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11. Februar

Du sollst den Geringen nicht vorziehen,
aber auch den Grossen nicht begünstigen.
3. Mose 19,15

Heute werden uns die Leviten gelesen. Die Losung ist aus dem Buch Leviticus, dem sogenannten Heiligkeitsgesetz (Leviticus 19,1–37) – einer der ältesten Sammlungen von Weisungen in der hebräischen Bibel. Darunter hat es wunderbar klare und zeitlose Gebote wie «liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (Vers 19), aber auch wunderliche, uns fremde Verbote, die wir heute nicht mehr verstehen – zum Beispiel nichts Blutiges zu essen (Vers 26). Wenn es heisst, man soll den Geringen nicht vorziehen und den Grossen nicht begünstigen, steht eine Gerichtssituation vor Augen. Gericht wurde damals unter den Toren gehalten. Man muss sich das als eine Art öffentliches Forum vorstellen, das unter der Leitung einer angesehenen Frau (Deborah) oder eines Mannes stand. Erwachsene Israeliten konnten für oder gegen Angeklagte die Stimme erheben. Das Rechtswesen ist in einer überschaubaren Gemeinschaft ein hochsensibler Bereich. Ein falsches Zeugnis hat verheerende Folgen und Parteilichkeit führt schnell zu neuem Unrecht. Es ist schon erstaunlich: Was in der Bronzezeit die Grundlage des Rechtswesens war, ist bis heute gültig: Gerechtigkeit basiert auf Werten, die kultiviert werden in Institutionen, verkörpert von Menschen, die unparteilich, unbestechlich und streng sachlich richten.
Es schadet nichts, wenn uns von Zeit zu Zeit die Leviten gelesen werden.

Von: Ralph Kunz

10. Februar

Bei Gott ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt
und der irreführt.
Hiob 12,16

Die Losung ist unverständlich ohne Kontext. Und der hat es in sich. Hiob macht nämlich kurzen Prozess mit der Weisheit. Er rechnet nicht nur mit «Klugscheissern» ab. Seine Kritik geht tiefer, ist radikaler. In der literarischen Gestalt des Hiob geht es um das Rätsel der leidvollen menschlichen Existenz und das Elend der landlosen Existenz Israels. Er spricht für alle, die das Unglück trifft: Kein Mensch kann verstehen, kein Sterblicher durchschauen, was abgeht. Und wer an Gott festhält, prallt auf eine Weisheit und ein Regiment, das im Dunkeln lässt. Denn «er führt die Priester barfuss davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter. Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten. Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus. Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht.» (Hiob 12,20–23) Das unverschuldete Leid lässt Hiob so reden. Und sein Leid ist symbolisch für das Leid ganzer Nationen. «Er macht Völker gross und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt’s wieder weg.»
Sind wir klüger als Hiob? Oder mit unserer Weisheit auch am Ende? Ziemlich düster, ich gebe es zu. Das einzige Erhellende, das mir dazu einfällt, ist ein Text von Frère Roger: «Jésus le Christ, lumière intérieure, ne laisse pas mes ténèbres me parler!»

Von: Ralph Kunz

9. Februar

Du Menschenkind, alle meine Worte, die ich dir sage, die fasse mit dem Herzen und nimm sie zu Ohren! Hesekiel 3,10

Es ist viel von Härte die Rede in diesem dritten Kapitel. Die Menschen sind im Exil hart geworden. Hartherzig, verhärtet, versteinert. Ezechiel kann man übersetzen mit: Gott möge hart machen. Den harten Menschen soll also der gestählte Prophet selbst mit Härte entgegentreten und ihnen Gottes Wort entgegenschleudern. Dass die Kommunikation nicht klappen wird, ist bereits vorgesehen. Trotzdem muss Ezechiel gehen, trotzdem muss er ausrichten, was Gott ihm freundlich und durchaus bekömmlich aufträgt. In scharfem Gegensatz steht das Reden Gottes mit seinem Boten zur Predigt an ein Volk, das mit dem Glauben nichts mehr am Hut hat.
Auch wenn heute der Bedeutungsverlust der Kirche innerkirchlich oft beklagt wird: Ihre Botschaft hat nie sehr viele wirklich interessiert. Was Jesus sagte, ist überall da, wo mehr besser ist als weniger, nicht brauchbar. Die Härte, die es in all den Haifischbecken von Politik, Sport und Wirtschaft braucht, verträgt sich schlecht mit der Aufforderung, die Liebe an die erste Stelle zu setzen. Aber wir Glaubenden dürfen nicht hart werden, im Sinne der von Gott enttäuschten Vertriebenen. Sondern hartnäckig freundlich verkörpern, dass die besten Momente im Leben die sind, in denen Begegnungen gelingen; in denen ich verstehe und verstanden werde.

Von: Heiner Schubert

8. Februar

Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder,
der gnädige und barmherzige HERR.
Psalm 111,4

Auch bei Psalm 111 geht es heroisch weiter. Dieser Gott lässt uns nicht los, wenn wir ihn denn ernst nehmen! Seine Gebote sollen für alle Zeiten Bestand haben. Er hat sein Volk befreit, und sein Bund mit ihm gilt für immer …
Wenn ich in die Welt schaue, habe ich nicht gerade das Gefühl, dass da sehr viele bundestreue Menschen sind. Oder anders gesagt, Menschen, die diesen Gott noch ernst nehmen. Aber was meint denn «ernst nehmen»? Für mich bedeutet es, diesen Gott mitzunehmen auf die Reise des Lebens und zu versuchen, Liebe zu streuen auf diesen Lebenswegen. Konkreter: Für mich ist das Evangelium eine Richtschnur für das gelingende Leben zusammen mit allen Lebewesen auf diesem Planeten. Es geht um gute und ehrliche Gemeinschaft, es geht um Frieden, es geht um Bewahrung der Schöpfung und unserer eigenen Art. Es geht darum, sich nicht als Gott aufzuspielen, auch wenn wir nach göttlichem Abbild geschaffen worden sind. Es geht darum, sich für andere zurückzunehmen und mit dem Schlüssel, der da Liebe heisst, zu versuchen, diese eine Welt zu einem besseren Ort zu machen bei allem, was wir hier auf Erden tun und anstellen.
Dieser eine Gott hat meiner Meinung nach diese Geschichten überliefern lassen, damit wir beim Lesen immer wieder an die goldene Richtschnur erinnert werden und nicht nur aus Eigenzweck existieren und am Ende einsam sterben.

Von: Markus Bürki

7. Februar

Gott, du bist mein Gott, den ich suche.
Es dürstet meine Seele nach dir.
Psalm 63,2

Psalm 63 ist eine Liebeserklärung an Gott. An den einen Gott, den wir suchen. Es gibt viele Götter unter dem Himmel, aber im jüdisch-christlichen Kontext reden wir von dem Einen, der sich gezeigt hat in Jesus, unserem geglaubten Christus, der ganz Mensch geworden ist und sich zu uns herabgelassen hat in unser irdisches Gewusel. Ganz nahe zu uns Menschen ist er gekommen. Das finde ich immer wieder wunderbar, weil es unseren Gott so verletzlich, echt und glaubwürdig macht. Gott ist einer von uns!
Ja, auch mich dürstet es immer wieder nach diesem Gott. Im Gebet, im Alltag, auf der Arbeit – überall versuche ich diesen einzigartigen Gott zu erhaschen und immer wieder gehe ich leer aus, bin am Abend einfach nur erschöpft, genervt und eigentlich überfordert mit all den Anforderungen. Wo ist der eine Gott? Psalm 63 geht dann noch weiter. Alle, die meinen Untergang wünschen, werden dank meines Gottes selber ins Totenreich hinabsteigen müssen, dem Schwert ausgeliefert und den Schakalen zum Frass vorgeworfen werden. Ja, dieser eine Gott kann auch ziemlich zornig werden. Es macht den Anschein, dass ich mit diesem einen Gott wirklich über Mauern springen und Bäche durchschwimmen kann, weil er mich nicht allein lässt. Und doch falle ich immer wieder auf den Boden der harten Realität zurück und schürfe mich auf. Dieser eine Gott ist mir leider oft (zu) fern. Beten, Stille, Bibelstudium können weiterhelfen.

Von: Markus Bürki

6. Februar

Der HERR sprach: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. 1. Mose 8,21

Wie kann Gott darauf reagieren, dass im Denken des Menschen schlechte Pläne entstehen? Der Text von der grossen Flut stellt zwei verschiedene Optionen dar. Am Anfang der Erzählung bereut Gott, dass er den Menschen geschaffen hat. Denn «alles, was in seinem Planen und Denken geformt wird, ist nur böse den ganzen Tag» (1. Mose 6,5). Gott beschliesst, den Menschen vom Erdboden «wegzuwischen». Allerdings nicht ganz – in der Arche überlebt Noah mit seiner Familie. Das Losungswort steht dann am Ende der Flut-Erzählung. Jetzt entscheidet sich Gott für die zweite Möglichkeit: Nie wieder! Zwar hat sich wenig daran geändert: «Was im Denken des Menschen geformt wird, ist böse von seiner Jugend an.»
Aber nun kommt Gott in einem Selbstgespräch zu einem ganz anderen Schluss: «Nicht noch einmal werde ich die Erde verfluchen wegen dem Menschen. Und nicht noch einmal werde ich alles Lebendige schlagen, wie ich es gemacht habe.» Gott entscheidet sich, die Verfehlungen des Menschen zu ertragen, und gibt dem Leben eine dauerhafte Zukunft. Er wird es nie wieder zulassen, dass falsche Pläne des Menschen zur vollständigen Vernichtung führen. So bekommt der Mensch die Chance, aus Fehlern zu lernen.

Von: Andreas Egli

5. Februar

Der Knecht Gottes sprach: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Jesaja 50,6

Der Prophet hat die Berufung, zu den Menschen zu reden, sodass sie neue Kraft finden, wenn sie müde sind (Vers 4). Gestärkt werden soll die Hoffnung, dass Gott zurückkehrt nach Jerusalem, dass es für das Volk eine Zukunft gibt. Aber nicht alle Angesprochenen sind für die gute Botschaft empfänglich. Bei denen, die gar keine Hoffnung mehr haben, kann die Niedergeschlagenheit in offene Aggression umschlagen. Der Prophet bekommt diesen Widerstand zu spüren. Leute geben ihm Schläge auf den Rücken, sie wollen die Haare seines Barts ausreissen. Sie beschimpfen ihn und spucken ihm ins Gesicht. Er lässt sich vom Gegenwind nicht entmutigen, sondern bleibt standhaft bei seinem hoffnungsvollen Auftrag.
Was gibt ihm die Kraft dazu? Die eine Kraftquelle ist, dass er als «Knecht» gelernt hat, auf Gott, seinen Herrn, zu hören –
immer wieder, jeden Morgen neu. Die zweite Kraftquelle ist die Überzeugung, dass diejenigen, die gegen ihn sind, nicht das letzte Wort haben werden. Weil Gott dem Propheten beisteht, werden sie ihm sein Vertrauen, seine Würde, seine innere Stärke nicht wegnehmen.
Alle Menschen, die Gott mit Ehrfurcht begegnen, können dies vom Knecht Gottes lernen.

Von: Andreas Egli

4. Februar

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeisst? Jeremia 23,29

Feuer bringt Wärme – Feuer kann zerstören. Ein Hammer ist ein Werkzeug – ein Hammer kann zerschmeissen. Jeremia führt einen Diskurs mit anderen Propheten. Er spricht von Lüge, von Zerwürfnis. Er ist ein theologisch gebildeter Priester und Prophet. Aber, so scheint es mir, er ist vor allem überzeugt von Gottes Wort. Es geht vor allem um das Bekenntnis, dass Gott in der Welt wirksam ist, bei den Menschen ist und auf ihrer Seite steht. Gott, die Lebendige, greift ein in das Geschehen der Welt. Was will Gott uns heute sagen? Diese Frage stellt Jeremia, und diese Frage beschäftigt mich immer wieder neu. Wie kann ich die Stimme der Lebendigen hören? Wo ist diese lebendig machende Stimme in unserer Welt? Die einen finden sie im Diskurs mit anderen Menschen. Andere finden sie in der Stille, im Gebet. Für mich ist dies wichtig, denn ich bitte um den guten Geist Gottes, dass er mich begleitet, nährt und meinen Glauben stärkt. Ich bin dankbar, dass ich mit dieser Bitte nicht allein bin. Zwar sitze ich nicht am Feuer, sondern gehe meinen Weg in der Welt. Die Stimme der Lebendigen hilft, diesen Weg zu gehen.
Schenke du uns die Kraft, immer wieder neu auf deine Stimme zu hören und daraus Vertrauen zu schöpfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Februar

Die Hand Gottes war über uns, und er errettete uns. Esra 8,31

Das Buch Esra berichtet über zwei Rückkehren. Die Ausgewanderten wussten die Hand Gottes über ihnen. Und sie hielten inne für ein Fasten. Die Hand Gottes sollte sie ganz beschützen. Sie brauchten kein militärisches Geleit und keinen anderen Schutz. Kann es sein, dass sie eine Kultur der Gewaltfreiheit lebten? Oder ist das nur ein frommer Gedanke von mir? Ist es nur ein Traum, dass Menschen ohne Vorurteile leben, ohne Ausgrenzung, ohne Angst voreinander?
Gerne versuche ich eine Umkehrung: leben mit offenem Herzen und offenen Augen, das Gute in den Menschen und ihrer Kultur entdecken, die eigenen Ängste benennen und mit Freund:innen besprechen; Negatives abbauen und durch wertvolle Erfahrungen ersetzen. Ich träume von einer Kultur der Gewaltfreiheit bei uns und weltweit. Und ich träume von der Kraft, die von der Lebendigen geschenkt wird, durch ihre Hand, die mich beschützt und stärkt. Träume helfen, immer wieder Schritte in Richtung Frieden und Gerechtigkeit zu tun, weil sie Ziele setzen, Ziele, die unerreichbar scheinen. Der Glaube an die schützende Hand Gottes ist ein Ziel, das wir manchmal spüren und manchmal einfach darum ringen dürfen.
Halte du deine Hand über uns und über deiner ganzen Schöpfung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Februar

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Hebräer 11,8

Abraham wurde hochbetagt seiner Sicherheiten beraubt. Als er dachte, alles im Leben schon hinter sich zu haben, hatte er mehr Ungewissheit vor sich, als er sich vorstellen konnte. Er wusste nicht, was kommt, aber er zog los.
Später zog er weiter, weil eine Hungersnot kam, weil er sich also in einen Wirtschaftsflüchtling verwandeln musste (Genesis 12,10). Aber: «Freude aus Verunsicherung ziehn – wer hat uns das denn beigebracht?» (Christa Wolf)
Abraham hat diese Zuversicht unmittelbar von Gott gelernt. Der Hebräerbriefschreiber und der amerikanische Psychologe H. B. Gelatt finden, wir sollten es auch lernen. Gelatt schrieb schon vor 35 Jahren: «Vor einem Vierteljahrhundert war die Vergangenheit bekannt, die Zukunft vorhersagbar, und die Gegenwart veränderte sich in einem Schrittmass, das verstanden werden konnte. […] Heute ist die Vergangenheit nicht immer das, was man von ihr angenommen hatte, die Zukunft ist nicht mehr vorhersehbar, und die Gegenwart ändert sich wie nie zuvor.»
Gelatt täuschte sich ein bisschen, denn herausfordernde Zeiten gab es immer, sie sind nicht neu. Abraham täuschte sich nicht: Auf Gott ist Verlass. Denn er kommt mit, heraus aus allem, was war, seien es auch Vaterland und Muttersprache, hinein in alles, was kommt. Alter schützt vor Neugier nicht.

Von: Dörte Gebhard