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21. Februar

Weide dein Volk mit deinem Stabe. Micha 7,14

Vor meinem inneren Auge sehe ich saftige Weiden und assoziiere zunächst idyllische Landschaften der barocken Schäferdichtung.
Dann erinnere ich mich an die soziale Ungerechtigkeit und Verderbtheit, die der Prophet Amos ankreidet, und sofort wendet sich das Bild. Amos wird nicht müde, die Verwüstung der Gemeinschaft als Folge von Rechtsbrüchen aufzuzeigen.
Mir fallen viele Diskussionen um die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft und ihre Ursachen ein. Der politische Rechtsruck gibt mir Anlass zur Sorge. Wohin gehen wir? Was können wir zu einem guten Miteinander beitragen und wie das gegenseitige Verständnis fördern?
Amos setzt sein Vertrauen in die Fürsorge Gottes, der mit seinem Volk mitgeht und es mit seinem Stock behüten möge.
Mir fällt der Stab des Moses ein, mit dem er das Rote Meer teilt, und tatsächlich heisst es im folgenden Vers 15 «Lass uns Wunder sehen wie zur Zeit, als du aus Ägyptenland zogst». Wie ein Schäfer mit seinem Hirtenstab möge sich Gott um seine Herde kümmern und sie beschützen, bittet Amos.
Gleich regt sich in mir Widerstand: Ich will kein Schaf, kein dummes Herdentier sein. Doch parallel zu meinem ach so stolzen protestantischen Freiheitsstreben steckt auch in mir der Wunsch, von Gott geführt und geleitet zu werden:
Weide dein Volk mit deinem Stabe.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

20. Februar

Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Lukas 18,7

Jesus erzählt seinen Leuten ein Gleichnis. Er will ihnen zeigen, «dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollen» (Vers 1). Und dann kommt die Geschichte vom ungerechten Richter, der einer Witwe nur deshalb Recht verschafft, weil sie ihn nervt. Immer wieder kommt sie zu ihm und bedrängt ihn. Sie besteht auf ihrem Recht. Und das ist ihr gutes Recht! Als er Angst bekommt, dass sie handgreiflich wird, lenkt er ein. Heisst das jetzt, dass ich Gott so lange nerven soll, bis ich zu meinem Recht komme? Das kann ich mir nicht vorstellen.


Wie würdest du Gott nerven wollen, Lars? Wie geht das, Gott nerven? Ich kann mir das nicht vorstellen. Auch frage ich mich, ob die Auslegung des Gleichnisses Jesu nach Vers 1 wirklich die einzig mögliche ist … Das Schöne an der heutigen Losung finde ich, dass sie als Frage formuliert ist; okay, als rhetorische Frage, die zwischen den Buchstaben zum Himmel schreit: Doch, doch, Gott wird denen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, Recht schaffen! Aber als Losung ist und bleibt der Vers eine Frage. Vielleicht wird er, vielleicht auch nicht. Und überhaupt: Wann lieben, schlafen, träumen und umarmen sich die, die Tag und Nacht zu Gott rufen?

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

19. Februar

Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten
umsonst, die daran bauen.
Psalm 127,1

Der ganze Psalm 127 erinnert an die berühmte Stelle in der Bergpredigt (Matthäus 6,25–33), wo Jesus den Seinen nahelegt, sich nicht zu sorgen um das Lebensnotwendige, sondern «trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch solches alles zufallen». Es ist der Segen Gottes, der unsere Bemühungen gelingen lässt.
Wie wird Gott sich an einem Hausbau beteiligen, wie an der energetischen Sanierung, die ansteht, die aber teuer ist und die sich viele nicht leisten können? Wir müssen uns doch um das Geld, das Einkommen kümmern, das uns ja erst ermöglicht, solch grosse Projekte zu beginnen.
Wir erleben seit einigen Jahrzehnten gleichzeitig ein Schwinden des Glaubens auf der einen Seite, auf der anderen eine Radikalisierung in vielen Religionen, die sich vor allem auf die Politik auswirken. Beide Tendenzen entfernen sich von Gott, weil sie dem Menschen die alleinige Deutungshoheit zuschreiben.
Der Segen Gottes aber ist ein Geschenk, eine Gnade, die nicht in unserer Macht steht. Sie trägt uns, ermöglicht uns Neuanfänge, auch nach Fehlern, sei es beim Planen eines Hausbaus oder wo und wann auch immer. Sein Segen verhilft zum Realismus in unseren Vorhaben und erfüllt uns mit dieser wunderbaren Dankbarkeit für alles, was unser Leben gelingen lässt. Danke!

Von: Elisabeth Raiser

18. Februar

Wenn sie euch aber vor die Gerichte der Synagogen
und vor die Machthaber und vor die Behörden führen, dann sorgt euch nicht, wie oder womit ihr euch verteidigen oder was ihr sagen sollt, denn der heilige Geist wird euch in jener Stunde lehren, was ihr sagen müsst.
Lukas 12,11–12

Auch heute werden Menschen vor ein Gericht gezogen und entweder zu Aussagen gezwungen, die sie aus freien Stücken nie machen würden – oder denen man einfach keinen Glauben schenkt. Denken wir nur an die Prozesse gegen den Oppositionspolitiker Alexej Navalny in Russland oder gegen den deutsch-iranischen Jamshid Sharmahd, der nach erzwungenen Geständnissen kürzlich hingerichtet wurde. Es geht oft um Leben und Tod bei solchen Verhören.
Das ist in allen autokratischen Regimen so. Ein Beispiel dafür, wie die heilige Geistkraft einem Verhörten die richtigen Worte eingab, ist Helmuth von Moltke vor dem NS-Volksgerichtshof. Moltke schaffte es, dem leitenden Richter Freisler klar zu machen, dass es nur entweder den Glauben an Gott und eine christliche Ethik oder den Nationalsozialismus geben könne. Moltke wurde hingerichtet.
Aber sein Zeugnis vor dem Gericht ist ein wichtiges Vermächtnis. Es begründet für viele von uns Christen die unverhandelbare Loyalität gegenüber der Demokratie und die Ablehnung jeder absoluten Herrschaft. Solche Zeugnisse haben eine unglaubliche Wirkung!

Von: Elisabeth Raiser

17. Februar

Von deiner Wahrheit und von deinem Heil rede ich, HERR. Ich verhehle deine Güte und Treue nicht vor der grossen Gemeinde. Psalm 40, 11

Der Kollege, der gestern in einem eindrücklichen Gottesdienst zum «gerechten Frieden» eindringlich und laut predigte, tat genau das: Er redete vor einer durchaus grossen Gemeinde von «Gottes Güte und Treue». Er benannte die gegenwärtigen geopolitischen Bedrohungen und stellte ihnen die «Zusagen des Ewigen» gegenüber. Sein eigenes Vertrauen in ihn sprach er klar aus. So überzeugend und so direkt, dass viele aus der Gemeinde mehrfach zustimmend mit dem Kopf nickten und dem Gesagten zustimmten. Offensichtlich waren sie dankbar, dass so zuversichtlich eine Zukunft des Friedens in Wort und Ton und Gestus geradezu «beschworen» wurde. Der Psalmsänger von heute, so scheint es, will von seiner Erfahrung vom «Ausbruch des Friedens» so reden, dass viele es hören – und dadurch auch darauf vertrauen, «dass du, Gott, mir dein Erbarmen nicht verschliessen wirst und deine Güte und Treue mich immer behüten werden». Gestern wurde uns das gesagt!
Das habe ich nötig von Zeit zu Zeit, jetzt besonders. Und wenn es mich berührt hat, dann kann ich es auch anderen weitersagen. Gott ist ein Gott des Friedens, im Kleinen wie im Grossen. Und Gott gibt Kräfte, an ihrem/seinem Kommen zu arbeiten. Weil sie/er das will. Für alle!

Von: Hans Strub

16. Februar

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug
dem Unvermögenden.
Jesaja 40,29

Ab diesem Kapitel des Jesajabuchs beginnt offensichtlich eine spätere Weiterführung in Jesajas Namen. Sie ist durchzogen von einem ganz anderen Grundton: Jetzt wird dem kürzlich aus dem babylonischen Exil zurückgekehrten Volk eine Zukunft unter Gottes Schutz und Begleitung zugesagt. Nicht mehr stehen Ermüdung und Abwendung von Gott im Fokus, sondern die Kraft, die ihm neu geschenkt ist, eine neue Stärke, die es ihm möglich macht, Gottes Güte und unbedingte Zuwendung wahrzunehmen.
Viele von uns heute kennen das: ausgelaugt und müde zu sein, sich einer Sache nicht gewachsen zu fühlen. Die einen sehnen sich nach Zuwendung, die andern vermögen sie kaum zu erkennen und ebenso wenig zu schätzen. Aber wie auch immer – der (hier namenslose) Prophet bringt Gottes Wort zum Volk: Ihr könnt auf Gott vertrauen, er steht zu euch. Ihr könnt einen neuen Anfang eurer Beziehung zu ihm starten, Gott ist bereit dafür und will sich ohne jeden Zweifel an eure Seite stellen. «Der Fülle an Kraft wegen, und weil er vor Kraft strotzt, geht kein Einziger verloren. (…) Er ermattet nicht und wird nicht müde, seine Einsicht ist unerforschlich.» (Verse 27–28) Diese Worte gehen dem heutigen Vers unmittelbar voraus; sie zeigen in unmissverständlicher Deutlichkeit, dass Gottes Liebe nicht nur generell gilt, sondern jeder und jedem! Immer.

Von: Hans Strub

15. Februar

Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest
du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Psalm 22,3

«Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!» Am Kreuz betet Jesus den 22. Psalm. Macht er halt nach diesem Ausruf, oder spricht er ihn weiter Vers um Vers? In jedem Fall sind die Passionsgeschichten der Evangelien und dieser Psalm eng miteinander verbunden: «Sie haben meine Hände und Füsse durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und weiden sich an mir. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.»
Jesus am Kreuz ist Gott in seiner Verlassenheit unter den Menschen.
Doch zum Psalm gehören auch Verse wie diese: «Er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu ihm schrie, hörte er’s… Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben. Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker. Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Völkern.»
In der dunkelsten Stunde leuchtet trotz allem das Licht der Hoffnung auf Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit für alle Welt!

Von: Barbara und Martin Robra

14. Februar

Sehet, welch ein Mensch! Johannes 19,5

Mit Dornenkrone und Purpurgewand, gequält und verspottet von den Soldaten tritt Jesus vor das Volk, das seinen Tod will. Noch liefert ihn Pontius Pilatus nicht aus. Sieht er mehr in diesem Jesus als dessen Ankläger? Ahnt er, dass mit ihm Gott selbst gegenwärtig ist unter den Menschen? «Seht, welch ein Mensch!», ruft er dem Volk zu.
In seinem Leiden nimmt Jesus die Gebrochenheit und Not der Menschen auf. In seinem gemarterten Körper wird das Leiden der Menschheit getragen und angenommen von Gott selbst.
Künstlerinnen und Künstler haben diese Szene über die Jahrhunderte hin immer wieder gestaltet – gerade auch im 20. Jahrhundert, das so tief geprägt ist von Gewalt und Tod im Holocaust, in zwei Weltkriegen … und vielen anderen Konflikten.
«Ecce – Seht» nannte Paul Klee eine Zeichnung aus seinem Todesjahr 1940: das Gesicht eines von Schmerzen gezeichneten Mannes mit einer Dornenkrone. Dessen grosse Augen blicken voraus – auf den kommenden Tod und vielleicht darüber hinaus auf Auferstehung und ewiges Leben. Klee selbst ist schwer krank und weiss, dass er bald sterben wird. Erkennt er sich wieder im leidenden Gottessohn? Geht auch sein Blick über den Tod hinaus?

Von: Barbara und Martin Robra

13. Februar

Fragt nach den Wegen der Vorzeit, welches der
gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele!
Jeremia 6,16

Schon Augustinus – 300 n. Chr. – sagte, dass unser Herz «unruhig» ist, «bis es Ruhe findet in dir».
Ruhe und inneren Frieden zu finden, ist eine uralte Sehnsucht des Menschen.
Ruhe finden wir auf «den Wegen der Vorzeit», «auf uralten Pfaden», wie es in der Zürcher Bibel heisst.
Früher war alles besser! Oft ertappe ich mich dabei, das zu denken oder es gar zu sagen. Dabei weiss ich, dass es ein Zeichen des Alters ist, so zu denken. Auf Altbewährtes zurückzugreifen, kann hilfreich sein. Und sich auf Gott zu besinnen und dabei Güte, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden im Auge zu haben, kann uns seelische Ruhe schenken, wenn uns der Stressmoloch des Alltags zu verschlingen droht. Die Rückschau verbindet uns auch mit unseren Wurzeln, was ausserordentlich wichtig ist. Wer verwurzelt ist, öffnet sich leichter der Zukunft.
Wenn wir in der Rückschau Ruhe finden, so können wir wieder Vertrauen fassen und vorwärtsgehen. Das Kirchenlied fasst es in tröstliche Worte:
«Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.»
Zwischen Rückbesinnung und Zukunftshoffnung kann sich gelingendes Leben einfinden.

Von: Kathrin Asper

12. Februar

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse,
hängt dem Guten an.
Römer 12,9

Echt hat die Liebe zu sein, nicht geheuchelt. Liebe lässt sich indes nicht befehlen, sie ist da oder sie ist nicht da. Auch lässt sich nicht befehlen, dass sich nichts Falsches in die Liebe mische. Mit anderen Worten und logisch gefolgert: Wenn wir keine Liebe fühlen, so lassen wir es besser. Wie begegnen wir dann dem Mitmenschen? Am besten, denke ich, mit Respekt, redlich und anständig. Das Böse sollen wir hassen. Ein schwieriges Gebot. Wissen wir immer, was böse ist? Wissen wir stets, wenn wir etwas Böses getan haben? Manchmal, aber nicht immer. Wir sind «böse von Jugend an», heisst es in der Bibel (1. Moses 8,21). Ob wir nun gut aus der Hand Gottes kommen, wie es im «Emile» von Jean-Jacques Rousseau heisst, und Böses erst im Laufe der Zeit ausbilden, oder ob das Böse integraler Bestandteil unserer Natur ist, Tatsache ist, dass es das Böse gibt – im Grossen und im Kleinen, zwischen Völkern, zwischen und in Menschen. Wenn wir aber Abbild Gottes sind, ist dann das Böse auch in Gott zu orten? Oder sind wir nur im Guten Abbild Gottes? Fragen über Fragen, mit denen sich manche klugen Köpfe über die Zeitläufe hinweg befasst haben.
Ich für mich halte es mit Marie Luise Kaschnitz und glaube, dass es den verborgenen Gott gibt, dem sie folgende Worte in den Mund legt:
«Ihr sollt in mir sehen / Einen von zweien / Und hinter meinen Worten / Unruhig horchen / Auf die andere Stimme.»
Dem Guten «anhängen», es immer und immer wieder versuchen, das bleibt.

Von: Kathrin Asper