Kategorie: Texte

6. Januar

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Psalm 23,2–3

Es gibt Bilder, Lieder, Worte und Texte, die begleiten uns ein ganzes Leben. Psalm 23 ist für mich so ein Text. Bei den Worten werde ich an meine Kindheit erinnert. Schon meine Grossmutter betete mit mir diesen Psalm. Ich sehe sie vor mit, ihr Gesangbuch in Händen. Auf dem Buchdeckel stand «Der Herr ist mein Hirte». Sie hielt diese Worte förmlich fest und bewahrte sie.
In meiner Konfirmandenzeit musste ich diese Verse auswendig lernen. Damals dachte ich fast überhaupt nicht darüber nach. Altmodische Worte. Gar nicht meine Sprache. Irgendwie abgegriffen. Ich dachte zunächst: «Das merkst du dir nie!» Doch irgendwo hatte ich diese alten Worte abgespeichert. Als ich im Urlaub eine Schafherde sah, waren die Worte wieder präsent, und ich erinnerte mich an meine Konfirmandenzeit.
Im Psalm 23 steckt das pralle Leben. Der Psalm spricht von Festen, Feiern, grünen Auen, Tälern, frischem Wasser. Und am Ende des Lebens nimmt Gott uns an in seinem Haus. Was für ein Vertrauen, in das ich fallen darf! Das ermutigt mich. Denn unser Leben verläuft nicht immer geradlinig und ist kein Wunschkonzert. Wir brauchen da oft einen Hirten, der uns Orientierung gibt, jemanden, der uns hilft, am Montagmorgen motiviert und beschützt in die Woche zu blicken.

Von: Carsten Marx

5. Januar

Der HERR ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not
und kennt, die auf ihn trauen.
Nahum 1,7

Nahum, von dem unser heutiges Losungswort geschrieben wurde, kannte die Güte Gottes und er wusste wohl, dass Gott alles kann, nur nicht die enttäuschen, die ihm vertrauen. Nahum – sein Name bedeutet «Trost» oder «Mitgefühl» – und seine Botschaft waren für das Volk Israel sicherlich ein Trost. Trost ist eine Kraft zur Zeit der Not. Ich darf mich in das Vertrauen Gottes fallen lassen. Warum? Es geht hier um Werte, die in unserer Welt oft vergessen zu sein scheinen; ich meine Werte wie Liebe, Güte und Barmherzigkeit, die ein gutes Zusammenleben und Miteinander in der Gesellschaft ausmachen. Dazu gehören auch die Vergebung, das Verzeihen und Vertrauen. All das kann ich mit Geld nicht erwerben. Diese Werte werden mir geschenkt! Die Quelle für diese Geschenke ist mein Glaube an Gott und sein Wort. Wenn wir leben, was wir glauben, dann erleben wir, was wir glauben.
In früheren Jungscharzeiten der 1980er-Jahre lernte ich zu einem Spiritual den Text von Herbert Mausch kennen: «Immer auf Gott zu vertrauen, immer auf Gott zu vertrauen, immer auf Gott zu vertrauen, das ist der beste Weg.» Mit diesem Vertrauen fasse ich Mut, dann bleibt das Sinnlose nicht sinnlos, auch nicht mit den ersten Schritten im neuen Jahr.

Von: Carsten Marx

4. Januar

In deine Hände befehle ich meinen Geist;
du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.
Psalm 31,6

Da ist jemand in grosser Not, krank, schwach und ruft zu Gott, der Lebendigen. Der Glaube hat ihn nicht verlassen. Mehr noch, er stärkt ihn. Wenn ich den ganzen Psalm lese, spüre ich den starken Glauben und gleichzeitig die grosse Schwäche, die Not der Krankheit oder auch des Alters. Die Not der Krankheit kann ich nicht aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Das Alter ist für mich keine Belastung, oder nur selten. Aber ich kann mit dem Blick auf unsere Welt die Verunsicherung, die Angst, die Orientierungslosigkeit nachvollziehen. Der Psalmsänger klagt zwar, aber er verzweifelt nicht. Denn er vertraut Gott, der Lebendigen, und weiss, dass sie die Menschen immer wieder erlöst. Darum kann er sich ganz Gott, der Lebendigen, anvertrauen und sein ganzes Sein in ihre Hände legen. Ein paar Verse weiter sagt er, Gott stelle seine Füsse auf weiten Raum.
Das ist es, worauf ich vertraue: ein weiter Raum, in dem Gutes, Gerechtes, Friede möglich ist. Die Durststrecken sind schwierig für mich. Und so kann ich einfach nur mit dem Psalmsänger darum bitten, dass mir immer wieder neu Vertrauen geschenkt wird. Dazu gehört auch die Bitte um Vergebung. Diese wird im Psalm deutlich ausgesprochen.
Du treuer Gott, schenke uns Kraft und Vertrauen, denn in deinen Händen sind wir geborgen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Januar

Sollte Gott etwas sagen und nicht tun?
Sollte er etwas reden und nicht halten?
4. Mose 23,19

Bileam, der Seher, bringt Gottes Segensspruch zum Volk Israel. Und er sagt zu Barak die Worte der heutigen Losung. Doch vor dem Segensspruch hat er das Volk verflucht. Gerne würde ich einer vertrauenswürdigen Seherin begegnen. Bin ich auf mich selbst gestellt, um das Vertrauen in Gottes Handeln zu nähren? Bringe ich die Kraft auf, immer wieder neu daran zu glauben, dass in unserer Welt Gottes Segen wirksam ist? Gerade in unserer Welt, in der alles drunter und drüber geht, in der unser Vertrauen und Hoffen nottut, gerade da weiss ich mich verbunden mit all den Menschen rund um die eine bewohnte Erde, die dasselbe hoffen, die aus dem gleichen Vertrauen Kraft schöpfen. Die weltweite Kirche, so unsichtbar und unhörbar sie oft ist, sie ist es, die mich ermutigt. Aber sicher ist auch, dass ich mich frage, ob denn die Stimme Gottes, der Lebendigen, Gehör findet in all der Not, verursacht durch Kriege, Ungerechtigkeit und Abgrenzung. Die Lebendige sagt zu uns, dass wir festhalten sollen an unserem Glauben daran, dass Friede möglich ist. Sie sagt uns, dass wir unser Verhalten zugunsten des Klimas in den Griff bekommen sollen, sie sagt uns, dass wir ein offenes Herz und offene Ohren habe sollen für Menschen, die leiden. Das Wichtigste ist aber, dass wir immer wieder neu die Gewissheit stärken, dass Gott da ist und tut, was er uns sagt.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Januar

Menschenfurcht bringt zu Fall; wer sich aber
auf den HERRN verlässt, wird beschützt.
Sprüche 29,25

Gründe, sich vor Menschen zu fürchten, gibt es viele: im persönlichen Raum, wo Beziehungen entgleisen, im Beruf, wo Konkurrenz statt Vertrauen herrscht, in der Gesellschaft, die zunehmend die gemeinsamen Werte und Gesprächsgrundlagen verliert, in der Politik, die vor den kleinen und grossen Problemen immer wieder hilflos dasteht. Sich dieser Furcht zu überlassen, ist verheerend; sie bringt uns zu Fall. Psychologen kennen dieses Leiden und bieten Ratschläge und Hilfen an. Das kann klappen. Vielleicht klappt aber auch das Wissen, dass menschliche Realität nicht die absolute, letztgültige und umfassende Realität ist, auch wenn die direkte Erfahrung dadurch zunächst nicht verändert wird und als Ursache von Furcht bestehen bleibt.
Dennoch ist die Relativierung nicht falsch; sie kann den Tunnelblick aufbrechen, den gelähmten Atem befreien. Die Sprache und die Anschauungsformen des Glaubens machen ein Angebot zu dieser Relativierung. Da setzen wir «den Herrn» über alles, was Menschen zugänglich und –
im Guten und im Schlechten – möglich ist. Viele Sätze aus den Psalmen oder sonst aus der Bibel leihen uns die Sprache dazu, geben uns Zugang zu dem Schutz, der in der Losung genannt ist, zu «Resilienz», wie das heute etwa heissen mag.

Von: Andreas Marti

1. Januar

Sage nicht: «Ich bin zu jung», sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Jeremia 1,7

Jeremia sah in seinem jugendlichen Alter einen Grund, nicht zu predigen, nicht von Gott zu sprechen. Und wir? Zu jung vielleicht nicht, aber zu diskret, zu zurückhaltend, gebremst von der Scheu, zu persönlich oder gar übergriffig zu werden. Entsprechend ist Religion, jedenfalls die eigene, aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Die Kirche hat die gesellschaftlichen und kulturellen Eliten verloren. Es gehört zum guten Ton, ausgetreten zu sein – darüber wird dann durchaus offen gesprochen.
«Predigen», wie bei Jeremia, hilft nicht. Von Gott reden geht nur im Gespräch mit dem modernen Weltbild und seinen Vorstellungen von Universum, Wissenschaft und Mensch. Diesem Weltbild möchte ich kein geschlossenes Programm christlicher Überzeugung entgegenstellen. Vielmehr geht es um eine Art Entsprechung zwischen der immer stärker in Erscheinung tretenden Unabgeschlossenheit des wissenschaftlichen Weltbildes und der fundamentalen Offenheit des Gottesbegriffs.
Religion kann eine Möglichkeit sein für den Umgang mit dem grundsätzlich nicht Erkennbaren, «Gott» ein fassbares Wort für das Unfassbare, das in der jüdischen und christlichen Geschichte konkrete und oft paradoxe Formulierungen gefunden hat.

Von: Andreas Marti

31. Dezember

Dieser ist Gott, unser Gott für immer und ewig.
Er ist’s der uns führet.
Psalm 48,15

Wir stehen an der Schwelle zum neuen Jahr und haben vielleicht
bereits bilanziert, was in den letzten zwölf Monaten in
unserem Leben geschah und was wir daraus für 2025 folgern.
Auch wenn dieser Wechsel heute um Mitternacht nur ein
numerischer ist, so steht er doch für einen Übergang in eine
neue Zeitspanne, für die wir uns wohl alle erhoffen, dass sie
uns nicht weitere Ungewissheiten, Konflikte und Sorgen bringen
wird, sondern etwas mehr Freude, Hoffnung und Frieden.
Dieser Vers aus Psalm 48 macht uns darauf aufmerksam,
dass es beim Jahreswechsel nicht nur um das Hintersichlassen
und Vorausschauen geht, sondern auch um das Bleibende,
Tragende und Wegweisende in einer brüchig und
unsicher gewordenen Welt: um dieses «Immer-und-Ewige»
in unserem Leben. Wir, die wir uns mit den Fragen nach
unserem Glauben beschäftigen, suchen dieses nicht einfach
nur im äusserlich Bestehenden, sondern im unsichtbar
Beständigen, wovon die Gotteserfahrungen in der Bibel zeugen.
Sich von Gott führen zu lassen, bedeutet hier, sich dem
Ungewissen hinzugeben, auf das Kommende zu vertrauen
und an das Gute zu glauben. Mit diesem biblischen «Immerund-
Ewigen» im Rucksack fällt es vielleicht etwas leichter,
im Hier und Jetzt Verantwortung zu übernehmen für sich
selbst und seine Nächsten hin zu einer besseren Welt. Ein
gutes Neues Jahr!

Von: Esther Hürlimann

30. Dezember

Unser HERR ist gross und von grosser Kraft,
und unermesslich ist seine Weisheit.
Psalm 147,5

Ganz hinten im Psalmenbuch tummeln sich ein paar Gebete,
die Sie an Regentagen lesen müssen, wenn Himmel und
Gemüt umwölkt sind. Überschwänglich wird die Grösse
Gottes besungen, und voller Witz ist die Kritik an den Menschen,
die meinen, irgendetwas im Griff zu haben.
Im Allgemeinen bewegt sich die Stimmung in den Psalmen
ja sonst eher Richtung Tiefpunkt, aber gegen Ende wird
gelobt und gelacht, dass sich die Balken biegen.
So preist auch Psalm 147 Gott auf eine Art und Weise, dass
wir uns fragen, woher er diese Worte nimmt. Das Leben
zur Zeit, als viele Psalmen geschrieben wurden, war hart,
ständig bedroht und karg. Die grossartigen Versprechungen
und masslosen Gottesbeschreibungen sind aber weder leere
Worte noch billiger Trost.
In einer Zeit, in der Pflaster aller Art rasch zur Hand sind,
können wir uns schwer vorstellen, welch heilende, ermutigende
und tröstende Kraft der Glaube an einen Gott, der
weiss, was er tut und der die Dinge zum Guten wenden wird,
damals hatte. Wenn die Gemeinschaft laut den Gott pries,
der da ist, zugewandt und gegenwärtig, dann wurde die
Last, die jemand zu tragen hatte, leichter. Diese Eigenschaft
der lobenden Gemeinde trägt die Kirche bis zum heutigen
Tag. Und die alten Worte halten noch. Zum Teil sogar, was
sie versprachen.

Von: Heiner Schubert

29. Dezember

Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter
dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn
hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Matthäus 8,20

An Weihnachten finden Maria und Joseph keine Herberge.
Sie haben keine Bleibe auf ihrer Reise. Erst in einem Stall
findet das Paar Zuflucht, wo der Messias zur Welt kommt.
Kurze Zeit später ist die junge Familie auf der Flucht. Mit
Armut und Vertreibung beginnt das Leben Jesu.
Später will sich ein Schriftgelehrter dem Wanderprediger
anschliessen: «Meister, ich will dir folgen, wohin du auch
gehst.» (Matthäus 8,19) Jesus antwortet schroff: Ohne Preisgabe
der Sicherheit sei die Nachfolge nicht zu haben, nicht
einmal die Nacht bringe Ruhe und Schutz.
Keinen Ort zum Schlafen zu haben, nichts, um den Kopf
abzulegen, ist schrecklich: Der Schlaf ist unruhig und voller
Gefahren. Jesus erklärt eine prekäre Existenz zur Bedingung
der Nachfolge, der Hingabe an Gott und die Menschen.
Die Definition der Nachfolge klingt wie das spiegelverkehrte
Echo auf den Losungstext aus dem Alten Testament: «Der
Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für
die Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und
mein Gott.» (Psalm 84,4) Alle sind in Sicherheit und haben
ein Dach über dem Kopf. Nur der menschgewordene Gott
bleibt ohne Bleibe und der Welt schutzlos ausgeliefert.

Von: Felix Reich

28. Dezember

Wer sich des Armen erbarmt, der leiht dem HERRN,
und der wird ihm vergelten, was er Gutes getan hat.

Sprüche 19,17

Wir sprechen lieber von «Solidarität» und von «Partnerschaft
» als von «Barmherzigkeit». Ich bin den kirchlichen
Werken, die die Solidarität international pflegen, lange
genug verbunden, um das zu verstehen und zu begründen.
Ich übersehe aber auch nicht, dass wir uns damit neue
Fragen eingehandelt haben, zum Beispiel diese: Können wir
uns der Armen noch erbarmen, ohne von ihnen zu fordern,
dass sie – immer nach unseren Vorgaben – Projekte konzipieren,
umsetzen und dann darüber abrechnen?
Unser Losungswort eröffnet eine andere Perspektive. Es
geht von dem aus, was Jesus in seinem Gleichnis vom Weltgericht
ausdrücklich formuliert: Im Armen begegnen wir
Gott selbst. Und daraus zieht die Losung den überraschenden
Schluss: Wenn wir uns der Armen erbarmen, wenn wir
ihnen Zeit schenken oder Geld, ein Hemd oder ein Bett
zum Übernachten, dann tun wir das nicht «à fonds perdu».
Wir werden es nicht einfach weggegeben, losgelassen und
damit aufgegeben haben. Schmerzlichen Verzicht müssen
wir nicht üben.
Denn was wir den Armen gegeben haben, haben wir in
ihnen Gott selbst geliehen. Es ist bei Gott gut aufgehoben;
wir kommen nicht zu kurz. Grosszügig barmherziges Leben
ist in Gott «Leben in Fülle».

Von: Benedict Schubert