie wiedergutzumachen. Dabei können ein seelsorgerliches
Gespräch und die innige Bitte um die Vergebung durch
Gott helfen, die nötigen Schritte zu tun. In dieser seelischen
Situation hat sich der Schreiber oder die Schreiberin dieses Psalms wohl befunden, viele Verse des Psalms zeugen davon.
Was mich besonders bewegt, ist die tiefe Traurigkeit,
heute würden wir wohl von Depression sprechen, von der
er oder sie spricht. Eine solche Traurigkeit kann uns auch
ohne erkenntlichen Grund heimsuchen; es ist eine dunkle
Aussichtslosigkeit und fühlt sich an wie ein Abgrund, in den
wir sinken und aus dem wir nicht wieder herauskommen.
Ist das eine Schuld, eine Sünde? Nein. Ich glaube, es ist das
Bröckeln oder gar der Verlust des Vertrauens in das Leben.
In Vers 10 heisst es: «Lass mich hören Freude und Wonne,
dass die Gebeine fröhlich werden» und in Vers 12: «Schaffe in
mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, gewissen
Geist.» Dies verstehe ich als Bitte um ein neues, gewisses,
zuversichtliches Vertrauen, das uns trägt. Um Gottes Nähe!

Von: Elisabeth Raiser

22. Dezember

Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott,
meine Hoffnung von meiner Jugend an.
Psalm 71,5

Ein alter Mensch bekräftigt seinen Glauben. Zuversicht und
Hoffnung sind die zentralen Begriffe. Aber der Psalm spricht
auch von Angst, von Schmach, von Abgründen. Dem gegenüber
denke ich an einen Menschen, der mir mein Leben lang
nahe war und ist, der dement in seinem Fauteuil sitzt und
sagt, es gehe ihm gut. Natürlich weiss ich nicht, wie es in seiner
Seele aussieht, denn er kann sich nicht mehr ausdrücken.
Zuversicht und Hoffnung – was bedeuten sie mir im Alter?
Was trage ich in meiner Seele herum, wenn es dunkel und
trüb ist? Kann ich dann meinen Glauben bekräftigen, kann
ich Kraft schöpfen?
Wie der Psalmsänger hoffe ich auf Gott, die Lebendige,
hoffe darauf, dass sie mir Hoffnung und Zuversicht schenkt,
hoffe darauf, dass ich würdig leben kann. Und ich weiss ja,
wie privilegiert ich bin. Und doch will ich sie zulassen, die
Angst, will ihr begegnen mit meinen Gefühlen und Gedanken.
Denn nur so kann ich Zuversicht erfahren, denn Gott,
die Lebendige, ist da in der Angst und schenkt mir Kraft,
Zuversicht und Hoffnung, einfach so.
Und so bitte ich Gott um Zuversicht und Hoffnung für alle
Menschen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Dezember

Mein Leib und Seele freuen sich an dem lebendigen
Gott.
Psalm 84.3

In ein paar Tagen feiern wir Weihnachten. Ich liebe diese Tage,
liebe das fröhliche und auch besinnliche Zusammensein
mit Menschen, liebe die Gemeinschaft, die sich freut, dass
Jesus zur Welt gekommen ist. Der lebendige Gott kommt
zu uns, den Menschen. Und lebt unter den Menschen. Es
ist die Lebendigkeit, die mich freudig stimmt. Der lebendige
Gott kommt zu uns, ist mit uns auf unserem Lebensweg.
Das zu Ende gehende Jahr war für mich auch geprägt von
Ungerechtigkeit, Krieg, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Ist
Gott auch da anwesend, wo Menschen so leiden? Ich denke
schon, weil es eben ein lebendiger Gott ist.
An dieser Stelle kommt mir die Übersetzung der heutigen
Losung in der Zürcher Bibel in den Sinn. Da heisst es, dass die
Menschen den lebendigen Gott suchen. Dieses Suchen, das
freudige Suchen, das verzweifelte Suchen, das ohnmächtige
Suchen, all dies gehört zum Leben, zu meinem Leben, zu
unserem Leben, zum Leben der Menschen. Und so kann ich
zum lebendigen Gott beten, dass die Kriege aufhören, dass
die weihnachtliche Friedensbotschaft gehört und gelebt
wird, dass eine bessere Zeit anbricht für die Menschen, die
unter Krieg und Ungerechtigkeit leiden.

Gott des Lebens, komm zu den Menschen, die dich brauchen;
segne und behüte sie und uns alle.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Dezember

Der Engel sprach zu Josef: Maria wird einen Sohn
gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn
er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
Matthäus 1,21

Genau, wieder ein Josef! Und natürlich hiess sein Vater Jakob.
Namen sind wichtig. Allerdings hat der neutestamentliche
Josef anders als der alttestamentliche Namensvetter nur
einen kurzen Auftritt in der Bibel. Im weihnächtlichen Drama
kommt ihm die Rolle des Mannes zu, der nicht eifersüchtig
wird. Er steht zu Maria und – was wir vielleicht überlesen –
er hatte die Aufgabe, dem Kind den Namen eines Retters zu
geben. Er tut, was ihm gesagt wird, und verschwindet (im
Unterschied zu seiner jungen Frau) danach fast komplett aus
der Geschichte. Maria aber machte eine steile Karriere. Sie
wurde (nach anfänglichen Zweifeln) zur Nachfolgerin ihres
Sohnes und später als Gottesgebärerin und von einigen gar
als beinah-göttliche Gestalt verehrt. Josef war ein Träumer.
Aber das, was mit seiner Familie geschehen sollte, hätte Josef
sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.
Wäre er auch ein Anhänger geworden? Josef starb zu früh
und bekam vom Wirken Jesu nichts mit. Vermutlich war
aber Jesus schon zu seinen Lebzeiten seltsam. Ob sich Josef
damals fragte, was mit seinem Ältesten los war? Sah er mit
Sorge, wie die jüngeren Geschwister auf den Bruder reagierten?
Schliesslich hatte er ihm den Namen gegeben.

Von: Ralph Kunz

19. Dezember

Jakob sprach zu Josef: Geh hin und sieh, ob’s gut steht
um deine Brüder und um das Vieh.
1. Mose 37,14

Der Erzvater Jakob hatte zwölf Söhne und Josef war sein Liebling.
Denn er war einer, der ihm in späten Jahren geschenkt
wurde und den er verwöhnte, was aber Josef nicht beliebt
machte bei seinen Brüdern. Es braucht keinen Familientherapeuten,
um das Eifersuchtsdrama kommen zu sehen.
Wie soll das gut gehen, wenn einer aus zwölf so bevorzugt
wird? Und es kam nicht gut, als Josef seine Brüder in Sichem
traf. Sie warfen ihn in eine Zisterne, verkauften ihn an Sklavenhändler
und erzählten dem Vater, sein Liebling sei Opfer
des Löwen geworden. Schrecklich, was diese Brüder getan
haben! Aber der Therapeut, würden wir ihn dennoch beiziehen,
sähe sofort, dass die Saat schon gelegt war in der
komplizierten Vorgeschichte. Schon Vater Jakob löste ein
Eifersuchtsdrama aus, als er sich in Rahels schöne Augen
verliebte, aber sieben Jahre lang mit der Schwester Kinder
zeugte. Man könnte noch tiefer in der Familiengeschichte
stochern und stiesse auf das Brüderpaar, mit dem das Ganze
anfing – und auf einen anderen «Vater», der einen «Sohn»
bevorzugte. So heisst es in der Urgeschichte: «Und der Herr
blickte auf Abel und auf seine Opfergabe; aber auf Kain
und auf seine Opfergabe blickte er nicht.» (Genesis 4,2)
Tragisch, was dann kam – aber nicht das Ende! Das ist der
Trost der Josefsgeschichte. Sie nimmt ein gutes Ende, obwohl
die Brüder Böses im Sinn hatten.

Von: Ralph Kunz

18. Dezember

Der HERR sprach: Fürchte dich nicht, Abram!
Ich bin dein Schild und dein sehr grosser Lohn.
Mose 15,1

«Fürchte dich nicht!» Abram ist der Erste, dem mit diesem
Wort Mut zugesprochen wird. Es zieht sich durch die ganze
Bibel bis Offenbarung 2,10: «Fürchte dich nicht vor dem, was
dir an Leiden bevorsteht!» 365-mal stehe der kleine Satz in
der Bibel, liest man da und dort. Die Behauptung hält der
Überprüfung mithilfe einer Konkordanz nicht stand. Was
nicht heisst, dass ich diesen tröstlichen Zuspruch nicht an
jedem Tag im Jahr vertrauensvoll in Anspruch nehmen darf.
Das ist gut so, denn es fehlt nicht an Ereignissen und Situationen,
die uns das Fürchten lehren.
Gottes Wort ist schöpferisch: «Gott sprach … und es
geschah», so beginnt die Schöpfungsgeschichte. Wenn er
spricht, es werde Licht, wird es hell, und wenn er spricht
«Fürchte dich nicht!», muss die Angst weichen. So ist der
Zuspruch «Fürchte dich nicht!» keine Vertröstung, sondern
neue Wirklichkeit. Wenn ich ihn denn zulassen und für wahr
nehmen kann.
Nimm ihn beim Wort, probier aus, ob es hilft? Ob er hilft?
Nicht ein für alle Mal. Nicht immer sofort. Aber immer
wieder neu, wenn nötig täglich.
Übrigens, auch Singen hilft! Zum Beispiel das Taizé-Lied:
«Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein
Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und
fürcht mich nicht.» (RGB 704)

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Dezember

Recht muss doch Recht bleiben, und ihm
werden alle frommen Herzen zufallen.
Psalm 94,15

Auf den ersten Satz fällt – noch vor dem theologischen –
mein juristischer Blick. In dieser Übersetzung ist mir die
Aussage zu banal. Gemeint muss sein, dass Recht nicht zu
Unrecht werden darf oder umgekehrt, wie es die Zürcher
Bibel treffend ausdrückt: «Zur Gerechtigkeit wird zurückkehren
das Recht …»

Dieser aktive Ansatz gefällt mir. Recht hat Gerechtigkeit
herzustellen. Und wie geschieht das? Auch hier verfolgt die
Zürcher Bibel den aktiven Ansatz. Recht fällt nicht einfach
zu, sondern «Alle werden ihm folgen, die aufrichtigen Herzens
sind»
. Um Gerechtigkeit herzustellen braucht es also zwei
Dinge: Menschen, die das Recht befolgen und sich engagieren,
die das Unrecht bekämpfen, sowie aufrichtige Herzen, also
eine menschenfreundliche, einfühlsame Gesinnung. Für die
Gerechtigkeit muss man sich einsetzen. Frömmigkeit in Ehren,
aber es braucht Menschen, die sich exponieren und auch
bereit sind, Kritik einzustecken und Widerstände zu überwinden.
Was bezeugt das besser als das Wirken Jesu, von dem die
Evangelien erzählen? Es fing damit an, die damals Rechtlosen
überhaupt als Menschen wahrzunehmen, ihnen zu begegnen
und sie zu versorgen; den von Räubern Verletzten zum Gasthof
zu bringen und dem Wirt gar Kostgeld zu geben.
Wo und wie können wir uns für Recht und Gerechtigkeit
einsetzen? Wer sind die Bösen und die Übeltäter? (Vers 16)

Von: Bernhard Egg

16. Dezember

Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann,
der du zugesagt hast, mir zu helfen.
Psalm 71,3

Da sehnt sich jemand nach Sicherheit und Geborgenheit bei
Gott, und Gott bietet uns Freundschaft an. Auch wenn wir
durch schwere Zeiten gehen, er geht mit uns. Er ist für uns
da, wie ein guter Freund, eine gute Freundin.
Es ist gut, eine Freundin oder einen Freund zu haben. Da
weiss ich: Die kennt mich, der mag mich. Bei einer Freundin,
einem Freund kann ich mich auch einmal ausweinen. In
einer Freundschaft kann man ehrlich sein; man muss nicht
so tun als ob. Man kann so sein, wie man ist, auch mal ärgerlich,
oder traurig, oder einfach nur müde. Eine Freundin/ein
Freund hört zu, ist einfach da. Manchmal kommt da auch
Zuspruch zurück.
Gott bietet uns Freundschaft an. Wenn wir Freundschaft
mit Gott leben wollen, dann brauchen wir Zeit dafür und
einen Ort, wo wir mit Gott reden können, wo wir uns aussprechen
können, um Rat bitten; wo wir geschützt sind und
unser Herz öffnen können.
Wir brauchen eine feste Verabredung mit Gott, sonst verlieren
wir ihn aus den Augen. Der Gottesdienst am Sonntag
ist so eine Verabredung mit Gott: Wir nehmen uns Zeit
für Gott. Wir kommen zusammen. Wir singen gemeinsam
Lieder, beten, hören Gottes Wort und erleben etwas von
der Güte Gottes. Wenn wir uns Zeit nehmen für Gott, dann
ist Gott da, auch ausserhalb von Kirchenmauern. Wo ist Ihr
Treffpunkt mit Gott heute?

Von: Carsten Marx