Kategorie: Texte

31. Juli

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für
uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Römer 5,8

Wenn ich die Frage, welches Buch ich mit auf die einsame
Insel mitnehmen würde, mit «die Bibel» beantworte, stosse
ich in der Regel auf Unverständnis: Wie kannst du die darin
vertretene Moral denn gut finden?! Wie kannst du dich mit
einer religiösen Doktrin identifizieren, in deren Namen so
viel Leid angerichtet wurde?! Die Bibel hat in meinem mehrheitlich
säkularen Umfeld kein gutes Image, was ich mit Blick
auf die nicht sehr ruhmhafte Kirchengeschichte nachvollziehen
kann. Und auch die Aktualität lässt uns erschaudern,
wenn wir sehen, wozu Fanatiker aller Religionen fähig sind.
So sehr ich das Unbehagen allem Religiösen gegenüber
verstehe, so sehr bin ich eine Verfechterin im Aushalten
meiner eigenen Ambivalenz gegenüber der Bibel und ihren
Botschaften. In diesem Spannungsfeld lese ich den Vers aus
dem Paulusbrief an die Römer. Logisch, niemand mag sich
heute noch als «Sünder» verstehen. Doch statt mich davon
abstossen zu lassen, wälze ich dieses befremdliche Wort in
mir und stelle mir Paulus vor, der von der Bedingungslosigkeit
der göttlichen Liebe redet. Trotz unserer Fehlbarkeit
haben wir Anspruch auf Wertschätzung. Trotz unserem
Unvermögen stehen uns Türen offen. Trotz unserem ramponierten
Selbstwertgefühl dürfen wir auf Verständnis, Zuwendung,
ja Liebe hoffen. Obwohl uns gerade diese gewaltige
Botschaft nicht einfach auf dem Serviertablett geboten wird:
Dafür mag ich die Bibel.

Von: Esther Hürlimann

30. Juli

Ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme
geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten.

Jesaja 43,20

Als feuchtigkeitsgewohnte Wasserschlossbewohner können
wir uns nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn es in der Wüste
regnet. Über Nacht werden Wadis grün und lieblich, erfreuen
und erfrischen Mensch und Tier. Weil das Wasser Leben spendet,
wird es in der Bibel zum Bild für alles, was erfrischt und
reinigt und belebt. Jesus vergleicht begeisterte Menschen mit
Quellen, aus denen Wasser sprudelt. Bei der Taufe steht das
Wasser für eine Neuwerdung, einen Neubeginn.
Wir werden in dieser Zeit Zeuginnen von alten Männern,
die nichts Erfrischendes an sich haben. Anstatt aufzubauen
und zu versöhnen, zerstören und verwüsten sie. Ich wünsche
mir nichts sehnlicher, als dass auch in ihre verwüsteten
Seelen das von Gott verheissene Wasser strömt und sie
verwandelt.
Aber ich will nicht nur auf die alten Männer zeigen. Ich
möchte mich selbst diesem frischen Wasser öffnen.
Wenn es nur so einfach wäre. Etwas früher bei Jesaja
schimpft Gott seine Anbefohlenen «löcherige Zisternen,
die das Wasser nicht halten». Leider ist mir auch dieses Bild
vertraut, dass ich das Gute vergesse, das ich erfahren habe;
dass die Ideen ausbleiben und die anstehenden Probleme
übermächtig zu werden drohen. Damit aus den verzagten
Herzen das Wasser sprudelt, von dem Jesus spricht, braucht
es ein Wunder, so wie Regen in der Wüste.

Von: Heiner Schubert

29. Juli

Der HERR, unser Gott, neige unser Herz zu ihm,
dass wir wandeln in allen seinen Wegen.
1. Könige 8,58

Salomo betet bei der Einweihung des Tempels. Wohl dem
Volk, dessen Staatschef nicht nur sich selbst als Referenzgrösse
kennt. Salomo weiss, dass nicht alles in seiner Hand
liegt. Er kennt die Verantwortung vor Gott. Und er weiss,
dass er diese nur wahrnehmen kann, wenn Gott irgendwie
mithilft. In einem langen Gebet folgt er der Spur, die ihm
die Tora legt. Und er vertraut darauf, dass Gott sein (Salomos)
Herz zu sich neigt. Das Herz ist das Organ, das für die
Menschen der Bibel die Verbindung zu Gott pflegt. Salomo
möchte Gott näherkommen. In eine engere Verbindung mit
ihm treten, damit sein Schritt sicherer wird.


Gebete sind immer ein Eingeständnis unserer Begrenztheit.
Wir spüren, dass wir nicht alles unter Kontrolle und im Griff
haben, und legen das, was nicht in unserer Macht ist, in Gottes
Hand. Wir greifen über den Horizont der eigenen Existenz
hinaus, richten uns aus auf ein Gegenüber, das grösser ist
als wir selbst. Ich vermisse diesen uralten Reflex in unserer
selbstverliebten Gegenwart. Sich einen Moment Zeit nehmen,
das Gespräch mit dem Innersten suchen, das, was da
inwendig auftaucht, hervorholen und es Gott anvertrauen:
Das tut gut, und mancher Schritt, der zunächst undenkbar
schien, wird möglich.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

28. Juli

Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht;
was können mir Menschen tun?
Psalm 118,6

Aus diesem Vers spricht grosses Vertrauen, aber auch bittere
Enttäuschung. Zum Zusammenleben mit anderen Menschen
gehören Konflikte. Als Individuen sind wir meistens
überzeugt von unserer Meinung, betrachten unser persönliches
Anliegen als überaus wichtig und setzen unsere eigenen
Verletzungen und Entbehrungen in den Vordergrund. So
sind wir oft blind für die Anliegen und Verletzungen unserer
Mitmenschen. Gegenseitige Verletzungen sind die Folge.
Der/die in die Enge Getriebene hat durch das Schreien zu
Gott den weiten Raum erfahren (Vers 5). Also Erleichterung
und die Erkenntnis, dass Gott verlässlich ist. Ist Gott bei
mir, muss ich keine Angst haben vor den Reaktionen meiner
Mitmenschen. Sie treffen mich nicht. Selbstbezogenheit
und wechselhafte Launen lassen Konflikte entstehen und
vergehen. Wir wissen nie so recht, wann, wo und warum es
zu Streit kommt. Wir können uns also auch nicht zu 100 Prozent
auf einen Menschen verlassen.
Im stillen Gebet kommen wir in Kontakt mit unserem
inneren Kern und finden so heraus, was wir wirklich brauchen.
Das Zwiegespräch mit Gott hilft uns, Antworten zu
finden. Wenn ich mit dem Kern meiner selbst verbunden
bin, bin ich auch mit Gott verbunden. Dann kann mich kein
Mensch enttäuschen, sondern ich werde aus der Enge in die
Weite geführt. So werde ich offen für die Anliegen anderer.

Von: Monika Britt

27. Juli

Jesus spricht: Selig seid ihr Armen;
denn das Reich Gottes ist euer.
Lukas 6,20

Wir leben in einem Zustand der «Zuvielisation». Ich bin
nicht reich, aber ganz sicher auch nicht arm. Ich habe viele
Gegenstände, die ich nicht brauche.
Gleichzeitig müssen Milliarden Menschen starke Einschränkungen
ihres Lebens hinnehmen. Rund 700 Millionen
Menschen leiden sogar unter extremer Armut und Hunger.
Was fange ich mit dem Jesuswort an? Folgende Punkte will
ich für mich daraus ableiten:

  • Arme nicht verachten
  • Armut nicht idealisieren
  • Mich nicht von Armen abwenden, sondern ihnen auf
    Augenhöhe begegnen
  • Mich aktiv für die Veränderung der Verhältnisse einsetzen
  • Einfachheit üben
  • Dauerhaft oder zeitweise auf bestimmte Annehmlichkeiten
    verzichten
  • Mich über die vielen Dinge, Erfahrungen und Beziehungen
    bewusst freuen, die ich nicht mit Geld kaufen kann
  • Heute das Reich Gottes aufspüren

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. Juli

Siehe, wenn Gott zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn
er jemand einschliesst, kann niemand aufmachen.

Hiob 12,14

Ich bin ein widerständiger Mensch. Ich traue mich zu widersprechen.
Ich nehme Dinge nicht einfach hin. Es ist mir mit
meiner Hartnäckigkeit gelungen, manches zu verändern.
Die Weisheit des Hiob ist das genaue Gegenteil allen Auflehnens.
Er rät, Dinge, die ich nicht ändern kann, zu akzeptieren,
und anzunehmen, was gerade ist.
Manche Dinge laufen eben anders, als ich sie mir vorstelle.
Es hat wenig Sinn, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.
Wer sich starrköpfig, kompromisslos und stur verhält,
mag das Recht oder zumindest gute Argumente auf seiner
oder ihrer Seite haben, aber diese Dickköpfigkeit belastet oft
Beziehungen und letztlich behindere ich mich dabei selbst.
Ich möchte lernen zu akzeptieren, dass ich etwas nicht
ändern kann, und darauf vertrauen, dass Gott einen Plan
hat, den ich aus meiner Perspektive (noch) nicht sehen kann.
Radikale Akzeptanz, wie es manchmal gelehrt wird, werde
ich wahrscheinlich nicht schaffen. Aber ich will meine Bereitschaft
erhöhen, unbeeinflussbare Ereignisse anzunehmen,
und lernen, eine offene Haltung gegenüber neuen Erfahrungen
und Möglichkeiten einzunehmen. Das spart viel Kraft
und ermöglicht mir, neue Wege zu beschreiten.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Juli

Gott sprach: Meinen Bogen habe ich gesetzt
in die Wolken; er soll das Zeichen sein des Bundes
zwischen mir und der Erde.
1. Mose 9,13

Probleme türmen sich auf,
überflutet bin ich von Aufgaben,
die ich nicht bewältigen kann,
bin im Zwiespalt, kann es
unmöglich allen recht machen.
Mir selber schon gar nicht.

Schnell, schnell noch einkaufen …
Als ich das Geschäft verlasse,
schüttet es in Strömen.
Ich warte eine Weile «am Schärme».
Warte, bis der Regen nachlässt.
Sogar die Sonne scheint wieder,
blendet mich.

Als ich heimzu radle,
ist ein wunderschöner
Regenbogen aufgespannt, riesig,
fast ein Halbkreis.

Überwältigend ist er –
ein Zeichen am Himmel:
Alles wird gut.

Von: Heidi Berner

24. Juli

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes,
der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit
wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind,
mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden
von Gott.
2. Korinther 1,3–4

Trost hilft uns zu leben,
weiterzuleben,
wenn wir traurig sind.

Trost ist göttlich,
ist aus Liebe geboren
und aus dem Ja zum Leben.
Getröstete können
selber trösten.
Es gibt so etwas
wie eine lange Kette,
ja sogar ein Gewebe
des Trostes.
Wohl uns,
wenn wir ein Teilchen
in diesem Gewebe
sein dürfen.

Ich bin überzeugt,
dieses Gewebe hält
die Welt zusammen.

Von: Heidi Berner

23. Juli

HERR, ich habe Freude an deinen Zeugnissen;
sie sind meine Ratgeber.
Psalm 119,24

Wir leben in einer Kultur, die uns die Suche nach Ratgebern
einfach macht. Ich frage Google und schon hagelt es Ratschläge.
Ein Heer von Ratgebern wartet auf mein Notsignal
und berät mich gratis und franko (oder für ein paar Franken)
und sagt mir rund um die Uhr blitzschnell digital und
wahnsinnig agil, was ich tun muss, damit es mir gut geht.
Was will man noch mehr? Vielleicht einen Ratgeber, wie
man mit Ratgebern umgeht! Auf welchen soll man hören?
Möglicherweise lösen wir mit KI (= Künstliche Intelligenz)
auch dieses Problem …
Der Mensch, der uns heute die Losung schenkt, hatte noch
keinen PC (= Personal Computer), aber dennoch Anschluss
an ein Netz. Er spricht sogar mit seinem PG (= Personal
God)! Offensichtlich sind er und PG online! Manchmal ist
die Verbindung instabil. Dann klagt er. Aber in diesem
Moment gibt er seinem PG ein Smiley. «Ich habe Freude an
deinen Zeugnissen.» Was meint er wohl damit?
Ich denke, er spricht von Mitteilungen des PG, die für ihn
mehr sind als Ratschläge, um sein privates Leben in Ordnung
zu bringen – es sind Anweisungen eines Gegenübers, das
sich für das blühende Zusammenleben aller Menschen ausspricht.
Mein kostenloser Rat für Sie heute: Verlassen Sie sich
auf die GI (= Göttliche Intelligenz), die unserem Psalmisten
so viel Freude macht.

Von: Ralph Kunz

22. Juli

Jesus betet für seine Jünger: Ich bitte für sie.
Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du
mir gegeben hast, denn sie sind dein.
Johannes 17,9

«Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du
für dein Land tun kannst.» So lautet einer der berühmtesten
Sätze John F. Kennedys. Es ist ein beliebtes Zitat in politischen
Reden. Schliesslich tönt es gut – und bekommt doch
einen falschen Klang, wenn das Land ein Unrechtsstaat ist.
Was heisst es, eine Jüngerin oder ein Jünger Jesu zu sein? Es
ist etwas anderes als einem Land dienen und geht doch um
einen Dienst. Es bedeutet, ihm nachzufolgen, das zu tun, was
er sagt, nicht für eine Territorialmacht, die ihre Interessen
verteidigt, sondern für ein Regiment, das gerecht ist!
Tönt gut und klingt richtig. In der Rede Jesu bekommt
Nachfolge aber noch einen anderen Klang. Er fragt nicht, was
seine Freunde für ihn tun können – er tut etwas für sie. Jesus
betet für sie. Ständig, ohne Unterlass ist er in der Fürbitte
für alle, die mit ihm und nach ihm in die Reichgottesarbeit
involviert sind. Also beten auch wir mit ihm und nach ihm
in seinem Namen für die Menschen, die uns anvertraut sind,
Mitmenschen, denen wir begegnen, Montagsmenschen, die
uns heute über den Weg laufen. Wer ist es? Finden wir es
heraus. Fragen wir nicht, was sie für uns tun können – fragen
wir, was wir für sie tun können. Wenn es alle so halten, wird
das Land blühen.

Von: Ralph Kunz