Kategorie: Texte

2. Dezember

Jesus spricht: Wer zu mir kommt und hört meine
Rede und tut sie – ich will euch zeigen, wem er gleicht.
Er gleicht einem Menschen, der ein Haus baute und
grub tief und legte den Grund auf Fels.
Lukas 6,47–48

Manchmal merkt man es erst, wenn man eine Weile darin
wohnt: Es stimmt nicht, wie es ist. Das hätte man anders
machen müssen. Bei uns zum Beispiel ist in einem Zimmer
der Lichtschalter nicht am richtigen Ort. Auch noch nach
Jahren greift meine Hand ins Leere. Ausgerechnet dann,
wenn es dunkel ist, finde ich den Lichtschalter nicht.
Wie muss es einem erst ergehen, wenn man merkt, dass das
Haus nicht sicher steht. Dass man sich beim Planen und
Bauen zeit seines Lebens geirrt hat. Dass zwar oben alles
schön aussieht, es unten aber zu wanken beginnt.
Wie muss es einem erst ergehen, wenn man denkt, man
habe auf Felsen gebaut. Zeit seines Lebens an Gott geglaubt.
Wenn nun aber trotzdem die Erde bebt und Hochwasser
sämtliche Mauern einreisst, kein Stein mehr auf dem andern
bleibt. Wenn Verletzungen, Schuld und Scham das eigene
Leben überschwemmen. Wenn Liebe stirbt. Und nichts
mehr bleibt.
Eine Zeitlang greift die Seele ins Leere. Doch sie weiss, dass
der Fels da ist. Auch nach banger Zeit im Dunkel führt mich
das Licht in mir zum Licht.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. Dezember

O dass mein Leben deine Gebote
mit ganzem Ernst hielte.
Psalm 119,5

Haben Sie heute schon etwas vor? Nein? Dann würde ich
Ihnen empfehlen, den Psalm 119 in seiner ganzen Länge zu
lesen. Dieser Psalm scheint nämlich nie zu Ende zu gehen. Er
ist der längste von allen mit seinen 176 Versen.
Sind Sie heute schon völlig ausgebucht? Ja? Dann würde ich
Ihnen empfehlen, den Psalm 119 in seiner ganzen Länge zu
lesen. Heisst es doch im allerletzten Vers: «Ich irre umher
wie ein verlorenes Schaf.»
Mit Lesen meine ich Beten. Das Reden mit Gott geht nie
zu Ende. Mein Glaube sucht Sprache im Schweigen. Meine
Hoffnung sucht Raum im Hören. Mein Leben sucht Sinn.
Sinn im Wort. Im Wort, das mich hält, damit ich es halte.
Hundertsechsundsiebzig Verse. Was würde sich wohl in
meinem Leben verändern, wenn ich jeden Morgen diesen
Psalm beten würde. Wenn ich mich jeden Tag laut sagen
hören könnte, dass Gottes Wort meines Fusses Leuchte ist
und ein Licht auf meinem Weg. Wenn ich immer wieder
bei Vers 37 kurz ins Stocken käme: «Halte meine Augen
davon ab, nach Nichtigem zu schauen, schenke mir Leben
auf deinen Wegen.»
Psalm 119 jeden Morgen. Einen Versuch ist es mir wert.

Von: Ruth Näf Bernhard

30. November

Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all
deiner Kraft.
5. Mose 6,5

Der Mensch könne nicht leben «ohne ein dauerhaftes
Vertrauen in etwas Unzerstörbares», schreibt Franz Kafka
in seinen Zürauer Aphorismen. Allerdings bleibe dieses
Unzerstörbare dem Menschen immer verborgen. «Eine der
Ausdrucksmöglichkeiten dieses Verborgenbleibens ist der
Glaube an einen persönlichen Gott.»
Gott kann im Gebet zum Gegenüber werden und bleibt
dennoch verborgen. Sich ihm anzuvertrauen, ihn zu lieben,
benötigt manchmal tatsächlich alle Kraft. Gebete scheinen
ungehört zu verhallen: der Schrei nach Gerechtigkeit,
das Gebet für den Frieden, der Ruf nach Freiheit. Die Welt
scheint in Flammen zu stehen und der Hass sich auszubreiten,
wie ein Gift. Das Gute, die Hoffnung bleiben verborgen.
Unzerstörbar wirken sie allerdings nicht.
Und dennoch zeigt sich der verborgene Gott: in der Liebe,
im Guten, in allem, was dem Leben dient. Gott lieb zu haben
«von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft»,
bedeutet, die Liebe selbst zu lieben: «Wer nicht liebt, hat
Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.» (1. Johannes 4,8)
Gott erscheint, wenn Menschen für die Freiheit aufstehen,
wo Knechtschaft herrscht, das Wort ergreifen, wo lähmendes
Schweigen herrscht, Versöhnung leben, wo Hass vergiftet.

Von: Felix Reich

29. November

Jesus spricht: Wenn ihr meine Gebote haltet,
bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters
Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe.
Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude
in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Johannes 15,10–11

Jesus spricht von «meinen Geboten». Was meint er? Hat er
eigene? Jenseits der Thora? In meinem Konfspruch spricht
Jesus von einem «neuen» Gebot (Johannes 13,34): «Ein neues
Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander so liebt, wie
ich euch geliebt habe.» Jesus spricht auch von den Geboten
seines Vaters. Er akzentuiert die Perspektive. Die Liebe ist
Voraussetzung und Ziel der Gebote. Die Gebote sind nicht
Selbstzweck, sondern dienen der Liebe.


Einverstanden. Die Liebe ist Voraussetzung und Ziel der
Gebote. Aber was ist die Liebe genau? Mir fällt es schwer,
dieses so oft gebrauchte Wort kommentarlos stehen zu lassen.
Ist die Liebe ein Gefühl? Ist die Liebe eine Entscheidung?
In einem Gedicht von Reiner Kunze, das mich seit ein paar
Jahren begleitet, ist die Liebe Sehnsucht:
Du weisst zur Stunde ihn an fernem Ort.
Mit dem Verstand begreifst du seine Ferne.
Es liegen zwischen dir und ihm ein Himmel Sonne
und ein Himmel Sterne.
Und doch trittst du ans Fenster – immerfort.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

28. November

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi
und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
1. Korinther 4,1

Paulus meint mit «uns» sich selbst. Dieses «uns» deutet
aber auch auf alle Christ:innen hin. Wer sich als Christ versteht,
zielt nicht darauf ab, anderen zu zeigen, was er oder
sie geleistet hat. Ob mich jemand für reich oder arm hält, ob
ich einen prestigeträchtigen Beruf habe, ob ich eine Vorzeigekarriere
gemacht habe oder ob ich arbeitslos bin – all das
ist nicht relevant. Wichtig ist, dass ich Christus diene; also
das lebe, was er mir vorgelebt hat: meinen Nächsten lieben
wie mich selbst, meine Feinde lieben, Frieden stiften. Wir
kennen das, wir wissen, wie ein Leben als Diener:in Christi
aussehen sollte. Etwas anderes ist es allerdings, dieses Leben
auch so zu leben.
Mit Gottes Geheimnissen sollen wir haushälterisch
umgehen. Das geht nur, wenn uns wenigstens einige dieser
Geheimnisse offenbar geworden sind. Es handelt sich
um geistige Wahrheiten, die nicht einfach zu erkennen sind.
Es braucht Geduld, Offenheit und die Auseinandersetzung
mit der guten Nachricht. Um den Geheimnissen Gottes auf
die Spur zu kommen, muss ich also ein wenig forschen, zum
Beispiel indem ich biblische Aussagen auf mich wirken lasse
und mir überlege, was sie für mich bedeuten. Erzwingen
kann ich aber die Offenbarung dieser Geheimnisse nicht.
Um die Forderungen von Paulus zu erfüllen, braucht es
wohl die Offenheit für Geheimnisse und die Zuversicht, die
ich dadurch ausstrahle.

Von: Monika Britt

27. November

Uns, HERR, wirst du Frieden schaffen; denn auch alles,
was wir ausrichten, das hast du für uns getan.
Jesaja 26,12

Die Sehnsucht nach Frieden ist gross! Doch da ist so viel
Kriegsgeschrei und Waffengeklirr, die Macht der Herrschenden
will erhalten bleiben, die Gewinne der Rüstungsindustrie
ebenso, die Pazifisten machen sich lächerlich …
Ich lese voll zweifelnder Hoffnung eine Erklärung aus Südafrika:
«Es ist nicht wahr, dass Gewalt und Hass das letzte
Wort behalten und dass Krieg und Zerstörung gekommen
sind, um für immer zu bleiben. Es ist nicht wahr, dass wir
Unmenschlichkeit und Diskriminierung akzeptieren müssen,
Hunger und Armut, Tod und Zerstörung. Es ist nicht
wahr, dass unsere Träume von Gerechtigkeit, von Menschenwürde,
von Frieden nicht für diese Erde und ihre Geschichte
gedacht sind.»
Was kann ich für den Frieden tun? Demonstrieren? Schreiben?
Predigen? Mein Geld nicht in Waffenproduktion anlegen?
Auf Gott hoffen? Im Kleinen anfangen?
Eine Freundin erzählt mir, sie habe sich vorgenommen in
nächster Zeit in ihrem Umfeld Frieden zu schaffen. Ich frage,
wie sie das macht. Sie habe etwa ihren Sohn nach einem
Streit angerufen und die Sache ausdiskutiert. Klingt einfach.
Ich habe auch schon öfter im Streit zu vermitteln versucht.
War gar nicht einfach, so zwischen den Fronten.
Einen Versuch ist es allemal wert!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. November

Fürwahr, du bist ein verborgener Gott,
du Gott Israels, der Heiland.
Jesaja 45,15

Wo komme ich her? Warum bin ich auf der Welt? Warum
lebe ich an diesem Ort, mit diesen Eltern? Fragen, die sich alle
Menschen irgendwann stellen, besonders in der Pubertät und
in Zeiten der Krise. Als Mutter einer Pflegetochter weiss ich,
dass sich für Adoptivkinder diese Fragen besonders dringlich
stellen. Unsere Identität ist auch abhängig von den Menschen,
die uns in die Welt setzten. Doch: Selbst wenn ich meine Eltern
nicht kenne, heisst das nicht, dass es sie nicht gibt.
Wer in Gedanken noch tiefer geht, fragt nach dem Ursprung
des Lebens. Kann Gott zugleich verborgen und die Quelle,
der Retter meines Lebens sein? Natürlich, denke ich, kann
Gott unsichtbar helfend in unser Leben eingreifen. Doch wir
Menschen wollen mehr, mehr von Gott begreifen, erfahren.
Jesaja erzählt von seinen Erfahrungen mit Gott, obwohl er
ihn gleichzeitig als verborgen bezeichnet. Für ihn ist Gott
zum Retter geworden, weil er sein Volk aus dem Exil in Babylon
befreit hat. Er ist beides zugleich: ein verborgener Gott
und ein Heiland. Nicht sichtbar – und doch wirksam.
In Anlehnung an George MacLeod, den Gründer der Iona
Community, nenne ich es das «unsichtbare Sehen», das nur
mit den Augen des Glaubens möglich ist. Ganz schön wunderlich,
erstaunlich, ungewöhnlich – wunderbar!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. November

Paulus schreibt: Brüder und Schwestern, ihr seid
zur Freiheit berufen! Aber benutzt eure Freiheit nicht
als einen Vorwand, um eurer menschlichen Natur
zu folgen. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe.

Galater 5,13

Wir sind zur Freiheit berufen –
im Leben gilt Multiple Choice.
Wir haben vielerlei Wahl:
Hinsehen oder wegsehen?
Nur für uns selber gucken
oder auch an andere denken?
Helfen oder sich helfen lassen?
Alles selber machen wollen
oder anderen etwas zutrauen?
Verstummen oder es wagen,
die Gefühle wahrzunehmen,
in Worte zu fassen, zu beten?
Viele Wege stehen uns offen,
aber sicher nicht alle!
Wir sind gebunden in der Familie,
im Beruf, in der Gemeinschaft,
sorgen füreinander,
sind abhängig von anderen,
angewiesen auf ihre Zuwendung.
Darum ist unsere Freiheit beschränkt.
Und das ist gut so.

Von: Heidi Berner

24. November

Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit
habe ich dich beschwert? Das sage mir!
Micha 6,3

Manchmal ist es unverständlich,
wie die Leute, ja ganze Völker, ticken.
Wie viele hereinfallen auf billige Phrasen,
wie sie jenen alles nachplappern,
die ihnen Sündenböcke präsentieren,
ihnen suggerieren, immer die anderen
seien schuld an allem, was nicht gut ist.
Beispiele gibt es doch genug,
was herauskommt, wenn behauptet wird,
es gäbe nur Schwarz und Weiss,
egal ob rechts oder links.
Mir ist bange, wenn ich sehe,
wie an allen Ecken der Welt
Leute an die Macht kommen
oder kommen könnten,
die solchen Populismus pflegen.
Weshalb sind die Menschen so blind,
sehen die Konsequenzen nicht?
Wie bekommen wir endlich
mündige Bürgerinnen und Bürger?
Wie werde und bleibe ich wachsam
und kritisch gegen simple Parolen,
menschenfreundlich und zugewandt?
Das sage mir!

Von: Heidi Berner

23. November

Nicht werde jemand unter dir gefunden,
der Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste
oder Zauberei treibt. Denn wer das tut,
der ist dem HERRN ein Gräuel.
5. Mose 18,10.12

Wenn es im Gesetz des Moses heisst, etwas ist «dem Herrn
ein Gräuel», gilt es ernst. In der Losung ist die Rede von okkulten
Praktiken. Die Warnung ist überdeutlich! «Lass die Finger
davon – es ist gefährlich.» Warum diese Dringlichkeit? Es geht
um das erste Gebot. Dort heisst es ebenso apodiktisch: «Du
sollst neben mir keine anderen Götter haben.» (Exodus 20,3)
Wer sich in den geheimen Künsten versucht, bindet sich an
andere Mächte. Er oder sie traut Gott nicht über den Weg,
glaubt nicht an die Güte des Schöpfers und verlässt sich auf
ein Wissen, das Macht verspricht. Wer Magie treibt, macht
sich die unsichtbaren Mächte dienstbar, benutzt sie durch
Beherrschung – sei es um Gutes (weisse Magie) oder Böses
(schwarze Magie) zu bewirken. Oder wird von Mächten
benutzt und beherrscht. Es gilt die Warnung des Dichters, der
uns das Bild des hilflosen Zauberlehrlings geschenkt hat: «Die
ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.» Und ich denke an
die neuen Hexenmeister, die meinen, sie könnten die künstliche
Intelligenz beherrschen. Steckt hinter dem Künstlichen
am Ende die alte Kunst? Und werden wir die Geister noch
los, die wir schon gerufen haben? Eines weiss ich: Aberglauben
macht nicht frei – gleichgültig, ob er auf geheime oder
auf technische Magie setzt. Beides ist dem Herrn ein Gräuel.

Von: Ralph Kunz