Kategorie: Texte

26. September

Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern,
und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen.
Psalm 40,9

Tun Sie gerne Gottes Willen? Vielleicht werden Sie antworten: Wenn ich immer wüsste, was Gottes Wille ist …
Manchmal weiss ich selbst nicht genau, was ich will, wenn mein Verstand und meine Gefühle im Widerspruch stehen. Herz über Kopf?! Nicht immer einfach!
Bisweilen sind formale Gesetze und wichtige Inhalte im Konflikt miteinander. Da kann auch eine österreichische Ministerin, ihrem Gewissen und diversen Gutachten folgend, gegen die Abmachungen mit dem Koalitionspartner für das EU-Renaturierungsgesetz stimmen und sich dadurch eine Amtsmissbrauchsklage durch den Koalitionspartner einhandeln. Die einen feiern die grüne Klimaministerin als Heldin, die andern fordern ihre Amtsenthebung wegen Verfassungsbruchs. Welcher «Wille», welches «Gebot» ist wichtiger, ist richtig?
Auch im Psalm 40 geht es um den Widerspruch von unterschiedlichem Verständnis von Gottes Willen. Da stehen einerseits diverse Opfervorschriften (Vers 7) und andererseits das «Gebot» zum öffentlichen Einstehen für Gerechtigkeit (Vers 10). Politische Äusserungen in sozialen Gewissensangelegenheiten, so verstehe ich es hier, sind Gott wichtiger als die Einhaltung von Kultvorschriften. Herz über Kopf! Gottes Wille in meinem Herzen.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. September

Als die Jünger Jesus sahen, warfen sie sich nieder;
einige aber zweifelten. Und Jesus trat zu ihnen
und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel
und auf Erden.
Matthäus 28,17–18

Vermutlich wäre ich eher
bei jenen gewesen,
die der Sache nicht so ganz
getraut haben.
Ich habe es gerne fundiert.
Auch die Aussage:
«Mir ist alle Macht gegeben
im Himmel und auf Erden»,
hätte ich skeptisch betrachtet.
Zu schlecht ist der Ruf
der Mächtigen aller Couleur.


Wie würde er mich überzeugen?
Oder besser, aktueller:
Wie überzeugt er mich?
Mit der Schlichtheit,
mit der er allen begegnet ist,
nicht als Mächtiger,
sondern mit Zuwendung
ohne Vorurteile, ohne Skepsis.
Darin ist er mir Vorbild,
darin liegt seine sanfte Macht.
Eben doch.

Von: Heidi Berner

24. September

Gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der HERR Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern. Jesaja 61,11

In unserem Garten wächst allerlei:
Kratzdisteln, Hexenkraut, Löwenzahn,
Rainkohl, Storchenschnabel,
Nelkenwurz, Jungfer im Grünen,
Pfennigkraut, Hahnenfuss, Bocksbart
und jede Menge roter Mohn.
Die Samen dieser Gewächse,
sie sind offensichtlich überall,
gehen auf und machen meinem Gemüse
den Platz streitig. Gleichzeitig
erfreuen sie mich in ihrer Vielfalt.


Auch die Samen für Gerechtigkeit sind da,
mitten unter uns, überall.
Hoffen wir, der Wind verteilt sie –
wie die wunderhübschen Fallschirmchen
von Bocksbart und Löwenzahn.
Lassen wir die Saat aufgehen!
Geben wir ihr den Raum,
den sie braucht, den sie – vielleicht –
unserem Eigennutz streitig macht.
Schenken wir ihr fruchtbaren Boden.
Zum Ruhm der Menschheit.

Von: Heidi Berner

23. September

Der HERR lässt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Psalm 98,2

Ach ja, der Herr macht seine Gerechtigkeit bekannt und kein Mensch hört hin. Das alte Lied! Wie fantastisch das doch ist. Und es wird noch besser, wenn es zum Schluss des Psalms heisst, Gott komme als Richter. «Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.» Wir zucken beim Wort Gericht zusammen. Für den Beter ist es eine grossartige Aussicht. Irgendwann wird die Unordnung ein Ende haben. Jede Ungerechtigkeit wird geahndet,
jedes Unrecht gesühnt, jedes Unheil geheilt und alle Zerstrittenen werden versöhnt. Wenn es doch nur wahr würde!
Ob wir mehr bekommen als nur den Konjunktiv?
Ich wäre für einen Optativ. Der Begriff leitet sich vom Verb optare ab, was «wünschen» bedeutet. Ein Optativ drückt Wunschsätze aus. Sich darauf verlassen, dass es wahr wird, verlässt sich auf Gottes Möglichkeit und wünscht sich sehnlichst die Erfüllung. So zu beten, ist für den Psalmisten weder irreal noch irrational. Denn Gott ist (in seiner Vorstellungswelt) der König der Welt. An ihn zu glauben – allein mit der Gewissheit des Herzens, manchmal schwankend und manchmal hinkend –, schafft Vertrauen, macht hoffend, bewirkt Liebe. Haben wir nicht etwas mehr Power? Ein gutes Argument?
Nein, mehr haben wir nicht, aber es ist genug, um ein neues Lied zu singen!

Von: Ralph Kunz

22. September

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt. 1. Petrus 3,9

Es ist so elementar und so einleuchtend und es wäre bitternötig, dass einige es beherzigen und tun, was sie hören. Nicht zurückschlagen, wenn sie geschlagen werden, nicht zurückfluchen, wenn sie verflucht werden. Und es ist so verflucht schwer! Ich meine, Hand aufs Herz, wenn so ein Super-Ego meint, es habe das Recht, andere kleinzumachen, ist es dann nicht unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass dem Grossen die Luft ausgeht und der Kleine wieder Luft bekommt? Weder Jesus noch seine Nachfolger waren Fantasten. Im Unterschied zu uns lebten sie unter Kolonialherren – als Menschen zweiter Klasse. Der Verzicht auf Vergeltung hat vor diesem Hintergrund noch einmal einen anderen Klang. Es geht nicht um die heroische Tat oder darum, klein beizugeben, sondern darum, Frieden zu stiften und den Teufelskreis der Gewalt zu unterbrechen. Der Appell richtet sich an alle Menschen, aber ganz besonders an Christenmenschen. «Weil ihr dazu berufen seid!» Für den Autor, der sich Petrus nennt, ist es wichtig, seine Leser daran zu erinnern. Sie stehen in den Fussstapfen Israels, sie sind Hüterinnen und Hüter eines heiligen Vorgängers, der den längeren Atem hat als die Aufgeblasenen der Welt …
Auf dass die Friedensstifter den Segen erben!

Von: Ralph Kunz

21. September

Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht; aber wenn das Herz bekümmert ist, entfällt auch der Mut. Sprüche 15,13

Wenn ich am Hauptbahnhof in Zürich oder an einem anderen Bahnhof stehe, schaue ich gerne den Menschen zu. Dann habe ich oft den Eindruck, nur bekümmerte Gesichter zu sehen. Automatisch frage ich mich dann, ob ich auch ein bekümmertes Gesicht mache. Wie viel schöner ist es doch, mit einem fröhlichen Gesicht Kraft auszustrahlen. Oder liege ich falsch? Denn ich muss sofort aufpassen, nicht zu werten. Ich kann ja nicht in die Herzen der Menschen schauen. Das ist gut so. Und so weiss ich auch nicht, ob es stimmt, dass der Mut entfällt, wenn das Herz bekümmert ist. Es könnte ja auch sein, dass genau dann der Mut zum Widerstand wächst. Ich denke, dass all die verschiedenen Befindlichkeiten und ihre Ausdrucksformen aufgehoben sind bei Gott, der Lebendigen. Sie wertet nicht, sie ist einfach da. Und sie schenkt Kraft für das Leben, denn darum geht es doch, dass Leben als Ganzheit gemeint ist. An mir ist es, in die Gesichter der Menschen zu schauen und sie wahrzunehmen als ganze Menschen, je mit ihrer besonderen Würde. Und diese Würde muss geschützt werden, hier bei uns und dort, wo sie besonders beschädigt wird. Das braucht Mut, darum bitte ich.
Schenke uns die Kraft, hinzuschauen und für die Menschen, die uns brauchen, einzustehen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. September

Gott breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers. Er macht den Grossen Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens. Hiob 9,8–9

Auf meiner letzten Dienstreise nach Bolivien habe ich tatsächlich das Kreuz des Südens gesehen. Daran erinnert mich der heutige Text. Der Anblick des Himmels und seiner Sterne, die Sternbilder, die Milchstrasse, der Mond und die Sonne berühren mich und lassen mich staunen.
Hiob erinnert mit dem heutigen Text an die Schöpferkraft Gottes. Für ihn ist klar, dass Gottes Wirken wunderbar ist. Und diesem Wirken haben die Menschen nichts entgegenzusetzen, auch dann nicht, wenn Gott die Welt erschüttert. Kann ich mit beidem leben, mit dem Wunderbaren des Sternenhimmels und mit den Erschütterungen? Eigentlich will ich doch die Erschütterungen zwar annehmen, aber immer auch tatkräftig daran arbeiten, dass Heilung entstehen kann.
Und noch etwas bedenke ich: Das Wunderbare an Gottes Schöpfung macht mich demütig. Wie klein bin ich doch. Und die Erschütterungen, die ich immer wieder annehmen muss, machen auch demütig. Demütig sein heisst nicht passiv sein. Vielmehr ist Demut ein Anerkennen der Kraft Gottes, des Gottes des Lebens, damit wir selber Kraft haben.
Danke für deine Kraft.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. September

HERR, geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht;
denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.
Psalm 143,2

Lange Listen werden geliefert, wenn es um hundert Dinge geht, die jemand vor dem Tod gewagt, gelernt, gebaut oder gewonnen haben will. Da strotzt es vor Ehrgeiz und oft vor Egoismus. Die Hälfte ist Angeberei, der Rest langweilig.
Ich finde es viel wichtiger, mir mindestens hundert Dinge zu vergegenwärtigen, die ich nicht erleben will. Zugegeben, auch diese Liste wird gegen Schluss illusorisch, denn ich habe viel Fantasie. Aber sehr weit vorn steht da, dass ich hoffe, in diesem Leben niemals vor Gericht erscheinen zu müssen. Nicht als Angeklagte, nicht als Klägerin, nicht als Zeugin, nicht als Angehörige, gar nicht. Hier sei Missverständnissen vorgebeugt: In einem demokratisch-freien Land bin ich überzeugt, dass Richterinnen und Richter nach Gerechtigkeit fragen und streben, dass verhängte Strafen nicht die Menschenrechte verletzen.
Der Psalmist arbeitet bereits an einer dritten Liste. Er ist schon an den hundert Dingen, die er von Gott erhofft. Dafür brauchen alle Demut als Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, Ehrlichkeit, Hoffnung für die Welt, auch wenn es gerade keine guten Gründe gibt, Vorstellungen von Frieden gegen den Augenschein und das feste Vertrauen, dass Gnade und Recht bei Gott zusammengehören.
Genau das gehört auf die erste Liste, zu den hundert Dingen, die ich erleben möchte, ehe ich sterbe.

Von: Dörte Gebhard

18. September

Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und
ein Zepter aus Israel aufkommen.
4. Mose 24,17

Eine Wolke von Zimtduft umgibt die erste Vershälfte. Sie steht bei mir auf einer Postkarte mit vielen Glitzersternchen.
Ist denn schon Weihnachten? Erst in 99 Tagen! Aber die Chöre proben schon längst für das Fest.
Es ging lange, bis es für diesen Bibelvers Weihnachten wurde. Die Israeliten waren noch in der Wüste unterwegs. Balak, der Moabiterkönig, hatte Angst vor der nächsten Schlacht gegen sie. Da buchte er, als Heide, einen teuren Zauberer, der die Feinde verfluchen sollte. Da er einen echten Experten auf diesem Gebiet brauchte, scheute er weder Kosten noch Mühe und liess eine international bekannte Kapazität holen, die sich freilich lange zierte.
Wir kennen sie aus der Sonntagsschule: Es war Bileam, der von seiner Eselin gezeigt bekam, wo es nicht langgeht. Bileam war zum Verfluchen gebucht, aber zum Segnen berufen, weil und wie es Gott vorsah. Bileam sah am Horizont der künftigen Geschichte einen Stern aufgehen, ganz von Weitem. Er konnte noch nicht erkennen, mit wie viel Liebe Gott zur Welt kommen würde. Obwohl er am eigenen Leib erfahren hatte, dass er segnen musste und gar nicht verfluchen konnte. Bileam sah Terror und Tod kommen, Kampf und Krieg, denn nichts anderes kannte er. Aber Gott liess es in Frieden Weihnachten werden. Auch wenn wir manchmal leise fluchen wollen: alle Jahre wieder. Was für ein Segen!

Von: Dörte Gebhard

17. September

Gott hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt. Apostelgeschichte 14,17

Der Vers klingt für mich ein wenig nach: Jetzt hat euch Gott so viel gegeben, und was macht ihr damit? Seid doch dankbar bitte! Merkt doch endlich, was Gott euch allen gegeben hat.
Wie sieht das denn heute auf unserer Erde aus? Sind da noch viele, die sich dankbar an Gott wenden und einfach einmal Merci sagen? Neulich war ich im Zug nach Basel von Interlaken herkommend. Vor mir im Abteil waren drei rund siebzigjährige Menschen, und sie beschwerten sich über alles. Die heutigen Eltern sind unmöglich, diese Bundesrätin ist ungeheuerlich, diese Jungen sind unbrauchbar. Da blieb nichts Gutes in der Luft hängen.
Ich fand das sehr schade und wäre beinahe rüber gegangen und hätte Folgendes gesagt: «Ehm … sorry kurz, ich höre Ihnen nun schon eine Weile zu, und es ist für mich fast nicht erträglich. Alles in Ihrem Leben scheint schrecklich zu sein und nichts ist wirklich froh machend. Haben Sie sich schon einmal überlegt, in welch wunderbarem demokratischen Land wir hier leben? In was für einem Paradies in Sachen Arbeit und Freizeit und Familienformen? Haben Sie noch nie einfach Freude in Ihrem Herzen verspürt? Einfach so, weil es die grosse Schöpferkraft einfach gut mit uns meint?»

Von: Markus Bürki