Kategorie: Texte

13. November

Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und
die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
1. Samuel 2,4

Wer gewalttätig den Bogen überspannt, wird ihn früher oder
später zerbrechen. Das gilt im Kampf, im Sport und in der
Religion. So ist der zerbrochene Bogen ein Bild für den Zorn
Gottes über die Macht der Gewalttätigen. Keine menschliche
Stärke kann sich mit Gott messen. Anmassung wird
zerstört.
Stärke schenkt Gott den Schwachen, die Schutz und Hilfe
brauchen.
Das weiss Hanna, die ihren Sohn Samuel, den Nachfolger des
Priesters Eli, in ihren Armen hält. In ihrer Schwangerschaft
umgürtete Gott sie mit seiner Stärke und hielt sie schützend
umfangen. Hanna blickt zuversichtlich in die Zukunft. Sie
hat es erfahren: Sie und ihr Sohn sind aufgehoben in Gottes
liebevoller Umarmung.
Gott, schenke uns das Gottvertrauen und die Hoffnung
Hannas. Schütze das bedrohte Leben und umgürte es mit
deiner Stärke. Lass deinen Willen geschehen wie im Himmel
so auf Erden. So beginnt dein Reich mitten unter uns – dein
Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Amen

Von: Barbara und Martin Robra

12. November

Durch Stillesein und Vertrauen
würdet ihr stark sein.
Jesaja 30,15

«Ich bin stark!», sagt das Kind. «Ja, das bist du. Du hast
keine Angst. Du hast Vertrauen in die Welt und in dich. Das
ist gut so!»

Wir haben zu Hause einen grossen Gong. Er leuchtet wie die
Sonne am Himmel. Meist schwebt er beinahe bewegungslos
an einer Halterung vor der Wand. Doch hin und wieder gibt
es bei uns ein Gong-Gewitter. Bei sehr sanften Schlägen des
weichen Schlägels in einem bestimmten Rhythmus erschallt
zunächst ein sanfter, leiser Klang – wie ein Windhauch. Mit
weiteren Schlägen schwillt der Ton an, wird lauter und voller.
Dann plötzlich, wie eine Welle am Strand, überschlägt sich
der Klang des Gongs. Er tobt wie ein Wasserfall. Weiter gibt
der Schlägel den Rhythmus vor. Der Gong vibriert und zittert
vor Spannung und Energie … Lauter und immer lauter, kaum
auszuhalten wird das Gong-Gewitter – bis der Schlägel zur
Ruhe kommt.
Der ganze Raum, mein Ohr, mein ganzer Körper bebt. Die
Lautstärke schwillt langsam ab. Leiser und immer leiser wird
es im Raum, in mir. Ich höre auf den letzten leisesten Klang –
bis auch dieser vergeht.
Ich höre die Stille. In mir. In der Stille ist Gott. Das ist gut so!

Von: Barbara und Martin Robra

11. November

Die Israeliten werden umkehren und den HERRN, ihren
Gott, suchen, und werden mit Zittern zu dem HERRN
und seiner Gnade kommen in letzter Zeit.
Hosea 3,5

«… und den Herrn, ihren Gott, suchen. Und in fernen Tagen
werden sie zitternd zum Herrn kommen und zu seiner
Güte.» Die Zürcher Übersetzung lässt noch etwas deutlicher
diese schwache Spur einer positiven Entwicklung des
Volkes am Horizont erahnen. Vorher aber wird Israel (Hosea
meint das abgespaltene Nordreich, das 722 endgültig aus
der Geschichte getilgt wird) wegen seines Abfalls von Gott
und der Zuwendung zu anderen Göttern Schweres erleiden
müssen. In den folgenden Kapiteln werden die Gottesstrafen,
die über die Menschen kommen, präzis benannt
und in ihrer ganzen Heftigkeit beschrieben. In der Düsterkeit
seiner Reden an das Volk hat es ein paar kleine «Wolkenlöcher
», durch die etwas Himmelsblau wenigstens kurz zu
sehen ist. Gott hat sein Volk nicht einfach ganz verlassen –
eine Rest-Hoffnung bleibt ihm. Und an die können sich die
Menschen klammern … In einer verdunkelten Welt haben
solche «Durchblicke auf Zukunft» eine sehr hohe Bedeutung.
Auch der ziemlich unbarmherzige Prophet lässt ein
Stück Hoffnung zu. Er zeigt aber ebenso deutlich, dass das
Volk gut daran tut, die Nähe Gottes intensiv zu suchen. Gott
lässt sich finden, auch wenn es manchmal anstrengend ist.
Das zu hören, ist wichtig, gerade in Zeiten wie jetzt: Auch da
leuchtet Gottes Gnade oft durch Wolkenlöcher.

Von: Hans Strub

10. November

Meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er
hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit
dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.
Jesaja 61,10

Ein Mensch, strahlend vor Freude und von Gott erfüllt,
wünscht, dass alle Menschen, die am Wiederaufbau des
zerstörten Jerusalem beteiligt sind, so empfinden und mit
dieser Gewissheit leben können: Gott verwandelt die Menschen,
die ihm folgen, und schenkt ihnen eine neue und
gute Zukunft. Das Kleid gibt mir neue Kraft, Zuversicht und
Mut («Heil»), der Mantel darüber macht mich zu einem
«Agenten der Gerechtigkeit», zu jemandem also, dem es
zentral wichtig ist, dass niemand mehr Unrecht ausgesetzt
ist, sondern in Würde, Ruhe und Frieden ein selbstverantwortetes
Leben leben kann. In geradezu poetischen Bildern
wird dem Volk, das sich neu finden muss, eine Verheissung
gegeben und ein Auftrag. Dieser ist im ersten Vers des vorangehenden
Kapitels formuliert: «Mache dich auf, werde licht!
Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist
aufgestrahlt über dir». (Vers 60,1) Die Verheissung wird in
Vers 61,11 nochmals deutlich gemacht: «So wird Gott, der
Herr, Gerechtigkeit spriessen lassen …». Verheissung und
Auftrag sind heute wieder sehr aktuell und herausfordernd:
Wir alle, die diesen Vers hören, bekommen im kleinen oder
im grossen eigenen Umfeld diese «Kleider des Heils» angezogen
– und werden dadurch zum Heil für andere.

Von: Hans Strub

9. November

Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten
seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Psalm 103,22

Der 103. Psalm ist einer der berühmtesten und berührendsten
biblischen Texte. Viele, vielleicht auch Sie, kennen
die ersten vier Verse auswendig. Falls nicht und Sie einen
Moment Zeit haben, lesen Sie sie nach. Sie sind von grosser
Schönheit und Tiefe.
Lange schon ist der Forschung aufgefallen, dass das Unservater
Motive aus diesen Versen aufnimmt – den heiligen
Namen, das Vergeben der Schuld, die Sättigung. Später im
Psalm kommen noch die Bilder von Gott als Vater (Vers 13)
und als Himmelskönig (Vers 19) hinzu.
Der «Vater im Himmel» ist zugleich nah wie ein Vater beziehungsweise
eine Mutter (im erwähnten Vers 13 ist vom «Erbarmen
» die Rede; das Wort im hebräischen Urtext ist verwandt
mit «Mutterschoss») und weltumspannender Pantokrator.
Entsprechend stehen in der heutigen Losung Weltall und
Seele parallel: Der ganze Kosmos erhebt seinen Lobgesang,
und auch mein Innerstes lobt Gott.
Wer weiss, vielleicht sind beide, Seele und Welt, gar nicht
voneinander getrennt, so wie auch Gottes intime Nähe und
kosmische Weite eins sind. Meister Eckhart sagt:
«Es ist eine Kraft in der Seele, die ist weiter als die ganze
Welt.»

Von: Andreas Fischer

8. November

Bist du neidisch, weil ich so grosszügig bin? So werden
die Letzten die Ersten sein.
Matthäus 20,15–16

Der heutige Lehrtext steht am Ende der Parabel Jesu von
den Arbeitern im Weinberg. Es lohnt sich, die Story wieder
einmal – möglichst unvoreingenommen – zu lesen. Dann,
scheint mir, zeigt sich: Die Güte des Gutsherrn hält sich in
engen Grenzen. Statt seine eigene Grosszügigkeit hervorzuheben
und den enttäuschten Taglöhnern vorzuwerfen,
dass sie neidisch seien, könnte er ihnen wenigstens erklären,
dass er im Moment nicht mehr übrighabe und in erster
Linie gewährleisten wolle, dass alle irgendwie durchkommen.
Stattdessen stösst er die armen Arbeiter vor den Kopf – und
mit ihnen irgendwie auch uns.
An diesem Punkt, wo man ratlos stehenbleibt, hilft die
grossartige Auslegung der Parabel durch den Schweizer
Theologen Leonhard Ragaz (1868–1945) weiter: In unserem
menschlichen Bewusstsein, sagt Ragaz sinngemäss, ist die
Vorstellung tief eingeprägt, dass ich einen Anspruch auf den
von mir erworbenen Besitz habe. Diese Vorstellung mag in
dieser Welt ihr relatives Recht haben.
Die Parabel aber zeigt, dass vor Gott eine andere Wirklichkeit
gilt: Der einzige Gutsbesitzer im Himmel und auf Erden
ist Gott. Wir Menschenkinder sind allesamt Taglöhner, die
ihren täglichen Denar empfangen. Wir alle empfangen –
unverfügbar, frei von Verdienst – unser Leben sola gratia,
allein aus Gnade, Atemzug für Atemzug als Geschenk.

Von: Andreas Fischer

7. November

Hilf uns, HERR, unser Gott;
denn wir verlassen uns auf dich.
2. Chronik 14,10

Was für eine Ansage!
Der Chronist betrachtet die Zeit der Könige Judas ab Salomon
und gibt seine persönlichen Bewertungen ab.
Es sei ihm gegönnt!
Angesichts von Politik- und Regierungshandeln in allen
Gesellschaften ist der Ausruf, den wir hier vor Augen haben,
nur zu verständlich. Auch in den Beziehungen zwischen
gleichen oder verschiedenen Geschlechtern kommt uns
dieser Ausruf wohl das eine oder andere Mal in den Sinn.
Ich frage mich allerdings, was macht denn Verlässlichkeit
in meinen Augen eigentlich aus? Es ist doch meine Erfahrung
mit anderen Menschen in sehr unterschiedlichen Situationen.
Die Erfahrung, dass Wort und Tat übereinstimmen. Die
Erfahrung, dass Loyalität bedingungslos gewährt wird. Die
Erfahrung, dass Kritik mit Liebe und Verständnis geübt wird.
Sich auf jemanden verlassen ist eine Mischung aus Erfahrung
und Gefühl. Alle, die in einer Partnerschaft leben, wissen
nur zu gut darum.
So ist es auch mit der grossen Politik: Erfahrung und Gefühl!
Hier wie dort muss sich die Verlässlichkeit täglich neu
beweisen und erntet Vertrauen und Sicherheit.
Und so kann dann dieser Vers auch leicht abgewandelt
werden: «Du darfst dich auf mich verlassen, aber leben und
deinen Weg gehen musst du schon selbständig!»

Von: Rolf Bielefeld

6. November

Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.
Psalm 84,5

In einem Haus (Wohnung) wohnen ist nicht unbedingt
mehr eine Selbstverständlichkeit für alle. Das war wohl in
der Zeit des Psalmisten nicht anders, auch wenn er hier im
wesentlichen Gott loben will.
Es ist also keine Erkenntnis der Neuzeit, dass eine Wohnung
zu haben, die Grundlage für ein sicheres und zufriedenes
Leben ist. Dies zu sagen, angesichts von millionenfacher
Flucht und Vertreibung, von sich häufenden Wetterkatastrophen
als Folge des Klimawandels, ist schon eine tapfere Ansage.
All die Umstände, die dazu führen, dass Menschen ihr
Zuhause verlieren oder erst gar keines finden, sind ebenfalls
von Menschen gemacht.
Na prima – dann wollen wir jetzt mal alle in tiefe Depression
verfallen und darauf hoffen, dass es irgendjemand schon
richten wird!
In Ordnung – das machen wir jetzt ganz bestimmt nicht.
Wir sehen all die Initiativen von ungezählten Menschen, die
sich gegen diese Entwicklungen stellen. Die die Ursachen
und ihre Verursacher bekämpfen und sich dabei ihrer eigenen
Menschlichkeit und Verletzlichkeit bewusst sind. Und es
sind so viele Glaubende dabei, die in ihrem Handeln unseren
Gott loben. Manchmal halten sie auch inne, tanken neue
Energie und sind sehr dankbar, dass sie in ihr sicheres Haus
zurückkehren können.

Von: Rolf Bielefeld

5. November

Ich will das steinerne Herz wegnehmen aus
ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben,
damit sie in meinen Geboten wandeln und meine
Ordnungen halten und danach tun.
Hesekiel 11,19–20

Die Geschichte von Ezechiel gehört in die Zeit, als Jerusalem
von den Babyloniern erobert und zerstört wurde. Schon
zehn Jahre vorher war eine Gruppe von Juden nach Babylon
deportiert worden. Sie hatten einen brutalen Krieg hinter
sich, gewaltsam erzwungene Auswanderung, Gefangenschaft,
Verlust der Heimat. Neuere Forschung kommt zum
Schluss, das Ezechielbuch sei als «Trauma-Literatur» zu verstehen.
Die Texte versuchen, die seelischen Verwundungen
zu bewältigen, von denen ein ganzes Volk betroffen war.
Abschnitte wie das Losungswort drücken die Hoffnung aus,
dass es Heilung gibt im «Herz», im Zentrum von Denken
und Fühlen. Wo nach einem seelischen Trauma die Gedanken
von den Gefühlen abgeschnitten waren, soll es wieder
eine Verbindung geben (ein einiges Herz). Neue Lebensenergie
soll gefunden werden (neue Geistkraft). Wo das Denken
starr und schematisch war (ein Herz aus Stein), soll es wieder
lebendig, beweglich und zum Mitgefühl fähig werden (ein
Herz aus Fleisch). «Ich werde ihnen ein einiges Herz geben.
Und neue Geistkraft werde ich in ihre Mitte geben. Ich werde
das Herz aus Stein aus ihrem Fleisch entfernen. Und ich
werde ihnen ein Herz aus Fleisch geben.»

Von: Andreas Egli

4. November

Höret, alle Völker! Merk auf, Erde und alles,
was darinnen ist! Gott der HERR tritt gegen
euch als Zeuge auf.
Micha 1,2

Was ein Zeuge ist, sagt das lateinische Wort testis bzw. ter-stis:
Ein Dritter steht dabei, während sich zwei Parteien in einer
Auseinandersetzung befinden. Ohne Zeugen würde sich einfach
der Stärkere durchsetzen. Wenn ein Dritter zuschaut,
kann er später vor Gericht eine Aussage machen. So wird
der Schuldige zur Verantwortung gezogen, und der Schwächere
kommt zu seinem Recht. Der Losungsvers gehört zur
Überschrift des Michabuchs. Was in den Prophetenworten
dokumentiert ist, hat sich nicht in einem rechtsfreien Raum
abgespielt. Sondern Gott ist der Dritte, der alles beobachtet
hat und für Gerechtigkeit sorgt. Zur Zeit des Propheten
Micha wurde die Oberschicht in der Stadt Jerusalem reich
und wollte mehr Grundbesitz ansammeln. Die Landbevölkerung
in den umliegenden Dörfern geriet in Schulden und
musste ihren Boden verkaufen. Micha, der selbst aus einem
Dorf stammte, legte den Finger auf dieses soziale Unrecht. In
späteren Jahrhunderten ging es um politische Spannungen
in einem grösseren Massstab. Nun befand sich das kleine
Land Israel in der unterlegenen Position, es stand den Grossmächten
Assur und Babylon gegenüber. Aber auch da gab es
einen Zeugen. – In welchen heutigen Situationen braucht es
Dritte, die den Mut haben, hinzuschauen?

Von: Andreas Egli