Kategorie: Texte

6. Oktober

Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Jesaja 40,15

Können Sie sich vorstellen, wie das Leben in der kargen Steppenlandschaft an den Ausläufern der Nuba-Berge im Sudan ist, wohin Adam Husan mit seiner zwölfköpfigen Familie geflohen ist? Ich kann es nicht, auch wenn ich eine berührende Reportage lese, die sich um Adam und seine Kinder im sudanesischen Bürgerkrieg dreht. Ich erfahre von Zehntausenden Todesopfern, von elf Millionen vertriebenen und achtzehn Millionen hungernden Menschen.
«Völker», wie sie Jesaja nennt, stehen im Krieg miteinander, eigentlich sind es Kriegsherren, Interessengruppen, kleine und grössere imperiale Mächte. Unter ihnen leiden die Menschen im Sudan. Und uns im Norden kümmern diese Menschen kaum.
Gott, so Jesaja, misst den finsteren, gewalttätigen, ungerechten Mächten kein Gewicht bei, es sind Sandkörner auf der Waage. Er mache die Fürsten, die Mächtigen zunichte, heisst es ein paar Verse später. Ihr Unrecht steht gegen sein Recht. «Gott gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Ohnmächtigen.» Adam Husan muss da mitgemeint sein. Wie kann diese gewaltige Hoffnung bei ihm ankommen, wenn sein Sohn Ahmed nach einem Tag verzweifelter Nahrungssuche wieder nur ein paar Tamarindenblätter und Doumpalmenfrüchte nach Hause bringt?

Von: Matthias Hui

5. Oktober

Gott hat sein Volk nicht verstossen,
das er zuvor erwählt hat.
Römer 11,2

Schon in ihrer ersten Lebenshälfte, in der Zeit des Ersten Weltkriegs, machte sie sich – verbunden mit Menschen wie Martin Buber oder dem Anarchisten Gustav Landauer –unaufhörlich Gedanken, was ihre Rolle als Jüdin und als Frau in diesem Deutschland sei. Woran war der Wille Gottes im Krieg und in den Revolutionen erkennbar? Wozu könnte er jüdische Menschen in diesen grossen Umbrüchen auserwählt haben? Die Religionsphilosophin Margarete Susman liessen diese Fragen nach der Shoah, der sie durch Flucht früh entkommen war, in ihrer kleinen Dachstube in Zürich erst recht nicht mehr los.
Als alte Frau, der Kalte Krieg war bereits im Gang, ein
Staat Israel entstanden, schrieb sie zum Schicksal des Volkes Gottes: «Diese Erwählung wird verständlich allein im Lichte des Glaubens an das Kommen des Reiches, die eins ist mit dem Glauben an die Gerechtigkeit, deren Verwirklichung Israel verheissen und zu der es aufgerufen ist.» Sich erwählt wissen würde dann also bedeuten: vorangehen im
Glauben – und im alltäglichen Kämpfen – für Gerechtigkeit für alle. Teilnehmen an der Revolution Gottes, wie sie auch sagte. Es anders machen als die Mächtigen der Welt. Und daran schliesst für die Jüdin sogar ausdrücklich – wie für Paulus –
auch die Botschaft Christi an.

Von: Matthias Hui

4. Oktober

Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort und sagen: Wann tröstest du mich? Psalm 119,82

Es ist, als ob dieses Wort direkt an das Wort von gestern anschliessen würde: Wer in der Not und im Elend ist, wer von Wassermassen und wer von Raketen und Drohnen bedroht ist, braucht unmittelbaren Trost. Schmachtet nach Trost, wie die Zürcher Bibel übersetzt. Im Psalm liegt der Trost im Gotteswort. Dieses, so sagt er, könne auch im schwersten Sturm und im grössten Kampflärm gehört werden. Wahrlich eine steile Ansage! Und doch: Ich habe selber Situationen erlebt, wo ein Gebet als Notruf meine Lage veränderte. Nicht etwa, dass sich auf einen Schlag alles beruhigt hätte, aber so, dass sich in mir drin eine Veränderung anbahnte. Indem ich meine Angst wenigstens kurz in ein paar ehrliche Worte fassen konnte, war es mir, als ob eine kleine Ecke der schweren Last auf meiner Seele wegbräche. Auf eine geheimnisvolle Weise kam so etwas wie ein «Zipfel Zuversicht» auf, es könnte doch noch gut kommen. Dieses «wann tröstest du mich?» tönt auf den ersten Blick und im sicheren Zimmer gesagt ziemlich hart. Und direkt. In der Situation draussen passt nur der ehrlichste Ruf, und sei er noch so hart. Gott, an den er gerichtet ist, kennt meine Umstände und versteht das Drängen. Der Text von gestern gibt den Boden für diesen Ruf: Denn bei Gott ist Aufbauen.
Bei Gott ist Leben und Zukunft. Daran kann ich mich halten, auch wenn ich solches gerade überhaupt nicht sehen kann.

Von: Hans Strub

3. Oktober

Der HERR macht das Wort seines Knechts wahr und vollführt den Rat seiner Boten. Er spricht zu Jerusalem: Du sollst bewohnt sein!, und zu den Städten Judas:
Ihr sollt wieder aufgebaut werden!
Jesaja 44,26

Ein wundersames Gotteswort mitten in eine Welt und eine Zeit von Krisen, Kriegen, Naturkatastrophen, Todesängsten. In grösster Klarheit sagt hier Gott zu, dass das nicht das Letzte ist. Dass es ein Ende geben wird für Zerstörung und Gewalt, dass Verzweiflung und Endzeitfurcht nicht die Macht über alles Lebendige haben werden. Nein! sagt Gott hier – und wird sehr konkret: Was Feinde an «verbrannter Erde» zurücklassen, wird neues Leben hervorbringen, was niedergerissen worden ist, wird wieder aufgebaut! Mitten in eine für viele hoffnungslos gewordene Situation hinein kommt die Zusage: Es geht weiter! Ihr könnt darauf vertrauen, dass ich, Gott, euch nicht sitzen und leiden lasse. Es wird eine neue Zeit anbrechen, es wird ein neues Leben geben für euch! Wenn es einigen Menschen gelingt, sich auf eine solche Zusage einzulassen, ist damit ein entscheidender Anfang für eine Wende geschaffen. Aufräumen und aufbauen braucht riesengrosse Kräfte – dass sie zur Wirkung kommen, braucht das Vertrauen, dass es weitergehen wird. Braucht es den Glauben an einen Gott, der das Leben will.
Es braucht ihn dann, wenn rundum Elend ist. Denn da ist
das Gotzwort (Zwingli), dass seine Welt Zukunft hat. Und dass es, das Wort, Zukunft macht.

Von: Hans Strub

2. Oktober

Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen! Johannes 4,15

Ich könnte stundenlang auf dem Brunnenrand sitzen. Ihm zuhören und ihn um Wasser bitten. Um jenes Wasser aus der Tiefe. Ich würde ihm von meiner Sehnsucht nach Leben erzählen. Wie meine Seele voll Verlangen wie der Hirsch nach frischer Quelle schreit. Stundenlang könnte ich so sitzen. Meine ich. Und ärgere mich schon wieder über die kleinste Kleinigkeit. Ich werde ungeduldig auch mit mir. Es ist zum Davonlaufen. Damit ich dennoch bei mir bleiben kann, lese ich manchmal diesen Text von Franz von Sales, der von 1567 bis 1622 gelebt hat:


Wenn dein Herz wandert, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn. Und wenn du in deinem Leben nichts anderes getan hast, ausser dein Herz zurückzubringen, obwohl es dir jedes Mal wieder fortlief, dann hast du dein Leben wohl erfüllt.


Manchmal gelingt es. Ich sitze wieder auf dem Brunnenrand. Und ich höre ihm zu. Und ich bitte ihn um Wasser. Um dieses lebendige Wasser aus der Tiefe. Und manchmal sitzt einer an meiner Seite. Sein Name ist Franz. Er lächelt mir zu und nimmt meine Hand. So sitzen wir schweigend. Und hören die Quelle.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. Oktober

Ich will dir danken, HERR, unter den Völkern
und deinem Namen lobsingen.
Psalm 18,50

Gott, der du dich in meinem Leben bewährst,
Gott, der du mich in meinem Leben bewahrst,
ich danke dir für mein Leben,
ich danke dir für fünfundsechzig volle Jahre.
Ich will dir danken und deinem Namen lobsingen.
Aus Enge wurde Weite.
Aus Abgrund wurde Übergang.
Aus Ende wurde Neubeginn.
Aus Ängsten wurde Neugier.
Ich will dir danken und deinem Namen lobsingen.
Als wir uns nichts mehr zu sagen hatten,
da hast du mir neue Worte geschenkt.
Als ich mich nicht mehr erinnern konnte,
standen Brot und Wein auf meinem Tisch.
Als ich nicht mehr aufstehen wollte,
sass die Hoffnung an meinem Bett.
Als ich Mauern um mich baute,
hat ein Schmetterling sie zum Fallen gebracht.
Ich will dir danken und deinem Namen lobsingen.
Gott, der du dich in meinem Leben bewährst,
Gott, der du mich in meinem Leben bewahrst,
ich danke dir für mein Leben.

Von: Ruth Näf-Bernhard

30. September

Abner rief Joab zu: Soll denn das Schwert ohne Ende fressen? Weisst du nicht, dass daraus am Ende nur Jammer kommen wird? 2. Samuel 2,26

Abners Worte sind wahr. Bis heute. Das Schwert ist unersättlich. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Doch wie lässt sich die Spirale der Gewalt durchbrechen? Die Erzählung vom Krieg zwischen dem Haus Davids und dem Haus Sauls liefert keine Antwort. Im Gegenteil: Sie zeigt schonungslos auf, wie langlebig die Gewalt und wie fragil der Friede ist, wie zerstörerisch der Schmerz gärt.
Seine Worte spricht Abner mit dem Rücken zur Wand. Im Schlachtgetümmel hat er in Notwehr Joabs Bruder getötet. Später erweist er sich als kluger Verhandler, der den blutigen Bürgerkrieg beenden kann, indem er das Vertrauen seines erstarkten Gegners, David, gewinnt. Doch die Antworten auf seine Fragen holen ihn ein. Joab übt Blutrache für seinen Bruder und bringt Abner um. David distanziert sich von der Tat: «Vor dem Herrn sind ich und mein Königtum für immer unschuldig am Blut Abners.» (2. Samuel 3,28)
Die Erzählung zeigt, wie persönliche und politische Interessen sich ineinander verstricken, Verletzungen und Machtansprüche sich vermischen. Und sie ruft eindringlich dazu auf, andere Wege zu beschreiten als jene blutigen Pfade, die sie beschreibt.

Von: Felix Reich

29. September

Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. 3. Mose 19,34

Was für eine Aufforderung, Lars! In einer vorkapitalistischen, archaischen Gesellschaft entscheidet sich ein Volk, den Fremden zu lieben. In unserer durchstrukturierten, technologisierten Gesellschaft entscheiden wir im Moment gerade wieder, den Fremden zu hassen. Rechtsaussenparteien siegen bei der Europawahl, und der Antisemitismus flammt wieder einmal auf. Was also tun? Die Bibel sagt: Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. Paradoxerweise können wir uns selbst nur helfen, wenn wir dem Fremden helfen. Die Voraussetzung für unser Überleben sind die Liebe und das Mitgefühl für den anderen. Den Menschen in der Antike war dies klar.


Warum fällt es uns denn so schwer, den Fremden zu lieben? Ist das das alte Spiel von Angst und Neid? Wir haben Angst vor allem, was wir (noch) nicht kennen. Sehen im Fremden die Anteile, die wir bei uns selbst bekämpfen? Unsere eigene Unsicherheit in der Fremde. Unsere Unbeholfenheit. Oder die Angst, zu kurz zu kommen. Die Angst, eigentlich ganz anders sein zu wollen, als wir es uns zugestehen? Oder der Neid, zu sehen, dass ein anderes Leben möglich wäre? Dass es einen Neuanfang geben könnte? Dass der Fremde mehr Möglichkeiten hat als ich selbst? Mir etwas wegnehmen könnte? Ich vermute, es fällt uns so schwer, den Fremden zu lieben, weil wir uns selbst nicht lieben können.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

28. September

Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie
in ihrem Herzen.
Lukas 2,19

Hirten verkünden die Worte, die der Engel zu ihnen ge-
sprochen hat: Fürchtet euch nicht! Euch wurde heute der Retter geboren, der Gesalbte, der Herr, in der Stadt Davids. Maria hört gut zu und die Worte berühren ihr Herz. Sie beschäftigt sich mit ihnen und erwägt ihre Bedeutung. Weil sie die Worte in ihr Herz aufnimmt, behält sie sie im Gedächtnis. Maria ist emotional betroffen und umhüllt die Worte mit ihrer Liebe.
Die junge Mutter ist erschöpft von der Geburt ihres Sohnes, aber sie ist glücklich. So vieles hätte schiefgehen können. Nun ist sie dankbar für das gesunde Kind. Schön, dass sich mit ihr zusammen auch andere freuen. Hirten sprechen ihr Mut zu. Sie wissen bereits, dass es sich hier um ein besonderes Kind handelt.
Maria staunt; sie ahnt, dass ihr Leben als Mutter dieses besonderen Kindes nicht einfach wird. Dieser Moment, diese Worte geben ihr Kraft. Sie wird nicht vergessen, dass andere Menschen Anteil nehmen an ihrer Freude, an ihrer Dankbarkeit und an ihrem Stolz. Sie braucht den ermutigenden Klang dieser Worte jetzt und in Zukunft.
In ihrem Leben muss Maria zahlreiche Verletzungen hinnehmen und sie muss zusehen, wie ihr Sohn hingerichtet wird. Sie erträgt diesen unglaublichen Schmerz. Die Worte in ihrem Herzen stärken sie: Fürchte dich nicht, Maria!

Von: Monika Britt

27. September

Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das,
was ich schaffe.
Jesaja 65,18

Wenn ich aufwache, gehe ich gerne – oft noch im Pyjama –
in den Garten. Die Begegnungen in und mit der Natur machen mich richtig wach und glücklich. Da gibt es so viel zu bestaunen: zunächst die Luft und das Licht. Ich bemerke eine Blüte, die sich heute früh erst geöffnet hat. Ich schaue nach der Pflanze, die ich vor kurzem eingesetzt habe, und freue mich, dass sie anwächst. Schnell hole ich die Giesskanne und bewässere sie, denn es soll heute heiss werden. Ich pflücke ein paar späte Himbeeren und freue mich über ihre köstliche Süsse. Ich drehe mich nochmals um und staune über das Grün, die Blätter, die Gänseblümchen auf der Wiese und sauge den Morgenduft durch meine Nase ein. Ein neuer Tag kann beginnen!
Nein, Gottes Schöpfung hat mit dem sechsten Schöpfungstag nicht aufgehört. Sie setzt sich täglich fort – wie am Anfang. Und wir sind Gottes Mitarbeiter:innen. Viel kräftiger und mächtiger, als wir denken. Allein meine Gedanken erschaffen täglich Neues. Jeder Tag ist eine Gelegenheit, mein Leben zu verändern!

Von: Barbara Heyse-Schaefer