Kategorie: Texte

21. Juli

Siehe auf den Bergen die Füsse eines guten Boten,
der da Frieden verkündigt!
Nahum 2,1

Die Fremdherrschaft wird abgeschüttelt, Befreiung wird
angekündigt. Und im selben Vers ist wieder von Aufrüstung
die Rede. Und doch ist hier der Bote. Zwar ist er auf den
Bergen, sein Weg ist verborgen. Aber er ist da. Es kommt
mir vor, als komme er, oder auch sie, auf leisen Sohlen über
die Berge zu den Menschen. Wie gross ist meine Sehnsucht
nach einem Boten, jemandem, der oder die Frieden ankündigt
heute und für die ganze Welt! Soll ich resignieren? Soll
ich mich einfach zurückziehen, fatalistisch abwarten? Soll ich
meine Sehnsucht mit anderen Sehnsüchtigen teilen? Jede
und jeder muss den eigenen Weg suchen und finden. Aber
eines wird mir beim Lesen des heutigen Textes klar: Die
Boten sind da, irgendwo, vielleicht auf den Bergen, vielleicht
bereits unter den Menschen. Und diese Boten sind für mich
Gesandte, Gesandte vom Gott des Lebens. Ich will nicht
stecken bleiben in der Sehnsucht, will nicht resignieren, will
mich nicht zurückziehen. Ich will Vertrauen haben in Gott,
die Lebendige, und will daran festhalten, dass Friede und
Gerechtigkeit möglich sind. Und ich will mein Herz öffnen
für den Boten oder die Botin, will Ausschau halten nach
Frieden, will, wie die Menschen damals, dass die
Fremdherrschaft vorbeigeht.
Gott des Lebens, schenke du der Welt Boten des Friedens.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Juli

Du musst innewerden und erfahren, was es für Jammer und
Herzeleid bringt, den HERRN, deinen Gott, zu verlassen und
mich nicht zu fürchten. Jeremia 2,19

Die Zürcher Bibel übersetzt: «Böse und bitter ist es, dass
du den HERRN, deinen Gott, verlassen hast.» Es schmeckt
bitter. Das wollen wir doch nicht. Diese Worte sind an das
Volk Israel gerichtet. Das war damals. Und heute? Und wie
ist es mit mir und dem Erfahren, dass wir gottverlassen sind?
Es geht nicht an ,zu urteilen oder zu bewerten. Also schreibe
ich einfach von mir. Kann ich in all dem Leid auf unserem
Planeten mit Gott, der Lebendigen, rechnen? Auch mein
Vertrauen ist oft erschüttert. Das schmeckt bitter. Und das
soll ich erfahren? Eigentlich lieber nicht.
Und doch führt kein Weg daran vorbei. Nur: Wie kann
ich die Bitterkeit hinter mich bringen? Dafür gibt es keine
Rezepte. Aber die Lebendige lässt mich nicht fallen. Sie ist
da und sie hilft, das Vertrauen wieder aufzubauen. Das ist
für mich ein Geheimnis des Glaubens: die Gegenwart Gottes
auch in der Bitterkeit, der Verzweiflung, im Schreien.
Ich glaube nicht, dass die Zeit die Wunden der momentanen
Krisen heilt. Aber ich glaube, dass den Menschen Kraft
geschenkt wird, um den Weg des Lebens, der Gerechtigkeit
und des Friedens weiterzugehen.
Dazu schenke du uns Vertrauen, Glauben, Nähe

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. Juli

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen,
dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird.
Jesaja 65,17

Gibt es Neues ohne Altes?
Als kleines, anstrengend-altkluges Kind habe ich meinen Eltern verkündet,
möglichst oft umziehen zu wollen. Natürlich habe ich mir dazu einen grossen Möbelwagen vorgestellt, in dem alles, was mir lieb und wichtig war, Platz
habenwürde. Auch verlangte ich, den Sonntagnachmittagsspaziergang durch Strassen zu unternehmen, in denen ich noch nie gewesen war. Das war in
meiner kleinen Heimatstadt dann bald einmal zu viel verlangt. Ich war nicht
nur gespannt auf alles Neue, sondern richtig neu-gierig.
Niemals wäre mir dabei aber in den Sinn gekommen, mich von meinen Erinnerungsschätzen zu trennen. Ich hatte Lieblingsbücher, alle abgerissenen Eintrittskarten wurden sorgfältig in ein Heft geklebt, stinkende Muscheln vom Ostseeurlaub durften keinesfalls weggeworfen werden, sondern wurden in
einem eigenen Museum ausgestellt. Dafür musste zeitweilig die Modelleisenbahn meines Bruders weichen. Umgezogen bin ich dann tatsächlich sehr, sehr oft
und anfänglich mitsehrwenigGepäck.Neues gab eszuhauf, nicht nur unbekannte Gegenden, sondern ein neues Gesellschaftssystem obendrein.
In Gottes ganz neue Welt reise ich dereinst ohne jeglichen Ballast. Aber auch ohne einen Gedanken an das Gewesene? So neu ist sogar mir noch zu neu.

Von: Dörte Gebhard

18. Juli

Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. 1. Petrus 5,7

Wir haben nicht nur Sorgen – wir machen uns noch extra
Sorgen! Sie sind berechtigt, gross, manchmal sehr bedrohlicher
Art. Sorgen können uns plagen, quälen, in Angst versetzen, grösser
werden und sich auf tausend Weisen äussern: auf den Magen
schlagen, den Schlaf rauben und die Hoffnung vertreiben. Sorgen
werden uns auch von anderen bereitet.
Natürlich können wir Sorgen vorübergehend verdrängen,
beiseiteschieben, aus dem Bewusstsein verbannen. Aber
meist nehmen wir sie uns zu Herzen, grübeln wir, brüten
wir, bissich dieGedanken imKreise drehen,malen uns dieses
oder jenes Katastrophenszenario aus, zerbrechen uns den
Kopf oder zermartern uns sogar das Hirn.
Weniger geläufig, aber empfehlenswerter ist das Sorgenwerfen.
Man entfernt Sorgen damit nachhaltiger; vielleicht gehen sie
sogar zu Bruch und können nicht länger schaden.
Man bringt beim Werfen mehr Distanzzwischen die Sorgen
und sich selbst, als wenn man nur versucht, sie kurz zu vergessen.
Ausserdem geht es nicht nur um den Weitwurf, sondern um den
Zielweitwurf. Präzis bei Gott sollen die Sorgen
landen, nicht anderen im Weg. Vor allem aber geht es um
grossen Schwung, vielleicht vor lauter Wut, nicht nur um
das allseits gelobte, aber doch ohnmächtige «Loslassen» –
da fielen die Sorgen einem bloss selbst auf die Füsse. Aber
woher die Kraft für so einen grossen Wurf nehmen, wenn
nicht stehlen? Diese Kraft schenkt Gott; er sorgt sich um uns.

Von: Dörte Gebhard

17. Juli

Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schliessen will
nach dieser Zeit, spricht der HERR:
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben,
und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Jeremia 31,33

Ja, der Bund mit Israel. Israel ist das erwählte Volk, zuerst gilt
der Bund Israel und dann allen anderen. Was aber nicht meinen
darf, dass Israel nun alles machen darf, was es will, weil es
ja das auserwählte Volk Gottes ist. Ich möchte vielmehr auf
das Herz eingehen, in welches das Gesetz von Gott
geschrieben werden soll. Ein wunderbares Bild, so finde ich!
Gottschreibt sein Gesetz in die Herzen und nicht in die Köpfe
seines Volkes. Gott möchte also ganz nahe bei seinem Volk
sein und seine Liebe zu ihm direkt in ihre Herzen schreiben
oder fliessen lassen. Wer kann da widerstehen? Und dann
will Gott einfach Gott sein. Gott geht ganz nahe ran, legt
sich so richtig ins Zeug, um bei seinem Volk zu sein. Gott
will eine gute, bindende, verbindliche Beziehung auf
Augenhöhe mit seinem Volk, von Herz zu Herz. Auch hier:
Wer von Ihnen möchte das nicht? Mit der Partnerin,
dem Partner, der Familie, der Gruppe, dem Clan,
der Kirchgemeinde…einfach im Herzen spüren, dass es
der andere oder die anderen einfach nur gut mit einem
meinen? Ein wunderschönes Gefühl.
Wenn die Herzen im Einklang schlagen, ist dann der Bund
nochwichtig? Oderist der Bund nur ein Puzzlestück auf dem
Weg zum Herzen und zu Gott?

Von: Markus Bürki

16. Juli

Jesus sprach zu den Jüngern: O ihr Toren, zu trägen Herzens,
all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste
nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?
Lukas 24,25–26

Der Auferstandene geht mit zwei Jüngern zusammen nach
Emmaus, er gesellt sich an ihre Seite und hört quasi zu, wie
sie über diesen Jesus reden. Aber sie erkennen Jesus nicht,
nicht einmal, als er den beiden nochmals alles aufzeigt,
angefangen bei Mose… Sie erkennen ihn nicht! Erst als er
dann spätabends mit ihnen zusammen das Brot bricht,
erkennen sie ihn.
Würden wir heute Jesus erkennen? Wenn da plötzlich einer
steht und spricht und handelt wie Jesus… Würden Sie ihn
erkennen? Ist er schon da und wir erkennen ihn nicht? Wer
könnte es sein? Nein, Trump ist es nicht, auch wenn viele in
Amerika das behaupten und daran glauben.
Wie wird es dann sein, wenn Jesus, wie er selber gesprochen
hat, wiederkommt? Werden wir ihn erkennen oder ihn erneut
verurteilen und an ein Kreuz schlagen lassen? Mir wird ganz
anders beim Gedanken, dass Jesus dereinst wiederkommt und
wir ihn nicht erkennen.
Oder kommt er gar nicht zurück? Immerhin warten wir
seit über zweitausend Jahren – lohnt sich dieses Warten
überhaupt? Vor einigen Tagen istmein Stiefvater verstorben.
Derletzte Besuch bei ihm war hart, dieses Abschiednehmen
fürimmer, kein Zurück, kein «noch einmal». Odersehenwir
uns dereinst wieder? Ich kann es nicht wissen, sorry.

Von: Markus Bürki

15. Juli

Als Jesus aus dem Boot stieg, sah er die vielen Menschen, und sie taten ihm leid,
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Markus 6,34

Für Menschen in der Umwelt der Bibel muss das Bild einer
Schafherde ohne Hirten ein Graus gewesen sein. Die Schafherde
war die Lebensversicherung und ohne Hirten war sie gefährdet.
Schafe könnten verlorengehen, sich verletzen, gerissen, gestohlen
oder geschlachtet werden. Welches Bild der Gegenwart kommt dem
damaligen nahe? Jesus steigt aus dem Boot und trifft auf viele
Menschen, und sie tun ihm leid, denn sie sind wie solche, denen
ihre elektronischen Geräte abhanden gekommen sind.
Das ist toll aktualisiert, Chatrina! Und eine fatale Zwickmühle.
Wir glauben ja gerade, dass uns die elektronischen Geräte bei
der Orientierung helfen. Wenn ich durch fremde Gegenden gehe
und mich mit der Route führen lasse, vereinfacht das viel.
Das stimmt. Aber auf der anderen Seite macht mich das
Überangebot an Information auch gerade orientierungslos. Ich
verliere mich im Internet.
Und ständig lese ich Sätze wie: «Mach dies, dann …» Andere
Menschen bieten sich mir als Hirten an. Wollen vorderhand nur
mein Bestes. Aber eigentlich geht es nur um meine Klicks und ihre
Reichweite. Ein Geschäftsmodell.
Und die Frage für mich: Welchem Hirten trotte ich hinterher?

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

14. Juli

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen
. Psalm 24,1

Ein Glaubenssatz ist dieser Psalmvers, und was für einer! Wie
sähe unsere Erde aus, wenn wir daran glauben würden, dass
sie Gott gehört? Wenn wir darauf vertrauen würden, dass
das, was darinnen ist – Wurzeln und Kleintiere, Mikroben
und Regenwürmer – göttlich ist? Wie sähe unser Erdkreis
und die darauf wohnen aus, wenn wir ahnen würden, dass
ihnen ein Geheimnis innewohnt? Vielleicht wäre unseren
Handlungen dann etwas Wundervolles eigen, so wie unserem
Glauben auch.
Wir gehören Gott. Und Gott ist in allen und allem. Ich
beschäftige mich im Moment mit Juliana von Norwich, die
im Mittelalter mehrere sehr intensive Erfahrungen mit Gott
gemacht hat. Und sie kommt zum Schluss: «Alles wird gut
sein und alle werden gut sein, und aller Art Dinge wird gut
sein.» Die Liebe Gottes durchdringt alles. Sie gibt nichts und
niemanden auf.
Diese Liebe verändert alles. Auch mich. Und die Art, wieich
anderen und anderem begegne. Bestenfalls macht sie auch
mich liebevoller. Und ehrfürchtiger für die Welt und für alles,
was da auf ihr wohnt. Stimmt schon, das ist wundervoll.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

13. Juli

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.
Offenbarung 1,17

Wir beobachten gerne unsere Pferde und Esel. Da ist Temudschin.
Der dunkle Huzule ist ohne Zweifel der Stärkste in der Herde. Bei
jedem Zeichen einer möglichen Gefahr hebt er den Kopf und nimmt
mit seinen Nüstern die Witterung auf. Er weiss genau, was er will, und
lässt es die anderen wissen. Ovni folgt ihm als Zweiter. Intelligenz und
Respekt sind nicht gerade seine Stärken, er muss sich fügen. Da ist
Mandoline, die Stute. Sie hat Privilegien. Lebhaft und übermütig
demonstriert sie ihre überschäumende Energie, wenn sie unsere drei
Esel vor sich hertreibt und über die Wiese jagt.
Und dann ist da noch Baron, unser Oldie. Er ist der Kleinste und
inzwischen auch der Schwächste, der Letzte in der Reihe. Doch wenn
der Bosssich nicht ganz sicher ist(ja, das kommt vor!), dann geht er
zum Oldie, stupst ihn liebevoll an und holt sich Rat.
Der Erste wird zum Letzten, der Letzte offenbart seine Weisheit,
damit das Leben der Herde gesichert ist, damit keine
Angst und Panik aufkommt. «Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste
und der Letzte und der Lebendige.» Was für ein wunderschönes
Gottesbild! Die gesamte lebendige Schöpfung ist aufgehoben in
Gottes Liebe.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Juli

Jesus fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. Lukas 24,27

Wo anfangen und wo aufhören – mit Engelszungen reden –
Auslegung – komplett – von Anfang bis Ende. Alles, was
über ihn gesagt war, wird in Erinnerung gerufen, genau
beschrieben und erklärt.
Aber das intellektuelle Wissen überwindet allein nicht die
Hilflosigkeit, Angst und Lähmung der zwei Jünger auf dem
Weg nach Emmaus, führt nicht zum existenziellen Erkennen,
bringt den aufgescheuchten Seelen keinen Frieden und
keine Freude.
Sie erkennen den Auferstandenen beim Brechen des Brots.
Erst im gemeinschaftlichen Mahl wachsen Verstehen und
Vertrauen – Vertrauen in den lebendigen Gott, Vertrauen
in andere Menschen, Vertrauen in sich selbst.
Erst wenn wir das Leben teilen, nehmen wir wirklich wahr.
Dann entsteht eine unbändige Freude, die ansteckt, die
anstecken will, die sich ausbreitet, wie von selbst. Diese
Freude kennt keine Furcht.

Von: Barbara und Martin Robra