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3. März

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Psalm 139,23–24

Im Religionsunterricht musste ich diesen Psalm lesen, ohne ihn zu verstehen. Die Worte machten mir Angst. Gott erforscht mich und sieht, was ich falsch mache. Heute halte ich mich an die Worte: «und erkenne, wie ich’s meine». Denn in diesen Worten fühle ich mich aufgehoben. Sie legen mir nahe, dass Gott, die Lebendige, bei mir ist und in meinem Herzen einen Raum einnimmt. In diesem Raum gibt es keine Strafe, sondern ein Aufgehobensein. Die Lebendige ist da und zeigt mir, wie mein Weg weitergeht. Ich spüre den Raum nicht immer. Ich weiss nicht immer, wie Gott es meint, wie sie meinen Weg sieht. Aber ich kann loslassen und mich darauf verlassen, dass Gott da ist, einfach so. Der Psalm sagt nichts darüber, wie ich mich verhalten muss. Er ist ein Gebet, ein Gebet, in dem auch die Feinde eine Rolle spielen. Gewiss, ich habe keine Feinde. Aber auch mein Weg ist mit Steinen belegt. Ich muss sie überwinden. Und gerade da ist die Bitte um das Geleit der Lebendigen eine Hilfe, ein Halt, der Vertrauen schenkt. Die Angst ist nicht weg, aber sie ist aufgehoben bei Gott, der Lebendigen, und wird so leichter. Und so kann ich auch darum bitten, dass der Raum der Lebendigen in meinem Herzen wahrnehmbar, spürbar ist.
Danke, Gott, dass du mit uns auf dem Weg bist.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. März

Der HERR erlöste sie, weil er sie liebte und
Erbarmen mit ihnen hatte. Er nahm sie auf
und trug sie allezeit von alters her.
Jesaja 63,9

Gott – eine Wirklichkeit ausserhalb unseres Denkens in Raum und Zeit und Kausalität, ausserhalb unserer Erkenntnisstrukturen: Darauf hat uns die gestrige Losung hingewiesen. Aber was wäre für uns Gott, der völlig ausserhalb unserer Wirklichkeit, unserer Existenz steht? Er ginge uns nichts an, er wäre bedeutungslos für unser Dasein.
Die biblischen Geschichten sehen das anders. Sie erzählen uns auf mancherlei Weise von Erfahrungen, die Menschen mit dieser ausserhalb unserer selbst liegenden Wirklichkeit gemacht haben: Sie sprechen von Gott unter dem Vorzeichen von Liebe und Erbarmen. Diese uns nicht zugängliche Wirklichkeit ist uns wohlgesinnt, ist keine dunkle, bedrohliche Macht. In der Geschichte der Religionen ist mit einer ins Bedrohliche verfälschten Gottesvorstellung viel Schindluder getrieben, viel Unheil angerichtet worden. Religion ist nicht per se gut und hilfreich. Das ist sie nur unter dem Vorzeichen von Liebe und Erbarmen. Dieses Vorzeichen bedeutet viel mehr als eine allgemeine gute Atmosphäre. Es hat sich zu bewähren, wo gutes Leben bedroht ist. Das sagt der Schluss unserer Losung: Gott hat die Menschen durch Dunkelheit getragen – von alters her, und auch für uns gilt das Versprechen.

Von: Andreas Marti

1. März

Denkt an den Anfang, an das, was schon immer war:
Ich bin Gott und keiner sonst, ich bin Gott, und
meinesgleichen gibt es nicht.
Jesaja 46,9

Ein Anfang, vor dem nichts war, bevor es noch die Zeit überhaupt gab – die scholastische Theologie sprach von der «prima causa», der ersten Ursache, die selbst keine Ursache hat, und sie bezeichnete Gott als diese erste Ursache. Gott ist eine Wirklichkeit ausserhalb der Kausalität, ausserhalb der Zeit. Interessanterweise ergibt sich da eine Brücke zur modernen Wissenschaft: Zeit ist nichts Absolutes; von Zeit zu sprechen ausserhalb des Beginns von Raum und Zeit in einem hypothetischen Urknall, ist sinnlos, und die Quantenphysik ihrerseits hat die universelle Gültigkeit einer strikten Kausalität zumindest ins Wanken gebracht.
Wohlgemerkt: Das ist kein Gottesbeweis. Aber es ist keineswegs unvernünftig, eine Wirklichkeit zu denken, die jenseits unserer Vorstellung von Raum und Zeit ist, jenseits von Kausalitätsketten. Im Gegenteil: Eine auch gegenüber sich selbst kritische Vernunft kennt ihre Grenzen, weiss, dass sie in die menschlichen Erkenntnisbedingungen wie in einen Zirkel eingeschlossen ist. Religiöse Erkenntnis soll keineswegs die Lückenbüsserin für diese Begrenztheit sein, aber sie hält sie im Bewusstsein, und sie kann hilfreiche und weniger hilfreiche Formen annehmen – aber da würde jetzt die Aufgabe der Religionskritik anfangen …

Von: Andreas Marti

28. Februar

Paulus schreibt: Wir leiden Verfolgung, aber wir
werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.
2. Korinther 4,9–10

«Apostel» ist ein lebensgefährlicher Beruf. Paulus hat das in mehreren Briefen beschrieben. Gefahren drohen von Naturereignissen, von Kriminellen, willkürlichen Obrigkeiten, böswilligen Menschen, von Neidern, vom aufgebrachten Mob, von Krankheit und Mangel … Es gibt weder Rechtsschutz noch Reiseversicherung, weder Unfallversicherung noch Krankenkasse, weder einen Ombudsmann noch Beschwerdestellen. Und schon gar keine Altersvorsorge.
Aber es gibt das Wörtchen «aber», das Paulus den Gefahren und Ängsten entgegensetzt: «Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.» (Vers 8) Im zerbrechlichen irdischen Leben leuchtet ihm die Fülle Gottes auf, die in Sattheit und Sicherheit wohl nicht zu erfahren ist: «Wir haben diesen Schatz aber in irdenen (zerbrechlichen) Gefässen, damit die Überfülle der Kraft Gott gehört und nicht von uns stammt.» (Vers 7)
Klingt das nicht wie eine Seligpreisung? Pfarrer Gerhard Neumann hast sie so formuliert: «Herzlichen Glückwunsch euch, die ihr Brüche in eurer Lebensgeschichte habt. Denn durch die Risse in eurem zerbrechlichen Lebensgefäss leuchtet das Licht der Gnade Gottes.»

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. Februar

Dient dem HERRN von ganzem Herzen. Und weicht nicht ab; folgt nicht denen, die nichts sind, die nichts nützen und nicht retten können, denn sie sind nichts! 1. Samuel 12,20–21

Von ganzem Herzen. Nicht halbherzig. Ganz. Nicht halbbatzig.
Ich möchte ganz lieben können – und auch als ganze Person geliebt werden. Ich möchte ganze Empathie zeigen, ganz da sein, ganz trösten – und auch ganz getröstet werden. Ich möchte nicht abweichen, mich nicht halb wegducken. Ich möchte mit anderen zusammen eine Vision verfolgen, die der ganzen Welt nützt, die alle Lebewesen rettet – nicht eine, die vielleicht so halbwegs ein bisschen hilft. Ich will den Krieg ganz weg und den Hunger und die rassistische und die geschlechtsspezifische Gewalt. Ich möchte ganz und nicht halb wach sein, wenn sich etwas Bahnbrechendes tut, wenn, um es in alter Sprache zu sagen, etwa der Messias kommen sollte. Die Gläser, mit denen wir auf das Leben anstossen, sollen ganz und nicht halb voll sein.
Ich scheitere immer wieder. Aber ich bitte mit Bruder Klaus:
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Von: Matthias Hui

26. Februar

Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weisst nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist. Johannes 3,8

Es gibt Zeiten, da zeichnen sich, für viele sichtbar, bahnbrechende Veränderungen in der Welt ab. Es gibt Zeiten, da tun sich die Himmel auf, und das Leben auf der Erde wird ein bisschen besser. Und es gibt andere Zeiten, dunklere, schwarze. Was uns dann bleibt, ist, innerlich bereit zu werden für wieder andere Zeiten, für den Wind.
Mohammed Zaqzooq ist ein Autor aus Gaza. Seine Stimme soll hier Raum erhalten: «In mir wuchs der Wunsch, meinen Körper in das Meer zu tauchen. Meinen Körper, der nach langen Nächten des Terrors von Angst vollgesaugt und vor Anspannung entstellt war. Ich ging auf das Meer zu, der Wind presste gegen mein Gesicht, meine Stirn. Sobald das Wasser meine Füsse berührte, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Und dann, innerhalb einer Sekunde, warf ich diesen erschöpften Körper ins salzige Wasser. Ein Körper, der schwer geworden war, heruntergedrückt von Lasten, wurde nun vom Wasser leichter gemacht. Hochgehoben, getragen, mit geschlossenen Augen und mit Ohren, die das Rauschen des Meeres aufnahmen. Als das Wasser mich trug, mich anhob, schaute ich auf, an einen blauen, flugzeugleeren Himmel. Und eine lange Stille legte sich auf alles – als ob es nicht nur ein Meer wäre.»

Von: Matthias Hui

25. Februar

Der HERR ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
Psalm 118,14

Diejenigen, die wissen, dass Gott das erste und das letzte Wort hat, müssen nicht mehr um die eigene Macht kämpfen. Diejenigen, die wissen, dass Menschsein zum Ziel hat, das Lob Gottes zu singen, halten sich zurück, wenn lauthals das Lob eines Volkes, einer Partei, einer Ideologie oder auch einer Konfession gesungen wird. Diejenigen, die wissen, dass von Gott her ihr Leben Sinn und Erfüllung bekommt, bilden sich nicht mehr ein, sie müssten ihr Glück selbst und dann oft auch auf Kosten anderer schmieden.
Psalm 118 ist eigentlich eine ganze Dankliturgie, im Wechsel von Einzelstimmen und Gemeinde zu singen. Der heutige Losungsvers steht ziemlich genau in seiner Mitte als Einladung an jeden und jede, sich dieses Bekenntnis zu eigen zu machen. Im Psalter, aus dem ich immer wieder singe, ist übersetzt: «Meine Stärke und mein Lied ist der Herr, er ist für mich zum Retter geworden.» Ich bin mir bewusst: Wenn ich das mitsinge, bedeutet das nicht, dass mein Leben einfacher, harmloser, bequemer wird. Unmittelbar vor diesem Vers ist zum Beispiel von lästigen Gegnern die Rede, die uns wie Wespen umschwirren. Doch singend wird mein Vertrauen gestärkt, dass mir eigentlich nichts passieren kann, weil «Gott im Regimente sitzt».

Von: Benedict Schubert

24. Februar

Ihr trinkt den Wein kübelweise und verwendet
die kostbarsten Parfüme; aber dass euer Land in
den Untergang treibt, lässt euch kalt.
Amos 6,6

Es ist eine kunstvoll komponierte Wutrede, zu der Prophet Amos anhebt. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Samaria frönen dem Genuss, ihr Luxus wird zum perversen Gottesdienst. Der Prophet geisselt das Luxusleben vor allem deshalb, weil es auf Gewalt gebaut ist und mit der prekären Lage im Land kontrastiert. Doch nicht nur moralisch haben die Menschen versagt, zur Ignoranz gesellt sich die Unfähigkeit, weil sie «sich zum Klang der Harfe versuchen und sich für David halten an den Instrumenten» (Amos 6,5).
Der Text ist beklemmend aktuell. Dass Wohlstand auch auf Ausbeutung von Menschen und dem Raubbau an den natürlichen Ressourcen basiert, ist keine neue Erkenntnis. Und auch das Gesetz der Trägheit bleibt wirksam: Wir verschliessen davor lieber die Augen und das Handeln und insbesondere der Verzicht fallen uns unfassbar schwer, selbst wenn wir hinsehen. Die Frage, ob die prophetische Wutrede, welche die Grenze zur Beschimpfung ritzt, tatsächlich weiterhilft, oder doch die kleinen Schritte der guten Taten und eine liebevolle, auf Verständigung ausgerichtete Sprache die Menschen zur Umkehr zu bewegen vermag, lässt die Bibel offen. Sie erzählt von beiden Strategien und ringt um eine Antwort. So wie wir.

Von: Felix Reich

23. Februar

Jesus stand auf und bedrohte den Wind und die Wogen des Wassers, und sie legten sich und es ward eine Stille. Er sprach aber zu den Jüngern: Wo ist euer Glaube? Lukas 8,24–25

Als Jesus schläft, zieht ein Sturm auf. Die Jünger kommen ohne ihn nicht zurecht und wecken ihn. Jesus bedroht Wind und Wogen, die Naturgewalten kuschen vor seiner Macht. Jesus, der später am Kreuz die Ohnmacht bis in den Foltertod durchleidet, zeigt sich hier als allmächtiger Gebieter über die Elemente. «Wer ist denn dieser?» (Lukas 8,25), fragen staunend und ängstlich die Jüngerinnen und Jünger. Es ist die Frage, die das Evangelium durchzieht: Jesus provoziert und heilt, leidet und tut Wunder, poltert und verzeiht, weist den Sturm in die Schranken und ist der Gewalt ausgeliefert. Der Tadel, wo ihr Glaube geblieben sei, irritiert nach dem, was geschehen ist. Offensichtlich ist es doch richtig gewesen, Jesus zu wecken, denn er bewahrt das Boot ja tatsächlich vor dem Untergang. Und haben die Jüngerinnen und Jünger nicht gerade ihren Glauben bewiesen, indem sie ihn zu Hilfe gerufen haben? Sie glauben daran, dass Jesus sie vor der Gefahr schützt. Und sie haben erkannt, dass es nicht in ihrer Hand liegt und sie gegen Sturm und Wellen nicht ankommen können. Aber vielleicht ist der Satz auch weniger Tadel als Irritation. Ein Aufruf, immer wieder neu eine Antwort zu suchen auf die Frage, wo der eigene Glaube, die Hoffnung, dass der Sturm sich irgendwann legt, eigentlich verankert ist.

Von: Felix Reich

22. Februar

Selig sind, die da hungert und dürstet nach
der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Matthäus 5,6

In den letzten Jahren entwickelte sich eine Tendenz zur allgemeinen Verrechtlichung. Immer mehr Menschen klagen dies oder jenes ein und machen Firmen zum Beispiel für ihr Übergewicht oder ihre Zuckerkrankheit verantwortlich. Mehr Verstand und Eigenverantwortung wären wohl hilfreicher.
Manche Menschen, die Jesus in der Bergpredigt anspricht, haben gar keine Möglichkeit, ihr Recht einzufordern. Sie haben auch ein ganz anderes Verständnis von Gerechtigkeit. Dieses will nicht nur individuelles Recht, sondern will die bestehenden Verhältnisse von Grund auf transformieren und die Kluft zwischen Reich und Arm, Hungernden und Satten schliessen. Im Einzelfall rät Jesus sogar dazu, auf das formale Recht zu verzichten und dem Feind auch die linke Backe hinzuhalten. Auch das kann ein subversiver Akt sein, das Gegenüber zu beschämen und eine grössere Perspektive aufzuzeigen.
Gerechtigkeit ist einer der zentralen Begriffe von Jesu Verheissung vom Reich Gottes. Hier wird das soziale Unrecht aufgehoben und neue menschliche Beziehungen werden begründet.
Jesus preist die Menschen glücklich, die sich nach dieser Gerechtigkeit sehnen, wie ein Hungernder nach einem Stück Brot.

Von: Barbara Heyse-Schaefer